und die Gefahr des Erblindens besteht immer . Noch kann ich lesen und schreiben , wie Sie wissen . Das kleine Pult von der Decke wird dann herabgelassen . Ich lese viel - der Pfarrer liest mir auch vor . Mit dem Essen ist ' s einfach , ich hab seit vielen Jahren meinen Teller nicht mehr gesehen , und mein Speisezettel ist der denkbar bescheidenste . Es ist nicht ganz leicht , als vermögensloser Mensch zweiundzwanzig Jahre lang krank zu sein . « Noch immer wußte Josefine nicht , wozu Rudolf Fischer sie hergerufen . Vielleicht ist ' s doch die Medizinerin , von der er ein neues Mittel für sich erhofft , dachte sie , und ihr sank das Herz . Wenn dem so wäre , wer hätte die Unbarmherzigkeit , hierin etwas Herabsetzendes für den Kranken zu finden ? Aber wir sind so geartet , daß wir uns fieberhaft sehnen nach dem Unbegreiflichen , nach dem Übermenschlichen im Menschen , nach dem , was wir selbst nicht tun könnten , das wir nicht von uns fordern würden , und das wir uns nicht zutrauen . Und Josefines Seele , die so lange das kleine Stöhnen des Mitleidheischenden gehört hatte und den dumpfen Schrei des gepeinigten Fleisches - bebend horchte sie auf die Stimme dieses bleichen Überwinders im niederen Bauernstübchen . Daß er nicht für sich selber bitte , sondern für einen anderen , wünschte sie zu erleben . Es war etwas Mitleidloses , fast Grausames in diesem Wunsch , das fühlte sie . Aber mit abergläubischer Heftigkeit bewegte er sich in ihr . Sie sehnte sich , wieder zu glauben an den Menschen in der Erhöhung , nachdem sie so lange den Menschen in der Erniedrigung gesehen . Und der Kranke schien ihre Sehnsucht zu erraten . » Bis die gute Mutter mit dem Kaffee kommt , sag ich Ihnen geschwind , weshalb ich Sie da herausbemühen mußte , « begann Rudolf Fischer , und wieder war sein Ton so frisch und lebhaft , daß man sein Kranksein vergaß . » Es ist besser , die Mutter ist nicht zugegen , sie fürchtet sich meinethalb , die treue Mutter , und nicht ganz grundlos , aber hier gilt es , keine Furcht zu haben , denn es geht um zwei Menschenleben . Merken Sie auf . Nicht weit vom Haus , bei Nachbarsleuten , sind zwei fremde Bübli untergebracht , vier Jahre und zweieinhalb , Kostkinder , von einer Dorfgemeinde eines anderen Kantons für das übliche Kostgeld hierher versorgt . Aber die Kosteltern sind völlig gewissenlose Menschen : Hunger , Schläge , Unreinlichkeit , Zurücksetzung gegen die eigenen , schlechtgewöhnten Kinder - Milch von einer kranken Kuh und , wenn sie schreien , Einsperrung zu den Säuen im Schweinestall - so ist ihre Elternschaft . Ohne Fürsorge , ohne Reinlichkeit , wie man sie für das Vieh aufwendet , und ohne einen Funken Liebe . Und wie kann ein Kind ohne Liebe gedeihen ? « Seine Stimme brach , seine Lippen wurden bleich , Schweiß stand auf seiner Stirn . Josefine hatte sich aufgerichtet , kaum bezwang sie sich : » Man muß sie holen , sofort ! Ich nehme sie mit heim zu mir - man muß ! « rief sie erregt . » Warten Sie ! warten Sie ! « sagte der Kranke , » hören Sie alles . Der Vater der Kinder , der leibliche Vater ist nicht von hier ; er soll einen Einbruch verbüßen , befindet sich im Strafhause für lange Jahre . Die Mutter hat sich von ihm geschieden , Vermögen gibt es nicht - begreiflich ! - so hat die Gemeinde die Bübli ausgetan . Ich höre ihr Angstgeschrei alle Stund , da man sie plagt . Sie kommen zu meiner Mutter um ein Stücklein Brot , eine gelbe Rübe . Aber die Mutter ruft sie dann hinter die Tür oder in den Schopf , denn es darf ' s niemand sehen im Pflegehaus , man vergönnt ' s ihnen nicht . Wagt einer der Nachbarn etwas dawider zu sagen , so gibt ' s grobe Reden . Immer heißt ' s : Die Lausbuben sind in den Grund verderbt , das werden einmal auch Zuchthäusler , das schlimme Blut muß herausgeprügelt werden - « In zorniger Aufregung unterbrach ihn Josefine : » Die rohen Unmenschen ! Ja , ja , so reden sie ! Das ist ganz typisch , immer , ohne Ausnahme reden sie so . Immer wälzen sie ihr Verbrechen auf die Kinder über , schreien , die Kinder seien schlecht . Und was das tollste ist - man glaubt ' s ! Kinder von zwei , von vier Jahren sind schlecht , müssen mißhandelt , körperlich und moralisch zerdrückt , zu den Säuen gesperrt werden , weil sie schlecht sind ! Ich habe einen Kerl gekannt , einen Schlosser aus Bayern , der brannte seinen neunjährigen Buben mit glühenden Eisen auf dem Rücken , um ihn zur Achtsamkeit zu gewöhnen ! Es gibt Lehrer , die ihre Schüler mißhandeln , weil sie kurzsichtig oder schwerhörig sind . Es gibt Lehrer , die ihre Schüler töten , um sie gründlich zu bestrafen . Wegen eines nicht gelösten Rechenexempels hat ein Lehrer in Schöneberg einen zehnjährigen Schüler getötet . Wahrheit ! Aber der Lehrer hieß dann nicht Mörder , sondern schneidiger Kerl . Oh , wie ich diese rohe Bande hasse ! « » Ja , « sagte der Kranke tiefatmend , » ich hasse sie auch ! Aber viel ist Mangel an Phantasie , meinen Sie nicht ? Man sollte diesen Leuten auch die eigenen Kinder nicht lassen , sie taugen nicht zum Erziehungswerk . « Josefine war aufgestanden und ging unruhig umher . » Es tut mir körperlich weh , diese Vorstellung , daß die Bübli dort schmachten . In der Räuberhöhle . Lassen Sie mich hin . Auf den Armen trag ich sie hinaus . Sie sind dann feig , die Quäler . Nicht eine Stunde mehr möcht ich sie dort lassen . Eine Stunde ist viel , wenn man gepeinigt wird . In den Stall zu den Säuen , sagen Sie ? aber sie können epileptisch werden vor Angst und Schrecken ! « Sie hatte den Hut , ihr einfaches schwarzes Filzhütchen , vom Nagel genommen . Aber der Kranke hielt sie ängstlich zurück . » Nicht ! o bitte nicht so ! es ist unmöglich , sogleich dorthin zu gehen , ohne daß Sie meiner Mutter das größte Elend bringen , « flehte er . » Ja , wenn ' s so leicht wäre , Abhilfe zu schaffen - aber das muß alles gesetzmäßig und überlegt geschehen ! Die geben sich nicht leicht , die wollen ja das Kostgeld nicht verlieren ! Und es darf nicht heißen , daß ich die Sache verraten habe , der Mutter halb darf es nicht sein . Ich hab auch lang gekämpft , ob ich schreiben darf . Im Dorf hängt halt alles zusammen . ' s ist nicht wie in der Stadt . Wenn einer den Ackerwagen will , so geht er in meinen Schopf , ohne langes Fragen , und nimmt ihn , wann ich nicht daheim bin . Wenn einer etwa ein Blatt Papier , irgend einen Gegenstand nötig hat , so geht er in ein Haus , nimmt den Schlüssel , wenn keiner daheim ist , schließt Kisten und Kasten auf , holt sich heraus , was er braucht , und meldet ' s später einmal . Wir sind alle einander verpflichtet , wir sind alle einander nah . Aber dieses Verhältnis fordert auch Schonung der Fehler . Die Augen drückt man zu . Es ist schwer , zum Nachbar zu sagen : Gottlos handelst du an anvertrautem Fleisch und Blut . Die gute Mutter bringt ' s nicht fertig , es würd auch keinen Wert haben . Die rohen Leute taugen nicht zum Erziehungswerk , ich sagt ' s schon , man sollt ihnen auch die eigenen Kinder nicht anvertrauen . So pflanzt sich Roheit ohne Ende fort . Dann aber ertrug ich ' s nicht mehr , ich schrieb an Sie , von der ich soviel Gutes gehört , und gleich sind Sie gekommen ! Ich kann Ihnen Ihre Liebe nicht vergelten ! Gott segne alles , was Sie tun . « Erschöpft schwieg er . Die alte Frau mit den ausgeweinten Augen kam wieder herein , mit