fröhlich an . Er bückte sich und wühlte unter feuchtem , altem Laube kleine , weiche , blaue Blumen , die Lieblinge des Menschenherzens , ganz ans Licht . Einhart stand ewig . Er hielt die Veilchenköpfchen sorglich aufgerichtet über der braunen Erde , ohne sie zu brechen . Er ging am Beete entlang Schritt für Schritt , allen kleinen , blauen Blumen , die ans Licht drängten , die Last des alten Laubes fortzuräumen . Er sah auch lange in die Ferne hinaus . Freie Felder lagen nach einer Seite um sein Haus . Der blaukittelige Schwenkfeld stand am Fenster des Ateliers und lachte verstohlen hinter dem blaßgrünen Vorhang hervor , weil er den Meister lächeln gesehen . Die ferne Birkenallee hatte einen Duft von Dunkelröte gegen den milchigblauen Morgenhimmel . Die braunen Knospen drängten . Einhart war noch immer stehen geblieben . Auch als man schon einige Kisten für die Frühlingsausstellung auf den schweren Speditionswagen aufgepackt , und das Gefährt mit den plumpen Rappen und dem vierschrötigen Kutscher längst dröhnend um die Straßenbiegung verschwunden war . Einharts Stirn schien jetzt im Lichte des Vorfrühlings bleich und frei . Er strich sich einen Strähn seiner Dunkelhaare aus der Stirn . » Ach du Gott im Himmel ! « sagte er . » Ich vermale das ganze Leben und die schönste Stunde ! « Schwenkfeld hatte an dem Morgen lange vergeblich gewartet , daß der Meister irgend eine Arbeit vornehmen würde . Einhart saß dann zurückgelehnt in einem Lehnstuhl und rauchte eilig . Und lief wieder hinaus und sah in die Ferne . Es hatte ihn fast erschrocken , wie er merkte , daß der neue Frühling sich schon zu regen begann . Weil er plötzlich keinen Ausweg zum Leben offen sah . Wie Einhart dann ausging gegen die Stadt zu , wollte er an verschiedenen Türen pochen . An Poncets . Aber er zögerte . Er wußte nicht , wie bei Poncet finden , was er in dem Frühling suchen ging . An dem Portale der Gräfin Schleh . Aber er zögerte auch hier , weil er wußte , daß drinnen seine Ahnungen vielleicht still würden über tausend Dingen des vornehmen Behagens . So war er zurückgegangen , lief weiter hinaus die Chaussee und dann einen Feldweg hin , bis wo voll frischen Grüns eine schmale Wiese leuchtend dalag , feucht umweht , hinter einem kleinen Saumhügel voll Jungwald , der auch im Lichte stand . Einige Weidenknorren reckten sich mit Blütenräupchen über den Bach . Die Wellen , klar und kühl , schäumten und gurgelten . In kleinen Gruppen lebten schlohweiße Schneeglöckchen auf im grünen Grase . Meister Einhart war ein rechter , loser Zigeuner . Hut und Stock hatte er irgendwo hingeworfen . Er pflückte die kühlen , frischen Blumen in seine braunen Hände . Er war voll tiefen Erstaunens . Er trug die weißen , reinen , kleinen Kelche wie neue , verschlafene Wunder sorglich in den Händen vor sich und vergaß sich ganz in deren Anschauen . 5 Der Sommer war für Einhart überreich an Arbeit hingegangen . Nachdem ihn erst die Frühlingsfeier eine flüchtige Weile untätig eingesponnen , und nachdem ihm dann die Ausstellung seiner neuen Bilder zum ersten Male eine erlesene Auszeichnung eingetragen , war er mit viel selbstvergessener Laune und Heiterkeit aufs Radieren verfallen , daß buchstäblich gar nicht für ihn daran zu denken gewesen , aufs Land oder an die See zu gehen . Im Herbst noch zu rechter Zeit weckte ihn ein Brief der Gräfin Schleh zum Leben . Sie schrieb : » Lieber Meister ! Kommen Sie ! Sie finden liebe Gäste . Auch teilnehmende Menschen in der Nachbarschaft . Traurige und Fröhliche ! Und Völker von Rebhühnern sitzen im hohen Mais und streichen rauschend von dannen , wenn Sie nahe