Fletschend und schnappend hinkte er auf mich los . Ich aber hatte wieder einen Stein aufgehoben und traf so wuchtig die Schnauze , daß er umfiel und nicht mehr jappte . Nun wandte ich mich dem toten Menschen zu . Der bildete eine unförmige Masse von zernagten Gliedern . Ich zog Gewänder und Stiefel ab und reinigte sie im Wasser . Die Kleidung war von fürnehmer Art. Zum Trocknen breitete ich sie in die Morgensonne . Besonders willkommen waren mir die Waffen des Toten , ein Karbiner , auch Munition , ein Pistol und ein Stoßdegen , dazu ein Beutel mit einer ansehnlichen Summe Geldes . Schließlich kam mir noch der Federhut zustatten . Bald hatte ich meine geringe Kleidung mit der neuen Montur vertauscht . Nachdem ich die Schärpe mit dem Degen umgehängt , Karbiner und Pistol geladen hatte , war ich bemüht , das entlaufene Roß des Toten auszuspähen und verfolgte eine Stunde lang die Stapfen , so kreuz und quer in der Gegend gingen . Auf einmal waren sie tief in den Boden gestampft und führten schnurgerade aus . Weil nun dabei auch Wolfsspuren waren , so zog ich den Schluß , die Raubtiere würden das Pferd gänzlich verjagt haben . Das war nun freilich ein großer Verlust , nachdem ich schon gehofft hatte , durch Aneignung des Pferdes den Kahn einzuholen , der mein Weib entführte . Mit Zähneknirschen gestund ich mir , daß ich zu Fuße dem Zetteritz nicht zu folgen vermöchte ; mutlos warf ich mich ins Gras . Nur das eine Ziel gab es jetzo für mich : die verlorene Eheliebste wieder zu gewinnen . Es fiel mir bei , daß Zetteritz zu Thekla die Äußerung getan : » Weibsröcke führen wir halt nicht ; da muß Sie schon warten , bis wir in Güstrow sind « . Hieraus entnahm ich , daß Zetteritz nach der Stadt Güstrow wolle ; beschloß also unverzüglich dorthin aufzubrechen und mir baldigst ein Reisepferd anzuschaffen . Aus meinem Magdeburger Schulunterricht wußte ich , daß Güstrow gen Mitternacht in Mechelnburg gelegen . Wanderte also längs der Elbe , so daß die Morgensonne meine rechte Wange beschien . Mittag war ' s , als mir ein breiter Fluß in die Quere kam , der in die Elbe mündete . Von einem Fährmann , der hier hausete , vernahm ich , es sei die Havel . Um Geld erhielt ich Wegzehrung und ließ mich übersetzen . Im Dorfe drüben gingen mir die Leute scheu aus dem Wege . Doch mein freundlicher Zuruf lockte einen Bauernknecht herbei , und auf meine Frage nach einem Pferd erhielt ich von ihm den Bescheid , seines Vaters Bruder habe ein herrenlos Soldatenroß in seinem Stall geborgen ; das werde käuflich zu haben sein . Der Bauer , zu dem wir gingen , wollte anfangs nichts von einem eingefangenen Rosse wissen , ward aber gefügig , sobald ich aus meinem Geldbeutel eine gute Summe herfürholte . Nachdem das Tier gut gefüttert , auch mit Zaum und Sattelzeug versehen war , schwang ich mich hoffnungsvoll hinauf und trabte auf die Stadt Pritzwalk los , die ich noch vor Abend erreichte . Wiewohl zum Umfallen erschöpft , begnügte ich mich mit kurzer Rast und legte noch etliche Meilen zurück , bis ich bei Nacht zu einem Städtlein gelangte , an einem großen See gelegen . Hier pochte ich einen Wirt heraus , ließ mein Pferd einstellen , aß und trank , legte mich und schlief wie ein Stein . In sonniger Maienfrühe ging es weiter , und bereits mittags langte ich am Ziel , in der Mechelnburgischen Residenz Güstrow an . Im nächsten Gasthaus stieg ich ab , und auf meine scheinbar