, und zwar neben Schiller und Goethe auch Wieland und Klopstock , und dann Bulwer und Cooper , und ein Buch , das hieß das Buch der Natur . Hieraus hatte sie sich ein wunderliches Wesen entwickelt , das ebenso weltfremd war wie des Jünglings , nur daß in ihrer Seele sonderbare Phantasiegebilde lebten , in denen die verschiedenartigen Helden ihrer Bücher sich zusammengeschlossen hatten . So einigten sie sich bald zu gegenseitiger Liebe , und nachdem sie sich zuerst am Tage häufig im Garten getroffen hatten , verabredeten sie sich endlich auch zu Zusammenkünften in nächtlicher Weile . Indem nun aber in dem Jüngling damals zweierlei entgegengesetzte Wesen waren , kam er zu widersprechenden Handlungen , denn durch die Reden seines Oheims war auf der einen Seite seine Phantasie derartig verändert , daß er in seiner Liebe keine Grenzen mehr innehielt , auf der andern Seite aber blieb er in seinem eigentlichen Kern doch ein ganz anderer Mensch wie der Oheim und wurde durch seine Liebe feinfühliger und gewann eine mehr edle Gesinnung , so daß ihm nun dessen Gespräche zuwider wurden , weil es ihm schien , als ob etwas Heiliges durch sie beschmutzt werde , während er doch selbst nach dem Sinn dieser Gespräche gehandelt hatte , und dann wurde ihm dieser Widerspruch immer quälender , so daß er am Ende , trotz seiner immer noch wachsenden Leidenschaft für seine Geliebte , nicht mehr bei dem Oheim ausharren konnte und Abschied von ihm nahm . Dabei wußte er keinerlei Rat , was nun mit seiner Verbindung mit dem jungen Mädchen geschehen sollte , denn sie als seine Braut zu erklären , wagte er vor seiner Familie nicht , und so schob er diese Sorge auf die Zukunft , indem er sich für die Gegenwart nur dem Gram über die Trennung hingab . Nun geschah es aber , daß die natürlichen Folgen eintraten . Wie seine Geliebte das merkte , schrieb sie in ihrer tödlichen Angst an ihn einen Brief und erzählte ihm das , er aber war inzwischen wieder gänzlich in sein eigentliches Wesen verfallen , indem er eine heftige Angst vor den Menschen hatte und nicht wußte , was er tun müsse ; aus dieser Verfassung heraus schrieb er an sie zurück , und wie sie mit ihrem großmütigen Herzen diesen Brief verstanden hatte , da wußte sie genau , daß sie nun allein stand in der Welt und ihr keinerlei Hilfe kommen werde , und so gab es nach ihrer Vorstellung denn nur einen einzigen Weg noch , den sie gehen konnte . Inzwischen war Roch wieder in seine Universitätsstadt zurückgekehrt , und indem sein unruhig gemachtes Gewissen ihn zwecklos hin und her trieb in einsamen Wanderungen , wurde er noch einsamer , wie er schon gewesen , und hatte wenigen Schlaf . Da geschah es ihm , daß er in einer Nacht ein Gesicht sah , nämlich , er saß in seiner Stube und ohne Licht , und hatte seit Stunden schon sich in Gedanken abgegrämt , und es mochte schon gegen Mitternacht sein , da erblickte er plötzlich deutlich den Weidenbaum , auf dessen schrägem Stamm jetzt Schnee lag , und unter ihm eine schwarze Stelle des Flusses , der sonst unter schneebedecktem Eise dahinschoß , aber an dieser einen Stelle war er frei , und an dem Baum , vor der eisfreien Stelle kauerte seine Geliebte und hatte nackte Arme und loses Haar , wie sie aus dem Bett gestiegen , und blickte in das dunkle Wasser , und ganz deutlich sah er die kurze Oberlippe , welche die Zähnchen sehen ließ , und das rührte ihn besonders am Herzen , daß er diese Oberlippe so deutlich sah , aber ganz blaß war das Gesicht und grauenhaft ernst und entschlossen ; er