besaß den ganzen rücksichtslosen , katzenzähen Optimismus seiner Rasse . Er hatte den Kretschamwirt von Halbenau vor einiger Zeit mit seinem Wägelchen einfahren sehen ; den suchte er jetzt auf . Kaschelernst und Harrassowitz hatten ein längeres Gespräch im Flur des Gerichtsgebäudes . Die Unterhaltung endete damit , daß Sam die Hand ausstreckte und Kaschelernst grinsend einschlug und » abgemacht ! « sagte . Die Gerichtsuhr hatte zehn geschlagen . Wer sich bis dahin noch im » Löwen « aufgehalten hatte , kam nunmehr herüber , nicht allzu eilig , falls er mit dem Gerichtsgebräuche vertraut war . Aus Halbenau waren eine Anzahl Leute eingetroffen , Freunde der Büttnerschen Familie . Der alte Bauer selbst hatte sich fern gehalten , aber Karl Büttner war gekommen . Er blickte unverständig drein wie gewöhnlich . Die Bedeutung dieses Tages für ihn und seine Familie war dem Denkfaulen schwerlich klar geworden . Hinter den Schranken erschien jetzt der Amtsrichter mit dem Kalkulator . Sie nahmen am grünen Tische Platz . Nun nahm der Termin seinen üblichen Verlauf . Zunächst wurden die Interessenten festgestellt . Harrassowitz , der in diesen Dingen zu Hause war wie der Fisch im Wasser , verlangte Vorweisen der Kaution . Da würde man ja gleich sehen , wer als ernsthafter Bieter in Betracht komme . Vor allem interessierte es den Schlaukopf zu wissen , ob jene beiden , der Güterdirektor und der Rendant des Grafen , mit Geldmitteln versehen seien . Er hatte bereits seinen Geschäftsfreund , den Kommissionär Schmeiß , vorgeschickt , der sollte sich den Herren in möglichst harmloser Form nähern und sie zum Lüften ihrer Maske bringen . Aber die beiden hatten sich zugeknöpft und den diplomatischen Künsten des jungen Schmeiß gegenüber unzugänglich verhalten . Sam paßte genau auf , was der Hauptmann zeigen würde , als er daran kam , Kaution vorzulegen . Staatspapiere , ein ganzes Paket ! Der Mann war also gewappnet und nicht etwa aus bloßer Neugier hier erschienen . Nachdem Namen und Personalien der Interessenten mit gerichtsüblicher Umständlichkeit erfragt und aufgeschrieben waren , wurde zur Feststellung des geringsten Gebotes übergegangen . Dann forderte der Richter zur Abgabe von Geboten auf . Er hatte eine zweistündige Pause angesetzt , innerhalb deren geboten werden konnte . Der Gerichtssaal leerte sich wieder ; nur einige wenige Leute blieben zurück , die hier ebensogut wie anderwärts ihre Zeit mit Nichtstun verbringen zu können meinten . Der Richter arbeitete an seinen Akten . Der Kalkulator schrieb das Protokoll aus , in der Ecke nickte der Gerichtsdiener . Der Geist der Langeweile und der Schläfrigkeit hatte sich über den Raum gesenkt . Der Richter war ein älterer Beamter . Wie viele Grundstücke waren nicht schon im Laufe der langen Praxis unter seinem Hammer weggegangen ! Die Verhandlung pflegte unter seinem Vorsitz glatt , ohne Stocken , wie eine gutgeölte Maschine , zu laufen . Nüchtern , geschäftsmäßig und trocken erklangen seine Fragen . Was kümmerte es ihn , wer schließlich der Ersteher wurde ! Sache des Juristen war es nicht , Mitgefühl zu empfinden ; das hätte ja höchstens seine » strikte Objektivität « trüben können . Für ihn existierte das Stück Erde , welches zufälligerweise einem gewissen Traugott Büttner gehörte , nur insofern , als es durch ein in » legaler Weise « herbeigeführtes Zwangsversteigerungsverfahren in » forensischen Konnex « getreten war zum Gesetz und damit zu ihm , dem Diener des Gesetzes . Dadurch war für den Juristen ein Zaun abgesteckt , innerhalb dessen er sich von Rechts wegen bewegen durfte . Wenn er sich ' s hätte einfallen lassen , den Zaun zu überschreiten , tiefer zu blicken , als seines Amtes war , dann würde er vielleicht entdeckt haben , daß dieses Stück Erde , welches heute unter den Hammer kam , doch noch etwas mehr als ein bloßes Subhastationsaktenstück sei . Er würde gefunden haben , wenn er das » legale « Gewand der Sache zu lüften sich die Mühe , gegeben hätte , daß er nichts Geringeres als das Wohl und Wehe einer Familie , daß er Menschenschweiß und Menschenblut zu » meistbietender Versteigerung « brachte . Und daß so das » von Rechts wegen « eine eigentümliche Bedeutung gewann . Der Saal füllte sich allmählich wieder , als die zweistündige Pause sich ihrem Ende zuzuneigen begann , und das Bieten nahm seinen Anfang . Zunächst erfolgten einzelne Gebote , gleichsam tropfenweise ; denn keiner der Interessenten wollte dem anderen seinen Eifer merken lassen . Bankier Schönberger hatte angeboten mit einer Summe , welche gerade die Höhe seiner Hypothek erreichte . Dann überbot ihn Harrassowitz . Jetzt begann sich der gräfliche Rendant an der Bietung zu beteiligen . Zuerst langsam , dann in immer schnellerer Folge überboten sich Sam und der Rendant mit Beträgen von geringem Umfang . Der Händler legte kühlste Ruhe an den Tag ; die Hände in den Taschen , wiegte er sich auf den Absätzen und suchte den Gegner durch seine überlegen spöttische Miene in Verwirrung zu setzen . Der gräfliche Beamte , ein Graukopf mit glattrasiertem Gesicht , war unruhig . Die Geböte kamen zaghaft und hastig von seinen Lippen . Mehrfach sah er sich nach Hauptmann Schroff um , der weiter hinten unter den Zuschauern mit sichtlicher Spannung dem Gange der Versteigerung folgte . Auf diese Weise hatten sich die beiden bis an die letzte Hypothek herangetrieben , welche Ernst Kaschel gehörte . Der Gastwirt war im Saale anwesend , bot aber nicht mit . Harrassowitz hatte soeben geboten . Der Rendant bat um eine kurze Hinausschiebung des Zuschlags , lief nach hinten und besprach sich mit dem Güterdirektor . » Bis zur Höhe der Schulden , nicht wahr , ging der Limit ? « fragte er . Der Hauptmann stand mit gerunzelter Stirn und überlegte . » Hundert Mark darüber , « sagte er dann . » So viel will ich noch zulegen ; mehr kann ich nicht ! « Der Rendant ging wieder an die Schranken und machte sein Gebot . Sam überbot ihn lächelnd . Die Spannung unter den Zuschauern hatte einen hohen Grad erreicht . Die Sympathien der meisten waren auf seiten der gräflichen Beamten . Der Rendant bot noch einmal mit zitternder Stimme . Die Schulden waren mit seinem Gebote um hundert Mark überschritten . » Noch Fünfzig ! « rief Harrassowitz und sah den Gegner herausfordernd an . Es entstand eine Pause . Der Richter sah nach - der Uhr . » Wenn keine weiteren Gebote abgegeben werden , schließe ich die Subhastation . « Kein weiteres Gebot erfolgte . » Demnach ist Herr Samuel Harrassowitz Meistbietender geblieben . Ich frage , ob Einwendungen gegen Erteilung des Zuschlages an Harrassowitz erhoben werden ? - Einwendungen werden nicht erhoben ! - Die Erteilung des Zuschlages wird morgen um elf Uhr verkündet werden . « VIII. Während in der Stadt sein Gut versteigert wurde , pflügte der Büttnerbauer seinen Acker . Schon bei frühestem Morgengrauen hatte er die Ochsen aus dem Stalle gezogen , hatte sie vor den Pflug gespannt und war hinausgefahren bis dorthin , wo Wald und Felder grenzten . Die Bäuerin war seit einer Woche bettlägerig . Toni hatte mit dem Säugling zu tun . Auf Theresens Schultern lastete , seitdem die Sachsengänger das Dorf verlassen hatten , ganz allein die Sorge um das Hauswesen . Der Bauer wollte heute das Büschelgewende beackern . Dem verwilderten Schlage - gleichsam das Stiefkind