sag selbst ? Du kannst dir denken , wie schwer es mir sein wird . Aber was bleibt mir anders übrig ? Es muß ein Anfang gemacht werden . Hab ich dir schon gesagt « , setzte er hastig hinzu , als wäre damit jeder Rückzug abgeschnitten , » die Wohnung ist gekündigt . Felician geht wahrscheinlich nach Athen . Ja , wenn ich dich gleich mitnehmen könnte , das wär freilich schön ! Aber das ist ja leider nicht möglich , eine gewisse Sicherheit muß vor allem da sein . Ich meine , wenigstens die Sicherheit , daß ich längere Zeit an einem Ort bleibe ... « Sie hatte ernsthaft-ruhig zugehört . Dann kam sie bedächtig-wichtig auf ihre neueste Idee zu sprechen . Er sollte nicht glauben , daß sie daran dächte , ihm alle Sorgen aufzubürden . Sie war entschlossen , sobald es sich machen ließe , eine Musikschule zu gründen . Wenn er sie noch lange allein ließe , hier in Wien ; wenn er bald käme sie holen , dort , wo sie mit ihm zu Hause sein würde . Und wenn sie einmal auf eigenen Füßen stände , dann wollte sie auch ihr Kind zu sich nehmen , ob sie nun seine Frau wäre oder nicht . Sie wäre weit davon entfernt sich zu schämen , das wüßte er wohl . Sie wäre eher stolz ... ja stolz , daß sie Mutter wurde ! Er nahm ihre Hände zwischen die seinen und streichelte sie . » Es wird schon alles werden « , sagte er ein wenig bedrückt . Er sah sich plötzlich in einem sehr bürgerlichen Heim , unter dem bescheidenen Licht einer Hängelampe , beim Abendessen sitzen , zwischen Frau und Kind . Und aus dieser geträumten Familienszene wehte es ihm entgegen wie ein Hauch von sorgenvoller Langeweile . Ah , es war noch zu früh dazu , er war noch zu jung . Wie sollte es denn werden ? War es denn möglich , daß sie die letzte Frau blieb , die er umarmt hätte ? Vielleicht konnte sie es werden , in Jahren , in Monaten schon ... aber heute noch nicht . Trug und Lüge in ein wohlgeordnetes Heim zu tragen , davor scheute er wohl zurück . Doch der Gedanke , von ihr fortzueilen zu andern , die er begehrte , mit dem Bewußtsein , Anna so wieder zu finden , wie er sie verlassen , war lockend und beruhigend zugleich . Der bekannte Pfiff von drüben tönte . Die Hündin erhob sich , ließ sich von Georg noch einmal über den gelb gefleckten Rücken streichen und schlich traurig ihren Weg hinab . » Herr Gott « , sagte Georg , » das hätte ich ja beinahe vergessen . Heinrich kann jeden Augenblick da sein . « Er erzählte Anna von seinem Besuch und verschwieg auch nicht , daß er zwischen Tür und Angel die ungetreue Schauspielerin kennen gelernt hatte . » Ist es ihr also gelungen ? « rief Anna aus , die für Damen mit irrenden Augen keine Neigung fühlte . » Ich glaube nicht « , erwiderte Georg , » daß ihr irgend etwas gelungen ist . Heinrich war von ihrem Erscheinen sogar ziemlich unangenehm berührt , kam mir vor . « » Nun , vielleicht bringt er sie mit « , sagte Anna mit Spott , » und du hast wieder wen zum kokettieren wie in Lugano die Königsmörderin . « » Ach Gott « , machte Georg unschuldig , und beiläufig fügte er hinzu : » Was ist ' s denn übrigens mit Therese , warum kommt sie denn gar nicht mehr zu dir ? Demeter ist ja nicht mehr in Wien . Sie hätte wohl Zeit genug . « » Sie war erst vor ein paar Tagen da . Ich hab dir ' s ja gesagt , stell dich doch nicht so . « » Ich hatte es wirklich vergessen « , erwiderte er