des patriotischen Hilfsvereins , der mehrere Ärzte und barmherzige Schwestern und eine Ladung nötigen Materials nach der Umgebung von Königgrätz abführen sollte . » Und da könnte ich nicht mitfahren ? « » Unmöglich ! « Immer deutlicher und flehender vernahm ich Friedrichs Hilferuf - und nicht kommen können : es war zum verzweifeln ! Da erblickte ich am Eingang der Halle Baron S. , den Vize-Vorsteher des patriotischen Hilfsvereins , denselben , den ich schon vom Kriegsjahre 59 her kannte . Ich eilte auf ihn zu : » Um Gotteswillen , Baron S. , helfen Sie mir ! Sie erkennen mich doch ? « » Baronin Tilling , Tochter des General Grafen Althaus - gewiß habe ich die Ehre ... Womit kann ich Ihnen dienen ? « » Sie expedieren einen Zug nach Böhmen ... lassen Sie mich mitfahren ! Mein sterbender Mann verlangt nach mir ... Wenn Sie ein Herz haben - und Sie beweisen ja durch Ihre Thätigkeit , wie schön und edel Ihr Herz ist - so schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab ! « Es gab noch allerlei Zweifel und Bedenken , aber schließlich wurde meinem Wunsche willfahrt . Baron S. rief einen der vom Hilfsverein entsendeten Arzte herbei und empfahl mich , als Mitreisende , seinem Schutz . Bis zur Abfahrt war noch eine Stunde . Ich wollte den Wartesaal aufsuchen , aber jeder verfügbare Raum war in ein Hospital verwandelt . Wo man hinblickte , überall kauernde , liegende , verbundene , bleiche Gestalten . Ich mochte nicht hinschauen . Das bischen Energie , das ich besaß , das mußte ich mir auf meine Fahrt und auf deren Ziel aufsparen . Von aller Kraft , allem Mitgefühl , aller Hilfeleistungsfähigkeit , die mir zu Gebote stand , durfte ich hier nichts ausgeben ; das gehörte nur ihm - ihm , der mich rief . Es war indes kein Winkel zu finden , wo mir der Jammeranblick erspart geblieben wäre . Ich hatte mich auf den Perron geflüchtet und dort mußte ich gerade das Ärgste mit ansehen : die Ankunft eines langen Zuges , dessen sämtliche Waggons mit Verwundeten gefüllt waren , und die Abladung der Letzteren . Die leichter Blessierten stiegen selber aus und schleppten sich vorwärts , die Meisten mußten aber unterstützt , oder gar getragen werden . Die verfügbaren Tragbahren waren gleich besetzt und die überzähligen Patienten mußten bis zur Rückkunft der Träger einstweilen auf den Boden gelagert werden . Vor meine Füße , auf dem Platze , wo ich auf einer Kiste saß , legten sie Einen hin , der unausgesetzt ein gurgelndes Röcheln ausstieß . Ich beugte mich herab , um ihm ein teilnehmendes Wort zu sagen , aber entsetzt fuhr ich wieder zurück und verbarg mein Gesicht in beide Hände - der Eindruck war zu fürchterlich gewesen . Das war kein menschliches Angesicht mehr - der Unterkiefer weggeschossen , ein Auge herausquellend ... dazu ein erstickender Qualm von Blut- und Unratgeruch ... Ich hätte aufspringen und fliehen mögen , doch ward mir totenübel und mein Kopf fiel an die hinter mir liegende Mauer zurück . » O ich feiges , kraftloses Geschöpf ! « - schalt ich mich - » was suche ich hier in diesen Jammerstätten , wo ich nichts - nichts helfen kann ... wo ich solchem Ekel unterliege « ... Nur der Gedanke an Friedrich raffte mich wieder empor . Ja , für ihn , auch wenn er in solchem Zustande wäre , wie der Elende zu meinen Füßen , könnte ich Alles ertragen - ich würde ihn noch umfangen und küssen , und aller Ekel , alles Grauen versänke in das eine allbesiegende Gefühl - in Liebe - » Friedrich - mein Friedrich , ich komme ! « wiederholte ich halblaut diesen einen fixen Gedanken , der mich seit der Ankunft des Bresserschen Briefes