oder meinem Selbstgefühl bedrückt . Ich mag es für nichts Besseres ausgeben . Holk , um es rundheraus zu sagen , ist nicht recht geheilt . Wenn er das Fräulein drüben geheiratet und über kurz oder lang eingesehen hätte , daß er sich geirrt , so fände ich mich vielleicht zurecht . Aber so verlief es nicht . Sie hat ihn einfach nicht gewollt , und so besteht denn für mich , um das mindeste zu sagen , die schmerzliche Möglichkeit fort , daß das Stück , wenn sie ihn gewollt , einen ganz anderen Verlauf genommen hätte . Die Reihe wäre dann mutmaßlich nie wieder an mich gekommen . Ich spiele in dieser Tragikomödie ein bißchen die faute-de-mieux-Rolle , und das ist nicht angenehm . « Von diesem Briefe Christinens hatte Holk die Hauptsache wiedererfahren , und was sich darin aussprach , das stand beständig vor seiner Seele , trotzdem der alte Petersen und Arne gemeinschaftlich bemüht waren , seine Hoffnung auf einen guten Ausgang wieder zu beleben . » Du darfst Dich diesem Gefühle von Hoffnungslosigkeit nicht hingeben « , schrieb Petersen an Holk . » Ich kenne Christine besser als ihr alle , selbst besser als ihr Bruder , und ich muß Dir sagen , daß sie , neben ihrer christlichen Liebe , die ja Verzeihung für den Schuldigen lehrt , auch noch eine rechte und echte Frauenliebe hegt , so sehr , daß sie Dir gegenüber in einer gewissen liebenswürdigen Schwäche befangen ist . Ich sehe das aus den Briefen , die von Zeit zu Zeit aus Gnadenfrei bei mir eintreffen . Es liegt alles günstiger für Dich , als Du ' s glaubst und als Du ' s verdienst , und es würde mir meine letzte Stunde verderben , wenn ' s anders wäre . Mit achtzig weiß man übrigens , wie ' s kommt , und dafür verbürge ich mich , Helmuth , daß ich Eure Hände noch einmal wieder ineinanderlege , wie ich ' s vordem getan , und das soll meine letzte heilige Handlung sein , und dann will ich aus meinem Amt treten und abwarten , bis Gott mich ruft . « Das war Anfang April gewesen , daß Petersen so geschrieben , und wenn Holk der mehr als halben Sicherheit , die sich darin aussprach , für seine Person auch mißtraute , so kamen ihm doch immer wieder Stunden , in denen er sich daran aufrichtete . So war es auch heute wieder , und von heiteren Bildern erfüllt , saß er auf dem Vorderbalkon seines Hauses , unter dem Gezweig einer schönen alten Platane , die hier schon gestanden haben mochte , als , vor nun gerade hundert Jahren , dieser ganze Stadtteil erst errichtet wurde . Die hohen , bis auf die Diele niedergehenden und nach unten zu halb geöffneten Schiebefenster gestatteten einen freien Verkehr zwischen Zimmer und Balkon , und das Feuer in seinem Drawing-Room , das mehr des Anblicks als der Wärme halber brannte , dazu die Morgenzigarre , steigerte das Behagen , das er momentan empfand . Neben ihm , auf einem leichten Rohrstuhl , lag die » Times « , die , weil das anmutige Frühlingsbild vor ihm ihn bis dahin abgezogen hatte , heute , sehr ausnahmsweise , beiseite geschoben war . Nun aber nahm er sie zur Hand und begann seine Lektüre wie gewöhnlich in der linken Ecke der großen Anzeigebeilage , wo , durch schärfste Diamantschrift ausgezeichnet , die Familiennachrichten aus dem Londoner High Life verzeichnet standen : geboren , gestorben , verheiratet . Auch heute lösten sich die drei Rubriken untereinander ab , und als Holk bis zu den Eheschließungen gekommen war , las er : » Miss Ebba Rosenberg , Lady of the Bedchamber to Princess Mary Ellinor of