mit Aufrichtigkeit . » Was hat sie dir denn erzählt ? « » Alles mögliche . Die Geschichte mit Demeter ist aus . Ihr Herz schlägt wieder ausschließlich für die Armen und Elenden bis auf Widerruf . « Und unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit vertraute ihm Anna Theresens Winterpläne an . Als armes Weib verkleidet , wollte sie Wanderungen durch Wärmestuben , Suppen- und Teeanstalten , Asyle für Obdachlose und Arbeitshäuser unternehmen , um einmal dem sogenannten goldnen Herzen von Wien in die verborgensten Winkel hineinzuleuchten . Sie schien gefaßt und hoffte vielleicht ein wenig darauf , Ungeheuerlichkeiten zu entdecken . Georg sah vor sich hin . Er erinnerte sich der eleganten Dame , im weißen Kleid , die im Sonnenglanz von Lugano vor dem Postgebäude gestanden war , fern von allem Jammer der Welt . Sonderbares Geschöpf , dachte er . » Sie will natürlich ein Buch daraus machen « , sagte Anna . » Also daß du keinem Menschen was davon erzählst , auch deinem Freund Bermann nicht . « » Fällt mir nicht ein . Aber sag , Anna , mußt du nicht was vorbereiten für abend ? « Sie nickte . » Komm , begleit mich hinunter , ich will nachsehen , was da ist , und mich im übrigen mit der Marie beraten ... soweit das möglich ist . « Sie standen auf . Die Schatten waren lang . Im Garten nebenan lärmten die Kinder . Anna nahm den Arm des Geliebten und ging langsam mit ihm hinab . Sie erzählte die neuesten Beispiele von der fabelhaften Dummheit der Magd . Ich Ehemann , dachte Georg und hörte mit Nachsicht zu . Beim Haus angelangt sprach er die Absicht aus , Heinrich entgegenzusehen , verließ Anna und begab sich auf die Straße . Da rüttelte eben ein Einspänner heran ; Heinrich sprang heraus und entließ den Kutscher . » Grüß Sie Gott « , sagte er zu Georg , » haben Sie mich am Ende schon erwartet ? Es ist ja noch gar nicht so spät . « » Gewiß nicht , Sie sind sehr pünktlich . Ist es Ihnen recht , so machen wir noch einen kleinen Spaziergang . « » Gern . « Sie spazierten weiter , vorbei an dem gelben Gasthof mit den roten Terrassen , in den Wald . » Hier ist ' s ja wundervoll « , sagte Heinrich . » Und auch Ihre Villa sieht ganz nett aus . Warum wohnen Sie eigentlich nicht heraußen ? « » Ja , es ist ein Unsinn « , gab Georg zu , ohne weitere Erklärungen . Dann schwiegen sie eine Weile . Heinrich war in hellgrauem Sommeranzug und trug auf dem Arm seinen Mantel , den er ein wenig nachschleppen ließ . » Haben Sie sie wiedererkannt ? « fragte er plötzlich , ohne aufzusehen . » Ja « , erwiderte Georg . » Sie ist nur auf einen Tag hergefahren , aus ihrem Sommerengagement . Heute Nacht reist sie wieder zurück . Ein Handstreich sozusagen . Aber mißlungen . « Er lachte . » Warum sind Sie so hart ? « fragte Georg und dachte an das Riesenkuvert mit den grauen Siegeln und der albernen Aufschrift . » Sie habens eigentlich nicht nötig . Es ist ja doch nur ein Zufall , daß sie nicht auch anonyme Briefe bekommen hat , geradeso wie Sie , Heinrich . Und wer weiß , wenn Sie sie nicht allein gelassen hätten , aus weiß Gott was für Gründen ... « Heinrich schüttelte den Kopf und sah Georg beinahe mitleidig an . » Meinen Sie vielleicht , ich habe die Absicht zu strafen oder zu rächen ? Oder glauben Sie , ich gehöre zu den Tröpfen , die an der Welt irrewerden , weil ihnen etwas