schrie laut auf und stürzte auf das Bild zu , aber indem glitt die Gestalt nach vorn über in das dunkle Wasser , und noch während er schrie , war auch schon das ganze Bild verschwunden . Wie er die Nacht verbracht hatte , erhielt er am andern Morgen einen Brief von ihr , in dem sie ihm ihre Absicht mitteilte , daß sie aus dem Leben gehen wolle ; und so hatte er nun die Bestätigung , denn bis dahin hatte er noch nicht geglaubt , daß das Gesicht ihm einen wahren Vorgang geoffenbart . Über dieses verfiel er in eine schwere Krankheit , und nachdem er die überstanden , kam ein langdauernder Trübsinn über ihn , er gab alle seine früheren Pläne auf und verwendete seine Zeit auf die Arbeit in den okkulten Wissenschaften ; denn nach seinem Erlebnis hatte nichts mehr Bedeutung für ihn , was in dem engen Kreise geschehen war , der durch das Licht erleuchtet ist , und nur das erschien ihm wichtig , was in der unendlichen Dunkelheit verborgen ruht , die jenseits dieser nahen Grenze liegt , und so fand er eine Beruhigung für sein Gewissen , denn in Wahrheit war ja , was er getan , unwichtig und sinnlos gewesen , und seine Bedeutung war gar nicht verständlich für den blöden Blick , den wir hier haben . So war es möglich für ihn , daß er sich am Leben erhielt . Mit diesem Roch nun freundete sich Karl an , und seine Lehren nahm er mit großer Begierde auf . Wie die beiden derart vertraut miteinander geworden waren , da erzählte ihm Roch , er habe sich schon lange einen Freund gewünscht , mit dem zusammen er einen wichtigen Versuch anstellen könne , der deshalb zwei Personen erfordere , weil er mit Gefahren verknüpft sei , denn in einem alten mystischen Buche , das nur handschriftlich vorliege , habe er eine Vorschrift für ein Räucherpulver gefunden , das früher von Beschwörern benutzt wurde , um Geister erscheinen zu lassen , und enthalte das in seinen wirksamen Bestandteilen gewisse berauschende Stoffe , die wohl geeignet sein möchten , den gewünschten Zweck zu erfüllen , da von ähnlichen Stoffen bekannt sei , daß ein südamerikanischer Indianerstamm sich seiner mit den gleichen Absichten bediene , indem die Leute die Geister ihrer Vorfahren sehen oder zu sehen glauben ; denn eben inwieweit hier eine wunderliche physiologische Wirkung oder wirkliches Hereinragen andrer Welten stattfindet , das sei zu untersuchen . Karl ging mit jener gewissen schauerlichen Freude auf den Vorschlag ein , die wir alle in solchen Fällen empfinden mögen ; und nachdem Roch auf seinem Zimmer die Vorbereitungen getroffen , lud er nun Karl an einem Abend zu sich . Sein Zimmer war ein sonderbarer Raum , der ganz hoch oben in einem Hause lag , das nur von Arbeitern , und zwar recht geringen , bewohnt war . Auf den Treppen spürte man einen namenlos scheußlichen Geruch , den erklärten die vier und fünf Namenszettel übereinander an den Korridortüren , indem sie zeigten , wie dicht die elenden Stuben bewohnt sein mochten durch allerhand Schlafburschen und sonstige ärmliche Leute . Von einem solchen Korridor ging es auch in Rochs Zimmer , das war etwa drei Meter lang und zwei Meter breit , so daß schon das Eintreten schwierig war , weil die Tür auch nach innen ging , und man sich neben dem Bett durchdrängen mußte . An den Wänden hingen sehr viele Vogelbauer , in denen Waldvögel auf Sprossen schliefen . Außer dem Bett standen nur noch eine alte Kommode und zwei Stühle in dem Kämmerchen , das in der Tat für weitere Möbelstücke keinen Raum aufgewiesen hätte . Nach einer verlegenen Bemerkung über