blieb ich still . Warum ? Bloß wegen meiner körperlichen Schwäche als Genesender ? Oder aus Klugheit , um ein Wortgefecht zu vermeiden ? Warum soll man , wenn man von Achilles redet , grad von seiner Ferse sprechen ! Mein Auge war hinunter auf das Thal gerichtet . Ich sah Lichter , welche sich hin und her bewegten . Waren das Fackeln ? Vereinzelte Stimmen drangen herauf ; sie klangen wie Kommandorufe . Da fragte mich der Ustad : » Bemerkst du , daß sich da unten das Dorf belebt ? « » Ja , « antwortete ich . » Fühlst du dich schwach oder wohl ? « » Wohl . Warum willst du das wissen ? « » Weil ich eine Mitteilung für dich habe , welche dich wahrscheinlich sehr bewegen wird . « » Sprich sie aus ! Ich fürchte nichts für mich . « » Sie ist eine doppelte . Das eine klingt nicht froh . Das will ich dir zuerst sagen , damit das andere dich wieder beruhigen möge . Mein Pedehr vermutet , daß Hadschi Halef Omar in dieser Nacht erwachen werde . « » Zum letzten Male ? « » Das weiß allein Chodeh . Ich bin überzeugt , daß die Erwartung des Pedehr sich erfüllen werde , denn er kennt diese Krankheit so genau , wie kein zweiter sie kennt . « » Wo werden die Boten sein , die wir nach den Weideplätzen der Haddedihn gesandt haben ! « » Das ist das zweite , was ich dir mitzuteilen habe . Der Gedanke , Kara Ben Halef holen zu lassen , wurde zwar von dir ausgesprochen , aber er kam nicht von dir . Daß er dir gegeben wurde , läßt mich für unsern dem Tode so nahen Freund noch Hoffnung hegen . Unser Können ist erschöpft ; es giebt nur noch die Möglichkeit , daß der unerwartete Anblick seines Sohnes ihn rettet . « » Aber der ist nicht hier ! « » Er kommt . « » Wirklich ? Gewiß ? Noch heut ? « fragte ich in freudiger Ueberraschung . » Ja ; noch heut , noch diesen Abend , noch vor Mitternacht . « Ich lehnte mich zurück und holte tief , tief Atem . Es war , als ob der Odem mir bisher gefehlt und sich nun wieder eingestellt habe . Ich schloß die Augen . Mein Blick richtete sich nach innen . Da sah ich nun so recht , wie schwer die Sorge um meinen Halef auf mir gelastet hatte . Jetzt teilte sich die unheilschwangere Wolke , und ein lichter Strahl gab mir die Hoffnung wieder ! » Sind die Boten denn schon zurück ? « erkundigte ich mich . » O nein ! Sie sind mit dem jungen Scheik der Haddedihn nur bis zu einem Duar gekommen , welcher fast drei Tagesritte von hier liegt . Da müssen sie bleiben , um sich zu erholen . Auch ihre Pferde konnten nicht weiter . Der Sohn , welcher kommt , um seinen Vater wo möglich noch lebend anzutreffen , hat weder sich noch sie geschont . Nur die Rücksicht auf sein abgetriebenes , edles Pferd hat ihn vermocht , eine volle Nacht in jenem Duar zu bleiben , damit es einmal länger ruhen könne . Aber er hat sogleich nach seiner Ankunft dort zwei Boten vorausgesandt , von denen ich erfuhr , daß er heut abend sicher kommen werde . « » Warum sagst du mir das erst jetzt ? « » Weil ich es selbst nicht früher wußte . Der Vorsprung , den sie vor ihm hatten , wird durch die Eile , mit welcher er ihnen folgt , derart ausgeglichen , daß er nur ganz kurze Zeit nach ihnen hier einzutreffen gedenkt . Nun siehst du die Lichter , welche sich da unten im Thale bewegen . Es versammelt sich da eine Schar meiner Dschamikun , um den beiden entgegenzureiten . « » Den - - beiden ? Sind es zwei ? « » Ja . « » Wer noch , außer ihm ? « » Ein Haddedihn , welcher nicht zu Pferde mit ihm kommt , sondern sich zweier Eilkamele bedient , um mit ihnen wechseln zu können . « » Wie heißt er ? « » Das weiß