gehen . Früchte hängen im Obstgarten an den Bäumen . Feigen an den Spalieren . Und Jung und Alt hat den Glanz des Herbstes in den Augen , und goldene Fäden um Stirn und Wange oder in den Kleidern . Kommen Sie , lieber Meister Selle ! « Der Brief hatte Einhart lachen gemacht . Er hatte dann Finis unter das Blatt geschrieben , das er vor sich hatte , hatte auch noch um das Wort allerlei spielende Kinder und lachende Gesichter gezeichnet . Und dann befand er sich bald auf dem weißen Schlosse der Gräfin . Die alte Dame empfing ihn in einem gewölbten Zimmer zu ebener Erde , darin die Wände einfach weiß getüncht und die behaglichen Möbelstücke mit dunklem Leder überzogen waren . Auch einige alte , bunte Stiche , Szenen aus dem Schäferleben darstellend , in dunklen Rahmen , erhöhten das Bild alteingesessener , friedsamer Beschaulichkeit . Die alte , leicht verwachsene , sonngebräunte Gräfin war voller Güte . Sie saß in einem blaßseidenen , weiten Reifrock und griff nach einem Stabe , als sie sich von dem schweren Ledersessel aufhob . Ein gelbfleckiger , mächtiger Bernhardiner stand oder ging gutmütig neben ihr . Die vornehme Frau sprach zu Einhart mit ihrer liebenswürdigsten Teilnahme , daß ihre kleinen , ausdrucksvollen Augen lachten und ihre feuchten , vollen Lippen lachten . Sie zeigte ihm auch gleich nur ganz nebenbei eine Sammlung edler Steine , die zufällig noch dastand , das Vermächtnis eines unverheirateten Sonderlings , köstliche , juwelische Dinge von hohem Werte , ein ganzer Kasten voll , in Seidenlager eingebettet ein jedes Stück , noch ungefaßte , seltene Kleinodien aus aller Herren Ländern . Man trat auch gleich einen Augenblick auf die Terrasse hinaus , um in den Park und in die alten Silberkuppeln hundertjähriger Pappelbäume hineinzusehen . Dann führte ihn die heitere Herrin , immer geschäftig plaudernd , durch das lichte , weite Treppenhaus , worin einige Diener herumstanden . Und an den eisengetriebenen Geländern hinauf in die oberen Zimmer und Säle . Auch durch den weiten Rundbau der großen Bibliothek führte sie ihn , zeigte und erklärte ihm dort zwei goldene , indische Götzenaltäre , die einander gegenüber an der Wand standen und die den heimlichen Ton einer tiefen , leidenschaftlichen Andacht hineinzutragen schienen in die Stille und unter die Überfülle kostbarer , alter Bücherreihen an den hohen Wänden . Auch auf einzelne silberne Plaketten , die an dem blanken , braunen Eichengetäfel zwischen den mächtigen Pergamentrücken alter Handschriften angebracht waren , wies ihn die alte Dame sorglich hin . Alles war für Einhart nur ein erster Hauch von einem eigenen , selbstsicheren Leben in Macht und Schönheit . Man war dabei schon wieder auf den steinernen Altan hinausgelangt , um den Blick über purpurrote Beetornamente hinüber auf eine weite Wiesenfläche des Parkes zu tun . Bei Tafel saß man in einem lichten , geräumigen Saale , dessen Deckengewölbe und Wände nur ebenfalls ganz in Weiß mit leicht erhabenen , freien Blumengewinden verziert waren . Einhart hatte seinen Platz neben der Herrin des Schlosses . Sie zeichnete ihn aus , wo sie konnte . Einige junge Komtessen , die in helle Seiden gekleidet , warfen dann und wann prüfende Blicke auf den neu angekommenen , zigeunerischen Meister Einhart , der an dem ersten Tage nur zu den schelmischen Worten seiner lustigen , graugescheitelten Nachbarin und oft auch zu den Bemerkungen einer alten , gebrechlichen Exzellenz , eines Grundherrn der Nachbarschaft , der hier zu Besuch war , herzlich lächelte . Sonst bequemte sich Einhart gar nicht , aus seiner Stille herauszugehen . Graf Karol , ein