. Plötzlich aber riß sie ihn vom Kopfe und erklärte , sie wolle ihn nicht mehr aufsetzen , sondern ohne Hut heimgehen . So begab sich das Paar auf den Weg . Kaum waren sie auf der Straße , so fühlte sich die Frau so schwach , daß der Vater Jakob sie am Arme führen mußte ; in der linken Hand trug er den schönen bunten Hut wie einen Henkelkorb am Bande . Sein eigener abgetragener , schweißbefleckter Hut vollendete den wunderlichen Aufzug des Paares , welches trübselig dahinschwankte durch den unsicheren Gang der Frau , die sonst von manchem Glase Wein , das sie getrunken , niemals geschwankt hatte . Man blickte ihnen nach , Vorübergehende standen sogar still , und jemand sagte vernehmlich zum andern : » Die zwei Leutlein haben ja wacker gefrühstückt ! « Sie hörten es mit den scharfen Ohren der jungen Schande , sahen aber weder rechts noch links . Auf einer geräumigen Brücke kamen sie noch schwieriger voran ; eine Menge Kirchenleute kreuzte sie von beiden Seiten her , und fast alle blickten auf den Hut , der an Jakob Weidelichs linker Hand hing , und sodann auf den etwas zerzausten Kopf der Frau . » Gib mir den Hut , Jakob ! « sagte sie , » es schickt sich nicht für dich , daß du ihn trägst ! « Er ließ es sich gefallen und gab ihr das stattliche Modenstück , und da sie in diesem Augenblicke gegen das Brückengeländer gedrängt wurden , warf die Frau den Hut in den Fluß , ohne ihm nachzusehen . » Was machst denn ? Bist du närrisch ? « murmelte der Mann . » Nur vorwärts ! Steh nicht still ! « sagte sie , » ich habe genug von der Herrlichkeit ! « So gingen sie weiter und bekamen Raum genug . Denn die nächsten des Brückenvolkes , welche den Wurf bemerkt hatten , liefen eiligst auf die andere Seite hinüber und bogen sich über das dortige Geländer , um den Hut unterhalb der Brücke hervorschwimmen zu sehen , und als die übrigen dies Gelaufe wahrnahmen , pflanzte sich die Bewegung fort , und die ganze Brücke entlang sprang alles wie besessen nach jener Seite und guckte ins Wasser . Auf den ziehenden Wellenspiegeln fuhr auch der arme Hut schon den Fluß abwärts , wie ein mit Seide bewimpeltes und mit Blumen bekränztes Schiffchen oder ein schwimmendes Gärtchen . Aber in kurzer Frist stießen auch schon in einem Rettungskahne zwei Burschen vom Lande und ruderten dem lustigen Fahrzeug eilig nach , um es entweder für sich zu erbeuten oder wenigstens ein gutes Trinkgeld zu verdienen , während die beiden Ufer entlang sich immer neue Zuschauer einstellten . Indessen gewannen die bekümmerten Eltern der Zwillinge unerkannt das Freie und klommen zum alten Zeisig empor . » Daß du den Hut nicht mehr aufsetzen magst , « begann Weidelich , als sie einen Augenblick verschnauften , » finde ich auf eine Art begreiflich ; aber du hättest ihn ja verkaufen können . Ich fürchte , die Zeit ist nah , wo wir auf jeden Franken achten müssen ! « » Es ist jetzt geschehen , « seufzte Amalie , » ich hab kaum gewußt , was ich machte ! Übrigens ist noch manches da , was ich verkaufen kann , die Röcke , die Uhr und die Kette , das schickt sich alles nicht mehr , weil es die Blicke der Leute auf mich zieht , und dann werde ich auch die Brosche nie mehr vorstecken , mit den zwei Bübchen drauf - nein , die Brosche kann ich nicht verkaufen , wenn sie jetzt auch nicht mehr recht tun können und uns verloren sind - ach , es war doch eine glückliche Zeit ! Nein , ich will das Bildchen behalten und auch das Gold daran lassen , solang wir noch eine Brotrinde haben ! « Sie sagte das in Tränen , von