des Gutes - galt doch im Grunde seine eifrigste Sorge . Der Gedanke , daß ein Teil seines Besitzes vernachlässigt und unbenutzt daliege , ließ ihm keine Ruhe , quälte ihn wie einen Kranken die offene Wunde . Den Schlag mußte er wieder urbar machen , noch in diesem Sommer . Hafer wollte er darauf säen , als die wenigst anspruchsvolle Frucht . Vor der Aussaat aber sollte der Boden noch einige Male mit Pflug und Egge um und um gewendet werden . Es wollte ein wundervoller Frühjahrstag werden . Der Boden dampfte von dem warmen Regen , der in der Nacht niedergegangen war . Laue Fruchtbarkeit schwebte greifbar über der Scholle . Überall drängte und sproßte junges Leben zum Tage empor . Die Wiesen waren bereits mit dem ersten verschämten Grün beschlagen . Die Wintersaaten standen dicht und üppig , in vielverheißendem , saftigem Dunkelgrün . Mit dem Pflügen ging es langsam genug vorwärts in dem zähen Lehm , der seit Jahren keine Pflugschar gefühlt hatte . Brombeerranken und andere Schmarotzer des verwilderten Landes bedeckten die magere Ackerkrume und wichen nur ungern dem Pfluge . Kiesel und Feldsteine stemmten sich gegen die Schar . Und dazu ein Paar träge Ochsen vorgespannt ! Die Zeiten , wo er Pferde im Stalle gehabt , waren für den Büttnerbauer vorbei . Der alte Mann fluchte nicht , trotz der Langsamkeit der Tiere . Sein Trotz war stumm . Mit zusammengebissenen Zähnen blickte er starr geradeaus über die Rücken der Ochsen . Die Hand am Sterz , in der Linken Leine und Peitsche , so schritt er hinter dem Pfluge . Wenn er die Lippen öffnete , dann war es höchstens zu einem » Hüü « oder » Hoo « . An der Anewand angelangt , hielt er die Ochsen durch einen Ruck der Leine an , hob den Pflug aus , wendete ihn und fuhr eine neue Furche an , genaue Richtung haltend . Er pflügte noch wie ein Jüngling , mit starker Hand und scharfem Augenmaße . Die Sonne rückte höher . Der Dampf über den Auen hatte sich verflüchtigt . Klar lag jetzt Halbenau unter ihm , das er von seinem erhöhten Stande überblicken konnte , Haus für Haus , bis hinab zur Kirche . Schon begannen sich die Fruchtbäume hie und da zu schmücken mit weißen Perücken . In langen , schmalen Streifen zogen sich die Güter der Bauern , Halbhufner und Gärtner vom Dorfe nach dem Walde zu , vielfach durch Raine und Gräben in viereckige Stücken und Streifen zerlegt , in vielen Farben leuchtend , bald braun , bald grün , bald gelblich oder gräulich , je nach der Frucht und der Bodenart . Ein scheckiges Bild , wie ein Stück Zeug mit vielen Flicken darauf . Und am Feldrande ein Kranz von Niederwald , der lichtgrün und lila schimmerte , mit seinen hellen Stämmchen von Birke und Erle . Dahinter der Kiefernwald , im männlichen Ernste seines dunklen Nadelkleides . Und darüber hin der Frühjahrshimmel , mit einzelnen schwimmenden Wolken von milchweißer Farbe . Der Büttnerbauer sah nichts von der Schönheit , die sich rings um ihn breitete . Sechzigmal war er Zeuge geworden des Frühjahrswunders . Sechzigmal hatte sich für ihn die Flur geschmückt mit gleicher Pracht . Er war kein empfindlicher Naturschwärmer ; dafür gab es in seiner trocknen Bauernnatur keinen Raum . Frühjahr , das bedeutete für ihn : Erwachen aus der kalten , finsteren , öden Winterszeit , zum sonnigen , klaren , milden Sommer ; wo man nicht länger gezwungen war , mit müßigen Händen im Zimmer zu hocken , wo man hinaus durfte auf den geliebten Acker , die Zeit , da man die Glieder in emsiger Arbeit rührte , wo man aber auch die Früchte seiner Arbeit sehen durfte , wie sie heranwuchsen und gediehen , der Ernte entgegen . Auch in diesem Frühjahr schien die Sonne warm und belebend . Sie wärmte