junger Abgeordneter , » einer der kühnsten Fahrer und Reiter im Lande « , wie die alte Gräfin Einhart zugeflüstert , hatte es ein paarmal versucht , Einhart aus seiner Stummheit herauszulocken . Auch Komtesse Helena , eine sehr muntere , junge Verwandte der Gräfin Schleh , die sehr große und sehr blaue Augen hatte , und eine leichtwogende Stimme , die auch unsäglich melodiös kicherte , hatte die Rede , die Graf Karol über die Kunst begonnen , fortzusetzen versucht . Nichts war gelungen . Einhart war nun einmal unerwecklich geblieben , erfüllt von der köstlichen Reine und Kühle des Raumes . Er schmeckte und fühlte heimlich die atemlose Stille , mit der die reiche Dienerschaft in bunter Livree lautlos tätig um die Tafelnden umging . Sein lächelnder Blick ging zuweilen achtlos um den oder jenen , der am Tische saß . Einhart fühlte den Sonnenschein durch die hohen Bogenfenster über die vollen Purpurblumen hereingleiten , die in üppiger Silberschale mitten auf dem weißen Tafeltuch ragten , sah das süße Licht über köstliche Spitzen und Seiden und Federflaume , über junge , heitere Köpfe und zarte Schultern fließen und in den Kelchen und Schalen glutrot und weingolden funkeln und blinken . Das alles war Meister Einhart einstweilen Ereignis genug , erfüllt und stumm zu sein . Das Gespräch an der Tafel war schließlich über Einhart hinweggegangen . Man hatte von dem Bau einer Eisenbahn geredet , die für die Landschaft in Aussicht genommen . Und Graf Karol erörterte dann mit dem alten Burgherrn hin und her Vermutungen , die sie über die Besetzung einiger freigewordener , hoher Regierungsstellen wechselseitig hegten . Nur einmal war plötzlich tiefe Ruhe eingetreten . Das war , als die Diener das Wildgeflügel hereintrugen , und der alte , gebrechliche Burgherr , die Exzellenz , dazu ausdrücklich bemerkt hatte , daß ein alter Mann immer beim Essen sehr sorgfältig verfahren , aber daß er » beiläufig « beim Wildgeflügel um jeden Preis schweigen müsse . Es war darnach wirklich eine tiefe Schweigsamkeit eingebrochen . Daß man die sorglichen Tritte der Diener leise gehört und dann ebenso schnell allgemein in ein herzliches Gelächter ausgebrochen war . Und ein jeder an der Tafel hatte dann und wann und auch dabei den Meister Einhart flüchtig und verstohlen angesehen . Als man nach Tisch auf den Terrassenvorsprung hinausgetreten , waren alle voll Güte gegen Einhart . Einhart trug ein volles Festgefühl in sich . Man stand an eines Marmorschlosses besonnter , weißer Terrasse . Frische , bunte Blumengewinde hingen um die steinerne Brüstung und von den Pfeilern nieder . Die jungen , lieblichen Mädchen reichten in köstlichen Schalen den Tee . Komtesse Helena bediente Einhart , trug ihm selbst die silbernen Tabletten mit feinen Gebäcken zu und lächelte ihm zu mit Anmut . Weithin in Sonne lag das Grün der Wiesen , ragten die uralten Pappelwipfel und warfen Riesenschatten in die Runde . Man saß bald unter den großen Schirmen , indes man den Tee einsog , die Sonne warm und stumm glühte , und der blaue Zigarettenduft sich träge in die Sonnenluft einspann . Dann rollten Wagen auf dem schattigen Parkwege her . Es gab eine verhaltene Bewegung unter denen , die am Tische saßen . Dann ein sanftes Begrüßen in die Ferne . Die Jungen alle hatten sich erhoben und liefen vor die Schloßfront . Einhart mit der alten Gräfin und die gebrechliche Exzellenz , die sich im Lehnstuhl zurückbog und sich nicht rührte , waren allein sitzengeblieben . » Meine geliebte Nichte , « erklärte gleich die alte Gräfin . » Sie wohnen in unserer nächsten Nachbarschaft . Komtesse Josepha Renauld , des alten