nebenher gemutmaßt hatte - nur Czako . Der Empfang des einen wie des andern der beiden Herren hatte vorn im Damenzimmer stattgefunden , ohne Gegenwart des alten Grafen . Dieser erschien erst , als man zum Tee ging ; er hieß seine Gäste herzlich willkommen , weil er jederzeit das Bedürfnis hatte , von dem , was draußen in der Welt vorging , etwas zu hören . Dafür sorgte denn auch jeder auf seine Weise : die Baronin durch Mitteilungen aus der oberen Gesellschaftssphäre , Czako durch Avancements und Demissionen und Wrschowitz durch » Krittikk « . Alles , was zur Sprache kam , hatte für den alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert , aber das Liebste waren ihm doch die Hofnachrichten , die die Baronin mit glücklicher Ungeniertheit zum besten gab . Wendungen wie » Ich darf mich wohl Ihrer Diskretion versichert halten « waren ihr gänzlich fremd . Sie hatte nicht bloß ganz allgemein den Mut ihrer Meinung , sondern diesen Mut auch in betreff ihrer jedesmaligen Spezialgeschichte , von der man in der Regel freilich sagen durfte , daß sie desselben auch dringend bedürftig war . » Sagen Sie , liebe Freundin « , begann der alte Graf , » was wird das jetzt so eigentlich mit den Briefen bei Hofe ? « » Mit den Briefen ? Oh , das wird immer schöner . « » Immer schöner ? « » Nun , immer schöner « , lachte hier die Baronin , » ist vielleicht nicht gerade das rechte Wort . Aber es wird immer geheimnisvoller . Und das Geheimnisvolle hat nun mal das , worauf es ankommt , will sagen den Charme . Schon die beliebte Wendung rätselhafte Frau spricht dafür ; eine Frau , die nicht rätselhaft ist , ist eigentlich gar keine , womit ich mir persönlich freilich eine Art Todesurteil ausspreche . Denn ich bin alles , nur kein Rätsel . Aber am Ende , man ist , wie man ist , und so muß ich dies Manko zu verwinden suchen ... Es heißt immer , üble Nachrede , drin man sich mehr oder weniger mit Vorliebe gefalle , sei was Sündhaftes . Aber was heißt hier üble Nachrede ? Vielleicht ist das , was uns so bruchstückweise zu Gehör kommt , nur ein schwaches Echo vom Eigentlichen und bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel . Im übrigen , wie ' s damit auch sei , mein Sinn ist nun mal auf das Sensationelle gerichtet . Unser Leben verläuft , offen gestanden , etwas durchschnittsmäßig , also langweilig , und weil dem so ist , setz ich getrost hinzu : Gott sei Dank , daß es Skandale gibt . Freilich für Armgard ist so was nicht gesagt . Die darf es nicht hören . « » Sie hört es aber doch « , lachte die Comtesse , » und denkt dabei : was es doch für sonderbare Neigungen und Glücke gibt . Ich habe für dergleichen gar kein Organ . Unsre teure Baronin findet unser Leben langweilig und solche Chronik interessant . Ich , umgekehrt , finde solche Chronik langweilig und unser alltägliches Leben interessant . Wenn ich den Rudolf unsers Portiers Hartwig unten mit seinem Hoop und seinen dünnen langen Berliner Beinen über die Straße laufen sehe , so find ich das interessanter als diese sogenannte Pikanterie . « Melusine stand auf und gab Armgard einen Kuß . » Du bist doch deiner Schwester Schwester oder mein Erziehungsprodukt , und zum erstenmal in meinem Leben muß ich meine teure Baronin ganz im Stiche lassen . Es ist nichts mit diesem Klatsch ; es kommt nichts dabei heraus . « » Ach , liebe Melusine , das ist durchaus nicht richtig . Es kommt umgekehrt sehr viel dabei