auch die Glieder des Alten und brachte sein Blut in schnellere Strömung . Das Neuwerden in der Natur rief selbst in seinem verbrauchten Körper eine Steigerung aller Kräfte , eine unbewußte Spannung der Lebensenergie hervor . Aber es war diesmal anders als sonst . Etwas war erstorben in dem alten Manne , lag wie mit Eis und Schnee des Winters zugedeckt , war nicht grün geworden mit dem Erwachen des Frühlings ringsum : die Hoffnung . Es hatte seinen guten Grund , warum er die Zähne so fest zusammengepreßt hatte , und die Augen so starr geradeaus gerichtet hielt zwischen die Köpfe seiner Tiere . Hätte er die Blicke hinabschweifen lassen über Felder und Wiesen , hinab nach seinem Hause und Hofe , sie wären wohl übergegangen von salzigen Tränen . Und der Trotz , der Grimm , die Menschenverachtung , die allein ihm die Kraft gaben , diesen Tag zu ertragen , möchte dahingeschmolzen sein vor der Übergewalt des Schmerzes , den ihm der Anblick seines Eigentums heute bereiten mußte . Sein Eigentum ! In diesen Stunden entschied es sich , wer künftighin Herr dieser Wiesen und Felder , dieses Hauses und Hofes sein würde . Drüben in der Stadt , vor Gericht , unter Leuten , die seinen Acker nicht kannten , von Fremden , kalten , gleichgültigen Juristen , wurde der Würfel über sein Eigentum geworfen . Heute noch war er hier Herr , und morgen konnte einer kommen , der ihn hinaustrieb aus seinem Hofe , ihn auf die Straße setzte mitsamt den Seinen , und das alles kraft eines Stückes Papier . Das war also der Erfolg seines Lebens ! Jetzt , wo er sich dem Greisenalter näherte , wo man sich nach Ausruhen auf vollendetem Lebenswerk sehnte , wo man Recht und Besitz und Gewalt gern hätte übergehen sehen in die Hände der Nachkommen , wo man als Lohn und Dank für sorgliche Verwaltung des Familiengutes nichts weiter verlangte als Pflege und Achtung und ein ruhiges Eckchen im Heim , von dem aus man das Weiterblühen und Wachsen noch ein Weilchen mit ansehen konnte - jetzt mußte der Büttnerbauer , statt dieses wohlverdiente Altenteil zu erwerben , erleben , daß alles , was er von den Vätern übernommen , was er verwaltet , woran er an seinem Teile geschaffen hatte , ihm aus den Händen gerissen , unwiderbringlich an Fremde dahingegeben wurde . Wenn der Vater das geahnt hätte ! Er , der recht eigentlich den Besitz zu dem gemacht hatte , was er war , zu einem selbständigen , freien Bauerngute . Wenn Leberecht Büttner hätte ahnen können , was jetzt , dreißig Jahre nach seinem Tode , aus seinem Werke werden sollte ! Dieser Mann , der den Familienbesitz in schwerer Zeit angetreten , der die Nachwehen der Kriegszeiten und der jüngst überwundenen Hörigkeit durchzukosten hatte , der Zeit seines Lebens mit einem mächtigen und beutelustigen Nachbar zu ringen gehabt , und der , all diesen Gefahren und Nöten zum Trotze , sich selbst zu einem wohlhabenden , unabhängigen Wirte emporgearbeitet und sein Gut zum bestgepflegtesten der ganzen Gegend gemacht hatte ; wenn der Mann hätte voraussehen können , was aus der Erbschaft , die er den Seinen hinterließ , sich für Unsegen entwickeln würde ! - Traf den Büttnerbauern die Schuld , daß alles so gekommen , wie es gekommen war ? Traugott Büttner hatte sicher viele Versehen begangen , mancherlei verdorben durch Eigensinn und beschränkten Trotz . Viel Schaden hätte abgewendet werden können , wenn ihm Beweglichkeit des Geistes , höhere Bildung und besseres Verstehen der Zeit und ihrer Bedürfnisse eigen gewesen wäre . Aber größere Fehler , als die seinem Stande eigentümlichen , durften ihm mit Recht nicht vorgeworfen werden . Er war Zeit seines Lebens ein nüchterner , ordentlicher Mensch