Denmark , married to Lord Randolph Ashingham formerly 2d . Secretary of the British Legation at Copenhague . « » Also doch « , sagte Holk , sich verfärbend , im übrigen aber nicht sonderlich bewegt , und legte das Blatt aus der Hand . Vielleicht , daß es ihn tiefer getroffen hätte , wenn ' s plötzlich und als ein ganz Unerwartetes an ihn herangetreten wäre . Dies war aber nicht der Fall . Schon Ausgang des Winters hatte der ihn in seinen Briefen » au courant « erhaltende Pentz diese Vermählung als etwas über kurz oder lang Bevorstehendes angemeldet , und zwar in folgenden Schlußzeilen eines längeren Anschreibens : » Und nun , lieber Holk , eine kurze Mitteilung , die Sie mehr interessieren wird als alle diese Geschichten aus dem Hause Hansen - Ebba Rosenberg hat gestern der Prinzessin Anzeige von ihrer Verlobung gemacht , die jedoch , zu leichterer Beseitigung entgegenstehender Schwierigkeiten , vorläufig noch geheim bleiben müsse . Der , den sie durch ihre Hand zu beglücken gedenkt , ist niemand Geringeres als Lord Randolph Ashingham , dessen Sie sich , wenn nicht von Vincent , so doch vielleicht von einer Abendgesellschaft bei der Prinzessin her erinnern werden . Es war gleich zu Beginn der Saison von neunundfünfzig auf sechzig . Lord Randolph , von dem es heißt , daß er den Grund und Boden eines ganzen Londoner Stadtteils ( vielleicht gerade des Stadtteils , den Sie zurzeit bewohnen ) und außerdem einen Waldbestand von fünfzehn Millionen Tannen in Fifeshire besitze - Lord Randolph , sag ich , hat sich ein Jahr lang in dieser Angelegenheit besonnen oder wohl richtiger besinnen müssen , weil von seiten eines noch viel reicheren Erbonkels allerlei Bedenken erhoben wurden . Und diese Bedenken existieren in der Tat noch . Aber Ebba müßte nicht Ebba sein , wenn es ihr nicht glücken sollte , dem stark exzentrischen Erbonkel den Beweis ihrer Tugenden auf dem Gebiete des Chic und High Life zu geben , und so wird denn die Verlobung ehestens proklamiert werden . Alles nur Frage der Zeit . Übrigens haben sich beide , der Lord und Ebba , nichts vorzuwerfen ; er , wie so viele seinesgleichen , soll schon mit vierzehn ein ausgebrannter Krater gewesen sein und heiratet Ebba nur , um sich etwas vorplaudern zu lassen , und von diesem Standpunkt aus angesehen , hat er eine gute Wahl getroffen . Sie wird jeden Tag Dinge sagen und später auch wohl Dinge tun , die Seine Lordschaft frappieren , und vielleicht zündet sie mal die fünfzehn Millionen Tannen an und stellt bei der Gelegenheit sich und den Eheliebsten in die rechte Beleuchtung . Und nun tout à vous , beau Tristan . Ihr Pentz . « So hatte damals der Brief gelautet , und die zwei Zeilen in der » Times « waren nichts als die Bestätigung . » Es ist gut so « , sagte Holk nach einer Weile . » Das gibt reinen Tisch . Ihr Gespenst ging immer noch in mir um und war nicht ganz zu bannen . Nun ist es geschehen durch sie selbst ; alles fort , alles verflogen , und ob Christine mir auch verloren bleibt , vielleicht verloren bleiben muß , ihr Bild soll wenigstens in meinem Herzen wieder den ihm gebührenden Platz haben . « Unter diesem Selbstgespräche nahm er die beiseite gelegte Zeitung wieder in die Hand und wollte sich ernsthaft in eine Berliner Korrespondenz vertiefen , die ziemlich ausführlich , so schien es , von einer Heeresverdoppelung und einer sich dagegen bildenden Oppositionspartei sprach . Aber er hatte heut keinen Sinn dafür und sah bald über das Blatt