alle Tage , sie fügte sich nicht so schnell als seine Einsicht . Von jeher gewohnt , zwischen festen Grundsätzen einherzuschreiten , lehnte sie sich jetzt täglich auf , und verlangte die alte Prüfung , den alten Kritizismus . So erziehen sich die besonnenen Menschen die aufmerksamsten und zuzeiten störendsten Schulmeister in ihrem Busen , und es mag oft ein leichtsinniger Mensch eher gesetzt und besonnen werden , als ein gesetzter leichtsinnig . Jener leichte Sinn war es wenigstens , nach welchem Valerius so sehnlich verlangte , bisher immer umsonst verlangte . Diesmal trat er aber wirklich heiterer als gewöhnlich in den Saal . Der Anblick eines Balles war ihm von jeher angenehm . Die zur Freude versammelten Menschen , die zur Freude geputzten Damen , die zur Freude herausfordernde Musik gewährten ihm immer den besten Eindruck . Es stimmte auch völlig zu seinen Ansichten , die Fröhlichkeit , den heitern Genuß zu erzeugen nach allen Kräften . Durch diesen Kanal der sogenannten Lebensphilosophie hatte nun einmal alles zu ihm dringen müssen , und wenn er auch jetzt anfing , dieses gemachte Wesen mit Unzufriedenheit anzusehen , wenn er sich auch lebhaft nach jener Unbefangenheit sehnte , die allen Reiz der Unmittelbarkeit über uns schüttet , so konnte er sich doch , wie gesagt , nicht so schnell seiner Vergangenheit entäußern ; er mußte es geschehen lassen , daß der eben auf ihn anbringende gefällige Eindruck zum Teil in früheren Lehrsätzen seinen Ursprung hatte . Es war aber auch wirklich ein erheiternder Anblick , der sich ihm darbot . Die polnischen Damen , berühmt durch die frische , lebendige Schönheit , jubelten in ihren stürmischen Nationaltänzen umher , der elastische Takt des Masurek hob sie wie beflügelt über den glatten Boden hin , die blitzenden Augen leuchteten siegestrunken , alle Bewegungen der weißen Arme waren kühn und schön - es war der Triumph des Vaterlandes , den sie tanzten . Man sah es , daß alle Kräfte und Fähigkeiten höher gespannt waren als im Alltagsleben , und wenn sich zuweilen jene einzelnen melancholischen Klänge ankündigten , die fast in keiner polnischen Nationalmusik fehlen , so dienten sie nur dazu , das Übermütige der Lust , wie es an vielen Orten emporschlug , in milde Poesie zu wandeln . Man sah es , daß ein wirkliches Fest gefeiert wurde , daß eine gemeinschaftliche Seele durch alle wogte , und solch eine Freude teilt sich mit und dringt auf alles ein wie die erquickende Frühlingsluft , die an einem sonnigen Tage über ein Land daher zieht . Valerius fühlte sich plötzlich von einer so überschwellenden Bewegung ergriffen , daß er hätte aufjauchzen mögen vor Freude . Er glich damals in allem einem Bergstrome , der heute bis auf den Grund vertrocknet , morgen brausend über die Ufer schlägt , wenn ein warmer Regen in seine Schneeberge gefallen ist . Die Polen gewährten in ihrer kurzen Periode der Unabhängigkeit eine merkwürdige Erscheinung . Mit ihrem liebenswürdigen Leichtsinne genossen sie die plötzlich erschienene Freiheit - oft stand der Feind nur einen Kanonenschuß von ihnen entfernt , und sie jubelten und jauchzten , als ob sie in alle Ewigkeit gesichert wären . In allem Glanze erschien damals jene nationale Poesie sanguinischer Völker , jeden Augenblick des Daseins auszukaufen , und auch den äußersten noch für eine Freude zu erbeuten . Dieses Element imponierte Valerius , dem Sklaven der Zukunft , über die Maßen . Er glaubte darin den Sieg eines starken Herzens über alle Äußerlichkeit zu sehen , und erregt von glücklicher Teilnahme stand er an die Wand gelehnt , dem fröhlichen Treiben zuschauend . Der Masurek ging zu Ende , die Tänzer drängten sich durcheinander , Valerius fühlte sich bei der Hand ergriffen ; es war Graf Stanislaus , der vor ihm stand und ihn auf das herzlichste begrüßte . Alle schönen Elemente , die man an den Polen bemerkt , wenn sie im bewegten Kriege oder auf der raschen Reise an uns vorüberfliegen , alle diese einnehmenden ritterlichen Vorzüge besaß der junge Graf . Er war hoch , schlank und schön , sein Haar glänzte in jener polnischen Mittelfarbe zwischen blond und braun , und ein solcher Flaum flog kraus über seine Wangen und Lippen hinweg . Mehr als gewöhnlich drückte sich der Nationalzug einer leichten Melancholie in seinem Antlitz aus , und Valerius fühlte ihm gegenüber zum ersten Male das gesellige Vertrauen , welches zu offener , rückhaltsloser Mitteilung ermutigt . Diesen wesentlichen Reiz im Umgange mit Deutschen hatte er bis jetzt in diesem Lande völlig entbehren müssen : alle Menschen , denen er begegnet war , hatten ihm entweder eine leichtsinnige Oberflächlichkeit , oder eine versteckte , mißtrauische Art des Wesens bekundet , und wenn er sich darin geirrt hatte , so war er doch von niemand vertraulich , mitteilend angeregt worden . Joel war viel zu sehr mit eigenem Leid bedeckt , als daß man ihn noch hätte zur Teilnahme an solchen feineren Dingen auffordern können , wie es nationale Unterschiede , historische Richtungen für einen jungen Menschen sein mußten , der mit den ersten Lebensbedingungen des Herzens und der Gesellschaft zu kämpfen hatte . Man darf sich also nicht verwundern , wenn Valerius tief aufatmete , als er solch ein Zutrauen weckendes Leben bald nach den ersten Worten der Begrüßung in seinem neuen Bekannten entdeckte . Er fühlte sich nun plötzlich nicht mehr allein in dem fremden Lande , und nun schien es ihm auch schnell , als ob dies der einzige Grund seiner bisherigen Mißstimmung gewesen sei . Starke Menschen sind nur zu geneigt , tiefe , chronische Krankheiten ihres Geistes und Herzens wegzuleugnen , sobald sie irgend eine äußere Veranlassung entdecken , welcher sie das innere Unbehagen ihres Wesens zur Last legen können . Es ist gewiß wahr , daß Nationalitäten , die so wenig Berührungspunkte haben , als die deutsche und polnische , die unbequemsten Zustände erzeugen können , wenn der Vertreter der einen Landesart plötzlich mitten in das andere Land geworfen wird . Aber die Krankheit des Valerius lag tiefer . Dem sei nun wie ihm wolle , er glaubte einen vermittelnden Genius zwischen den verschiedenen Volkssitten in Stanislaus gefunden zu haben ; er gab sich ihm mit aller Schwärmerei einer so unerwarteten Freude hin , und so wie Gleiches immer Gleiches erzeugt , ward auch des jungen Grafen Herz durch solche Wärme immer offener und liebender ; sie strichen Arm in Arm im Saale auf und nieder , und redeten sich bald so tief in Interessen und Freundschaft hinein , daß sie , Tanz und Gesellschaft vergessend , in die Seitenzimmer traten , um ungestört über Herzen und Völker sprechen zu können . Graf Stanislaus gehörte zu der jungen Generation Polens , die in vielem wesentlichen abweicht von dem überlieferten Begriffe , den wir von diesem Volke haben . Schon von der ersten Teilung Polens datiert ein neues Moment der Bildung in Polen . Der einheimische Jammer trieb sie auf Reisen . Mancher neue Bildungsstoff kam mit den Heimkehrenden zurück . Aber die Umgestaltung des innersten Wesens eines Volkes macht sich nicht durch einige Reisende , jener slawische Grundstoff einer gewissen Wildheit war nicht im Handumwenden zu beseitigen , und die äußeren Einwirkungen ließen einer