jede Erinnerung , jede Feinheit verschwunden war , wiederum roch er die abgelagerte Luft von gestern , atmete den Rauch der Zigaretten , den Dunst der Weine und wurde behandelt wie einer , der nicht da ist oder den man nicht sieht . Er sah in dunkle Nebenkammern , wie man auf einer längstverödeten Straße Wagenspuren verfolgt ; das heimische Laster hatte seine Spuren selbst in die Finsternis gegraben . Er sah in andern Stuben junge Männer lungern und sich erhitzen um einen Kuß , von dem sie vergessen wollten , wie feil er war und wie jedem er gewährt worden war . Er sah Spielkarten fliegen und hörte rohe Scherze durch die Wände dringen , Pfropfen knallen , Goldstücke rollen und glaubte zu erkennen , wie mancher seine Ohren verschloß gegen die Stimmen , die er nicht hören wollte , nie hören durfte , ohne den Verstand zu verlieren . Er erblickte die Kammern dieser Frauen und Mädchen , die von unsinnigem Zierat starrten , worin sie sich bei Tag einem bleiernen Schlaf überließen , worin ein rotes oder grünes Licht künstliche Schwülnis hervorbrachte und selbst den abgeschabten Stellen der Tapete etwas Schmückendes verlieh , gleich dem Märchen von der ersten Sünde und der poetischen Verführung , das die Bewohnerin in seinem matten Schein ersinnt und dem empfindsam gewordenen Besucher verabreicht . Er sah die verschnörkelten , steilen Treppen , auf denen die Mädchen hinauf- und hinabeilten und dabei berechneten , wieviel sie noch verdienen müßten , um sich bezahlt zu machen dafür , daß sie hier in Hemd und Strümpfen sich mästen durften , ohne daß man mehr von ihnen verlangte , als daß sie lachten , lachten , immer lachten . Mochten sie fett oder mager sein , blond oder schwarz , alt oder jung , sie hatten keine Aufgabe , als die , zu lachen . Und jedes neue Läuten der Glocke brachte einen neuen Gast in diese Krämerei , wo lebendiges Fleisch verhandelt wurde : Junge Menschen , die mit zitternden Lippen und studiertem Gleichmut unter der Schwelle standen , um zu warten , was man mit ihnen beginnen würde ; schiefe Greise , die einen letzten Funken ihres vergehenden Lebens anzufachen bemüht waren ; Männer , von Langeweile und Gewohnheit hergetrieben , Knaben sogar mit den erschreckenden Zeichen vorzeitiger Fehltritte in den Augen , die sie wissend einem alles verschlingenden Abgrund zueilen ließen , Bräutigame , die ein Mittel suchten , die ideale Schwärmerei des Brautstandes zu überdauern , geachtete Bürger , die liebenswürdige und gute Frauen besaßen , Lehrer , Beamte , Studenten , Handwerker ... Wie um Erbarmen stehend , suchten Agathons Augen diejenigen Gudstikkers und diese antworteten : Hier gibt es kein Erbarmen . Und Agathon verlor Ruhe , Kraft und Besinnung und Bild auf Bild in stummer Reihenfolge bedrängte ihn . Oft war es auch ein leidendes Gesicht , das er gewahrte , das mit hineingerissen wurde in den Strudel und versank . Erschüttert wollte er fliehen , doch schon war Gudstikker neben ihm , der ihn führte , - durch die menschenleeren Gassen der Stadt . Warum , warum ist das alles ? fragte Agathon flüsternd . Aber nichts gab ihm Antwort , während Gudstikkers Nähe mehr und mehr beklemmend auf ihn wirkte . Und er sah durch die Mauern der Häuser , armer und reicher Häuser ; er hörte Angstrufe , Hilfeschreie einer versinkenden Gesellschaft , einer Welt , die wie ein Schiff sich langsam mit Wasser füllt , um unrettbar in den Abgrund zu tauchen . Bis jetzt war es nur das offene Spiel gewesen , das lediglich zum Schein den Stempel der Heimlichkeit trägt , und um jenen Anstand zu wahren , der noch die letzte Klammer der berstenden Wände bildet . Er sah , daß jedes Haus eine Wunde hatte , die unheilbar war ; daß jede Tür eines jeden Zimmers mit unverlöschlichen Lettern das Gedächtnis eines schweren Makels aufbewahrte ; daß jedes Glas eines jeden Fensters auf Dinge geschaut , die besser in dichtem Dunkel begangen worden wären ; daß kein Schläfer unter allen so ruhig schlief , daß selbst seine reinsten Träume nicht durch den Nachhauch eines begangenen Frevels getrübt wurden , daß die Bereitwilligkeit , sich zu verkaufen , in keinem verschlossenen Haus geringer war , als in jenen öffentlichen ; daß das Glück und die Ruhe aus den Zügen des Lebens verwischt waren und daß der Weinende wie der Lachende eine Maske trägt ; daß die Händler des Fleisches und die Händler des Geistes bei Tag und Nacht , jahraus , jahrein durch die Gassen gehen und harmlos scherzend Gift säen ; daß die Kaserne und das Spital , der Palast und das Gefängnis , die Kirche und das Wirtshaus , das Theater und die Schule von einem Schmerz gepeinigt , von einer Lüge erhalten , von einer Hoffnung betrogen werden . Und Agathon sah das Ziel in der Ferne zerstäuben zu nichts , die Fackel , die seinen Weg erleuchtet , langsam vergehen und erkannte , daß er gegen die gigantische Masse des Elends nichts war als ein Kind , das mit seinen Händchen Gebirge abtragen will . Und Jude oder Christ , was bedeutete ihm das noch gegenüber diesem heimlichen und lautlosen Kampf , der hier zwischen schlafenden Mauern geführt wurde ? Jude und Christ hatten in gleicher Weise dazu beigetragen , das Jahrhundert dorthin zu führen , wo es stand , und ihre Todeszeugen fielen einander grinsend in die Arme und schlossen Bruderschaft . » Gute Nacht , Bester , « sagte Gudstikker jovial , als sie vor seinem Haus standen . » Ich denke , meine Dienste haben Ihnen gut getan . Die Welt ist viel größer , als Sie glauben . Setzen Sie sich auseinander mit ihr , gute Nacht . « Agathon nahm den Gruß verständnislos hin und blieb , als er sich allein sah , lange Zeit an derselben Stelle stehen . Mit dem Verschwinden Gudstikkers waren die Bilder und Gesichte vorbei . Agathon hatte kein Bett , keinen Zufluchtsort , begehrte keinen Zufluchtsort , begehrte keine Ruhe . Betrunkene taumelten an ihm vorbei , gröhlend oder still , begeistert oder trübsinnig . Alles was noch lebendig war auf den Straßen , wurde durch den Geist der Besoffenheit bewegt , der einen übelriechenden Dunst erzeugte . Dieser Geruch wird auch morgen das öffentliche Leben durchdringen und die Seelen der Besseren unmutig machen ; er wird jede Frau , die schlaflos an dem Lager ihrer Kinder brütet , den Mann und die Liebe verachten lassen und wird alle Gefühle der Anmut und Frische zerstören , jede Vereinigung von Kräften unterwühlen . Agathon war im tiefsten Herzen verzweifelt . Vielleicht gab es noch eines , was ihn aufrichten konnte . Die Gestalt Bojesens erhob sich plötzlich aus der Vergangenheit , von einem übertriebenen Nimbus verklärt . Agathon blickte auf sie hin , wie auf eine tröstende Gestalt . Ehe er es überlegte , befand er sich schon vor dem Haus , in dem der Lehrer wohnte . Da das Tor bei der späten Stunde schon geschlossen war , ließ sich Agathon kraftlos auf die feuchten Steinfließen nieder , umschloß die Knie mit den Armen und wartete . Er wartete ohne Empfindung für das