die Dürftigkeit seiner Wohnung wies Roch auf die Kommode , wo bereits eine flache Schale mit dem Pulver neben einer Spirituslampe bereit stand . Die Vorschrift des alten Zauberbuches lautete , nach Abzug von allerhand Geheimniskrämerei , daß man vorher lebhaft an die Person denken solle , deren Geist man zu sehen wünsche , wobei es gleich war , ob man einen Lebenden oder Toten haben wollte , und daß man die Erscheinung weder anrede noch sich ihr nähere , weil sonst ein großes Unglück geschehen könne , denn es seien Beschwörer von den erzürnten Geistern erdrosselt worden . Nachdem sich die beiden fest versprochen hatten , daß sie dieses erste Mal die Vorschrift genau befolgen wollten , zündete Roch die Spirituslampe an , welche in dem sonst dunkeln Zimmer mit blauem und flackerndem Flämmchen brannte , und dann streute er etwas von seinem Pulver auf . Eine lange Weile warteten die beiden , indes das blaue Flämmchen hüpfte und wie unentschlossen zuweilen ganz vergehen wollte . Aber es ereignete sich nichts Auffälliges ; nur war zuweilen ein Knistern hörbar , wahrscheinlich wenn ein Körnchen von dem Räucherwerk verbrannte ; merkwürdig laut schien den beiden dieses Knistern . Aus dem engen Hofe schallte in die Höhe , und war verstärkt durch die eng zusammenstehenden Wände der Häuser , das Brüllen eines Betrunkenen ; nach einer Zeit , die den beiden wohl eine halbe Stunde schien , mischte sich in das Brüllen das Schreien und Jammern seiner Frau , der hatte er heimlich das Geld fortgenommen , das sie durch Scheuern verdiente , und sie konnte den Kindern nichts zu essen geben . Roch und Karl dachten fast nur an den Vorgang , der sich da unten im Hofe abspielte , aber sie hielten sich doch noch immer ruhig . Plötzlich hob sich das blaue Flämmchen und erlosch . Nun zeigte sich , daß der Lichtschein vom Hofe her eine ganz schwache Helligkeit ins Zimmer verbreitete , so daß nicht gänzliche Dunkelheit war . Ein schwerer Rauch legte sich den beiden auf die Brust , und die Stimmen auf dem Hofe schienen sich in immer weitere Entfernung zurückzuziehen , indessen die Vögel in den Käfigen mit einem Male in seltsamer Weise flatterten und sich geängstigt zeigten . Plötzlich war es aus der Erde gestiegen wie eine graue Gestalt ; dann schwebte es langschleppend in der Luft , in der Entfernung von den beiden , die sie vorher auf dem Boden bezeichnet hatten . Nachdem erhob sich aus dem Boden ein zweites Wesen , gekrümmt stieg es von unten auf und mit Anstrengung . Nach einer Weile schwebte es ebenso langschleppend . Aber ganz undeutlich war das alles , das waren Schatten ohne Wunsch und Gesicht . Langsam schwebten sie . Eine lange , lange Zeit währte das ; aber es war nicht klar , ob Stunden dahinflossen oder Minuten . Da wurde langsam deutlich der ersten Gestalt Gesicht und Wesen und rann zusammen zu der Figur Luisens . Gramvoll sah sie aus , und in ihren Augen ruhten schwere Leiden , die keine Form annahmen . Eine heftige Liebe und tiefes Mitleiden wallten auf in Karls Herzen , er hatte den Willen , auf den Schimmer zu eilen und dieses schwermütige Gesicht an seine Brust zu drücken . Aber indem erzitterte schon das schwanke Wesen wie ein Bild im Wasser , das plötzlich bewegt wird durch eine Blüte , die von einem überhängenden Baume leise herabfällt auf den glatten Spiegel . So bezwang er sich und hielt still , und langsam glättete sich wieder das Wesen und ward ruhig . Derart verharrte alles eine lange Weile in atemlosem Schweigen ; da geschah etwas in der andern Figur , die bis dahin noch unbestimmt gewesen , denn eilfertig schoß es in ihr hin und her , ballte sich und trennte sich wieder ; aber die Züge wurden fester und schärfer , und schon hatte Karl eine heimliche Angst , daß ihm Johanna erscheinen werde ; da tauchten in dem leeren Gesicht auf die Linien von Johanna , und es erschienen willensstarke Augen , und ein auf Böses gerichteter Blick wurde klar , und haßerfülltes Gesicht . Bis ins Innerste erschauerte Karl vor Entsetzen , denn alles Furchtbare , dessen dieses Weib vielleicht einmal fähig war , hatte seine Äußerung in diesem Gesicht gefunden , in den Linien sowohl wie im Ausdruck . Wenn im Leben solche Gesichter wären , so würden alle Menschen Furcht haben voreinander , weil solches Aussehen möglich ist . Dann verging wieder eine endlos lange Zeit , und es war Karl , als verrauschten vor ihm Jahre , während er angstvoll an seiner vorgeschriebenen Stelle stand und sah ; denn wiewohl die Wesen stumm waren und ohne Bewegung schwebten , und ihre Gesichter rührten sich nicht wie bei toten Menschen , und wiewohl er bei allem innerlich wußte , daß diese Gesichte nur Trugbilder eines Rausches waren , den der betäubende Rauch in seinem Gehirn erzeugt ; ja , er dachte sogar , daß andre solcher betäubenden Mittel die Vorstellung eines schnellen Fahrens durch die Lüfte verschaffen ; trotzdem wußte er als ganz gewiß , daß zwischen den beiden Wesen etwas geschah , und daß Entsetzliches zum Ende kommen mußte . Siehe , da richtete das Wesen Johanna langsam , wie vom Tode erwachend , die haßerfüllten Augen auf das schwache Wesen Luise ; und erst ging der Strahl der haßerfüllten Augen neben ihr vorbei , und dann streifte er sie , und endlich traf er sie ganz , und das Wesen Luise erzitterte wie ein Bild im Teiche , schwankte und wollte sich auflösen . Da durchfuhr es Karl , daß er sie retten müsse , und er stürzte vorwärts mit erhobener Faust auf den Schemen Johanna . Ein sehr lauter Schlag erscholl , dann fielen Glasscherben klirrend auf die Erde , und das Fenster war gänzlich zersplittert , auch die oberste Scheibe . Karl sah auf die Scherben vor seinen Füßen und wußte nicht , wie ihm geschehen . Der andre suchte mit zitternden Fingern das Licht anzuzünden . Durch das offene Fenster drang kühle Nachtluft , und plötzlich wurde ihnen bewußt , daß der Betrunkene unten auf dem Hofe lärmte , das war genau so wie vorhin ; und mit einem Male fiel auch das Jammern der Frau ein , genau so , wie sie es schon gehört hatten , und der Mann antwortete dasselbe wie vorhin . Karl sah nach der Uhr ; noch nicht eine Minute konnte verflossen sein , seitdem Roch das Pulver aufgeschüttet , und doch war es ihm wie vor einer ganz langen Zeit . Schweigend stiegen die beiden die Treppe hinunter ; der Zank des Betrunkenen und der streitenden Frau verfolgte sie Wort für Wort , wie sie ihn schon kannten . Karl erschauerte und hielt sich am Geländer fest , auch des andern Kniee zitterten . Und nachdem sie lange durch belebte Straßen gegangen waren , sprach am Ende Karl : » Ich weiß , was ich gesehen habe , und es ist Übernatürliches dabei , aber ich kann es doch nicht glauben . « Roch schwieg lange , dann antwortete er : » Das eben ist das Grausige bei diesen Dingen , daß man immer zweifeln muß , ob man nicht ein Betrüger ist oder ein Selbstbetrüger . Auch dies hat das Mittelalter gewußt , das gesagt hat , daß der Teufel ein Lügner und Betrüger ist . Aber ich muß tiefer hinein , wiewohl ich weiß , daß ich immer nur Lüge finden werde und