- doch wußte sie zugleich , daß jeder Versuch scheitern würde . Was konnte sie tun ? Sich dem Gatten zu Füßen werfen ? Umsonst ! Abzubitten hatte sie ihm nichts - und um das Leben des anderen flehen : was half ' s ? Der andere würde ja selber - sie erinnerte sich des Schlages , den er ins Gesicht bekommen - nicht ruhen , ehe er diese Schmach mit Blut gewaschen . Als ob vergossenes Blut überhaupt etwas reinigen , etwas Geschehenes ungeschehen machen könnte - - o über den geheiligten Widersinn , unter dessen Herrschaft die blöde Welt sich gestellt hat ! Oder zu Hugo eilen und ihm sagen : Du gehörst mir , Du hast kein Recht mehr , Dich mir zu entreißen - fliehen wir ... Aber kaum zum Bewußtsein zurückgekehrt , und diese und ähnliche Gedanken in ihrem gequälten Hirne wälzend , verfiel sie in heftiges Fieber mit Delirium . Und was die nächsten Tage brachten , das wußte sie nicht . Sie nahm nur dunkel wahr , daß um sie Frauen bemüht waren , daß ein Mann ihren Puls fühlte , und daß die Gestalt ihrer Mutter über sie gebeugt war ... Erst als das Duell schon vorbei war , hatte sie sich wieder erholt . Jetzt mußte sie alles erfahren . Sie forderte es . Sie schrie nach Auskunft - es war ihr Recht ... Martha willfahrte ihr » Das Duell hat stattgefunden - auf Pistolen - Anton blieb unverletzt und ist abgereist , und Hugo - « » Ist er tot ? « » Nein , Kind , nicht tot - aber schwer verwundet . « Jetzt fand sie keine Ruhe mehr , sie mußte zu ihm . » Aber Sylvia - Du , zu dem Mann , mit dem sich Dein Gatte geschlagen , was würde die Welt - « » Darnach frage ich nicht - Hugo stirbt vielleicht . Die Welt ? - Ihre Satzungen sind es , die Dir Mutter , Deinen Abgott getötet haben , und die den Mann , der mich betrogen , zum Mörder meines Geliebten machten . « » Dein Geliebter ? ... so war er - « » Wie soll ich ihn anders nennen ? - Ich lieb ' ihn ja . Die Welt verachte ich und verächtlich wäre ich , tät ' ich ' s nicht ... Gehen wir - komm mit , Mutter , und gehen wir gleich . « Jetzt war es am dritten Tag seit dem ersten Krankenbesuch der beiden Frauen . Hugo lag mit geschlossenen Augen da und atmete schwer . » Schläft er ? « fragte Martha im Flüsterton . Doktor Bresser schüttelte den Kopf : » Ich glaube nicht . « Sylvia war blaß und verweint . Noch hoffte sie auf Rettung , aber schon die Möglichkeit - die sogar eine Wahrscheinlichkeit war - daß er verloren sei , und dazu der Anblick seiner Leiden , verursachten ihr so tiefen Schmerz , daß seit drei Tagen und Nächten ihre Tränen fast nie versiegten . Gestern und vorgestern waren Mutter und Tochter je zwei Vormittags- und zwei Nachmittagsstunden beim Kranken geblieben und am Abend wurde noch um Nachricht geschickt . Augenblickliche Gefahr war noch nicht eingetreten gewesen . Martha blickte auf die Uhr und stand auf . » Komm , Sylvia , jetzt wollen wir gehen . « Die junge Frau erhob sich auch . » Sollte ihm schlechter werden , so lassen Sie uns rufen , « sagte sie zum Doktor . Aber als die beiden schon nahe der Tür waren , kam ihnen Bresser nach und sagte bedeutungsvoll : » Gehen Sie nicht - « Sylvia erbebte . Sie schaute zu Bresser auf , eine entsetzte Frage im Blick . Er verstand diese Frage und antwortete : » Ich fürchte - « Sylvia flog wieder an die Seite des Bettes zurück und kniete da nieder . Jetzt weinte sie nicht - der Schreck war zu heftig gewesen . Hugo lag regungslos ; der Atem , der durch seine halboffenen Lippen drang , hatte einen leise wimmernden Laut . Baronin Tilling ergriff die Hand ihres alten Freundes : » Was fürchten Sie ? - Steht es so schlecht ? « » Es steht schlecht . « Es gab Martha einen Stich . Dabei dachte sie weniger an Hugo , als an den Freund . Der einzige Sohn ! - Freude und Stolz seines Alters ... eine so glanzvolle Zukunft vernichtet ... » Ich habe nicht genügend Vertrauen in meine Kunst - auch nicht in die des Arztes , der ihn jetzt neben mir behandelt - ich habe noch Professor Linden gerufen . « Er wandte sich an die knieende Sylvia : » Gräfin Sylvia , Doktor Linden kann jeden Augenblick kommen . Wollen Sie vielleicht unterdessen ins Nebenzimmer ? - « Sie hob den Kopf . » Das hat ja Zeit , bis er da ist - und wenn er mich fortschickt . « » Dann hat er Sie aber schon gesehen . « - Sylvia blickte verständnislos . - » Ich meine , es könnte dann bekannt werden ... Doktor Linden kommt überall herum ... und nach allem , was man in der Stadt erzählt - « » Ist mein Platz nicht hier , meinen Sie ? « » Mein Gott , die böse Welt - « Ein Ausdruck tiefster Geringschätzung flog über Sylvias Züge : » Ich bleibe . « Und wieder vergrub sie den Kopf in die Decke am Bettrand . Bresser hatte sie verstanden : angesichts von Liebe und Tod - diesen beiden erhabenen Gewalten - war dem jungen Weibe das , was er vorhin die Welt genannt , zu einem Nichts geschrumpft . Der erwartete berühmte Professor kam . Er konnte nur bestätigen , was Doktor Bresser selber gefunden : die Gefahr war groß . Natürlich hatte er die beiden Damen erkannt und wohl darüber gestaunt , daß diejenige , deren Gatte - ihretwegen - den Rivalen verwundet hatte , an diesem Krankenbette weilte , aber er ließ davon nichts merken . Er verordnete weiter nichts als eine hohe Dosis Chinin zur Niederschlagung des Fiebers . Gelänge es nicht , die 40 Grad-Temperatur herabzudrücken , stiege sie noch über 41 , so wäre das das Ende ... aber es war ja möglich , daß ... nun , er wollte am selben Abend noch einmal nachsehen . Im Vorzimmer ging es lebhaft her . Ein Zeitungsreporter reichte dem andern die Stiegentürklinke . Auch andere Leute in Menge kamen Nachricht zu holen über den Zustand des Dichters . Bressers Diener gab Auskunft über das Befinden und den Zeitungsmenschen teilte er die Bulletins mit , welche dann regelmäßig in allen Morgen- und Abendblättern erschienen . Die ganze Stadt war voll Teilnahme und etwas Skandalsucht mischte sich wohl auch dazu , man erzählte sich in allerlei Versionen , was die Ursache des Duells gewesen und der abgedroschene Satz » cherchez la femme « wiederholte sich in allen geistreich sein wollenden Kommentaren . Es wurde Abend . Eine schirmüberschattete Lampe in einer vom Bett entfernten Ecke verbreitete nur sehr gedämpftes Licht in dem durch dunkle Tapeten und Holzverkleidungen ohnehin dunkel erscheinenden Raume . Es war sein Studierzimmer , in das der Doktor den verwundeten Sohn hatte betten lassen - das geräumigste Gemach der Wohnung . Hugo war eingeschlummert . Sylvia saß neben ihm und hielt seine Hand in der ihren . Auf einem Diwan am anderen Ende des Zimmers saßen Doktor Bresser und Martha nebeneinander , in mehr oder minder langen Zwischenräumen leise Worte tauschend . » Erinnern Sie sich , « sagte Martha nach einer Pause , » unserer Fahrt auf dem Karren von Königinhof nach Horowetz am Tage nach der Schlacht ? « » Ich erinnere mich ... An dem Leichenhaufen vorbei , von dem die