tieferen Läuterung des Volkscharakters keine Zeit . Die Teilungen des Landes nahmen alle Kräfte gegen außen in Anspruch . Indes offenbarte sich schon damals in der Konstitution vom 3. Mai 1793 jenes neue Zivilisationsmoment , von welchem hier die Rede ist , und der Hauptvertreter dieser neuen polnischen Richtung erschien in dem sanften und milden Thaddäus Kosciusco . Schon damals bildete sich eine preiswürdige Mehrheit , welche alle Forderungen der Humanität zu berücksichtigen , die barbarischen Überreste der polnischen Gewohnheiten zu vernichten und das Volk aus der Knechtschaft zu ziehen trachtete . Dieser Keim ist nicht untergegangen ; die fortwährenden Stürme , welche das Land heimsuchten , haben seine besten Männer in allen Ländern Europas umhergeführt , und als die Revolution von 1830 ausbrach , fand sie eine Schar im Unglück gebildeter Polen , welche aller neuen Erfindungen der Zivilisation mächtig , und über die alten Nationalvorurteile hinausgehoben waren ; ja sie fand eine Jugend , welche nicht nur für die Freiheit , sondern auch für alle Forderungen einer modernen Humanität schwärmte . Zu dieser Jugend gehörte Graf Stanislaus . Und dieser junge Mann gestand dem Valerius , daß er nur in den Stunden des Siegesrausches an ein glückliches Ende dieses Kampfes glaube . Und dabei trat jener polnische Schmerzenszug wie das tränenweiche Gesicht eines Mädchens auf seine Züge , in seine Augen . » Die Revolution , « sprach er , » hat uns übereilt , noch liegen alle Bestandteile eines neuen Volkslebens chaotisch in uns durcheinander , noch ist die persönliche Eitelkeit , unser Erbübel , zuwenig gebrochen von der uneigennützigen Bildung , die ungeordneten Massen unserer bedeutendsten Kräfte werden sich in den Weg treten , und vereinzelt überwunden werden . « Bei diesen Worten , welche Valerius mit tiefer Trauer anhörte , waren sie wieder an die Tür gekommen , die in den Saal führte . Vom Orchester herab rauschte eine Polonäse . Das ist der polnische Nationaltanz , welcher den ganzen Stolz des Volkscharakters ausdrückt , eine üppige Erinnerung an die früheren patriarchalischen Zustände . Es liegt eine siegreiche Unabhängigkeit in ihren Rhythmen , und sie scheint aus den frühesten Zeiten zu stammen , wo das Volk noch ohne Störung in aller Breite sich ausdehnen konnte , durch keinerlei Feindschaft zu Hast und Ungestüm aufgeregt wurde , wo es seiner sonnenlichten und prächtigen Heimat in Asien noch eingedenk war . Ein eisgrauer alter Pole führte sie an , und zum lebhaften Erstaunen Valerius ' war Hedwig seine Dame . Das schöne Mädchen strahlte in seiner Frische und in der lebhaften , phantastischen Nationaltracht wie die ewig junge Schutzgöttin des Landes selbst , die nur eben in ihrer Flüchtigkeit oft andere Dinge neugierig betrachtet als das ihr anvertraute Land . Auf dem schönen Haare trug Hedwig ein zierliches , blitzendes Kaskett , und rot und weiß war ihre übrige blendende Tracht , bis auf die kleinen karmoisinfarbenen Halbstiefel , welche das hochgeschürzte Kleidchen mit aller Zierlichkeit des schöngeformten Beines sehen ließ . Kurze Handschuhe bedeckten nur den Unterarm , der übrige Arm , Nacken , Schulter bis an die mutig schwellende jungfräuliche Brust war lustig entblößt , und das fröhliche Fleisch lachte harmlos mit den strahlenden Augen . Valerius hatte sein inniges Vergnügen an diesem Anblick . Sein krankhafter Zustand war in der letzten Zeit so groß geworden , daß auch die weibliche Schönheit keinen Reiz für ihn hatte , nur die vollendetsten Formen konnten seinem künstlerischen Sinne ein flüchtiges Behagen erwecken , alle