zu diesem Verbote . « » Kann ein jedes Mitglied sich das andere Mitglied wählen , welches es beschützen will ? « » Nein . Er hat seine Wünsche zu melden , und es wird ihnen , wenn es möglich ist , Rechnung getragen . Aber wenn einem Jeden die Wahl seines Schützlings freistünde , so würde es bald sehr viele Personen geben , welche zahlreiche Beschützer haben , und ebenso viele , die gar keinen Schutzengel besitzen . Jemand , den man liebt , zu beschützen , ist kein Verdienst . Aber der Engel eines Verhaßten oder gar Verachteten zu sein , das ist ein schwerer , steiler Weg zur edlen , wahren Menschlichkeit empor . « » Und kennt man öffentlich den Beschützer und seinen Beschützten ? « » Nein . Das ist Geheimnis . Nicht einmal der Beschützte kennt seinen Beschützer . « » Auch später nicht ? « » Doch ! Nämlich nach dessen Tod . Beide werden eingeschrieben . Und jeder Beschützer trägt den Namen seines Schützlings auf der Innenseite des Sternes auf seiner Brust . Löst man nach seinem Tod diesen Stern vom Gewande los , so sieht man , wessen Engel er gewesen ist . « » Well ! Das soll man auch bei mir sehen ! « » Bei dir ? « fragte sein Bruder erstaunt . » Ja , bei mir ! « antwortete Hariman in sehr bestimmtem Tone . Da lachte Sebulon auf und fragte : » Bist du etwa auch ein Winnetou , nämlich ein verkappter ? « » Nein , aber ich will einer werden ! « » Laß dich nicht auslachen ! Meinst du , daß man dich , grad dich , als ersten Weißen zulassen würde ? « » Nein . Das bilde ich mir nicht ein . Aber ich werde trotzdem und trotzdem ein Winnetou sein . Die Sache gefällt mir ; sie gefällt mir sogar außerordentlich . Ich will sie zu der meinigen machen . Und da es mir unmöglich ist , ein roter Winnetou zu werden , so werde ich ein weißer ! « » Auf welche Weise ? « » Auf die einfachste Weise , die es gibt : Ich gründe einen Clan für weiße Winnetous . « » Wann ? « » Heut , hier , jetzt , sogleich ! « » Verrückter Kerl . « Er machte bei diesem Ausrufe eine geringschätzende , wegwerfende Handbewegung . Hariman aber ließ sich nicht irre machen . Er sagte : » Lach , wie du willst ! Und spotte darüber ! Ich tue es doch ! Ich muß , ich muß ! Und du wirst wohl auch noch müssen ! « » Ich ? Müssen ? Fällt mir nicht ein ! « » Ob es dir einfällt oder nicht , ist Nebensache . Mir ist es auch nicht eingefallen . Es kommt , ohne daß man es will . Und wenn es da ist , hat man zu gehorchen . Also , ich gründe jetzt einen Clan Winnetou für Weiße . Ob ich das erste und einzige Mitglied dieses Clans bin und bleibe , darauf kommt in diesem Augenblicke nichts an . Und ob ich mich damit lächerlich mache , ist mir gleichgültig . Ich wünsche aber , daß wenigstens noch Einer beitritt , und dieser Eine bist du , Sebulon ! « » Darauf rechne nicht , ja nicht ! « antwortete dieser . » Ich rechne dennoch darauf , dennoch , und du wirst sehen , daß du mußt - daß du mußt ! Mrs. Burton , Ihr seid eine Dame , und darum vermute ich , Ihr habt Nähzeug mit ? « » Allerdings , « antwortete das Herzle . » Ich bitte um eine Nähnadel und um einen Faden guten , schwarzen Zwirn ! Auch um eine Schere ! « » Das sollt Ihr haben , « sagte sie und ging nach dem Zelte , um das Gewünschte zu holen . » Und Ihr , Mr. Burton , seid Schriftsteller , « wendete er sich an mich . » Ihr habt also wahrscheinlich Tinte und Feder , sogar hier , so tief im Westen ? « » Ein Reiseschreibzeug ist da , « erklärte ich . » So bitte , gebt mir eine Feder und einige Tropfen Tinte ! Papier habe ich selbst . « » Meine Frau wird Beides mitbringen . « » Was willst du mit Tinte und Feder ? « fragte