theuerste Wesen , ich als sein ältester und bester Freund - das Aeußerste zu diesem Behuf zu versuchen . Ich eile unverzüglich zu Mr. Moore , um das Ding herauszulootsen . Leben Sie wohl ! « » Und - und diese Autobiographie - mein Bruder hat sie mir niemals erwähnt - « » Das glaub ich wohl ! « murmelte Hobhouse bitter in Parenthese . » Was enthielt sie denn ? ! In Betreff der - der Scheidung nämlich ? Oder - « Ein eigenthümlicher Ausdruck der Spannung , halb lauernd , halb ängstlich , straffte hier die müden Züge Mrs. Leigh ' s. » Hm , hm - « Mr. Hobhouse dehnte seine Worte auffallend . » Erinnere mich nicht so genau . Viel Unsinn . Adieu . « Was bedeutete der seltsame Blick , den Beide an der Thüre wechselten ? Argwohn ? Mißtrauten sie einander ? - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - In dem Drawing Room Mr. Murray ' s , des großen Verlegerfürsten , in Albemarlestreet , befand sich eine Gesellschaft von sechs Personen in heftigem Disput . Den Salon schmückte eine Reihe von Bildern , Porträts berühmter Schriftsteller , deren Werke bei Murray erschienen waren . Standen doch drunten im Portiko zwei bemerkenswerthe Büsten , auf welche weisend der Verleger mit gerechtem Stolz zu äußern pflegte : » Die Werke dieser beiden großen Männer sind hier veröffentlicht . « Der Eine war » the Duke « , der Herzog , der eiserne Herzog Wellington , dessen Depeschen ( dispatches ) vom spanischen Krieg bei Murray erschienen . Der Andere ein weit erlauchterer Geist , dessen Ruhm die Welt bedeckte und der soeben , die Lyra des Dichters mit dem Schwert des Freiheitskämpen vertauschend , den Heldentod für eine glorreiche Sache gestorben war . Aber die Skulptur schien diesem wunderbaren Antlitz nicht gerecht zu werden . Das merkte man so recht , wenn man das Meisterwerk von Philipps , ein Porträt im Rembrand ' schen Stil , über dem Kamin des Salons auf die Streitenden herniederschauen sah . Unwillkürlich fuhr Jeder zurück , von einem seltsamen Schauer ergriffen , wenn er auf die harmonische und übermenschliche Schönheit jener Formen blickte , die im Leben einen Genius des Jahrhunderts beherbergt und jetzt von diesen übernatürlichen Kräften verlassen . Wie der Gott des nimmer fehlenden Bogens , der Gott des Lichtes und der Poesie , die Sonne in Menschengestalt , Phöbus Apollo , blickt er wie aus überirdischen Fernen nieder . Als dieses Antlitz im Theater della Scala in Mailand vor dem vornehmkühlsten Kritiker Frankreichs ( Stendhal ) an einer Logenbrüstung auftauchte , vergaß er , dem Schwanengesang Desdemonas zu lauschen , und blickte auf dies Wunderbild bis zuletzt . » Ja , « gesteht er , » ich war einen Augenblick enthusiasmirt . Nie hab ' ich Aehnliches geträumt . Stets wenn man das Wort Genie nennt , taucht dieser sublime Kopf in meiner Erinnerung empor . Es war das göttliche Bewußtsein der Kraft . « Und dennoch - so lieblich dies Lächeln , das in so joviales Gelächter wie das eines fröhlichen Schulknaben umschlagen konnte , so offen und frei der stolze Blick - auf der Majestät dieser hohen Stirn thront unsterbliche Trauer . Man gedenkt an den Lucifer , den Lichtbringer der Erkenntniß , vor dem Byrons » Kain « erstarrte : » Wer naht dort ? Die Gestalt gleicht der der Engel , doch wehmuthsvoller , düsterer ist der Anblick dieser Erscheinung vergeistigtester Geisteskraft . Was schaudre ich ? Was fürchte ich ihn mehr als andre Geister ? Doch scheint er ja viel mächtiger als sie alle , und schöner , aber doch nicht halb so schön , als