krachen ... « Und der Herr Kommerzienrat war sanft eingenickt . Er hatte den Mund mit den gelben , angefaulten Zähnen halb offen und schnarchte seinen gediegenen Nachmittagsschlaf . Auf der Maximilianstraße klingelte die Pferdebahn , an der Quaistraße rauschte die Isar , im ersten Stock verklimperte Miß Vivian gar gefühlvoll ihre Seele im Wagner ' schen Siegfried-Idyll ; durch das offene Balkonfenster über dem Garten flutete Frühlingshauch und Sonnenduft in linden , würzigen Wellen herein : Raßler schlief in seinem weichgepolsterten Amerikaner wie ein feister seliger Engel im Paradies . Nicht einmal der Anflug einer bösen Traumeslaune wagte ihn heute zu stören ... Und wie er dalag , in holder Bewußtlosigkeit das stilwidrigste Inventarstück seines stilvollen Salons ! Wie er schnarchte und dünstete ! Keine Angst : die Verdauung war wieder wundervoll in Ordnung . Der große Kunstmäzen , als welchen er sich mit Hochgenuß preisen hörte , war vor allem ein großer Künstler im Essen und Trinken . Sein Wahlspruch : » Sehr gut und sehr viel ! « Und heute war das Menü wieder geradezu erhaben gewesen . Krammetsvögelsuppe von göttlichem Wohlgeschmack . Poularde mit frühem Riesenspargel aus dem Süden von überwältigender Qualität . Und das Übrige ! Und das Unsagbare zum Nachtisch ... » Er schnarcht wie ein Sägebock , « spottete die Gusti und legte die Korrespondenz nebenan auf das japanische Serviertischchen . » Der platzt doch noch in seinem Dickwanst ... « Dann huschte sie auf den Zehenspitzen wieder hinaus . Es war keine Zofe mehr in gefährlichen Jahren . Eine Art von abgelagertem weiblichen Faktotum , ebenso allwissend in allen intimen Hausangelegenheiten wie ein Beichtvater in den Sündhaftigkeiten seines Sprengels , und dabei ein seltsames Gemisch von diskreter Unverschämtheit , treuherziger Dienstgefälligkeit und schlauer Berechnung des eigenen Vorteils . Jedermann im Hause schwor auf ihre Zuverlässigkeit , und niemand schwor falsch . Gusti war eine abgefeimte Diplomatin - und , wie alle Diplomaten , wenn ' s schief ging , nie um eine gute Ausrede verlegen . Der Herr Kommerzienrat hatte sie aus seiner ersten Ehe , wo sie als Kindsfrau dem kleinen Eugen ihre Wärterdienste leistete , in die zweite Ehe mit herüber genommen . Die zweite Ehe war seither unfruchtbar geblieben ; Frau Leo Raßler , keiner Kinderwärterin benötigt , erhob die gewandte Gusti zur Würde einer Zofe - was aber kaum mehr als eine Sinekure bedeutete , da die neue Gnädige merkwürdigerweise ihre Leibesbedienung selbst besorgte . Gusti machte sich im Hause nützlich , wo sich irgend eine Gelegenheit bot . Sie war die Vertraute beider Gatten , bis zu einem gewissen Grade , und sie hatte dabei für jeden ein besonderes Ohr und eine besondere Zunge , wobei sie mit großem Geschick jeder Verwechslung gewachsen war . Nie war ihr in diesem Punkte bis jetzt ein Unfall passiert . In der ersten Zeit seiner zweiten Ehe , so vor vier , fünf Jahren , hatte der Herr Kommerzienrat sehr viel auszustehen , bis er sich einigermaßen in das fremdartige Wesen seiner neuen Gattin eingelebt . Gusti griff ihm bei diesem Anpassungsprozeß wacker unter die Arme mit dem Schatze ihrer Erfahrungen und ihrem Instinkte für absonderliche Weiberlaunen und deren oft noch absonderlicheren Art der Befriedigung . Daß sie oft fehl griff , lag an den Umständen , nicht an ihrem Witz und Willen . Wenn ihr der Kommerzienrat sein Leid klagte , daß Frau Leopoldine doch gar so kühl und verschlossen gegen ihn sei , daß er so wenig zärtliches und in der Zärtlichkeit erfinderisches Entgegenkommen bei ihr finde , daß sie die Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten so widerwillig und träge , zuweilen sogar unter Widerspruch betreibe und immer neue Ausflüchten ersinne , um seinen Intimitäten zu