Vorbeifließen der Zeit . Im dritten Stock , wo Bojesen wohnte , öffnete sich bisweilen ein Fenster . Die Uhren schlugen eins , zwei , schlugen drei . Die Finsternis der Gasse schien klebriger und körperlicher zu werden . Aber war das nicht Bojesen , der vor ihm stand ? Diese etwas zusammengekrümmte Figur , die den Hut schief auf dem Kopf sitzen , die Hände tief in den Taschen vergraben hatte ? Waren das nicht Bojesens Züge ? Agathon mußte unwillkürlich lächeln , daß dies seltsam abstoßende Bild eines Menschen , diese schwankende Nachtgestalt solche Ähnlichkeit aufwies . Aber warum starrte nun der Schein-Bojesen so ? suchte in seinen Taschen nach Schlüsseln - ? brummte , als er sie nicht fand - ? Es erwies sich , daß es mehr als eine bloße Ähnlichkeit gab zwischen dem falschen Bojesen und dem Bojesen in Agathons Erwartung . Schließlich erhob Agathon in stechendem Schrecken die Hände und öffnete den Mund zu einem Schrei , den seine Kehle ihm nicht bewilligte . Dann fuhr Bojesen , der seine Schlüssel noch immer nicht hatte finden können , zurück und lehnte sich stammelnd an den Laternenpfahl . » Ich - suchte - Sie - sch - schon - l - lange genug - Ag - Agathon , « sagte er . Agathon stand auf und trat dicht vor ihn hin . Bojesen zog mit einer mechanischen Bewegung den Brief aus seiner Brusttasche . » Da lesen Sie ihn gleich , « sagte er und war plötzlich wieder im Besitz seiner Sprache . » Sagen Sie mir , was es ist . Sagen Sie es mir . Ich vergehe sonst . Ja , ja , ich liebe dieses Weib , kann mich nicht losreißen , verbrenne mir das Herz dabei , verliere mein Seelenheil , mein Geistesheil , alles , alles . Ich bin hin , eine Null , ein hohler Stamm , ein mürbes Blatt , ausgeblasen , bankrott . Was weichen Sie zurück vor mir ? Agathon , haben Sie Mitleid ! Oder sind Sie die Tugend selbst , daß Sie mich verachten dürfen ? Was weichen Sie zurück mit entsetzten Augen ? « Agathon wich zurück vor dem Schnapsgeruch , der aus Bojesens Munde kam . Bojesen hatte wie ein Fiebernder geredet , mit überstürzten Sätzen , purzelnden Worten und theatralischen Armbewegungen . » Nein , nein , ich bin nicht betrunken , « fuhr er fort und ballte die Fäuste ; » nur ein paar Gläser Grog , das ist alles für einen Bankrotteur . Agathon lesen Sie den Brief ( seine Stimme wurde heiser ) und seien Sie aufrichtig mit Ihrem Freund - « Da wandte sich Agathon , nachdem er den Brief an sich genommen und ging fort , so schnell er immer konnte . Und hinter sich hörte er den verzweifelten , ersterbenden Ruf in die Nacht verhallen : Agathon ! Agathon ! Als er die Wasseralleen erreicht hatte und den Fluß neben sich rauschen hörte , vernahm er es immer noch , dies : Agathon , als ob es aus dem Bett des Stromes käme . Der Tag war für ihn beschlossen und das Jahr . Und viele Bauten , die unlängst noch prächtige Pforten vor ihm aufgetan hatten , schlossen diese Pforten von selbst wieder . Über der schier mit Händen zu greifenden Finsternis der Allee sah er eine brennende Stadt , ein brennendes Land . Erst brannte es sichtbar und lichterloh , dann war das Feuer unterirdisch und man hörte keinen Hilferuf . Er kam an die Stelle , wo die Neubauten waren . Das Haus , in dem damals der Trockenofen gebrannt , war schon bewohnt . Aber daneben war noch ein anderer Neubau und heute brannte in diesem der Trockenofen und verbreitete seine düstere Röte in dem Gebäude und in dem Buschwerk der Umgebung . Nach einiger Mühe gelang es Agathon , sich