gleichgültige , doch mit Herzklopfen getane Frage , ob kaiserisch Volk hier sei , erfuhr ich , vor fünf Tagen seien hier allerdings Dragoner im Quartier gewesen , aber nur eine Nacht , auf dem Rückzuge vor dem anmarschierenden Schweden . Ich forschte nun behutsam weiter , ob etwan ein Rittmeister namens Zetteritz in Güstrow erwartet werde . » Zetteritz ? « versetzte der Wirt . » So hieß ja die adlige Frau , die von den Dragonern geleitet wurde und bei mir Losament hatte . Die ist aus Sorge vor dem Feinde nach Wittenberge gereiset - vor vier Tagen - ihrem Sohne entgegen - und der soll sie nach Magdeburg holen . « Ich hatte Mühe , meinen Schrecken über diese Enttäuschung zu verhehlen . Doch während ich der Hoffnung schon Valet sagte , kam der Wirt , der Rücksprache mit seinem Knecht genommen hatte , wieder zu mir . » Mein Krischan hier will vernommen haben , Frau Zetteritz sei zu ihrem Schwäher nach Rostock gereist , an dessen Verteidigung ihr Sohn , ein Offizier , mitzuwirken habe . « Ich atmete auf , wandte mich sogleich an den Knecht und erhielt aus seinem Munde in glaubhafter Weise diese Auskunft . Nach Rostock also ! Unverzüglich und mit verhängtem Zügel trabte ich gen Schwaan und erreichte dies Städtchen , an der Warnow gelegen , nach wenigen Stunden . Ließ mich über den Fluß setzen und begrüßte nach einem mehrstündigen scharfen Ritte von einer Anhöhe die Rostocker Türme . Zugleich aber sah ich drei bewaffnete Reiter mir entgegentraben , lenkte daher mein Pferd flugs vom Wege ab , hinter Gebüschen mich zu bergen . Doch bemerkt hatten mich die Reiter , und ich gebrauchte die Sporen . Ein Schuß krachte hinter mir , die Kugel hörte ich sausen , und nun hub ein Wettrennen an . Mein gutes Pferd blieb im Vorteil , und ein Buchenwald kam mir zustatten , zwischen dessen hohen Stämmen sich reiten ließ . Als ich darin einen Weg fand , verfolgte ich ihn , die sinkende Sonne zur Linken . Damit die Verfolger meine Fährte verlieren sollten , bog ich vom Wege ab , wo der Waldboden mit welkem Laube bedeckt war , ritt einen Bogen und kam dann wieder auf den Weg . Als der Wald aufhörte und vor mir ein kahler Hügel lag , wollte ich mein Tier verschnaufen lassen , stieg ab und band es an einen Baum . Seltsam war ' s , daß ich ein Brausen vernahm , wie Waldesbrausen , indessen doch kein Wind ging . Auf den Hügel stieg ich nun und nahm mit Staunen wahr , daß vor mir ein endlos Gewässer lag , die See . Wolkenballen schwebten darüber , angeglüht von der Sonne , die zur Linken unterging . Wellen rollten zum Strande und warfen sich rauschend auf den Sand , eine nach der andern . Im Anschauen vergaß ich der Gefahr , die mich soeben bedräuet hatte . Klein war ich vor diesem riesenhaften Wogewesen , und mir fiel bei , was mein seliger Vater gesagt hatte , als ich zum ersten Male das Schlesische Gebirge von ferne sah : » Willst du Gott schauen , so vergiß nicht die Berge , und nicht das Meer . « Doch ich durfte nicht verweilen , weil es galt , meine Eheliebste zu suchen und womöglich noch vor Nacht Rostock zu erreichen . Kehrte also zum Pferde zurück , das sich inzwischen an Gras und Läublein gütlich getan , lobte und streichelte es und schwang mich aufs neue in den Sattel . Ich wollte längs des Strandes zur Warnowmündung reiten und mich von einem Schiffer nach Rostock fahren lassen . Wie ich nun vom Hügel hinunter will , ist da ein Abhang , und ich