ihr der kräftige Geruch brennenden Reisigs . Sie blickte ängstlich von dem Sohn auf die Besucherin . » Nun , wissen Sie ' s dann ? Mein Rudolf gab nicht Ruh ; Tag und Nacht sind ihm die armen Bübli im Kopf gelegen . Aber mir ist angst um meinen Rudolf . So herzlose Leut , wo unschuldige Kinder mißhandeln , können auch dem Rudolf - « Sie brach ab und seufzte aus schwerbedrückter Brust . Dann , während sie ein Tischtuch ausbreitete , blickte sie flehend zu Josefine auf : » Schonen Sie meinen Rudolf ! Er hat keine Furcht , aber mir ist ' s fürchterlich angst bei der Sach . Wann jetzt Nachfrage kommt bei den Kosteltern , und sie wissen , daß der Rudolf - « Sie legte die runzeligen Arbeitshände zusammen : » Sie täten ihn überfallen - er ist immer allein - , täten da hereinkommen und ihm böse Grobheiten machen , ihn bedrohen - wohl gar - « Sie drückte ihre ausgeweinten Augen zu , als fürchtete sie , weiteres zu sehen , das da in diesem friedlichen , liebedurchwebten Stübchen geschehen könnte . Ein gutmütiges Lachen vom Bett her ertönte : » Nun , so gar gefährlich ist ' s nicht ! Aber die Mutter hat schon so viel um mich geweint - Vorsicht ist nötig , ihrethalben . Sie werden schon einen Weg finden , Frau Josefine , wo wir keinen wissen . « » Ich werde einen finden . Sie und Ihre liebe Mutter müssen ganz aus dem Spiel bleiben . Es muß ja gelingen , « sagte Josefine warm . In tiefer Rührung hatte sie zugehört . Die Offenbarung , die sie hier empfangen , überwältigte sie . Sie wird den Weg finden , ganz gewiß , in das Zuchthaus gehen , mit dem Gefangenen reden , mit dem Direktor der Strafanstalt , in seinem Namen die Kinder hier fortnehmen , es wird ja gehen . Aber was war ihr Tun gegen das dieses wunderbaren Schutzlosen , der noch schützend und warm das Ärmste umfaßte , das es auf Erden gibt : mißhandelte , gedemütigte Kinder , Kinder ohne Fürsprecher - wie leuchtete sein Bild sonnenumflossen im reinsten Schein ! Weder seine eigene Hilflosigkeit noch die Angst seiner Einzigen , Geliebten , hatten ihn zu hindern vermocht , das auszuführen , was er für seine Pflicht erkannt : die Rettung dieser preisgegebenen Kleinen . » Und war denn kein Gesunder da ? « sagte Josefine , laut mit sich selber sprechend , händefaltend . » Sie haben dann nicht Zeit , « erwiderte er sanft , » überlegen ' s auch wohl nicht so ; wenn man so daliegt , da sind die Gedanken reger , als wenn man mit den Armen schafft . Ich habe Zeit für alles , « sagte er , » und die Phantasie , die es braucht . « Es klang nicht wehmütig und nicht bitter , und es durchschütterte die horchende Frau . Mut und Kraft und Hoffnung strömt aus von dem Hoffnungslosen - Macht , eine gute , rettende Macht von dem Ohnmächtigen , fühlte Josefine . » Sie kommen oft daher um einen Rat , « sagte die Mutter , » mein Rudolf ist halt der Kopf vom ganzen Dorf , sag ich « . » Ja ! « rief Josefine , ihr die Hand drückend , » das ist er gewiß . « Und vor ihrer erregten Phantasie erschien dies Dorf wie ein einziger Organismus . Viele Arme bewegte es , viele Muskeln , die sich rührten , aber hier , hier konnte sie das geheimnisvolle Leben des Hirns beobachten , das jenem dumpfen Treiben einen Sinn und ein Ziel verlieh . Und wie sie weiter und weiter blickte , überschaute sie so die Erde , die ganze Erde , und sie war wie ein wüstes Durcheinander von Leibern ohne Kopf , die sich mit Fäusten und Waffen zu vernichten bemühten . Aber hier und da in dem Chaos glänzte ein heller Schein auf , derselbe Schein , der von Rudolf Fischers bleichem Haupt ausstrahlte . Und jeder dieser hellen Punkte war eine fühlende Intelligenz . Und so blitzschnell die ganze Wunderwelt an