er einst war und als er werden könnte . « ..... Unter den sechs Versammelten standen sich zwei Parteien gegenüber . Die bemerkenswertheste Persönlichkeit , ein kleiner Mann von sympathischem Aeußern , war kein Geringerer als Thomas Moore , der Nationaldichter Irlands . An seiner Seite stand Mr. Murray , der Chef des großen Verlagsetablissements , und sein Sohn und Thronerbe . Ihnen gegenüber Ion Cam Hobhouse , Baronet ( später Lord Broughton ) , als Testamentsvollstrecker und intimster ältester , Freund des Todten . Neben ihm zwei Weltmänner , Colonel Doyle als Vertreter der separirten Wittwe und Mr. Wilmot Horton als Vertreter der Schwester . Der Streit nahte seinem Ende . Die Hartnäckigkeit des hochangesehenen Mannes , welcher einzig und allein die Interessen seines verewigten Freundes verfocht , unterstützt vom - ihm selbst sehr gleichgültigen - Interesse der Wittwe , trug den Sieg davon . Folgendes war das Resumé , welches Mr. Hobhouse mit scharfer Bestimmtheit und Klarheit vom Stapel ließ : » Die Sache steht demnach so . Der Verstorbene hat in Venedig an Mr. Moore seine Autobiographie geschenkt und später aus Italien noch Vervollständigungen gesendet . Dies Dokument wurde , auf besonderen Wunsch des Dichters , von seinem Verleger Mr. Murray aus Moore ' s Händen für 2000 Pfd . Sterl . gekauft , mit dem Recht der Veröffentlichung . In seinem letzten Lebensjahr vor seiner Abreise nach Missolunghi ward aber mein Freund von wiederholten Zweifeln heimgesucht , ob die Publikation seinem Rufe zuträglich sein würde . Ich versichere auf mein Ehrenwort und gestützt auf vorgelegte Briefe , daß mein Freund die Absicht hatte , die Dokumente zurückzukaufen . Ich protestire also mit aller Energie als Testamentsvollstrecker des Verewigten gegen eine Publikation , die seinem Ruhme höchst nachtheilig sein kann . Ich halte das betreffende Manuscript für eine seiner ganz unwürdige Leistung und Handlung . Die nächste Verwandte , die Schwester meines Freundes , die ehrenwerthe Augusta Leigh , ist festiglich derselben Ansicht . Die Wittwe vertritt aus guten Gründen denselben Standpunkt . - Zu diesem Zweck hat der nun durch uns zur Erkenntniß der Sachlage gekommene Mr. Moore die betreffenden 2000 Pfd . Sterl . hiermit zur Rückzahlung angetragen . Sie aber , Mr. Murray , sind durch Ehre und Rücksicht auf das Andenken des illüstren Todten , unseres gemeinsamen verblichenen Freundes , gezwungen , die Dokumente hier in unserer Gegenwart vor Zeugen zu verbrennen . Daran ist kein Zweifel mehr . « - - Eine Viertelstunde später brannte der letzte Papierstreifen zu Asche . Mit einem Schauer düsterer Befriedigung glaubte der sensitive Moore auf den Zügen des Porträts ein triumphirendes Lächeln zu bemerken . - - Beim Hinabsteigen in den Flur aber flüsterte er leichthin in Hobhouse ' s Ohr : » Unleugbar war die Schilderung der Scheidungsgründe in jenen Dokumenten eine partheiische und voreingenommene . Aber - obwohl augenscheinlich mit bestem Wissen des Autors geschrieben - glauben Sie , daß diese Dokumente wirklich die volle Wahrheit enthielten ? « » Das weiß ich nicht , « war die kalte Antwort . » Ich meine , halten Sie so gewöhnliche und simple Ursachen wie Charakterunterschied u.s.w. für die Hauptgründe dieser berühmten Scheidung ? « Mit gefaßter Kälte blickte der lange Britte auf den kleinen Poeten herab , als er unerschütterlich ruhig antwortete : » Ich weiß nicht - vielleicht . « Aber Moore ließ noch nicht nach . » Sie wissen , daß ich gegen sie wahrlich keine freundlichen Gefühle hege und meinem edeln Freund stets die Heirath abrieth . Aber , Mr. Hobhouse , Ihre eigene Animosität gegen diese Frau - ist sie nicht durch Kenntniß irgend eines Faktums vermindert ? « Hobhouse zuckte die Achseln und machte eine abwehrende Bewegung : » Ich wüßte nicht . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Hier schließt die Einleitung , die zugleich den Epilog bildet , « schaltete Krastinik ein . » Jetzt beginnt die eigentliche Erzählung der Ehescheidungsgeschichte , welche nun Schritt für Schritt in Byrons Vergangenheit zurückleitet . « » Meine theure Lady Byron ! Der Apotheker und Arzt Lord Byron ' s nahm sich die Freiheit , den Instruktionen Ew . Ladyschaft folgend , denselben zu besuchen , mit der Intention , ihm Luftwechsel und Landaufenthalt anzurathen , jedoch den heimlichen Zweck im Auge haltend , den geistigen Gesundheitszustand des distinguirten Patienten festzustellen . Dr. Le Mann hat nun wohl selbst Ew . Ladyschaft die Mittheilung gemacht , daß er nicht den geringsten Anhalt zu der Annahme gestörter Gehirnfunktionen gefunden hat . - Nichtsdestoweniger ersuchte mich Lady Noël , in Gemeinschaft mit Dr. Baillie , dem berühmten Mediciner , Sr. Lordschaft eine Visite zu demselben Zwecke zu widmen . Zu unserer peinlichen Ueberraschung schien der edle Lord gar bald mit einer seines Genius würdigen Einsicht und Beobachtung die Absicht zu erkennen und , nachdem er uns in gemessener Weise kundgegeben , daß unsere Fragen ihm sonderbar frivol und zudringlich erschienen , bot er den sichersten Beweis seiner gesunden Geistesverfassung : Er befahl nämlich - um es deutlich zu sagen - dem Lakaien , diesen ungeladenen Besuchern über die etwas steile Treppe hinabzuleuchten . Völlig überzeugt von der Abwesenheit jeder Geistesstörung bei dem edlen Lord , erlaube ich mir die Betonung der Thatsache damit zu verbinden , daß die durchaus unentschuldbaren Rauheiten im Benehmen desselben Ew . Ladyschaft gegenüber doch durchaus nicht diejenige Grenze erreichen , wo eine Scheidung nothwendig scheint . So hoffe ich mich mit Sir Samuel Romilly , dem Sachwalter des edlen Lords , in Verbindung setzen zu dürfen , da es sich hier einfach um einen Versöhnungs-Fall handelt und wir leicht ein gütliches Uebereinkommen treffen werden . - Ew . Ladyschaft direkten Befehlen entgegensehend , bleibe ich Ihr ganz ergebenster Diener Dr. Lushington . « In diesem geheimnißvollen Stil eines Wilkie Collins ging die Sache nun weiter , bis die Advokatencorrespondenz mit einem mystischen Abendbesuch Lady Byrons bei ihrem Anwalt Lushington abbrach , worauf derselbe erklärte : nach einer neuen Mittheilung , die ihm erst jetzt offenbart sei , bestehe er auf sofortiger Scheidung . » Und der Grund ? « fragte Rother hastig . » Ja , sehen Sie ! « Krastinik blinzelte pfiffig , als wäre er schon ein alterprobter Schlauberger und Sensationswütherich , der zur Abwechselung mal die Geheimnisse Miß Braddons in zwanzig Bänden sammelt . » Da steckt eben der Haken ! « Rother , dessen litterarischer Geschmack über den eines » gebüldeten « Lesers in Deutschland nicht hinausging , fand diesen Anfang unendlich vielversprechend . » Wie spannend ! Nein wie spannend ! « rief er einmal über das andere . » Ich bin überzeugt , Herr Graf , jeder Redakteur würde Ihnen nach einem so spannenden Anfang das Werk aufs Geradewohl bestellen . « » Meinen Sie ? « fragte Krastinik halb geschmeichelt halb zweifelnd . » Bestimmt . Unsre Romane werden immer