Landmarschalls Renauld einzige Tochter , « sagte sie . Dann nahm sie vollends eine sanfte Kummermiene an . » Oh , Meister Selle ! Sie bringt eine sehr liebe , sehr traurige Frau mit . Verena von der Trau . Denken Sie ! Diese junge Frau ist kaum dreiundzwanzig Jahre alt und trägt schon an der sonderbarsten Schickung . Sie hat auf unbegreifliche Weise ihren Mann verloren . Mitten aus der glücklichsten Ehe . Was sage ich ? Sie lebten wie Kinder . Denken Sie ! Durch Selbstmord ! Man wird es nie erklären können . Verena ist aus ihrem Erstaunen gar nicht mehr aufzuwecken . Sie sang früher wunderbar . Reich und fromm klang die Stimme . Sie hatte immer etwas Seliges im Laut . Und doch auch herb wieder wie der erste Frühlingswind . Oh , sie denkt gar nicht mehr an dergleichen . Sie lebt schon mehr als zwei Jahre nur so hin in Meditationen . Meine geliebte Nichte müht sich sehr um sie . Und es gelingt ihr auch . Es gelingt ihr , Verena wenigstens in der ländlichen Stille zurückzuhalten . « So erzählte die alte Gräfin . » Es ist gar nicht zu sagen , « spann sie ihre Erzählung weiter , » welche stille Schönheit in ihr brannte in ihrer Mädchenzeit . Und welche Erstarrung über sie gekommen ist . « Aber Einhart hatte sich dann erhoben , weil die alte Dame ihre Handarbeit neben die Teetasse hinschob , um den Ankommenden jetzt auch entgegenzugehen . Und weil er sich von der Neuheit seiner Eindrücke etwas zu erholen wünschte , bat er , daß man ihm erlauben möge , eine einsame Streiferei in den Park und die nächste Umgebung zu tun , um , wie er launig zu der Gräfin sagte , erst einmal deutlich mit Augen anzusehen , wo er sich denn eigentlich befände ? 6 Verena war eine jungfräuliche Frau , eine schlanke , schwebende Junge in schwarzen Flören . Komtesse Josepha ging mit sorgendem Blick zärtlich hütend um sie . Und die Gesellschaftsdame , eine alte Baronin , die außermaßen verbindlich und steif und blinzelnd etwas hinterdrein kam , sowie die jungen Herrschaften , die mit den Ankommenden jetzt auf die Terrasse hinausgetreten , alle schienen in ihren gemessenen Gebärden anzudeuten , daß ein unbegreifliches Schicksal nun in ihrer Mitte stand . Allenthalben hatte die schwebende , schlanke , verschleierte Verena den Vortritt . Auch die alte Exzellenz erhob sich wie erschreckt , als sie Verena vor sich sah , und küßte der Trauernden die Hand , ohne etwas zu sagen . Es schien in diesem Augenblicke , als wenn eine Heilige mit einer Trauerbotschaft hereingetreten , und als wenn alle erstarrt wären . Um Verena wehte es wie Märzluft . Sie schien von der Fahrt ein wenig gerötet . Aber gar nicht sonst erweckt aus ihrer tiefen Stille . Man hatte bei der Begrüßung nur flüchtig leise Worte gewechselt . Jetzt war man lange stumm . Alle , auch die Jungen , lauschten sozusagen auf ein erlösendes Wort , das aus den leichtgereckten , flaumigen Lippen von Verena kommen würde , die wie eine Rätselträgerin aufgerichtet dastand . Verena hatte ihren Schleier zurückgeschlagen . Da enthüllte sich ein Gesicht , rosig und streng , wie ein Engel von Fra Angelico , mit einem lieblichen , scheuen , graudunklen Auge . Es lächelte verloren zur alten Gräfin Schleh hinüber , als man sich endlich in die Runde niedergelassen hatte , und die Diener den Ankömmlingen den Tee zu reichen begannen . Dann waren die graudunklen Augen Verenas lange über die durchschatteten Parkwiesen hingewandert , wie ziellos , und doch heimlich suchend , und wie wenn es aus dem warm besonnten Dufte der Aue aufsteigen könnte . Ein goldener Tag fing an zu vergehen . Die sinkende Sonne glänzte in Blatt und Zweigen . Strahlengarben