ich nicht . Die Boten waren über seine Hedschan87 der Bewunderung voll ; sie versicherten , noch nie im Leben so herrliche Tiere gesehen zu haben . « » Tragen diese Kamele etwa einen Tachtirwahn88 ? « » Nein . Meinst du , daß der junge Haddedihn eine Frau mitbringe ? Es giebt kein Weib , welches , selbst in der Sänfte , eine solche Anstrengung auszuhalten vermöchte . Die Boten sagten , der Begleiter Kara Ben Halefs scheine ein vornehmer Christ zu sein , der zwar wenig , aber sehr gebieterisch spreche . Er trage eine blaue Brille und darunter noch einen blauen Schleier , um seine Augen zu schützen . Wahrscheinlich sei er einer der gelehrten Abendländer , welche nach der Dschesireh kommen , um in den dortigen Ruinen alte Ziegel auszugraben . - - Nun sag , hat dich diese Nachricht aufgeregt ? « » Nein . Um aufgeregt sein zu können , bin ich wohl noch zu schwach . Wir stehen vor einer Entscheidung . Fällt sie ungünstig aus , so trifft sie mich nicht unvorbereitet , und ich weiß , daß das Leben des Menschen nicht mit dem Tode aufhört . Selbst wenn Hadschi Halef stürbe , würde er mir unverloren bleiben . Die Nachricht von der Ankunft seines Sohnes erfüllt mich mit herzlicher Freude . Das Wiedersehen wird nicht schädlich auf mich wirken . « » So bin ich beruhigt . Ich kam , dich vorzubereiten . Ich weiß , daß du wohl viele Fragen hast , deren Beantwortung du dir wünschest . Mein Pedehr wird das gern thun . Ich sorge für die Seelen unserer Dschamikun ; alles andere ist in seine Hand gegeben . « Er erhob sich , strich mir mit der Hand wie liebkosend über das Haar und kehrte dann nach dem Innern des Gebäudes zurück . Bei dieser Berührung meines Hauptes hatte ich wieder das Gefühl , als ob dabei eine gütig reine , nicht materielle Kraft durch mein ganzes Wesen gehe . Kann man den von einem wohlwollenden Menschen ausgehenden Segen in dieser Weise fühlen ? Oder giebt es ein uns noch unbekanntes Fluidum , welches in dieser Weise von dem einen auf den andern übertragen werden kann ? Nun war ich allein und dachte an Halefs Sohn . Endlich , endlich ! Ich hatte eine Zuversicht in mir , welche an die Gewißheit grenzte , daß er seinen Vater retten werde . Wer aber war der Fremde , den er mitbrachte ? Einen Augenblick lang hatte ich an seine Mutter gedacht , an Hanneh , die » lieblichste und schönste unter allen Blumen des Morgenlandes « . Ich war durch die Sänfte zu diesem Gedanken geführt worden . Aber ich hatte doch angeordnet , daß Hanneh nichts von Halefs Krankheit erfahren solle , und mußte mit der Ansicht des Ustad einverstanden sein , daß ein weibliches Wesen einen solchen Parforceritt unmöglich aushalten könne . Zwar war sie eine außerordentlich resolute Frau ; sie verstand , jedes Pferd nach Männerart zu reiten , und sie hing mit so inniger Liebe an Halef , daß ihr der Entschluß , jetzt mitzukommen , sehr wohl zugetraut werden konnte ; aber anzunehmen , daß sie diesen Gedanken in Wirklichkeit ausgeführt habe , das schien mir doch viel zu gewagt zu sein . Ein europäischer Gelehrter ! Man hielt ihn wohl nur seiner blauen Brille wegen für einen solchen ; er brauchte es ja trotzdem nicht zu sein . Auch ich hatte solche Brillen bei mir gehabt , um sie aufzusetzen , wenn die Sonnenstrahlen allzu blendend von den hellen Sand- oder Felsenflächen zurückgeworfen wurden . Ich war von dem damals noch kleinen Kara gebeten worden , sie ihm zu schenken , und hatte es gethan . Also , die Brille macht noch nicht den Gelehrten ; ich habe nie im Leben die Absicht gehabt , » gelehrt « zu sein , denn es ist mir nie gelungen , mir dieses Wort sympathisch werden zu lassen . Wer aber war dieser Mann ? Unser David Lindsay jedenfalls nicht . Nur allein diesem , der sich aber unterwegs nach Schiras befand , konnte die kühne Schrulle beikommen , sich Hals über Kopf einer solchen Hetzpartie nur aus dem Grunde anzuschließen , weil es etwas Ungewöhnliches war . Ich sann hin und her , konnte mir aber außer ihm niemand denken , und hielt es darum für das beste , jetzt einmal dem Beispiele Halefs zu folgen , der , wenn es etwas zu erraten gab , sich stets mit der Bemerkung aus der Schlinge zu ziehen pflegte , daß er sich mit der Lösung von Rätseln nicht abzugeben habe . Unten im Thale gab es wieder Ruhe ; die Schar der Dschamikun , von welcher der Ustad gesprochen hatte , war fortgeritten . Auf dem freien Platze zu meinen Füßen , wo sich unsere Pferde befanden , wurden an den dazu vorhandenen Einfassungsstützen Fackeln aufgesteckt , welche später angebrannt werden sollten . Dann kam der Pedehr mit einigen Bedienten in den Raum , an dessen Säule ich sitzend lehnte . Er gab leise Befehle . Dann kam er heraus , setzte sich bei mir nieder und fragte : » Der Ustad hat dir gesagt , wer heut noch kommt ? « » Ja . « » Ich weiß , daß du dich auf das Wiedersehen mit dem Sohne freust , und ich hoffe , daß der Himmel den Vater dir erhält . Denkst du , stark genug für diesen vielleicht schweren Abend zu sein ? « » Wenn ich will , wird der Körper gehorchen . « » Ich habe Befehl erteilt , die Kerzen der Beratung hereinzubringen . Sie werden nur dann angebrannt , wenn die Aeltesten des Stammes sich bei dem Ustad befinden , um mit ihm wichtige Angelegenheiten zu beraten . Doch soll auch an dem heutigen Abend der Raum so tageshell erleuchtet sein , wie er es bei diesen Gelegenheiten ist . Ich habe über das Leben des Kranken zu wachen und brauche Licht , um die Schrift seines Angesichtes lesen zu können . Was ich verbiete , darf nicht geschehen . Bist du damit einverstanden , Effendi ? « » Sehr gern ! « » Wenn er erwacht und aber nicht spricht , so wird er sterben . Findet jedoch seine Seele den Weg zu seinem Munde noch frei , so kann er uns erhalten bleiben . Unser Freund kann sich nur durch sich selbst , durch seinen eigenen Willen retten . Besitzt er diesen noch , so hoffe ich für ihn . Wenn er einen Wunsch äußert , so haben wir ihn zu erfüllen , falls dies möglich ist , denn dieser Wunsch ist die Stütze , an welcher das niedergesunkene Leben sich aufzurichten hat . « » Ich bitte dich , mich hineinschaffen zu lassen . Ich möchte , wenn er erwacht , an seiner Seite oder doch wenigstens in seiner Nähe sein . « » Dies wird geschehen , doch warum schon jetzt ? Macht dich der Aufenthalt im Freien schwach ? « » Nein . Warten wir also bis später ! Jetzt möchte ich gern wissen , was aus den Massaban geworden ist . Ich habe noch nichts wieder über sie gehört . « » Ich werde dir das morgen oder übermorgen ausführlich erzählen . Heut aber wird dein Inneres so sehr beschäftigt werden , daß ich dir nur das Eine sagen will : Es ist uns keiner entgangen . Genügt dir das ? « » Wenn du willst , ja . Horch ! War das nicht ein Schuß ? Noch einer ! Und noch einer ! « » Drei Schüsse . Sie kommen . Viel eher , als ich dachte ! « » Mit Kara Ben Halef ? « » Ja . Bist du innerlich gerüstet , Effendi ? « » Gewiß ! « » Prüfe dich ! Es wird ein Sturm sein , welcher an deiner Seele , an deinem Leben rüttelt ! « » Diese Seele ist stark ; ich kenne sie . « » So sei es denn ! Wir wagen viel , sehr viel , doch