Josefines Augen vorüberzog : doch entdeckte sie mit unendlicher Freude und Beruhigung , daß diese scheinbar isolierten Punkte durch feine , leuchtende Fäden miteinander verknüpft waren , und daß diese Fäden und diese Sterne ein harmonisch schönes Ganzes darstellten , Worte des Friedens und der allumfassenden Liebe über dem dunklen , eklen , wimmernden Chaos ... » Sie schweigen , Frau Josefine , « sagte der Kranke , » aber nicht wahr , Sie werden die ärmsten Bübli retten ? Ich fühle mich so beruhigt , seit Sie da zu mir hereingetreten sind . Es geht von Ihnen eine Kraft aus und ein Mut und eine Hoffnung - gelt , Mutterli ? Oh , das ist herrlich ! Sie sind eine glückliche Frau . « » Ich werde die armen Bübli nicht mehr acht Tage dort lassen « , sagte Josefine entschlossen . » Es wird ohne alle Belästigung für Sie gehen . « Und dabei dachte sie unablässig : Kostbare , seltene Minuten , die ich hier verlebe ! So groß ist der Mensch ! So wohl tut es , einem großen Menschen zu begegnen . Was für ein Glück , daß ich gekommen bin . » Glücklich sind Sie , « sagte der Kranke leise seufzend , » selber dürfen Sie handeln , müssen nicht andere vorschieben . Das muß herrlich sein . « Und mit einer leisen Schwärmerei im Ton fuhr er fort : » Wenn ich mir denke , daß Sie nun gehen , frei und leicht , ganz selbständig Ihrem freien , starken Herzen nach - wie ein Mann - und doch kein Mann , sondern ein Weib und mit dem Herzen eines Weibes - und die Welt , die Sie so nötig hat ! Ich habe schon lange von Ihnen gehört - von Ihren Vorträgen - auch Ihre Schriften gelesen vom Recht des Kindes , das sonst nirgend ein Recht hat ! Mir ist ' s jedesmal warm worden und der Mutter auch . Gelt , Mutterli ? Ach , sprach ich das erste Mal , da finde ich eine Freundin . Verzeihen Sie meine Dreistigkeit : Sie sind mir Freundin ! Und jetzt - was sollte ich beginnen , ohne Sie , ich Hilfloser - « Josefine beugte den Kopf wie unter einem Blütenregen . Eine leichte Betäubung überfiel sie . Von allen Seiten schwirrten die Blüten um sie , und es duftete so süß , so schmeichelnd .. Keine Einsamkeit mehr , Liebe über ihr Verdienst , o weit darüber hinaus , Verständnis , Freundschaft . Und dann - in jähem Stimmungswechsel , den die Erregung hervorrief , gedachte sie der Qual all dieser Monate , und sie begann zu weinen , unterdrückt zwar , aber dennoch hörte es der Kranke , den leisen schluchzenden Ton . » O , o , « sagte er mit hellseherischer Sicherheit , » das war verfehlt ! Ich habe nicht gefragt , was Sie angeht . Sie sind im Leid ! Ja ja , Sie sind im Leid ! Und ich habe Torheit gesprochen . « Sein Gesicht wurde ängstlich und traurig . » Was ist Ihnen geschehen ? Wer kann Ihnen Leid zufügen , daß Sie weinen müssen ? « Josefine erschrak vor seinem Ton . Sie wollte sich zurückhalten , aber der quälende Drang , auf eine Minute ihre eigene Last einem anderen zuzuwerfen , übermannte sie : » Ich bin frei und gesund , zu gehen . Aber einen Sohn hab ich - und er - nennen Sie mich nicht glücklich ! « rief sie leidenschaftlich , » Sie sind glücklicher als ich . « » Er ist vielleicht auch krank , Ihr Sohn ? « sagte die Frau Fischer mitleidig und sah voll Sorge auf ihres Rudolfs bebende Hände . » Ach , wäre er so gesund wie Ihr Rudolf , « rief Josefine schmerzgepeinigt , » ich wäre glücklich ! « Die ausgeweinten Augen in dem sonnenbraunen Gesicht der Bäuerin starrten sie mit vorwurfsvoller Überraschung an . Sie hatte nicht verstanden . Josefine aber sah , daß sie grausam gewesen , denn der Kranke atmete heftig , als wehre er sich gegen etwas Drohendes . » Nein , « hauchte er schwach , » nein , nein , nein . « Die Mutter ging an sein Bett , legte ihm die Hand auf die Stirn . Es schien , als bitte ihre Gebärde demütig um Erbarmen für den Sohn . Eine stumme angstvolle Viertelstunde verging . Die Wanduhr tickte mit metallisch hallendem Schlag - Schritte der Vorübergehenden , Kindergeplauder , das regelmäßige Klopfen kleiner Steine aufeinander ertönte - dann das liebkosende tiefe » gurr ! gurr ! « von Tauben auf dem Fensterbrett draußen . » Die Täubli wollen Futter ! « sagte Rudolf , wie erwachend , » Mutterli , gib ihnen auch . « Reuevoll und unruhig hatte Josefine dagesessen - nun sah sie erleichtert zu , wie die alte Frau das Fenster auftat , und wie ihr die zwei zartblauen Tauben auf die körnergefüllten Hände flogen und pickten . Sie brachte die Zutraulichen dem kranken Sohn , und sie wichen kaum seinen streichelnden Händen aus , schlugen nur ein wenig mit den Flügeln und stiegen dann auf seine Bettdecke , um sich auch dort Futter zu holen . » Verzeihen Sie nur meine Schwäche , « sagte er bittend zu Josefine , » so ein Anfall ist allemal etwas Arges . Es schwindelt einem so sonderbar , es ist grad so , wie wenn ich auf dem Kopf stände . Oder das Bett kehrt sich um , und ich schwebe über einem Abgrund , falle nicht , finde aber auch nirgend Halt . Oft geht es eine ganze Nacht so - ich liege dann angeklammert und falle doch unaufhörlich , wie mir scheint . « » Ich bin zu lang geblieben , verzeihen Sie mir ! « bat Josefine und wollte gehen . » Mir ist ' s jetzt angst , daß ich Ihnen geschadet habe . « Aber nun baten Mutter und Sohn , daß sie noch bleibe , den nächsten Zug benutze . » Ich habe immer viel Besuch , aber Ihr Kommen - das ist eine besondere Freude , das dürfen Sie mir nicht abkürzen , weil ich jetzt nicht brav gewesen bin ! Aber nun werd ich schon . « Und voll Stolz erzählte die Mutter , wie viel Briefe immer kommen » und Karten und Grüße jeden Tag für meinen Rudolf . Aus der ganzen Welt . « » Die Schwerkranken und Unheilbaren sind auch eine Brüderschaft , « lächelte Rudolf , » und wir schreiben uns , deutsch und französisch . Das ist ein Trost und ein Genuß . Vielleicht haben Sie , als Medizinerin , von dieser Einrichtung gehört . Sie zieht sich um die ganze Erde . So lebt man trotzdem mit . Und auch Gesunde schreiben mir . Ich habe liebe Freunde . « Er griff in ein ganz niederes Bort , das zu rechter Hand über dem Bette befestigt war , und holte einen kleinen Stoß Briefe und Karten herunter . » Viele liebe Freunde , « wiederholte er , » der liebsten einer ist der . « Und er tat mit der rechten Hand in die linke eine photographische Karte und schob das Bildchen Josefine auf der Decke hin , die eben die Tauben verlassen hatten . Josefine nahm das Bild - zuckte zusammen , bückte sich , um näher zu sehen , und dann , mit durstigen Augen sog sie sich dran fest ... Es war Hovannessian . » Sein Name ist Hovannessian , « sagte der Kranke mit zärtlichem Triumph , » und das Bild kommt aus Persien , denken Sie nur ! Ein Armenier und mein Freund ! Wie kann das sein ? Aber er war in Zürich vor sechs Jahren , und zweimal war er bei mir . Mein Arzt hatte ihm von mir erzählt , und darauf besuchte er mich . Der liebe , liebe Freund Hovannessian . « Die Mutter Rudolfs trat hinter Josefines Stuhl , umfaßte zutraulich ihre Schulter und betrachtete mit ihr das Bildnis . » Und ich seh ' s auch immer wieder gern , weil er mir so lieb ist ! Ja , der ist uns ins Herz eingegraben , gelt Rudolf ? Die Stadt ist Tabris , sag ich ' s richtig ? Ach , wieviel hat er auch erzählt , wie er hier war ! Da ist er gesessen , auf dem gleichen Sessel , und wir sind nicht müd worden zu hören , der Rudolf nicht und ich auch nicht . Wie man dort im