. Roswitha , mühevoll nachkeuchend , riß jetzt die Klingel , und als Johanna das etwas verängstigte Kind hineingetragen hatte , beratschlagte man , was nun wohl zu machen sei . » Wir wollen nach dem Doktor schicken ... wir wollen nach dem gnädigen Herrn schicken ... , des Portiers Lene muß ja jetzt auch aus der Schule wieder dasein . « Es wurde aber alles wieder verworfen , weil es zu lange dauere , man müsse gleich was tun , und so packte man denn das Kind aufs Sofa und begann mit kaltem Wasser zu kühlen . Alles ging auch gut , so daß man sich zu beruhigen begann . » Und nun wollen wir sie verbinden « , sagte schließlich Roswitha . » Da muß ja noch die lange Binde sein , die die gnädige Frau letzten Winter zuschnitt , als sie sich auf dem Eise den Fuß verknickt hatte . .. « - » Freilich , freilich « , sagte Johanna , » bloß wo die Binde hernehmen ... ? Richtig , da fällt mir ein , die liegt im Nähtisch . Er wird wohl zu sein , aber das Schloß ist Spielerei ; holen Sie nur das Stemmeisen , Roswitha , wir wollen den Deckel aufbrechen . « Und nun wuchteten sie auch wirklich den Deckel ab und begannen in den Fächern umherzukramen , oben und unten , die zusammengerollte Binde jedoch wollte sich nicht finden lassen . » Ich weiß aber doch , daß ich sie gesehn habe « , sagte Roswitha , und während sie halb ärgerlich immer weitersuchte , flog alles , was ihr dabei zu Händen kam , auf das breite Fensterbrett : Nähzeug , Nadelkissen , Rollen mit Zwirn und Seide , kleine vertrocknete Veilchensträußchen , Karten , Billets , zuletzt ein kleines Konvolut von Briefen , das unter dem dritten Einsatz gelegen hatte , ganz unten , mit einem roten Seidenfaden umwickelt . Aber die Binde hatte man noch immer nicht . In diesem Augenblicke trat Innstetten ein . » Gott « , sagte Roswitha und stellte sich erschreckt neben das Kind . » Es ist nichts , gnädiger Herr ; Annie ist auf das Kratzeisen gefallen ... Gott , was wird die gnädige Frau sagen . Und doch ist es ein Glück , daß sie nicht mit dabei war . « Innstetten hatte mittlerweile die vorläufig aufgelegte Kompresse fortgenommen und sah , daß es ein tiefer Riß , sonst aber ungefährlich war . » Es ist nicht schlimm « , sagte er ; » trotzdem , Roswitha , wir müssen sehen , daß Rummschüttel kommt . Lene kann ja gehen , die wird jetzt Zeit haben . Aber was in aller Welt ist denn das da mit dem Nähtisch ? « Und nun erzählte Roswitha , wie sie nach der gerollten Binde gesucht hätten ; aber sie woll es nun aufgeben und lieber eine neue Leinwand schneiden . Innstetten war einverstanden und setzte sich , als bald danach beide Mädchen das Zimmer verlassen hatten , zu dem Kinde . » Du bist so wild , Annie , das hast du von der Mama . Immer wie ein Wirbelwind . Aber dabei kommt nichts heraus oder höchstens so was . « Und er wies auf die Wunde und gab ihr einen Kuß . » Du hast aber nicht geweint , das ist brav , und darum will ich dir die Wildheit verzeihen ... Ich denke , der Doktor wird in einer Stunde hiersein ; tu nur alles , was er sagt , und wenn er dich verbunden hat , so zerre nicht und rücke und drücke nicht dran , dann heilt es schnell , und wenn die Mama dann kommt , dann ist alles wieder in Ordnung oder doch beinah . Ein Glück ist es aber doch , daß es noch bis nächste Woche dauert , Ende nächster Woche , so schreibt sie mir ; eben habe ich einen Brief von ihr bekommen ; sie läßt dich grüßen und freut sich , dich wiederzusehen . « » Du könntest mir den Brief eigentlich vorlesen , Papa . « » Das will ich gern . « Aber eh er dazu kam , kam Johanna , um zu sagen , daß das Essen aufgetragen sei . Annie , trotz ihrer Wunde , stand mit auf , und Vater und Tochter setzten sich zu Tisch . Siebenundzwanzigstes Kapitel Innstetten und Annie saßen sich eine Weile stumm gegenüber ; endlich , als ihm die Stille peinlich wurde , tat er ein paar Fragen über die Schulvorsteherin , und welche Lehrerin sie eigentlich am liebsten habe . Annie antwortete auch , aber ohne rechte Lust , weil sie fühlte , daß Innstetten wenig bei der Sache war . Es wurde erst besser , als Johanna , nach dem zweiten Gericht , ihrem Anniechen zuflüsterte , es gäbe noch was . Und wirklich , die gute Roswitha , die dem Liebling an diesem Unglückstage was schuldig zu sein glaubte , hatte noch ein übriges getan und sich zu einer Omelette mit Apfelschnitten aufgeschwungen . Annie wurde bei diesem Anblicke denn auch etwas redseliger , und ebenso zeigte sich Innstettens Stimmung gebessert , als es gleich danach klingelte und Geheimrat Rummschüttel eintrat . Ganz zufällig . Er sprach nur vor , ohne jede Ahnung , daß man nach ihm geschickt und um seinen Besuch gebeten habe . Mit den aufgelegten Kompressen war er zufrieden . » Lassen Sie noch etwas Bleiwasser holen und Annie morgen zu Hause bleiben . Überhaupt Ruhe . « Dann frug er noch nach der gnädigen Frau , und wie die Nachrichten aus Ems seien ; er werde den andern Tag wiederkommen und nachsehen . Als man von Tisch aufgestanden und in das nebenangelegene Zimmer - dasselbe , wo man mit soviel Eifer und doch vergebens nach dem Verbandstück gesucht hatte - eingetreten war , wurde Annie wieder auf das Sofa gebettet . Johanna kam und setzte sich zu dem Kinde , während Innstetten die zahllosen Dinge , die bunt durcheinandergewürfelt noch auf dem Fensterbrett umherlagen , wieder in den Nähtisch einzuräumen begann . Dann und wann wußte er sich nicht recht Rat und mußte fragen . » Wo haben die Briefe gelegen , Johanna ? « » Ganz zuunterst « , sagte diese , » hier in diesem Fach . « Und während so Frage und Antwort ging , betrachtete Innstetten etwas aufmerksamer als vorher das kleine , mit einem roten Faden zusammengebundene Paket , das mehr aus einer Anzahl zusammengelegter Zettel als aus Briefen zu bestehen schien . Er fuhr , als wäre es ein Spiel Karten , mit dem Daumen und Zeigefinger an der Seite des Päckchens hin , und einige Zeilen , eigentlich nur vereinzelte Worte , flogen dabei an seinem Auge vorüber . Von deutlichem Erkennen konnte keine Rede sein , aber es kam ihm doch so vor , als habe er die Schriftzüge schon irgendwo gesehen . Ob er nachsehen solle ? » Johanna , Sie könnten uns den Kaffee bringen . Annie trinkt auch eine halbe Tasse . Der Doktor hat ' s nicht verboten , und was nicht verboten ist , ist erlaubt . « Als er das sagte , wand er den roten Faden ab und ließ , während Johanna das Zimmer verließ , den ganzen Inhalt des Päckchens rasch durch die Finger gleiten . Nur zwei , drei Briefe waren adressiert : » An Frau Landrat von Innstetten . « Er erkannte jetzt auch die Handschrift ; es war die des Majors . Innstetten wußte nichts von einer Korrespondenz zwischen Crampas und Effi , und in seinem Kopfe begann sich alles zu drehen . Er steckte das Paket zu sich und ging in sein Zimmer zurück . Etliche Minuten später , und Johanna , zum Zeichen , daß der Kaffee da sei , klopfte leis an die Tür . Innstetten antwortete auch , aber dabei blieb es ; sonst alles still . Erst nach einer Viertelstunde hörte man wieder sein Aufundabschreiten auf dem Teppich . » Was nur Papa hat ? « sagte Johanna zu Annie . » Der Doktor hat ihm doch gesagt , es sei nichts . « Das Aufundabschreiten nebenan wollte kein Ende nehmen . Endlich erschien Innstetten wieder im Nebenzimmer und sagte : » Johanna , achten Sie auf Annie , und daß sie ruhig auf dem Sofa bleibt . Ich will eine Stunde gehen oder vielleicht zwei . « Dann