heraus . Ihr Barbys seid alle so schrecklich diskret und ideal , aber ich für mein Teil , ich bin anders und nehme die Welt , wie sie ist ; ein Bier und ein Schnaderhüpfl und mal ein Haberfeldtreiben , damit kommt man am weitesten . Was wir da jetzt hier erleben , das ist auch solch Haberfeldtreiben , ein Stück Feme . « » Nur keine heilige . « » Nein « , sagte die Baronin , » keine heilige . Die Feme war aber auch nicht immer heilig . Habe mir da neulich erst den Götz wieder angesehn , bloß wegen dieser Szene . Die Poppe beiläufig vorzüglich . Und der schwarze Mann von der Feme soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen sein , so daß man es ( Goethe war damals noch sehr jung ) eigentlich kaum lesen kann . Ich würde mir ' s aber doch getrauen . Und nun wend ich mich an unsre Herren , die dies diffizile Kampffeld , ich weiß nicht , ritterlicher- oder unritterlicherweise , mir ganz allein überlassen haben . Doktor Wrschowitz , wie denken Sie darüber ? « » Ich denke darüber ganz wie gnädige Frau . Was wir da lesen wie Runenschrift ... nein , nicht wie Runenschrift ... « ( Wrschowitz unterbrach sich hier mißmutig über sein eignes Hineingeraten ins Skandinavische ) - » was wir da lesen in Briefen vom Hofe , das ist Krittikk . Und weil es Krittikk ist , ist es gutt . Mag es auch sein Mißbrauch von Krittikk . Alles hat Mißbrauch . Gerechtigkeit hat Mißbrauch , Kirche hat Mißbrauch , Krittikk hat Mißbrauch . Aber trotzdem . Auf die Feme kommt es an , und das große Messer muß wieder stecken im Baum . « » Brrr « , sagte Czako , was ihm einen ernsten Augenaufschlag von Wrschowitz eintrug . - Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch erhoben hatte , wechselte man den Raum und begab sich in das Damenzimmer zurück , weil der alte Graf etwas Musik hören und sich von Armgards Fortschritten überzeugen wollte . » Doktor Wrschowitz hat vielleicht die Güte , dich zu begleiten . « So folgte denn ein Quatremains , und als man damit aufhörte , nahm der alte Barby Veranlassung , seiner Vorliebe für solch vierhändiges Spiel Ausdruck zu geben , was Wrschowitz , dessen Künstlerüberheblichkeit keine Grenzen kannte , zu der ruhig lächelnden Gegenbemerkung veranlaßte , daß man dieser Auffassung bei Dilettanten sehr häufig begegne . Der alte Graf , wenig befriedigt von dieser » Krittikk « , war doch andrerseits viel zu vertraut mit Künstlerallüren im allgemeinen und mit den Wrschowitzschen im besonderen , um sich ernstlich über solche Worte zu verwundern . Er begnügte sich vielmehr mit einer gemessenen Verbeugung gegen den Musikdoktor und zog , auf einer nebenstehenden Causeuse Platz nehmend , die gute Frau von Berchtesgaden ins Gespräch , von der er wußte , daß ihre Munterkeiten nie den Charakter » goldener Rücksichtslosigkeiten « annahmen . Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten Flügel stehengeblieben , ohne jede Spur von Verlegenheit , so daß ein Sichkümmern um ihn eigentlich nicht nötig gewesen wäre . Trotzdem hielt es Czako für angezeigt , sich seiner anzunehmen und dabei die herkömmliche Frage zu tun , » ob er , der Herr Doktor Wrschowitz , sich schon in Berlin eingelebt habe « . » Hab ich « , sagte Wrschowitz kurz . » Und beklagen es nicht , Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen zu haben ? « » Au contraire . Berlin eine schöne Stadt , eine serr gutte Stadt . Eine serr gutte Stadt pour moi en particulier