Sebulon . » Den Namen der Person aufschreiben , die ich beschützen will . « » Wahnsinn , wirklich Wahnsinn ! Darf ich nicht wenigstens wissen , wer diese Person ist ? « » Nein ! Kein Mensch soll es wissen ! Du am allerwenigsten ! « Nachdem das Herzle die gewünschten Gegenstände gebracht hatte , schnitt Hariman aus dem Fell des heut verzehrten Hasen einen kleinen , zwölfstrahligen Stern heraus , von dem er mit Hilfe seines scharfen Messers die Haare schabte . Dann schnitt er sich ein Stückchen Papier zurecht und schrieb , es auf sein Knie legend , in langsamen , sorgfältigen Zügen den betreffenden Namen darauf . Hierauf bezeichnete er die betreffende Stelle auf der Brust seines Rockes , zog ihn aus und schickte sich an , den Stern dort festzunähen . Sebulon folgte jeder dieser seiner Bewegungen mit mehr als gespannten Blicken . Auf seinem Gesicht wechselte der Ausdruck des Spottes mit dem eines tiefen , ängstlichen Interesses . Hariman hatte kein Geschick zum Nähen . Schon nach den ersten Stichen trennte er sie wieder auf . Das wiederholte sich . Er wurde ungeduldig . » Es ist , als ob es nicht sein sollte ; ich tue es aber doch ! « zürnte er . Da fragte meine Frau : » Wollt Ihr nicht mir erlauben , den Stern festzunähen ? Ich bringe das wohl leichter und schneller fertig . « » Wolltet Ihr wirklich , Mrs. Burton ? Wie lieb Ihr seid , wie lieb ! Ja , da habt Ihr den Rock , den Stern , das zusammengeschlagene Papier , welches unter den Stern zu liegen kommt , die Schere , die Nadel und Alles ! Aber bitte , schlagt das Papier ja nicht etwa auf , um es zu lesen ! « Sie legte das Papier an die bezeichnete Stelle des Rockes , den Stern darauf und begann , die Arbeit in sehr sorgfältiger Weise auszuführen . Zwölf Strahlen erforderten viele , viele Stiche . » So große Mühe hätte ich mir nun freilich nicht gegeben ! « gestand Hariman . Und nach einer Weile fügte er , wie zu sich selbst sprechend , hinzu : » Es ist doch eigentümlich , ganz , ganz eigentümlich mit dieser Sache ! Als ich den Namen schrieb , war es mir , als unterschriebe ich mein Todesurteil . Und doch war es mir so leicht und so wohl dabei ! « Auch Sebulon paßte auf . Er verwandte fast keinen Blick von meiner Frau . Aber seine Aufmerksamkeit hing mehr an ihrem Gesicht als an ihrer arbeitenden Hand . Zuweilen schloß er die Augen , als ob ihm etwas darin wehe tue . Und - - was war denn das ? - - ich sah einen Tropfen von seiner Stirn rinnen , und noch einen und wieder einen ! Schwitzte er ? Seine Hände zuckten nach dem Hasenfelle . Er schien nicht zu wollen , ergriff es aber doch . Dann nahm er die Schere und schnitt , ganz wie vorhin sein Bruder , einen zwölfstrahligen Stern daraus . Das geschah so zögernd , so widerwillig , fast wie im Traume . Dann schabte er die Haare herunter , schob dem Herzle den Stern zagend hin und ersuchte sie : » Bitte , Mrs. Burton , mir dann auch ! « » Annähen ? « fragte sie . » Annähen , « nickte er . » Mit einem Papier ? « » Ja , mit einem Papier und dem Namen . Den schreibe ich jetzt . « » Also doch ! Habe ich es nicht gesagt ? « rief Hariman aus . » Schweig ! « fuhr sein Bruder ihn an . » Ich tue es nicht , weil du es wolltest , sondern weil ich es will ! Ich kann auch beschützen ! Verstanden ? « » Aber wen ? « fragte Hariman . » Das ist mein Geheimnis ! Hast du mir etwa den von dir geschriebenen Namen gesagt ? So erfährst also auch du den nicht , den ich schreiben werde ! « Er griff zu Feder und Papier und schrieb . Es handelte sich nur um einen kurzen Namen , also um eine Arbeit von wenigen Silben ; aber er brachte