durch das verrammelte Tor zu zwängen . Er legte sich vor den Ofen und bemerkte , daß seine Knie vor Kälte schlotterten . Doch er empfand es kaum . Sein bleiches Gesicht zuckte nur bisweilen unter der ungeheueren Bewegung seines Innern . Schließlich , Stunden mochten verronnen sein , und die Hähne begannen schon zu krähen , erinnerte er sich des Briefes . Er sah ihn an und erkannte Jeanettens Schriftzüge . Er riß ihn auf und eine Banknote fiel heraus . Auf dem Papier stand mit gleichsam entsetzten und befehlenden Lettern nichts als eine Adresse der Hauptstadt und die Worte : Komme sogleich hierher . Achtzehntes Kapitel Bevor noch der Morgen graute , stand Agathon auf dem Bahnhof und erfragte die Abfahrtszeit des nächsten Zuges nach der Residenz . Um ein Viertel nach acht Uhr sah er sich durch die Ebenen Frankens rasen , über denen ein milder Nebel lag , sah Flüsse unter sich und neben sich verschwinden , tauchte den Blick in die Nacht raschverfliegender Wälder , suchte das Bild von Dörfern festzuhalten , die sich ängstlich an sanft ansteigende Höhen klammerten , von Städten , die erst aufzuwachen schienen , und er glaubte , dies alles sei vorher gar nicht dagewesen , sondern sei um dieses einen Tages willen eigens für ihn gemacht . Dann kamen Mittelgebirgsländer mit der idyllischen Ruhe dicht-zusammenliegender Marktflecken , mit alten Steinbrüchen , tiefen Tälern , kahlen Hügelketten , vergoldet von der Morgensonne , die sich schlaftrunken aus umlagernden Wolken löste , dann ein Strom , breit und grün , dann wieder eine endlose , dürre Ebene , über der es zu regnen anfing , alles eine Folge von sich jagenden Bildern wie in einem Scheindasein . In der Residenz angelangt , suchte er sogleich die Straße , die ihm Jeanette angegeben . Betäubt von Lärm und Getöse , aber ganz ohne Aufnahmefähigkeit für die Dinge um sich her , gelangte er endlich vor das Haus . Eine alte Frau öffnete ihm . Auf sein Fragen wies sie ihn ohne weiteres in ein längliches , etwas dumpfes Zimmer und bedeutete ihn , er möge warten . So wartete er . Er hatte sich auf einen niedrigen Sessel gesetzt und blickte mit unbewegtem Gesicht vor sich hin . Er konnte kaum begreifen , wie er hierher gelangt war . Seine Wangen waren fahl , seine Augen erloschen , seine Haltung zeugte von einem sich verkriechenden Schmerz . Plötzlich ging die Tür auf . Herein trat Jeanette . Sie warf Hut und Mantel achtlos in eine Ecke . Sie schien außer Atem , ihr Blick abgehetzt wie so oft und von trügerischem Feuer erfüllt . Sie hatte Agathon kaum begrüßt , als sie auf den nächsten Sitz sank , die Hände vor das Gesicht schlug und laut aufstöhnte . » Warum bist du nicht früher gekommen , Agathon ? « murmelte sie nach einer Weile . » Ich habe dich erwartet . Ich brauchte einen Menschen , ich brauchte dich , ein einziges Herz in dieser Wüste , ich wollte dich sehen , dein zuhörendes Auge sehen , den Rat hören , der in deinem Schweigen liegt , denn du bist klüger als du ahnst . « Agathon stand auf und trat zu ihr . Als er sie berührte , sah sie zu ihm empor . Seine Berührung schien sie zu trösten . Sie drückte ihm die Hand . » Ich glaubte , ich hätte den Verstand verloren , « sagte sie und strich sich über die Stirn . » Setz dich zu mir , Agathon , ich will dir erzählen . Wie köstlich , wie gut , daß du da bist und ich zu dir reden kann ! « Und sie erzählte . Sie war , wie schon vorher verabredet , auf eines der königlichen Schlösser gebracht worden , in