Raben aufflogen . Das war doch noch trauriger . « » Nur schauriger - und ebenso überflüssig . « » Ja , es ist dieselbe große Sünde : Zweikampf oder Hunderttausendkampf - derselbe Wahn , daß man mit Töten etwas erreichen , etwas beweisen , etwas gutmachen kann . Es ist alles so traurig , so traurig - « » Mein armer Freund ... « Martha seufzte schmerzlich . Es war ihr unendlich weh zu Mute . Dieser sterbende junge Mann , das verdorbene Schicksal ihrer Sylvia ... Von Rudolf - der hatte auch gar harte Kämpfe aufgenommen - war sie schon länger ohne Nachricht . Die ganze Zukunft ihrer Kinder ( an sich dachte sie ja nicht ) schien ihr mit einem Male so verrammelt , die ganze Welt so verdüstert . Bilder aus der Vergangenheit stiegen vor ihrer Erinnerung auf , alle so grausig wie das , welches sie vorhin wachgerufen : der vom Leichenhaufen an der zerschossenen Kirchhofsmauer in den von fahlem Mondlicht erhellten Nachthimmel auffliegende Rabenschwarm ... Sie sah den Novemberregentag auf dem Gräberfeld von Sadowa , da der junge Kaiser in Tränen ausbrach - die schmucklosen Särge sah sie , in denen man im Laufe einer einzigen Woche - der Grumitzer Cholerawoche - - ihre drei blühenden Geschwister hinausgetragen - und , das fürchterlichste Bild von allen : zusammenstürzend unter dem Feuer des Exekutionspelotons , die geliebte Gestalt ihres Friedrich - - Der Kranke erwachte . » Wasser ! « bat er leise . Der alte Doktor stürzte hinzu , aber Sylvia hatte schon ein Glas gefüllt und mit erregungszitternder Hand an Hugos Lippen gesetzt . Er trank mühsam , aber gierig . Dann sank sein Kopf auf das Kissen zurück ; er hatte sie wieder nicht erkannt . Seit Sylvia hierhergekommen - jetzt war es schon am dritten Tage - hatte er noch mit keinem Wort und keinem Blick gezeigt , daß er wußte , wer da neben ihm war . Sie lechzte danach , von ihm erkannt zu werden . Sie wußte , daß ihre Nähe ihn beglückt hätte ; es war ihr schrecklich , daß er nicht imstande war , dieses Glück - vielleicht das letzte - noch zu fühlen . Vergebens hatte sie ihm zugeflüstert : » Hugo , Hugo , ich bin ' s - sieh mich an - Deine , Deine Sylvia ! « Vergebens ihm ins Auge geschaut , die verzehrendste Leidenschaft , die innigste Zärtlichkeit im eigenen Blick - seine armen , fieberbrennenden Augen irrten wie hilfesuchend umher und nicht ein Schein von Verständnis und Bewußtsein . Das war ja gar nicht Hugo , der da lag , nicht ihr Dichter , von dem sie angebetet wurde , das war nur ein zuckender , leidender Körper mit zwar noch nicht entflohener , aber abwesender Seele . Gegen zehn Uhr kam der Professor wieder . Er fand - was auch Doktor Bresser schon konstatiert hatte - daß das Fieber bedeutend nachgelassen . » Das ist günstig , « setzte er hinzu . Sylvia erbebte . Wie ein seliger Hoffnungsblitz hatte sie dieses Wort durchfahren . Beim Fortgehen gab der berühmte Arzt die Möglichkeit zu , daß der junge Mann davonkomme . Die folgende Nacht würde er wahrscheinlich ruhig schlafen . Da wäre viel gewonnen . Und beim nächsten Erwachen - Hugo war wieder eingeschlummert - würde er wohl bei Bewußtsein sein . » Bei Bewußtsein « - auch dieses Wort durchfuhr Sylvia mit sehnsuchtsheißer Freude - ein Wiedersehen würde das ja sein ! Martha schlug vor , daß man nach Hause fahre . Sylvia aber weigerte sich . » Ich weiche nicht mehr von hinnen , bis er gerettet ist , oder - « » Tot « brachte sie nicht über die Lippen . Um keinen Preis hätte