gegeben und widerrufe sie nicht . Du hast ja heut schon einmal erfahren , daß ich ein voreilig gesprochenes Wort , auch wenn es mich reut , nicht mehr zurücknehme . Mir ist leid um den Hornegger . Aber er wollte gehen . Gut ! Mir ist auch leid um dich , trotz allem ! Aber du gehst Wege , die sich mit den meinen nicht vertragen . Auch gut ! Doch eins merke dir : Zwischen deinem Haus und dem meinen , da geht jetzt die Jagdgrenze . Da gibt ' s kein Hinüber und Herüber . Oder es brennt auf der Pfanne . So ! Jetzt werde glücklich ! « Graf Egge setzte sich auf die Bank und streckte die Beine . Seine weiten Hemdsärmel flatterten im Wind , und sacht bewegten sich die grauen Strähnen seines Bartes . Mit schmerzlichem Ernst hing Tassilo am Gesicht des Vaters . » Du hast einen Stein auf den Weg geworfen , auf dem ich mein Glück zu finden hoffe . Die Folgen dieser Stunde werden schwer auf mir liegen , doppelt schwer , wenn du mir auch den Verkehr mit meinen Geschwistern versagen wolltest . « » Ich habe deutsch gesprochen und glaube , daß du diese Sprache verstehst . Oder bist du der Meinung , daß du an deiner Frau nicht so viel gewinnst , um deine Geschwister entbehren zu können ? « Tassilos Stimme verschärfte sich . » Ich habe in diesem Augenblick weniger an mich gedacht als an meine Geschwister . « » Schade , daß Robert nicht da ist ! Er würde sich für deine brüderliche Zärtlichkeit bedanken . « » Daß meine Sorge um ihn nicht unbegründet ist , das weißt du selbst am besten . Auch hab ' ich noch andere Geschwister . Willy und Kitty werden den Verkehr mit mir und meinen brüderlichen Rat um so härter entbehren , da ihnen auch der Vater fehlt . « » Ach so ? Darauf läuft ' s hinaus ! Du willst zum Abschied noch mit einer Lektion über Pädagogik losschießen ? Ich denke zuviel an meine Hirsche und Gamsböcke , zuwenig an meine Kinder ? Vielleicht hast du recht . Den deutlichsten Beweis , wie schlecht ich meine Kinder zu erziehen verstand , hast du selbst in dieser Stunde geliefert . Für die Zukunft will ich den Daumen etwas fester aufdrücken . Auf den Weg , den du einschlägst , soll sich weder deine Schwester noch einer deiner Brüder verirren . Wie sie im übrigen geraten , das muß ich ihrer Natur überlassen . Hoffentlich hat in ihren Adern der gesunde Tropfen Jägerblut , den sie von mir bekommen , das Übergewicht über das böse Blut der Mutter , von welchem du , ich merke , zuviel abbekommen hast . Es führt dich auf die gleichen Wege . « » Vater ! « Das Wort hatte schneidigen Klang . » Beleidige mich , und ich werde dir wehrlos gegenüberstehen . Aber du sollst die Mutter nicht vor ihrem Sohn beschimpfen ! « » Ich soll sie für die Erfahrung , die ich mit ihr machen mußte , wohl noch heiligsprechen ? « Unter zornigem Lachen zerrte Graf Egge mit beiden Händen an seinem Bart. » Das ist zuviel verlangt ! « » Ich entschuldige nicht die Frau , die dich verließ . Aber diese Frau war meine Mutter . Da dulde ich keinen verletzenden Eingriff . Auch nicht von dir ! « » Sie hat wohl an euch Kindern ein großes Werk der mütterlichen Liebe getan ? « » Nein , Vater , ein schweres Unrecht ! Aber sie allein war nicht die Schuldige - « » Eine großartige Weisheit ! « unterbrach Graf Egge mit heiserer Stimme . » Natürlich ! Sie hat ihre Schuld ausgiebig mit einem anderen geteilt . « » Nein , Vater , nicht geteilt ! Die größere Schuld hat dieser andere begangen . Und dieser andere bist du ! « Betroffen sah Graf Egge auf . Er wollte sprechen und wußte doch dem entfesselten Strom dieser glühenden Erregung gegenüber kein Wort zu finden . » Ja , Vater , du ! Als das Traurige sich vorbereitete und geschah , war ich ein Knabe . Aber ich hatte schon Augen , die sehen konnten . Was ich gewahren mußte , ohne es ganz zu erkennen , hat mich ernst gemacht in einer Zeit , in welcher andere Kinder lachend ihre Jugend genießen . Es hat über mein Leben einen Schatten geworfen , der nie wieder von mir gewichen ist . Und was ich damals nur halb erfaßte , das begriff ich erst in den folgenden Jahren , in denen du mich und meine Geschwister der gleichen Vereinsamung und dem Verkehr mit fremden Menschen überlassen hast wie einst die Mutter . Sie war , als sie deine Frau wurde , noch halb ein Kind - wie jetzt meine Schwester , für die du wegen Jagd und Jagd so selten eine Stunde findest , daß sie gewahren kann , um wieviel grauer in der Zwischenzeit dein Bart geworden . Ich erinnere mich aus meiner Knabenzeit , daß du deinen Jägern zu erzählen pflegtest , auf welch eine echt weidmännische Hochzeitsreise du deine junge Frau geführt hättest : zuerst zur Fuchshetze nach England , dann zu den Elchjagden nach Schweden , dann zur Hirschbrunft in die Bukowina . Da durfte sie , während du deine Pirschgänge machtest , in der Jagdhütte die Gesellschaft deines Büchsenspanners teilen und ihm helfen , deine abgeschossenen Patronen frisch zu laden . « Graf Egge war aufgesprungen . » Hätte sie Sinn für die Jagd gehabt , so hätt ' ihr diese Reise besser gefallen als jede andre , denn gerade damals hab ' ich meine stärksten Hirsche geschossen ! « schrie er mit dunkelrotem Gesicht . » Aber für so was hatte sie keinen Funken von Verständnis . Ich hab ' mir die redlichste Mühe gegeben , sie zu mir heraufzuziehen . Alles umsonst ! Da ist es kein Wunder , wenn mir schließlich die Geduld verging . « » Aber auch kein Wunder , wenn die junge Frau , die Monat um Monat einsam in Hubertus saß , ferne von ihren Kindern - « » Kinder ! Kinder ! Hätt ' ich vielleicht diesen ganzen Plärrapparat auf meinen Jagdreisen immer mit mir herumschleppen sollen ? « » Es fragt sich nur , ob diese Jagdreisen so wichtig waren , daß um ihretwillen jede Forderung schweigen mußte , die deine Frau und deine Kinder an dich zu stellen hatten . « » Ach was ! Forderung ! Hätt ' eure Mutter Sinn für das gehabt , was mir Freude machte , so hätt ' sie nicht Trübsal blasen müssen , sondern Zerstreuung in Hülle und Fülle gefunden . Aber natürlich , in der Jagdhütte konnte sie nicht schlafen , da hat sie das Heu gekitzelt . Und der Geruch einer Lederhose war für ihre feine Nase eine Katastrophe ! Ist es da meine Schuld , wenn sie allein in Hubertus sitzen mußte ? Und was euch betrifft ? Ihr habt in München euer warmes Nest gehabt , mit Governessen und Hofmeistern , die mich ein Heidengeld gekostet haben . Ich tat meine Schuldigkeit redlich ! Aber schließlich existiert man auch um seiner selbst willen . Ich lebe und sterbe für die Jagd . Damit hat man zu rechnen . In erster Linie kommt für mich die Jagd , dann lange nichts mehr und dann erst alles andere . « » Diese Wahrheit hat niemand schwerer empfunden als unsere Mutter . « » Mutter ! Immer Mutter ! Jetzt hab ' ich die Geschichte satt ! « Mit zuckenden Händen tastete Graf Egge an seiner Brust umher , als hätte er die Joppe an und möchte die Knöpfe schließen . » Ich bin ein Narr , daß ich mich von diesem ganzen Krempel so erregen lasse . Fertig ! Schluß ! Das ist abgetan . Geh deiner Wege ! Und wenn du in Zukunft an deine Mutter denkst , und es fällt dir dabei dein Vater ein , so kannst du dir sagen : das alles liegt hinter ihm ! Wenn ihn an der ganzen Geschichte heute noch was ärgert , so ist es nur das einzige , daß er das Geweih , das deine verehrte Mutter ihm aufzusetzen beliebte , nicht in seine Sammlung hängen konnte . Das wär ' ein Prachtexemplar gewesen , das alle meine anderen Hirsche geschlagen hätte - sogar die kapitalsten aus der Bukowina ! Und nun Gott befohlen ! « Er wandte sich ab und faßte mit beiden Händen den Stamm der nächsten Fichte , als bedürfte er für den in seinen Fingern arbeitenden Zorn eines festen Spielzeugs . In Tassilos Augen war eine tiefe Trauer . Fast versagte ihm die Stimme . » Ich gehe . Nicht in Groll . Du erbarmst mich , Vater ! Was ich aus dir reden höre , ist nicht mehr menschliche Stimme , sondern der Dämon einer Leidenschaft , die ich nicht begreife , obwohl ich ihre Wirkungen sehe . Sie hat das Leben meiner Mutter auf Irrwege und in einen frühen Tod getrieben . Sie hat dich gelöst von deinen Kindern , hat unser Heim und unsere Jugend vernichtet , hat unser Schicksal dem Spiel des Zufalls überlassen - und sie wird dich selbst zerstören ! « Mit zornigem Lachen riß Graf Egge von der Fichte zwei Rindenstücke los und zerdrückte sie in seinen Fäusten . Dann trat er langsam auf Tassilo zu , öffnete die Finger und ließ die Splitter fallen . Keuchend ging sein Atem , und seine Lippen bewegten sich , als fände er das Wort nicht , das er sprechen wollte . Schritte , die er hörte , machten ihn aufblicken . Willy war in die Hütte getreten , und Robert kam , mit erstaunten Augen den Vater und Bruder musternd . Noch einmal streifte Graf Egge mit funkelndem Blick das Gesicht seines Sohnes . Trocken lachend wandte er sich ab , winkte Robert mit beiden Händen zu und rief : » Ich gratulier euch , Kinder ! Heute habt ihr gute Jagd gemacht ! Jeder von euch dreien ist heute reicher um eine Million . Ich hab ' einen Erben weniger , und das hat mich nicht einmal einen Schuß gekostet ! « Robert riß die verblüfften Augen auf , während der Vater an ihm vorüberschritt . Als Graf Egge zur Hütte kam , sah er über die Schulter und gewahrte , daß Tassilo dem zu den Almen führenden Steige zuschritt . » Da läuft der Narr ohne Stecken davon ! - Willy ! « Sein Jüngster erschien unter der Tür , mit gerötetem Gesicht und schimmernden Augen , als hätte er im Geheimdepot der Holzerhütte dem Niersteiner allzu beharrlich zugesprochen . » Bring ' dem Windhund seinen Bergstock ! Nach der Büchse wird er kein Verlangen haben . Er hat ausgejagt in meinem Revier ! « Willy begriff nicht . » Aber Papa ? Was ist denn los ? « » Tu , was ich dir sage ! « Willy faßte einen der Bergstöcke , die neben der Hüttentür lehnten . Da sah er Robert kommen , eilte auf ihn zu und flüsterte : » Bertl ? Hast du eine Ahnung , was für ein Blitz da schon wieder eingeschlagen hat ? « Robert zuckte die Achseln und trat in die Hütte . Eine Weile stand Willy unschlüssig . Dann rief er mit lauter Stimme : » Tas ! Tas ! « und rannte dem Bruder nach . In einer Senkung des Pfades holte er ihn ein und erschrak beim Anblick seines Gesichtes . » Tas ? Um Gottes willen , was ist denn geschehen ? « Ein müdes Lächeln . » Was unausbleiblich war - ob heut oder morgen . Ich bin im Begriff , eine Heirat zu schließen , von der ich mein Glück erhoffe . Sie findet nicht den Beifall deines Vaters . Deshalb will er nun einen Sohn weniger haben . « » Ach du lieber Himmel - « stammelte Willy in hilfloser Bestürzung . Tassilo nahm den Bergstock . » Nicht wahr , Junge , wenn unsere Wege auch nach dem Willen deines Vaters auseinandergehen , wir wollen gute Brüder bleiben ? « Herzlich sag er dem Bruder in die Augen und bot ihm die Hand . » Und willst du mir eine Liebe erweisen , so vergiß nicht , was du mir gestern in die Hand gelobt hast ! Willst du ? « Willy brachte kein Wort heraus ; er nickte nur , umklammerte Tassilos Hand und sah ihm ratlos