Sinnlichkeit - und es gibt eine solche von schöner Art - hatte völlig in ihm geschwiegen , alles Blut schien aus ihm gewichen zu sein . Indes , die Jugendlichkeit Hedwigs war nicht ohne eine Art von Erfrischung für ihn gewesen ; jetzt sah er zum ersten Male das schöne herausfordernde Mädchen in ihr , und der freundliche Gruß , den sie ihm nickte , belebte seit langer Zeit zum erstenmal sein Auge mit dem muntern Wohlgefallen , das der Anblick eines schönen Mädchens erweckt . War es ihm doch , als ob er die hohe Frauengestalt , die hinter Hedwig an der Hand des Grafen Kicki einherschritt , schon irgendwo gesehen ! Sein Blick hatte zu fest auf jener geruht , und die andere war ihm dunkel wie eine Nebenerscheinung vorübergeglitten ; der Glanz und das Klirren des Tanzes zog seinen jetzt erweckten Sinn vom Nachdenken ab , er schwelgte in diesem halbkriegerischen Triumphzuge . Fast alles war im Kriegskostüm , die meisten polnischen Tänze wurden von den Männern mit Sporen getanzt , und in der Polonäse fehlte auch der klirrende Säbel nicht . Die schlanken Gestalten , das pulsierende Leben in den kleinsten Bewegungen , der Glanz der Augen , das Blendende in der freien Schönheit der lebhaften Frauen , die rauschende Musik , - alles das versetzte den sonst so trüben Deutschen in eine Art von Rausch . » Es wäre entsetzlich , « wendete er sich zu Stanislaus , » wenn diese Nation wieder unterläge . « » Sie tanzen bis zum Grabe , « erwiderte dieser mit trauriger Stimme . Valerius ' Augen folgten dem leichten Schritte der schönen Hedwig , und wie von einem Schrecken getroffen , dachte sein Herz plötzlich an Joel : » In welcher dunklen Judenstube mag der Arme jetzt sitzen mit dem alten Manasse ! Welch ein düsterer Gegensatz zu diesen in Licht und Glanz schimmernden Sälen ! - O , können sie denn nie aufhören , diese grellen Kontraste der bürgerlichen Gesellschaft ! « Der Tanz war beendigt - wahrlich , jene Tänzerin des Grafen Kicki , jene hohe Gestalt , sie war es , die Fürstin Konstantie ! Wie kam sie aus Deutschland mitten in diese ferne Stadt des Krieges ? Valerius wußte nicht , ob er sich freuen sollte oder sich betrüben , es war wie ein Schreck , was ihn durchbebte , und er redete sich vor , die stolze , aristokratische Frau werde mit Hohnlächeln das verworrene Treiben einer jungen Freiheit betrachten , und dies sei es , was ihn befangen habe bei ihrem Anblick . Während ihm diese Gedanken durch Kopf und Herz flogen , war die Fürstin neben dem Grafen Kicki ganz in seine Nähe gekommen und betrachtete Valerius mit festem , beinahe herausforderndem Blicke . Dieser , der eine unerklärliche Scheu empfand , die Bekanntschaft mit ihr zu erneuern , blieb einen Augenblick unschlüssig und ohne Bewegung , es mochte auch der natürliche Trotz sein gegen jene befehlenden Augen . Aber er glaubte plötzlich einen weichen , schmerzlichen Zug um den sonst so stolzen Mund zu sehen , das Verlangen , eine Landsmännin zu begrüßen , übermannte ihn , wie er glaubte , und er ging langsamen Schrittes ihr entgegen , um sich ihr vorzustellen . Eine schnelle Freude flog über ihr edles Gesicht , und sie empfing ihn auf das Verbindlichste . » Sie sind so blaß , Herr Valerius ? Sind Sie krank ? « fragte sie mit weicher Stimme , » und auf der Stirn haben Sie eine große Schmarre ? « Sie hatte Französisch gesprochen , und Graf Kicki übernahm die Antwort : » Herr von Valerius übernimmt sich in Anstrengungen für unser Vaterland , bei Grochow ist er auf dem Walplatz liegen geblieben , und wir haben ihn lange für tot gehalten , unterdes hat er sich in den Wäldern mit marodierenden