gewesen , ein tätiger Wirt und sorgsamer Haushalter . Sein Benehmen war bäuerlich derb , oft bis zur Rauheit derb , aber seine Sitten waren rein geblieben . Was hatte er sich vorzuwerfen ! War er etwa ein Trinker gewesen ? - Hatte er Haus und Hof verspielt , wie so mancher Bauer es tat ? Hatte er durch liederliche Wirtschaft oder durch Zank und Streit mit den Nachbarn , durch Prozesse das Seine vergeudet ? - Dem Staate , der Gemeinde , der Kirche hatte er geleistet , was er ihnen schuldig war . Seine Knochen hatte er in zwei Kriegen für das Vaterland zu Markte getragen . Sonntäglich war er zur Predigt gegangen , und viermal im Jahre hatte er den Tisch des Herrn aufgesucht . Die schlechten Jahre waren von ihm hingenommen worden , und für die guten hatte er Gott gedankt . Mit seiner Ehefrau hatte er sich vertragen ; nie war es zu mehr als zu Scheltworten gekommen zwischen ihnen , was bei Bauersleuten etwas heißen will . Die Kinder hatten sie schlicht und recht aufgezogen nach dem Worte : » Wer sein Kind lieb hat , der züchtigt es . « Überhaupt , das war die Summe dieses Lebens : der Bauer hatte das Seine getan , so gut oder so schlecht er es vermochte , in den Grenzen seines Standes , gemäß der Weltanschauung , mit der er geboren und in der er aufgewachsen war . Und nun war es wie ein Strafgericht , wie eine Vergeltung furchtbaren Unrechts über ihn und die Seinen gekommen , ohne daß er doch gewußt hätte , von wannen und wodurch . Wofür büßte er , welche Sünde hatte er zu sühnen , mit so viel Elend ? Wo lag der Anfang des Unglücks ? Wann und wo hatte er den Schritt getan , der unvermeidlich das Verderben nach sich ziehen mußte ? War es nicht vielmehr eine Kette von tausend winzigen Gliedern , ein ganzes Netz von , unsichtbaren Maschen , an dem er Zeit seines Lebens unbewußt gearbeitet , und das ihn jetzt verstrickte zu unrettbarem Untergange ? Oder lag die Schuld nicht tiefer und ferner ? Reichte sie nicht zurück über die sechzig Jahre dieses Lebens in die Zeiten der Väter und Vorväter ? Hatte Traugott Büttner nicht das Gut aus dem väterlichen Erbe erstanden unter Bedingungen , die für ihn den Erfolg von vornherein unterbanden ! War das nicht der anfangs kaum beachtete Riß , welcher am Ende zum Zusammenbruch des Gebäudes führte ; der scheinbar unbedeutende Rechenfehler , der , von Jahr zu Jahr weiter geführt , schließlich das Ergebnis der ganzen Rechnung falsch ausfallen ließ ! Oder hatte Leberecht Büttner , dieser vorsichtige Wirt und Mehrer des Vermögens , etwa selbst den Grund zum Untergange des Familiengutes gelegt , als er dessen Grenzen erweiterte , neues Land zum ererbten hinzuerwarb ? Hatte er damit vielleicht dem ganzen eine ungesunde Entwicklung , einen allzu großartigen Zuschnitt gegeben ; hätte er nicht , statt auf Erweiterung des Besitzes zu sinnen , lieber das einmal Besessene so ertragreich wie möglich gestalten sollen ? Hatte er nicht durch diese Verrückung der Verhältnisse seinem Nachfolger eine gefahrvolle Erbschaft hinterlassen , doppelt gefahrvoll , wenn dieser Nachfolger ihm nicht gleichkam an Einsicht und Rührigkeit ? ! Oder lag das Versehen nicht außerhalb der Familiengeschichte überhaupt ! Waren es nicht vielmehr die Verhältnisse , die Entwicklung , der Gang der Weltereignisse , die auch auf dieses winzige Zweiglein am großen Baum des Volkes gewirkt hatten ? Stand nicht auch dieser kleine Ausschnitt aus dem Menschheitsganzen unter den Gesetzen des Prozesses von Werden und Vergehen , dem das Völkerleben wie die Geschichte der Familien und des einzelnen unterworfen sind ! - War vielleicht jenes große Ereignis der Bauernbefreiung im Anfange des Jahrhunderts , dessen