entschlüpfen , kurz , daß sie ihn auf die schnödeste Weise behandle und seine Liebe nur wie mit Almosen erwidere , die man einem elenden Bettler hinwirft , um Ruhe vor ihm zu bekommen : dann lächelte Gusti spitzbübisch : » Sie fassen die Sache auch gleich zu tragisch auf , gnädiger Herr ; Ihre Frau ist nun einmal anders als die andern , deswegen dürfen Sie nicht verzweifeln . « » Kalt ist sie wie ein Eisblock , « antwortete Raßler bekümmert . » Dann müssen wir den Eisblock aus Feuer bringen . « » Aus Feuer ! Wenn er sich nicht von der Stelle rührt ! Wenn er daliegt wie angefroren ... « » Dann bringen wir das Feuer zu ihm , wir erhitzen die Luft . « Raßler schüttelte den Kopf : » Du redst dummes Zeug Gusti . Das macht der Liebe kein Kind . « » Freilich nicht , wenn Sie sich immer so abschließen , keine Gesellschaften geben , keinen ordentlichen Menschen zu sich einladen , nichts als so grauslich ernsthafte Gschaftlhuber ... Da wird jede Frau verdrossen , besonders eine so junge und schöne wie die Frau Kommerzienrat . Ein solches Kleinod sperrt man nicht in die Truhe . Da verliert ' s seinen Glanz . Das muß aus Licht , dann funkelt ' s und erfreut das Herz . « » Ja , das Herz der anderen . « » Was liegt daran ? Besitzer bleibt man doch und hat im Besitz den schönsten Genuß davon . Na , die Eifersucht , die läßt freilich keinen gescheidten Gedanken aufkommen . « » Ich bin neugierig auf Deinen gescheidten Gedanken . « » Laden Sie Ihre jüngeren Freunde ein , machen Sie wenigstens einmal in der Woche einen lustigen Abend , wo man sich zu einem Spielchen zusammensetzt oder musiziert und tanzt wie in den andern vornehmen Häusern ... « » Jüngere Freunde ! O Du Schlange , sag ' doch gleich Verehrer und Liebhaber ! « pustete der dicke Kommerzienrat . » Ei freilich , na , was wär ' dabei ? Jede schöne Frau von Stand hat ihre Verehrer . Das bringt die Damen in guten Humor und frischt ihre Laune auf - und schließlich schöpft der Mann als der einzig wirkliche Liebhaber den Rahm ab . Jessas Maria , daß doch manche Männer gar so vernagelt sind und so blind ... « In einigen weiteren Geheimsitzungen verfocht die schlaue Gusti ihren Vorschlag so gut , daß dem Kommerzienrat ein Brett ums andere vom Kopf und eine Schuppe nach der andern vom Auge fiel . Er wurde so frei und so hellsehend , daß die lustigen Abende und Jourfix bei Raßlers bald zum Stadtgespräch wurden . » Liebhaber-Vorstellungen « nannte sie zwar die Bosheit der Krähwinkler , » Rekruten-Musterung « die Offizierskasino-Médisance , » Hornvieh-Rennen « die Hintertreppen-Flegelei , aber die Hauptsache blieb doch , daß der Herr Kommerzienrat an der Sache Vergnügen fand und munter des Glaubens lebte , zur Aufheiterung seiner so ernsten und nachdenksamen Leopoldine das rechte Mittel gefunden zu haben . Obwohl die Frau Kommerzienrat anfänglich von dem Einfall ihres täppischen Grandseigneur-Nachäffers überrascht war und sich gegen die Fortsetzung dieser gewaltsamen Erheiterungsversuche sträubte , so glaubte sie doch , es dem Ansehen ihres Eheherrn schuldig zu sein , die Honneurs des Hauses mit dem vollendeten Maskenspiel der Weltdame zu machen . Ihr Herz blieb unbeteiligt . Keiner der zahlreichen Gäste aus dem Kaufmanns- , Künstler- und Beamtenstand , so gewandte Kurmacher auch darunter waren , konnte sich eines tieferen Erfolges bei der seltsamen Frau erfreuen . Nichtsdestoweniger trieb die Geckeneitelkeit manchen zu der schurkischen Koketterie , im Kreise seiner Stammtischbrüder mit ahnungsvollen Anspielungen auf genossene Bevorzugungen und Triumphe die Geschichte seiner galanten Abenteuer als unwiderstehlicher Schwerenöter zu erweitern . Besonders der im Rufe eines treffsicheren Frauenjägers und Unschuldmörders stehende Parklas , Beamter im statistischen Büreau , dessen breites , blondbebartetes Maul stets vom Honigseim ranziger Galanterieen triefte , rühmte sich bei seinen Zechgenossen , daß er ein neues Leben begonnen habe : Frau Raßler habe ihm den Geschmack an seiner Spezialität , immer einige zierliche Theatermäuschen an seiner liebegeschwellten Brust zu hegen , ganz und gar abgewöhnt , seit ihn die Sphinx selbst an ihren rätselvoll heißen Busen genommen und mit ihren Löwentatzen halb totgedrückt . Die ganze freiwillige männliche Prostitutions-Kohorte kam darob in Aufruhr : Frau Raßler ! lautete fortan ihre geheime Parole . Frau Raßler selbst in ihrer festen Gefühlsumzirkung , welche noch auf den Rechten wartete , dem das Schicksal die siegreiche Grenzüberschreitung zugesprochen , hatte keine Ahnung von dem Unfug . War doch von je die männliche Prostitution , welche sich gelegenheitslauernd in Häusern und Gassen , auf Promenaden und geselligen Ausflügen herumwälzt , um als williges Werkzeug sinnlicher Befriedigung den zügellose Weibern zu dienen , ein Gegenstand lebhaftesten Abscheus für sie gewesen . Wie viele Verführer hatten schon mit brünstigem Zuwinken und Bocksgemecker ihren Lebensweg umdrängt ! Aber was lag ihr an diesen Hundenaturen ? Wie oft hatte sie ihrer Freundin Bertha , dieser lüsternen und neidigen braungefleckten Tigerkatze , die ehrliche , aber nie geglaubte Versicherung gegeben , daß alles , was gewöhnliche Frauen von ungestümer Sinnlichkeit zu Falle bringt : ein hübsches Gesicht , ein starker Nacken , ein fesches Bein mit muskulösen Schenkeln , ein appetitliches Fell , ein von innerem Feuer ausgeglühter Teint , ein bald keckes , bald zaghaft glitscheriges Auftreten u.s.w. keine Gewalt über sie habe . Ja , diese vielerfahrene Bertha , deren zweites Wort war : Willst Du die Wahrheit über die Männer wissen , so frage mich ! - Diese schlanke Forstmeisterswittib , die im Wald und auf der Haide , im Salon und in der Dachkammer , im Patschuliduft wie im Mistgeruch mit dem Ewigmännlichen experimentiert hatte , ohne den Schein der ehrbaren Frau der Welt gegenüber preiszugeben : sie hatte ihre liebe Not mit ihrer alten Pensionsfreundin Leopoldine . Einmal kam eine große Singhalesentruppe nach München . Wochenlang produzierte sie sich in einem Zeltlager auf der Theresienwiese . Die dunkelhäutigen und dunkeläugigen Kerls mit ihren schlangenglatten Leibern und bald träumerisch lässigen , bald leidenschaftlich sprunghaften Bewegungen hatten die ganze Münchener Damenwelt rebellisch gemacht . Frauen vom hohen Adel und Frauen des Erwerbsstandes sahen sich die Augen aus dem Kopf nach diesen asiatischen Wildlingen . Bertha war aus Rand und Band vor exotischer Nächstenliebe ; einmal wäre sie und eine blonde Bräumeisterin beinahe im Zeltlager übernachtet , wenn der Aufseher sie nicht entdeckt und mit Gewalt hinausbefördert hätte . Diese halbnackten Singhalesenjünglinge , deren Gewandung , Gang und Reitkunst bald die Beine bis hoch zu den Schenkeln hinauf entblößt zeigte , bald den schmalen , biegsamen Oberleib enthüllte und die edelste Muskulatur den bewundernden Blicken darbot ; diese Söhne einer fremden Natur von unverbrauchter Kraft , von verheißungsvollstem leidenschaftlichen Elementarismus : wie wußten sie schon durch den Gegensatz zu der schweren , umständlichen Männlichkeit Bierbajuwariens die sinnlichen Weiber zu entflammen ! Zigarren , Näschereien , kostbare Andenken wurden den Fremdlingen heimlich von den Damen zugesteckt als Gegenleistung für das nervenerregende Schauspiel , für einen lodernden Blick aus den indischen Samtaugen , für eine flüchtige Belastung , für einen sehnsüchtigen Händedruck . Bertha ließ ihrer Freundin Leopoldine keine Rube , sie mußte mit ihr hinaus , die Männerwunder einer fremden Zone auf der Theresienwiese zu betrachten . Bertha entschied sich zuerst