grenzenlose Unzulänglichkeit meiner Kunst ! Sprechen wollte ich mit feurigen Zungen - und ich stammelte wie ein unmündiges Kind . Erheben wollte ich mich auf den Flügeln der Morgenröthe - und ich watschelte dahin , wie eine fluglahme Ente . Selige Ahnungen , Offenbarungsträume schossen durch mein Hirn - ein taumelnder Drang fluthete empor - und ich krümmte mich ohnmächtig unter der Befangenheit meiner Aeußerungskräfte . Zu groß für den Markt und zu klein für die Einsamkeit - und doch auch wieder zu groß selbst für die Einsamkeit , deren letzte Resultate ich intuitiv vorwegnehme - sie könnte mir schließlich nur eine Schaale kleinerer Mittelerkenntnisse zusammenhäufen ! - dort verachtend , hier verzweifelnd - dort sehend , hier blind - und doch zugleich auch sehend - nüchtern und trunken in Einem : so schließe ich ab , da sich in mir Alles vollendet und beschlossen hat , was innerhalb dieser engen Bedingnisse sich vollenden und beschließen kann . Mit übermenschlichen Ahnungen ausgerüstet - im letzten Lebensmomente noch einmal durchschüttelt von den Cyclonen einer Himmel und Erde durchstürmenden Leidenschaft - - nun stiller schon und klarer - - nun ganz geläutert - gehe ich dahin , wo ich sein werde , wenn ich nicht mehr bin ... Noch einmal locken mich die Reize der Natur - aber ich erinnere mich , daß ich schon verlernt habe , mich von ihrer nackten Keuschheit naiv rühren zu lassen - ich dachte schon zu viel . Noch einmal locken mich Liebe und Schönheit .. Aber ich erinnere mich , daß ich alle Liebeswonne gekostet habe und sie doch - vergessen konnte - und Weibesschönheit dünkt mich nun so unwerth , so niedrig , so reizlos . Noch einmal lockt mich des Lebens ganzer Wirrwarr - aber ich erinnere mich , daß mir das Auf und Nieder als solches niemals genügt hat - daß ich je und je nach dem Endsinn gesucht - und da ich ihn nimmer gefunden , fortsuchen würde - ein armer räthselgepeinigter Frager und Rufer und Taster . Nein ! Nein ! Das Schwimmen hat keinen Sinn , wenn Einer sein Ziel , seine Landungsschwelle nicht weiß , nicht kennt . Ich überlasse es lieber den Klüglingen , dieses Schwimmen - den Klüglingen , die das Denken verlernt , und den Dümmlingen , die keines Zieles bedürfen in ihrer geistigen Armuth . Und nun reden sie noch vom Stolze und dem Freimuth und der Heiterkeit der Weisen , die Alles erkannt und durchschaut haben und dennoch leben , weiterleben und weiterschreiten , der Stunde heiter entgegenharrend , die sie von hinnen ruft . Ich frage Euch , ihr Weisen , was wartet ihr auf diese Stunde ? Wollt ihr dem großen Enteignungsprocesse der Natur nicht zuvorkommen ? Ihr Kleingeister ! Wer hat denn die Wahrheit dieses Enteignungsprocesses gefunden ? Eure Erkenntniß , welche die Natur überwunden hat . Und Ihr habt den Zusammenhang erkannt - und wollt Euch dennoch dem klaren Resultate entziehen ? Soll ich das Feigheit nennen oder Selbstverblendung ? Oh ! Ihr habt nichts Großes erkannt , wenn Ihr behauptet : Nur im Werden erhelle sich das Sein . Ich habe eine satte Angst und Bangniß um Euch : wenn das Stündlein ruft , werdet Ihr noch nicht zu Ende sein mit Eurer kleinen Leidenschaft für das Werden und Wachsen mit der Natur - sie wird Euch mit der Keule der anagkh aufs Haupt schlagen , diese letzte , nothwendige Stunde - Ihr aber werdet verdutzt und verblüfft , Ihr werdet unfertig sein - und das Evangelium von der Naturüberwindung durch das Naturbegreifen wird Euch nicht ganz erfüllen . Geht ! Ihr seid nicht vom Geschlechte der Starken und Freien - vom Geschlechte der Gott - und Weltverächter ! Ihr seid Schwächlinge , Ihr seid Memmen und Lügner . - Ich aber bin stark und frei , weil ich erkannt habe , daß ein Jeglicher sein eigener Richter sein soll - und daß ein Jeglicher die große Pflicht hat , sich das Todesurtheil zu sprechen , wenn er die Erkenntniß empfangen hat ! Ich habe überwunden . Nicht schmerzlos . Aber ich ward wunschlos . - « * * * Adam lehnte sich zurück . Er fühlte sich doch merkwürdig ergriffen . Er athmete tief auf . Mit herber , schneidender Wucht warf sich der Gegensatz zwischen dem Einst und dem Jetzt auf ihn . Und nun schoß es durch seine Brust wie ein brennender Strom von Wuth und Scham vor sich . Ja ! das waren Lebensquintessenzen , an sich erfahrene , unwiderlegliche , in tiefstem Grunde alle Werdenskräfte berücksichtigende Wahrheiten . Und es war ihm einmal so ernst gewesen um diese Wahrheiten . Sie hatten ihn so ganz erfüllt . So ganz . In einer großen Stunde hatte er sie herausgeschüttelt und aufs Papier gefetzt mit dem glühenden Enthusiasmus des Triumphators , der überwunden hat , der wunschlos geworden ist . Wunschlos ! Wunschlos ? Oh nein ! Nicht wunschlos . Denn er hatte ja weitergelebt . Er hatte es ja nach dieser gewaltigen Vereinheitlichung der Erkenntniß doch vermocht , weiterzuleben . Und was heißt » weiterleben « anderes , als Zeit , Lust , Gelegenheit finden , tausend neue Wünsche zu gebären und nach ihrer Erfüllung zu trachten ? Das hatte er gethan . Und es war ihm auch gar nicht so schwer geworden , das zu thun . Als die Begeisterung der Stunde vorüber , als das Seherauge sich geschlossen , hatte ihn die klammernde Nesselwelt der kleinen Alltagspflichten wieder eng und compromißlüstern gestimmt . Das » Verrath « an sich zu nennen - nun ! ein Schwärmer konnte sich diesen tauben , unfruchtbaren Luxus wohl gestatten . War er aber ein Schwärmer ? War er ' s geblieben ? Kaum . Er war doch in Vielem recht praktisch , recht positiv geworden . Er hatte doch wieder Gefallen daran gefunden , tiefinnerste Genugthuung , von rothen Frauenlippen reife Küsse zu pflücken , Frauenreize mit vollendeter Virtuosität , mit feinster ästhetischer Differenzirtheit zu genießen . Nein ! die Psalmen und Dithyramben , die der große Lyriker , der Frühling , zu singen wußte , sie tönten nicht wirkungslos an ihm vorüber . Er verstand die einfach-üppige , massive Epik des Sommers ... und schwelgte in den Elegie ' n des Herbstes , deren transparente Faschingsbuntheit ihn entzückte . Mit der Sonne , der vollen , goldenen Sonne , war er nach und nach in ein ganz leidliches Verhältniß gekommen . Er liebte ein gutes Glas Wein , eine gute , mittelschwere Felix-Brasil-Cigarre , eine gute Virginia-Cigarette . Und ob auch die brutale Welt der Objecte seiner Epidermis und dem , was dahinterstak , manchmal recht impertinent mitspielte und zusetzte - Adam hatte sich fast so Etwas wie Humor und kaustisches Behagen angeschafft . Er studirte sich mit coquetter Selbstironie und kümmerte sich doch um das Elend der » Masse « , das sein weiches Herz zeitweilig mächtig ergriff . Er klügelte pädagogische Weltbeglückungssysteme aus , träumte von einem europäischen Staatenbunde , studirte tapfer Sociologie , und hielt es der Mühe für werth , Broschüren über den deutschen Gymnasiallehrer , dem er herzlich gram war ... er hatte den Kerl eben gar sehr in der Nähe kennen gelernt ... und über das