fort . Von der nahen Sankt-Pancras-Kirche , deren Turm er dicht vor Augen hatte , schlug ' s eben neun , und durch die Southamptonstraße , die den Square an der ihm zugekehrten Seite begrenzte , rollten Cabs und wieder Cabs , die von der Euston-Square-Station herkamen und dem Mittelpunkt der Stadt zufuhren . Er brach , um damit zu spielen , ein dicht herabhängendes Platanenblatt ab , und erst als er die Spatzen über sich immer lauter quirilieren hörte , nahm er etliche Krumen und streute sie vor sich hin auf den Balkon . Sofort fuhren die Spatzen aus dem Gezweig hernieder , pickend und kriegführend untereinander , aber schon im nächsten Augenblicke huschten sie wieder auf , denn von der Haustür her klang ein rasch wiederholtes Klopfen , das Zeichen , daß der » Postman « an der Tür sei ; Holk , der am folgenden Tage Geburtstag hatte , horchte neugierig hinunter , und gleich darauf trat Jane ein und überreichte ihm vier Briefe . Schon die vier Poststempel Gnadenfrei , Bunzlau , Glücksburg , Arnewiek ließen Holk keinen Augenblick in Zweifel , von wem die Briefe kamen , und auch ihr Inhalt schien ihm nicht viel Neues bringen zu sollen . Asta und Axel sprachen steif und förmlich und jedenfalls ziemlich kurz ihre Gratulationen aus , und auch Petersen , der sonst ausführlich zu schreiben pflegte , beschränkte sich heut auf eine Darbringung seiner Glückwünsche . Holk war nicht angenehm davon berührt und fand seine gute Stimmung erst wieder , als er auch Arnes Brief geöffnet und gleich den ersten Zeilen allerlei Liebes und Freundliches entnommen hatte . » Ja « , sagte Holk , » der hält aus . Unverändert derselbe . Und wäre doch eigentlich der , der am ehesten mit mir zürnen dürfte . Der Bruder seiner geliebten Schwester . Aber freilich , da liegt auch wieder Grund und Erklärung . Er liebt die Schwester und vergöttert sie fast . Aber er hat lange genug gelebt , um , trotz aller Junggesellenschaft , sehr wohl zu wissen , was es heißt , an eine heilige Elisabeth verheiratet zu sein . Und wenn sie noch die heilige Elisabeth wäre ! Die war sanft und nachgiebig ... Aber nichts mehr davon « , unterbrach er sich , » ich verbittere mich bloß wieder , statt mich ruhig und versöhnlich zu stimmen . Es ist besser , ich lese , was er schreibt . « » Arnewiek , 27. Mai 61 Lieber Holk ! Dein Geburtstag ist vor der Tür , und meine Glückwünsche sollen Dir nicht fehlen . Kommen sie einen Tag zu früh , wie ich fast vermute , so nimm es als ein Zeichen , wie dringlich ich es habe , Dir alles Beste zu wünschen . Ist es nötig , Dir die Wünsche herzuzählen , die mich für Dich erfüllen ? Sie gipfeln auch heute wieder in dem einen , daß der Moment Eurer Aussöhnung nahe sein möge . Wohl weiß ich , daß Du dieser Möglichkeit mißtraust und Dein Mißtrauen aus dem Charakter Christinens zu begründen suchst . Und eine innere Stimme , die Dir zuflüstert , daß ihre Haltung ihr gutes Recht sei , kann Dich in Deinem Mangel an Vertrauen allerdings nur bestärken . Aber es liegt doch günstiger . Du hast unter Deiner Frau Dogmenstrenge gelitten , und ich habe Christine , als an ernste Konflikte noch nicht zu denken war , liebevoll gewarnt , Dich nicht in ein auf Leineweber berechnetes Konventikeltum oder wohl gar in eine Deiner Natur total widerstrebende Askese hineinzwingen zu wollen . Was darin von Anklage gegen Christine lag , das war berechtigt , und ich habe , um oft Gesagtes noch einmal zu sagen , weder Willen noch Veranlassung , etwas davon zurückzunehmen . Aber gerade in dieser ihrer Bekenntnisstrenge , darunter wir alle gelitten , haben wir auch das Heilmittel . Ob ihre noch immer lebendige Liebe zu Dir , wie sie sich in ihren Briefen , oft wohl gegen ihren Willen , zu erkennen gibt , die Kraft zu Verzeihung und Versöhnung besitzen würde , laß ich dahingestellt sein , ich sage nicht ja und nicht nein ; aber was ihre Liebe vielleicht nicht vermöchte , dazu wird sie sich , wenn alles erst in die rechten Hände gelegt ist , durch ihre Vorstellung von Pflicht gedrängt fühlen . In die rechten Hände , sag ich . Noch kämpft es in ihr , und die brieflichen Vorstellungen unseres guten alten Petersen , der übrigens persönlich in seiner Zuversicht verharrt , haben bis zur Stunde wenig Erfolg gehabt , jedenfalls keinen Sieg errungen . Aber was dem alten rationalistischen Freunde , den sie so sehr liebt und den sie nur kirchlich nicht für voll ansieht , was unserem alten Petersen nicht gelingen wollte , das , denk ich , soll im rechten Augenblick unserem seit vier Wochen zum Generalsuperintendenten ernannten Schwarzkoppen ein leichtes oder doch wenigstens ein nicht allzuschweres sein . An Schwarzkoppen , den ich in der letzten Woche beinahe täglich gesehen , hab ich mich mit der dringenden Bitte gewandt , die Sache , bevor er uns und unsere Gegend verläßt , seinerseits in die Hand nehmen zu wollen , und da sich seine kirchlichen Überzeugungen mit seinen persönlichen Wünschen für Dich und Christine decken , so bezweifle ich keinen Augenblick , daß er da reüssieren wird , wo Petersen bisher scheiterte . Wenn Schwarzkoppen schon immer entscheidende Instanz für Christine war , wie jetzt erst , wo der Arnewieker Seminardirektor ein wirkliches Kirchenlicht geworden ist . Er ist nach Stettin , in seine heimatliche Provinz Pommern , berufen worden und wird uns Ende September verlassen , um am 1. Oktober sein neues Amt daselbst anzutreten . Ich mag diesen Brief nicht weiter ausdehnen , am wenigsten aber Wirtschaftliches berühren . Davon ein andermal . Gräfin Brockdorff seh ich jetzt häufig , teils in ihrem Hause , teils bei Rantzaus , aber auch gelegentlich hier in Arnewiek , wenn wir die Missionssitzungen haben , deren einer ich , freilich als ein sehr Unwürdiger , neulich präsidieren mußte . Christine hat meine Pfingsteinladung abgelehnt , angeblich weil die Dobschütz seit Frühjahr kränkle und der Pflege bedürfe . Der wahre Grund ist aber wohl der , daß sie nicht an Örtlichkeiten und in Kreise zurückkehren mag , die nur schmerzliche Erinnerungen in ihr wachrufen . In ihren Augen hat Gnadenfrei so viele Vorzüge und nicht zum wenigsten den , sich vor der Welt verbergen zu können . Aber ich geströste mich , daß das Bedürfnis nach dieser Weltabgeschiedenheit in ihr hinschwinden soll und daß wir sie recht bald in die Welt und in ein neues altes Glück zurückkehren sehen , in ein Glück , das nur ein Wahn unterbrach . Ein Wahn , aus dem zuletzt eine Schuld wurde . Was gäb ich darum , wenn dieses Pfingstfest schon Euern Einzug gesehen und die ganze Säulenhalle von Holkenäs in grünen Maien gestanden hätte , das alte Wappen über dem Eingang in einem wieder von Rosen durchflochtenen Kranz . Daß die Zukunft es so bringen möge , die nächste schon , mit diesem Wunsche laß mich schließen . Dein Arne « Holk legte den Brief aus der Hand und sah freudig aufatmend nach dem Square hinüber , wo alles grünte und blühte . Der Eindruck , unter dem er stand , war der der reinsten Freude ; Möglichkeiten , an deren Verwirklichung er kaum noch geglaubt hatte , nahmen Gestalt an , begrabene Hoffnungen standen wieder auf und wollten Gewißheit werden , und die durch Jahre hin äußerlich und innerlich Getrennten zogen wieder ein in das » Schloß am Meere « , und das alte Glück war wieder da . Zweiunddreißigstes Kapitel Und was Holk geträumt , es erfüllte sich oder schien sich doch erfüllen zu wollen . Johannistag war , und ein sonniger blauer Himmel stand über ganz Angeln , am sonnigsten aber über Schloß Holkenäs . Wagen in langer Reihe hielten an den Treib- und Gartenhäusern hin , und das Holksche Wappen über dem Portale trug einen Efeukranz , in den weiße und rote Rosen eingeflochten waren . Arne hatte Myrte gewollt , aber Christine war dabei geblieben , daß es Efeu sein solle . Und nun schlug es zwölf von Holkeby her , und kaum daß die zwölf Hammerschläge verklungen waren , so kam auch schon ein allmähliches Schwingen in die mächtige , jetzt von zwei Männern gezogene Glocke , die nun weit ins Land hinein verkündete , daß die Feier , zu der sich alle befreundeten Familien von nah und fern her versammelt hatten , ihren Anfang nehme . So war es denn auch , und nicht lange mehr , so öffnete sich die hohe , nach dem Park hinausführende Glastür , und wer von Neugierigen , und ihrer waren viele , draußen zwischen den Gartenbeeten einen guten Stand genommen hatte , der sah jetzt , wie sich drinnen im Saal alles zu einem Zuge ordnete , an dessen Spitze zunächst Holk und Christine erschienen , die Gräfin in weißem Atlas und einem Orangeblütenkranz im Haar , von dem ein Schleier niederhing . Hinter dem Paare , das nun wie zu neuem Ehebunde den Segen der Kirche empfangen sollte , schritten Asta und Axel , dann Arne , der die ältere Gräfin Brockdorff , und dann Schwarzkoppen , der die Dobschütz führte , viel andere mit ihnen , und zuletzt alle die , die gebeten hatten , der Feier im Festzuge beiwohnen zu dürfen , und deren Teilnahme , weil es Fernerstehende waren , die Herzen der wieder zu Trauenden besonders beglückt hatte . Dienerschaften schlossen sich an , und als der Zug , der sich auf Holkeby zu in Bewegung setzte , den zwischen den Tannen des Parkes hinlaufenden Kiesweg passiert hatte , trat man in ein Spalier ein , das die Holkebyer Bauerntöchter samt den Mädchen aus den Nachbardörfern gebildet hatten . Alle hielten Körbe in Händen und streuten Blumen über den Weg , einige aber , die dem Ansturm ihrer Gefühle nicht wehren konnten , warfen die Körbe beiseite und drängten sich an Christine heran , um ihr die Hand oder auch nur den Saum des Kleides zu küssen . » Sie machen eine Heilige aus mir « , sagte die Gräfin und suchte zu lächeln ; aber Holk , dem sie die Worte zugeflüstert hatte , sah wohl , daß ihr dies alles mehr Pein als Freude schuf und daß sie , wie das in ihrer Natur lag , ängstlich schmerzliche Betrachtungen oder vielleicht selbst trübe Zukunftsgedanken an dies Übermaß von Huldigung knüpfte . Das volle Leben um sie her indes entriß sie dem wieder , und als sie jetzt deutlich hörte , daß der Glocken immer mehr wurden und daß es klang , als ob alle Kirchen im Angliter Lande das seltene Versöhnungsfest mitfeiern wollten , da fiel , auf Augenblicke wenigstens , alles Trübe von ihr ab , und ihr Herz ging auf in dem Klange , der gen Himmel stieg . Und nun waren sie bis an die niedrige Kirchhofsmauer gekommen , an der entlang , wie damals , wo