muß daran entlang reiten , bis sich quer eine Schlucht auftut . Mein Pferd strebt die Schlucht hinunter , stolpert aber und stürzt so unglücklich , daß ich mit dem linken Bein unter seinen Körper komme , vermeinend , das Bein sei mir gebrochen . Das Tier sprang wieder auf , ich aber blieb liegen , da ich das Bein nicht brauchen konnte . Daß mir die Weile nicht lang ward , dafür sorgte mein Gliederweh . Das Pferd stund geduldig in meiner Nähe und wieherte manchmal . Ich wünschte , daß es zu mir käme , weil ich hoffte , mich an ihm aufzurichten und vielleicht gar in den Sattel zu gelangen . Doch wie ich auch lockte und schnalzte , es kam nicht . Schon war der Abendglanz an den Wolken verglommen und die Dämmerung brach herein , als ich eines Mannes gewahr wurde , der am Strande ging . Wie ich um Hilfe schrie , stutzte er , kam dann zögernd näher und rief mir zu : » Wer da ? Schwed oder Kaiserischer ? « Zur Antwort gab ich , daß ich ein Reisender und mit meinem Pferde gestürzt sei . Der Mann , dem Aussehen nach ein Knecht , war anfangs mißtrauisch . Als ich ihm aber guten Lohn für Beistand versprach , holte er mein Pferd , richtete mich auf , daß ich auf mein heiles Bein zu stehen kam , und hub mich in den Sattel . Am Zügel führte er das Pferd über die sandige Düne zu einem Bauernhof , so zwischen Büschen versteckt lag . Bellende Hunde kamen gesprungen , und auf der Schwelle des Wohnhauses erschien ein bärtiger , martialischer Mann , halb wie ein Soldat , halb wie ein Bauer gekleidet . Der Knecht berichtete ihm , wie er mich gefunden habe , und ich bat den Herrn Rittmeister , wie ihn der Knecht nannte , mich aufzunehmen . Da ordnete dieser an , es solle mir in der Scheune ein Lager aus Stroh und Wolldecken bereitet werden . Als man mich darauf gebettet hatte , betastete der Rittmeister mein Bein und sagte , ich habe mir einen Bruch des Knochens zugezogen und werde wohl wochenlang liegen müssen . Mir war nicht anders , als höre ich mein Todesurtel . Denn nun war die Möglichkeit , Thekla wiederzufinden , völlig dahin , und ohne meine Liebste deuchte mich die Welt ein leeres Nichts . Die Trauer machte mich so schweigsam , daß mein Wirt auf seine Fragen nur einen kargen und wirren Bescheid erhielt . Das hinderte ihn nicht , meine geschwollenen Gelenke mit nassen Linnen zu kühlen und den Bruch mit einer festen Hülle zu umgeben , wobei er äußerte , als alter Soldat habe er dem Feldscher etliches von seiner Kunst abgesehen . Wenig Schlummer fand ich , unaufhörlich raunete mir die Sorge zu , wie Thekla weiter und weiter entführt , und ihre Spur immer mehr verwischt werde . In meiner Hilflosigkeit schluchzete ich , daß mein Wirt es im Hause hörte . Er kam , schalt gutmütig und sagte , ich solle ihm offenbaren , was mich bekümmere . Da er alsdann meine Geschichte vernommen , war er gerührt und erbot sich , sofort nach dem Schwäher der Frau Zetteritz in Rostock zu forschen . Ferner tat er mir wohl , indem er mich aus der Scheune ins Wohnhaus bringen ließ und mir ein Gemach einräumte . Hier lernte ich die Frau Rittmeister kennen , ein großes , starkes Weib . Sie labte mich mit Trank und Speise , hörte teilnehmend meine Geschichte und gab mir den Trost , ich werde schließlich doch noch meine Eheliebste ausfindig machen ; das Leben werde man ihr ja nicht gleich nehmen , ich müsse nur Geduld haben . Andern Tages tat mein Wirt die Reise nach Rostock