sie den Augenblick versäumen wollen , den der Professor vorher gesagt - den Augenblick des zurückkehrenden Bewußtseins . Wenn er erwachte , mußte sein erster Blick auf sie fallen - dann würde es ein glückliches Erwachen sein , das wußte sie . Als Martha sah , daß ihre Tochter so fest entschlossen war , zu bleiben , verzichtete auch sie auf das Nachhausegehen . Doktor Bresser stellte ihr sein Schlafzimmer zur Verfügung - er selber wollte bei seinem Sohne wachen . Auch Sylvia bot er an , ihr in einem Nebenraum ein Bett aufschlagen zu lassen , sie aber erklärte , daß sie sich von dem Lehnstuhl an Hugos Seite nicht rühren werde - sie könne auch da ruhen . Martha nahm des Doktors Antrag an und zog sich zurück . Zwei Stunden später . Hugos Atemzüge gingen regelmäßig und ruhig . Bresser lag angekleidet auf dem Diwan und war eingeschlummert , ebenso die Wärterin , die in einem Lehnstuhl neben dem Ofen ruhte . Die einzige Wache im Zimmer war Sylvia , die beim Kopfende des Krankenbettes saß und unverwandten Blickes auf den Daliegenden schaute , obwohl die geliebten Züge kaum auszunehmen waren , denn die Lampe am anderen Ende des Zimmers war noch mehr herabgedreht worden und nur ein ganz schwacher Schein ging davon aus . Die Wanduhr tickte hörbar - vor kurzem hatte sie ein Uhr geschlagen . Im Ofen knisterten die brennenden Scheiter . Von der Straße her , trotz der geschlossenen Läden , dringt von Zeit zu Zeit das dumpfe Rollen eines vorüberfahrenden Wagens - Leute , die von lustigen Festen heimfuhren , vermutlich , und die keine Ahnung hatten von dem Bangen hier oben - ein Bangen , das sich vielleicht bald in wilden Schmerz verwandeln konnte . Der Gedanke , daß der Geliebte sterben würde , drängte sich ihr immer wieder auf . Manchmal quälte sie sich absichtlich damit , sich vorzustellen , daß er schon tot sei - ein Faltenwurf der Decke auf seiner Brust warf einen Schatten , der bei einiger Einbildung wie ein Kruzifix aussah ... So verging noch eine Stunde . Die Uhr holte schnarrend aus , um Zwei zu schlagen . Zugleich regte sich der Kranke Sylvia sprang auf und neigte sich über ihn . Seine Augen waren offen . Es durchfuhr sie der gleiche selige Hoffnungsstrahl wie bei Professor Lindens Wort : » bei Bewußtsein « . Vielleicht jetzt ... vielleicht war er - er selber wieder da - - » Hugo , Hugo , kennst Du mich ? « rief sie leise , aber inbrünstig . Er war in der Tat zum Bewußtsein erwacht . In raschen Erinnerungsblitzen spielte sich in seinem Geiste das Vorgefallene ab : das Duell , die Verwundung , der Transport hierher , die Operation und dann ein leeres Nichts . Und jetzt : ihr Gesicht lag im Schatten , aber die Stimme hatte er erkannt - jetzt , über ihn gebeugt , das Weib seiner Liebe ... » Sylvia , Sylvia , Du ! - So hab ' ich Dich wieder ? « » Und auf immer ... bist gerettet - bist genesen ... ein langes Leben liegt vor Dir , vor uns ... Nichts soll uns trennen . - Wie ist Dir ? ... Wie fühlst Du Dich ? « » Ich bin glücklich , Sylvia , o so glückl - - « Er erhob sich ein wenig , fiel aber mit einem durchdringenden Schmerzensschrei wieder in die Kissen zurück . Da war auch schon Doktor Bresser an der Seite seines Sohnes und beugte sich über ihn . » Er ist zu sich gekommen , « sagte Sylvia , » er hat mich erkannt . Nicht wahr , Hugo - was ist Dir ? ... Hugo , so sprich doch ! ... « Der alte Mann wehrte ihr ab : » Still , er stirbt - - « XXXIII Martha Tilling an Graf