passiert ist , wovon sie doch wissen , daß es schon Tausenden passiert ist vor ihnen und Tausenden nach ihnen passieren wird ? Meinen Sie , ich verachte die » Ungetreue « , oder ich hasse sie ? Fällt mir gar nicht ein . Womit ich nicht sagen will , daß ich nicht zuweilen die Gebärde des Hasses und der Verachtung habe , natürlich nur , um bessere Wirkungen zu erzielen ihr gegenüber . Aber in Wahrheit versteh ich ja alles , was geschehen ist , viel zu gut , als daß ich ... « Er zuckte die Achseln . » Nun , wenn Sie es verstehen » Aber lieber Freund , das Verstehen hilft ja gar nichts . Das Verstehen ist ein Sport wie ein anderer . Ein sehr vornehmer Sport und ein sehr kostspieliger . Man kann seine ganze Seele darauf verschwenden und als ein armer Teufel dastehen . Aber mit unsern Gefühlen hat das Verstehen nicht das allergeringste zu tun beinahe so wenig wie mit unsern Handlungen . Es schützt uns nicht vor Leid , nicht vor Ekel , nicht vor Vernichtung . Es führt gar nirgends hin . Es ist eine Sackgasse gewissermaßen . Das Verstehen bedeutet immer ein Ende . « Auf einem Seitenpfad in mäßiger Steigung , schweigend und langsam , jeder mit seinen eigenen Gedanken , so kamen sie aus der Waldung auf offenes Wiesenland , das den Blick talwärts freigab . Sie blickten über die Stadt hin , und weiter gegen die dunstatmende Ebene , durch die schimmernd der Fluß rann ; zu fernen Berglinien , vor denen dünner Rauch sich hinbreitete . Dann , im Frieden der Abendsonne spazierten sie weiter zu Georgs Lieblingsbank am Waldesrande . Die Sonne war fort . Georg sah jenseits des Tales , längs des waldigen Hügels den Sommerhaidenweg ziehen , blaß und wie ausgekühlt . Dann schaute er hinab , wußte , daß in dem Garten zu seinen Füßen ein Birnbaum stand , unter dem er vor wenig Stunden mit einer sehr Geliebten gesessen war , die sein Kind unter dem Herzen trug , und war bewegt . Für die Frauen , die vielleicht anderswo seiner warteten , spürte er eine leise Verachtung , doch war seine Sehnsucht nach ihnen darum nicht ausgelöscht . Unten auf dem Pfad zwischen Gärten und Wiesen wandelten Sommergäste . Ein junges Mädchen blickte herauf , flüsterte einer andern etwas zu . » Sie sind wohl eine populäre Persönlichkeit hier in dem Ort « , bemerkte Heinrich mit spöttisch verzogenen Mundwinkeln . » Nicht daß ich wüßte . « » Die hübschen Mädchen haben Sie sehr interessiert angeguckt . Das Nichtverheiratetsein der andern bleibt für die Leute doch eine unerschöpfliche Quelle von Anregungen . Diesem Sommervolk da unten bedeuten Sie jedenfalls so eine Art von Don Juan und ... und Ihre Freundin ein ent- und verführtes Mädchen . Glauben Sie nicht ? « » Ich weiß nicht « , sagte Georg , das Gespräch ablehnend . » Und was mag ich « , fuhr Heinrich unbekümmert fort , » für das Theatervolk in der kleinen Stadt vorgestellt haben ? Offenbar den betrogenen Liebhaber , also eine ausschließlich lächerliche Figur . Und sie ? Na , man kann sichs ja denken . Riesig einfach liegen die Dinge für die Unbeteiligten . In der Nähe schaut dann jede Geschichte doch ganz anders aus . Aber ob sie aus der Ferne nicht das richtigere Gesicht hat ? Ob man sich nicht allerlei einredet , wenn man selber eine Rolle in der Komödie zu spielen hat ? « Er hätte auch daheim bleiben können , dachte Georg . Da er ihn aber nicht