Zeuge noch Leberecht Büttner als junger Mensch gewesen , zu spät eingetreten ? War dieser mächtige Ruck nach vorwärts nicht mehr imstande gewesen , das Bauernvolk aus der Jahrhunderte alten Gewöhnung an Unselbständigkeit und Knechtsseligkeit herauszureißen ? Oder war die Aufhebung der Frone zu schnell , zu unmittelbar gekommen ? Hatte sie den Bauern nur äußerlich selbständig gemacht , ohne ihm die zum Genüsse der Freiheit nötige Erleuchtung und Vernunft gleichzeitig geben zu können ? Waren die durch viele Geschlechter großgezogenen Laster : des Mißtrauens , der Stumpfheit , der Beschränktheit und der tierischen Roheit , doch so tief in Fleisch und Blut der Kaste übergegangen , daß sie unausrottbar immer von neuem durchbrechen mußten und so den Untergang des ganzen Standes herbeiführen würden ? - Oder spannen sich die Fäden jenes Gewebes von Unrecht , Irrtum und Unglück , die den einzelnen mit dem Ganzen ebensogut verweben , wie Rüstigkeit , Aufschwung und Gedeihen eines Volkes segensreich das Einzelgeschick befruchten und fördern - reichten diese unsichtbaren Wurzeln , die uns mit dem tiefstem Grunde der Vergangenheit unseres Geschlechts verbinden , nicht noch viel viel tiefer hinab in die Vorzeit ? War der große Krieg daran schuld , der das deutsche Volk zum Bettelmann gemacht und seinen Boden zu einer Einöde ? Aber war nicht schon vor dem großen Kriege schweres Unrecht am deutschen Bauern begangen worden ? Drangsal und Vergewaltigung , die ihm zu Luthers Zeiten den Kolben und den Dreschflegel in die Hand nehmen ließen , zum Aufruhr gegen die Großen der Welt , in denen er die Macht verkörpert sah , die ihn am meisten bedrückte : der Feudalismus . Und lag der letzte und tiefste Grund der Unbilden , die dem Bauern durch alle Stände widerfahren , mochten sie sich Fürsten , Ritterschaft , Geistlichkeit , Kaufmanns- , Richter- und Gelehrtenstand nennen , nicht noch viel weiter zurück in der Entwicklung ? War da nicht in unser Volksleben ein Feind eingedrungen , der für Kolben und Flegel unerreichbar war , der mit noch so derben Fäusten nicht aus dem Vaterlande getrieben werden konnte , weil er körperlos war , ein Prinzip , eine Lehre , ein System , aus der Fremde eingeschleppt , einer Seuche gleich : der Romanismus . War denn nicht der deutsche Bauer frei gewesen ehemals ? Frei wie der Baum , der Halm , ein Gewächs des freien Grund und Bodens , verantwortlich nur vor seinesgleichen , gebunden nur durch die Gesetze der Markgenossenschaft . Nur die Gemeinde und ihre Rechte hatte er über sich , deren Lehnsmann er war , die ihm ein Stück der freien Wildnis zuwies , damit er es urbar mache und sich darauf ernähre . In jenen natürlichen , urwüchsigen Zeiten , die noch nichts von den knifflichen Definitionen der Gelehrten , vom pedantischen Schreibwerk der Juristen ahnten , war Besitz und Eigentum noch eins ; Tatsache und Recht fielen da zusammen . Wer den Boden dem Urwalde abrang , der erwarb ihn , machte ihn zu seinem Eigen . Die Ernte gehörte dem , der den Acker bestellt und die Aussaat gemacht . Arbeit war der einzige Rechtstitel , welcher galt . Jeder Nachfolger mußte sich die Hufe und die Frucht von neuem erwerben durch seiner Hände Werk . Und nun drang ein fremder Geist von jenseits der Alpen ein und verwirrte und verkehrte diese einfachen erdgewachsenen Verhältnisse . Abgezogene Begriffe , aus einer toten Kultur gesogen , wurden an Stelle des selbstgeschaffenen , gut erprobten deutschen Rechtes gesetzt . Dieser fremde römische Geist war der Verderber . Überall drang er ein wie eine Krankheit . Bald beherrschte er Staat , Kirche , Schule und Gerichte . Formalismus und Scholastik