sah er das Kind aufmerksam an und entfernte sich . » Hast du gesehen , Johanna , wie Papa aussah ? « » Ja , Annie . Er muß einen großen Ärger gehabt haben . Er war ganz blaß . So hab ich ihn noch nie gesehen . « Es vergingen Stunden . Die Sonne war schon unter , und nur ein roter Widerschein lag noch über den Dächern drüben , als Innstetten wieder zurückkam . Er gab Annie die Hand , fragte , wie ' s ihr gehe , und ordnete dann an , daß ihm Johanna die Lampe in sein Zimmer bringe . Die Lampe kam auch . In dem grauen Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale mit Photographien , allerlei Bildnisse seiner Frau , die noch in Kessin , damals , als man den Wichertschen » Schritt vom Wege « aufgeführt hatte , für die verschiedenen Mitspielenden angefertigt waren . Innstetten drehte den Schirm langsam von links nach rechts und musterte jedes einzelne Bildnis . Dann ließ er davon ab , öffnete , weil er es schwül fand , die Balkontür und nahm schließlich das Briefpaket wieder zur Hand . Es schien , daß er , gleich beim ersten Durchsehen , ein paar davon ausgewählt und obenauf gelegt hatte . Diese las er jetzt noch einmal mit halblauter Stimme . » Sei heute nachmittag wieder in den Dünen , hinter der Mühle . Bei der alten Adermann können wir uns ruhig sprechen , das Haus ist abgelegen genug . Du mußt Dich nicht um alles so bangen . Wir haben auch ein Recht . Und wenn Du Dir das eindringlich sagst , wird , denk ich , alle Furcht von Dir abfallen . Das Leben wäre nicht des Lebens wert , wenn das alles gelten sollte , was zufällig gilt . Alles Beste liegt jenseits davon . Lerne Dich daran freuen . « » ... Fort , so schreibst Du , Flucht . Unmöglich . Ich kann meine Frau nicht im Stich lassen , zu allem andern auch noch in Not . Es geht nicht , und wir müssen es leichtnehmen , sonst sind wir arm und verloren . Leichtsinn ist das Beste , was wir haben . Alles ist Schicksal . Es hat so sein sollen . Und möchtest Du , daß es anders wäre , daß wir uns nie gesehen hätten ? « Dann kam der dritte Brief . » ... Sei heute noch einmal an der alten Stelle . Wie sollen meine Tage hier verlaufen ohne Dich ! In diesem öden Nest . Ich bin außer mir , und nur darin hast Du recht : es ist die Rettung , und wir müssen schließlich doch die Hand segnen , die diese Trennung über uns verhängt . « Innstetten hatte die Briefe kaum wieder beiseite geschoben , als draußen die Klingel ging . Gleich danach meldete Johanna : » Geheimrat Wüllersdorf . « Wüllersdorf trat ein und sah auf den ersten Blick , daß etwas vorgefallen sein müsse . » Pardon , Wüllersdorf « , empfing ihn Innstetten , » daß ich Sie gebeten habe , noch gleich heute bei mir vorzusprechen . Ich störe niemand gern in seiner Abendruhe , am wenigsten einen geplagten Ministerialrat . Es ging aber nicht anders . Ich bitte Sie , machen Sie sich ' s bequem . Und hier eine Zigarre . « Wüllersdorf setzte sich . Innstetten ging wieder auf und ab und wäre bei der ihn verzehrenden Unruhe gern in Bewegung geblieben , sah aber , daß das nicht gehe . So nahm er denn auch seinerseits eine Zigarre , setzte sich Wüllersdorf gegenüber und versuchte ruhig zu sein . » Es ist « , begann er , » um zweier Dinge willen , daß ich Sie habe bitten lassen : erst , um eine Forderung zu überbringen , und zweitens , um hinterher , in der Sache selbst , mein Sekundant zu sein ; das eine ist nicht angenehm und das andere noch weniger . Und nun Ihre Antwort . « » Sie wissen , Innstetten , Sie haben über mich zu verfügen . Aber eh ich die Sache kenne , verzeihen Sie mir die naive Vorfrage : muß es sein ? Wir sind doch über die Jahre weg , Sie , um die Pistole in die Hand zu nehmen , und ich , um dabei mitzumachen . Indessen mißverstehen Sie mich nicht , alles dies soll kein Nein sein . Wie könnte ich Ihnen etwas abschlagen . Aber nun sagen Sie , was ist es ? « » Es handelt sich um einen Galan meiner Frau , der zugleich mein Freund war oder doch beinah . « Wüllersdorf sah Innstetten an . » Innstetten , das ist nicht möglich . « » Es ist mehr als möglich , es ist gewiß . Lesen Sie . « Wüllersdorf flog darüber hin . » Die sind an Ihre Frau gerichtet ? « » Ja . Ich fand sie heut in ihrem Nähtisch . « » Und wer hat sie geschrieben ? « » Major Crampas . « » Also Dinge , die sich abgespielt , als Sie noch in Kessin waren ? « Innstetten nickte . » Liegt also sechs Jahre zurück oder noch ein halb Jahr länger . « » Ja . « Wüllersdorf schwieg . Nach einer Weile sagte Innstetten : » Es sieht fast so aus , Wüllersdorf , als ob die sechs oder sieben Jahre einen Eindruck auf Sie machten . Es gibt eine Verjährungstheorie , natürlich , aber ich weiß doch nicht , ob wir hier einen Fall haben , diese Theorie gelten zu lassen . « » Ich weiß es auch nicht « , sagte Wüllersdorf . » Und ich bekenne Ihnen offen , um diese Frage scheint sich hier alles zu drehen . « Innstetten sah ihn groß an . » Sie sagen das in vollem Ernst ? « » In vollem Ernst . Es ist keine Sache , sich in jeu d ' esprit oder in dialektischen Spitzfindigkeiten zu versuchen . « » Ich bin neugierig , wie Sie das meinen . Sagen Sie mir offen , wie stehen Sie dazu ? « » Innstetten , Ihre Lage ist furchtbar , und Ihr Lebensglück ist hin . Aber wenn Sie den Liebhaber totschießen , ist Ihr Lebensglück sozusagen doppelt hin , und zu dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der Schmerz über getanes Leid . Alles dreht sich um die Frage , müssen Sie ' s durchaus tun ? Fühlen Sie sich so verletzt , beleidigt , empört , daß einer weg muß , er oder Sie ? Steht es so ? « » Ich weiß es nicht . « » Sie müssen es wissen . « Innstetten war aufgesprungen , trat ans Fenster und tippte voll nervöser Erregung an die Scheiben . Dann wandte er sich rasch wieder , ging auf Wüllersdorf zu und sagte : » Nein , so steht es nicht . « » Wie steht es dann ? « » Es steht so , daß ich unendlich unglücklich bin ; ich bin gekränkt , schändlich hintergangen , aber trotzdem , ich bin ohne jedes Gefühl von Haß oder gar vor Durst nach Rache . Und wenn ich mich frage , warum nicht ? , so kann ich zunächst nichts anderes finden als die Jahre . Man spricht immer von unsühnbarer Schuld ; vor Gott ist es gewiß falsch , aber vor den Menschen auch . Ich hätte nie geglaubt , daß die Zeit , rein als Zeit , so wirken könne . Und dann als zweites : ich liebe meine Frau , ja , seltsam zu sagen , ich liebe sie noch , und so furchtbar ich alles finde , was geschehen , ich bin so sehr im Bann ihrer Liebenswürdigkeit , eines ihr eignen heiteren Charmes , daß ich mich , mir selbst zum Trotz , in meinem letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt fühle . « Wüllersdorf nickte . » Kann ganz folgen , Innstetten , würde mir vielleicht ebenso gehen . Aber wenn Sie so zu der Sache stehen und mir sagen : Ich liebe diese Frau so sehr , daß ich ihr alles verzeihen kann , und wenn wir dann das andere hinzunehmen , daß alles weit , weit zurückliegt , wie ein Geschehnis auf einem andern Stern , ja , wenn es so liegt , Innstetten , so frage ich , wozu die ganze Geschichte ? « » Weil es trotzdem sein muß . Ich habe mir ' s hin und her überlegt . Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch , man gehört einem Ganzen an , und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen , wir sind durchaus abhängig von ihm . Ging ' es , in Einsamkeit zu leben , so könnt ich es gehen lassen ; ich trüge dann die mir aufgepackte Last , das rechte Glück wäre hin , aber es müssen so viele leben ohne dies rechte Glück , und ich würde es auch müssen und - auch können . Man braucht nicht glücklich zu sein , am allerwenigsten hat man einen Anspruch darauf , und den , der einem das Glück genommen hat , den braucht man nicht notwendig aus der Welt zu schaffen . Man kann ihn , wenn man weltabgewandt weiterexistieren will , auch laufenlassen . Aber im Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas ausgebildet , das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben alles zu beurteilen , die andern und uns selbst . Und dagegen zu verstoßen geht nicht ; die Gesellschaft verachtet uns , und zuletzt tun wir es selbst und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf . Verzeihen Sie , daß ich Ihnen solche Vorlesung halte , die schließlich doch nur sagt , was sich jeder selber hundertmal gesagt hat . Aber freilich , wer kann was Neues sagen ! Also noch einmal , nichts von Haß oder dergleichen , und um eines Glückes willen , das mir genommen wurde , mag ich nicht Blut an den Händen haben ; aber jenes , wenn Sie wollen , uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas , das fragt nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung . Ich habe keine Wahl . Ich muß . « » Ich weiß doch nicht , Innstetten ... « Innstetten lächelte . » Sie sollen selbst entscheiden , Wüllersdorf . Es ist jetzt zehn Uhr . Vor sechs Stunden , diese Konzession will ich Ihnen vorweg machen , hatt ich das Spiel noch in der Hand , konnt ich noch das eine und noch das andere , da war noch ein Ausweg . Jetzt nicht mehr , jetzt stecke ich in einer Sackgasse . Wenn Sie wollen , so bin ich selber schuld daran ; ich hätte mich besser beherrschen und bewachen , alles in mir verbergen , alles im eignen Herzen auskämpfen sollen . Aber es kam zu plötzlich , zu stark , und so kann ich mir kaum einen Vorwurf machen , meine Nerven nicht geschickter in Ordnung gehalten zu haben . Ich ging zu Ihnen und schrieb Ihnen einen Zettel , und damit war das Spiel aus meiner Hand . Von dem Augenblicke an hatte mein Unglück und , was schwerer wiegt , der Fleck auf meiner Ehre einen halben Mitwisser , und nach den ersten Worten , die wir hier gewechselt , hat es einen ganzen . Und weil dieser Mitwisser da ist , kann ich nicht mehr zurück . « » Ich weiß doch nicht « , wiederholte Wüllersdorf . » Ich mag nicht gerne zu der alten abgestandenen Phrase greifen , aber doch läßt sich ' s nicht besser sagen : Innstetten , es ruht alles in mir wie in einem Grabe . « » Ja , Wüllersdorf , so heißt es immer . Aber es gibt keine Verschwiegenheit . Und wenn Sie ' s wahr machen und gegen andere die Verschwiegenheit selber sind , so wissen sie es , und es rettet mich nicht vor Ihnen , daß Sie mir eben Ihre Zustimmung ausgedrückt und mir sogar gesagt haben : Ich kann Ihnen in allem folgen . Ich bin , und dabei bleibt es , von diesem Augenblicke an ein Gegenstand Ihrer Teilnahme ( schon nicht etwas sehr Angenehmes ) , und jedes Wort , das Sie mich mit meiner Frau wechseln hören , unterliegt Ihrer Kontrolle , Sie mögen wollen oder nicht , und wenn meine Frau von Treue spricht oder , wie Frauen tun , über eine andere zu Gericht sitzt , so weiß ich nicht , wo ich mit meinen Blicken hin soll . Und ereignet sich ' s gar , daß ich in irgendeiner ganz alltäglichen Beleidigungssache zum Guten rede , weil ja der Dolus fehle oder so was Ähnliches , so geht ein Lächeln über Ihr Gesicht , oder es zuckt wenigstens darin , und in Ihrer Seele klingt es : Der gute Innstetten , er hat doch eine wahre Passion , alle Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu untersuchen , und das richtige Quantum