erfaßt und nicht mehr losgelassen hatte . Eine furchtbare Idee durchflog mein Hirn : Wie , wenn dieser - Friedrich wäre ? Ich sammelte meine Kräfte und blickte noch einmal hin : Nein , er war es nicht . Die bange Wartestunde war doch auch vorübergegangen . Den Röchelnden hatten sie fortgetragen . » Legt ihn dort auf die Bank , « hörte ich den Regimentsarzt befehlen , » den da kann man nicht mehr ins Spital bringen - er ist schon dreiviertel tot . « Und doch - diese Worte mußte er noch verstanden haben , der Dreiviertel-Tote , denn mit einer verzweiflungsvollen Gebärde hob er beide Arme zum Himmel . Jetzt saß ich im Waggon mit den beiden Ärzten und vier barmherzigen Schwestern . Es war erstickend heiß und der Raum war mit einem Duft von Hospital und Sakristei - Karbol und Weihrauch - erfüllt . Mir war unsäglich übel . Ich lehnte mich in meine Ecke zurück und schloß die Augen . Der Zug setzte sich in Bewegung . Das ist so der Augenblick , wo jeder Reisende sich das Ziel vergegenwärtigt , dem er entgegengetragen wird . Öfters schon war ich auf dieser Strecke gefahren und da winkte mir die Ankunft in einem gästegefüllten Schlosse , in einem fröhlichen Badeorte - auch meine Hochzeitsreise - seliges Andenken - hatte ich auf diesem Weg gemacht , einem glänzenden und liebevollen Empfang in der Hauptstadt » Preußens « ( wie hatte letzteres Wort doch seither einen anderen Klang bekommen ! ) entgegen . - - Und heute ? Was war heute unser Ziel ? Ein Schlachtfeld und umliegende Lazarethe - die Stätten des Todes und der Leiden . Mir schauderte . » Gnädige Frau , « sagte einer der Arzte - » ich glaube , Sie sind selber krank ... Sie sehen so bleich und leidend aus . « Ich blickte auf . Der Sprecher war eine sympathische , jugendliche Erscheinung . Vermutlich war dies die erste praktische Thätigkeit des kaum promovierten Mediziners . Schön von ihm , daß er seine ersten Dienste diesem gefahr- und beschwerdevollen Amte widmete ! Ich fühlte mich diesen Menschen , die da neben mir im Waggon saßen , dankbar für die Linderung , welche sie den Leidenden zu bringen im Begriffe standen . Auch den opfermutigen , wirklich » barmherzigen « Schwestern zollte ich im Herzen Bewunderung und Dank . Doch was brachte jeder dieser guten Menschen mit ? Ein Lot Hilfe für tausend Centner Not . Die tapferen Nonnen mußten wohl für alle Menschen jene überwindungskräftige Liebe im Herzen tragen , wie sie mich für meinen Mann erfüllte ; so wie ich vorhin empfunden , daß , wenn der furchtbar entstellte und ekelerregende Soldat , der vor meinen Füßen röchelte , mein Gatte gewesen , aller Widerwille entschwunden wäre - so empfanden Jene wohl jedem Menschenbruder gegenüber , und zwar durch die Kraft einer höheren Liebe - diejenige zu ihrem erwählten Bräutigam Christus . Aber ach - auch davon brachten die Edlen nur ein Lot ! Ein Lot Liebe dorthin , wo tausend Centner Haß gewütet ... » Nein , Herr Doktor , « antwortete ich auf die teilnehmende Anfrage des jungen Arztes , » ich bin nicht krank , nur ein wenig angegriffen . « » Ihr Herr Gemahl , so sagte mir Baron S. , sei bei Königgrätz verwundet worden und Sie reisen dahin , ihn zu pflegen , « mischte sich jetzt der Stabsarzt in das Gespräch ; » wissen Sie , in welcher der umgebenden Ortschaften er liegt ? « Das wußte ich nicht . » Mein Ziel ist Königinhof , « antwortete ich ; » dort erwartet mich ein befreundeter Arzt , Doktor Bresser - « » Den kenne ich ... er war an meiner Seite , als wir vor drei Tagen das Schlachtfeld absuchten . « » Das Schlachtfeld absuchten « ... wiederholte ich schaudernd - » erzählen