Proletariat des Geistes zu schreiben . Er hielt es der Mühe für werth , sich immer leidenschaftlicher als Germanen zu fühlen , die Poesie und historische Gewaltigkeit des deutschen Kaiserthums zu begreifen ... und den Juden glühender , immer glühender , wilder , fanatischer zu hassen ... mit unschönem fressendem , persönlichem Hasse . Das war ' s : Adam hatte sich eben weiterentwickelt , er war ein natürliches Opfer seiner Fortentwicklung geworden . Einmal hatte er sich auf den Sternenpolstern und in den Hängematten des Kosmos herumgeräkelt und ausgeflegelt . Einmal war sein Seelenleben ein breiter , ungetheilter Strom gewesen , in dem sich das ganze Universum gespiegelt . Da hatte er es leicht gehabt , zu erkennen und zu durchschauen . Nun hatte sich nach dem natürlichen Gesetze der geistigen Organspaltung sein Seelenleben differenzirt , und der große , breite , ungetheilte Strom seines Inneren hatte sich in unzählige Flüsse und Flüßlein , Bäche und Rinnsale zersplittert und aufgelöst , darin sich nur noch zerbrochene Theile und Theilchen des Universums spiegeln und wiederfinden konnten . Wo einmal ein einziges , großes , gesammeltes Interesse geherrscht , das den Tod bedingen mußte , wenn es im rechten Augenblicke verstanden , ausgelöst und in die That umgesetzt wurde , da herrschten jetzt tausend kleinere Sonderinteressen , die das Leben in sich schlössen . Ja ! Er mußte leben . Er hatte den Tod versäumt . Er war zum Leben verurtheilt . Adam erhob sich . Das Bewußtsein , daß er nun leben mußte , erfüllte ihn mit schneidender Bitterkeit . Oder - ? Aber nein ! Jetzt war der Selbstmord , der » Selbsttod « , kein Resultat mehr , kein entscheidender Gewinn - nur noch ein Zufall , vielleicht gelegentlich die Folge einer zufälligen Nervenüberreizung . Das war recht hausbacken und hatte so gar nichts Imposantes . Adam trat ans Fenster , öffnete weit die Flügel und lehnte sich über die Brüstung . Weich und geschmeidig , einschmeichelnd strich die Frühlingsluft . Leise begann es zu dämmern . Da unten auf der Straße warf das Leben ... dieses Leben , das es so unübertrefflich versteht , sich bei den Creaturen der Erde als intimster Hausfreund einzuquartiren ... noch große , breite , prunkende Blasen . Und Adam beschloß , sich von diesem Leben da unten auf der Straße , zu welchem er » verurtheilt « war ... ja nun einmal unwiderruflich » verurtheilt « war , auf andere , gescheitere Gedanken bringen zu lassen . » Lost paradise « knurrte er vor sich hin , als er die Treppen hinunterschritt . Er wollte auch Abendbrot essen . Und nachher natürlich - nicht zu Hedwig gehen . - XVII. Am anderen Morgen erhielt Adam einen Brief von Hedwig . Irmers Mädchen hatte ihn schon sehr früh in seiner Wohnung abgegeben . Hedwig schrieb : » Lieber Adam ! Warum bist Du heute Abend nicht gekommen , wie Du versprochen hattest ? Ich habe Dich so sehnsüchtig erwartet . Bis gegen Zehn . Nun ist es fast Elf . Ich bin ganz allein , Papa ist schon zu Bett - ich kann nicht anders : ich muß Dir noch schreiben . Es ist mir so schwer , so schwer ums Herz . Bitte komme morgen früh bestimmt . Ach Adam ! Ich habe ja nur Dich noch - und wenn Du mich verläßt , wäre es mein Tod . Aber nein ! - nicht wahr ? - Du bleibst Deiner Hedwig gut ? Papa ist sehr unglücklich . Das hätten wir doch nicht thun sollen . Er hat mich freundlich aufgenommen , er weinte , als ich kam , und hat mir gar keine Vorwürfe gemacht . Er hat aber den ganzen Nachmittag