langweiliger , man schläft bald ein . Eugen Sue mag ja kein Ideal sein , aber man liest so etwas doch hundertmal lieber , als unsre deutschen Sachen ohne Handlung und Spannung . « » Jaja , die Handlung ist dem Verleger die Hauptsache und dem Publikum auch , « gab Krastinik zu , » das weiß ich wohl . Was kauf ' ich mir für die lange Psychologie , nicht ? « » Natürlich . Sie sind zum Romancier geboren . Sie Glücklicher ! Da können Sie bald ein reicher berühmter Mann werden . Und dazu Ihr Name , Herr Graf ! Wir haben schon verschiedene Grafen und Gräfinnen , die schreiben . Wenden Sie sich gleich an die große Firma Hallberger in Stuttgart . Ich kann Ihnen vielleicht eine Empfehlung geben , da ich mit Ueber Land und Meer in geschäftlicher Verbindung stehe als Illustrator . « » Meinen Sie also wirklich ? « Der edle Xaver fiel mit Heißhunger über den ehrlich gemeinten Köder her . » Nun , da wär ' es wohl das Beste , wenn ich mal selbst in Berlin Umschau hielte und mich mit Blättern und Bücherfirmen in Verbindung setzte ? « Ja , das kam Rother grade gelegen . Mit glühenden Farben malte er seinem neuen Freunde die Aussichten , die ihm winkten . Auch entwarf er ein lockendes Gemälde von Berlin . Ganz entscheiden wollte sich Krastinik noch nicht , doch neigte er sich dem Entschluß der Abreise zu , - um so mehr es ja in seiner Natur begründet lag , hastige plötzliche Entschlüsse zu treffen . Doch bat ihn Rother , als er ihn an jenem Tage verließ , nun definitiv sich zu entscheiden , da er bestimmt übermorgen nach Berlin zurückreise . - - Da half dem Grafen ein Wink des Schicksals aus seinem Dilemma . Denn , eben im Begriff sich für einen erneuten Besuch bei Egremonts zurechtzuputzen , erhielt er , auf elegantem Velinpapier mit Goldschrift gedruckt , die freudige Nachricht von dem geistigen Schutzpatron der » Britischen Aristokratie « , daß seine Tochter Alice sich mit Sir Thomas de Mowbray verlobt habe . Einen Augenblick fühlte sich Krastinik wie niedergeschmettert . Das Blatt entfiel seiner Hand , er sank auf einen Stuhl und starrte lange vor sich hin . Dann erhob er sich und stürmte ins Freie . Wie lange er so umhergewandert , planlos , irr , durch Parks und Straßen , - er wußte es nicht . Es war nach Mitternacht , als er , wie aus einem Traum erwachend , an dem Eingang einer Underground-Station stillhielt . Mechanisch löste er ein Billet , stieg die Stufen hinab , wo an jeder Seite lange Holztreppen in die ungeheure Halle hinabführten , und wartete auf seinen Zug . In dieser Nacht war er ein Andrer geworden . Der Stahl der Härte verschmolz sich dem ideellen Silber und dem materiellen Kupfer seiner Seele . Ueber die Falschheit der Welt kann man nur lachen . Ihr zürnen und sich über sie grämen , heißt ihr allzuviel Ehre erweisen . Der letzte Nachtzug brauste mit rothfunkelndem Laternenauge heran . Die hölzernen Wände und Treppen der Underground-Station blickten so dürr trübselig drein . Droben auf der Oberwelt heulte ein eisiger Wind . Matt blinzelten die Ampeln . Nur wenige Passagiere trotteten vorüber . Krastinik dachte an eine Nacht auf dem großen Bahnhof zu Perth . Nebel über den fernen Bergen , er ganz allein auf einer Bank . Vor ihm auf und ab spazierend nur ein amerikanischer Tourist mit Frau und Schwester , über der Schulter den buntgewürfelten Tartanplaid , der hier als Touristenmode gilt . Er hatte den Mann recht von Herzen beneidet , den Glücklichen mit zwei weiblichen Wesen an der Seite - er so ganz allein , fern der Heimath , einsam