Sie - « » Ja , ja , Herr Doktor , erzählen Sie ! « bat eine der Nonnen , » unser Dienst kann uns auch in die Lage bringen , bei solchem Suchen mitzuhelfen . « Und der Regimentsarzt erzählte . Den Wortlaut seiner Schilderungen kann ich natürlich nicht mehr wiedergeben ; auch sprach er nicht in einem Flusse , sondern mit häufigen Unterbrechungen , und gleichsam widerstrebend , nur durch die hartnäckigen Fragen , mit welchen die wißbegierigen Nonnen und ich ihn bestürmten , zum Sprechen gezwungen . Die abgerissenen Erzählungen riefen jedoch eine geschlossene Reihe von Bildern vor mein inneres Auge , die sich dem Gedächtnis so lebhaft eingeprägt haben , daß ich dieselben noch heute an mir vorüberziehen lassen kann . Unter anderen Umständen hätte ich des Doktors Schilderungen nicht so deutlich erfaßt und behalten - man vergißt ja Gehörtes und Gelesenes so leicht - aber das Erzählte machte mir damals fast den Eindruck von Miterlebtem . Ich war in einem Zustand hochgradiger Nervenanspannung und Erregtheit ; der fixe Gedanke an Friedrich , der sich meiner bemächtigt hatte , bewirkte , daß ich bei jeder der geschilderten Scenen mir Friedrich als beteiligte Person vorstellte , und so sind sie mir wie selber durchgemachte schmerzliche Erfahrungen im Geiste haften geblieben . In der Folge habe ich die von dem Regimentsarzt mitgeteilten Ereignisse in die roten Hefte eingetragen - so , als hätten sie sich vor meinen eigenen Augen abgespielt : - - - - - - - - - - - - - - - Die Ambulance ist hinter einem schützenden Hügelrücken aufgerichtet worden . Drüben tobt die Schlacht . Der Boden zittert und es zittert die glühende Luft ; Dampfwolken steigen auf , die Geschütze brüllen ... Jetzt heißt es , Patrouillen ausschicken , welche sich auf die Kampfplätze begeben , um die Schwerverwundeten aufzulesen und hierherzubringen . Gibt es etwas heldenhafteres , als solchen Gang mitten in den summenden Kugelregen hinein , an allen Schrecken des Kampfes vorüber , allen Gefahren des Kampfes ausgesetzt - ohne selber dessen wildem Rausche sich hingeben zu dürfen ? Rühmlich ist dieses Amt - nach Kriegsbegriffen - nicht . » Bei der Sanität « - da dient doch kein fescher , strammer , schneidiger Junge - da verdreht doch Keiner die Köpfe der Mädchen . Und » Feldscheer « - wenn der auch heute nicht mehr so - sondern » Regimentsarzt heißt , der kann sich doch mit keinem Kavallerielieutenant messen ? « ... Der Sanitätskorporal kommandiert seine Leute nach einer Niederung , gegen welche eine Batterie ihr Feuer eröffnet hat . Sie gehen durch den grauen Schleier des Pulverdampfes , und Staub und Erde , da , wo eine Kugel zu ihren Füßen einschlägt , wirbelt vor ihnen auf . Sie sind nur wenige Schritte gegangen , so begegnen sie schon Verwundeten - leichter Verwundeten , die sich entweder einzeln oder paarweise , einander gegenseitig unterstützend , zur Ambulance schleppen . Einer fällt zusammen . Es ist aber nicht seine Wunde , die ihm die Kraft gebrochen - es ist Erschöpfung . » Wir haben zwei Tage nichts gegessen - machten einen forcierten Marsch von zwölf Stunden ... kamen ins Bivouak ... zwei Stunden darauf Alarm und die Schlacht « ... Die Patrouille geht weiter . Diese Leute finden selber ihren Weg und können den zusammengebrochenen Kameraden mitnehmen . Die Hilfe muß Anderen , noch Hilfsbedürftigeren aufgespart werden . Auf dem Steingerölle eines Hügelabhanges liegt ein blutiger Knäuel . Es sind ein Dutzend Soldaten . Der Sanitätsunteroffizier bleibt stehen und legt ein paar Verbände an . Aber mitgenommen werden diese Verwundeten nicht ; erst müssen