Selbstverachtung , und ich weiß es nicht , ob mich nicht das treibt , daß ich mich nach der Selbstverachtung sehne , denn in der liegt die tiefste Wollust beschlossen . « Roch sagte nicht näher , was er mit diesen Worten meine , auch erzählte er nie , was er selbst gesehen hatte . Und wie es oft geschieht , daß wir eines Menschen Leben in einem für uns beide wichtigen Punkte kreuzen und dann wieder so schnell von ihm gehen , wie wir ihn trafen , so kam Karl recht schnell wieder mit ihm auseinander , durch ein Gefühl der Unruhe und Nichtbefriedigung ; für Karl war dieser einzige Versuch genügend gewesen , mit den unterirdischen Mächten in Beziehung zu treten , der andre aber verstrickte sich immer tiefer und fand endlich seinen Kreis , für den er geschaffen war , in einer Anzahl gleich Zerstörter , die nicht an Gott glaubten und eine Satansgemeinde gegründet hatten . Um Luise schloß sich immer enger der Ring des Todes . Wir wissen ja nicht , durch welche Kräfte am letzten Ende die entscheidende Willensrichtung gebildet wird , deshalb ist uns auch in den menschlichen Dingen so vieles unbegreiflich , nämlich alles das , wo wir nicht auf irgendeine Weise Gründe unterbauen können . Deshalb kann ein Erzähler in solchem Fall nur die Ereignisse berichten , die ihm irgendwelche Bedeutung gehabt zu haben scheinen . Es lebte damals ein früherer Gutsbesitzer mit seiner Frau und einzigem Sohn in Berlin , der Offizier war . Der alte Mann hatte in jungen Jahren sein Gut in fröhlicher Hoffnung übernommen , nachdem er seine Geschwister ausgezahlt und eine brave und schöne Frau geheiratet . Nun war aber damals eine Zeit , wo der Weizen und die Wolle immer billiger wurden und die Arbeitslöhne immer stiegen , so daß die Ausgaben sich erhöhten und die Einnahmen sich minderten . Er ging lange mit sich zu Rate , was er bei dieser Erscheinung wohl tun könne , fragte auch seine Nachbarn , die zwar sich in ähnlicher Lage befanden , und zuletzt las er selbst Bücher , wie wohl er sonst wenig studiert , sondern hatte seine Universitätszeit vielmehr mit lustigen und treuen Freunden in Heiterkeit ohne sonderliches Arbeiten verbracht ; aber auch aus den Büchern fand er keine Auskunft , die er nicht zuvor schon selbst verworfen gehabt hätte . Nun half er sich wohl mit großer Sparsamkeit , und seine treue Frau war sehr fleißig , daß sie aus ihrer Wirtschaft herauszog , was möglich war , aber mit der Zeit kam es sogar dahin , daß die Einnahmen geringer wurden wie die Ausgaben für den Betrieb und Zinsen . Da gelangte er in seiner Not zu Borgen und Wechselschreiben , und weil nun auch sein Gewissen schlecht wurde , denn er wußte nicht , wie er den Wucherer einmal bezahlen sollte , so schloß er die Augen und überlegte gar nichts mehr , sondern lebte wie einer , der morgen sterben soll und Mut hat und sich heute noch freut ; er beruhigte sich aber immer , indem er sich sagte , daß der Wucherer schon selbst wissen werde , wie er wieder zu seinem Gelde komme . Aus dieser Betäubung riß ihn die Rede eines leichtfertigen Handwerkers . Er mußte nämlich an einem Stall Reparaturen machen , der erst vor nicht allzu langer Zeit gebaut war , aber weil der Zimmermann betrüglicherweise frisches Holz genommen , so waren einige Balken stockig geworden . Wie er den Menschen nun zu Rede stellte und ihn in scharfen Worten an seine Handwerkerehre erinnerte , erwiderte der patzig , dafür sei ja der Bauherr da , aufzuachten , daß alles ordnungsgemäß gemacht werde . Diese Worte gingen dem alten Mann sehr nahe , denn er dachte bei sich , daß er selbst ja ebenso vernünftelt habe wie dieser unredliche Handwerker , und dabei war er ein vornehmer und adeliger Mann , der Stolz hatte . Deshalb fuhr er gleich in die Stadt zu dem Wucherer und erzählte dem alles , der heftig erschrak und nach Art solcher gemeinen Menschen in häßlichen Worten ihm Vorwürfe machte . Indessen gelang es doch , das Gut vorteilhaft zu verkaufen an einen wohlhabenden Herrn aus der Großstadt , dessen Vater viel Geld verdient hatte und der sich zu diesem ererbten Gelde nun eine gesellschaftliche Stellung verschaffen wollte ; so blieben dem alten Herrn sogar noch mehrere tausend Mark übrig . Mit diesem geringen Gelde zog er nun nebst seiner Frau nach Berlin , wo sein Sohn schon früher lebte als ein frischer und unbefangener junger Offizier , der mäßig war und sehr verständig an seine Zukunft dachte . Die Frau beschloß , eine große Wohnung zu mieten und Fremde bei sich aufzunehmen um Geld , welcher Plan ihr auch gelang , da sie manche Familienbeziehungen hatte , der alte Mann aber , welcher einsah , daß er dergestalt keine Tätigkeit für sich selbst fand , durch die er zum Unterhalt der Familie beitragen konnte , wollte nicht durch seiner Frau Arbeit leben , und bemühte sich so lange , bis er eine Anstellung bei der Pferdebahn erhielt als ein Aufseher über die Schaffner , damit die immer ordentlich alles Geld abliefern und nicht betrügen . Und wiewohl sein Körper schon gebrechlich war und dieser Dienst ihn recht anstrengte , so fühlte er sich doch nunmehr glücklich und zufrieden und erzählte seiner Frau des Abends vieles über die verschiedenartigen Charaktere der Schaffner , indessen die mit einer Küchenarbeit für das Mittagessen des nächsten Tages beschäftigt war . Bei diesen Eltern lebte der junge Offizier , und weil er gesund und rotwangig war , auch vor seinen Vorgesetzten angenehm und bei seinen Kameraden beliebt , so dachte er , daß er wohl eine Heirat machen könne , durch die er seine Glücksumstände wieder aufbesserte . Und wie in Berlin alle verschiedenen Kreise der Gesellschaft sich in der wunderlichsten Weise berühren , so hatte er bei einer gewissen Gelegenheit Luise kennen gelernt und durch ein lange geführtes Gespräch liebgewonnen , denn bis dahin hatte er nur solche jungen Damen gekannt , die mit ihm über Beförderungen und Rangliste sprachen . Nun bedachte er zwar , daß sie eine Jüdin war und wenig angenehme Eltern hatte , auch blieb es ihm nicht unanstößig , daß sie Studentin gewesen , wenn schon ihr Benehmen nichts Auffälliges zeigte ; indessen wußte er doch , daß sie eine große Mitgift erhoffen konnte , auf die er ja angewiesen , und dann hoffte er , daß der Umgang mit den Damen vom Regiment sie bald zu einer richtigen Offiziersfrau machen werde ; über das alles hinaus gab bei ihm aber den Ausschlag , daß er eine große Zuneigung zu ihr gefaßt hatte , was freilich verwunderlich schien in Anbetracht der sonderlichen Verschiedenheit zwischen den beiden . So entschloß er sich denn und schrieb ihr einen wohlgesetzten Brief , in dem er sie fragte , ob er ihren Vater um ihre Hand bitten dürfe . Ihre Eltern hatten aus Anzeichen schon vorher die Werbung geahnt , die von der Mutter begünstigt wurde , der Vater aber , der früher oftmals heftig gegen reiche Glaubensgenossen gesprochen , die ihre Töchter an Christen gaben , war der Verbindung feindlich gestimmt , und so wurde schon lange , bevor der Brief ankam , in der Familie lebhaft und nicht mit Würde über das Kommende gesprochen , unter tiefem Leiden Luisens , die den jungen Mann wohl ganz gern sah als einen gesunden und tüchtigen Menschen , aber keine weitere Neigung zu ihm verspürte ; denn durch diese Gespräche wurde ihr , als werde ihr Innerlichstes und Heimlichstes ans Licht gezogen und vor den Menschen zur Schau ausgebreitet . Und wie nun der Brief wirklich ankam , da hatte sie eine heftige Angst vor den Gesprächen und Reden , die noch folgen würden , und zudem wurde der Überdruß , den sie schon lange empfunden , plötzlich sehr viel heftiger ; so beschloß sie , daß sie aus dem Leben gehen wollte , ohne daß sie eigentlich einen augenscheinlichen Grund gehabt hätte . Ehe sie aber ihre Tat ausführte , schrieb sie noch einen Brief an Hans , der ihrer Seele wohl am nächsten gestanden haben mochte . In dem sagte sie ungefähr folgendes : » Ich sterbe , weil ich auf keinerlei Weise sehen kann , wie ich zu leben vermöchte , und weiß auch nicht , wie andre Leute leben können . Lange habe ich nachgedacht , denn ein jeder hat doch einen Willen zu leben ; und vielleicht wäre es am besten für mich gewesen , ich hätte jung geheiratet und Kinder gekriegt ; denn nachdem wir für uns selbst an das Ende gekommen sind , daß wir nichts mehr zu erstreben sehen , haben wir dann noch Ziele für die Kinder und ihr Größerwerden . Und so ist meine törichte Liebe zu Peter wohl noch das klügste gewesen in meinem Leben , die ich durch zu viele Klugheit zerstört habe , weil ich geistig hochmütig war und keinen Glauben fassen konnte zu einem Mann . Wenn du einmal heiraten solltest und Töchter haben , so erziehe sie nicht so , daß sie viel wissen , denn schon Männer macht das unfroh , aber Frauen vermögen dann nicht zu leben , weil sie nicht mehr sehen , wie sie das können . « Diesen Brief erhielt Hans am Weihnachtsabend , als er allein in seiner Stube saß und über sein bisheriges Leben nachdachte . Da fand er , daß er war wie ein Baum im Herbstwinde , denn wie trockene Blätter waren die Freunde abgefallen , und der Wind trieb sie hierhin und dorthin . Und als er den Brief gelesen , dachte er sich , daß dieses das Ende aller sei , und nur einige wenige Jahre waren doch vergangen , daß so viele junge Leute zusammengewesen waren und Kraft gehabt hatten und einen starken Willen zu allem , was das Schicksal ihnen auch aufgeben mochte ; und nun saß er selbst am Weihnachtsabend einsam in seiner Stube und dachte nach , wie Luise nachgedacht hatte , denn auch er hatte einen Willen zu leben ; aber er fand nicht , wie das alles so gekommen sein konnte . Und indem er angestrengt nachdachte , und es schien ihm zuweilen , als sehe er ganz von weitem das letzte Ende des Gedankens , den er erreichen wollte , da öffnete sich die Tür , und jener Russe trat ein , den er gleich in der ersten Zeit seines Berliner Aufenthaltes kennen gelernt ; später war er immer in Beziehung zu ihm geblieben , aber er mochte ihm nicht wieder so nahe kommen wie in jener Nachtstunde . Dieser trat jetzt ein , begrüßte ihn und sagte , er habe ein belastetes Herz und suche einen Mann , zu dem er sich aussprechen könne . Dann erzählte er folgendes : Vor Jahren , wie er noch in Rußland lebte , hatte er einen Freund , der ein stiller Mensch war , der von den revolutionären Wünschen und Gedanken ihres Kreises nichts wissen mochte , sondern sein Studium liebte , nämlich Mathematik . Dieser lebte mit seiner Schwester zusammen , einem sehr schönen Mädchen , das aus Liebe zu einem andern Studenten philosophische Schriften las und bedachte . Nun war