wie eine Distel auf Lammermoors Haide , auf die der Hochlandregen niederträuft . Und dann kam ihm wieder die Erinnerung an eine Nacht in der ungarischen Pußta hinter Großwardein , wo der Eisenbahnzug plötzlich hielt . Man hatte sich verfrüht oder verspätet und ein entgegenkommender Zug wurde signalisirt . So hielt man bange zehn Minuten an derselben Stelle . Die Schaffner liefen mit Laternen draußen auf und ab , unabsehbar dehnte sich zu beiden Seiten die Wüstenei und aus den Sümpfen kreischten unheimlich Wildgänse und Reiher im dunkeln Röhricht . Am andern Tage theilte Krastinik seinem » Kameraden « mit , daß er sofort morgen Abend mit ihm nach Berlin abreisen werde und bereits gepackt und die » Bill « bei seiner Wirthin erledigt habe . Zugleich machte er sich auf , um Dorringtons diese Mittheilung zu machen . Er ließ natürlich den Grund von Rothers Kommen im Dunkeln , that , als sei dies ein alter Bekannter aus Wien her , und entwickelte die litterarischen Gründe , die ihn nach Berlin trieben . Sogar Lady Dorrington billigte , was sie eine » zeitweilige und geschickte Entfernung « nannte . Sie äußerte sich sehr erbost über Miß Alice ' s schmachtende Falschheit , wie Frauen stets dasselbe Benehmen ihrer Schwestern shoking finden , das sie selber doch unter Umständen als echte Frauen in gleicher Weise betreiben würden . Weltklug rieth sie ihrem Neffen , erst aus Berlin seinen Glückwunsch darzubringen : da er schon verreist gewesen sei , ohne zu seinem Bedauern sich Egremonts empfehlen zu können , von plötzlichen wichtigen Affairen abberufen . » Man muß seinen Rückzug decken und seine Niederlage bemänteln , mein armer Xaver . « Dieser biß sich auf die Lippen . ... Krastinik schlug Rother gegenüber jetzt einen forcirt jovialen Ton an . Er glaube , es werde sich diesem alles zum Guten wenden . Uebrigens möge er nicht alle Hoffnung auf Kathi aufgeben . Der kleine Fleck in der Vergangenheit - was schade das ! Das bliebe ja unter ihnen drei - in der Familie . Sie sei ja sonst offenbar ein ganz famoses Weib . Rother liebe sie doch nun mal . Also nicht nachlassen ! » I was schadet ' s denn ! Ich beneide Sie darum . Enden Sie als Gatte einer dicken Gastwirthin , einfach lebend mit einem ruhigen Weib , die sich bescheiden von Ihnen bilden läßt . Solch ein derbes dummpfiffiges Küchenmensch paßt grade für Sie - Sie idealen Schwachmatikus , verzeihn Sie . Damit werden Sie eine gute Brut erzeugen - Darwinische Zuchtwahl . Hören Sie in mir den kundigen Thebaner ! Sie meinen , die Leute werden sich über Sie moquiren ? Pah , was geht Sie die Gesellschaft an ! Sie Glücklicher , Sie haben ja keine Rücksichten zu nehmen wie ich . Lägen dann die Neidhammel , die sich über Sie mokiren , nur in Ihrem Ehebett ! Ja , nur los , ich gebe Ihnen meinen Segen ! Nur hüten Sie sich , daß Sie nicht wie als Freier auch als Mann den blöden Corydon spielen - solcher Sentimentalität sind die Weiber und nun gar solche Weiber bald überdrüssig . « Aber Rother wollte jetzt von solchen Predigten nichts hören . Stumpf und begierdelos , schien er in nörgelnde Apathie versunken . Hatte er zu viel von dem ungewohnten London Fogg , dem dicken Nebel geschluckt ? » Ich will ewig reisen , und wenn ich auf Reisen bin , ärgere ich mich über die tausend Plackereien , die damit verbunden , « warf er mürrisch hin . » Pah , Sie sind jetzt eben in krankhaft grämlichem Zustand . Glück und Unglück wechseln , ebenso die Stimmungen der Seele in ewigem Ebben und Fluthen . Diese ewige