die geholt werden , die mitten auf dem Gefechtsfelde fielen - vielleicht kann man diese hier beim Rückgang auflesen ... Und wieder geht die Patrouille weiter , dem Kampfplatz näher . In immer dichteren Scharen wanken Verwundete heran , sich selber oder einander mühsam fortschleppend . Das sind solche , die doch noch gehen können . Unter sie wird der Inhalt der Feldflaschen verteilt , man legt ihnen eine Binde auf quellende Wunden und weist ihnen den Weg nach der Ambulance . Und wieder geht es weiter . An Toten vorüber - an Hügeln von Leichen ... Vieler dieser Toten zeigen die Spuren entsetzlichster Agonie . Unnatürlich weit aufgerissene Augen - die Hände in die Erde gebohrt - die Haare des Bartes aufgerichtet - zusammengepreßte Zähne unter krampfhaft geöffneten Lippen - die Beine starr ausgestreckt , so liegen sie da . Jetzt durch einen Hohlweg . Hier liegen sie aufgeschichtet . Tote und Verwundete untereinander . Letztere begrüßen die Sanitätspatrouille wie rettende Engel und flehen und schreien um Hilfe . Mit gebrochenen Stimmen , weinend , wimmernd , rufen sie nach Rettung , nach einem Schluck Wasser ... Aber ach - die Vorräte sind fast erschöpft , und was können die wenigen Menschen thun ? Ein Jeder müßte hundert Arme haben , um da retten zu können ... doch Jeder thut , was er kann . Da erschallt der langgezogene Ton des Sanitätsrufes . Die Leute stutzen und halten in ihren Handreichungen inne . » Verlaßt uns nicht , verlaßt uns nicht ! « flehen die Unglücklichen ; doch wieder und wieder ruft das Hornsignal , welches , von allem andern Getöse unterscheidbar , deutlich in die Weite dringt . Da kommt auch noch ein Adjutant herangesprengt : » Mannschaft von der Sanität ? « » Zu Befehl ! « erwidert der Korporal . » Mir nach . « Offenbar ein verwundeter General ... Da heißt es gehorchen und die Anderen verlassen ... » Mut und Geduld , Kameraden , wir kommen wieder . « Die es sagen und die es hören , sie wissen , daß das nicht wahr ist . Und wieder geht es weiter . Dem Adjutanten - der , voransprengend , die Richtung weist - im Eilschritt nach . Da gibt es unterwegs kein Aufhalten , ob auch von rechts und links die Weh- und Hilferufe ertönen , ob auch auf die Eilenden selber manche Kugel fällt und Einen oder den Anderen hinstreckt - nur weiter , nur vorüber . Vorüber an unter dem Schmerz ihrer Wunden sich krümmenden Menschen , welche von über sie hinjagenden Rossen zertreten , oder von über ihre Glieder fahrenden Geschützen zermalmt wurden und welche , die Rettungsmannschaft erblickend , in ihrer Verstümmelung sich ein letztesmal emporbäumen : vorüber , vorüber ! Das geht in den roten Heften noch seitenlang so fort . Was der Regimentsarzt von dem Gang einer Sanitätspatrouille über das Schlachtfeld erzählte , das enthält noch viele ähnliche und ärgere Dinge . So die Schilderung jener Augenblicke , da mitten in die Pflegearbeit Kugeln und Granaten fallen , neue Wunden reißend ; oder wenn die Zufälligkeiten der Schlacht den Kampf und die Verbandplätze selber , knapp an die Ambulancen bringen und das ganze Sanitätspersonal , samt den Ärzten und samt den Kranken , mitten in das Gewühl der ringenden oder fliehenden oder verfolgenden Truppen gerät ; wenn scheue , ledige Rosse des Weges gerast kommen und die Tragbahre umstürzen , auf welche man eben einen Schwerverwundeten gebettet , der jetzt zerschmettert zu Boden geschleudert wird ... Oder dieses - das grauenhafteste Bild von allen - : Ein Gehöft , in welchem man hundert Verwundete untergebracht , verbunden und gelabt hat . - Die armen Teufel froh und dankbar , daß