nach Hause schicken konnte , und um wenigstens zu einem andern Gespräch mit ihm zu gelangen , fragte er rasch : » Hören Sie nichts von Ehrenbergs ? « » Vor ein paar Tagen « , erwiderte Heinrich , » hatte ich von Fräulein Else einen etwas melancholischen Brief . « » Sie stehen in Korrespondenz mit ihr ? « » Nein , ich stehe nicht in Korrespondenz mit ihr , wenigstens habe ich ihr noch nicht geantwortet . « » Sie hat sich die Sache mit Oskar doch mehr zu Herzen genommen « , sagte Georg , » als sie eingestehen will . Ich habe sie einmal gesprochen , im Sanatorium . Wir sind eine ganze Weile draußen auf dem Gang gestanden vor der weiß lackierten Türe , hinter der der arme Oskar lag . Damals fürchtete man auch noch für das andere Auge . Es ist wahrhaftig eine tragische Geschichte . « » Eine tragikomische « , verbesserte Heinrich hart . » Sie sehen überall was Tragikomisches . Ich will Ihnen auch sagen warum . Weil Sie ziemlich herzlos sind . Das Komische tritt in diesem Falle doch ganz zurück . « » Sie irren « , erwiderte Heinrich . » Die Ohrfeige des alten Ehrenberg war eine Brutalität , der Selbstmord Oskars eine Albernheit ; daß er sich so schlecht getroffen hat , eine Ungeschicklichkeit . Aus diesen Motiven kann doch nichts Tragisches resultieren . Eine etwas widerliche Affäre ist es , das ist alles . « Georg schüttelte ärgerlich den Kopf . Er hatte für Oskar , seit das Unglück geschehen , wirkliche Sympathie gefaßt . Und auch der alte Ehrenberg , der seither immer draußen in Neuhaus lebte , nur mehr für seine Arbeit , und keinen Menschen sehen wollte , tat ihm leid . Sie hatten beide gebüßt , schwerer als sie es verdient hatten . Vermochte Heinrich das nicht geradesogut einzusehen und zu fühlen wie er ? Sie machten einen wirklich manchmal nervös , diese jüdisch-überklugen schonungslos-menschenkennerischen Leute , diese Bermann und Nürnberger . Daß man sich nur ja von nichts überraschen ließ , das blieb ihnen die Hauptsache . Güte , die war es , die ihnen fehlte . Erst wenn sie älter wurden , kam eine gewisse Milde über sie . Georg dachte an den alten Doktor Stauber , Frau Golowski , an den alten Eißler . Aber so lang sie jung waren ... immer hielten sie sich auf dem qui vive . Nur ja nicht die Dümmern sein ! Eine unbequeme Gesellschaft . Sehnsucht nach Felician , nach Skelton regte sich in ihm , die doch wahrhaftig auch gerade gescheit genug waren ; sogar nach Guido Schönstein . » Bei aller Melancholie aber « , sagte Heinrich nach einiger Zeit , » scheint sich Fräulein Else ganz leidlich zu amüsieren . Es gibt auch schon wieder Besuch auf dem Auhof . Neulich waren die Wyners dort , Sissy und James . James ist in Cambridge Doktor geworden . Nobel , was ? « Der Name Sissy zuckte an Georgs Herzen vorbei , wie ein glitzernder Dolch . Er wußte es plötzlich , in wenig Tagen würde er bei ihr sein . Seine Sehnsucht schwoll so mächtig auf , daß er es selbst kaum begriff . Die Dämmerung sank . Georg und Heinrich erhoben sich , gingen die Wiese hinab und traten in den Garten . Da sahen sie Anna in Begleitung eines Herren den mittleren Weg heraufkommen . » Der alte Doktor Stauber « , sagte Georg , » Sie kennen ihn wohl ? « Man begrüßte einander . » Ich freue mich sehr « , sagte Anna zu Heinrich , » daß ich Sie endlich einmal bei uns sehe . « Bei uns , wiederholte