et pour les étrangers en général . Eine serr gutte Stadt , weil es hat Musikk und weil es hat Krittikk . « » Ich bin beglückt , Doktor Wrschowitz , speziell aus Ihrem Munde soviel Gutes über unsre Stadt zu hören . Im allgemeinen ist die slawische , besonders die tschechische Welt ... « » Oh , die tschechische Welt . Vanitas vanitatum . « » Es ist sehr selten , in nationalen Fragen einem so freien Drüberstehn zu begegnen ... Aber wenn es Ihnen recht ist , Doktor Wrschowitz , wir stehen hier wie zwei Schildhalter neben diesem aufgeklappten Klavier - vielleicht daß wir uns setzen könnten . Gräfin Melusine lugt ohnehin schon nach uns aus . « Und als Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem Vorschlage Czakos ausgedrückt hatte , schritten beide Herren vom Klavier her auf den Kamin zu , vor dem sich die Gräfin auf einem Fauteuil niedergelassen hatte . Neben ihr stand ein Marmortischchen , drauf sie den linken Arm stützte . » Nun endlich , Herr von Czako . Vor allem aber rücken Sie Stühle heran . Ich sah die beiden Herren in einem anscheinend intimen Gespräche . Wenn es sich um etwas handelte , dran ich teilnehmen darf , so gönnen Sie mir diesen Vorzug . Papa hat sich , wie Sie sehn , mit der Baronin engagiert , ich denke mir , über berechtigte bajuwarische Eigentümlichkeiten , und Armgard denkt über ihr Spiel nach und all die falschen Griffe . Was müssen Sie gelitten haben , Wrschowitz . Und nun noch einmal , Hauptmann Czako , worüber plauderten Sie ? « » Berlin . « » Ein unerschöpfliches Thema für die Medisance . « » Worauf Doktor Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete . Denken Sie sich , gnädigste Gräfin , er schien alles loben zu wollen . Allerdings waren wir erst bei Musik und Kritik . Über die Menschen noch kein Wort . « » Oh , Wrschowitz , das müssen Sie nachholen . Ein Fremder sieht mehr als ein Einheimischer . Also frei weg und ohne Scheu . Wie sind die Vornehmen ? Wie sind die kleinen Leute ? « Wrschowitz wiegte den Kopf hin und her , als ob er überlege , wie weit in seiner Antwort gehen könne . Dann mit einem Male schien er einen Entschluß gefaßt zu haben und sagte : » Oberklasse gutt , Unterklasse serr gutt ; Mittelklasse nicht serr gutt . « » Kann ich zustimmen « , lachte Melusine . » Fehlen nur noch ein paar Details . Wie wär es damit ? « » Mittelklaßberliner findet gutt , was er sagt , aber findet nicht gutt , was sagt ein andrer . « Czako , trotzdem er sich getroffen fühlte , nickte . » Mittelklaßberliner , wenn spricht andrer , fällt in Krampf . In versteckten Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf . In verstecktem Krampf ist er ein Bild des Jammers , in nicht verstecktem Krampf ist er ein Affront . « » Brav , Wrschowitz . Aber mehr . Ich bitte . « » Berliner immer an der Tête . So wenigstens glaubt er . Berliner immer Held . Berliner weiß alles , findet alles , entdeckt alles . Erst Borsig , dann Stephenson , erst Rudolf Hertzog , dann Herzog Rudolf , erst Pfefferküchler Hildebrand , dann Papst Hildebrand . « » Nicht geschmeichelt , aber ähnlich . Und nun , Wrschowitz , noch eins , dann sind Sie wieder frei ... Wie sind die Damen ? « » Ach , gnädigste Gräfin ... « » Nichts , nichts . Die Damen . « » Die Damen . Oh , die Damen serr gutt . Aber nicht speziffisch . Speziffisch in Berlin bloß die Madamm . « » Da bin ich aber doch neugierig . « » Speziffisch bloß die Madamm . Ich war , gnädigste Gräfin , in Pettersburg , und ich war in Moscou . Und war in Budapest . Und war auch in Saloniki . Ah , Saloniki ! Schöne Damen von Helikon und schöne Damen von Libanon , hoch und schlank wie die Zeder . Aber keine Madamm . Madamm nirgendwo ; Madamm bloß in Berlin . « » Aber Wrschowitz , es müssen doch schließlich Ähnlichkeiten dasein . Eine Madamm ist doch immerhin auch eine Dame , wenigstens eine Art Dame . Schon das Wort spricht es aus . « » Nein , gnäddigste Gräfin ; rien du tout . Dame ! Dame denkt an Galan , Dame denkt an Putz ; oder vielleicht auch an Divorçons . Aber Madamm denkt bloß an Rike draußen und mitunter auch an Paul . Und wenn sie zu Paul spricht , der ihr Jüngster ist , so sagt sie : Jott , dein Vater . Oh , die Madamm ! Einige sagen , sie stürbe aus , andre sagen , sie stürbe nie . « » Wrschowitz « , sagte Melusine , » wie schade , daß die Baronin und Papa nicht zugehört haben und daß unser Freund Stechlin , der solche Themata liebt , nicht hier ist . Übrigens hatten wir heut ein Telegramm von ihm . Haben Sie vielleicht auch Nachricht , Herr Hauptmann ? « » Heute , gnädigste Gräfin . Und auch ein Telegramm . Ich hab es mitgebracht , weil ich an die Möglichkeit dachte ... « » Bitte , lesen . « Und Czako las : » London , Charing-Cross-Hotel . Alles über Erwarten groß . Sieben unvergeßliche Tage . Richmond schön . Windsor schöner . Und die Nelsonsäule vor mir . Ihr v. St. « Melusine lachte . » Das hat er uns auch telegraphiert . « » Ich fand es wenig « , stotterte Czako verlegen , » und als Doublette find ich es noch weniger . Und ein Mann wie Stechlin , ein Mann in Mission ! Und jetzt sogar unter den Augen Ihrer Majestät von Großbritannien und Indien . « Alles stimmte dem , » daß es wenig sei « , zu . Nur der alte Graf wollte davon nichts wissen . » Was verlangt ihr ? Es ist umgekehrt ein sehr gutes Telegramm , weil ein richtiges Telegramm ; Richmond , Windsor , Nelsonsäule . Soll er etwa telegraphieren , daß er sich sehnt , uns wiederzusehn ? Und das wird er nicht einmal können , so riesig verwöhnt er jetzt ist . Ihr werdet euch alle sehr zusammennehmen müssen . Auch du , Melusine . « » Natürlich , ich am meisten . « Verlobung Weihnachtsreise nach Stechlin Fünfundzwanzigstes Kapitel Drei Tage später war Woldemar zurück und meldete sich für den nächsten Abend am Kronprinzenufer an . Er traf nur die beiden Damen , die , Melusine voran , kein Hehl aus ihrer Freude machten . » Papa läßt Ihnen sein Bedauern aussprechen , Sie nicht gleich heute mit begrüßen zu können . Er ist bei den Berchtesgadens zur Spielpartie , bei der er natürlich nicht fehlen durfte . Das ist Dienst , weit strenger als der Ihrige . Wir haben Sie nun ganz allein , und das ist auch etwas Gutes . An Besuch ist kaum zu denken ; Rex war erst gestern auf eine kurze Visite hier , etwas steif und formell wie gewöhnlich , und mit Ihrem Freunde Czako haben wir letzten Sonnabend eine Stunde verplaudern können . Wrschowitz war an demselben Abend auch da ; beide treffen sich jetzt öfter und vertragen sich besser , als ich bei Beginn der Bekanntschaft dachte . Wer also sollte noch kommen ... ? Und nun setzen Sie sich , um Ihr Reisefüllhorn über uns auszuschütten ; - die Füllhörner , die jetzt Mode sind , sind meist Bonbontüten , und genau so was erwart ich auch von Ihnen . Sie sollten mir in einem Briefe von den Engländerinnen schreiben . Aber wer darüber