Stickstoff findet er nie . Er ist noch nie an einer Sache erstickt ... Habe ich recht , Wüllersdorf , oder nicht ? « Wüllersdorf war aufgestanden . » Ich finde es furchtbar , daß Sie recht haben , aber Sie haben recht . Ich quäle Sie nicht länger mit meinem muß es sein . Die Welt ist einmal , wie sie ist , und die Dinge verlaufen nicht , wie wir wollen , sondern wie die andern wollen . Das mit dem Gottesgericht , wie manche hochtrabend versichern , ist freilich ein Unsinn , nichts davon , umgekehrt , unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst , aber wir müssen uns ihm unterwerfen , solange der Götze gilt . « Innstetten nickte . Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander , und es wurde festgestellt , Wüllersdorf solle noch denselben Abend abreisen . Ein Nachtzug ging um zwölf . Dann trennten sie sich mit einem kurzen : » Auf Wiedersehen in Kessin . « Achtundzwanzigstes Kapitel Am andern Abend , wie verabredet , reiste Innstetten . Er benutzte denselben Zug , den am Tage vorher Wüllersdorf benutzt hatte , und war bald nach fünf Uhr früh auf der Bahnstation , von wo der Weg nach Kessin links abzweigte . Wie immer , solange die Saison dauerte , ging auch heute , gleich nach Eintreffen des Zuges , das mehrerwähnte Dampfschiff , dessen erstes Läuten Innstetten schon hörte , als er die letzten Stufen der vom Bahndamm hinabführenden Treppe erreicht hatte . Der Weg bis zur Anlegestelle war keine drei Minuten ; er schritt darauf zu und begrüßte den Kapitän , der etwas verlegen war , also im Laufe des gestrigen Tages von der ganzen Sache schon gehört haben mußte , und nahm dann seinen Platz in der Nähe des Steuers . Gleich danach löste sich das Schiff vom Brückensteg los ; das Wetter war herrlich , helle Morgensonne , nur wenig Passagiere an Bord . Innstetten gedachte des Tages , als er , mit Effi von der Hochzeitsreise zurückkehrend , hier am Ufer der Kessine hin in offenem Wagen gefahren war - ein grauer Novembertag damals , aber er selber froh im Herzen ; nun hatte sich ' s verkehrt : das Licht lag draußen , und der Novembertag war in ihm . Viele , viele Male war er dann des Weges hier gekommen , und der Frieden , der sich über die Felder breitete , das Zuchtvieh in den Koppeln , das aufhorchte , wenn er vorüberfuhr , die Leute bei der Arbeit , die Fruchtbarkeit der Äcker , das alles hatte seinem Sinne wohlgetan , und jetzt , in hartem Gegensatz dazu , war er froh , als etwas Gewölk heranzog und den lachenden blauen Himmel leise zu trüben begann . So fuhren sie den Fluß hinab , und bald , nachdem sie die prächtige Wasserfläche des » Breitling « passiert , kam der Kessiner Kirchturm in Sicht und gleich danach auch das Bollwerk und die lange Häuserreihe mit Schiffen und Booten davor . Und nun waren sie heran . Innstetten verabschiedete sich von dem Kapitän und schritt auf den Steg zu , den man , bequemeren Aussteigens halber , herangerollt hatte . Wüllersdorf war schon da . Beide begrüßten sich , ohne zunächst ein Wort zu sprechen , und gingen dann , quer über den Damm , auf den Hoppensackschen Gasthof zu , wo sie unter einem Zeltdach Platz nahmen . » Ich habe mich gestern früh hier einquartiert « , sagte Wüllersdorf , der nicht gleich mit den Sachlichkeiten beginnen wollte . » Wenn man bedenkt , daß Kessin ein Nest ist , ist es erstaunlich , ein so gutes Hotel hier zu finden . Ich bezweifle nicht , daß mein Freund , der Oberkellner , drei Sprachen spricht ; seinem Scheitel und seiner ausgeschnittnen Weste nach können wir dreist auf vier rechnen ... Jean , bitte , wollen Sie uns Kaffee und Cognac bringen . « Innstetten begriff vollkommen , warum Wüllersdorf diesen Ton anschlug , war auch damit einverstanden , konnte aber seiner Unruhe nicht ganz Herr werden und zog unwillkürlich die Uhr . » Wir haben Zeit « , sagte Wüllersdorf . » Noch anderthalb Stunden oder doch beinah . Ich habe den Wagen auf acht ein Viertel bestellt ; wir fahren nicht länger als zehn Minuten . « » Und wo ? « » Crampas schlug erst ein Waldeck vor , gleich hinter dem Kirchhof . Aber dann unterbrach er sich und sagte : Nein , da nicht . Und dann haben wir uns über eine Stelle zwischen den Dünen geeinigt . Hart am Strand ; die vorderste Düne hat einen Einschnitt , und man sieht aufs Meer . « Innstetten lächelte . » Crampas scheint sich einen Schönheitspunkt ausgesucht zu haben . Er hatte immer die Allüren dazu . Wie benahm er sich ? « » Wundervoll . « » Übermütig ? frivol ? « » Nicht das eine und nicht das andere . Ich bekenne Ihnen offen , Innstetten , daß es mich erschütterte . Als ich Ihren Namen nannte , wurde er totenblaß und rang nach Fassung , und um seine Mundwinkel sah ich ein Zittern . Aber all das dauerte nur einen Augenblick , dann hatte er sich wieder gefaßt , und von da ab war alles an ihm wehmütige Resignation . Es ist mir ganz sicher , er hat das Gefühl aus der Sache nicht heil herauszukommen , und will auch nicht . Wenn ich ihn richtig beurteile , er lebt gern und ist zugleich gleichgültig gegen das Leben . Er nimmt alles mit und weiß doch , daß es nicht viel damit ist . « » Wer wird ihn sekundieren ? Oder sag ich lieber , wen wird er mitbringen ? « » Das war , als er sich wieder gefunden hatte , seine Hauptsorge . Er nannte zwei , drei Adlige aus der Nähe , ließ sie dann aber wieder fallen , sie seien zu alt und zu fromm , er werde nach Treptow hin telegraphieren an seinen Freund Buddenbrook . Und der ist auch gekommen , famoser Mann , schneidig und doch zugleich wie ein Kind . Er konnte sich nicht beruhigen und ging in größter Erregung auf und ab . Aber als ich ihm alles gesagt hatte , sagte er geradeso wie wir : Sie haben recht , es muß sein ! « Der Kaffee kam . Man nahm eine Zigarre , und Wüllersdorf war wieder darauf aus , das Gespräch auf mehr gleichgültige Dinge zu lenken . » Ich wundere mich , daß keiner von den Kessinern sich einfindet , Sie zu begrüßen . Ich weiß doch , daß Sie sehr beliebt gewesen sind . Und nun gar Ihr Freund Gieshübler ... « Innstetten lächelte . » Da verkennen Sie die Leute hier an der Küste ; halb sind es Philister und halb Pfiffici , nicht sehr nach meinem Geschmack ; aber eine Tugend haben sie , sie sind alle sehr manierlich . Und nun gar mein alter Gieshübler . Natürlich weiß jeder , um was sich ' s handelt , aber eben deshalb hütet man sich , den Neugierigen zu spielen . « In diesem Augenblicke wurde von links her ein zurückgeschlagener Chaisewagen sichtbar , der , weil es noch vor der bestimmten Zeit war , langsam herankam . » Ist das unser ? « fragte Innstetten . » Mutmaßlich . « Und gleich danach hielt der Wagen vor dem Hotel , und Innstetten und Wüllersdorf erhoben sich . Wüllersdorf trat an den Kutscher heran und sagte : » Nach der Mole . « Die Mole lag nach der entgegengesetzten Strandseite , rechts statt links , und die falsche Weisung wurde nur gegeben , um etwaigen Zwischenfällen , die doch immerhin möglich waren , vorzubeugen . Im übrigen , ob man sich nun weiter draußen nach rechts oder links zu halten vorhatte , durch die Plantage mußte man jedenfalls , und so führte denn der Weg unvermeidlich an Innstettens alter Wohnung vorüber . Das Haus lag noch stiller da als früher ; ziemlich vernachlässigt sah ' s in den Parterreräumen aus ; wie mocht es erst da oben sein ! Und das Gefühl des Unheimlichen , das Innstetten an Effi so oft bekämpft oder auch wohl belächelt hatte , jetzt überkam es