für einen jungen Zauberer , dann für einen grotesken Teufelstänzer , dann wieder erkannte sie den Preis sieghafter Männlichkeit einem Priesterjüngling zu ; zuletzt blieb sie bei einem märchenhaft zarten Menschen stehen , der auf einem kostbar gesattelten Elefanten unter einem roten Baldachin ritt . » Was meinst Du ? Welcher wäre Dir der schönste und begehrenswerteste ? « fragte sie wild umherhastend mit den Augen , deren Sehkraft sie noch mit dem Opernglas verstärkte . Leopoldine : » Da könnte man ebenso gut fragen : welchen Insassen eines Affenhauses ich schön und begehrenswert fände . Interessant ist schließlich alles . Als Schaugericht kann man sich diese Kerls gefallen lassen . Sonst versteh ' und will ich nichts davon . « Beim Fortgehen drückte Leopoldine einem kaum zweijährigen , trotz der warmen Umhüllung fröstelnden , hüstelnden Singhalesenkind ein Silberstück ins grauschwarze Händchen . » Das arme Ding sieht seine Heimat auch nie wieder . « Nachdem der Singhalesenransch verraucht war , trat für Bertha die europäische Kultur mit ihren zahllosen Männertypen wieder ins Vordertreffen . Es war auf der internationalen Kunstausstellung im Glaspalaste . Die Damen promenierten im Ehrenpavillon ; der Springbrunnen warf seine Wasser durch Tannenwipfel und sing sie plätschernd in Felsenbecken auf ; hinter einem Boskett schmetterte die Regimentsmusik . Die Rendezvous-Stunde der vornehmen Welt . » Ach , Leopoldine , sieh doch den dort , mit dem schwarzen üppigen Vollbart , wie muß der auf der Brust und überall behaart sein , ganz zottelig , schau , den möcht ' ich haben ! « Und Leopoldine kalt : » Der oder ein glattes Milchschwein - mich lockt wahrhaftig nichts von dieser Sorte ; ich wünsche Dir viel Vergnügen . « Und Bertha darauf : » Ja , ich weiß , Du suchst den keuschen Mann , ein Geschöpf , das nie existiert hat und wenn es existierte , das Dümmste und Unausstehlichste wäre , was ich mir denken könnte ... « » Und Du den Salonlöwen , der seine parfümierte , an allen Ecken und Enden schon ramponierte Männlichkeit mit faunischem Grinsen Dir auf dem Präsentierteller entgegenträgt - und dann wieder den Bettler , dessen Fleisch Dir aus den Fetzen seines Gewandes lüstern zuwinkt , während seine scheue Miene mit niedergeschlagenem Blick ein Almosen heischt - geh ' mir , der eine wie der andere ist der süßen Geheimnisse einer glühenden Umarmung gleich unwert ... « Dann fauchte Bertha , daß ihre scharf geschnittenen Nüstern über den sinnlich geschürzten Lippen bebten : » O , ich weiß , der Gegenstand Deiner Passion sind unverdächtige , zurückhaltende Individualitäten , an denen sich die sexuelle Neugierde die seltsamsten Befriedigungen verspricht , ich weiß , ich weiß ... « » Nichts weißt Du ! Wie frivol , mir solche Dinge zuzutrauen ! « Gewiß , Frau Bertha wußte trotz aller eigenen Erfahrungen die Natur ihrer Freundin nicht zu deuten . Diese wußte es aber ebenso wenig . Sie war sich in der Liebe selbst ein Rätsel . Vor lauter verhaltener Sinnlichkeit kam sie nicht zur landesüblichen Befriedigung der Sinnlichkeit . Sie jagte dem Phantom einer Liebe nach , das ein Wunder bewirken sollte . Sie fühlte , daß in der Sinnlichkeit ein hohes Menschheitsideal verwirklicht werden könnte , aber sie fand nicht den Mann dazu . So lebte sie ihre erste Jugend in erzwungener Keuschheit dahin , vegetierte in zielloser Sehnsucht , die verschlossenen Samenkörner einer traumhaften Liebe in der einsamen Seele . Oft hatte sie sich den Tod gewünscht . » Was wird aus mir werden ? « fragte sie in bangen Stunden und brach in heißes Schluchzen aus . Dann betrachtete sie sich wieder im Spiegel oder betastete sich auf ihrem öden Lager in verschwiegener Nacht und seufzte : » Es ist schade um mich ... « Und sie konnte sich nicht helfen . In der Pension , wo sie als die Waise eines wenig bemittelten Hofrats von den wohlhabenden Schülerinnen , deren Eltern im Fett reichen Erwerbes schwammen , ohnehin mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt wurde , hatte sie sich inniger an Bertha v. Starkloff angeschlossen und in naiver Hingabe deren ausschweifende Phantasieen geteilt . Sänger , Schauspieler , Dichter , Maler , welche durch ihre öffentlich ausgestellten , recht lecker zugerichteten Photographieen den Verehrungssinn der jungen Damen erhitzt und entflammt hatten , wurden mit bewundernden Briefen und Gedichten heimlich bombardiert . Leopoldine verübte für ihre Freundin Bertha manche liebestammelnde Reimerei , welche diese mit einem fingierten Namen unterzeichnete und zur Anbahnung einer schwärmerisch erotischen Korrespondenz an die rechte Adresse beförderte . Gar mancher von den jungfräulich angedichteten Künstlern fühlte sich so tief in seiner männlichen Eitelkeit geschmeichelt , daß er in entzückten Briefen antwortete , seine Photographie beifügte und sich zu einem Stelldichein bereit erklärte . Ein ebenso geckenhafter als erzdummer mit Familie gesegneter Opernsänger reagierte auf diesen Pensionatskultus in so beharrlicher Weise , daß die Institutsvorsteherinnen von dem Unfug Wind bekamen und , um ein Exempel zu statuieren , die Unschuldige mit der Schuldigen , Leopoldine mit Bertha aus der tugendsamen Anstalt entfernten . Bertha Starkloff genas bald darauf bei einer hilfsbereiten Frau , die sich in den Inseratenblättern den nach zeitweiliger Zurückgezogenheit sich sehnenden Damen nachdrücklich zu empfehlen pflegte , eines Knäbleins . Das kleine Geschöpf hatte aber kaum das Licht der Welt erblickt , als es sofort den Geschmack daran verlor und sich stracks aus dem Staube machte . Bertha kehrte blaß und keusch aus der Zurückgezogenheit in das Getümmel des Lebens zurück und beglückte einen gutmütigen ältlichen Forstmann mit ihrer Hand und anderen hübschen Sachen . Um ihre arme Freundin Leopoldine Klebnikow kümmerte sie sich jahrelang nicht mehr . Nachdem für Leopoldine die ersten schmerzlichen Folgen jener theatralischen Pensionats-Katastrophe überstanden waren und sie selbst den Weg zur Bühne versuchsweise gefunden hatte , trat eine neue Wendung in ihrem Leben ein . Eines Tages , als sie von einer Theaterprobe heimkehrte , wurde sie unter ihrer Hausthüre von einer fremden , anscheinend vornehmen und würdigen Dame von äußerst zutraulichen , gewandten Manieren angehalten und zu einer Besprechung an einem dritten Orte , einer kleinen Villa in einem Garten an der Briennerstraße , eingeladen , unter der Bedingung , die größte Verschwiegenheit zu beobachten . Die Dame nannte keinen Namen , keinen näheren Zweck . Sie begnügte sich nur , wiederholt zu versichern , daß die wichtige Unterredung , wenn sie zur Zufriedenheit ausfalle , für Fräulein Leopoldine von den glücklichsten und angenehmsten Folgen sein würde . Jede Gefahr sei ausgeschlossen . Die Diskretion verbiete ihr , mehr zu sagen . Fräulein Leopoldine möge Ja sagen , alles übrige werde sich finden . Zögernd gab Leopoldine ihre Zusage . Warum ? Was trieb sie zu dem Abenteuer , das eine fremde Dame mit ihr einfädeln wollte ? Sie wußte es selbst nicht , woher und wie es plötzlich über sie gekommen , diesem Kitzel der Neugierde nachzugeben . Daß irgend ein Mann im Spiele sei , ahnte sie natürlich sofort . Diese Ahnung verstärkte den abenteuerlichen Reiz . Etwas Unerklärliches , Überraschendes ! Eine Begegnung mit einem geheimnisvollen Märchenprinzen ? ... Sie hatte eine schrecklich unruhige Nacht ... Ohne daß Mutter und Bruder davon erführen , hielt Leopoldine Wort . In sehr aufgeregtem Zustande kam sie in das bezeichnete Haus - sie schützte daheim Theaterprobe vor - und wurde von der fremden Dame mit