Unzufriedenheit ... « » Nein , nein , es scheint noch etwas Anderes : ich leide an einer Nervenschwäche , die sich als unbestimmte Angst äußert . Ich fürchte alles Mögliche : Schmerz , Arbeit , Ueberarbeitung . Ja , ich bin überarbeitet ; ich glaube , ich muß in eine Kaltwasserheilanstalt . Ewig bohre ich mich in unliebsame Erinnerungen ein , fürchte mich - ich weiß selbst nicht wovor . « » Ja , das scheint ernstliche Psychose , « unterbrach ihn Krastinik wohlmeinend . » Sie müssen ' was für sich thun . Spleen ist schlimmer als alle Ueberarbeitung . Die fürchtet nicht der wahre Künstler . « Seine Stimme nahm unwillkürlich einen salbungsvollen Klang an , als ob er sich bereits mit dem » wahren Künstler « identisicire . » Ja , jede Minute benutzen , das ist das einzig Wahre , und ganz allein auf sich und den lieben Gott stehn . Lassen Sie doch die Quängeleien ! « Wer von Beiden war wohl der Dümmere ? Der Eine litt an unbefriedigter Ruhmsucht , der Andre an unbefriedigter Liebe . Krastinik kam sich aber gar schneidig und bedeutend vor , weil ihm Alice ' s sogenannte Falschheit nicht das Herz brach und ihm der Kopf von Ehrgeiz-Plänen brummte . Er erklärte jetzt , das wahre Glück in der Selbstbefriedigung vollbrachter Pflicht und Arbeit entdeckt zu haben , und citirte als Wahlspruch ein Impromptu : Gebt mir Donner , gebt Orkane . Nur nicht diese Windesstille Auf dem Lebensoceane . Denn zu kämpfen liebt der Wille . » Jaja , es ist wunderbar wie eine erfüllte Pflicht beglückt . Willenskraft , Energie - darin liegt Alles , « hob Krastinik wieder an . » Aber wie schwer ist ' s , sich zu erheben ! Die Indianer in Mexico bleiben in ihrem eigenen Kothe liegen , wie mir ein Reisender jüngst erzählte . Man prüft ja Aehnliches jeden Morgen im warmen Bett . Und in den alten Adam nicht zurückzufallen , wie unmöglich ! Da ist nun die Gesellschaft mit ihren tausend albernen Kleinlichkeiten ! Haben Sie eine ungeschickte Verbeugung gemacht , so ärgern Sie sich - nicht ? Und wenn Sie alle Weisheit der Vorsehung im Leibe hätten ! Statt aber schiefes Betragen zu bessern , erzielt man bei sich nur unfruchtbaren Aerger . So doktert man an Allem herum und spintisirt sich sogar vergangene Uebel schlimmer aus , als sie waren . « Rothers Mißmuth stieg nur durch diese Vernünftelei . Wenn man Andern seine Noth klagt , beweisen sie sogleich , dies sei nur eigene Schuld gewesen . » Eine Hölle auf Erden ! Tausend Nadelstiche ! Und Willenskraft - als ob ' s einen Willen gebe ! Wir werden unsre Thorheiten nicht los - die sind uns vererbt , und angeboren . Wie wir einmal hereinfielen , werden wir ' s stets . Wen einmal ein Weib dupirte , der wird stets aufs neue dupirt . Ich merke das , ich fühle das . « » Wohl wahr . Aber aus allem Mißglückten kommt doch irgendwas Geglücktes . Aus der Jagd nach dem Glück hat sich wohl Mancher schon Philosophie geholt . « So schwatzten sie immer weiter fort in die Nacht hinein . Je mehr man abführt , desto besser die Verdauung , meinen manche Leute . Je mehr man schwatzt , desto reger die geistige Verdauung . Aber sie führt gar leicht zu geistigem - Durchfall . Die Empfindsamkeit über die Weltmisère übte auf Rother eine vergiftende Wirkung : Sie bekehrte ihn zum Materialismus . Die elenden Erbärmlichkeiten einer unidealistischen Weltanschauung wuchteten ihn völlig nieder , wie denn wahrer Idealismus erst durch innere Ueberwindung des Materialismus errungen werden muß . Die Verzweiflung des Idealismus führt zum Leben , der materialistische