und blieb eine ganze Woche aus . Doch keine frohe Kunde brachte er heim , nichts wußte man in Rostock , nichts auf den umliegenden Höfen von einem Schwäher der Frau Zetteritz und einem kaiserlichen Offizier dieses Namens . So war ich denn darauf angewiesen , der Frau Rittmeister Mahnung zur Geduld zu beherzigen . Eine seltsame Kurzweil ward mir in den Monden meiner Krankheit . Nach all der erlittenen Trübsal schien der Himmel mich aufheitern zu wollen , indem er etwas zum Lachen auftischte . Der Rittmeister , Schulte mit Namen , und sein Weib zeigten oft ein wunderlich Gebaren . Im polnischen Kriege hatte er Dienste getan und sein Weib geehelicht , das Marketenderin gewesen und ein gut Stück Geld zusammengebracht hatte . Diese Mitgift hatte ihn befähigt , den Hof zu kaufen . Er fand jedoch kein Gefallen am Bauernleben , zumal der Krieg in Mechelnburg ihn um sein reiches Gestüte gebracht hatte . Am Soldatenleben hing immer noch sein Herz , und wenn er an seine Kriegsfahrten zurückdachte , geriet er derart in Eifer , daß er zum närrischsten Prahlhansen aufschwoll . Zum Exempel reichte er mir seinen Säbel und warf sich in die Brust : » Das ist die Waffe , die mir im polnischen Kriege große Ehre eingebracht hat . Ich wäre wohl ein reicher Mann , hätt ' ich soviel Dukaten , als von meinem Säbel Tarternköpfe abgeflogen sind . Ich ward bei der köstlichen Klinge des Blutvergießens so gewohnt , daß ich oft mit meinen besten Freunden Händel anfing . Sie wußtens auch alle , drum schickten sie mich gern auf Rekognoszierung und Parteigängerei , nur daß sie im Quartier unbeschädigt blieben . Ja , Czernitzky hatte Glück , daß er mir aus den Händen entwischte ; ich hatte ihm - soll mich der und jener - schon die Charpe vom Leibe weggehauen ; doch man weiß wohl , was die polnischen Klepper vor Kröten sein , wie sie durchgehen . Sonsten hätt ' es geheißen : Bruder , gib eine Tonne Goldes , oder ich haue dich , daß dir die Kaldaunen am Sattelknopf hängen bleiben . Ach , das war ein Leben ! Drei Teutsche , sieben Polacken , zehn Kosaken , vierzehn Tartern und ein halb Schock Moskowiter dienten mir als Morgenbrot . Hätt ' ich meinen Schecken , der mir leider unter dem Leibe weggeschossen ist , behalten können , ich gäbe zehntausend Taler darum . Er ging in einem Futter dreißig Meilen hin und her , und einmal , von einer ganzen Kompagnie Tartern umringt , sprengte ich über die Feinde hinweg , wobei mein Schecke seine Hinterbeine dem Rittmeister um die Ohren schlug . Was das Beste war , das Tier hatte Menschenverstand , es legte sich flugs auf die Streu zu mir und schlief die ganze Nacht mit . Hatte ich Met und Branntewein , das Pferd soff einen so tüchtigen Rausch wie ein Kerl . Ewig schade , daß es so liederlich hat draufgehen müssen und ich es nicht wenigstens ausstopfen gekonnt . Jawohl , es ist eine brave Sache um den Krieg , wenn einer Courage hat und weiß sie zu brauchen . « Wiewohl nun Schulte mit dem Munde solch ein Held war , hatte doch tatsächlich seine Frau , wie man sagt , die Hosen an . Manchmal hörte ich in meinem Bette , wie sie ihrem Manne die Leviten las , daß das ganze Haus davon hallte . » Was ? Du ehrvergessener Vogel willst wieder ausfliegen ? Hättest mögen ein Landstörzer werden , so hättest dir lieber eine Zigeunerin aussuchen sollen , nicht mich . Jetzo aber bist du mein Mann , und ich habe dich mit meinem sauer verdienten Gelde