bestrickender Liebenswürdigkeit empfangen . » Himmlisch , daß Sie gekommen sind , ich fürchtete fast schon , daß Sie mich umsonst warten ließen . Aber dann sagte ich mir : nein , sie ist viel zu nett und zu klug , ihrem Glück aus dem Wege zu gehen , auch wenn es sich unter ungewöhnlichen und geheimnisvollen Umständen ankündigt . Ich bin entzückt , Sie zu sehen . Lassen Sie sich umarmen ! Und nun zur Sache ! « In den knospentreibenden Bosketts des Gartens flüsterte der Frühling , aus den Wipfeln der Ahornbäume rief die Amsel , aus den Veilchenbeeten wehte süßer Duft . Dazu das hohe Gemach mit der kostbaren Vertäfelung , den schweren Teppichen , auf welchen das Geräusch der Schritte erstarb , den Portièren und dichten Vorhängen , welche nur spärliche Helle eindringen ließen , und den künstlich bereiteten Wohlgerüchen , welche betäubend den wohlig schlummernden Raum erfüllten : das alles vermehrte Leopoldinens Aufregung . Bald überkam es sie wie eine schmerzlich süße Betäubung , welche jeden Willen lähmte , dann wieder wie Gewissensangst und Mahnung , doch ja auf ihrer Hut zu sein und jeder Überrumpelung ihrer Sinne zuvorzukommen . Ihr Blick verschleierte sich , ihr Herz schlug bis zum Halse herauf . Die Dame redete in sie hinein mit den holdesten Worten der Verführung . Bei diesem Wortgeplätscher fuhr Leopoldine plötzlich auf wie aus einem Traume . Am liebsten wäre sie davongeeilt . Allein aus dem Banne der funkelnden Schlangenäuglein der zärtlichen Dame gab es kein Entrinnen . Mit dem Blicke drückte sie Leopoldine auf den schwellenden Sitz des niedrigen Eckdivans . Sie setzte sich an ihre Seite und faßte ihre Hand . » Ein hoher Herr verehrt Sie , bewundert Sie , liebes Fräulein . Seine Stellung verbietet ihm , sich Ihnen in der gewöhnlichen Weise zu nähern und Ihnen seine Gefühle auszudrücken . O fürchten Sie nichts ! Seine Absichten sind die edelsten . Er leidet schwer unter der Entsagung , welche ihm sein Lebensstand auferlegt , unter der Zurückhaltung , welche ihm seine hohe Würde gebietet . Und er fühlt so heiß für Ihre Schönheit , Ihre Jugend , Ihr Talent ... Erweisen Sie sich ihm freundlich , großmütig ... « » Es ist doch nicht ein - « » Ein geistlicher Herr , wollen Sie sagen , liebe Seele ? Und wenn ? Und der höchsten geistlichen Aristokratie angehörend und aus dem Wälschlande stammend , wo eine feurigere Sonne scheint , als in unserem trüben Norden ? Ein genialer Freund aller Kunst und Schönheit , dem auch unter dem priesterlichen Kleide das Herz für die Wunder reiner Liebe schlägt ? Schreckt Sie das ? Ich will Sie zu ihm geleiten ; Sie sollen ihn zunächst nur sehen und ihm Ihren Anblick verstatten . Was ihm ein Fest der Augen , soll Ihnen eine Gelegenheit zur Prüfung sein ... Gefällt er Ihnen nicht , je nun , Sie sind frei , Ihre Meinung zu äußern und zu thun was Ihnen beliebt . Ich will Sie zu ihm geleiten ... « » Heute ? Jetzt ? O Gott ! « » Diesen Augenblick ... Ach , da ist der hohe Herr selbst . Ich ziehe mich zurück . Seien Sie recht , recht gütig mit ihm ... « Leopoldine hat später die Szene ihrem alten Beichtvater zähneknirschend mit allen Einzelheiten geschildert und nicht achtend der väterlichen Abwehr des entsetzten ehrwürdigen Greises mit den bitteren Worten geschlossen : » So , da habt Ihr Euere Heiligkeit in Kirche und Haus - ! Rein und weiß wie das Kaschmirkleid , das ich an jenem verdammten Tage trug , war mein Herz , und besudelt habe ich die Stätte verlassen , in die mich wälsche geistliche Wollust gelockt , um mich meines köstlichsten Gutes , der Unschuld , mit den Teufelskünsten eines ausstudierten Don Juans zu berauben . « Und als sie einige Jahre hernach dem nämlichen würdigen Seelenarzt als verheiratete Frau Kommerzienrat ihre Osterbeichte ablegte , schloß ihr Schuldbekenntnis nicht