nicht schrieb , das waren Sie , wenn wir uns auch entschließen wollen , Ihr Telegramm für voll anzusehn . « Und dabei lachte Melusine . » Vielleicht haben Sie uns in unsrer Eitelkeit nicht kränken wollen . Aber offen Spiel ist immer das beste . Wovon Sie nicht geschrieben , davon müssen Sie jetzt sprechen . Wie war es drüben ? Ich meine mit der Schönheit . « » Ich habe nichts einzelnes gesehn , was mich frappiert oder gar hingerissen hätte . « » Nichts einzelnes . Soll das heißen , daß Sie dafür das Ganze beinah bewundert haben , will also sagen , die weibliche Totalität ? « » Fast konnt ich dem zustimmen . Ich erinnere mich , daß mir vor Jahr und Tag schon ein Freund einmal sagte , in der ganzen Welt fände man , Gott sei Dank , schöne Frauen , aber nur in England seien die Frauen überhaupt schön . « » Und das haben Sie geglaubt ? « » Es liegt eigentlich schlimmer , gnädigste Gräfin . Ich hab es nicht geglaubt ; aber ich hab es , meinem Nichtglauben zum Trotz , nachträglich bestätigt gefunden . « » Und Sie schaudern nicht vor solcher Übertreibung ? « » Ich kann es nicht , sosehr ich gerade hier eine Verpflichtung dazu fühle ... « » Keine Bestechungen . « » Ich soll schaudern vor einer Übertreibung « , fuhr Woldemar fort . » Aber Sie werden mir , Frau Gräfin , dies Schaudern vielleicht erlassen , wenn ich Erklärungen abgegeben haben werde . Der Englandschwärmer , den ich da vorhin zitierte , war ein Freund von zugespitzten Sätzen , und zugespitzte Sätze darf man nie wörtlich nehmen . Und am wenigsten auf diesem diffizilen Gebiete . Nirgends in der Welt blühen Schönheiten wie die gelben Butterblumen übers Feld hin ; wirkliche Schönheiten sind schließlich immer Seltenheiten . Wären sie nicht selten , so wären sie nicht schön , oder wir fänden es nicht , weil wir einen andern Maßstab hätten . All das steht fest . Aber es gibt doch Durchschnittsvorzüge , die den Typus des Ganzen bestimmen , und diesem Maße nicht geradezu frappierender , aber doch immerhin noch sehr gefälliger Durchschnittsschönheit , dem bin ich drüben begegnet . « » Ich laß es mit dieser Einschränkung gelten , und Sie werden in Papa , mit dem wir oft darüber streiten , einen Anwalt für Ihre Meinung finden . Durchschnittsvorzüge . Zugegeben . Aber was sich darin ausspricht , das beinah Unpersönliche , das Typische ... « Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen , weil sie draußen die Klingel gehört zu haben glaubte . Wirklich , Jeserich trat ein und meldete : » Professor Cujacius . « - » Um Gottes willen « , entfuhr es der Gräfin , und die kleine Pause benutzend , die ihr noch blieb , flüsterte sie Woldemar zu : » Cujacius ... Malerprofessor . Er wird über Kunst sprechen : bitte , widersprechen Sie ihm nicht , er gerät dabei so leicht in Feuer oder in mehr als das . « Und kaum daß Melusine so weit gekommen war , erschien auch schon Cujacius und schritt unter rascher Verbeugung gegen Armgard auf die Gräfin zu , dieser die Hand zu küssen . Sie hatte sich inzwischen gesammelt und stellte vor : » Professor Cujacius ... Rittmeister von Stechlin . « Beide verneigten sich gegeneinander , Woldemar ruhig , Cujacius mit dem ihm eignen superioren Apostelausdruck , der , wenn auch ungewollt , immer was Provozierendes hatte . » Bin « , so ließ er sich mit einer gewissen Kondeszenz vernehmen , » durch Gräfin Melusine ganz auf dem laufenden . Abordnung , England , Windsor . Ich