dem sich der Fürst gerade aufhielt . Es war ein unerhörter Glanz , der sie mitten im Hochwald empfing . Sie hatte den Eindruck , als verfolge man mit ihrer Person irgend eine Absicht bei dem Monarchen , der seit Jahren sich von allen Frauen ferngehalten . Sie sah also den König . Jene Leidenschaft , deren Gefäß sie von da ab war , erfüllte sie sogleich beim ersten Anblick . Er war von ziemlich fetter , aber zugleich riesenhafter Gestalt . Seine Schultern waren so breit und mächtig , daß sie für jeden , über den sie sich beugten , etwas Zermalmendes hatten . Sein Gesicht war außergewöhnlich bleich , sein Haar glanzlos , tiefschwarz und stand so dicht wie das Gras vor dem Mähen . Doch all das wurde belanglos durch die Augen . Tiefblau wie die Gebirgsseen , waren sie von einem hinreißenden Ausdruck , von einem heftigen Feuer erfüllt . Es schien , daß ihnen keine Qual erspart geblieben , daß sie keine Schönheit unwiderstrahlt gelassen . Niemand konnte ertragen , furchtlos in sie zu schauen . Seine Kleidung war die eines einfachen Bürgers . In seinem Wesen war wenig von Majestät . Ruhelosigkeit , die Angst des Verfolgten , machtloser Zorn , tiefe Bitterkeit beherrschten ihn . » Es schien etwas Schreckliches im Werk zu sein , « fuhr Jeanette fort . » Das ganze Schloß , die Dienerschaft , die Offiziere , alles war in Bewegung , in Hast , in Erwartung . In der Nacht fuhr der König in sechsspänniger Karosse in die Residenz und Vorreiter mit Fackeln beleuchteten den Weg . Er verschmäht es die Bahn zu benutzen . Am Morgen , ich hatte nicht schlafen können , sondern war am Fenster gelegen und hatte in den Wald gestiert , am Morgen kam er wieder und die Unruhe , die ich an ihm bemerkt , hatte sich verzehnfacht . Ich beobachtete ihn vom Fenster aus und sah , wie sein gewaltiger Körper sich fröstelnd schüttelte , als er den Wagen verließ . Einen Augenblick lang kam es mir vor , als wolle er zusammenbrechen unter einer Last . Die Diener gingen hin und her , ich glaube , sie wußten nicht warum . Bald nach seiner Ankunft führte mich der Adjutant , der sein Freund und Vertrauter war , zu ihm , und ließ mich mit ihm allein . « Jeanette schwieg lange . Dann begann sie mit etwas erhobener Stimme wieder . » Ich werde mein Lebelang diese Stunde nicht vergessen , Agathon , und wenn ich so alt würde , wie die Erde selbst . Als ich hineintrat in den Saal , der von Licht und Gold strahlte , wußte ich , daß meine Seele diesem Mann unwiderruflich angehöre , und ich küßte in Gedanken die geheimnisvolle Hand des Schicksals , die mich zu ihm geführt . Ich wußte , daß ich für ihn sterben könnte und sterben würde und sterben müßte und daß Sterben nichts bedeute gegenüber dem Glück seine Sklavin zu sein . Wer hat dich hereingelassen ? fragte er mich . Ich fand keine Antwort . Meine Zunge gehorchte mir nicht . Indem ich ihn anschaute , zitterte ich am ganzen Körper . Du bist Tänzerin ? - Ja , Majestät . - Dann tanze . Er stand auf und drückte auf einen elektrischen Knopf , und eine Musik ertönte , ebenso zauberhaft wie die Art , durch die sie hervorgebracht war . Es war , wie wenn ein ganzer Wald mit seinen Mysterien sich in die Höhe hebt und zu singen und zu jauchzen anfängt . Ich tanzte also . Anfangs kam es mir vor , als wenn ich mein Bewußtsein verloren hätte und leblos hinschwebte , aber dann ging eine außerordentliche Verwandlung mit mir vor . Ich spürte den Boden nicht mehr und nicht mehr die Luft , und obwohl es