schossen zwischen den Baumwipfeln hindurch . Und allenthalben in Blattwerk und den hohen Blumenstauden schwebten und zitterten in der Luft goldene Gespinste . Die alte Schloßherrin sah oft mit Zärtlichkeit zu Verena . Man plauderte allmählich wirklich . Verena pries den Abendfrieden . Man begann von fernen , schönen Dingen zu reden . Von den seltsamen Reizen der Tage , darüber die Jahreszeiten Blüten oder Früchte , goldene Blätter oder weiche Flocken verstreuen . Von dem Leben einer Seele hinter allen Dingen und Schicksalen . Von dem Geheimnis der hier auf Erden unerfüllten Schicksalsläufe . Und wohin die Seelen wohl eingingen , die hier ihren Lauf noch nicht vollendet ? Von der Liebe , die wie das Licht wäre , nie stürbe , nur erlöschte , daß es wer weiß welche heimliche Macht immer neu erwecken könnte . Verena schien in solchen Meditationen über sich und die Welt zu leben . Die alte Gräfin Schleh hatte fortwährend einen verklärten , ängstlichen Ausdruck voll Güte , sah Verena oft von der Seite an , wie gehalten und streng sie dasaß , und war heimlich wie ergeben in den vibrierenden , leisen Stimmton der Trauernden . Verena war dann lange brennend solchen Rätselbetrachtungen hingegeben . Es ließ sie nicht los . Sie beherrschte sanftredend oder auch eine Weile tiefstumm den ganzen Kreis . Sie sah in jedes der Gesichter um sie manchmal fragend und grabend hinein , auch wohl unversehens mit einer unsäglich jungen Zärtlichkeit , die wie warme Sonne aufleuchtete . Keiner der Anwesenden hätte sich auch nur eine Weile von dem Spiel ihrer stillen Mienen weggewendet . Jeder , auch die jungen Komtessen und die alte Exzellenz , blickten liebend auf den feinen , roten Mund und in das blaßsommersprossige , schmale Frauengesicht . Und alle erstaunten heimlich über die Kraft und den Frieden , womit die graudunklen Augen Verenas Harm aussäen konnten und ein hoffnungsloses Ergraben . Die Linie ihres Kinnes und Halses , wenn sie den Dunkelschleier noch mehr zurückstrich und beim sanften Reden den Kopf ein wenig reckte , nahm eine einzige Schönheit an . Sie ragte dann in ihren schlichten , aschblonden Scheiteln im Raume gleichsam wie eine heilige Bildung für sich . Als Einhart wieder auf der Terrasse erschien , neigte sich die Sonne tief dem Horizonte zu . Man hatte sich unter dem Eindruck der Düsternis , die aus Verena ausgegangen , neu ganz stumm dem Anblick der verquellenden Sonnenfeuer hingegeben . Man sah die Sonnenscheibe langsam einsinken , starrte der blitzenden , zückenden Erstrahlung nach und hatte dabei lange geschwiegen . Aber Einhart kam ganz achtlos .. Er hatte den Sommerhut in der Rechten und brachte eine lose Freude in seinen lächelnden , graugelben Zügen . Er grüßte schon von ferne heiter und verbindlich . Er hatte zum ersten Male über die weiten Ebenen hinausgestaunt , die sich dicht hinter den Gutsgebäuden und dem Parke dehnten . Er hatte in diesem Augenblicke etwas an sich wie von einem fremdartigen Wanderleben . Als ihn die alte Schloßherrin vorstellte , sah er mit Funkelglanz seiner Augen in jedes Auge hinein . Ohne doch zu sehen . So war er erfüllt . Er begann die Landschaft fröhlich zu rühmen und rühmte das seltene Glück solchen Aufenthaltes . Nicht mit lauten Worten . Mit einer Art , die sich launig und leise nur hinausgab , vorsichtig die Eindrücke ertastend , aber mit einem Gefühl der sicheren Frische jetzt aus einer Welt , die ihm deutlich im Auge stand . Erst lange nach seinen Worten hatte er die junge Frau in dunklen Flören neu angesehen . Da erst begann er zu merken , daß er in eine weihevolle Ruhe mit seiner Freude hineingesprochen . Er sah sich die neu Angekommenen jetzt noch einmal wie absichtslos behutsam an . Indes er nun auch stumm der gleichgültig gewichtigen Rede lauschte , womit die alte Baronin die entstandene Pause der Unterhaltung , ganz in fernliegenden , selbstgefälligen Erinnerungen aus ihrer Mädchenzeit befangen , auszufüllen sich bemühte . Und Einhart vergaß sich dabei ganz in dem Anblick Verenas . Es däuchte ihn , daß er noch nie eine solch erschrockene Scheu , eine solche rosige , stille Heilige mit Augen gesehen . Und daß er noch nie ein solches erzitterndes Glück aus einer Menschenstimme je hallen gehört , als Verena mit leisem Worte zum Aufbruch mahnte . Er war gleich völlig betroffen . Und er ging zurückhaltend und in Gedanken mit bis zum Schloßportal , wo die Wagen standen und warteten . Die alte Gräfin Schleh schritt auf dem abendbeglühten Kieswege neben Verena . Man sah , daß sie zutraulich zu der jungfräulichen Trauerfrau redete . Die Gräfin sprach von Einharts Kunst . Sie machte Rühmens . Verena erinnerte sich ferne manches aus des Meisters Werkstatt , das sie früher angesehen . Sie erinnerte sich wohl auch seines ausgezeichneten Namens . Sie stieg nicht gleich in den Wagen ein , den der Diener eine Weile geöffnet hielt . Man legte ihr einen weichen , langen Pelzmantel um , wobei auch Komtesse Josepha Verena liebend behilflich war . Verena sah erstaunt zu Einhart hinüber , der zurückstand . Und weil ihn die jugendliche Hoheit ihrer Schwermut gleichermaßen wie der andächtige Rätselton ihrer Stimme und ihr blasses , köstliches Haar unversehens hingerissen , fehlte nicht viel , daß er sich ihr plötzlich leidenschaftlich genähert . Aber er stand doch nur ernst und aufgerichtet und grüßte nur mit einer fast kindlichen , tiefen Verbeugung . 7 Einharts Art zu erleben war in diesen ersten Tagen wie immer heiß und sonderbar . Die erste Nacht im Schlosse konnte er lange keine Ruhe finden . Es war eine stille , ziemlich dunkle Reifnacht , darin die Zweige von der Kälte knickten und fielen . Er hatte lange am Fenster gestanden und in die unbestimmten Dämmer auf den grauen Wiesen hineingesehen . Die Sterne waren spitz und klein und gaben nur wenig Schein auf die Erde . Und Einharts treibende Erinnerungen kamen in ihm auf und trieben hin mit zerfließenden Säumen leicht wie Nebelfrauen . Er sehnte sich . Er begann unbestimmt nach etwas zu trachten und dachte an dies und das , was vergangen war mit Sturmeseile und zerschellt , wie ein bekränztes Boot an einer Nebelklippe . Das Schloß lag in tiefer Stummheit . Da , hinter den hohen Bäumen , die wie Schattenkuppeln hoch ragten , dehnte sich ins Ungewisse die lautlose Steppe , von seinem Auge jetzt ungesehen . Und doch seinem Lauschen ganz nahe . Daß sie in seinem Blute wie der ewige Ton einer Muschel sang und summte von der Freiheit , die dort gebreitet lag . Und in Einharts Auge , das sich halbschließend ein Spiel machte , zu träumen , stiegen die Dunkelheiten in Gestalt auf und schwanden langsam vorüber . Einhart stand am offenen Fenster , darein der Nachthauch quoll und wie ein Ruch von verwelkendem Laube . Er fühlte auch , daß er ein wenig fröstelte . Aber die dunkle Nacht , in die er ganz für sich sengend hineinsah , hatte tausend Gesichter . Da kamen viele , die gestorben waren und verweht . Warum kamen sie in dieser Stunde ? Da kam allerlei springendes Volk , und verhuschend schienen die Glanzlichter kindlicher Blicke vorüberzuziehen . Seiner Mutter heißes Augenfeuer begann lange wie ein Stern im Dunkel vor ihm zu brennen . Einhart hatte wohl nie im Leben geweint . Er hätte jetzt vielleicht zum ersten