habe Sie beneidet , Herr Rittmeister . Eine so schöne Reise . « » Ja , das war sie , nur leider zu kurz , so daß ich intimeren Dingen , beispielsweise der englischen Kunst , nicht das richtige Maß von Aufmerksamkeit widmen konnte . « » Worüber Sie sich getrösten dürfen . Was ich persönlich an solcher Reise jedem beneiden möchte , das sind ausschließlich die großen Gesamteindrücke , der Hof und die Lords , die die Geschichte des Landes bedeuten . « » All das war auch mir die Hauptsache , mußt es sein . Aber ich hätte mich demohnerachtet auch gern um Künstlerisches gekümmert , speziell um Malerisches . So zum Beispiel um die Schule der Präraffaeliten . « » Ein überwundener Standpunkt . Einige waren da , deren Auftreten auch von uns ( ich spreche von den Künstlern meiner Richtung ) mit Aufmerksamkeit und selbst mit Achtung verfolgt wurde . So beispielsweise Millais ... « » Ah , der . Sehr wahr . Ich erinnere mich seines bedeutendsten Bildes , das leider nach Amerika hin verkauft wurde . Wenn ich nicht irre , zu einem enormen Preise . « Cujacius nickte . » Mutmaßlich das vielgefeierte Angelusbild , was Ihnen vorschwebt , Herr Rittmeister , eine von Händlern heraufgepuffte Marktware , für die Sie glücklicherweise den englischen Millais , will also sagen , den ais-Millais , nicht verantwortlich machen dürfen . Der Millet , der für eine , wie Sie schon bemerkten , lächerlich hohe Summe nach Amerika hin verkauft wurde , war ein et-Millet , Vollblutpariser oder wenigstens Franzose . « Woldemar geriet über diese Verwechslung in eine kleine Verlegenheit , die Damen mit ihm , alles sehr zur Erbauung des Professors , dessen rasch wachsendes Überlegenheitsgefühl unter dem Eindruck dieses Fauxpas immer neue Blüten übermütiger Laune trieb . » Im übrigen sei mir ' s verziehen « , fuhr er , immer leuchtender werdend , fort , » wenn ich mein Urteil über beide kurz dahin zusammenfasse : Sie sind einander wert , und die zwei großen westlichen Kulturvölker mögen sich darüber streiten , wer von ihnen am meisten genasführt wurde . Der französische Millet ist eine Null , ein Zwerg , neben dem der englische vergleichsweise zum Riesen anwächst , wohlverstanden vergleichsweise . Trotzdem , wie mir gestattet sein mag zu wiederholen , war er zu Beginn seiner Laufbahn ein Gegenstand unsrer hiesigen Aufmerksamkeit . Und mit Recht . Denn das Präraffaelitentum , als dessen Begründer und Vertreter ich ihn ansehe , trug damals einen Zukunftskeim in sich ; eine große Revolution schien sich anbahnen zu wollen , jene große Revolution , die Rückkehr heißt . Oder , wenn Sie wollen , Reaktion . Man hat vor solchen Wörtern nicht zu erschrecken . Wörter sind Kinderklappern . « » Und dieser englische Millais - den mit dem französischen verwechselt zu haben ich aufrichtig bedaure - , dieser ais-Millais , dieser große Reformer , ist , wenn ich Sie recht verstehe , sich selber untreu geworden . « » Man wird dies sagen dürfen . Er und seine Schule verfielen in Exzentrizitäten . Die Zucht ging verloren , und das straft sich auf jedem Gebiet . Was da neuerdings in der Welt zusammengekleckst wird , zumal in der schottischen und amerikanischen Schule , die sich jetzt auch bei uns breitzumachen sucht , das ist der Überschwang einer an sich beachtenswerten Richtung . Der Zug , der unter Mitteldampf gut und erfreulich fuhr , unter Doppeldampf ( und das reicht noch nicht einmal aus ) ist er