ins Gesicht . » Hast du mich nötig , so schreib mir eine Zeile , und ich werde dich finden . Und sei gut mit Kitty ! Ihr fehlt die Mutter . Der Vater hat wenig Zeit für sie . Sei du jetzt der Bruder , den sie braucht . « Da erwachte Willy aus seiner Erstarrung . » Tas ! Lieber Tas ! Ich fasse das alles nicht . Ich bin wie mit einem Prügel vor die Stirn geschlagen . Sag ' mir , ich bitte dich - « Tassilo schüttelte den Kopf . » Laß uns kurzen Abschied halten ! Und geh zum Vater ! Dein Platz ist bei ihm . Und der Vater könnte es dich entgelten lassen , wenn er allzulange auf dich warten müßte . « Er schlang den Arm um Willys Hals , küßte den Bruder , riß sich los und eilte talwärts mit jagendem Schritt . 18 Vor der Tür des » Palais Dippel « stand Graf Egge mit gespreizten Beinen und vorgeneigtem Kopf , die Fäuste hinter dem Rücken ; finster spähte er nach der Pfadsenkung , in welcher Willy verschwunden war . Als er ihn erscheinen sah , hellten sich seine Züge auf , und zufrieden nickte er vor sich hin : » Na also , da kommt er ja ! « Willy blieb erschrocken stehen und versuchte seine Gedanken zu sammeln . » Komm zu mir , Junge ! « rief Graf Egge , und als Willy noch immer zögerte , ging er ihm entgegen . Dicht vor ihm blieb er stehen und sah ihm forschend in das brennende Gesicht . » Der andere sieht mir gleich und schlägt der Mutter nach . Du hast ihre Augen und ihren weichen Mund , aber ich hoffe , du bist im Kern aus meinem Holz ! Halte dich an mich , und es soll dir nicht schlecht bekommen . Hast du einen Wunsch ? Heraus damit ! Heut kannst du alles von mir verlangen . « Willy schüttelte den Kopf . » Danke , Papa , ich brauche nichts . « » Na , besinn ' dich nur , vielleicht fällt dir was ein ! « Mit einem Lachen , das ihm nicht völlig gelingen wollte , klopfte Graf Egge den Sohn auf die Schulter und trat in die Hütte . In der Küche schürte er auf dem Herd ein Feuer an und begann in einer hölzernen Schüssel einen dicken Brei aus Mehl und Wasser zu rühren . Nachdem er den Teig in das heiße Schmalz gegossen hatte , ging er zur Tür , und als er Willy draußen auf der Hausbank sitzen sah , sagte er : » Komm herein , Junge , setz ' dich zu mir auf den Herd ! Da kannst du lernen , wie man einen gesunden Schmarren kocht . « » Ja , Papa ! « Willy erhob sich müd und folgte dem Vater ; schweigend saß er auf dem Herdrand und starrte die Pfanne an . » Erzähl ' mir , Junge , « sagte Graf Egge , während er mit dem langen Eisenlöffel im brodelnden Schmarren herumarbeitete , » wie hast du drunten unsere kleine Schmalgeiß angetroffen ? « » Danke , Papa , gut ! « erwiderte Willy mit zerstreuter Scheu . » Wie lang hast du sie nicht mehr gesehen ? « » Ich glaube , seit dem Hahnfalz . August , Juli , Juni , Mai , April - fünf Monate . « » Da wirst du Augen machen ! Sie fängt an , sich zu einem patenten Mädel auszuwachsen . « Graf Egge hob die Pfanne und schüttelte sie . » Was meinst du , wenn wir die Geiß heraufkommen ließen ? Ich trete ihr meine Stube ab und leg ' mich zu euch ins Heu hinauf . Und wenn wir jagen , kann sie bei mir auf dem Stand sitzen . « Willy erschrak vor den Freuden , die seiner Schwester in Aussicht standen ; er mußte ihr das ersparen , auch um den Preis einer Heuchelei . » Eine famose Idee , Papa ! Aber weißt du , die Sache hat auch ihren Haken . Für dich ! « » Wieso ? « » Ein junges Mädel kann nicht stillsitzen . Sie würde dir manchen guten Schuß verderben . « » Du hast recht ! Und da könnte mir einmal die Galle überlaufen . Na also , lassen wir ' s ! Nächste Woche gehen wir ein paar Tage zu ihr hinunter . « Nun trat wieder Schweigen ein . Die brennenden Scheite krachten , und in der Pfanne prasselte das Schmalz . Willy versank mit bekümmertem Gesicht in die Gedanken an Tassilo , und sein Vater , der ihn von Zeit zu Zeit mit forschendem Blick überflog , bekam unruhige Hände . Nach einer Weile legte Graf Egge lächelnd den eisernen Löffel nieder und trat in die Herrenstube . Lang ausgestreckt lag Robert mit der brennenden Zigarette auf dem Bett ; er wollte sich erheben . » Bleib nur liegen ! « sagte Graf Egge , sperrte den Geheimschrank auf und trat mit dem Schächtelchen , das die Juwelen enthielt , zum Fenster . Er wählte einen Rubin von selten schönem Schliff und verwahrte die anderen Steine wieder im Schrank . Als er in die Küche zurückkehrte , nickte er Willy lachend zu und drückte ihm den Rubin in die Hand . » Da hast du was ! Nimm ! Laß dir einen Ring daraus machen oder eine Nadel ! Aber zeig ' mir ein lustiges Gesicht ! « Willy erhob sich und guckte wie ein Träumender auf den Stein , der gleich einem großen erstarrten Blutstropfen auf seiner flachen Hand lag . » Geh vor die Tür hinaus ins Licht , « sagte Graf Egge , » dann siehst du sein Feuer besser . « Willy trat ins Freie ; doch er hielt über dem Stein die Hand geschlossen und spähte gegen den Steig . » Ob er die Alm schon erreicht hat ? « Hastig schob er den Rubin in die Westentasche und rannte zu der Graskuppe , auf der die Holzbank unter den Fichten stand . Von hier aus konnte er den Steig im Tal auf eine weite Strecke übersehen . Der Pfad war leer . Tassilo hatte die steilen Almhänge schon hinter sich und näherte sich der ersten Sennhütte . Hier , unter dem vorspringenden Dach , saß Franzl auf einem Holzblock , die Büchse über den Knien , die Stirn in die Hände gedrückt ; er sah erst auf , als ihm Tassilo die Hand auf die Schulter legte ; erschrocken erhob er sich . » Wahrhaftiger Gott ! Jetzt kommen S ' wirklich daher ! Aber Herr Tassilo ! Wie können S ' denn um meintwegen - « » Kommen Sie , lieber Hornegger ! « Tassilo ging voran , Franzl folgte . So schritten sie , jeder mit seinen wirbelnden Gedanken beschäftigt , dem tieferen Bergwald zu . Noch ehe der Abend kam , erlosch die Sonne hinter schweren Wolken , die das letzte Blau verhüllten . Im Wald bewegte sich kein Zweig . Kein Vogel sang . Drei Stunden waren die beiden gewandert , und vom See herauf tönte schon das Rauschen des Wetterbaches . Da hörte Tassilo hinter sich den Schritt des Jägers verstummen , und als er sich umblickte , sah er Franzl vor einer alten Buche knien , den entblößten Kopf gesenkt , vor der Brust die gefalteten Hände . Tassilo schien zu empfinden , was dem Jäger , der vor dem » Marterl « seines Vaters kniete , in diesem Augenblick das Herz erfüllen mochte ; er nahm den Hut ab , trat an Franzls Seite und betrachtete den grün gekleideten Mann , den die kindliche Malerei des Bildchens zeigte : starr ausgestreckt mit einem roten Kreuzlein über der Stirn . Franzl hatte sein Gebet beendet und bekreuzte Gesicht und Brust ; doch er erhob sich nicht , ließ nur die Hände sinken und bewegte langsam die Lippen , als läse er die Inschrift des Täfelchens : » Hier an dieser Stelle wurde Anton Hornegger , gräflich Egge-Sennefeldischer Förster , am heiligen Johannistag erschossen aufgefunden . « Ein Zittern überlief den Jäger , der das Gesicht in die Hände drückte . Vor seinen Gedanken stand das Bild jenes Abends , an dem sie den Vater auf Stangen getragen brachten , mit der roten Wunde auf der Brust . Er sah den Jammer seiner Mutter wieder - und wieder regte sich in ihm die Ahnung , die ihn seit Jahren nie verlassen hatte : daß der Mörder noch unter den Lebenden wäre . Es mußte einer sein , der drunten im Dorfe saß - , so