Russen herumgeschlagen - wahrhaftig , Herr von Valerius , Sie müssen eine Zeitlang den Dienst aussetzen und sich erholen - wenn wieder eine schöne Aussicht für uns Reiter kommt , eine schöne Fläche und jenseits himmelhohe Kürassiere , dann ruf ' ich Sie , zuverlässig , Herr von Valerius , dann ruf ' ich Sie . « - Damit beurlaubte er sich bei der Fürstin , indem er artig versicherte , der junge tapfere Landsmann würde sie am interessantesten zu unterhalten verstehen , und dem Hause des Wirtes soviel Ehre machen , als er seinem deutschen Vaterlande Ruhm bereite durch seine Tapferkeit für eine unterdrückte Nation . Graf Kicki war der polnische Alcibiades : schön wie ein Gott , tapfer bis zur Verwegenheit , heiter , galant , liebenswürdig , ritterlich , war er der Abgott der polnischen Damen , der fabelhafte Paladin des Krieges . Alles schrie seinen Namen , wenn er durch die Straßen sprengte , die Damen eilten aus Fenster , und warfen Blumen auf ihn hinab , und kein Geliebter , kein Gatte verargte dies : der schöne Kicki war der Repräsentant ihrer nationalen Liebenswürdigkeit . Lächelnd und unbefangen , als wäre er aus einem Ritterroman heraus in die Straßen gesprengt , nahm er das alles auf , und grüßte rechts und grüßte links , und verschwand auf dem brausenden Rosse . Die Fürstin sah ihm nach und sagte mit jenem vornehmen Abandon , den Valerius schon an ihr kannte , gleich als ob sie sich bereits den ganzen Abend mit dem wiedergefundenen Bekannten unterhalten hätte : » Wahrhaftig , ein schöner Mann , und ein glücklicher Mann , « setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu , » schön und glücklich sind die meisten dieser phantastischen Nation , sie leben in einem kindlichen Leichtsinne , einer liebenswürdigen Oberflächlichkeit dahin , als wäre das Leben ein Karneval , selbst die Idee ihres Vaterlandes ist ihnen eine stehende Maske geworden , für die man schwärmen und sich totschlagen lassen muß - still , still , ich spreche frivol in meiner Ballstimmung ; Sie sind ein tiefsinniger , ernster Mann , ich weiß es . Machen Sie mir nicht das alte Professorgesicht , ich nehm ' es ja zurück , das bunte Zeug , man muß die heiligen Dinge einer Nation nicht bespötteln , wo nähmen wir am Ende die Götter oder Götzen her , welche die Gesellschaft halten und das Höhere von dem Niederen scheiden - wie geht ' s Ihnen , Herr von Valerius ? So heißen Sie ja wohl hier ? Wo ist Ihr Haß gegen den Adel geblieben , daß Sie sich auf einmal solch ein adeliges von gefallen lassen ? « Valerius konnte sich eines Lächelns nicht erwehren , was zum Teil von dem gefälligen Eindruck herrührte , welchen die überwältigende Schönheit der Fürstin auf ihn machte . Sie hatte , während sie unter dem Sprechen einige Schritte im Saale hin ging , den Handschuh vom Arm gestreift , um eine neugierige Locke festzustecken , welche ihr auf den Busen herabgefallen war . Ihr voller Arm lockte in seiner Krümmung das Auge des Begleiters , der warme Handschuh , den er hielt , strömte das Frauenleben verführerisch in seine Nerven , und es war nicht zu verwundern , wenn Valerius diesmal die neckenden Herausforderungen der Fürstin unbeantwortet ließ , und kaum mit halben Worten etwas auf die letzte erwiderte . » Es ist nicht wie in Deutschland , Durchlaucht , mit den Titulaturen , die Leute fragen nicht nach meiner Geburt , ich gehöre zur höheren Klasse , und da werde ich Valeriuski , von Valerius genannt , ich mag wollen oder nicht . « » Ganz recht , « nahm die Fürstin die Rede auf , und ließ sich ihren Handschuh wiedergeben , » dies Land der Aristokratie ist darin liebenswürdig , die kleine adelige Gewürzkrämerei Deutschlands ist ihnen unbekannt - ein freier unabhängiger Mann ist ein Edelmann - aber antworten Sie doch , Herr von Valerius , wie geht ' s Ihnen - lassen Sie mir diesen Namen : Herr von Valerius ; ich muß Ihnen die Schwäche gestehen , daß es mir leichter ist , als das harte Herr Valerius . Dies von ist mir durch die Gewohnheit so notwendig geworden , man ist in Deutschland nur mit solchen Leuten umgeben , die es führen , Sie sind mir fremder , wenn ich es weglasse , und ich möchte nicht gern , Herr von Valerius , daß Sie mir fremder seien , als Sie sich ohnedies machen . Antworten Sie mir recht offen : Wie geht ' s Ihnen ? Sind Sie glücklich , sind Sie zufrieden ? « Valerius schüttelte wehmütig den Kopf . » Das freut mich , Sie werden mich nicht mißverstehen , Sie sind ein Poet und erraten meinen Ideengang , oder doch irgend einen . Es soll Ihnen nicht gut gehen bei diesem törichten Leben - die Menschen sind der Opfer nicht wert , und warum vernachlässigen Sie diejenigen , die Ihnen nahe stehen , um ins Blaue hinaus für die Menschheit zu wirken ! Was ist die Menschheit ? Der Mensch , der neben Ihnen steht . Sprechen Sie nichts darüber , ich bitte ; ein andermal , nicht hier . Kennen Sie dort das schöne Mädchen , bei dessen Anblick sich vorhin Ihr trauriges Gesicht belebte ? - Ja , ja , ich habe Sie beobachtet , wären Sie ein anderer Mann , o würde ich glauben , jene unerfahrenen jungen Augen hätten eben in aller Unschuld Ihr Herz getroffen , aber Sie haben keine Zeit zu solchen Dingen , Ihre historischen Gedanken lassen Sie nicht zu Privatneigungen kommen . Nicht wahr , ich kenne Sie ? - Indessen , gerade die große Jugend dieses schönen Mädchens könnte Ihnen gefährlich werden , ich weiß , Sie suchen jene Unbefangenheit , weil Sie eine dunkle Ahnung haben mögen , daß sie Ihnen selbst fehlt . - Ihr Gesicht voll Verwunderung , Herr von Valerius , ist für mich sehr unterhaltend , es steht Ihnen völlig neu und originell , da sie sonst immer alles wissen und durch nichts überrascht werden , oder wenigstens durch nichts sich überraschen lassen . Es ist da nichts zum Verwundern , wir Frauen bemerken es nebenbei , ohne daß wir handwerksmäßig auf das Beobachten ausgehen , und unsere Bemerkungen sind oft tiefer , weil es die schnellen Gefühle sind , von denen sie uns zugetragen werden . Fast jede Frau betrachtet eine neue Männerbekanntschaft mit den Beziehungen der Liebe , der Mann mag noch so reizlos und uninteressant sein , die Frau forscht überall an ihm , ob nichts Liebenswürdiges aufzufinden sei , und solange sie nicht vom Gegenteil überzeugt ist , wird ihr der Mann nicht völlig gleichgültig . Das Lieben und Geliebtwerden ist nun einmal unser Element - natürlich ist es dabei nicht immer auf Liebesverhältnisse abgesehen , was man so zu nennen beliebt , sondern nur auf die Frage des Interesses oder der Gleichgültigkeit . Ich bin aufrichtig und sage , was die meisten Frauen verschweigen . Sie können nun aber auch meinen Beobachtungen Glauben schenken und sie der Berücksichtigung wert achten - lieben Sie jenes Mädchen , oder sind Sie auf dem Wege sie zu lieben ? Geschwind , ohne Ausflucht . « Valerius lächelte und gestand , daß ihm Hedwig heut zum erstenmal als ein schönes Mädchen aufgefallen sei , übrigens drückte er nicht ohne eine leichte Ironie der Fürstin seine Verwunderung aus über solch ein plötzliches und ungewöhnliches Verhör . » Ich glaub ' es , « fiel sie ihm schnell in die Rede , und eine leichte Röte flog über ihr Angesicht , » ich glaub ' es ; Historiker wie Sie , begreifen das nicht . Das sind die Staatsangelegenheiten der Weiber , in diesem Fache müssen wir von allem genau unterrichtet sein ; wir haben auch unsere historischen Interessen . Wer wird auch so ungezogen sein und eine Dame gleich bei der ersten Begrüßung fragen , was sie plötzlich aus Deutschland nach Polen geführt habe . Sie müssen sich diplomatisch ausbilden ; nach dem Zweck und Ende fragt man wie billig eben am Ende , wenn man sich die Hand zum Abschiede drückt . Ich langweilte mich in Deutschland , mein lieber Landsmann , ich sehe die Menschen am liebsten in ihren Leidenschaften , da tritt alle Schönheit , aller Rest von Göttlichkeit hervor , da ist das Leben aus dem Sumpfe der Gewöhnlichkeit erhoben , ich habe nicht Lust , meine Jugend reizlos hinzubringen ; die Zeit kommt früh genug , wo man nicht mehr reizt , nicht mehr gereizt wird , und nichts Besseres tun kann als lesen und denken und philosophieren und Befriedigung und Ruhe nach innen und außen suchen . Was mir Interesse verspricht , das such ' ich auf ; wenn Sie durchaus Tugend haben wollen , nun wohl , ich halte das für Tugend , Gottes Welt so schön zu finden , als es unsere Kräfte nur immer erlauben . Also Sie kennen dies Mädchen schon länger ? Erzählen Sie mir doch , was Sie hier für ein Leben getrieben haben ; armer Mann , der schwere Hieb über den Kopf konnte Sie töten . So viel ist doch die Geschichtskenntnis nicht wert . Freilich , was ist der Mann , der nicht mit dem Leben zu spielen vermag ; Sie haben ganz recht , und die Schmarre und der Schnurrbart stehen Ihnen gut . Bei solchen denkenden Leuten haben die Beweise des männlichen Mutes etwas Rührendes , bei den leeren Köpfen sieht es leicht so aus , als gehörte das zum Handwerk . Aber Sie müssen noch leiden , die Wunde hat noch ein frisches Ansehen , ein ganz frisches , Sie Armer . Nicht wahr , Sie werden dem Kicki folgen , und sich eine Zeitlang schonen , nicht wahr ? Es ist mir ganz neu an Ihnen , daß Sie so freundlich lächeln und eine schwatzhafte Frau so liebenswürdig anhören können . Indessen , mein junger Landsmann , Sie müssen ein anderes Leben hier beginnen , wenn Sie nicht in vage , gefährliche Verwirrnisse geraten wollen . Wo waren Sie heut abend , ehe Sie so spät in diesem Saale erschienen ? « Valerius sah sie verwundert an . » Im patriotischen Klub waren Sie , mitten unter den wildesten , exaltiertesten Demokraten , mit denen in kurzem der offene Kampf losbrechen wird ; lassen Sie diese ultrademokratischen Dinge , die Ihnen gar nicht einmal so natürlich sind , als Sie glauben . Sie haben sich vielmehr diese Grundsätze als eine Art von Tugend angeeignet , weil Sie aus Trieb nach Charakterstärke eine Art Schwärmer sind , ein Systematiker . « Hier unterbrach der Graf Kicki die Fürstin und führte sie zur Tafel . Valerius stand überrascht von all den plötzlichen Erscheinungen , die wie ein lustiges Gewitter über ihn hereingebrochen waren , und bemerkte es kaum , daß Hedwig und Stanislaus zu ihm traten , und daß das fröhliche Mädchen über seine Geistesabwesenheit lachte . Aber er fühlte es mit innigem Behagen , als sie ihren Arm in den seinen legte . Den andern reichte sie Stanislaus und unter ihren Scherzen und liebenswürdigen Vorwürfen , daß der Herr von Valerius sie auf eine abscheuliche Weise ignoriert und kaum von weitem gegrüßt habe , kamen sie in den Speisesaal . Die Fürstin saß nicht weit von ihnen , und ihre Augen sahen mit einem seltenen Gemisch von Wehmut und Lebhaftigkeit auf den jungen Deutschen , wenn er angelegentlich mit Hedwig plauderte , und wenn seine Augen mit unverhehltem Wohlgefallen auf den Zügen