fast kein Wort weiter gesprochen . Nur einen Brief hat er mir gezeigt , der heute früh angekommen war . Es ist zu schrecklich . Mir will das Herz brechen , wenn ich daran denke , was für Schreckliches uns bevorsteht . Ich bin immer noch zu aufgeregt , um Dir Alles in klarem Zusammenhange mittheilen zu können . Vor Papa habe ich alle meine innere Angst verbergen müssen , um ihn nicht noch trauriger zu machen . Papa hat nämlich einmal - es ist schon mehrere Jahre her - für einen guten Bekannten , einen Ingenieur , der kränklich war und auf den Rath seines Arztes ein Bad besuchen sollte , aber keine eigenen Mittel dazu besaß , für den hat Papa eine Bürgschaft von 1000 Mark geleistet , die sich Ferdinand , so hieß der Ingenieur , von einem ihm bekannten Bankier geliehen hatte . Papa war damals noch Universitätslehrer in der Schweiz und uns ging es ganz gut . Ferdinand - ach ! Adam - es wird mir so schwer , Dir das zu schreiben , aber Du mußt es doch einmal erfahren , war mein Verlobter und ist der Vater meines Kindes , das bald nach seiner Geburt starb . Verdamme mich nicht , Geliebter . Ich habe gefehlt , aber ich habe hart büßen müssen dafür . Ich kann Dir jetzt nicht die ganze Tragödie schreiben . Ich bin zu aufgeregt dazu . Ferdinand war damals im Bade . Dann kam der Bruch , der unvermeidlich war . Ich will Dir das Alles mündlich noch mittheilen , wenn Du es wissen willst . Später , bald nach meiner Niederkunft , sind wir hierher übergesiedelt . Die Verhältnisse zwangen uns dazu . Papa war nicht beliebt bei seinen Collegen , hatte keine Protektion und wurde nicht befördert . Und dann kam mein Fehltritt hinzu . Nun erhielt Papa heute Morgen einen Brief von jenem Bankier , der schrieb , daß Herr Pfeiffer , eben mein damaliger Bräutigam , nach langem Siechthum kürzlich am Lungenschlage gestorben wäre , aber ohne daß er in den vier Jahren , die seitdem verflossen wären , seine Schuld zurückgezahlt hätte . Er hätte immer Geduld und Nachsicht mit dem Kranken gehabt , nun müßte er sich aber an den Bürgen halten , was ihm wohl Keiner verdenken könnte . Aber wo soll Papa das Geld hernehmen ? Wir leben hauptsächlich nur von dem , was er und ich verdienen . Unsere Verhältnisse sind , wie Du weißt , sehr beschränkt . Ich mußte Dir das mittheilen , damit Du weißt , woran Du bist . Es bleibt uns nichts weiter übrig , wenn der Herr auf sein Recht besteht , als unsere paar Sachen zu verkaufen . Es ist zu schrecklich . Was soll dann aus uns werden ? Auch Du kannst uns wohl nicht helfen , lieber Adam . Ich bin zu unglücklich und weiß nicht , wie das drohende neue Unglück abgewendet werden soll . Aber nun gute Nacht , Geliebter . Behalte lieb Deine arme Hedwig . Nachschrift . Papa ist auch sehr unglücklich , ganz gebrochen , er spricht fast gar nicht und brütet nur immer vor sich hin . Wenn er sich nur kein Leid anthut . Das ertrüge ich nicht . Bitte komm morgen bestimmt , lieber Adam . « Adam faltete den Brief , der ihn kaum aufgeregt hatte , zusammen , steckte ihn ruhig wieder in sein Couvert zurück und warf ihn in einen halboffenstehenden Kasten seines Schreibschrankes Dann ging er nachdenklich in seinem Zimmer auf und ab . Das war ja klar : Das Geld mußte geschafft werden . Diese lumpigen tausend Mark ! So ' n dummer , windiger Fetzen ! Was ? Wie mancher blaublütige Jüngling mochte wohl seiner Mätresse ein monatliches - - Unsinn ! - » monatliches « - ein halbmonatliches , womöglich wöchentliches » Nadelgeld « von tausend Mark leisten ! Und an dieser pauvren Summe , an dieser tristen Bagatelle sollte die Existenz einer Familie zerschellen - eben daran , daß sie nicht aufzubringen war ? Nee ! So ' was Lächerliches lebte nicht noch ' nmal ! Uebrigens - das war also die ... die sogenannte » Vergangenheit « dieser Dame ? Wie harmlos ! Sie hatte sich mit einem Ingenieur eingelassen - und die Sache hatte sich auf dem seit Adam , dem Paradiesler , nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu der üblichen Fortsetzung verstiegen - det war Allens . Iroßartig ! Wo lag da nur die Pointe ? Das war so grenzenlos alltäglich , eine langweilige , hebeammenhafte Spukgeschichte ohne weiteren Spiritus . Um Gotteswillen ! Einzelheiten - um keinen Preis der Welt ! damit sollte sie ihn nur verschonen ! Nachher hatte sie sich dann ihm hingegeben - und er war auf sie auch regelrecht » reingefallen « - d.h. hatte sich regelrecht mit ihr » verlobt « - hatte ihr regelrecht die sogenannte » Ehe « versprochen - und - und - - - aber war denn diese kleine , unscheinbare Hedwig wirklich etwas Anderes , als die fürtreffliche Emmy , die aus der Sache allerdings so etwas wie ein » Geschäft « machte , aber doch immerhin Liebe und Lust zu ihrem » Berufe « besaß ? Doch - das war ja vorläufig alles Nebensache . Es kam zunächst nur darauf an , die paar Groschen in die Bude zu schaffen . Aber wie ? An wen sollte er sich wenden ? fragte sich Adam . Bekannte , die eines solchen » Opfers « fähig gewesen wären , besaß er nicht . Zu seinen Verwandten engerer und weiterer Kategorie hatte er auch so gut wie gar keine Beziehungen mehr . Ha ! Etwa Lydia ? Nun ! dieser Dame war es ja schließlich ein Leichtes , war es ja ein Kinderspiel , das Geld aufzubringen . Aber - : sich bei Frau Lange darum bemühen - sie schriftlich oder womöglich gar mündlich darum zu bitten - ging das an ? Er hätte doch die ganze Situation correct auseinandersetzen müssen und konnte unmöglich seine Beziehungen zu Hedwig verschweigen dabei - diese Beziehungen eben , die er ja um jeden Preis abbrechen wollte . Das war des Pudels Kern . Eine merkwürdige Wandlung ging zugleich in Adam vor . Er bekam plötzlich einen ganz gehörigen Respect vor dem Gelde und seiner Macht . Und als Gemahl Lydias - ei ! da hatte er ja Wünschelruthe und Waffe zugleich in der Hand . Hm ! In seinem sentimentalen , idealistischen Dusel hätte er es schließlich gar noch fertig gebracht , sich mit Hedwig auf einen gemeinsamen Guerrillakrieg um die Brocken und Brosamen des klebrigen Kleinlebens einzulassen . Es war ganz gut - und in gewissem Sinne zugleich auch sehr tiefsinnig und symbolisch - daß durch sie selbst ein Moment in die Affäre eingeführt wurde , das ihn stutzig machte , das im Stande war , ihn auf seine wahren Vortheile hinzuweisen . Die lagen aber wahrhaftig nicht in einer Ehe mit ... eben mit einer Dame » von Vergangenheit « . Für diesen Adel mußte er sich bedanken , wenn er sein Glück im Auge haben und seine Zukunft bedenken wollte . Uebrigens - die Idee war gar nicht so übel , war im Gegentheile ganz famos : er verschaffte Irmers das Geld und - kaufte sich damit los . Natürlich ! So ließ sich die Geschichte dengeln - und Jeder machte seinen Profit dabei . Zudem waren ja auch noch tiefere psychische Gründe vorhanden , aus welchen eine Ehe mit Hedwig ein Experiment sehr problematischen Charakters war . Ergo ! Warum sollten denn diese » tieferen psychischen Gründe « nicht auch