fernen Land das Brot macht und den Wein und die Teppiche , und wie man tanzt , und wie die Frauen so verschleiert sind und kein Recht haben , und wie man sich Märchen erzählt , die erwachsenen Leut , denken Sie auch ! « Sie lachte mit kindlichem Wohlgefallen . » Schöne Märli , wir haben ' s auch gern gehört , gelt Rudolf . Aber jetzt ist er dann ein Großer worden , schreibt sein Freund , wo auch manchmal an den Rudolf schreibt , Schulen gründet er , Schulen in Persien , für die Armenier , denken Sie . Aber einfach und arm ist er geblieben und geht noch immer im russischen Hemd , lueget Sie nur das Bild an . « Und sie deutete eifrig auf die Photographie . » Und ein Dichter , « fiel der Kranke begeistert ein , » ja , das ist ein Mensch , wie ich sonst keinen kenne . Er dichtet das Leiden des unterdrückten armenischen Volkes , das die christlichen Völker von Europa hinschlachten lassen aus Freundschaft für die Türken , die sie morden . Aus Freundschaft - nein ! aus Profitsucht ! Ach ! « » Wenn man ' s nur lesen könnte ! « sagte die Mutter , und ihre geschwächten Augen bekamen Glanz , » es muß herzzerreißend sein ! « » Ja , es ist dann russisch ! Schad dafür ! « Und mit einem sehnsüchtigen Seufzer setzte der Kranke hinzu : » O , daß ich ihn nur noch einmal sehen dürfte im Leben , den lieben , meinen lieben Hovannessian , Tag und Nacht möcht ich ihm zuhören . « » Gefällt er Ihnen nicht ? « fragte die Alte , jetzt völlig aufgelebt und beglückt ; » gelt , er ist ein edler Mann ? Ja , und wann ich hundert Jahr alt werde , nimmer vergeß ich ' s , wie er da saß und erzählte und so gut mit dem Rudolf war . « Der Kranke faltete die Hände : » Er lebt , und Gott ist mächtig in ihm , « sagte er mit hingerissener Stimme , » und mir ist ' s ein Trost , daß ich ihn in der Welt weiß ... Ach , daß Sie ihn nicht kennen , Frau Josefine ! Sie hätten sich auch verstanden , Sie zwei ! Wieviel Gemeinsames , wieviel Ähnliches . « In ihrer Begeisterung war es weder Mutter noch Sohn aufgefallen , daß Josefine ganz verstummt war . Sie aber saß auf dem Stuhl , auf dem einst er gesessen , und hörte aus dem Munde reiner Liebe wiedererzählen , was er auch ihr erzählt , und sie fühlte seine Gegenwart hier so deutlich , daß Schauer auf Schauer sie überrann . » Sie müssen dann einmal seine Briefe lesen , « sagte Rudolf , und ein zärtlicher Jubel war in seiner Stimme , » wenn Sie wieder kommen . Sie nehmen auch schon teil an ihm , ich fühl es . Ach ja , gewiß , Sie lieben ihn auch schon . « » Ich liebe ihn , « erwiderte Josefine , und wieder fühlte sie den Blumenregen leise und duftend über sich herunterfallen , und sie schloß die Augen und lächelte : was für ein schöner Traum . Eine kleine Weile stand sie noch an Rudolfs Bett , der fest ihre Hände hielt . » Sie werden die Kinder retten , « sagte er . » Oh , dank Ihnen ! Schönes haben Sie mir gebracht , Unverlierbares . So dankbar lassen Sie mich zurück , so beruhigt . Ich vertraue auf Sie für die armen Bübli ! Und noch etwas ... Als Sie weinten , zuvor , da fand ich kein Wort . Zu tief - litt ich - mit Ihnen . Nun ist mir eins eingefallen , und ich bitte , nehmen Sie es mit . Es ist aus dem Augustinus : Ein Sohn solcher Tränen kann unmöglich verloren gehen ! Gott segne Sie ! Gedenken Sie daran : Ein Sohn solcher Tränen kann unmöglich verloren gehen ! Gott segne Sie und segne alles , was Sie tun ! « Von Segenswünschen und Abschiedsgrüßen umflattert , von der alten Frau noch geleitet , trat Josefine auf die Dorfstraße hinaus . » Kommen Sie wieder zu uns ! Kommen Sie wieder ! « bat die Frau mit den ausgeweinten Augen , und ihre Hände wollten Josefines nicht loslassen . Und als