meine Hoffnung blickt zu Chodeh auf , der nur allein es ist , dem wir vertrauen müssen . Ich will nach Halef schauen und dann am Thor die Gäste begrüßen ; hierauf kehre ich mit ihnen hierher zurück zu dir . « Er ging hinein , und ich hörte , daß er befahl , die Kerzen anzubrennen . Gleich hierauf drang eine Fülle des Lichtes durch die offenen Bogen heraus auf den Vorplatz . Ich sah deutlich unsere zwei Pferde liegen und mehrere Dschamikun damit beschäftigt , die aufgesteckten Fackeln schnell anzuzünden . Auch die andern Räume des » hohen Hauses « schienen hell erleuchtet worden zu sein , denn die Strahlen vereinten sich zu einem glänzenden Lichtstrome , welcher weit hinaus bis an den See und tief hinunter bis auf die Sohle des Thales flutete . Von dort klangen laute Stimmen herauf . Ich hörte Pferde wiehern . Eine Fantasia oder gar ein lärmendes Pulverspiel gab es nicht . Die Nähe des Todes verbietet solche Dinge . Bald hörte ich fernleisen Hufschlag , welcher lauter wurde . Er kam den Berg herauf . Nun ertönte das langgezogene , ungeduldige » Chchchchchuuuuh « eines Kameles . Ich kannte diesen Ton . So klagt das Hedschihn der ebenen Wüste , wenn es gezwungen wird , auf ungewohnten Bergwegen zu schreiten . Von rechts unten her erklang die laute Stimme des Pedehr . Ich verstand die Worte nicht , doch waren sie das Willkommen , welches er den Gästen sagte . Hierauf erschienen einige Dschamikunreiter auf dem Vorplatze . Sie waren die Führer . Hinter ihnen kam , von den Fackeln genügend beleuchtet , Kara Ben Halef , auf seinem » Ghalib « sitzend . Ihm folgten zwei aus der edelsten Bischarizucht stammende Eilkamele . Das eine war ledig ; auf dem andern saß der verschleierte Fremde . Seine Waffen hingen am Sattelknopfe . Er sprach mit dem Pedehr . Er war ebenso wie Kara in den gewöhnlichen Wüstenanzug gekleidet . Kara Ben Halef sprang vom Pferde und trat zu dem Kamele hin , um dessen Reiter beim Absteigen zu unterstützen . Dieser aber glitt ohne die beabsichtigte Hilfe schnell aus dem Sattel herab und fragte so laut und pressant , daß ich die Worte verstehen konnte : » Nun sag , wo liegt der Scheik der Haddedihn ? ! « Welch eine Stimme ! Die kannte ich ja ! Täuschte mich mein Ohr , oder war es Wirklichkeit ? » Hier oben in der Halle , « antwortete der Pedehr . » So komm ! « Mit diesen Worten ergriff der Fremde Karas Hand , um mit ihm die Stufen emporzueilen . » Ich ersuche euch , nicht so schnell zu gehen , « bat der Pedehr . » Es ist notwendig , daß ich vorher - - - « Dem Verschleierten aber fiel es gar nicht ein , auf diese Worte zu achten . Er zog Kara von Stufe zu Stufe in größter Ungeduld hinter sich her , bis er die oberste erreicht hatte . Da fiel sein Blick auf mich . Er blieb stehen , um mich zu betrachten . Seine Gestalt schien plötzlich alle Möglichkeit , sich zu bewegen , verloren zu haben . Er stand starr , wortlos , eine ganze , ganze Zeit . Dann hob er langsam die Arme und schlug die Hände laut zusammen . » Sihdi ? ! « rief er aus . » Ich bin es , « antwortete ich . Da that er die drei Schritte zu mir her , warf sich vor mir nieder , zog meine beiden Hände unter seinen Schleier und drückte sein Gesicht hinein . Es waren glatte , bartlose Wangen , die ich fühlte . Sein Körper bewegte sich konvulsivisch . Er wollte den Ausbruch des Schmerzes , das Schluchzen unterdrücken und konnte es doch nicht . Aus seinen Augen floß eine Flut von Thränen über meine Hände . Kara stand still auf der vorletzten Stufe . Auch er erkannte mich , ließ aber dem Andern das Vorrecht , zuerst mit mir zu reden . Da hob dieser Andere den Kopf empor , sah mir noch einmal forschend ins Gesicht und sagte schluchzend : » Das , das ist mein Sihdi ! Der einzige Freund meines irdischen Lebens ! Der kluge Berater meines Herzens ! Der treue Leiter meiner irrenden Seele ! Der unerschütterliche Fels in jeder Not ! Kennst du mich ? « » Hanneh ! « Ich konnte dieses kleine Wort kaum über die Lippen bringen , so tief erschüttert war ich . Meine Augen standen voller Thränen , und meine Stimme bebte . Da warf sie den Turban vom Kopfe , riß den Schleier herab und rief jammernd aus : » Ja , ich bin es ! Aber bist du der noch , der du warst ? « » Ich werde es wieder sein ! « » Ja , du mußt , du mußt , du mußt es wieder sein ! Ich mache dich gesund , ich , ich , ich ! Und ich beginne damit gleich , gleich jetzt , in diesem Augenblick ! Kennst du das Märchen von Chakika89 , welche vom Himmel kam und dem Tode begegnete ? Sie küßte ihn ; da wurde aus ihm das Leben . « » Ich kenne es . Diese lichte , himmlische Chakika ist die herrlichste Wahrheit , die es giebt . « » So laß mich dieses Märchen sein , und zürne mir wegen meiner Kühnheit nicht ! « Sie rutschte auf den Knieen ganz zu mir heran , zog meinen Kopf an sich und küßte mich auf beide Wangen und dann noch auf die Stirn . Dann fuhr sie unter Thränen fort : » Wer war es , der dich jetzt mit den Lippen berührte ? Nicht Hanneh , das Weib von Hadschi Halef Omar , des Scheikes der Haddedihn ! Der Kuß dieser Frau könnte dir nichts nützen trotz aller Liebe und Dankbarkeit , die sie in ihrem Herzen für dich pflegt . O , mein Sihdi ! O , mein Effendi ! Ich wußte , daß du uns allen teuer bist , aber wie , wie , wie teuer , das wußte ich noch nicht ! Das habe ich erst jetzt begriffen , wo du , von Todes Hand noch festgehalten , mit einem Lächeln auf mich niederblickst , so schwach , so matt und doch so lieb und gut , daß es mir das Herz zerreißen will ! Kara Ben Halef , mein Sohn , tritt herbei , und leg deine Hände auf das Haupt dieses Mannes , der zu uns kam , um uns allen nichts als nur Liebe , Liebe , Liebe zu erweisen ! « Er biß die Zähne zusammen , um nicht lautauf zu weinen ; aber seine Lippen zitterten und seine Augen standen voll Wasser . Er legte mir nicht nur die Hände sondern auch die Wange auf den Kopf ; er hatte mich lieb , so recht von ganzer Seele lieb . Da faltete seine Mutter ihre Hände und sprach weiter : » Sihdi , ich segne dich ! Ich segne dich nicht so , wie andere segnen . Ich gebe dir mehr , als was nur ich dir geben könnte . Ich segne dich durch die Hände meines Kindes , auf dem der Segen seines Vaters und seiner Mutter liegt . Dreifach also ist der Segen , der auf dir ruhen soll in alle Ewigkeit ! « Da erklang die tiefe , klare Stimme des Ustad , der , von uns unbemerkt , hinter uns an der Säule gestanden hatte : » Nicht nur dreifach soll er sein , und nicht nur gesegnet sollst du haben , sondern auch gesegnet werden ! « Er trat aus der Halle heraus , breitete seine Hände über sie und fuhr fort : » Ich sehe dich heut zum erstenmal , und doch ist es mir , als seist du mir schon längst , schon längst bekannt . Ich höre , daß du Hanneh bist , unsers Hadschi Halef Weib ; aber für mich und uns bist du in diesem Augenblicke mehr . Du bist die Seele des weiblichen Geschlechtes , die aus der Höhe niederstieg , um Geist in Seele zu verwandeln . Wie hast du mich gerührt ! Wie ward mein Herz bewegt von deinem Herzen ! Es wallt in mir ein großes Wünschen auf , für welches ich das rechte Wort nicht finde . Du , eines Moslem Weib , verurteilt zu des Harems Einsamkeit , hast einem Nasarah90 gegenüber dies Gesetz gebrochen , um dem höheren des Herzens zu gehorchen . Wie wert muß doch sein Christentum deines dreifachen Segens sein ! Und so gern , wie es noch nie geschah , will ich für dich zu Chodeh beten , an dir zur Wahrheit zu machen , daß , wer da segnet , selbst gesegnet wird ! « Sie schaute zu ihm auf , aus weitgeöffneten Augen , mit einem langen , langen Blicke . » Bist du der Ustad ? « fragte sie . » Man nennt mich so , « antwortete er . » Du sagtest , es sei dir so , als habest du mich schon längst gekannt . Habe nicht auch ich dich schon gesehen ? Doch wo und wann ? Ich kann mich nicht besinnen . In diesen Bergen ist es nicht gewesen . Du hast den Gebieter meines Stammes und meines Zeltes bei dir aufgenommen . Ich danke dir ! Erlaubst du mir , daß ich jetzt zu ihm gehe ? « » Ich führe dich , « antwortete er . » Der Pedehr ist bei ihm . Doch , meine Tochter , bist du stark genug , den Hadschi so zu sehen , wie man nur Leichen sieht ? « Da richtete sie sich auf . Ihre Augen blitzten . Sie war ganz Entschlossenheit . » Kennst du das Weib , Ustad ? « fragte sie . » Ich kenne es , « lächelte er , » und ich sehe , daß du es bist ! « » Vielleicht erschrecke ich , doch eine Klage wirst du nicht aus meinem Munde hören . Auch mein Sohn ist stark . Komm , Kara , laß uns zum Vater gehen ! « Welch eine Frau ! Der Ustad ergriff ihre Hand , um sie zu leiten . Sie gab die andere Kara ; so gingen sie hinein . Ich horchte . Sie schritten langsam nach der Ecke , in welcher Halef lag ; dann war es still , kein Wort , kein Laut zu hören . Wie war sie über mein leidendes Aussehen erschrocken ! Halefs Anblick aber war noch schlimmer . Und doch diese Ruhe hinter mir ! Ich wiederhole : Welch eine Frau ! Ich schaute den Dschamikun zu , welche Karas Dunkelbraunen und die beiden Kamele abgeschirrt hatten und ihnen nun Wasser und Futter gaben . Aber meine Gedanken waren natürlich weniger dort als in der Halle am Lager des Freundes . Erst nach langer Zeit hörte ich wieder Schritte . Der Pedehr kam zu mir . » Sie ist eine Heldin und ihr Sohn ein Held , « flüsterte er mir zu . » Sie sind bei ihm . Auch der Ustad wird bleiben , denn wir vermuten , daß Halef bald erwachen werde . Ich sah , daß sich die Falten seiner Stirn bewegten . « » Und ich ? Darf ich hinein ? « fragte ich . » Ich bitte dich darum . Er darf dich nicht vermissen . « Er holte einige Leute , welche mich samt den Kissen hineinbrachten . Hanneh und Kara saßen zur Seite Halefs , der Ustad zu seinen Füßen . Ich bekam einen Platz in der Nähe . Der Pedehr hatte sich auf der Ecke des Lagers niedergelassen . Er beobachtete den Kranken unausgesetzt . Schakara war auch da , und an der Thür standen zwei Männer , um etwaige Befehle sofort auszuführen . Ich konnte das Gesicht Halefs deutlich sehen . Die Halle war von Wachskerzen hell erleuchtet . Die Bienenzucht der Dschamikun lieferte dieses außerhalb ihres Gebietes seltene Material . Ich wiederhole , daß das Gesicht des Hadschi ganz dem einer Mumie glich . Hanneh bewegte sich nicht . Ihre Züge waren wie aus Stein geformt . Kara saß so , daß ich die seinigen nicht beobachten konnte . Was mich betrifft , so gab es in mir eine zwar erwartungsvolle , sonst aber ruhige Stille . Es war , als ob jedes Wünschen und Wollen verschwunden sei ; aber das bedeutete nicht etwa eine Ergebung in das Unvermeidliche , sondern es war eine Zuversicht , die ich vor der Ankunft Hannehs und Karas keineswegs