weniger bitter : » Was der geweihte Zölibatär an mir begonnen , hat der Weltmensch in kirchlich eingesegneter Ehe an mir vollendet ; wenn meine Phantasie vergiftet ist , werfen Sie den Fluch nicht allein auf das sündige Weib , dem Gott in Zukunft gnädiger sein möge , als er ' s in der Vergangenheit gewesen . Wenn der Himmel das Herz eines Weibes verderben will , gibt er sie einem thöricht schamlosen Manne zur Gattin . « Einmal , in einer Plauderstunde mit Bertha , als diese die Künste der Männer analysierte , ernsthafte und scheue Frauen zu willigen Werkzeugen sinnlicher Gier zu machen , fand Leopoldine das harte Wort : » In der Liebe scheinen Götter und Bestien Brüder zu sein . Und da soll ein Weib seine Ehre wahren ! « Da wurde Bertha Feuer und Flamme . » Weißt Du , Leopoldine , wer meiner jugendlichen Unerfahrenheit in bezug auf den Umgang mit dem männlichen Geschlecht eigentlich die unverschämteste Aufklärung gegeben hat ? Du wirst ' s nicht glauben : ein Geistlicher im Beichtstuhl , ein fetter Mönch in den Dreißigern . Ich habe niemals in den verrufensten Büchern so schamlose Dinge gefunden wie ich sie als frühreifes fünfzehnjähriges Mädchen im Beichtstuhl zu hören bekam . War das ein Lasterkasten ! Als ich alle seine anzüglichen Fragen , die mir das Blut in die Wangen trieben und mich furchtbar aufregten , mit gutem Gewissen verneint hatte , sagte der Mensch , das sei keine Tugend , ich soll ' s erst einmal probieren - und erst wenn ich aus Erfahrung die wunderbar süße Sünde und das unbeschreibliche Vergnügen , das der geschlechtliche Umgang gewähre , kennen gelernt und dann in Zukunft jedem unerlaubten Genusse mit klarem Bewußtsein aus dem Wege ginge , dann erst könnte ich mich der Tugend rühmen . Unerfahrenheit sei keine Tugend . Hierauf beschrieb er mir , wie ich mich auf diese sündige Lustbarkeit zunächst auch ohne Liebhaber genügend vorbereiten könne . Es war ganz unglaublich . Zuletzt bot er sich in unzweideutiger Weise selber an , diese meine Vorstudien zu leiten ; ich solle ihn einmal besuchen ... Ich habe noch ein in Goldschnitt gebundenes Büchlein , Die Nachfolge Christi , das er mir zum Andenken an einen Besuch geschenkt hat . Die Keuschheit der Frommen , das wußte ich seit jener Zeit , ist ein unglaubliches Ding ... Nein , dieser Pater Evorist ... « » Was kann noch Großes an der Keuschheit liegen , wenn selbst im Ehestand Schamlosigkeiten als Pflichterfüllungen honoriert werden ? Schweigen wir darüber . Auch ich gedenke mit Schaudern eines Kusses von heiligen Lippen ... Ich gedenke mit Schaudern meiner Hochzeitsnacht ... Soviel Schmutziges selbst am Erhabensten . Die Ehe hat mich verdorben ... Übrigens bist Du zu sehr verleutnantet - « Frau Leopoldine hatte ins Schwarze getroffen . » Verleutnantet « war eine ganz richtige Bezeichnung der neuesten Geschmackslage ihrer Freundin . Vorausgegangen war die Epoche der » Vermalerung « . In den Ateliers junger , genialer Pinselführer ging ' s so ungebunden und anregend zu ! Da war so viel zu sehen - und so Überraschendes . Und es war gar nicht schwer , mit diesen flotten Kunststadtgenossen in Verkehr zu kommen . Mit einigen mußte man sich freilich in acht nehmen , denn sie hielten nicht reinen Mund und brachten böse Reden in Umlauf . Der Herr Schnürle zum Beispiel war so einer . Da hatte man gleich einen Spitznamen weg . » Madame Voulezvous « hatte der Undankbare eine ehemalige gefällige Freundin getauft - und der Titel war ihr lange hängen geblieben . Bei einem andern gab ' s so schwüle , aufregende Sachen , mythologische Tiermenschen von unerhörter Leidenschaft , Zentauren , halb Mann , halb Roß , von zermalmender Muskelkraft . Einmal malte er ein Zentaurenpaar : das Männchen mit dem Leibe eines schwarzen Hengstes , das Weibchen mit dem Leibe einer