Mal eine Träne gehabt , wenn nicht sein Auge sich gleich dem wirklichen Nachtbilde draußen noch weiter aufgetan . Draußen fielen im Scheine des Lichtes , das von hinter ihm in die hohen Kronen der Weymutskiefern blassen Glanz warf , einige blinkende Zweige nieder , und es klang wie zerbrochen . Der knickende Laut weckte ihn einen Augenblick aus seiner tiefen , traumumfangenen Erstarrung . Warum er nur so unruhvoll umfangen war von Vergangenem ? Er hatte sich mit einem wahren Herzenshunger zu sehnen angefangen . Es waren alles Ungewißheiten , wie oft bei Einhart . Es waren Träume , die leibhaftig aufwuchsen . Es waren Visionen , die ihn jetzt plötzlich zu zerreißen begannen . Alles Vergangene lebt wer weiß wo in einem fernen Reiche immer lebendig und kann wohl in Stunden der Qual oder der Ahnung wie ein Reigen uns umtanzen und uns bedrängen . Einhart sann nach . Da standen auch aufrecht manche Menschen , die er nie gekannt . Deutliche , klare Gesichter unter denen , die ihm einmal nahe gewesen . Das Gesicht eines alten Schiffermannes hob sich vor ihm aus der Dämmerung so hell im Nachtgewirr , daß er wie gebannt dem großen , klaren Auge wie in den Grund sah . Einhart konnte gar nicht der Gedankenspiele Herr werden . Er kannte das Gesicht nicht , das vor ihm gestanden und das jetzt vergangen war mit Blitzesschnelle . Als wenn man es plötzlich wie ein Licht ausgelöscht . Dann besann er sich , weil er immer noch den Mund sprechen hörte von Sehnsucht . Etwas war jetzt in ihm nur brennende Sehnsucht . Er dachte zurück an Johanna . Etwas war damals Erfüllung gewesen , redete es in ihm , und war doch nicht erlöst worden . Johannas Wesen wehte wie eine treibende Minne mit langen Flören um ihn . Wie ein dunkler , unheimlicher Nachtvogel , wie eine grenzenlose Schwermut . Daß Einharts Herz sich wie im Krampfe zerpreßte , und er unversehens wie gescheucht vom Fenster zurücksprang , von dem schwarzen Flügelaste der Weymutskiefer angerührt , der zufällig gegen das Fenster griff . Oh ! Daß er jetzt wußte , warum sich seine Seele in der dunklen Nacht ganz vereinsamt und tief versunken zu härmen begonnen . Jene Frau in Flören war nicht Johanna . Johanna war eine Sanfte , eine zärtliche Blüte , eine Ahnungslose , eine kleine , liebende Seele , eine , in der im Wunder des eigenen Daseins die Goldsäume der Liebe flüchtig um die Dinge gegangen . Die nichts gewollt , als eine andere Seele suchen und finden , und nichts begehrte aus ihrer eigenen Brunnentiefe . Johanna war wie ein kleiner Lerchenvogel ins Blaue emporgeschnellt , hatte beglückt auf einem Himmelsflecke stillgestanden , in jedem Morgen neu die Welt lieblich besingend . Und doch auch mit der heimlichen Wunde , die wer weiß welche Sehnsucht der Seele eingebrannt . Aber das Bild Johannas stand gar nicht vor Einharts Augen . Verena hieß die Frau in schwarzen Flören . Verena zog in der Nacht über die Baumhäupter . Zog in der Reifkälte wie eine dunkle Trauer hin . Zog jetzt in tiefer Stummheit in ihren weiten Mantel gehüllt . Trug eine Seele hin . Trug und herzte sie , wie eine Mutter ein Kindlein herzt . Trug eines Mannes enttäuschte Seele klagend empor an ihrer Brust . Einhart war von der Vision völlig erregt und erschüttert . Jetzt begann er zu fühlen , daß sein Herz eines weichen Mantels bedurfte , darein man es hülle , damit es noch einmal rätselgebunden und selig gleichermaßen emporschwebe . Damit es noch einmal ganz aus der Tiefe neu zu leben beginne . Einhart war so hingenommen von dem aufquellenden Verlangen nach dieser Vision , daß er die Augen wie im Fieber weit aufgerissen , daß er wie im Traumschrecken