Asta und Elisabeth hier gesessen hatten , wieder hohe Nesseln standen und zerschnittene Stämme hochaufgeschichtet lagen , und als die vordersten daran vorüber waren , bog der Zug in das Portal ein und bewegte sich , zwischen Gräbern hin , auf die Kirche zu , die weit aufstand und einen freien Blick auf den erleuchteten Altar am Ende des Mittelganges gestattete . Da stand Petersen . Er war hinfällig gewesen all die Zeit über , und zu der Last seiner Jahre war schließlich auch noch die Last schwerer Krankheit gekommen . Als er aber vernommen hatte , daß » Schwarzkoppen , wenn Petersen bis Johannistag nicht wieder genesen sei , die Traurede halten solle « , da war er wieder gesund geworden und hatte denen , die zu Vorsicht und Schonung mahnen wollten , beteuert , daß er , und wenn ' s vom Sterbebett aus wäre , seine geliebte Christine wieder zum Glücke führen müsse . Das hatte alle Welt gerührt , ihm aber die Kraft seiner besten Jahre wiedergegeben , und da stand er nun so grad und aufrecht wie vor neunzehn Jahren , als er , auch an einem Johannistage , die Hände beider ineinandergelegt hatte . Gesang hatte begonnen im selben Augenblicke , wo der Zug in den Mittelgang eintrat , und als das Singen nun schwieg , nahm Petersen zu kurzer Rede das Wort , alles Persönliche vermeidend , am meisten aber jeden Hinweis auf den » Ungerechten , über den mehr Freude sei im Himmel als über hundert Gerechte « . Statt dessen rief er in einem schlichten , aber gerade dadurch alle Versammelten tief ergreifenden Gebet die Gnade des Himmels auf die Wiedervereinten herab und sprach dann den Segen . Und nun fiel die Orgel ein , und die Glocke draußen hob wieder an , und der lange Zug der Trauzeugen nahm jetzt den Rückweg dicht am Strande hin und stieg , als man den zur Dampfschiff-Anlegestelle führenden Brettersteg erreicht hatte , links einbiegend die Terrasse nach Schloß Holkenäs hinauf . Da war die hochzeitliche Tafel unter der vorderen Halle gedeckt , derart , daß alle Gäste den Blick auf das Meer hin frei hatten , und als der Augenblick nun gekommen war , wo , wenn nicht ein Toast , so doch ein kurzes Festeswort gesprochen werden mußte , erhob sich Arne von seinem Platz und sagte , während er sich gegen Schwester und Schwager verneigte : » Auf das Glück von Holkenäs . « Alle waren eigentümlich von den beinah schwermütig klingenden Worten berührt , und die , die dem Bräutigam zunächst saßen , stießen leise mit ihm an . Aber eine rechte Freude wollte nicht laut werden , und jedem Anwesenden kam ein banges Gefühl davon , daß man das » Glück von Holkenäs « , wenn es überhaupt da war , nur heute noch in Händen hielt , um es vielleicht morgen schon zu begraben . Dreiunddreißigstes Kapitel Das Gefühl der Trauer , das bei der schönen Feier vorgeherrscht hatte , schien sich aber als ungerechtfertigt erweisen und » das Glück von Holkenäs « sich wirklich erneuern zu wollen . Diesen Eindruck empfingen wenigstens alle Fernerstehenden . Man lebte sich zu Liebe , sah viel Gesellschaft ( mehr als sonst ) und machte Nachbarbesuche , bei denen es von seiten Holks an Unbefangenheit und guter Laune nie gebrach , und nur wer schärfer zusah , sah deutlich , daß diesem allen doch das rechte Leben fehlte . Friede herrschte , nicht Glück , und ehe der Herbst da war , war namentlich für die Dobschütz und Arne kein Zweifel mehr , daß , was Christine anging , nichts da war als der gute Wille zum Glück . Ja , der gute Wille ! Von