Pessimismus zum Tod . Krastinik ermahnte ihn eindringlich beim Mittagessen , wo Beide wenig Appetit entwickelten , doch der Welt und ihren dummen Spottgrimassen dreist ins Auge zu sehn . Außerdem sei zehn gegen eins zu wetten , daß kein Mensch von Rother ' s Kathi-Tollheit etwas ahne . » Ach , die Welt weiß Alles , selbst unsre Lügen , « seufzte Rother . » Meinen Sie ? Meinethalben . Jeder muß eben sehn , wie er ' s treibe . Nie ist ein Mensch durch Disput mit Gegnern überzeugt , nie durch Andrer Warnung und Geschick bekehrt . Lebensklugheit suchen ist umsonst - sie ist wie das Glück , wie das Gefühl des Behagens , einfach da . « Beide versanken in ein düstres Sinnen . » Wie konnte ich nur - ! « fuhr es Rother heraus . » Ich muß mich schämen . Unerwiderte Leidenschaft für ein üppiges Weib ist doch lächerlich . « » Das finde ich nicht . Ob nun physisch oder psychisch , Hingebung ist immer schön . Nur egoistische Sinnlichkeit ist sündig . Ja , Du lieber Gott , die Liebe wird wie jedes Laster eine Krankheit , der man fröhnen muß . « » Ja , es ist gleichsam ein Faulheitszustand , aus dem man sich nicht aufraffen kann . Und die Strafe der Faulheit bleibt ja nie aus , in tausend albernen Formen , als Abhängigkeit von allen Außendingen . Nur das Innere , wenn man sich dorthin zurückzieht , ist fehlerlos während die Außenwelt unaufhörlich Fehler bringt . « » Sehr wahr . Ach , Fleiß ist die höchste Weisheit , Arzenei , Rettung , Genuß zugleich . Ja , wenn man sich einreihen könnte in die Schaar jener Künstler und Denker , die vor uns gestrebt und gewirkt ! « » Und statt dessen bohre ich mich ein auf einen Fleck in ewigem Brüten über Nichtigem ! Der gesunde Mensch sollte lieber jeden Tag als eine freie Gabe betrachten , für die er danken muß . Ja , was sind wir alle für thörichte elende Zeitvergeuder ! « Wie die Feuerpfeile , welche die Hindoohs durch die Luft schießen , um den Pfad ihrer Barken zu lenken , so beleuchtet manchmal eine jäh aufzuckende Augenblickserkenntnis die Nacht unklarer Empfindung . Am Spätnachmittag ( sein Zug ging abends , Route über Vließingen ) verabschiedete sich Xaver von seinem väterlichen Mentor . Dieser begleitete ihn eine Strecke weit nach Haus zurück . » Also Du reisest mit Deinem neuen Freund ! Gut , gut , auf Wiedersehen hier im Herbst . « Dorrington klopfte seinem jungen Freund auf die Schulter und sah ihn mit jenem herzlichen Wohlwollen an , das den Grundzug seiner edeln Natur bildete . » Ich verliere Dich ungern lange . In meinem Alter ! Wer weiß , ob man sich wiedersieht ! Ich für meinen Theil gehe jetzt bald aufs Land . Ein Buchenwald mit seinen weißen Stämmen macht einen ruhigen Eindruck . Was soll mir all der Kultur-Kaleidoskop ! « » Ich schreibe Ihnen jede Woche zweimal , mein theurer väterlicher Freund . Nie werde ich Ihre Güte vergessen . « » Ach , tutut ! Larifari ! Ich hab ' Dich gern und will Dir wohl und Dich zu fördern macht mir Vergnügen . Das ist der reine Egoismus ! « » Sie und Egoismus ! « lächelte Krastinik . » Pah , Egoismus ist die Triebfeder all unsrer Handlungen . Man schwatzt von Philanthropie - was soll das ! Das Wohlthun erregt dem Einen ein eben solches Lustgefühl , wie dem Andern die Befriedigung seiner Bosheit . « » Ja , wenn Sie ' s so nehmen ! Aber was bleibt denn da übrig ! Wo finge dann die Tugend an ! Verfeinerter Egoismus steckt natürlich in Allem . Der Märtyrer am Brandpfahl pflegt den verfeinerten Egoismus , sich über die Welt erhaben zu fühlen . Auch das ist