beinahe laut gerufen hätte , daß er sich sehnte , wie ein Wahnwitziger , wie ein Hungernder , und in einem wahren Herztumulte dastand . Er war dann ganz erwacht . Er war langsam zu sich gekommen und lächelte . Es waren alles nur Gänge der eigenen Traumerregung , die mit dem wunderlichen Tiefklang kamen und gingen . Draußen lag die Nacht noch immer stumm . Es lockte ihn sich zu kühlen . Er ging durch die matterleuchteten Korridore und ließ sich von einem wachenden Diener das große Schloßportal auftun , um in den blassen Nachtschein zu treten . So ging er hin . Im Teiche tanzte ein Stern in den Kräuselungen , die ein kaum spürbarer Hauch auftrieb . Die Schwäne wie kaum sichtbare , graue Schemen strichen heran und quiekten leise klagend . Einhart hatte die Düsternis von sich getan . Er ging sichern Schrittes und hörte seine knirschenden Tritte . Und lief im weiten Bogen des grauen Kiesweges hin , bis wo noch im Abendschein Verena gesessen . Auf der Terrasse stand noch der Stuhl , und lag ein dunkles Spitzentuch über seiner Lehne . Offenbar hatte es Verena vergessen . Es duftete wie ein Hauch von ihrem Leben . Und wie eine fremde Blume schien ihren Atem in die Nacht zu geben . Einhart hatte sich in einer leidenschaftlichen Vertiefung in den Stuhl niedergesetzt , worauf er am Nachmittage Verena gegenüber gesessen . Nun saß er und saß . Er kämpfte vergeblich gegen seine Gesichte . Kämpfte vergeblich gegen die wache Inbrunst seiner Träume ... Ein Wächter , der im Morgengrauen an der Terrasse beobachtend vorüberging , fand dann Einhart dort in dem großen Korbstuhl ganz erstarrt eingeschlafen . Wie ein Hund seinem Herrn auf der Spur folgt und auf seinem Grabe sich zu Tode verzehrt nach seiner Seele und verhungert , so war es über Einhart gekommen . Daß er erst im Morgenlichte alles ganz vergaß , als er sich endlich in seinem Bette befand , einige Stunden ruhig eingeschlafen und von weiten Ebenen träumend , darin er mit irgend einer fremden Frau hinschritt . 8 Einhart war am andern Tage ganz frei und froh . Er war heiter und bereit zur Wanderung im Parke und zu Fahrten in die Meierhöfe . Und war ein bevorzugter Gast im Schlosse . Daß er Nachtgespenster gesehen , das hatte sein Blut im Lichte noch vollends vergessen . Er war am Morgen vom Kammerdiener rechtzeitig geweckt worden . Und man vergnügte sich erst eine Weile im Anschauen einiger Kunstblätter in der Bibliothek , ehe man in ein kleines Gehölz hinausgefahren , wo auch schließlich die Diener auf weißen Tüchern am Waldboden das Frühstück aufgestellt , und wo man im Kreise darumgesessen , viel geplaudert und gelacht hatte . Und Tage gingen dann in solchem Behagen hin und in der Fülle Freiheit , die unter allen Menschen hier herrschte . Das Schloß der Gräfin Schleh lag ein wenig entfernt von den zahlreichen Gutsgebäuden auf einem kleinen Hügel mitten in dem uralten Parke . Die blaue Flagge Derer von Schleh wehte hoch vom Turme in die Lande . Um den Park dehnten sich nach einer Seite die Weiden . Einhart durchschritt oft einsam die stillen Schattengänge des Parkes , durchbrach Büsche und herbstbunte Dickichte und Dornen , die den Park am äußersten Ende eingrenzten , sprang über Hürde und Graben und stand dann unversehens in der weiten , schweigenden Flur . Hier war es , wo er zum ersten Male in die Ferne sah . Hier war es , daß er plötzlich wie nie im Leben seines Blutes uralte Triebe in einer schier grenzenlosen , verhallenden Einsamkeit in der Stille der Steppe vernahm , wie einer ganzen , weiten , unermessenen Grasflur tiefste Sehnsucht selber . Hier stand er und fühlte seinen Atem aus tiefster