Kolnos . Grumitz im Juni 1895 . Teuerer Freund . Innigsten Dank dafür , daß Sie mir Ihre baldige Rückkunft anzeigen und die Adresse ihrer letzten Etappe geben . Da kann ich Ihnen wieder , wie schon einmal , schreiben , was in der langen Zeit Ihrer Abwesenheit in meinen Kreisen vorgefallen . Es war ein Drama , ein erschütterndes Drama . Sie werden ja alles hören , wenn sie zurückkommen , aber vielleicht mit Übertreibungen und Entstellungen . So sollen Sie zuerst die ganze Wahrheit von mir erfahren . Wenige Tage , nachdem Ihr - wie nennen Sie ' s doch ? - Ihr » periodischer Reiseraptus « Sie gepackt hatte , Ziel : das Innere Afrikas - , hat sich das Drama abgespielt . Vielleicht ist doch durch die Zeitungen die Kunde davon zu Ihnen gedrungen ? Aber Sie lesen ja keine Zeitungen in Ihrem Erholungsexil - und so wissen Sie wohl nichts vom Duell Bresser-Delnitzky . Ja , mein Schwiegersohn hat den jungen Dichter tödlich verwundet : Bresser war - nein , nicht Sylvias Geliebter - er war von Sylvia geliebt . So sehr geliebt , daß sie , unbekümmert um das , was die Welt dazu sagen könnte , an sein Krankenlager eilte - ich mit ihr - und daß sie bei ihm blieb - ich mit ihr - bis zu seinem letzten Seufzer . Was dann folgte , war herzzerreißend . Mein Gott , ich habe ja in meinem schwergeprüften Leben viele Schauerszenen durchgemacht , die der unbarmherzige Tragödiendichter Tod zu schaffen weiß : die Agonien in den böhmischen Lazaretten , die Cholerawoche in Grumitz , die Hinrichtung meines Liebsten ... zuletzt die Verluste , die meinen Rudolf betroffen - aber ich dachte nicht , daß ich noch einmal einer Sterbestunde beiwohnen sollte , die mir eine ganz neue Art des Schmerzes offenbaren würde . Es ist ja nun vorüber , Gott sei Dank - also kann ich ' s sagen . In der Stunde , die ihr den Geliebten ihres Herzens entriß , ist meine arme Sylvia in so wahnsinnige Verzweiflung verfallen - daß die anderen es kurzweg Wahnsinn nannten ; sie mußte in eine Nervenheilanstalt gebracht werden , wo man sie durch sechs Monate unter strengster Bewachung hielt , denn sie versuchte es mehr als einmal , zum Fenster hinauszuspringen , oder den Kopf an die Mauer zu schlagen . Nicht als bewußten Selbstmordversuch , sondern in Anfällen von Fieberdelirium . Nach und nach wich die Umnachtung ihres Geistes und die Schmerzparoxismen machten einer sanfteren Schwermut Platz ; stundenlang weinte sie an meiner Brust - ich besuchte sie natürlich täglich . Nach weiteren zwei Monaten konnte die Anstalt sie als geheilt entlassen und seither lebt sie bei mir . Immer noch tief melancholisch . - Aber , sie ist ja noch jung , ich rechne auf die Heilkraft der Zeit ; vielleicht bietet ihr das Schicksal doch noch Trost ... Die Scheidung ihrer Ehe ist vollzogen . Leider in einer Weise , als hätte nur sie alle Schuld . Anton hat vor kurzem seine Sängerin zur Gräfin Delnitzky gemacht . Diese hat das Theater verlassen und die beiden leben in dem Landhaus , das Anton ihr schon vor Jahren geschenkt . Und Rudolf ? Diese Frage hätten Sie jetzt sicher an mich gestellt , wenn ich Ihnen alles obige mündlich erzählt hätte ; denn Sie wissen ja , daß in meinen Gedanken und Sorgen stets meine beiden Kinder den gleichen Platz einnehmen . Sie lesen überhaupt in meiner Seele , Kolnos , und haben mich immer so gut verstanden , - selbst damals , als Sie einem kurzen Irrtum sich hingegeben hatten - haben Sie schnell begriffen , warum es