doch längere Zeit damit zu . Er unterbrach sich mehrere Male . Er holte tief , tief Atem . Endlich war er fertig , ließ die Schrift trocken werden , legte das Papierchen dann mehrfach zusammen und schob es dem Herzle hin . Was die Brüder da taten , das war eigentlich ganz und gar nichts Außergewöhnliches . Wohl Mancher an meiner Stelle hätte es als Kinderei , als Spielerei bezeichnet . Und doch wäre es mir vollständig unmöglich gewesen , darüber zu lächeln . Ich hatte das Gefühl , als ob dabei ein innerer Zwang vorhanden sei , dem weder der Eine noch der Andere widerstehen konnte . Als das Herzle mit der Arbeit fertig war , zogen die Brüder ihre Röcke wieder an . Sie betrachteten einander , erst ernst , fast feindselig , dann freundlicher und immer freundlicher . Endlich lachte Hariman ; Sebulon aber lächelte nur . » Weißt du nun , was du bist ? « fragte der Erstere . » Ein Winnetou , « antwortete der Letztere . » Ja . Aber weißt du auch , was das bedeutet ? « » Daß ich der Engel eines Andern bin , den ich zu beschützen habe . « » O , nicht nur das ! Das meine ich überhaupt gar nicht , denn das versteht sich ganz von selbst . Sondern du führst jetzt den Namen dessen , den wir gehaßt haben , wie man eigentlich keinen Menschen haßt , sondern nur Bestien und Teufel ! « » Du doch ebenso ! « » Freilich wohl ! Aber hast du dir überlegt , daß es nun mit diesem Haß zu Ende ist ? Zu Ende sein muß - muß ? « » Nichts , gar nichts habe ich mir überlegt ! « brauste Sebulon auf . » Ich tue das , was ich will ! Das Ueberlegen bringt nur fremden Willen . Ich bin ein Winnetou geworden , und - - - « » Nein , Ihr seid keiner geworden , « fiel der » junge Adler « ein . Es war das erste Mal , daß er freiwillig zu Sebulon sprach . » Nicht ? « fragte dieser . » Fehlt etwa noch Etwas daran ? « » Ja . « » Was ? « » Der Schwur . « » Der Schwur ? Man hat zu schwören ? Etwas zu beeiden ? Was ? « » Daß man seiner Schutzengelpflicht getreu sein will bis in den Tod . Die roten Männer brauchen keinen Schwur . Bei ihnen genügt der Handschlag , denn er ist ihnen ebenso heilig wie der Eid . « » Uns auch ! « rief Hariman . » Ja , uns auch ! « rief Sebulon . » So steht auf ! « gebot er ihnen . Sie taten es . Auch er erhob sich von seinem Sitze . In diesem Augenblicke warf Pappermann ein großes , harziges Holzstück in das Feuer . Die Flamme loderte auf . Sie züngelte nach allen Richtungen . Da schien sich der Wald mit geistergleichen Wesen zu beleben . Die nächtlichen Schatten der Bäume und Sträucher bewegten sich . Sie huschten hin und her . Sie sprangen empor und sanken zu Boden . » Reicht euch die Hände ! « befahl der junge Indianer . Sie gehorchten . Da trat er ganz zu ihnen heran , legte seine Hand auf die ihrigen und forderte sie auf : » Sprecht mir die Worte nach : Unsern Schützlingen treu bis in den Tod ! « » Unsern Schützlingen treu bis in den Tod ! « erklang es vereint aus ihrem Munde . » Dieses Wort ist unser Schwur ! Sprecht das nach ! « » Dieses Wort ist unser Schwur ! « fügten sie hinzu . » So ! Nun erst könnt ihr behaupten , Winnetou geworden zu sein . Denn nicht der Stern tut es , sondern der Wille . Und diesen Willen habt ihr kund gegeben . Des bin ich Zeuge . Gebt auch mir , dem Zeugen , eure Hände ! « » Hier ist die meine , « sagte Hariman , indem er sie ihm gab . » Und hier die meine , « sprach Sebulon . Der junge Apatsche ergriff beide , die eine mit seiner Rechten , die andere mit seiner Linken und fragte : » Seid ihr euch der Wichtigkeit dieses Augenblicks bewußt ? « Keiner antwortete . Da fuhr er fort : » Was ihr