Georg innerlich mit einem Befremden , das er gleich wieder zurücknahm . Er ging mit Doktor Stauber voraus . Heinrich und Anna folgten langsam . » Wie sind Sie mit Anna zufrieden ? « fragte Georg den Doktor . » Es kann nicht besser gehen « , erwiderte Stauber . » Sie soll nur weiter regelmäßig und fleißig Bewegung machen . « Georg fiel es ein , daß er dem Doktor , den er seit seiner Rückkehr zum erstenmal sah , die entliehenen Bücher noch nicht zurückgegeben hatte , und er brachte seine Entschuldigung vor . » Aber das hat ja Zeit « , erwiderte Stauber . » Wenn sie Ihnen nur zustatten gekommen sind . « Und er fragte ihn nach den Eindrücken , die er aus Rom mit nach Hause genommen hätte . Georg erzählte von Wanderungen durch die alten Kaiserpaläste , von Fahrten durch die Campagna im Abendglanz , von einer gewitterschwülen Stunde im Garten des Hadrian . Doktor Stauber bat ihn aufzuhören , sonst könnte es geschehen , daß er alle seine Patienten hier im Stich ließe , um geradewegs nach der vielgeliebten Stadt zu entfliehen . Dann erkundigte sich Georg höflich nach Doktor Berthold . Ob es auf Wahrheit beruhe , daß ihn schon der nächste Winter wieder politisch tätig finden werde . Doktor Stauber zuckte die Achseln . » Er kommt im September zurück . Das ist vorläufig das einzig Sichere . Bei Pasteur ist er sehr fleißig gewesen , und hier im pathologischen Institut will er eine große Serumarbeit weiterführen , die er in Paris begonnen hat . Wenn er mir folgt , bleibt er dabei . Das was er jetzt macht , ist doch wichtiger für die Menschheit als die schönste Revolution , meiner unmaßgeblichen Meinung nach . Freilich , die Talente sind verschieden , und gegen gelegentliche Umstürze habe ich gewiß nichts einzuwenden . Aber unter uns , das Talent meines Sohnes liegt doch mehr auf der wissenschaftlichen Seite . Nach der andern Richtung treibt ihn mehr das Temperament ... vielleicht ausschließlich die Galle . Na , wir werden ja sehen . Aber wie stehts denn mit Ihren Plänen für den Herbst ? « fügte er plötzlich hinzu und sah Georg mit seinem gutmütig-väterlichen Blick an . » Wo werden Sie den Taktstock schwingen ? « » Ja wenn ich das schon selber wüßte « , erwiderte Georg . Und während er dem Arzt , der mit halbgeschlossenen Lidern , die Zigarre im Mund , ihm zur Seite ging , in betonter Wichtigkeit von seinen Bemühungen und Aussichten erzählte , glaubte er zu fühlen , daß alles , was er sagte , von Doktor Stauber nur als Rechtfertigungsversuch für das Aufschieben seiner Verheiratung mit Anna aufgefaßt würde . Eine leichte Gereiztheit gegen sie stieg in ihm auf , die hinter ihnen herging und vielleicht ihre stille Freude daran hatte , daß er von Doktor Stauber gleichsam ins Gebet genommen wurde . Absichtlich schlug er einen immer leichtern Ton an , als hätten seine persönlichen Zukunftspläne mit Anna überhaupt nichts zu tun und sagte endlich lustig : » Ja , wer weiß wo ich im nächsten Jahr um diese Zeit bin , am Ende in Amerika . « » Das wäre nicht das Schlimmste « , erwiderte Doktor Stauber ruhig . » Ich habe einen Vetter , der ist Violinspieler in Boston , ein gewisser Schwarz , der verdient dort mindestens sechsmal soviel , als er hier an der Oper gehabt hat . « Georg liebte es nicht , mit Violinspielern namens Schwarz verglichen zu werden und behauptete daher