nicht sein konnte ... doch davon reden wir eigentlich niemals . Verzeihen Sie , daß ich da an einer Erinnerung rührte , die ihnen vielleicht peinlich ist ... mir gehört sie eben zu den lieben Erinnerungen ... Also Rudolf ? Er war am Vorabend jenes Duells von Wien abgereist und erfuhr davon erst nach einigen Tagen durch die Blätter . Vom Zustande Sylvias wußte er nichts . Ich wollte ihn nicht benachrichtigen , weil ich wußte , das er eingegangene Verpflichtungen erfüllen mußte und ich wollte ihm diese Aufgabe nicht erschweren . Aber von anderer Seite erhielt er Mitteilung : da löste er seine Engagements und eilte zu mir . Der Mutter und der Schwester in Unglück und Bedrängnis beizustehen : das erkannte er als seine nächste Pflicht . - Und wahrlich , seine Nähe hat mir wohlgetan . Noch ein anderes liebes Wesen hat sich um mich bemüht - so viel Trost und Aufrichtung als möglich zu bringen getrachtet : Cajetane Ranegg . So oft ich allein war , kam sie zu mir ; nur wenn Rudolf mir Gesellschaft leistete , ging sie fort . Sogar in auffallender Weise ; sie mied ihn , so gut sie konnte . Daß sie ihn lieb hat , weiß ich schon lange ... ich habe es Ihnen ja auch gesagt , und meinen Wunsch dazu , daß er sie heimführe , aber er will von Wiederverheiratung nichts hören . Als Sylvia vollständig genesen war , übersiedelten wir nach meinem alten Grumitz , dem ich für Brunnhof untreu geworden war . Ach , wie ist der Ort so bevölkert von den Gespenstern meiner Jugend ... Rudolf brachte mich hierher und reiste dann wieder ab - er mußte das Versäumte nachholen . Was er tut und denkt und plant - das erzähle ich Ihnen mündlich . Ich bin ja noch immer mit ganzer Seele bei den großen Aufgaben , die mein Gatte hinterlassen und mein Sohn übernommen hat . So sehr der eigene Kummer - um meine unglückliche Sylvia - mich auch bedrückt , so sehr ich selber leidend war , alle diese Sachen haben mein Herz stark hergenommen ( Herz nicht im bildlichen Sinne , sondern als Organ ) , und meine Gesundheit ist arg erschüttert - so habe ich doch nie aufgehört , für jene Ideale - die meine Religion sind - zu sinnen und zu sorgen . Im Unglück flüchtet ja jeder zu seiner Religion . Was soll ich Ihnen noch erzählen ? Max und Elisabeth Dotzky , die seelenvergnügt auf Brunnhof residieren ( ob Rudolf da nicht übereilt gehandelt hat ? ... er wollte Ketten abstreifen , und doch : wie viele schleppt er noch hinter sich ! ) also diese beiden glücklichen Leutchen haben - pour comble - auch noch einen Thronerben bekommen - - Armes , kleines Fritzi ... es war ein gar so lieber Bub ' ! Auch etwas , was ich nie recht verschmerzen kann . In der » Kunst , Großmutter zu sein « , war ich eine so frohe Künstlerin ... Von Lori Griesbach höre ich schon lange nichts . Sie soll eine große Betschwester geworden sein : tägliche Frühmesse , Paramentensticken , Sammlung für Kirchenbaufonds , Protektion katholischer Vereine , Unterstützung der Missionen , Verkehr mit dem hohen Klerus u.s.w. Den Tod ihrer Tochter und ihres Enkels betrachtet sie - so sagte sie neulich einem gemeinsamen Freunde - als ein göttliches Strafgericht für die Familie Dotzky , weil die Dotzkys nicht von echter Gläubigkeit durchdrungen sind . Nun ja - es war ein harter Schlag für die Arme . Möge auch sie in ihrer Religion Trost und Stütze finden ... Vorausgesetzt , daß dieses fromme Gehaben nicht nur das Mitmachen einer eleganten Mode ist ; denn es wird ja in