nicht wißt , weiß Manitou , und was ihr nicht könnt , kann er . Wer Andere beschützt , beschützt sich selbst . Indem ihr euch vorgenommen habt , die Engel eurer Schützlinge zu sein , sind in Wirklichkeit sie eure Engel geworden . Bleibt euch und ihnen treu ! Das ist der einzige Dank , den sie von euch verlangen ! « - - - Fünftes Kapitel Am Deklil-to Ich hatte den nächsten Tag dazu bestimmt , einen Ueberblick über die ausgegrabenen Skripturen zu gewinnen , sah mich aber leider in der Hoffnung , dies tun zu können , getäuscht . Wir saßen noch beim Morgenkaffee , da tauchte am südlichen Rande der Lichtung die Gestalt eines Indianers unter den Bäumen hervor und kam auf uns zu . Es war der Winnetou von gestern abend . Er wendete sich nur an den » jungen Adler « . Uns Anderen schien er mit keinem Blicke zu berühren . Er sprach seine Muttersprache , nicht englisch . » Es kommen Reiter , « meldete er . » Woher ? « fragte unser junger Freund . » Zwischen Nordwest und West . « » Wie viele ? « » Eine große Schar . Man konnte sie nicht zählen . Sie waren noch zu weit entfernt . « » So komm wieder , sobald es möglich ist , ihre Zahl zu bestimmen ! « Der Winnetou entfernte sich , kehrte aber schon nach vielleicht zehn Minuten zurück und berichtete : » Es sind Reiter und Reiterinnen . Zwanzig Männer und viermal zehn Squaws , mit vielem Gepäck auf Maultieren hinterher . « » Wie weit entfernt von hier ? « fragte der » junge Adler « . » Sie werden in einer Viertelstunde den Nugget-tsil erreichen . « » Sie mögen kommen . Man beobachte sie , aber ohne sich von ihnen sehen zu lassen . Es sind die Squaws der Sioux , die nach dem Mount Winnetou wollen . Wer die Männer sind , das weiß ich jetzt noch nicht . Wir reiten von hier nach dem Deklil-to . Ich glaube nicht , daß ich deiner Hilfe noch einmal bedarf . « Hierauf entfernte sich der Winnetou , ohne eine einzige Silbe , die nicht von seiner Pflicht geboten war , auszusprechen . Das war Disziplin ! Als unser alter , guter Pappermann erfuhr , wen wir hier bei uns zu erwarten hatten , kam er in eine Aufregung , die er zwar verbergen wollte , aber nicht verbergen konnte . Die Gebrüder Enters fühlten sich unsicher . Sie fragten , ob sie sich vielleicht zurückziehen sollten . » Ihr gehört jetzt zu uns , und ihr bleibt bei uns , « antwortete ich . » Wie ich eigentlich heiße , ist zu verschweigen . « Damit war diese Sache abgemacht . Ich sah mit meinem Herzle den Nahenden mit großem Interesse entgegen , obgleich ich es bedauerte , auf die Durchsicht der Manuskripte nun verzichten zu müssen . Es verging eine Viertelstunde nach der andern . Diese Leute nahmen sich Zeit . Endlich , nach über einer Stunde , hörten wir schon von weitem den Lärm , den sie machten . Sie kamen zu Fuß . Die Pferde waren wegen der steilen Stellen , die es gab , unten am Berg gelassen worden . Wir wurden bemerkt , noch ehe sie unter den Bäumen hervorgetreten waren . Das schlossen wir aus dem Umstande , daß die lauten Stimmen jetzt plötzlich verstummten . Hierauf sahen wir einen sehr langen und sehr hageren Menschen erscheinen , der sich in einem sonderbar hochbeinigen , schlingernden Gang auf uns zu bewegte . Er war nicht indianisch gekleidet , sondern er trug einen sehr eleganten Yankeeanzug mit einem sehr weißen und sehr hohen Kragen und ebenso weißen , glänzenden Manschetten . An seiner Brust prahlte eine große , echte Nadelperle , und an seinen Fingern glänzten verschiedene Diamanten nebst andern Edelsteinen . Aber seine Hände waren groß , sehr groß , seine Füße ebenso , und seine Nase - - o , diese Nase ! Die konnte nur von einer riesennasigen indianischen Mutter und einem noch riesennasigeren armenischen Vater stammen und war dann an ihren beiden Seiten derart abgeschliffen worden , daß sich nur die dünne Scheidewand erhalten hatte . Zu dieser Nase erschienen die wimperlosen , zudringlichen Aeuglein viel zu klein . Das Gesicht war schmal . Der Kopf glich einem Vogelkopfe , aber dieser Vogel war ganz gewiß kein kühner Adler , sondern nur ein monstreschnabeliger Pfefferfresser . Also dieser Mann kam auf uns zugeschlingert , blieb vor uns stehen , ohne zu grüßen , betrachtete uns , Einen nach dem Andern , wie leblose Gegenstände oder wie völlig wertlose Personen , die sich das gefallen lassen müssen , und fragte dann : » Wer seid ihr ? « Seine Stimme klang scharf und spitz . Leute mit solchen Stimmen pflegen gefühl- und rücksichtslos zu sein . Er erhielt nicht sogleich eine Antwort , darum wiederholte er seine Frage : » Wer seid ihr ? Ich muß das wissen ! « Mir und dem Herzle fiel es nicht ein , ihm Rede zu stehen , dem » jungen Adler « noch viel weniger . Die beiden Enters hatten Grund , sich nicht hervorzutun , und so war es schließlich Pappermann , welcher das Wort ergriff : » Ihr müßt das wissen ? Ihr müßt ? Ah , wirklich ? Wer zwingt Euch dazu ? « » Zwingt ? « fragte der Mann erstaunt . » Von einem Zwange ist keine Rede . Ich will ! « » Ah , Ihr wollt ! Das ist freilich etwas Anderes ! Nun , so wollt einmal ! Bin neugierig , wie weit Ihr es mit diesem Eurem Willen bringt ! « » Genau so weit , wie ich eben will ! Wenn es Euch etwa beliebt , mir mit Albernheiten zu antworten , so haben wir die Mittel in den Händen , Euch zu zwingen , ernst zu sein ! « Wir Andern alle saßen . Nur Pappermann hatte gestanden , als der Fremde kam . Er schritt jetzt langsam auf ihn zu , stellte sich gewichtig vor ihm auf und fragte : » Zwingen ? Uns zwingen ? Etwa Ihr ? Den Mann , der das sagt , muß ich mir doch einmal genauer betrachten ! « Er faßte ihn bei den Armen , drehte ihn nach rechts , nach links , schließlich ganz um sich herum , schüttelte ihn , daß alle Knochen wackelten , und sagte dann : » Hm ! Sonderbar ! Bin doch sonst nicht so dumm ! Aber aus diesem Kerl werde ich mir nicht klug . Ihr seid kein Ganzindianer , sondern nur ein halber ? Ist das richtig ? « Der Gefragte wollte aufbrausen , anstatt willig und direkt zu antworten , da aber schüttelte der alte Westmann ihn zum zweiten Male und warnte : » Halt ! Keine Grobheiten oder gar Beleidigungen ! Die vertrage ich nicht ! Wer hierher kommt und uns , ohne zu grüßen , zwingen will , uns aushorchen zu lassen , wie es ihm beliebt , der ist erstens ein ungezogener Mensch und zweitens ein Schafskopf sondergleichen . Hier ist unser Lagerplatz . Nach den Gesetzen der Prairie gehört er uns , bis wir ihn verlassen . Wir waren eher da als Ihr . Wir sind hier daheim . Wer unser Heim betritt , der hat höflichst zu grüßen und sich auszuweisen , wer er ist und was er will . Verstanden ? Und nun sagt mir vor allen Dingen erst einmal Euern Namen ! Aber schnell ! Ich scherze nicht ! Sondern ich pflege solche Vögel , wie Ihr seid , sehr schnell richtig pfeifen zu lehren ! « Er hielt ihn noch an beiden Armen fest , so fest , daß der Fremde das Gesicht vor Schmerz verzog und kleinlaut antwortete : » So laßt doch wenigstens los ! Mein Name ist Okih-tschin-tscha . Bei den Bleichgesichtern heiße ich Antonius Paper ! « » Antonius Paper und Okih-tschin-tscha ? Schön ! Aber ein Ganzindianer seid Ihr nicht ? « » Nein . « » Sondern nur ein halber , ein Mischling ? « » Ja . « » Eure Mutter