eine Musik war , nach der vielleicht niemand in der Welt sonst zu tanzen vermocht hätte , fühlte ich doch , daß alles was Nerv und Bewegung heißt , gerade in ihr lag . Der König schien überrascht . Das Höhnische , Verächtliche und Finstere verschwand von seinem Gesicht ; zuletzt versank er in tiefes Träumen und seine Augen schauten schmerzlich in die weite Ferne . Als die Musik schwieg , stand er auf und reichte mir die Hand , die ich küßte . Wer bist du ? fragte er . Alles was Majestät aus mir machen will , erwiderte ich . Er zuckte zusammen . Majestät , Majestät , murmelte er . Bald nicht mehr Majestät . Bald nur noch Hund vor dem Tor , bettelnder Hund . Majestät ! Jedes Glied einzeln gebunden , jeden Finger verschnürt , jedes Wort beschmutzt , jede Tat bekläfft , das nennst du Majestät . Anfangs hab ' ich dem Volk vertraut . Aber die Seele des Volkes ist so tief , daß man sie auf den Knien suchen muß . Ich habe mir den Kopf zerschunden an den Mauern dieses Landes . Alle diese Hände , die du um mich siehst , haben die Zeit wohl benutzt , mich zu verunreinigen . Um Land und Volk und Freund bin ich betrogen worden und muß schweigen und darf nicht einmal Frieden haben in der Einsamkeit . Ich bin um meine Würde betrogen worden und du nennst mich Majestät . Was ist Majestät heute , daß sie sich beugen muß vor einem Krämer , der in einer guten Stunde unter Beihilfe seiner Schwäger und Tanten Minister wurde und zufrieden das christliche Hausbrot ißt ? Eine schöne Majestät , die sich der Kirche opfern soll und keine Hand rühren darf ohne den Pfaffen . Wäre ich doch jung gestorben , damals als ich noch glaubte , König zu sein , ein Volk zu besitzen . Wäre ich doch gestorben ! Geh ' fort , Weib , verlasse mich . Das waren seine Worte , Agathon . Zuletzt war seine Stimme heiser geworden vor Zorn und Scham . Seine Augen hatten sich noch vergrößert und die Brust arbeitete so heftig wie unter anstürmendem Wind . Ich konnte nicht mehr hören , nicht mehr sehen , ich folgte seinem Wink und eilte hinaus . Ich sah im Saal , der gegen den linken Flügel führte und als Audienzraum benutzt wurde , sechs bis acht vornehme Herren mit feierlichen Gesichtern , auch einige Offiziere . Sie betrachteten mich voll Staunen . Es war die Deputation des Adels , die Abgesandten vom Hof . Sie wollten den König zur Vernunft bringen , Agathon . Bald darauf geschah etwas Schreckliches . Der Adjutant erhielt den Befehl , niemand vorzulassen und stand mit gezogenem Seitengewehr vor der Flügeltür . Er verweigerte der Deputation den Eintritt . Mitten in dem heftigen Hin- und Herreden erschien der König unter der Türe . Er hatte die Schloßwache und die Diener herbeigerufen . Ein Diener sagte mir , daß der Ausdruck seines Gesichts so schrecklich gewesen sei , daß niemand mehr zu atmen , geschweige denn zu sprechen gewagt habe . Mit vernehmlichen Worten befahl der König den Soldaten , die Abgesandten zu binden und ihnen die Augen auszustechen . Noch bin ich der König ! rief er aus und erhob die Hand . Die Abgesandten wurden von unbeschreiblicher Furcht gepackt . Die Soldaten wagten sich dem Befehl nicht zu widersetzen und wagten nicht zu gehorchen . Der König war seiner nicht mehr mächtig . Er lief auf und ab wie ein wildes Tier , erhitzt und schnaufend , ballte die Fäuste , rollte die Augen , bis es seinem Adjutanten gelang , ihn in eines der Seitengemächer zu führen . Aber der König ließ die drei Saaltüren versperren und vor jeder