in diesen Hof eingesetzt , daß du mir parierest - Potzregiment ! Treib es nicht zu bunt ! Sonsten machen meine Nägel mit deinem Gesichtsspiegel Kameradschaft . « Hier fiel der sonst so kriegerische Mann mit der allersanftesten Stimme in ihre Rede : » Ach herzliebste Frau , erzürne dich nicht um so geringe Sache ! Soll ich daheim bleiben , so brauchst du es bloß zu sagen . Im guten sag es doch , tu deiner Gesundheit keinen solchen Schaden . « - » Laß dein Winseln , du Bettelhund ! « fing sie wieder an ; » bildest dir wohl gar ein , daß ich mir deinetwegen das Herze abfresse ? Rede mir kein Wort dazwischen , sonsten wollen wir sehen , wer Herr im Hause . Wer anders hat dich denn zum Manne gemacht , als eben ich ? Ein dürrer Tropf warst du , ein Schuldenmacher , vom Sauf- und Spielteufel besessen , ein prahlender Hanswurst . Ein fetter Gutsherr bist du worden durch meine Mitgift . Nun sei ' s auch recht , du eingemachter Eselskopf , und bleib mir fein zu Hause sitzen ! Und damit du nicht hinwegschleichest zu deinen Kumpanen , so magst du heut und morgen deine Schuh und Strümpfe suchen . « Gleich darauf hörte ich die Türe zukrachen , Herrn Schulte aber kläglich murmeln . Etliche Stunden nach diesem ehelichen Dialogo besuchte er mich , bloß Strümpfe an den Füßen , und diesmal war auf seinem Angesicht nichts von dem gemeiniglichen Heldenstolz verzeichnet . » Lieber Tielsch , « seufzete er , » wie heftig meine Eheliebste sein kann , wenn ihr körperlich Übel sie befällt , hat Er wohl vernommen . Er muß nämlich wissen , sie leidet an der Galle ; im übrigen ist sie eine gute Seele , und man darf ihr die zeitweilige Hitzigkeit nicht nachtragen . Ich mag sie in ihren Anfällen nicht obendrein reizen , denn ich habe Mitleid mit ihr , und unser Herrgott hat mir zwar die Kühnheit verliehen , Feinde niederzusäbeln , doch vor Göttinnen , wie Venus oder Juno , ist selbst der wilde Mars ein Lamm . « Begütigend stimmte ich meinem Wirte bei , und er war mir dankbar dafür . Bald darauf hörte ich aus dem Gespräch im Nebenzimmer , daß die Frau Rittmeister sich nicht allzu lange damit aufhielt , ihren Zorn zu kochen . Sie traktierte ihren Mann mit Koseworten und erlaubte ihm , den Ausgang zu tun , den sie zuvor versagt hatte . Als er fort war , machte sie mir einen Besuch . Die beleibte Frau nahm im Sessel Platz , und aus dem Vollmondgesicht blickten die Äugelchen freundlich . » Der Herr hat mit angehört , daß es in diesem Hause , gleichermaßen wie im Himmelsgewölbe , zuweilen ein Wetter gibt . Das muß Er schon exküsieren ; solch Wetter kommt aus dem Geblüt und hat wenig zu sagen . Diesmal hat mein Mann seinen saubern Kumpan , einen emeritierten Leutnant , besuchen wollen , und den mag ich nicht sonderlich leiden . Nahm daher meinem Mann das Schuhwerk weg , daß er daheim bliebe . Doch mein Zorn ist wie ein Hagelwetter ; rasch vorüber geht ' s , und dann scheint die Sonne . Mein Männchen hat mir versprochen , zur Nacht daheim zu sein , und da hab ich ihm seine Schuh gegeben . « Ich fand das ganz in Ordnung , erlaubte mir aber die Frage : » Nichts für ungut , ehrsame Frau Rittmeister ! Wie kommt es nur , daß Ihr Eheherr , eine so heroische Natur , sanfter als ein Lamm ist , wenn Ihr ihm entgegentretet ? « - » Ha , das will ich Ihm erzählen , « schmunzelte die Frau . » Wir haben gleich am ersten Tage unserer Ehe durch einen Zweikampf entschieden , wer das