mitzusprechen haben ? Man hatte sie einmal ein Bissel ignorirt - eh bien ! einmal darf man sich das schon erlauben . Aber um so deutlicher nur fühlt und begreift man hinterher , daß jene Gründe berechtigt sind und berücksichtigt werden müssen , wenn man keine unfreiwilligen Karrikaturen in die Welt setzen will . Also er - Adam - besorgte die Loskaufungssilberlinge . So viel stand fest . Es war nur die Frage : wie ? Ja ! Wie - ? Aber eigentlich war es ja doch am Bequemsten , sich an Frau Lange zu wenden . Am Bequemsten ? Das allerdings gerade nicht . Allein was blieb ihm denn weiter übrig , als dieses Experiment zu machen , wenn er von der Leimruthe , auf der er vorläufig wirklich verflucht festsaß , überhaupt herunterwollte - ? Doch nein ! Das war doch Unsinn . Hatte er Frau Lange gegenüber denn nur ein Fünkchen von Recht zu dieser Bitte ? Und dann - : wollte er seine Beziehungen zu Hedwig nicht aufdecken , mußte er es sich gefallen lassen , daß Lydia annahm , selbst wenn er äußerlich noch so glaubwürdige Ausflüchte versuchte - : er selber sei der eigentlich Bedürftige - und in diesem Lichte durfte er unter keiner Bedingung vor ihr stehen , am Allerwenigsten , wenn er an seinen Hoffnungen , sie noch einmal als seine - nun ! eben als seine » Gattin « zu sehen , festhielt - was ja in seiner Absicht lag . Wie also aus der schweinemäßig impertinenten Zwickmühle herauskommen ? Es war wieder ' nmal rein zum Verzweifeln . Donner und Doria ! Jetzt ging Adam ein Talglicht auf . Er wollte doch - jawohl ! und jetzt stand ' s unwiderruflich fest - er wollte doch die gnädige Frau um die Lumperei anrempeln . Er wollte ein Märchen von einer Arbeiterfamilie , die am » Abgrunde ihres socialen Verderbens stände « - die » ein Opfer unglücklichster Verhältnisse geworden wäre « - und zweifellos » zu Grunde ginge « , wenn sich im letzten Augenblicke nicht noch ein » Menschenfreund « ihrer annähme - also ein derartiges pikantes Märchen wollte er erfinden - er konnte von seinem Talente zum Komödianten die exakte Durchführung der Rolle ruhig erwarten - und vor Lydia als freiwilliger Advokat der Armuth auftreten - : erstens würde , calculirte der Herr Doctor , die Thatsache der Noth als solche ihr weiches Herz rühren und sie zum Herausrücken der Summe bewegen - und tausend Mark waren wirklich nicht zu viel : es galt ja die Existenz einer ganzen Familie neu zu begründen ! - und dann mußte er doch , wenn er sich so als Anwalt des socialen Elends vor ihr gerirte , damit entschieden Eindruck auf sie machen - das war klar . Ergo - los denn ! ' rin ins Verjniegen ! - Einen Augenblick dachte Adam noch an Herrn Quöck . Aber nein ! Dieser Mensch , der also mit der Couponscheere auf die Welt gekommen war , besaß kein Verständniß für das Unglück Anderer . Wohl möglich , daß Herr Quöck ihm , Adam , aus persönlicher Gewogenheit die Summe lieh - aber der brave Mann blieb trotzdem der Herr Vetter von der Frau Lydia - und wer weiß ! - - es ist jedenfalls immer besser , immer praktischer und in der Regel auch bequemer , mit dem Egoismus und den ordinärsten Lebensinstinkten seiner » Nächsten « lieber etwas zu viel , als zu wenig zu rechnen . Ohne Andeutungen Frau Lange gegenüber würde es bei Herrn Quöck doch nicht abgehen . Andeutungen jedoch - na ! was da unter Umständen für ein edler Brei herauskommen kann , wenn man sotane » Andeutungen « sich selber überläßt - : Adam hatte das etzliche Male auf sehr kitzliche Art erfahren müssen