des glänzenden Mädchens ruhten . Sie saß dicht neben ihm , und wenn sie eilig eine Bemerkung mitzuteilen hatte , da war ihre rote Wange , ihr fröhlicher , kleiner Mund so dicht an dem bleichen Gesichte des Nachbars , daß selbst ein unbefangener Zuschauer hätte glauben können , statt der Worte würden einmal plötzlich Küsse gewechselt werden . Stanislaus saß ohne Aufmerksamkeit für die beiden schwatzenden Leute neben ihnen . » Ich bin nur neugierig , « sagte Hedwig , » was aus uns beiden Verlobten werden soll , wenn wir immer so wenig Zeit füreinander haben , sehen Sie nur , wie Stanislaus unverwandten Auges da hinüber guckt nach jenem alten Schnurrbart , ich wollte , Sie wären mein Verlobter , Valerius , Sie erzählen mir doch hübsche Geschichten , aber sind Sie auch so gut , so gut und lieb wie Stanislaus ? Sie glauben es nicht , wie sehr er ' s ist , wie sehr ! « » Und denken Sie gar nicht an den armen Joel ? « sprach leise Valerius . Hedwig errötete , schlug die Augen nieder und sagte nach einer Weile mit noch leiserer Stimme : » Ach der arme Joel ! - Aber - ach , was weiß ich . « Als die Tafel aufgehoben wurde , geleiteten die beiden jungen Männer Hedwig an den Wagen , sie war müde und schläfrig , und sagte ihnen kaum » Gute Nacht . « Beide stiegen die Treppen wieder hinauf , da begegnete ihnen jener alte Schnurrbart , den Stanislaus während des Essens unablässig betrachtet hatte . Es war ein bejahrter stattlicher Mann , sein hartes und stolzes Gesicht war von einem starken grauen Knebelbarte beschattet , einem feineren Beobachter entgingen aber jene Winkel seiner Züge nicht , in welchen eine lauernde Verstellung , oder List oder Geschmeidigkeit kauerte ; es war nicht leicht , das richtige Wort dafür zu finden . Seine Kleidung war sehr einfach und unscheinbar , aber national , der Bediente reichte ihm einen alten Militärmantel , und Stanislaus , der sich schnell bei seinem Freunde verabschiedete und mit jenem Alten die Treppe wieder hinabstieg , nannte ihn » Herr General . « Es kamen indes mehr Gäste , die sich entfernten ; Valerius fürchtete , seine schöne Landsmännin nicht mehr zu finden , er ließ sich keine Zeit , nach dem Namen dieser Erscheinung zu fragen , die ihm interessant war . Die Fürstin ging im Saale auf und nieder , umringt von einer Menge polnischer Herren . Ihre Schönheit hatte die lebhaften Männer angezogen , und ihr gewandter Geist spielte mit den feurigen Huldigungen , welche diese Nation mit dem ihr eigenen ritterlichen Ungestüm darbrachte , und immer eifriger darbrachte , je spröder , leichter und vornehmer die Fürstin dergleichen aufnahm . Keiner sah sich sonderlich beachtet , jeder war zuversichtlich , und ihr Eifer , die Aufmerksamkeit der reizenden Frau zu fesseln , wurde immer lebhafter , je weniger Konstantie davon Notiz nahm . So bildete sich jene stürmische Unterhaltung um sie her , wo im Grunde niemand Anteil an dem Gegenstande des Gesprächs nimmt , obwohl alle dafür zu glühen scheinen , jene Unterhaltung des Egoismus , wo nur jeder hervorzutreten trachtet . Valerius hörte eine Zeitlang hin und folgte mechanisch der Gruppe ; die Fürstin sah ihn nicht , und es schien ihm , als läge ein ungewöhnlicher Ernst auf ihrem Gesichte , ein Ausdruck von Kummer , den er niemals auf diesen ungetrübten Formen erblickt hatte . In der Mitte des Saales wartete er , bis die Gruppe vom andern Ende wieder zurückkam , dann ging er ihr entgegen . Denn die Flanken dieser Schlachtordnung waren so stark besetzt , daß man zu der belagerten Festung nicht durchzudringen vermochte . Konstantie lächelte , als sie ihn kommen sah