Türe zwei Posten mit aufgepflanztem Bajonett patrouillieren . Die Deputierten schwebten in Todesangst . Nun verstoß der ganze Nachmittag , ohne daß irgend etwas sich ereignete . Man sagte mir , der König liege wie gebrochen auf einem Ruhebett . Am Abend kam eine berittene militärische Abteilung mit einem Oberst . Er hatte ein Dekret , das ihm Zugang zum König verschaffen mußte . Ein Arzt begleitete ihn . Die Abgesandten wurden befreit . Kurze Zeit darauf bestieg der König den Wagen , und in Begleitung der Berittenen wurde er als Gefangener nach Schloß Berg am Starnberger See gebracht . So ist es zugegangen , Agathon . Ich bin nicht mehr , was ich gewesen bin , ich habe mich verloren . Ich weiß nicht mehr , was ich denken soll , was ich tun soll , mein Hirn ist wie zerfressen . Daß dieser Mann verbluten soll , werde ich nie verwinden können . Er war zur Größe und zum Licht und zur Schönheit geboren und alle Dämonen der Finsternis haben sich geeinigt , ihn in den Schmutz zu zerren . « Agathon starrte in das dunkler werdende Zimmer . Auf einmal trat er einen Schritt zurück , streckte die Hände aus und lispelte verstört . So stand er und seine Gestalt schwankte . Er sah den König mit dem düster flehenden Blick eines gehetzten Tieres vor sich stehen und erkannte ihn , obwohl er ihn noch nie gesehen , außer auf schlechten Bildern . Agathon wollte reden , doch er kam nicht dazu . Jeanette stürzte auf ihn los , packte seine Hände , erhaschte seinen Blick und wie durch ein wunderbares Zeichen verstand sie alles , sah selber hin und ihr war , als würde sie gerufen ; mit fieberhafter Eile schlug sie den Mantel um und stürzte fort . Agathon faßte sich , seufzte tief auf und ging . Auf der Straße standen überall Gruppen und flüsterten und beratschlagten . Vor den Zeitungsredaktionen warteten Hunderte auf Nachrichten und achteten nicht den Regen , der sie durchnäßte . Viele Tausende drängten sich vor der Residenz und keiner wich nur eine Sekunde lang von seinem mühsam eroberten Platz . Dabei wußten alle , daß der König nicht in der Stadt war . Die Behörde hatte bekannt gemacht , der König habe seines Amtes entkleidet werden müssen , da er bedeutsame und zweifellose Symptome der Geistesstörung gezeigt habe . Aber das Volk glaubte es nicht . Agathon erfuhr bald alles , und ein wilder und phantastischer Entschluß erwachte in ihm . Er ließ sich von Arbeitern den Weg erklären , der zu jenem See hinausführte und machte sich ohne Zögern , obwohl er an diesem Tag noch keinen Bissen Nahrung zu sich genommen hatte , auf die Wanderung . Er dachte nicht daran , die Eisenbahn zu benutzen oder ein anderes Beförderungsmittel . Er hatte das Gefühl , als müßten ihn seine Füße viel schneller dorthintragen , als jede Dampfmaschine es vermocht hätte . Außerhalb der Stadt fragte er noch Handwerksburschen oder Bauern um die Wegrichtung und obgleich die Dunkelheit schon angebrochen war , erschrak er nicht vor der Nachricht , daß es mehr als fünf Stunden zu gehen seien . Das Mühsame des Marsches kam ihm nicht zu Bewußtsein , er wurde nicht müde . Die Glut seiner Sehnsucht war auf eine Tat gerichtet . An der Grenze alles Denkens und der Überlegung angelangt , beherrschten ihn nur noch Gefühle , dumpfe , doch gewaltige Regungen . Er wollte die Bauern führen am Morgen und den König befreien ; nie zuvor hatte er zweifelloser die Fähigkeit empfunden , alle , die sich ihm nahten , von einem Trieb entflammen zu lassen . Die dunkle