Kommando hat . « - » Zweikampf ? « staunete ich . » Allerdings ! « versetzte sie . » Höret zu ! Wir waren also ein neugebacken Paar , hatten die erste Nacht zusammen im Rittmeisterzelte verbracht , und das Frührot lugte herein . Da ruft mein Mann seinen Kommißjungen , der soll einen Prügel beschaffen . Der Junge geht , und da ich mir einbilde , der arme Schelm solle die Schläge bekommen , so bitte ich für ihn . Mein Hochzeiter aber spricht : Nicht für ihn sind die Prügel . Meine Liebste weiß ja , daß jedermann im Regiment prophezeiet , Sie werde die Hosen tragen . So aber soll es bei uns nicht sein . Drum will ich Ihr beizeiten mit dem Prügel weisen , wer dem andern über ist . Indem kommt der Junge und legt mit verschmitztem Lächeln den Prügel auf den Tisch . Wie er wieder hinausgeht , merke ich , daß vor dem Zelte ein paar Offiziere lauschen , von meinem Hochzeiter hinbestellt , auf daß sie Zeugen seien , wie er seine Frau zum Gehorsam ziehe . Da geht mir meine Galle über , und wahrlich alsdann ist mit mir nicht gut Kirschen essen . Ehe sichs mein Mann versieht , habe ich den Prügel erfaßt und wische ihm eins über den Kopf , daß er dürmelt wie ein geschlagener Ochs . Beim Kragen schmeiß ich ihn zum Zelt hinaus , daß er lang hinschlägt und als ein Betäubter von seinen Kameraden mit Wasser wieder zu sich selbst gebracht werden muß . Ja , ja , so bin ich , und so hab ich meinen Mann gekirrt , daß er seitdem meinen Widerspruch , wo ich ihn für gut befinde , mit gebührender Sanftmütigkeit entgegennimmt . « Diese Geschichte hatte für mich das Gute , daß ich nach einer langen Zeit des Grams wieder einmal empfand , was lachen heißt , und vom Hinstarren auf mein trüb Geschick abgelenket ward . Mit meinem Beinschaden ging es aber so schlecht , daß sich die Entzündung steigerte . Rittmeister Schulte holte einen Wundarzt aus Rostock , der schnitt an mir herum und stellte die Prognose , daß ich vor Herbst das Bein nicht werde brauchen können . In der Tat , erst als der rauhe Wind das verblichene Laub von den Bäumen riß , konnte ich humpeln . Wie dann mein Fußgelenk hinreichend erstarkt war , besuchte ich die Stelle , wo mein Pferd zu Fall gekommen . Um die See zu betrachten und dabei meinen Gedanken nachzuhängen , setzte ich mich auf einen der großen Steine , die hier lagen . Über den Sand zu meinen Füßen spülte die Welle , floß dann zurück und schlug mit der nächsten Welle schäumend zusammen . Und es war das Heer von schwarzen , schäumenden Wellen anzuschauen wie ein Volk von Eisenrittern , gekrönt mit weißen Federn , zum Kampfe heransprengend . Seltsamer Kampf , ohne Ziel , ohne Sinn ! Mein Auge starrte dorthin , wo Meer und Himmel sich berühren . Und sieh , auf der düstern Schneide unter finstern Wolkenballen schwebete ein Segel . Du armer Kahn , auf den Wogen wankend , bist du ein Bildnis meiner Liebe . Ins Ungewisse treibst du dahin , und wie rasch haben Sturm , Woge , Klippe dich zertrümmert . Alsdann aber , ach wofür ist dann mein Kämpfen gewesen ? Ist es nicht umsonst , wie dies Branden der Flut wider den Strand ? Und lohnt es sich , nach dem Scheitern meiner Hoffnung noch länger dies wüste Spiel des Lebens zu treiben , all das grausige Streiten , Blut , Angst und Schuld weiter auf mich zu nehmen ? - Ein Auge fühlte ich auf mir ruhen , und mit einem süßen Schauder vermeinete ich zuerst , Thekla betrachte mich mit dem Blicke , den sie mir