damals ein neuer Polizeimeister in Petersburg eingesetzt , der eine heftige Verfolgung solcher Personen begann , die ihm politisch verdächtig schienen . Bei dieser Gelegenheit wurden auch das junge Mädchen und ihr Bruder verhaftet , und weil man bei ihr verbotene Bücher gefunden hatte , so untersuchte man sie besonders genau , und befahl der Polizeimeister , daß die Jungfrau in seiner Gegenwart nackt ausgezogen werde , damit man nachsehen könne , ob sie nicht noch heimlich an ihrem Körper etwas verborgen hatte . Hierüber und wie sie die lüsternen Augen des Polizeimeisters sah , ward sie von so heftiger Scham ergriffen , daß sie ein Messer nahm , das da auf dem Tische lag zum Spitzen der Bleistifte , und es sich in die Brust stieß ; und weil sie gerade auf die Stelle des Herzens getroffen hatte und der Stoß nicht durch Kleider abgeschwächt wurde , so sank sie gleich um und verschied in wenigen Augenblicken . Wie der Bruder , dem nichts Verbotenes nachgewiesen werden konnte , aus dem Gefängnis entlassen war , bereitete er eine Rache vor , denn seine frühere Gesinnung hatte sich durch dieses Ereignis gänzlich in ihr Gegenteil verwandelt , und da er die notwendigen chemischen Kenntnisse besaß , so gelang es ihm leicht , ein Sprengwerkzeug zu machen , durch das er den Polizeimeister töten wollte . Er hatte aber das Mißgeschick , wie er das Kästchen sorgsam über die Straße trug , daß die Masse sich vorzeitig entzündete und ihm einen Arm wegriß und beide Augen blendete . So wurde er vom Pflaster aufgenommen und durch geschickte Ärzte wieder geheilt ; dann aber klagte man ihn seines Versuches wegen an und verurteilte ihn zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe . Die hatte der Mann nun abgebüßt , und zwar zum Teil in Einzelhaft , und dann war er aus Rußland fortgegangen und nach Berlin gekommen . Solches Geschick aber hatte ihn jedoch zu einem ganz merkwürdigen Menschen gemacht ; denn er war damals achtzehn Jahre alt gewesen ; und zwar in seinem Fach recht tüchtig , sonst aber etwas unreif und kindisch . In den zehn Jahren , die er seitdem in Finsternis und ohne alle Möglichkeit der Bildung verbracht , war sein Geist dann nicht älter geworden , und auch seine Erfahrungen hatten sich nicht vermehrt ; nur zweierlei war in seinem Innern geschehen , nämlich erstens , er hatte die revolutionären Gedanken , die er damals ohne Interesse angehört , in sich befestigt und in einer Art von mathematischem Sinn und ohne Verständnis für die Wirklichkeit in sich gestaltet , und zweitens , er hatte sehr viele und lebhafte Träume gehabt und konnte in seiner Erinnerung nicht mehr unterscheiden zwischen Erlebtem und Geträumtem ; und indem er auch jetzt noch derart träumte , und zwar häufig Vorgänge in solcher Weise , wie er sie sich wünschte , so befand er sich in Wahrheit in einer ganz andern Welt wie seine Umgebung ; denn wenn ihm ein Wunschgebilde dieser Art abgestritten wurde als nicht wirklich , so hielt er den Menschen für erträumt , der gegen ihn stritt , nicht aber seine Vorstellung , weil diese sich bereits ganz mit seinem gesamten Weltbilde verschmolzen hatte . Wie dieser Mann nun eine kleine Weile in dem Kreise der russischen Freunde in Berlin gelebt hatte , die fleißig zusammenkamen auf ihren Zimmern und viel disputierten , stellte sich das wunderliche Wesen heraus , daß er auf alle Mädchen und Frauen des Kreises eine große Anziehungskraft ausübte , trotzdem er schauerlich anzusehen war durch die Verstümmelungen an seinem Körper und im Gesicht , und