entgleist ; er liegt jetzt neben den Schienen und pustet und keucht . Und ein Jammer nur , daß seine Heizer nicht mit auf dem Platze geblieben sind . Das ist der Fluch der bösen Tat ... ich verzichte darauf , in Gegenwart der Damen das Zitat zu Ende zu führen . « Eine kleine Pause trat ein , bis Woldemar , der einsah , daß irgendwas gesagt werden müsse , sich zu der Bemerkung aufraffte : » Von Neueren hab ich eigentlich nur Seestücke kennengelernt ; dazu die Phantastika des Malers William Turner , leider nur flüchtig . Er hat die drei Männer im feurigen Ofen gemalt . Stupend . Etwas Großartiges schien mir aus seinen Schöpfungen zu sprechen , wenigstens in allem , was das Kolorit angeht . « » Eine gewisse Großartigkeit « , nahm Cujacius mit lächelnd überlegener Miene wieder das Wort , » ist ihm nicht abzusprechen . Aber aller Wahnsinn wächst sich leicht ins Großartige hinein und düpiert dann regelmäßig die Menge . Mundus vult decipi . Allem vorauf in England . Es gibt nur ein Heil : Umkehr , Rückkehr zur keuschen Linie . Die Koloristen sind das Unglück in der Kunst . Einige wenige waren hervorragend , aber nicht parce que , sondern quoique . Noch heute wird es mir obliegen , in unserm Verein über eben dieses Thema zu sprechen . Gewiß unter Widerspruch , vielleicht auch unter Lärm und Gepolter ; denn mit den richtigen Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der Gesellschaft verlorengegangen . Aber viel Feind , viel Ehr , und jede Stelle verlangt heutzutage ihren Mann von Worms , ihren Luther . Hier stehe ich . Am elendesten aber sind die paktieren wollenden Halben . Zwischen schön und häßlich ist nicht zu paktieren . « » Und schön und häßlich « , unterbrach hier Melusine ( froh , überhaupt unterbrechen zu können ) , » war auch die große Frage , die wir , als wir Sie begrüßen durften , eben unter Diskussion stellten . Herr von Stechlin sollte beichten über die Schönheit der Engländerinnen . Und nun frag ich Sie , Herr Professor , finden auch Sie sie so schön , wie einem hierlandes immer versichert wird ? « » Ich spreche nicht gern über Engländerinnen « , fuhr Cujacius fort . » Etwas von Idiosynkrasie beherrscht mich da . Diese Töchter Albions , sie singen soviel und musizieren soviel und malen soviel . Und haben eigentlich kein Talent . « » Vielleicht . Aber davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen . Bloß das eine : schön oder nicht schön ? « » Schön ? Nun denn nein . Alles wirkt wie tot . Und was wie tot wirkt , wenn es nicht der Tod selbst ist , ist nicht schön . Im übrigen , ich sehe , daß ich nur noch zehn Minuten habe . Wie gerne wär ich an einer Stelle geblieben , wo man so vielem Verständnis und Entgegenkommen begegnet . Herr von Stechlin , ich erlaube mir , Ihnen morgen eine Radierung nach einem Bilde des richtigen englischen Millais zu schicken . Dragonerkaserne , Hallesches Tor - ich weiß . Übermorgen laß ich die Mappe wieder abholen . Name des Bildes : Sir Isumbras . Merkwürdige Schöpfung . Schade , daß er , der Vater des Präraffaelitentums , dabei nicht aushielt . Aber nicht zu verwundern . Nichts hält jetzt aus , und mit nächstem werden wir die Berühmtheiten nach Tagen zählen . Tizian entzückte noch mit hundert Jahren ; wer jetzt fünf Jahre gemalt hat , ist altes Eisen . Gnädigste Gräfin , Comtesse Armgard ... Darf ich bitten , mich meinem Gönner , Ihrem Herrn Vater , dem Grafen , angelegentlichst