weit über die Grenze verirrt sich kein fremder Wildschütz . Vielleicht war es einer , der seit Jahren an Franzl mit freundlichem Gruß vorüberging , im Herzen die Furcht und den versteckten Haß . Und nun soll , wie die anderen im Dorf , auch dieser eine die Nachricht hören , die morgen wie ein Lauffeuer umfliegen wird : Der Hornegger ist nimmer Jäger , ist entlassen , vom Grafen davongejagt ! Wie wird dieser eine aufatmen , erlöst von seiner jahrelangen Furcht ! Wie wird er lachen in der Schadenfreude seines heimlichen Hasses - Da erlosch in Franzl plötzlich das quälende Denken . Wie zum Greifen wirklich sah er vor seinen Augen einen stehen : mit dünnem Lächeln auf den grauen Lippen , in den halb geschlossenen Augen einen funkelnden Blick , so heiß , wie ihn nur die Freude des befriedigten Hasses kennt . Ein Schauer rüttelte die Schultern des Jägers . Keuchend drückte er die Fäuste an seine Stirn . » Hornegger ? Was ist Ihnen ? « fragte Tassilo . Taumelnd erhob sich Franzl . » Ich bin verruckt ! In mir steigen Gedanken auf - ich kann mir nimmer helfen . Und da soll ich nunter ins Ort und soll - « Die Stimme versagte ihm fast . » Was wird d ' Mutter sagen ! Mar ' und Josef ! Den Vater haben s ' ihr am Schragen bracht . Und ich komm so daher ! Davongjagt mit Schimpf und Schand , als hätt ' ich ' s ärgste Verbrechen angstellt ! « Tassilo hatte Mühe , die Erregung zu beschwichtigen , die aus dem Jäger herausbrach . Franzl wurde ruhiger , je länger Tassilo zu ihm redete , und schließlich bat er reumütig : » Sind S ' mir net harb , Herr Graf , daß ich Ihnen solche Unglegenheiten mach ! « Aber die Gedanken , die ihn vor dem Marterl seines Vaters befallen hatten , wollten nicht mehr von ihm lassen . Während des Niederstieges zum Wetterbach hörte Franzl nur mit halbem Ohr auf Tassilos Zusage , daß er einen guten Posten für den Jäger zu finden hoffe . Franzl erwachte erst aus seiner Verlorenheit , als er das Dorf überblicken konnte ; das erste Gehöft , das ihm in die Augen fiel , war das Brucknerhaus . Ein schwerer Atemzug hob seine Brust . » Da wird ' s jetzt schlecht ausschauen ! Mit uns zwei ! « Trotz dieser hoffnungslosen Stimmung fuhr ihm eine merkwürdige Eile in die Beine . » Ich lauf a bißl voraus , « sagte er , » sonst müssen wir z ' lang auf a Schiffl warten . « Er rannte talwärts . Als Tassilo bei sinkendem Abend den Wetterbach erreicht und den frisch gezimmerten Steg überschritten hatte , blieb er vor der öden Klause stehen . Auf der Marmortafel über der Tür war in der Dämmerung die halb verwitterte Inschrift kaum mehr zu erkennen . » Hier wohnt das Glück ! « Tassilo entblößte nicht den Kopf und faltete nicht die Hände , wie es der Jäger vor der Buche getan - aber auch ihn erfüllte ein schmerzendes Erinnern . Er stand vor dem » Marterl « seiner Mutter . Vom Ufer klang die rufende Stimme des Jägers , der ein Schiff gefunden hatte . Es war das Boot des Fischers , und man mußte auf engem Platz zwischen triefenden Netzen sitzen . Tassilo ließ sich quer über den See hinüberbringen , zu Annas Villa . Als die Steintreppe erreicht war , drückte Tassilo die Hand des Jägers . » Auf dem Heimweg komm ich zu Ihnen . Grüßen Sie mir einstweilen Ihre Mutter ! « » Vergelts Gott , Herr Graf ! « stammelte Franzl mit einer Hast , als wäre ihm ein stiller Wunsch erfüllt worden . Tassilo sprang über die Stufen hinauf . Von der Villa klang eine Mädchenstimme : » Wer kommt ? « » Ich bin es , Anna ! « Ein leiser Schrei , fliegende Schritte auf dem Kies , dann wieder Stille . Nur das Ruder des Fischers plätscherte , und vor dem Bug des gleitenden Nachens rauschte das Wasser . Nach kurzer Fahrt landete