in der Gefangenschaft gespendet . Dann aber sah ich , daß aus dem Gewölk der Abendstern winkete , den sie auch den Stern der Meere heißen . Ach Liebe , daß du wankest auf den Wogen , Ein morscher Kahn , Zerfetzt das Segel , steuerlos gezogen Auf Nebelbahn . Des Tages Herz ist blutig hingesunken In düstre See . Wo bist du , armer Kahn ? Zerschellt , ertrunken ? Ach Lieb , ade ! Nun will auch ich hintaumeln und versinken In feuchte Gruft . Doch warnt ein Stern , der Meere Stern , mit Winken Aus blauem Duft : » Nur Unrast wirf hinab , die eiteln Sorgen Der wüsten Welt ! Dein Lieben gib empor ! Es sei geborgen Im Sternenzelt ! Was in der Zeiten Brandung ging verloren , Muß nichtig sein . Ein Herz allein , dir liebend eingeboren , Bleibt ewig dein . Und schlug es auch an deinem nur für Stunden , Doch Reim bei Reim Seid ihr dem Chor der Seligkeit verbunden Und seid daheim . « Das neunte Abenteuer Wie das Lichtreich aus der Goldhöhle kam Was im Traumgesicht der qualvollen Nacht mein Vater mir verheißen , hat sich erfüllt . Zur Abendburg bin ich wieder gelangt . Den Sommer über war mein Fuß heil geworden , und nach treuherzigem Abschied von meinen Pflegern hatte ich mich auf die Suche nach Theklas Spur begeben . Da bei vergeblichem Kreuz- und Querreisen mein Pferd verunglückt , mein Geld aber zur Neige gegangen war , litt ich Hunger und konnte das abgerissene Gewand und Schuhwerk nicht durch besseres ersetzen . Statt der Stiefel Lappen an den Füßen , war ich vom Wandern bis zur Verzweiflung erschöpft . Durfte auch noch keine Stunde davor sicher sein , streifenden Parteien in die Hände zu fallen . Als Ende Septembris endlich das Schlesische Gebirge ferne blaute , begegnete mir ein invalider Soldat , dem in der Breitenfelder Schlacht ein Hieb den rechten Arm gelähmt hatte . Von diesem Menschen ward mir wichtige Kunde . Als Rittmeister im Regiment Kronenberg habe Zetteritz die Breitenfelder Schlacht mitgemacht , und in einem Bleihagel , mit dem die schwedischen Musketiere die kaiserlichen Reiter überschüttet hätten , sei er vom Pferde gesunken . Der Invalide schwur mit heiligem Eide , er habe das mit eigenen Augen gesehen . Von Thekla wußte er nichts . Obwohl nun ihr Geschick ganz ungewiß , schöpfte ich neue Hoffnung . Je näher ich dem Gebirge kam , desto lebhafter bildete ich mir ein , Thekla werde mich im Häusel des Oheims umhalsen . Hatte sie durch den Tod des Zetteritz ihre Freiheit wiedererlangt , so würde sie mich in Schreiberhau suchen . Wie ich aber beim Oheim anlangte , hatte mich die Hoffnung betrogen . Trostlose Zeiten kamen . Wenn der Novembersturm die Nacht durchheulte und am Dache rüttelte , daß die Balken krachten , so lag ich schlaflos und sahe Thekla im Elend irren oder fühlte mich vom Geiste der Verstorbenen umwittert . Wochenlang staken die Schreiberhauer Hütten so tief im Schnee , daß Nachbarn kaum einander besuchen konnten . Öde und traurig war auch dem Oheim und der alten Beate zumute , da sie mich dem Trübsinn nachhängen sahen . Einen Hauch von Frieden fand ich in Büchern geistlichen Inhalts . Von alchymistischen Arbeiten , zu denen mich der Oheim gern gebracht hätte , mochte ich nichts wissen . Wie endlich der Schnee schmolz , konnte ich mich neuer Hoffnung nicht erwehren , wiewohl ich ihr nicht traute . Ich hielt es nämlich für möglich , daß Thekla , durch den Winter am Reisen verhindert , im Frühjahr nach Schreiberhau