mit einer Bestimmtheit , die er selbst als übertrieben empfand , daß es ihm für den Anfang überhaupt nicht aufs Geldverdienen ankäme . Plötzlich , er wußte nicht , woher der Gedanke ihm kam , fuhr es ihm durch den Sinn : Wenn Anna stirbt ! ... Wenn das Kind ihr Tod wäre ! Er erschrak aufs tiefste , als hätte er mit diesem Gedanken eine Schuld auf sich geladen . Und im Geist sah er Anna daliegen , das Bahrtuch bis übers Kinn gezogen , und sah das Licht des Tags und der Kerzen über ihr wachsbleiches Antlitz rinnen . Angstvoll beinahe wandte er sich um , wie um sich zu vergewissern , daß sie da war und lebte . Im Dunkel verschwammen ihm die Züge ihres Gesichts , was ihn erschauern machte . Er blieb mit dem Doktor stehen , bis Anna mit Heinrich herangekommen war . Er war glücklich , sie so nah zu haben . » Jetzt wirst du aber doch schon müd sein « , sagte er zu ihr in zärtlichstem Tone . » Mein Pensum hab ich allerdings für heute redlich absolviert « , erwiderte sie . » Im übrigen « , und sie wies zur Veranda hin , wo auf dem gedeckten Tisch die Lampe mit dem grünen Papierschirm stand , » wird auch das Nachtmahl gleich da sein . Es wär hübsch , Herr Doktor , wenn Sie bei uns blieben , ja ? « » Leider , liebes Kind , ist es mir nicht möglich . Ich sollte schon längst wieder in der Stadt sein . Grüßen Sie die Frau Golowski von mir . Auf Wiedersehen . Adieu Herr Bermann . Na « , fügte er hinzu , » wird man bald wieder etwas Schönes von Ihnen zu hören oder zu lesen bekommen ? « Heinrich zuckte die Achseln , lächelte gesellschaftlich und schwieg . Warum , dachte er , werden sogar die besterzogenen Menschen meistens taktlos , wenn sie mit unsereinem zusammenkommen ? Frag ich ihn nach seinen Angelegenheiten ? Der Arzt sprach noch mit einigen Worten Heinrich seine Teilnahme an des alten Bermann Tod aus . Er erinnerte sich an dessen berühmt gewordene Rede gegen die Einführung der tschechischen Gerichtssprache in gewissen böhmischen Bezirken . Damals war es an einem Haar gehangen , daß der jüdische Provinzadvokat Justizminister geworden wäre . Ja , die Zeiten hatten sich geändert . Heinrich horchte auf . Das ließ sich am Ende für die politische Komödie verwenden . Doktor Stauber verabschiedete sich , Georg begleitete ihn zum Wagen , der draußen wartete , und benutzte die Gelegenheit , einige Fragen medizinischer Natur an den Arzt zu richten . Dieser konnte ihn in jeder Hinsicht beruhigen . » Nur schade « , schloß er , » daß die Umstände es Anna nicht gestatten , das Kind selbst zu stillen . « Georg stand gedankenvoll . Ihr konnte es doch nicht schaden ? ... Höchstens dem Kind . Oder auch ihr ? ... Er fragte den Arzt . » Was sollen wir davon reden , wenn es ja doch nicht geht , lieber Baron . Na , machen Sie sich keine Sorgen « , setzte er hinzu und hatte den einen Fuß schon auf dem Wagentritt . » Um das Kind von Ihnen beiden braucht einem nicht bang zu sein . « Georg blickte ihm fest ins Auge und sagte : » Ich werde jedenfalls dafür Sorge tragen , daß es seine ersten Lebensjahre in gesunder Luft zubringt . « » Das ist ja sehr schön « , sagte Doktor Stauber mild . » Aber gesündere Luft als im Elternhaus gibts im allgemeinen für Kinder nirgends auf der Welt . « Er reichte Georg die Hand , und der Wagen rollte davon . Georg blieb einen Augenblick stehen , fühlte eine