waren seine übelgeratenen Kinder . Am schwersten aber sollte unter dem fremden Produkt der leiden , welcher von allen am wenigsten davon wußte und verstand : der Bauer . Alle anderen Stände verstanden es , sich das fremde System zunutze zu machen . Ritter und Kaufmann wußten seine Maximen zu verwerten , sich nur zu gut dem praktischen Egoismus anzupassen , der das Grundprinzip des römischen Rechtes ist . Und seit den Zeiten der Scholastik ward Haarspalterei und wirklichkeitsfremdes Definieren und Konstruieren die Lieblingsbeschäftigung der deutschen Gelehrtenzunft . Dem freien deutschen Bauernstande aber grub das fremde Recht die Lebenswurzeln ab . Denn der Begriff des römischen Eigentums lief dem schnurstracks zuwider , was für den deutschen Ansiedler gegolten hatte . Nun wurden in trocken formalistischer Weise Recht und Tatsache getrennt . Fortan konnte einem ein Stück Land gehören , der nie seinen Fuß darauf gesetzt , geschweige denn , eine Hand gerührt , um es durch Arbeit zu seinem Eigen zu machen . Jetzt gab es gar viele Rechtstitel mit fremdklingenden Namen , kraft deren einer Eigentum erwerben und veräußern konnte . Den Ausschlag gab nicht mehr die lebendige Kraft des Armes , sondern erklügelte , in Büchern niedergeschriebene , tote Satzung . Am Grund und Boden konnte fortan Eigentum entstehen durch Eintragung in Bücher . Es konnte ernten , wer nie geackert und gesäet hatte . Es gab Rechte an fremden Sachen , Einschränkungen des Eigentumsrechtes durch Dritte , die sich so drehen , deuten , nutzen und ausdehnen ließen , daß der Eigentümer bald wie ein Mann war , der sein Feld auf der öffentlichen Landstraße liegen hat . Das Verpfänden und Belasten des Grund und Bodens ward in ein System gebracht , das den Urgrund aller menschlichen Verhältnisse , die Scholle , einem Handelsartikel gleichstellte . Es wurde möglich , daß einer durch Beleihung stiller Mitbesitzer eines Stück Landes ward . Dann mußte ihm der Eigentümer einen Teil der Erträge abgeben , die er durch seine Arbeit dem Boden abgerungen hatte , und jener genoß in der Ferne ohne Mühe die Früchte fremden Bodens und fremden Schaffens . So hatte sich das undeutsche Recht mit seinem egoistisch-kalten , verstandesmäßigen Formalismus wie ein Lavastrom über die heimischen Einrichtungen ergossen , alles mit starrer Kruste überdeckend , und auch die grünende Freiheit des bäuerlichen Ansiedlers auf Nimmerwiederkehr vernichtend . Der Büttnerbauer wußte von der Geschichte und Entwicklung seines Standes nichts . Kenntnis und Interesse für das Vergangene sind gering beim Bauern ; auch hat er wenig Standesbewußtsein , keinen Zusammenhalt mit seinesgleichen . Ihn kümmern nur die Nöte und Bedürfnisse , die ihn gerade im Augenblicke auf den Nägeln brennen . Er weiß von der Welt und ihrem Gange meist nur das Notdürftige , was er in der Schule erlernt , was er selbst erlebt und erfahren hat , und zur Not das Wenige von der Vergangenheit , was ihm die Eltern mitgeteilt haben . Traugott Büttner hatte nur ein dumpfes Gefühl , eine dunkle Ahnung , daß ihm großes Unrecht widerfahre . Aber wer wußte denn zu sagen : wie und von wem ! Wen sollte er anklagen ? Das war ja gerade das Unheimliche , daß es eine Erklärung nicht gab . Das Verderben war gekommen über Nacht , er wußte nicht von wannen . Menschen hatten Rechte über ihn und sein Eigentum gewonnen , Fremde , die ihm vor zwei Jahren noch nicht einmal dem Namen nach bekannt waren . Er hatte diesen Leuten nichts Böses angetan , nur ihre Hülfe , die sie ihm aufgenötigt hatten , in Anspruch genommen . Und daraus waren durch Vorgänge und Wendungen , die er nicht verstand , Rechte erwachsen , durch