in seinem Leben und an seiner höchsteigenen Person dazu . Also Vorsicht ! Eines Tages , darauf mußte er sich gefaßt machen , fand er sonst seinen Weg zu Lydia in einen rechtschaffenen Nesselacker verwandelt - und für die Posaunenengel seiner Hoffnungen und Erwartungen konnte er dann nur getrost ein halbes Dutzend tüchtiger , dauerhafter Särge bestellen , die auf den Läute-Apparat für den Fall eines Scheintodes aus bestem Wissen und Gewissen verzichten durften ... Das Märchen vom kaltgewordenen Ofen , vom zerbrochenen Uhrweiser , von den abgespielten Skatkarten ... Die Pointe blieb halt überall dieselbe . Nun - dann also auf zum Tournier mit Lydia ! Noch einmal schrak Adam auf das Heftigste zurück . Er glaubte sein zähes Festhalten an dem Gedanken , daß gerade er das Geld für Irmers zu beschaffen hätte , schon als idée fixe ansehen zu müssen . Eigentlich ging ihn das Alles ja gar Nichts an . Was mischte er sich da in fremder Leute Angelegenheiten - ? Warum war er nur so erpicht darauf , sich die Finger zu verbrennen - ? Und doch ! Es rumorte wirklich schon zu toll in ihm herum - es wucherte in ihm und wuchtete sich auf ihn , es fraß sich immer fester bei ihm ein - : er mußte vor Lydia - und eben gerade vor Lydia - ein so delikates Motiv wie das vorliegende es war , - Geldgeschichten sind ja immer » delikat « ! - endlich einmal aufs Tapet bringen - : das ging ohnedem gar nicht mehr ab , das war nun schon zur innersten Nothwendigkeit geworden . Im erotischen und im pekuniären Problem - : in beiden hanget ja das ganze Gesetz , und die p.p. ehrenwerthen Herren Propheten » hangen « dazu in diesem erhabenen Dualismus ... Und schließlich : kam bei seinem Dukatenspeech mit Donna Lydia etwas » Positives « wirklich nicht heraus - : zu einer psychologischen Studie pikantester Natur würde die Scene am Ende doch auswachsen ... und an » psychologischen Studien « kann ein junger Mann , der ' s Leben erst noch kennen lernen will , gar nicht genug machen . » Psychologische Studien « sind bekanntlich furchtbar lehrreich . Und so ' n feudaler Kerl , wie Adam Mensch also einer war - na ! in dieser Beziehung gab es auch für ihn noch Manches zu probieren . Adam Mensch war in der Wurzel seines Wesens sehr bescheiden . Er hielt ziemlich Wenig von sich , zuckte oft in ehrbarster Geringschätzung die Achseln über sich . Aber darum dachte er zeitweilig eben nur um so geringer von den Anderen . Hatte er etwa kein Recht dazu ? - XVIII. Kurz nach drei Uhr , also nicht zu der üblichen Besuchsstunde , ließ sich Adam bei Frau Lange melden . - Es war ihm während des Essens und besonders während einer kurzen Promenade durch den Stadtpark , den er von seinen Spaziergängen mit Emmy her sehr lieb gewonnen hatte , unerträglich klar geworden , daß das Verlobungsproject mit Lydia eine wahnsinnig groteske Ungeheuerlichkeit bedeutete - eine Ungeheuerlichkeit , die sich vielleicht heraufbeschwören , vielleicht sogar unmittelbar in Scene setzen ließ , die aber herauszufordern er heute nicht die mindeste Stimmung und nicht den mindesten Muth besaß . Dagegen fühlte er den Muth in sich , wenigstens momentan , dagegen reizte es ihn wirklich immer mehr , Frau Lange direkt zu bitten , ihm die lumpigen tausend Mark zu leihen . Das war doch in der That - Adam sagte es sich immer wieder - so etwas wie eine social-psychologische Studie , so etwas wie ein social-ethisches Experiment . Er trat eben als » Anwalt der Armuth « auf und klopfte an die