kommen werde . Doch April und Mai vergingen , und es erschien keine Thekla , auch keine Nachricht von ihr . Längst hatte mich die Sehnsucht angewandelt , auf der Abendburg zu hausen . Menschenscheu war ich , hätte am liebsten selbst den Oheim und Beaten gemieden . Vollends im Frühjahr beunruhigte mich das Schreiberhauer Leben ; denn es brachte schier täglich Gerüchte von jener schlimmen Welt , die mir abscheulich geworden . Nichts sehen und hören mochte ich von Kriegszügen und Gefechten , Sengen und Plündern und von den teuflischen Quälgeistern , so in Hirschberg und anderen Orten längs des Gebirges quartierten . Machte mich also bei Sommeranfang nach der Abendburg auf , mir dorten ein Gehäus herzurichten . Der Oheim half mir , hatte mir auch jene Summe Geldes eingehändigt , die ich vor der Reise nach Magdeburg bei ihm gelassen . Wir brachten die Grotte in wohnlichen Zustand , vergrößerten den Eingang und schlossen ihn durch eine starke Tür . Einen Steinwurf unterhalb des Felsens fand sich eine Quelle , zu ihr machten wir einen Stufengang hinunter . Um den Abendburgfelsen herum fällten wir in beträchtlichem Umkreise die Bäume , weil wir eine Balkenhütte bauen und zugleich Weideland für ein paar Ziegen gewinnen wollten . Die Balkenhütte wurde derart an den Felsen angelehnt , daß sie einen Vorraum der Grotte bildete . Aus Steinen errichteten wir daneben einen Ziegenstall . Die Grotte sollte als Küche und Werkstatt dienen . Um den Rauch aus ihr abzuleiten , brachen wir einen Spalt in die Decke , schmal genung , daß kein Raubtier hindurchschlüpfen konnte , zumal ein paar Eisenstangen quer angebracht waren . Den Herbst verwendeten wir zum Sammeln von Blaubeeren und Pilzen , die für den Winter getrocknet wurden . Auch einen Vorrat von Mehl , Speck und Schinken , hartem Käse und Beerensaft legte ich mir an . Meine Balkenhütte war in traulichem Zustande , als Tobias von mir gegangen , und ich nun allein hausete . Die Fugen zwischen den Balken verschloß Moos , das Fensterlein hatte kleine Glasscheiben und war von außen durch Eisenstäbe vergittert ; aus Stein war der Ofen gemauert , der gut heizte . Auf einem Simse stunden Näpfe , Teller , Kannen und Becher . Unter dem Fenster war ein Tisch mit einem Stuhle , am Ofen die Bank . Ich hatte auch etliche gute Bücher auf einem Gestell . Neben der Tür hingen mein Jagdrohr , mein Säbel und ein Pistol . In der Ecke lehnte der Spieß . Zween starke Schäferhunde hauseten bei mir . Wenn mich der eine auf meinen Waldwegen begleitete , so blieb der andere daheim und war so abgerichtet , daß er zuverlässig meine Hütte und den Ziegenstall bewachte . Der Trost , den ich in früheren Jahren inbrünstig ersehnt und damals nirgends gefunden hatte , begann mich nun zu segnen , zumal bis in den November hinein die Sonnenstrahlen , selten nur durch Wolken zurückgehalten , gülden und warm rings auf die Berghäupter niederfluteten . Das kostbarste Gerät meines Heims war eine Harfe . An Thekla gemahnte sie mich , und es war mir Erquickung , mein Leiden und Sehnen in holden Klängen vom Herzen zu strömen . Täglich übte ich das Schlagen der Saiten und sang dazu Lieder , die ich selbst ersonnen , und es kamen Zeiten , da Verse aus mir sprossen wie Blüten am Frühlingsbaum . Bei solch einsamem Hausen trank meine Seele den Bergfrieden und ward immer stiller . Zuweilen freilich fiel mich Unrast an , und es nagte der Gram am