lebhafte Verstimmung gegen den Arzt und gab sich selbst das Versprechen , es nie wieder zu Gesprächen mit ihm kommen zu lassen , die diesem gewissermaßen das Recht gaben , ungebetene Ratschläge oder gar versteckte Vorwürfe vorzubringen . Was wußte der alte Mann ? Was verstand er im Grunde von der Sache ? Immer heftiger wehrte es sich in Georg . Wann es mir beliebt , sagte er bei sich , werde ich sie heiraten . Könnte sie übrigens nicht das Kind bei sich behalten ? Hat sie nicht selbst gesagt , daß sie stolz darauf sein wird , ein Kind zu haben ? Ich will es ja auch nicht verleugnen . Und ich werde alles tun , was in meinen Kräften steht . Und später , später einmal ... Aber ich beginge ein Unrecht an mir , an ihr , an dem Kind , wenn ich mich heut schon zu etwas entschlösse , wofür es zum mindesten noch zu früh ist . Langsam war er an der Schmalseite des Hauses vorbei in den Garten spaziert . Auf der Veranda sah er Anna und Heinrich sitzen . Eben kam die Marie aus dem Haus , sehr rot im Gesicht , und setzte auf den Tisch eine warme Schüssel , von der der Dampf aufstieg . Wie ruhig Anna dasitzt , dachte Georg , und blieb im Dunkel stehen . Wie wohlgelaunt , wie sorgenlos , als könnte sie mir völlig vertrauen . Als gäbe es nicht Tod , Armut , treuloses Verlassen . Als liebte ich sie so , wie sie es verdient ! Und wieder erschrak er . Lieb ich sie denn weniger ? Darf sie mir denn nicht vertrauen ? Wenn ich dort oben auf der Bank am Waldesrand sitze , quillt manchmal soviel Zärtlichkeit in mir auf , daß ich vergehen möchte . Warum spür ich jetzt so wenig davon ? Er stand nur wenige Schritte entfernt , sah , wie sie verteilte ; dann , wie sie ins Dunkel hineinstarrte , aus dem er kommen mußte , und wie ihre Augen zu leuchten begannen , als er plötzlich ins Licht trat . Einzig Geliebte ! dachte er . Wie er dann bei den andern saß , sagte Anna : » Du hast ja mit dem Doktor eine so lange Konferenz gehabt . « » Keine Konferenz , wir haben geplaudert . Auch von seinem Sohn hat er mir erzählt , der bald wieder zurückkommt . « Heinrich fragte nach Berthold . Der junge Mann interessierte ihn , und er hoffte sehr , ihn im nächsten Winter kennen zu lernen . Die Rede voriges Jahr über den Fall Therese Golowski und dann der offene Brief an seine Wähler , in dem er die Gründe seines Rücktrittes dargelegt hatte , das waren Leistungen hohen Ranges gewesen ... Ja und mehr als das Dokumente der Zeit . Über Annas Antlitz flog ein leichtes , beinahe stolzes Lächeln . Sie sah auf ihren Teller nieder und dann rasch zu Georg auf . Auch Georg lächelte . Keine Spur von Eifersucht regte sich in ihm . Ob Berthold ahnte ... ? Gewiß . Ob er litt ? ... Wahrscheinlich . Ob er Anna verzeihen könnte ? Daß man da erst verzeihen mußte ! Wie dumm . Ein Gericht Schwämme wurde aufgetragen , bei dessen Erscheinen Heinrich die Frage nicht unterlassen konnte , ob sie etwa giftig wären . Georg lachte . » Sie brauchen mich nicht zu verhöhnen « , sagte Heinrich . » Wenn ich mich umbringen wollte , würde ich weder vergiftete Schwämme , noch verdorbene Wurst , sondern ein edleres und rascheres Gift wählen . Man ist zuweilen lebensüberdrüssig , aber man ist nie gesundheitsüberdrüssig , selbst für die letzte Viertelstunde seiner Existenz . Und im übrigen ist die Ängstlichkeit eine ganz rechtmäßige , nur meistens schändlich verleugnete Tochter des Verstandes . Denn was heißt Ängstlichkeit ? Alle Möglichkeiten in Betracht ziehen , die aus einer Handlung erfolgen können , die schlimmen geradeso wie die guten . Und was ist Mut ? Ich meine natürlich den wirklichen , der viel seltener vorkommt , als man glaubt . Denn der affektierte , oder kommandierte , oder suggerierte Mut zählt doch nicht . Der echte Mut ist oft gewiß nichts anderes als der Ausdruck für eine sozusagen metaphysische Überzeugung von der eigenen Überflüssigkeit . « Du Jude , dachte Georg ohne Feindseligkeit , und dann : er hat vielleicht nicht so unrecht . Das Bier , von dem Anna nicht trank , schmeckte so gut , daß die Marie um einen zweiten Krug ins Wirtshaus geschickt wurde . Man kam in behagliche Stimmung . Georg erzählte wieder von der Reise : von den sonnenschweren Tagen in Lugano , von der Fahrt über den beschneiten Brenner , von der Wanderung durch die dächerlose Stadt , die nach zweitausendjähriger Nacht dem Licht entgegendrängte ; er beschwor den Augenblick wieder herauf , in dem sie dabei gewesen waren , er und Anna , als Arbeiter vorsichtig und mühevoll eine Säule aus der Asche herausschaufelten . Heinrich hatte Italien noch nicht gesehen . Im nächsten Frühjahr wollte er hin . Er erklärte , daß er sich manchmal in Sehnsucht verzehre , wenn auch nicht gerade nach Italien , doch nach Fremde , Ferne , Welt . Manchmal , wenn er vom Reisen sprechen hörte , bekäme er Herzklopfen wie ein Kind am Vorabend des Geburtstages . Er zweifelte , daß es ihm bestimmt war , sein Leben in der Heimat zu vollenden . Vielleicht auch , daß er nach jahrelangen Wanderungen zurückkehrte , in einem kleinen Haus auf dem Land den Frieden seiner spätern Mannesjahre fände . Wer weiß , es gäbe ja so seltsame Zufälle , ob ihm nicht bestimmt war , gerade in diesem Haus sein Dasein zu beschließen , in dem er nun eben zu Gaste sei und sich so wohl fühle , wie schon lange nicht . Anna bedankte sich , als wäre sie nicht nur hier in der Villa Hausfrau , sondern innerhalb dieser ganzen , abendlich-stillen Welt . Aus dem Dunkel des Gartens begann es milde zu leuchten . Von den Gräsern und Blumen kam feuchtwarmer Duft . Die längliche Wiese , die zum Gitter hinlief , schwebte im Mondenschein empor , und die weiße Bank unter dem Birnbaum schimmerte her , wie von sehr ferne . Anna sagte zu Heinrich Freundliches über die Verse aus dem Operntext , die Georg ihr neulich vorgelesen hatte . » Ja richtig « , bemerkte Georg , die Beine behaglich gekreuzt und eine Zigarre rauchend , » haben Sie uns etwas Neues mitgebracht ? « Heinrich schüttelte den Kopf . » Nein , nichts . « » Wie schade « , sagte Anna und machte den Vorschlag , Heinrich sollte doch den Gang der Handlung geordnet und ausführlich erzählen . Schon lange wünschte sie sich das . Aus Georgs Berichten ließe sich kein klares Bild gewinnen . Sie sahen einander an . Die dunkle , süße Stunde stieg vor ihnen auf , da sie Brust an Brust geruht in einem dunkeln Zimmer , vor dessen Fenstern hinter wallendem Schneevorhang eine graue Kirche verdämmert und in das Orgeltöne dumpf geklungen waren . Ja , nun wußten sie , wo das Haus stand , in dem das Kind zur Welt kommen sollte . Auch ein anderes , dachte Georg , steht vielleicht schon irgendwo , in dem das Kind , das heute