Pforten des Reichthums mit der Bitte um Hülfe - mit dieser Bitte , zu welchen die bedrängte Armuth eine heilige Berechtigung , eine heilige Verpflichtung besitzt . Auf eine mehr oder weniger interessante , jedenfalls nicht ganz alltägliche und nicht ganz pointenlose Scene durfte sich Adam überdies gefaßt machen . Ah ! Lydia würde zuerst verblüfft sein . Und dann ? Das war eben die Frage . Doch diese Frage mußte ja sofort ihre Beantwortung finden . Adam wurde in das Cabinet Frau Lange ' s geführt . Er möchte einen Augenblick verzeihen , die gnädige Frau käme sogleich , bedeutete ihm das Mädchen und verschwand wieder . Adam sah sich um . Da stand er also wieder einmal auf der Wahlstatt , auf der er neulich so bedeutungsvolle Stunden durchlebt hatte . Aber heute - wie war heute Alles so glanzlos und nüchtern ! Dabei überall ein Ton der Unordnung , ein Accent der Verkramtheit . Jene einschmeichelnde , anheimelnde Demi-jour-Stimmung , die ihn neulich so unwiderstehlich bestrickt hatte , und die er noch so klar in der Erinnerung bewahrte , war nicht mehr mit dem dünnsten Haarstrichlein angedeutet . Und doch stiegen ihm wie leichte Schaumbläschen allerlei Erinnerungen auf . Er dachte daran , daß damals in dem Fauteuil dort Lydia gesessen ... daß er , ganz im Joche seiner emporgeschäumten Stimmung , vor ihr gekniet , ihr schluchzend seine Liebe zugestammelt - daß er - - aber das war ja Alles glücklich vorüber , die Augenblicksextase dünkte ihn jetzt unbegreiflich und über alle Begriffe abgeschmackt - die gnädige Frau wollte ja auch abreisen - er würde also vorläufig keine Gelegenheit wieder bekommen , diese Räume zu betreten ... und allen sentimentalen Erinnerungsanwandlungen wurde damit Gott sei Dank ! jedwede neue Nahrung entzogen . Endlich trat Lydia ein . Sie sah ein ganz klein Wenig derangirt aus , ihr Gesicht war ungleich geröthet , wie das eines Menschen , der sich öfter und andauernd gebückt hat . Ihre freundlichen Züge schienen Adam etwas gemacht und gezwungen . » Verzeihen Sie , Herr Doctor , daß ich Sie so lange warten ließ - aber ich bin eben dabei zu packen - morgen früh will ich endlich auffliegen - meine Abreise hat sich schon um einige Tage verzögert - aber bitte , nehmen Sie wieder Platz - ich freue mich doch , Sie noch einmal bei mir zu sehen ... Wie geht es Ihnen - ? « » Ich bitte um Verzeihung , gnädige Frau , daß ich zu so ungelegener Stunde - aber ich wußte auch nicht , daß - - ich will mich auch nicht lange aufhalten - nur - - « » Bitte , bitte , Herr Doctor ! . Sie wissen ja , Sie sind mir immer willkommen ... Uebrigens , wenn Sie das tröstet : ich - ich erwartete eigentlich Ihren Besuch - ich nahm ihn als selbstverständlich an , nachdem Sie mir das letzte Mal , wo wir uns sahen - - « » Ja ! Ich versprach Ihnen zu kommen , gnädige Frau - Sie sehen : ich habe mein Wort gehalten , wenn auch - - « » Wenn auch - ? « Adam schwieg eine kleine Weile und fuhr sich mit der Hand über die Stirn . Er war da in ein zweideutiges Fahrwasser gerathen . So ging das Spiel nicht weiter . Er trieb einem Ziele zu , das ihn jetzt nicht im Geringsten reizte . Oder doch ? Dünkte ihn diese Frau noch immer begehrenswerth ? Sie schien auf etwas anzuspielen , das zwischen ihnen einmal mehr oder weniger deutlich zur Sprache gekommen war . Vielleicht legte sie der ganzen Geschichte doch mehr Werth und Bedeutung bei . Vielleicht war sie doch tiefer engagirt . Nun ! das konnte ihm ja nur schmeichelhaft sein .