das Boot vor dem Seehof . Franzl , in der Eile , schien den Weg zu verfehlen . Statt den Fußpfad zur Linken einzuschlagen , der zu seinem Hause führte , rannte er nach rechts , der Straße zu . Vor den Leuten , die ihm begegneten , drehte er das Gesicht auf die Seite . Immer rascher wurde sein Schritt , je näher er dem Brucknerhaus kam , und heiße Röte brannte auf seinem erschöpften Gesicht , als er im dämmerigen Hof das Mädel gewahrte , das bei einer Holzbeuge stand und den Arm mit Scheiten belud . Franzls Stimme klang gepreßt und heiser : » Guten Abend , Mali ! « Da fielen die Holzscheite prasselnd zu Boden , und Mali , mit weißem Gesichte , rannte zur Haustür . » Aber Mali ! Was hast denn ? Ich bin ' s ja , der Franzl ! « Mali schien nicht zu hören , nicht zu sehen . Noch ehe sie das Haus erreichte , streckte sie schon die Hände nach der Tür . Auf der Schwelle zögerte sie und drehte halb das Gesicht ; dann verschwand sie im finsteren Flur , hinter ihr fiel die Tür zu , und drinnen klirrte der eiserne Riegel . Franzl griff sich wie betäubt an den Kopf und guckte in der Dämmerung umher , als hätte er das rechte Haus verfehlt . » Heilige Mutter ! Was is denn dös ? « Er sprang in den Hof , warf den Bergstock auf die Bank und faßte die Türklinke . » Mali ! Mali ! « Immer rüttelte er an der versperrten Tür . » Ich bitt dich um Gotts willen , was hast denn ? « Im Hause blieb alles still . » Mali ! So mach doch auf ! Ich bin ' s ja , ich , der Franzl ! « Von der Küche her vernahm er das Geknister des Herdfeuers und hörte im Flur eine wispernde Kinderstimme , die plötzlich verstummte , als hätte sich eine Hand auf den kleinen vorwitzigen Mund gedrückt , um ihn zu schließen . Dem Jäger wurde der Verstand wirbelig . Ein paarmal riß er noch an der Klinke ; dann griff er nach seinem Bergstock und taumelte auf die Straße hinaus . Er ging und wußte nicht , welchen Weg er nahm . In seinen Ohren begann ein dumpfes Summen . War das in seinem Kopf , oder war ' s die Kirchenglocke , die den Abendsegen läutete ? Auch fallende Tropfen meinte er zu spüren und streckte mechanisch die Hand aus . Richtig , es regnete ! Immer dichter fiel es aus den Wolken , alles in der Runde wurde grau , und hinter dem trüben Schleier verschwanden die Berge . Von Franzls Kleidern troff das Wasser , und es quietschte in seinen Schuhen . Er ging und ging . Als er einmal aufblickte , sah er , daß er vor dem Parktor von Hubertus stand . » Wo bin ich denn hinglaufen ? « Er kehrte um . - In Strömen rauschte der Regen über die Ulmenkronen . Auf den Kieswegen des Parkes gurgelten die wachsenden Bäche , und sinkendes Dunkel verhüllte das endlose Gießen und Triefen . Es ging auf Mitternacht , als Tassilo von seinem Besuch bei der Horneggerin heimkehrte , in einen Lodenmantel gehüllt , den ihm Franzl geliehen hatte . Er klopfte an ein Fenster . Fritz öffnete ihm die Tür , mit erhobener Kerze , verwundert und erschrocken : » Herr Graf ! So spät ! Und ganz allein ? In einer solchen Nacht ! Ist denn etwas passiert ? « » Nein ! « erwiderte Tassilo ruhig . » Ich komme nur heim , weil ich morgen nach München muß . Sehen Sie zu , daß ich noch eine Tasse Tee bekomme ! Dann müssen Sie mir packen helfen . Den Wagen für morgen hab ' ich schon bestellt . « » Einen fremden ? « fragte der Diener verblüfft . » Ich will Papas Pferde nicht bemühen bei solchem Wetter ! « Ein bitteres Lächeln . Er nahm den triefenden Mantel von den Schultern . » Meine Schwester schläft schon ? « » Jawohl , Herr Graf ! Aber denken Sie nur , was heut geschehen ist ! « Und Fritz erzählte , was sich am Vormittag in der Ulmenallee ereignet hatte . Als Tassilo von der