ein Lustgefühl . « » Sehr gut . « Dorrington wiegte beistimmend sein ehrwürdiges Haupt . » Du fängst an , zur Erkenntniß zu gelangen . Fahre so fort ! « » Aber nein doch ! Sie als Prediger der Selbstsucht - das widerspricht ja Ihren eignen Theorieen . Und überhaupt , mir scheint diese kalte Vernünftelei doch anfechtbar . Ist der Mensch nicht von Natur gut , selbstvergessend ? Sobald man Jemand ertrinken sieht , heißt uns der Instinkt nachspringen , also etwas Unselbstisches . Erst die Berechnung und Ueberlegung läßt uns stillestehn . Wie kommt das ? Des normalen Menschen Gewissen ist also von Natur edel und gut . « » Gewissen ? Was ist das ? Die Philosophie hat längst festgestellt , die Psychologie längst deducirt , daß dies Gewissen uns anerzogen wird . « » Das glaub ich nimmermehr . Das Gewissen ist der große Unbekannte , der unbekannte Gott , etwas Transcendentales . Dies ethische Prinzip ist jedem Menschen eingeboren . « » Dann ist ' s also doch nicht transcendental . Was wird dann damit , wenn der Mensch stirbt ? « » Das können wir nicht wissen - wenigstens , sobald wir die Unsterblichkeit leugnen . « » Das Gewissen soll also jedem Menschen eigen sein . Dann trüge es ein individuelles Gepräge . Und doch soll ' s ein allgemeines Prinzip sein ? « » Es ist kein individuelles Prinzip . Sondern das Gewissen , das Unbekannte , Unbewußte , ist das Prinzip der Existenz selbst . Es lebt in jedem Lebewesen als ein Theil des großen ethischen Gesammtprinzips . So erkläre ich mir das . « » Und doch tritt ja das Gewissen bei jedem Lebewesen verschieden auf , je nach Erziehung und Abstammung . Der Eine hat ein zartes , der Andre ein hartes Gewissen . Und seine Gebote - ändern sie sich nicht nach Zeit und Ort ? Was bei uns als Verbrechen gilt , mag im Orient oft Sitte gewesen sein . « » Möglich . Ich erinnere mich , daß ich als Kind weinend zu meiner Mutter kam , weil ich mit Steinen werfend unversehens einen Vorübergehenden getroffen hatte . Es war nicht Furcht vor Strafe , sondern die Reue , einen Menschen verletzt zu haben . « » Gute Race ! « erklärte Dorrington kaltblütig . » Die Knaben des Pöbels , welchen Thierquälerei einen Hochgenuß bereitet , würden in solchem Fall über Deine Dummheit lachen . Es ist alles Abstammung . Freilich , gute Race - hm , hm ! Wer weiß , ob unser Idealismus - ich war mein Lebtag ein eben solches Kind und bedaure in Dir meine eigne Schwäche - nicht eine physisch schlechte Race andeutet ! Unsre Eltern haben an einer Art Psychose gelitten , an allzu zarter Feinheit des Nervensystems , waren nicht normal gesund d.h. brutal-egoistisch , als wir gezeugt und geboren wurden . Der Idealismus ist eine Krankheit ; davon laß ' ich mich nicht abbringen . « » Meinethalben ! « Krastinik seufzte tief auf . » Aber was hilft ' s , das zu wissen ! Damit kommen wir keinen Schritt weiter . Wir müssen ja doch das Leben ertragen , wie ' s einmal ist , und unsre idealen Forderungen verkneifen . « » Ja , bis der Tod uns kneift . « Der Alte gähnte leicht und schüttelte sich , wie in einem Gefühl des Unbehagens . » Und um ' s erträglicher zu machen , hat man sich die Mär von der Unsterblichkeit erfunden . Das ist auch so eine Art Größenwahn des Menschen . Endlich sollte die Naturwissenschaft ihn doch belehrt haben , was für ein Wurm er ist . Wahrhaftig , man sollte denken , daß Dein eingeborenes Prinzip beim Menschen nichts andres als der Größenwahn ist ! ! Erst dachte er sich Sonne , Mond und Sterne um seine winzige Erde hertanzen