ihnen Rettung geworden - und eine Granate , die das Ganze in Brand schießt ... Eine Minute und das Lazareth steht in Flammen - das Schreien , vielmehr das Geheul , welches aus dieser Stätte der Verzweiflung gellt und welches in seinem wilden Weh alles übrige Getöse übertönt , das wird wohl Jenen , die es hörten , ewig unvergeßlich bleiben ... Weh mir ! Auch mir , obgleich ich es nicht gehört , bleibt es unvergeßlich - denn während der Regimentsarzt erzählte , war mir wieder , als wäre mein Friedrich dabei , als hörte ich seinen Schrei aus dem brennenden Marterorte heraus ... » Ihnen wird übel , gnädige Frau , « unterbrach sich der Erzähler - » ich habe da Ihren Nerven wirklich zu viel zugemutet . « - Aber ich hatte noch nicht genug . Ich versicherte , daß meine vorübergehende Schwäche nur die Folge der Hitze und einer schlechten Nacht sei und wurde nicht müde , den Andern auszuforschen . Es war mir immer noch , als hätte ich nicht genug gehört , als wären von diesen geschilderten Höllenkreisen die letzten und höllischsten noch nicht geschildert worden . Und wenn einmal der Durst nach Gräßlichem erregt ist , so ruht man nicht , bis er nicht mit dem Gräßlichsten gelöscht worden . Und richtig : es gibt noch Schauerlicheres , als ein Schlachtfeld während - das ist ein solches nach der Schlacht . Kein Geschützdonner , kein Fanfarengeschmetter , keine Trommelwirbel mehr , nur leises schmerzliches Stöhnen und Sterberöcheln . Im zertretenen Erdboden rötlich schimmernde Pfützen , Blutlachen ; - alle Feldfrucht zerstört , nur hier und da ein unberührt gebliebenes , halmenbedecktes Ackerstück ; die sonst lachenden Dörfer in Trümmer und Schutt verwandelt . Die Bäume der Wälder verkohlt und geknickt ; die Hecken von Kartätschen zerrissen ... Und auf dieser Wahlstatt Tausende und Tausende von Toten und Sterbenden - hilflos Sterbenden ! Keine Blüten noch Blumen sind auf den Wegen und Wiesen zu sehen , sondern Säbel , Bajonette , Tornister , Mäntel , umgestürzte Munitionswagen , in die Luft geflogene Pulverkarren , Geschütze mit gebrochenen Laffetten ... Neben den Kanonen , deren Schlünde von Rauch geschwärzt sind , ist der Boden am blutigsten ; dort liegen die meisten und verstümmeltsten Toten und Halbtoten - von Kugeln buchstäblich zerrissen . Und die toten und halbtoten Pferde - solche , die auf den Füßen , welche ihnen geblieben sind , sich aufrichten , um wieder hinzusinken , wieder sich aufstellen und wieder hinfallen , bis sie die Köpfe heben , um ihren schmerzbeladenen Sterberuf hinauszuschreien ... Ein Hohlweg ist mit in den Kot der Straße getretenen Körpern ganz angefüllt . Die Unglücklichen hatten sich wohl hierher geflüchtet , um geborgen zu sein - aber eine Batterie ist über sie hinweggefahren - von Pferdehufen und Rädern sind sie zermalmt ... Viele darunter leben noch - eine breiige , blutige Masse , aber » leben noch « . Und noch gibt es Höllischeres als Alles dies : es ist das Erscheinen des niederträchtigsten Abschaums der kriegführenden Menschheit - der Schlachtfeld-Hyäne . » Das schleicht herbei , das die Leichenbeute witternde Ungetüm , beugt sich über Tote und noch Lebende herab und reißt ihnen die Kleider vom Leibe . Erbarmungslos . Die Stiefeln werden vom blutenden Bein , die Ringe von der verwundeten Hand gezogen - oder um den Ring zu haben , wird der Finger einfach abgeschnitten ; und wenn sich das Opfer wehren will , dann wird es von der Hyäne gemordet oder - um nicht einst wieder erkannt zu werden - sticht sie ihm die Augen aus ... « Ich schrie laut auf . Bei des Doktors letzten Worten hatte ich die