empfehlen zu wollen . « Woldemar , die Honneurs des Hauses machend , was er bei seiner intimen Stellung durfte , hatte den Professor bis auf den Korridor geleitet und ihm hier den Künstlermantel umgegeben , den er , in unverändertem Schnitt , seit seinen Romtagen trug . Es war ein Radmantel . Dazu ein Kalabreser von Seidenfilz . » Er ist doch auf seine Weise nicht übel « , sagte Woldemar , als er bei den Damen wieder eintrat . » An einem starken Selbstbewußtsein , dran er wohl leidet , darf man heutzutage nicht Anstoß nehmen , vorausgesetzt , daß die Tatsachen es einigermaßen rechtfertigen . « » Ein starkes Selbstbewußtsein ist nie gerechtfertigt « , sagte Armgard , » Bismarck vielleicht ausgenommen . Das heißt also , in jedem Jahrhundert einer . « » Wonach Cujacius günstigstenfalls der zweite wäre « , lachte Woldemar . » Wie steht es eigentlich mit ihm ? Ich habe nie von ihm gehört , was aber nicht viel besagen will , namentlich nachdem ich Millais und Millet glücklich verwechselt habe . Nun geht alles so in einem hin . Ist er ein Mann , den ich eigentlich kennen müßte ? « » Das hängt ganz davon ab « , sagte Melusine , » wie Sie sich einschätzen . Haben Sie den Ehrgeiz , nicht bloß den eigentlichen alten Giotto von Florenz zu kennen , sondern auch all die Giottinos , die neuerdings in Ostelbien von Rittergut zu Rittergut ziehn , um für Kunst und Christentum ein übriges zu leisten , so müssen Sie Cujacius freilich kennen . Er hat da die große Lieferung ; ist übrigens lange nicht der Schlimmste . Selbst seine Gegner , und er hat deren ein gerüttelt und geschüttelt Maß , gestehen ihm ein hübsches Talent zu , nur verdirbt er alles durch seinen Dünkel . Und so hat er denn keine Freunde , trotzdem er beständig von Richtungsgenossen spricht und auch heute wieder sprach . Gerade diese Richtungsgenossen aber hat er aufs entschiedenste gegen sich , was übrigens nicht bloß an ihm , sondern auch an den Genossen liegt . Gerade die , die dasselbe Ziel verfolgen , bekämpfen sich immer am heftigsten untereinander , vor allem auf christlichem Gebiet , auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen , sondern bloß um christliche Kunst handelt . Zu des Professors Lieblingswendungen zählt die , daß er in der Tradition stehe , was ihm indessen nur Spott und Achselzucken einträgt . Einer seiner Richtungsgenossen - als ob er mich persönlich dafür hätte verantwortlich machen wollen - fragte mich erst neulich voll ironischer Teilnahme : Steht denn Ihr Cujacius immer noch in der Tradition ? Und als ich ihm antwortete : Sie spötteln darüber , hat er denn aber keine ? , bemerkte dieser Spezialkollege : Gewiß hat er eine Tradition , und das ist seine eigne . Seit fünfundvierzig Jahren malt er immer denselben Christus und bereist als Kunst- , aber fast auch schon als Kirchenfanatiker die ihm unterstellten Provinzen , so daß man betreffs seiner beinah sagen kann : " Es predigt sein Christus allerorten , ist aber drum nicht schöner geworden . " « » Melusine , du darfst so nicht weitersprechen « , unterbrach hier Armgard . » Sie wissen übrigens , Herr von Stechlin , wie ' s hier steht und daß ich meine ältere Schwester , die mich erzogen hat ( hoffentlich gut ) , jetzt nachträglich mitunter meinerseits erziehen muß . « Dabei reichte sie Melusine die Hand . » Eben erst ist er fort , der arme Professor , und jetzt schon so schlechte Nachrede . Welchen Trost soll sich