empfunden hatte . » Sihdi ! « Was war das ? Hatte mich wer gerufen ? Ich schaute die Andern fragend an . Sie blickten ebenso fragend zu mir herüber . Keiner hatte dieses Wort gesprochen , aber alle hatten es gehört . » War es Halef ? « erkundigte ich mich . Niemand wußte es . Seine uns bekannte Stimme war es nicht gewesen . Auch hatte man keine Bewegung seiner Lippen gesehen . Nun hingen wir mit unsern Augen an seinem Munde , welcher ein wenig offen stand . » Sihdi - - - Sihdi - - - ! « Jetzt hörten wir genau , daß Halef es war , obwohl die Stellung seiner Lippen sich nicht im geringsten verändert hatte . Das war eine ganz eigentümliche Stimme , nicht laut , nicht leise , ganz ohne allen Ton und Klang und doch so gut verständlich . Wenn es Schatten oder Schemen gäbe , welche sprechen könnten , so würden sie es ganz gewiß in dieser Weise thun . » Halef , mein lieber Halef ! « antwortete ich . » Der bin ich nicht ! « erwiderte er . » Nicht mein Hadschi ? « » Der bin ich auch nicht ! « » Also mein Hadschi Halef ? « » Ich bin es nicht ! « » Wer bist du denn ? « » Ich weiß es nicht ! « » Sag mir deinen Namen ! « » Ich habe keinen ! « » Aber du kennst dich doch ? « » Ich bin ich ! « » Wo bist du ? « » Hier ! « » Wo ist das ? « » Bei dir , bei meinem Sihdi ! Jetzt bei den Haddedihn ! Wo ist Hanneh ? Sie ist nicht da ! Wo ist Kara , mein Sohn ? Er ist auch nicht da . Ich suche sie ! « » Wo gehst du hin , sie zu finden ? « Er antwortete nicht . Darum schwieg auch ich . Er hatte alle diese kurzen Antworten gegeben , ohne die Lippen zu bewegen . Darum waren die Labiallaute nicht zu hören gewesen . Das hatte aber nicht verhindert , ihn zu verstehen . » Sihdi - - - Sihdi - - - ! « erklang es nach einer längeren Pause wieder . » Ja , « sagte ich . » Ich bin bei dir . « » Wieder ? « » Ja . Ich habe deine Augen . « » Wirklich ? « » Wirklich ! Und was du siehst , das sehe ich auch ! Nun habe ich sie gefunden . Ich sehe sie ! Kara und Hanneh , die ich liebe . Ich sehe noch mehr . Ich sehe - - - wer - - - wer ist das ? Das ist der - - - Pe - - - der Pe - - - Pedehr und - - - und - - - ich muß fort - - - fort von dir ! - - - Wer - - - wer - - - wer bin - - - bin - - - wer bin ich und wer - - - - « Da stand der Ustad mit einer unerwartet schnellen Bewegung auf und rief ganz auffallend laut und deutlich : » Du bist Hadschi Halef Omar , der Scheik der Haddedihn ! Hörst du ? Hadschi Halef Omar , der Scheik der Haddedihn vom Stamme der Schammar ! « » Had - - - Hadschi Hal - - - Halef - - - - - - - - « Er brachte nur diese Silben zusammen ; dann verhauchte seine Stimme und wurde nicht mehr gehört . Nun ließ sich der Ustad wieder nieder , bog sich zu mir herüber und fragte mich , leise flüsternd : » Begreifst du , was ich that ? « » Nein . « » So denke nach ! Ich habe ihn zu sich zurückgeführt . « » Ist es denn möglich , eine Seele , welche bereits im Begriffe steht , ihre Verbindung mit dem Körper zu lösen , durch Worte festzuhalten ? « » Ja , das hast du jetzt erfahren und wirst den Beweis bald kommen sehen . Für euch Abendländer ist das freilich ein Rätsel . Eure Seelenlehre ist noch nicht einmal so weit gekommen , daß sie sagen kann , was und wo die Seele ist . Wer die sonderbare Ansicht hegt , daß der Offizier im Körper des Soldaten stecke , der wird alle Bewegungen dieses Soldaten als Regungen des Offiziers erklären ; über die Seele aber Auskunft zu geben , das wird ihm ganz unmöglich sein ! « Das klang so alt und doch so neu , in jedem Falle aber wahr ! Nun wieder störte kein Laut die