die er diesen Menschen hilflos in die Hände gegeben war . Er mochte sich den Kopf zermartern , er konnte das Ganze nicht begreifen . Eines blieb als Untergrund aller seiner Gedanken und Gefühle : ein dumpfer , schwelender Ingrimm . Ihm war unsagbares Unrecht geschehen . Sein Mund verstummte ; hätte er ihn aufgetan , es wäre eine Klage erschollen , die kein Richter dieser Welt angenommen hätte . Drittes Buch . I. Die Sachsengänger waren an ihrem Bestimmungsorte eingetroffen . Leiterwagen vom Rittergute Welzleben hatten sie an der Station abgeholt und nach dem Vorwerke Kabeldamm gebracht . Hier waren sie vom Inspektor in ihre Kaserne angewiesen worden . Am nächsten Morgen bereits ging ' s mit der Feldarbeit los . Die Rüben waren eben erst aufgegangen ; an ihnen gab es also noch keine Arbeit . Die Mädchen wurden daher mit Behacken des Wintergetreides beschäftigt , während die Männer bei der Frühjahrsbestellung zu helfen hatten . Es waren völlig neue Verhältnisse hier im Westen , in welche diese Ostländer ganz unvermittelt versetzt wurden . Weit und breit fruchttragende ebene Fluren . Feld an Feld , Schlag an Schlag , die das Auge kaum zu übersehen vermochte , durchquert von geradlinigen Kunststraßen und Obstalleen . Jede Handbreit Land war hier ausgenutzt . So kostbar schien dieser Boden , daß man keinem wilden Baum , keinem Strauch in der Feldmark das Leben gönnte . Nirgends fiel der Blick auf Unkraut . Sorgfältig waren die Steine aus dem Acker entfernt . Am Horizonte fehlte der Kiefernbusch , der im Osten fast überall das landschaftliche Bild einrahmt . Kein Wald , kein Gebüsch , keine Hutung zu erblicken . Wenig Wiese ; die Ackerscholle beherrschte hier alles . An Stelle des buntscheckigen Planes von winzigen Fleckchen und Streifchen , wie es die Sachsengänger von ihrer Heimat her gewöhnt waren , breitete sich hier das Zuckerrübenfeld mit den endlosen Reihen der gedrillten Rübenpflänzchen ; giftgrüne Streifen auf dunkelbraunem Untergrunde . Und nun erst die Bestellung ! Spatenarbeit kannte man hier nicht , der Handpflug war an vielen Stellen vom Dampfpfluge verdrängt . Das Getreide wurde mit der Dampfmaschine ausgedroschen , die Saaten mit der Drillmaschine bestellt . Und in der Wirtschaft war auch alles nach neuestem Zuschnitt . Das Rindvieh bekam Rübenschnitzel als Futter . Trotz der vielen Kühe und großartigen Stätte war die Milchwirtschaft doch nur unbedeutend . Das Vieh kam von auswärts in großen Transporten herein und stand nur zur Mast da . Kälber wurden nicht angebunden . Nur des Düngers wegen schien man Rindvieh zu halten . Und die Dörfer ! Da kam man sich vor wie in der Stadt . Die Häuser eng beieinander , den Nachbarn gleichend wie ein Ei dem anderen , weißgetüncht , kahl , mit Ziegeln abgedeckt . Kein Fachwerk , keine Holzgalerie , kein Strohdach . Hin und wieder war einmal der Ansatz zu einem Gärtchen zu erblicken , hinter steifem Staketenzaune . Der Grasgarten , die Obstbäume , die der ärmste Häusler des Ostens gern um sein Anwesen hat , fehlten ganz . Und wo waren die Düngerstätten , das Göpelwerk , der Taubenschlag , die Entenpfütze ? Diese Menschen hier nannten keine Kuh , kein Schwein , kein Federvieh ihr eigen . Dabei schien es hier eigentliche Armut nicht zu geben . Die Leute ließen sich nichts abgehen . Sie gingen einher in städtischer Kleidung . Bloße Waden gab ' s hier freilich nicht zu sehen ; selbst die Kinder liefen nicht barfuß . Die wenigen Bauern waren große Herren . Sie ritten und fuhren einher wie die Rittergutsbesitzer , wohnten in großen stattlichen Häusern und schickten ihre Kinder in die Stadt zur Schule . Wenn sie untereinander waren , redeten