war Indianerin ? « » Ja . « » Von welchem Stamme ? « » Sioux . « » Und Euer Vater ? « » Der kam aus dem gelobten Lande herüber und war von Geburt Armenier . « » Schade , jammerschade ! « » Wieso ? « » Es tut mir so leid um das gelobte Land , daß es sich die Ehre , Euch geboren zu haben , hat entschlüpfen lassen ! Die Armenier sind , wenn sie herüberkommen , immer Händler . Ihr wohl auch ? « » Ich bin Bankier ! « erwiderte der Fremde stolz . » Nun aber laßt mich los ! Und sagt auch , wer Ihr seid ! « » Das soll geschehen . Ich bin ein alter , wohlbekannter Prairieläufer und heiße Pappermann , Maksch Pappermann , verstanden ? Nebenbei ist es mein ganz besonderes Metier , grobe Leute höflich und dumme Menschen gescheit zu machen . Ihr seid nicht allein ? Eure Begleiter stecken noch da drüben unter den Bäumen ? « » Ja . « » Es sind Frauen dabei ? « » Ja . « » Siouxfrauen , die nach dem Mount Winnetou wollen ? « » Ja . Woher wißt Ihr das ? « » Das ist meine Sache , nicht Eure . Wer sind die Männer dabei ? « » Das sind die Herren vom Komitee mit ihrer Dienerschaft und den Führern . « » Was für ein Komitee ? « » Das Komitee für den Denkmalbau eines - - - « Er hielt inne . Es fiel ihm ein , daß Weiße als Mitwisser ja eigentlich ausgeschlossen seien . Darum fuhr er fort : » Fragt sie selbst ! Ich bin nicht ermächtigt , über die Zwecke dieses Komitees Auskunft zu erteilen ! Und laßt mich nun doch endlich los ! « Da schüttelte Pappermann ihn noch einmal tüchtig durch , gab ihn dann frei und sagte : » So kehrt zu ihnen zurück , und sagt ihnen meinen Namen ! Besonders den Damen ! Es sind einige dabei , die mir beistimmen werden , daß man hier zu grüßen hat ! « Herr Antonius Paper schlingerte wieder über die Lichtung hinüber , bis er unter den Bäumen verschwand . Sein Indianername Okih-tschin-tscha bedeutet in der Siouxsprache so viel wie » Mädchen « . Er schien sich also schon von Jugend auf durch männliche Taten und männliche Eigenschaften nicht allzusehr ausgezeichnet zu haben . Er war der Kassierer des » Denkmalkomitees für Winnetou « . Man wird sich erinnern , daß grad er und sein Verhältnis zu Old Surehand mir gleich von Anfang an als nicht vertrauenswert erschien . Nun ich ihn heut zum ersten Male sah , war der Eindruck , den er auf mich machte , kein günstiger . Das Herzle dachte ebenso . » Ein Mischling ! « sagte sie . » Du bist doch immer der Meinung , daß diese Halbblutleute meist nur die schlimmen Eigenschaften ihrer Eltern erben ? « » Ja , meist . Aber schau ! Man kommt ! « Kaum hatte der Halbindianer da drüben den Namen Pappermann genannt , so hörten wir den frohen Ruf einer weiblichen Stimme , und gleich darauf erschienen zwei Frauengestalten , die mit eiligen Schritten über die Lichtung herüberkamen . Die Eine war Aschta , die wir am Kanubisee gesehen hatten , die Andere wahrscheinlich ihre Mutter . Die übrigen Ladies folgten ihnen auf dem Fuße , hinter ihnen die Männer in langsameren , würdigeren Schritten . Wir standen alle auf . » Mir wird ganz schwach ! « sagte Pappermann . Er lehnte sich an den nächsten Baum . Aber seine alten , guten , treuen , ehrlichen Augen standen weit offen und waren mit seligem Ausdruck auf die beiden , sich nähernden Frauen gerichtet . Man sah sofort , daß diese Beiden Mutter und Tochter waren , so sprechend ähnlich , so fast völlig gleich zeigten sie sich nicht nur in Beziehung auf ihre Gesichtszüge , sondern auch in Hinsicht auf ihren Gang , ihre Haltung und die Art , sich zu bewegen und sich auszudrücken . Dazu kam , daß sie völlig gleich gekleidet waren . Die vierzig