Nacht ringsum nährte seine Phantasien . Nirgends war ein Licht . Die Landstraße war nur durch einen schwachen Schein kenntlich . Der Regen plätscherte unaufhörlich herab . Schweigend lagen Felder und Wälder . Oft gelangte er an einen Kreuzweg , aber kühn und unbesorgt schritt er weiter . Er wußte , daß er nicht fehlgehen würde . Stundenlang wanderte er durch einen Wildpark , wo oft ein geheimnisvolles Murren und Rascheln hörbar wurde , aber nichts konnte ihn ablenken oder ängstigen . Endlich tauchte in der Tiefe ein oft unterbrochener Kranz von Lichtern auf ; es waren die Seeufer . Agathons Augen wurden naß vor Freude . In kurzer Zeit war er im Tal angelangt . Alle Bewohner des Dorfes , das er betrat , waren in Bewegung . In jedem Haus brannte noch Licht . Er betrat die nächste Schenke , die voll war von leidenschaftlich disputierenden Bauern , während Weiber und sogar Kinder auf der Straße standen . Beim Anblick der vielen Menschen , der sich anscheinend zwecklos drehenden und windenden Körper , des Rauches , der aus Pfeifen quoll , der von der Zeit gleichsam gerösteten Bilder und Wände , fühlte Agathon plötzlich die Übermüdung seines Körpers in einer schrecklichen Weise . Es war ihm , als ob sich seine Haut löste . Dabei glaubte er fortwährend zu sinken , durch zahllose Wiederholungen desselben Raumes zu fallen . Die Bauern wurden aufmerksam . Sein totenbleiches Gesicht übte auf sie den Zauber einer Erscheinung . Sie standen alsbald um ihn her , und einige , die höhnisch gelächelt hatten , lächelten nicht mehr , als er zu sprechen begann . Seine hohle und erschöpfte Stimme klang gedämpft und füllte trotzdem den Raum , sie hatte etwas Klingendes und Messerscharfes . Seine Rede schien von einem unsichtbaren Wesen zu kommen , das ihn umfangen hielt , denn er blieb so bewegungslos , als ob seine Glieder gefesselt seien . Es war der Schmerz und der Zorn des Königs selbst , der in geheimnisvollem Bündnis mit dem Redner zu stehen schien , dieses Königs , der ein Märtyrer seines Amtes und dessen Geist nicht , aber dessen Herz wahnsinnig geworden war . Die Wirkung von Agathons Worten , die für ihn selbst einem Fiebertraum glichen , war auf die Bauern eine wahrhaft beängstigende . Sie schrien , tobten , stiegen auf Tische und Bänke , fuchtelten mit den Händen umher , zerbrachen Gläser und Fensterscheiben , hoben Agathon auf ihre Schultern , daß sein Kopf an die Decke stieß , schlugen den Wirt nieder , der sie besänftigen wollte , und in kurzer Zeit hatte sich die Furie eines tierischen Rausches durch das ganze Dorf verbreitet . Ein alter Bauer , dessen eines Auge verklebt war , fluchte und heulte beständig , eine Art Hausierer oder Kärrner schwang eine Sense , versammelte die jungen Leute um sich und wollte mit ihnen über den See nach dem Schlosse fahren . Agathon , nicht mehr fähig , zu gehen , zu sprechen oder zu handeln , war dem Gewühl entflohen und saß mit leeren Augen in einem Winkel der Schenke . Er war verwundert und hatte fast Angst wegen dieser grundlosen Verwunderung . Er starrte hinüber ans andere Ufer , das weit entfernt war und von dem spärliche Lichter durch den allmählich aufdämmernden Morgen flimmerten . Er sah auch Lichter , die in beständiger Bewegung von Punkt zu Punkt huschten wie Fackeln , die man hin und her trägt . Da erschallten im Innern des Dorfes durchdringende Schreie , die sich wiederholten und fortpflanzten und an Stärke zunahmen . » Der König ist tot ! « gellte