sie endlich fortgegangen war , die Straße hinab , sah sie noch immer die alte Frau stehen im blauen Kattunjäckchen , wie sie die Augen mit der Hand schützte und ihr nachblickte . Im warmen Frühlingssonnenschein , der breit auf der stillen Dorfstraße lag , ging sie mit schwingendem Schritt entlang . Es war ihr wunderbar froh zu Mut , und je weiter sie ging , umsomehr vertiefte sich dies ganz neue Wohlgefühl . Ist die Welt so schön ? Ist das Leben so reich ? Und diese Erde , die von neuen Kräften bebt , ist dies mein Boden ? mein Wohnort ? mein Aufenthalt ? Aber das ist ja alles so reizend , so traumschön , so jung , so nie gesehen ! Wo bin ich denn ? Sie schritt über das Brückchen und sah das glatte grüne Wasser ziehen , mit Goldfunken überstreut . Sie schritt querfeldein und sah mit trunkenen Blicken das Sonnenglitzern auf der jungen grünen Saat , auf der kein Schneestäubchen mehr lag . Alles funkelte und blitzte und leuchtete , und ihr Herz schlug ungestüm , und immer schneller wurden ihre Schritte . Erneuerung ! fühlte sie , und das Wort durchzuckte sie wie ein belebender Kuß . Wiedergeburt ! fühlte sie , und es schien ihr , daß sie emporsteige aus einem dunklen Grabe , mit zitternden Augenlidern , mit ängstlich an den Leib geschlossenen Armen . Empor , empor , in die frischen , veilchenduftenden Frühlingslande , mit der Sonne über dem Scheitel und mit Freundesrufen von allen Seiten ! Hier ist meine Welt , fühlte sie , hier sind die Meinen ! Hier , diesen gehöre ich - endlich , endlich habe ich gefunden . » Hovannes , « sagte sie vor sich hin , und ihre Lippen küßten seinen Namen , und ihr Herz stürmte , daß sie gesagt , dort gesagt : » ich liebe ihn . « » Ja ! ja ! In Ewigkeit ! In Ewigkeit ! Er lebt , und Gott ist mächtig in ihm , « widerhallten in ihr Rudolfs Worte , und auch ihre Hände falteten sich . In ihm liebe ich das Leben , oh , welcher Reichtum , welche Fülle , wie unerschöpflich reich bin ich selbst ! Ja , ich lebe , ich lebe wirklich . Ich habe gekämpft , ich habe gefühlt , ich habe gedacht , ich habe teilgehabt an den Gedanken meiner Zeit , ich bin ein Mensch ! Aber wo war meine Hoffnung ? Hatte ich eine Hoffnung ? War nicht alles nur Arbeit , Arbeit , Arbeit , Opium , um die Schmerzen zu betäuben , die Schmerzen und die Öde und die Hoffnungslosigkeit ? Aber nun - nun habe ich das heilige Land gesehen . Nun funkelt über mir der schöne Himmelsstern , und trostreich ist sein Glanz . Die große Güte - die ursprüngliche Schönheit der Menschennatur - sie ist Wahrheit , kein Traum - sie , sie allein ist Wahrheit , und einmal , einmal wird sie die Welt besitzen . Und eifrig und glücklich begann sie , während sie schneller und schneller durch die sprossenden Saaten schritt , überall in dem , was sie bis jetzt erlebt , in den Menschen , die sie gesehen , in dem gesamten Menschheitsausschnitt , der ihr bis jetzt zugänglich gewesen , das Gute zu suchen . Und - o Wunder - nun war es überall ! Ja , es schien schamhaft , es verbarg sein errötendes Antlitz , es schien fast , als ob die Menschen sich schämten , ihre Güte zu zeigen . Aber es war überall , und es herrschte im stillen und machte alles wieder gut . Aus dem Moder des Elends , des Unrechts , der Schmach brach es hervor in tausendfältigen Blüten , in allen Farben des Regenbogens . Selbst das , was am härtesten macht , Gewalt , Besitz , Dienst , bevorzugte Stellung , Wohlleben , war nur eine harte Rinde , aber gleichwohl durchdringlich für die Gewalt des Guten . Auch diese Rinde spaltete sich oft und oft , und auch aus diesen starren Stämmen brachen die zarten Blättchen , die freundlichen Blumen hervor . Als seien ihr plötzlich