Indianerinnen stimmten in ihren Anzügen überhaupt alle überein . Auch trugen sie alle den Stern des Clan Winnetou . Aschta hießen beide . Sie kamen Hand in Hand . Die Mutter war beinahe fünfzig Jahre alt , aber immer noch schön , und zwar von jener Schönheit , an welcher die Seele nicht weniger Anteil hat als der Körper . » Da ist er ! « sagte die Tochter , indem sie auf Pappermann zeigte . » Und dort steht der junge Adler , von dem ich dir auch erzählte . « Aber die Mutter achtete jetzt nicht auf den Letzteren , sondern nur auf den Ersteren . Sie gab die Hand ihrer Tochter frei , blieb einen Augenblick stehen , ließ ihren Blick über ihn gleiten und sagte : » Ja , er ist es , der Liebe , der Gute , der Bescheidene ! « Sie trat bis ganz zu ihm heran , ergriff seine Hände , hob ihre schönen , dunkeln aber klaren Augen zu seinem Gesichte empor und fragte : » Warum kamt Ihr nicht ? Warum seid Ihr uns ausgewichen , immer und immerfort ? Es ist grausam , den Dank der Herzen , die es ehrlich meinen , abzulehnen . Bitte , gebt mir Eure Stirne ; ja , gebt sie mir ! « Er bog den Kopf nieder . Sie hob die Hände , zog ihn näher und küßte ihn auf die Stirne und auf die beiden Wangen . Da konnte er sich nicht länger halten . Er brach in ein lautes Schluchzen aus , drehte sich um und entfernte sich mit eiligen Schritten , in den Wald hinein . » Hier wird geküßt ! « hörte man eine scharfe , spitze Stimme erklingen . Das war der Halbindianer , der bei den andern Männern hinter den Frauen stand . Aller Augen richteten sich auf ihn . » Welch ein Wort , « rief Aschta , die Tochter , aus . » Er soll es büßen ! « Sie hob drohend den Arm und eilte zornig auf ihn zu . » Aschta ! « erklang da die Stimme der Mutter . » Berühre ihn nicht ! Er ist schmutzig ! « Die Tochter hemmte ihren Schritt und ging zur Mutter . Diese nahm sie wieder bei der Hand und sagte , so daß Alle es hörten : » Komm , wir gehen , den Andern , den Freund , den Retter zu suchen , denn er steht höher , tausendmal höher als Jener dort , der es wagt , über Dankbarkeit zu spotten ! « Beide entfernten sich in der Richtung , nach welcher Pappermann den Platz verlassen hatte . Ich war der Meinung , daß hierauf zwischen uns und den Neuangekommenen ein kurzer Verlegenheitszustand eintreten werde , der unbedingt überwunden werden mußte , aber ich hatte mich geirrt . Mr. Antonius Paper oder vielmehr Mr. Okih-tschin-tscha schien eine dicke Haut zu besitzen , durch welche Strafreden , wie die soeben angehörte , nicht zu dringen vermochten . Er tat , als ob nicht das Geringste vorgefallen sei , und ergriff sofort wieder das große Wort , indem er sich an die bei ihm stehenden Gentleman wendete , die alle indianisch gekleidet waren , obgleich man ihnen ansah , daß sie nicht mehr der Prairie oder dem Urwalde angehörten : » Der Sprecher der hier lagernden Gesellschaft hat sich leider entfernt . Er kann uns also nicht sagen , wer die Andern , die Zurückgebliebenen sind . Wir werden es aber doch sofort erfahren . Ich sorge dafür ! « Er kam auf uns zu . » Der Unglückselige ! « sagte das Herzle . » Er wird doch nicht etwa mit Dir anbinden ? « » Er würde sofort wieder abgebunden sein ! « lachte ich vergnügt . Ihre Befürchtung erwies sich als begründet . Der Mann wendete sich an mich . Alle Welt schaute nach ihm und war auf seine Fragen und meine Antworten gespannt . » Mr. Pappermann hat es für gut gehalten , sich zurückzuziehen , « begann er ; » ich frage also nun Euch . Wie ist Euer Name ? « » Ich heiße Burton , « antwortete ich . » Und die Lady da neben Euch ? « » Ist meine Frau