Meinungsverschiedenheiten war keine Rede mehr , und wenn sich Holk , was gelegentlich noch geschah , in genealogischen Exkursen oder in Musterwirtschaftsplänen erging , so zeigte die Gräfin nichts von jenem Lächeln der Überlegenheit , das für Holk so viele Male der Grund zu Verstimmung und Gereiztheit gewesen war ; aber dies ängstliche Vermeiden alles dessen , was den Frieden hätte stören können , das Abbrechen im Gespräch , wenn doch einmal ein Zufall ein heikles Thema heraufbeschworen hatte , gerade die beständige Vorsicht und Kontrolle brachte so viel Bedrückendes mit sich , daß selbst die letzten Jahre vor der Katastrophe , wo das eigentliche Glück ihrer Ehe schon zurücklag , als vergleichsweise glückliche Zeiten daneben erscheinen konnten . Holk , bei seinem frischen , sanguinischen Naturell , wehrte sich eine Zeitlang gegen diese Wahrnehmung und ließ sich ' s angelegen sein , über die Zurückhaltung und beinahe Scheu hinwegzusehen , womit Christine seinem Entgegenkommen begegnete . Schließlich aber ward er ungeduldig , und als Ende September heran war , beschloß er in einem Gemütszustande , darin Mißmut und tiefe Teilnahme sich ablösten , mit der Dobschütz zu sprechen und ihre Meinung und wenn tunlich auch ihren Rat einzuholen . Über Schloß und Park lag ein klarer frischer Herbstmorgen , und die Sommerfäden hingen ihr Gespinst an das hier und da schon blattlose Gesträuch . Asta war den Abend vorher aus der Pension eingetroffen und brannte darauf , gleich nach beendigtem Frühstück , zu dem man sich eben gesetzt hatte , nach Holkeby hinunterzusteigen und der Freundin unten im Dorf ihren Besuch zu machen . » Ich komme mit « , sagte Holk , und da die Dobschütz schon vorher zugesagt hatte , Asta begleiten zu wollen , so stiegen nun alle drei die Terrasse hinunter , um , am Strande hin , den etwas näheren und schöneren Weg zu nehmen . Die breite Wasserfläche lag beinahe unbewegt , und nur dann und wann schob eine schwache Brandung ihren Schaum bis dicht an die Düne heran . Asta war glücklich , das Meer wiederzusehen , und brach oft ab in Erzählung ihrer Pensionserlebnisse , wenn dann und wann ein wunderbarer Lichtschimmer gerade über die stille Flut hinglitt oder die Möwen ihre Flügel darin eintauchten ; aber mit einem Male war ihr Interesse für Meer und Lichtreflexe hin , und Elisabeth Petersens ansichtig werdend , die , von der Düne her , auf den Strand hinaustrat , eilte sie der Freundin entgegen und umarmte und küßte sie . Holk und die Dobschütz waren in diesem Augenblicke zurückgeblieben , was den beiden vor ihnen herschreitenden Freundinnen , die sich natürlich eine Welt von Dingen zu sagen hatten , sehr zupaß kam , aber auch Holk war es zufrieden , weil ihm der sich rasch erweiternde Zwischenraum eine lang herbeigewünschte gute Gelegenheit bot , mit der Dobschütz ungezwungen über Christine zu sprechen . » Es ist mir lieb , liebe Dobschütz « , begann er , » daß wir einen Augenblick allein sind . Ich habe schon längst mit Ihnen sprechen wollen . Was ist das mit Christine ? Sie wissen , daß ich nicht aus Neugier frage , noch weniger , um zu klagen , und am allerwenigsten , um anzuklagen . Es hat Zeiten gegeben , wo Sie dergleichen mit anhören mußten , wo Sie schlichten sollten ; aber wie Sie wissen , liebe Freundin , diese Zeiten liegen zurück und kehren nicht wieder . Aller Streit ist aus der Welt , und wenn ich mit Christine durch den Park gehe , wie ' s noch heute vor dem Frühstück der