unseren Kreisen täglich mehr und mehr als bon ton betrachtet , sich recht kirchlich zu zeigen - nach dem von oben gegebenen Beispiel . Hier in Grumitz leben wir drei Frauen äußerst still und freuen uns nur der sommerlichen Natur - » es ist die Zeit der Rosenpracht « . Wir drei , sagte ich . Cajetane Ranegg ist nämlich mein Gast . Ich bin ihr unendlich dankbar dafür , denn ihre Gesellschaft ist für meine traurige Sylvia eine Wohltat , ein wahrer Segen . Cajetane ist jung - und obwohl sie auch einen Herzenskummer hat - heiterer , sonniger Gemütsart . Das ist ein Umgang , der für meine Rekonvaleszentin doch viel ersprießlicher ist , als der einer selber leidenden und wahrlich recht gedrückten alten Frau . Nicht , daß ich mich gar so alt fühlte ... Aber in den Augen junger Leute ... Es muß ein Naturgesetz sein , daß der Jugend wieder nur Jugend als vollgültig erscheint . - Ob meine Freundin Ranegg damit einverstanden ist , daß ihre Tochter hierher kam und sich der meinen so sehr angeschlossen hat , weiß ich nicht . Die Scheidung , die Duellaffäre , die auf Bressers Tod folgende » Nervenkrankheit « : alles das sind Dinge , die einer so korrekten Frau wie Gräfin Ranegg gewiß Skrupel einflößen ; dagegen ist diese Frau doch auch wieder viel zu weitherzig , um etwa ihrer Tochter verbieten zu wollen , uns beide mit ihrer lieben Nähe zu trösten . Auch mir ist Cajetane eine wahre Aufrichtung . Ich liebe sie einfach . Und sie mich - das fühl ' ich genau . Wenn ich auch weiß , daß ich ihr nur per procura teuer bin , das tut nichts . Im Gegenteil : ich bin ihr dankbar für das , was sie für meinen Sohn empfindet . Ich kann mit ihr über seine Pläne sprechen - sie folgt mit liebevollstem Verständnis . Von ihm erscheint ihr alles erhaben und schön . Vielleicht würde sie , wenn er das Gegenteil von dem verträte , was er vertritt , dies ebenso bewundern - ich weiß es nicht ; aber es tut mir wohl , zu wissen , daß für meinen einsamen Rudolf ein so liebendes Herz schlägt ... Wer weiß , wenn ihn einst die Einsamkeit , die Heimlosigkeit drückt , so wird er - - Lachen Sie mich nicht aus , Kolnos , daß ich mich so als Heiratsstifterin entpuppe ... man kann nicht ungestraft so glücklich in der Ehe gewesen sein , wie ich es war - genug , dieser Brief ist ungebührlich lang geworden . Auf Wiedersehen - ich rechne auf Ihren Besuch . XXXIV Rudolf hatte sich von den Erschütterungen wieder erholt , die er durch den unliebsamen Wirtshausabend und wenige Tage darauf durch die unglücklichen Ereignisse im Hause Delnitzky erlitten hatte . Nun war seine Schwester wieder auf dem Wege der Genesung , und manche erhebende Eindrücke und Erfahrungen auf sozialem Gebiet hatten die deprimierenden Eindrücke jener Wiener Vorstadtepisode wett gemacht . Daß in einer Kampf- und Übergangsepoche , wie die , in der er lebte , zwei Weltanschauungen - mehr noch , zwei Weltordnungen miteinander ringen , an manchen Orten und durch einige Zeit die rückständige Sache Siege feiert , das darf einen , der auf der andern Seite kämpft , nicht entmutigen ; das darf ihn vor allem den Blick nicht trüben für die Siegesanzeichen im eigenen Lager . Es kommt nur darauf an , wohin man den aufmerksamen Blick wendet . Und in letzter Zeit hatte Rudolf Gelegenheit gesucht und gefunden , die lichtvollen Phasen der sozialen Entwicklung zu beobachten und sich mit den Dingen und Personen zu beschäftigen , die dem Eintritt einer neuen Ära