ganze Scene wieder mitangesehen , und die Augen , in welche die Hyäne ihr Messer gebohrt , das waren Friedrichs blaue , sanfte , geliebte Augen ... » Verzeihen Sie mir , gnädige Frau , aber Sie haben es gewollt ... « » Ja , ja - ich will Alles hören . Was Sie da beschrieben haben , war die Nacht , welche auf die Schlacht folgt - diese Scenen haben sich bei Sternenschein abgespielt - « » Und bei Fackelschein . Die vom Sieger zum Durchsuchen des Schlachtfeldes ausgeschickten Patrouillen tragen Fackeln und Laternen . Und rote Laternen ragen an Signalstangen empor , um die Orte zu bezeichnen , an welchen fliegende Hospitäler errichtet worden sind . « » Und der nächste Morgen - wie zeigt der die Wahlstatt ? « » Beinah noch fürchterlicher . Der Gegensatz von dem helllächelnden Tagesgestirn zu der grausigen Menschenarbeit , die es beleuchtet , wirkt doppelt schmerzlich . Des Nachts hatte das ganze Schreckbild etwas gespensterhaft-phantastisches , bei Tag ist es einfach - trostlos . Jetzt erst sieht man die Massenhaftigkeit der umherliegenden Leichen : auf den Straßen , zwischen den Feldern , in den Gräben , hinter Mauertrümmern ; überall , überall Tote . Geplündert , mitunter nackt . Eben so die Verwundeten . Diese , welche trotz der nächtlichen Arbeit der Sanitätsmannschaften noch immer in großer Zahl umherliegen , sehen fahl und verstört aus , grün und gelb , mit stierem , stumpfsinnigem Blick ; oder aber unter wütenden Schmerzen sich krümmend , flehen sie Jeden an , der in die Nähe kommt , daß er sie töte . Schwärme von Aaskrähen lassen sich auf die Wipfel der Bäume nieder und verkünden mit lautem Gekrächz das lockende Festmahl ... Hungrige Hunde aus den Dörfern kommen herbeigerannt und lecken das . Blut der Wunden . Noch sieht man einige Hyänen , welche noch immer hastig weiter arbeiten ... Und jetzt kommt das große Begraben - « » Wer thut das ? - Die Sanität ? « » Wie könnte die zu solcher Massenarbeit ausreichen ? Die hat bei den Verwundeten vollauf zu thun . « » Also kommandierte Truppen ? « » Nein : herbeigeschafftes oder auch freiwillig heranlaufendes Gesindel : Landstreicher , Leute vom Troß , welche sich bei den Marketenderbuden , bei den Bagagewagen aufhielten , und welche jetzt neben den Bewohnern der Armenhäuser und der Hütten von den Militärgewalten herbeigetrieben werden , um Gräber zu graben - recht große , das heißt - weite Gräber , denn tief werden sie nicht gemacht . Dazu wäre keine Zeit . Dahinein wirft man die toten Körper - kopfüber , kopfunter , wie es gerade kommt . Oder man macht es so : über einen aus Leichen gebildeten Haufen wirft man ein bis zwei Fuß hoch Erde hinauf ; das sieht dann auch aus wie ein Tumulus . Ein paar Tage darauf kommt ein Regen und spült die Hülle von den verwesenden Leichnamen weg - aber was liegt daran ? Die flinken und lustigen Totengräber denken nicht so weit . Lustige und flotte Arbeiter sind sie , das muß man ihnen lassen . Es werden da Lieder gepfiffen und allerlei zweideutige Witze gemacht - ja mitunter tanzt eine Hyänenrunde um das offene Grab . Ob in manchen Körpern , die da hinabgeschleudert oder mit Erde verschüttet werden , noch Leben sich regt - darum kümmern sie sich auch nicht . Der Fall ist unvermeidlich , denn Starrkrampf tritt bei Verwundungen häufig auf . Manch zufällig Errettete haben von der Gefahr des Lebendig-begraben-werdens , der sie entronnen , erzählt . Aber wie Viele giebt es derer , die nichts erzählen konnten ? Wenn man einmal ein paar Fuß Erde über dem Mund liegen hat , so muß man den Mund wohl halten . « ... O mein Friedrich , mein Friedrich ! stöhnte es in meiner Seele . » Das ist das Bild des nächsten Morgens , « schloß der Regimentsarzt . » Soll ich noch weiter erzählen , was den nächsten Abend geschieht ? Da wird - « » Das will ich Ihnen sagen , Herr Doktor , « unterbrach ich . » In eine von den beiden Hauptstädten der beteiligten Reiche ist die telegraphische Nachricht des glorreichen Sieges angelangt . Da wurde vormittags - während des Hyänentanzes um die Gruben - in den Kirchen » Nun danket Alle Gott « gesungen und abends - da stellt die Mutter , oder das Weib eines lebendig Begrabenen ein paar brennende Kerzen auf den Fenstersims , denn die Stadt wird beleuchtet . « » Ja , gnädige Frau , diese Komödie wird zu Hause aufgeführt . Indessen , auf dem Schlachtfeld selber ist mit dem zweiten Sonnenuntergang die Tragödie noch lange nicht abgespielt . Außer Denjenigen , welche in die Lazarethe und in die Gräber untergebracht worden , gibt es noch die Ungefundenen . Hinter dichtem Gebüsch , in hohen Ährenfeldern , oder zwischen Bautrümmern verborgen , sind sie den Blicken der Krankenträger und Totengräber entgangen . Für jene Unglücklichen beginnt nun das Martyrium einer mehrere Tage und mehrere Nächte langen Agonie : in der sengenden Hitze des Mittags , in den schwarzen Schauern der Mitternacht , gebettet auf Steinen und Disteln , im scharfen Verwesungsgeruch der naheliegenden Leichen und der eigenen faulenden Wunden , den festenden Geiern zur noch zuckenden Beute ... « Das war eine Reise ! - Der Regimentsarzt hatte schon lange aufgehört zu sprechen , aber die Auftritte , welche er geschildert , fuhren unausgesetzt fort , vor meinem inneren Auge sich abzuspielen . Um diesem mich verfolgenden Gedankenreigen zu entgehen , schaute ich zum Wagenfenster hinaus und versuchte , im Anblick der Landschaft Zerstreuung zu finden . Aber auch hier boten sich dem Blicke Bilder des Kriegsjammers . Zwar hatte in dieser Gegend keine gewaltsame Verwüstung stattgefunden : es rauchte da kein zerschossenes Dorf , hier hatte » der Feind « noch nicht gehaust ; aber was hier nun wütete , ist vielleicht noch schlimmer : nämlich die Furcht vor dem Feinde . » Die Preußen kommen ! die Preußen kommen ! « war die Schreckenslosung auf der ganzen Strecke ; und wenn auch im Vorbeifahren diese Worte nicht zu hören waren , ihre Wirkung konnte man vom Wagenfenster aus deutlich erschauen . Überall auf allen Straßen und Wegen fliehende , mit Sack und Pack ihr Heim verlassende Menschen . Ganze Wagenzüge bewegten sich landeinwärts - gefüllt mit Bettzeug , Hausgerät und Vorräten . Alles sichtlich in größter Eile aufgeladen . Auf demselben Karren kleine Schweine , das jüngste Kind und ein paar Kartoffelsäcke , nebenher , zu Fuß , Mann und Weib und die größeren Kinder : - so sah ich eine auswandernde Familie auf einer nahen Straße sich fortbewegen . Wohin gingen die Armen ? Das wußten sie wohl selber kaum - nur fort , fort von den » Preußen « . So flieht man das prasselnde Feuer oder die steigende Flut . Öfters brauste auf den Nebengeleisen ein Zug an uns vorüber : - Verwundete , immer wieder Verwundete ; immer wieder die aschfahlen Gesichter , die verbundenen Köpfe , die in der Binde getragenen Arme . Auf den Haltestellen besonders konnte man an diesem Anblick in allen Varianten sich sattsam erlaben . Sämtliche große und kleine Perrons , auf welchen man sonst das wartende Völklein der Reisenden fröhlich umherstehen und -gehen sieht , waren jetzt mit liegenden und kauernden Gestalten gefüllt . Das sind die aus den umgebenden Feld- und Privatlazarethen herbeigeschafften kranken Soldaten , welche den nächsten Eisenbahnzug abwarten , der einen neuen Verwundetentransport befördern kann . So müssen sie stundenlang liegen - und wer weiß , wie viel Transportierungen sie schon hinter sich haben ? Vom Kampffeld zum Verbandplatz , von da zur Ambulance , von dieser in ein fliegendes Feldhospital , dann in die Ortschaft - jetzt zur Eisenbahn ; und von hier steht ihnen noch die Fahrt nach Wien bevor ; dort vom Bahnhof zum Spital und von da , nach so langen Leiden , vielleicht zum Regiment zurück , vielleicht zum Friedhof ... Mir ward so leid , so leid , so schrecklich leid um die armen Teufel ! - ich hätte zu jedem Einzelnen hinknien wollen und ihm Worte des Mitgefühls zuflüstern . Aber der Doktor ließ mich nicht . Wenn wir an einer Station ausstiegen , nahm er mich am Arm und führte mich in das Büreau des Stationschefs . Hierher brachte er mir Wein oder sonst eine Erfrischung . Die Schwestern walteten auch schon hier ihres barmherzigen Amtes . Sie reichten den Verwundeten an Trank und Speise , was nur aufzutreiben war : aber öfters gab es nichts , die Vorräte in den Restaurationen waren zumeist erschöpft . Dieses Getriebe auf den Bahnhöfen , namentlich auf den größeren , machte mir einen sinnverwirrenden Eindruck ; es schien mir wie » ein böser Traum « . Dieses Hin- und Herrennen , dieses wüste Durcheinander - abmarschbereite Truppen - Flüchtlinge - Krankenträger - Haufen blutender und wimmernder Soldaten - schluchzende , händeringende Frauen - ; Geschrei , barsche Kommandorufe - überall Gedränge , nirgends ein freier Durchgang - aufgeschichtetes Gepäck , Kriegsmaterial , Kanonen , abseits Pferde und brüllendes Hornvieh - dazwischen das unausgesetzte Geläute des Telegraphen - durchfahrende Züge , welche mit aus Wien anlangender Reserve vollgefüllt - vielmehr vollgepfropft - sind ... Nicht anders waren diese Soldaten in den Wagen dritter und vierter Klasse - ja in Last- und Viehwaggons - untergebracht , nicht anders wie Schlachtvieh . Und , im Grunde genommen , ich konnte den Gedanken nicht unterdrücken ; was waren sie denn anderes ? Wurden sie nicht auch zur » Schlacht « - wurden sie nicht auf den großen politischen Markt geschleppt , wo mit Kanonenfutter - chair à canon - geschachert wird ? Da rollten sie vorbei . Tolles Gebrüll - war es ein Kriegslied ? - schallte heraus und übertönte das rasselnde Gepolter der Räder ; eine Minute - und der Zug war verschwunden . Mit Windeseile trug er einen Teil seiner Fracht dem sicheren Tode entgegen . Ja - sicherem Tode ... Wenn auch kein Einzelner von sich sagen kann , daß er sicher fällt , ein gewisser Prozentsatz von der Gesamtheit muß und wird fallen . Zu Felde ziehende Heere , die sich auf der Heerstraße zu Fuß oder zu Roß fortbewegen : das mag noch eine gewisse antike Poesie an sich haben ; aber der moderne Schienenweg , das Symbol der nationenverbindenden Kultur , als Beförderungsmittel der losgelassenen Barbarei : - das ist gar zu widersinnig und abscheulich . Wie falsch klingt da auch das Telegraphengeklingel ... dieses herrliche Siegeszeichen des menschlichen Intellekts , der es fertig gebracht hat , den Gedanken mit Blitzesschnelle von einem Land zum andern zu leiten ; alle diese neuzeitlichen Erfindungen , welche bestimmt sind , den Verkehr der Völker zu fördern , das Leben zu erleichtern , zu verschönern , zu bereichern : die werden jetzt von jenem altweltlichen Prinzip mißbraucht , welches die Völker entzweien und das Leben vernichten will . » Seht unsere Eisenbahnen , seht unsere Telegraphen - wir sind civilisierte Nationen « , prahlen wir den Wilden