Fall war , und das Eichhörnchen läuft über den Weg und der Schwan fährt über den Teich und Rustan , der uns begleitet , rührt sich nicht , vielleicht auch dann nicht , wenn ein Volk Hühner auffliegen sollte - so fällt mir immer ein Bild ein , auf dem ich mal das Paradies abgebildet gesehen habe ; alles auf dem Bilde schritt in Frieden einher , der Löwe neben dem Lamm , und der liebe Gott kam des Weges und sprach mit Adam und Eva . Ja , liebe Dobschütz , daran erinnert mich jetzt mein Leben , und ich könnte zufrieden sein und sollt es vielleicht . Aber ich bin es nicht , ich bin umgekehrt bedrückt und geängstigt . Handelte sich ' s dabei nur um mich , so würd ich kein Wort verlieren und in dem , was mir , trotz des vorhandenen Friedens , an Behagen und Freude fehlt , einfach eine mir auferlegte Buße sehen und nicht murren , ja vielleicht im Gegenteil etwas wie Genugtuung empfinden . Denn ein Unrecht fordert nicht bloß seine Sühne , sondern diese Sühne befriedigt uns auch , weil sie unserem Rechtsgefühl entspricht . Also noch einmal , wenn ich jetzt spreche , so sprech ich nicht um meinet- , sondern um Christinens willen und weil jeder Tag mir zeigt , daß sie wohl vergessen möchte , aber nicht vergessen kann . Und nun sagen Sie mir Ihre Meinung . « » Ich glaube , lieber Holk , daß Sie ' s mit Ihrem Wort getroffen haben - Christine will vergessen , aber sie kann es nicht . « » Und hat sie sich in diesem Sinne gegen Sie geäußert ? Hat sie zu verstehen gegeben , daß alles doch umsonst sei ? « » Das nicht . « » Und doch leben Sie dieser Überzeugung ? « » Ja , lieber Holk , leider . Aber Sie dürfen aus diesem mich allerdings beherrschenden Gefühle nichts Schmerzlicheres und namentlich auch nichts Gewisseres ableiten wollen , als nötig , als zulässig ist . Ich weiß nichts Gewisses . Denn wenn ich auch nach wie vor der Gegenstand von Christinens Freundschaft bin - und wie könnt es auch anders sein , zeigt ihr doch jede Stunde , wie sehr ich sie liebe - , so bin ich doch nicht mehr der Gegenstand ihrer Mitteilsamkeit . Wie sie gegen alle schweigt , so auch gegen mich . Das ist freilich etwas tief Trauriges . Sie war daran gewöhnt , ihr Herz gegen mich auszuschütten , und als wir damals , ein unvergeßlich schmerzlicher Tag , aus dem Hause gingen und erst im Dorfe unten und dann in Arnewiek und zuletzt in Gnadenfrei die schwere Zeit gemeinschaftlich durchlebten , da hat sie nichts gedacht und nichts gefühlt , was ich nicht gewußt hätte . Wir waren zwei Menschen , aber wir führten nur ein Leben , so ganz verstanden wir uns . Aber das war von dem Tage an vorbei , wo Christine wieder hier einzog . In ihrem feinen Sinn sagte sie sich , daß nun wieder eine neue Glücks- und Freudenzeit angebrochen sei oder wenigstens anbrechen müsse , und weil ihr - Verzeihung , lieber Holk , wenn ich dies ausspreche - , weil ihr die rechte Freude doch wohl ausblieb und ihr andererseits ein weiteres Klagen unschicklich oder wohl gar undankbar gegen Gott erscheinen mochte , so gewöhnte sie sich daran , zu schweigen , und bis diesen Tag muß ich erraten , was in ihrer Seele vorgeht . « Holk blieb stehen und sah vor sich hin . Dann sagte er : » Liebe Dobschütz , ich kam , um Trost und Rat bei Ihnen zu suchen , aber ich sehe wohl , ich finde davon nichts . Ist es so , wie Sie sagen , so weiß ich nicht , wie Hülfe kommen soll . « » Die Zeit , die Zeit , lieber Holk . Des Menschen guter Engel ist die Zeit . « » Ach , daß Sie recht