vorarbeiten . Was auf der anderen Seite noch so stark vorherrscht : das Elend in den unteren Schichten - Unwissenheit und Lasterhaftigkeit - verteilt in allen Schichten , - - die aufgestachelten Verfolgungsgelüste der Nationen und Rassen , die Verherrlichung des Gewaltprinzips in den machthabenden Sphären - das alles übersah er nicht . Doch er fühlte darüber hinweg den Hauch des neuen Geistes . Des Geistes , der berufen war , diese Dinge zu überwinden . Sie gelten ja nicht mehr allgemein als unabänderliche Tatsachen , mit denen man sich abfinden muß , sondern als zu lösende Probleme und allenthalben waren Kräfte an der Arbeit , die Lösungen herbeizuführen . Bewußte Kräfte neben den unbewußten . Der alte Jammer war noch lange nicht gebannt , aber die Kulturmenschheit hat ihm sozusagen gekündigt , ihm das Dienstverhältnis aufgesagt . Was Rudolf am meisten anspornte und in gehobene Stimmung versetzte , war der persönliche Verkehr mit Gesinnungsgenossen . Darin fand er den positiven Trost , daß eine ganze Phalanx von Geistern demselben Ziele zusteuert , das er winken sah ; er war also kein vereinzelter Träumer , kein allzuverfrühter Herold . Schon lange hatte er mit den Führern der verschiedenen fortschreitenden Ideen in brieflichem Verkehr gestanden ; jetzt hatte er sie selber aufgesucht , um im lebendigem Gedanken- und Gefühlsaustausch mit ihnen die eigene Zuversicht zu stärken . Er war nach Berlin gefahren , um sich Moritz von Egidy vorzustellen , und hatte sich dort nicht nur an den öffentlichen - - von einer Zuhörerschaft von Tausenden bejubelten Vorträgen , sondern auch an dem intimen Umgang des herrlichen Menschen erlabt . Er eilte dann nach England . Das war nicht nur eine Wallfahrt zu Herbert Spencer , dessen Werke die Grundlagen zu seinem eigenen Denken gebildet , sondern dieses freieste Land Europas , mit seiner Immunität gegen den festländischen Militarismus , erschien ihm als der eigentliche Hort des Friedensgedankens , wie es ja tatsächlich , neben den Vereinigten Staaten Nordamerikas , die Wiege des Friedensgedankens ist . Wenn auch dort wie überall eine Jingopartei existierte und die großen Massen noch nicht von der Idee eines gesicherten Weltfriedens durchdrungen waren , so bot England damals die sonst nirgends existierende Tatsache , daß die Regierung - in der Person ihres zum viertenmal als solchen fungierenden Premier - das Prinzip des Völkerschiedsgerichts vertrat . Daß wenige Jahre später gerade in diesem Lande der Kriegsgeist am heftigsten aufflackern , die Gladstones Prinzipien gründlich abgeschworen würden - das sah Rudolf freilich nicht voraus . Auch zu dem » grand old man « wallfahrtete er . Als er ihn besuchte , war ein Freund des Meisters in dessen Arbeitszimmer anwesend : Unterhausmitglied Philip Stanhope - jüngerer Bruder Lord Chersterfields - auch ein Friedenskämpfer und Mitglied der Interparlamentarischen Union . Das Gespräch fiel auf die nächste Konferenz dieser Union , die in diesem Jahre - 1894 - im Saale der ersten Kammer der holländischen Generalstaaten zusammen treten sollte . » Ich habe meinem Freund Stanhope eine Mission für diese Konferenz gegeben , « sagte Gladstone . » Schon im Vorjahre , « fügte er hinzu , » habe ich im Parlament es ausgesprochen - anläßlich des Antrages Cremers und Sir John Lubbocks einen ständigen Schiedsgerichtsvertrag mit den Vereinigten Staaten abzuschließen . Ich habe den Antrag unterstützt ; habe aber