isabellenfarbigen Stute ; mit den nervigen Menschenarmen hielten sie sich den Oberleib umschlungen , während sie sich hinten aneinanderpreßten , daß die Flanken krachten , und mit hochgeschwungenen , sausend die Schenkel und den Rücken sich peitschenden Schweifen trabten sie im Abendlicht am Ufer hin , der violetten , schäumenden Meeresbrandung entgegen . Es war ein kolossal ergreifendes Bild , eine Verkörperung und zugleich poetische Verklärung unerhörter natürlicher Liebeskraft . Hätte nur der Maler nicht die Indiskretion begangen , seiner Zentauren-Stute die Züge seiner Freundin Bertha zu leihen ! So kam ' s zum Bruch , denn Bertha mußte noch obendrein das Bild um teures Geld erwerben , damit es nicht in fremde Hände gerate . Später wandte sich der Maler einer zahmeren Gattung zu und hatte den Vorteil , von dem König mit einträglichen Bestellungen für das Chiemseeschloß ausgezeichnet zu werden . Bertha hatte inzwischen die Geschmackswandlung vom mythologischen Zentaurentum zum modernen Heldentum der leichten Reiter mit den malerischen grünen Uniformen vollzogen . Sie war » verleutnantet « , wie Frau Raßler sagte . » Verleutnantet ist schön gesagt , « lachte Bertha frech auf , daß es wie hündisches Bellen klang . Bertha schwor in der That damals nicht höher , als auf die » feschen Leutnants « , die stets zu allem zu haben und viel ritterlicher seien , als die losen Maler . » ... Ja , zu sehr verleutnantet , um mein Ideal von Liebe und Keuschheit zu begreifen . « » Ideal ! Mich trifft der Schlag . Wo hast Du denn diese Merkwürdigkeit aufgegabelt ? Vielleicht als Empfangsdame in der photographischen Anstalt von Albrecht , wo der verrückte Attenkofer als Cerberus Deine Keuschheit bewachte ? « Diese Anspielung gab der Plauderstunde eine böse Wendung . Leopoldine brach den Verkehr mit Bertha ab . Erst nach monatelangem Bemühen gelang es der letzteren , die alten Beziehungen allmählich wieder anzuknüpfen . Wenn man bei Frau Leopoldine Raßler Sonnenschein in schlechtes Wetter verwandeln wollte , brauchte man sie nur an jene voreheliche Epoche , die empfindlichste in ihrem Leben , zu erinnern . Auch hier barg sogar für ihren nächsten Bekanntenkreis die Empfindlichkeit Leopoldinens ein ganzes Nest von Unerklärlichkeiten . Was lag hier eigentlich unter der Decke ? Niemand wußte es . Leopoldinens Mutter war gestorben , mit der Theaterlaufbahn ging es nicht vorwärts , ein mißratener Bruder hing ihr an der Geldtasche , plötzlich war sie vom Schauplatz verschwunden , dann tauchte sie als Empfangsdame im photographischen Salon der berühmten Albrechtschen Anstalt auf : das war die äußere Reihenfolge ihrer Lebensthatsachen , deren innerer Zusammenhang dem profanen Blick verschlossen blieb . Bei Albrecht hatte der verwitwete Kommerzienrat Raßler Leopoldine kennen gelernt und zur Überraschung aller die Gunst der rätselhaft stolzen und schönen Empfangsdame in so hohem Maße gewonnen , daß sie dem häßlichen Manne in die Ehe folgte als zweite Frau . Natürlich sah die sittsamliche öffentliche Meinung der Schmierblätter , sowie die Klatschsucht der Freunde und Bekannten und sonstiger Maulaffen und Frechlinge , die ihre Nase in alles stecken , in diesem Ereignis nur eine unerhörte Schmutzerei . » Sein Reichtum hat sie verlockt ; sie hat nicht ihn , sondern seinen Geldsack geheiratet ; sie hat sich wie eine Dirne ihm verkauft , « deutelten die braven Tugendbolde . Der Kommerzienrat Raßler und die Exkomödiantin Klebnikow ! Alle Wetter ! Das ist ja ein wahres Ereignis ! Natürlich war ' s ein Ereignis im Leben zweier Menschen , die für ihr Handeln in Herzensangelegenheiten nur sich selbst verantwortlich waren . Was ging das die andern an ? Gar nichts . Aber eben weil sie ' s gar nichts anging , stürzten sie sich um so gieriger darüber her und