Schluchzen unterbrochen . Jakob mahnte sie erschreckt und kummervoll , sich zu fassen . » Wie kannst du auf einmal so reden und beide Söhne in einen Tiegel werfen ? Auch wenn der , der jetzt gefangen ist , nicht zu retten wäre , so haben wir ja noch den Julian , der wird doch , will ' s Gott , nicht so zum Vorschein kommen ! « » Du kennst sie nicht wie ich , die ich sie zur Welt gebracht ! Sie haben jederzeit und alleweil das gleiche gedacht , gewollt und getan und jeder gewußt , was der andere wollte . Ach Herr du mein Gott , nun weiß ich auch , warum sie einander gemieden haben und immer sagten , ich weiß nichts , ich hab ihn nicht gesehen ! Sie wußten genau , daß sie auf den gleichen Wegen gehen und dasselbe tun , und weil es etwas Böses und Gefährliches war , scheuten sie sich ! Denk dir nur , die Salanderin , die ich diesen Morgen zu fragen ging , ob sie nicht wisse , was das sein könne , erzählte mir ganz trocken , ihre Töchter hätten es ähnlich gemacht , sie hätten die Eltern und sich selbst gegenseitig geflohen , und weißt du warum ? Weil sie sich vor den Eltern und eine vor der andern geschämt haben , ja geschämt ! « » Weswegen ? Was haben denn die getan ? « » Sie haben sich geschämt , weil sie unsere Söhne geheiratet haben ! Wie deutlich versteh ich jetzt unsere Buben , die armen Tröpfe , die als Zwillingsbrüder sich im Bösen voreinander gefürchtet ; und keiner wollte , daß der andere auf seine Sache zu reden komme ! Es ist mir , als guck ich mitten in ihre Herzen hinein ! « » Das ist ein Glück zum Erbarmen , das wir mit den Söhnen erlebt haben ; es wird ja je länger je trauriger und unbegreiflicher ! Ich wollte bald lieber , ich wüßte nichts von meinem eigenen Leben ! « » Es will alles zurückbezahlt sein , wie ich merke , « erwiderte die Frau , » umsonst ist der Tod ! Dort ist unser altes Haus ! Gott sei Dank , daß wir nicht ein neues an seiner Statt bauten in unserm Übermut . Obgleich wir beide immer fleißig und tätig darin gewesen sind und uns der Arbeit nie geschämt haben . Wir wollen uns heut noch gut darin verbergen und stillhalten , und tun , als ob es eine Ewigkeit so still und heimlich bliebe . Die Dienstboten können noch nichts wissen ! Aber morgen ist ' s Montag , da müssen sie die Wäsche für die Woche abholen in allen Ecken der Stadt , da werden sie ' s wohl vernehmen , und am Dienstag kommen meine Wäscherinnen , vier Stück - eine bittere Woche , diese erste - komm Jakob , wir wollen hineingehen und uns still halten ! Wenigstens merkt es der liebe Gott nicht , da er uns nicht persönlich kennt , wie der große Kanzelherr sagt ! Es ist ein Glück , daß er uns also nicht nach unsern Kindern fragen kann ; denn er hat keinen Hochschein davon , wie unsere lustigen Söhne zu sagen liebten , wenn einer etwas nicht kannte ! Komm hinein ! « Es war , als ob die arme Frau im Gefühl , daß es nötig sei , sich wieder lebendig redete , um sich vor den Hausgenossen eine Haltung zu machen . Sogar ein wenig Geistesgegenwart gewann sie ; denn sie griff sich im Hausflur plötzlich an den Kopf und ging ungesehen zuerst nach der hintern Stube , als ob sie dort den schönen Sonntagshut ablegen wollte . Auch Martin Salander und seine Frau verließen das Haus an diesem Tage nicht mehr . Nachdem die Gegenschwäherschaft sich entfernt hatte und das Paar allein war , sagte Martin : » Es ist mir heut merkwürdig gegangen ! Ich ließ mir in der Frühe das Haar schneiden ; neben mir saß einer , der barbiert wurde und dabei durch das Fenster auf die Straße schaute , immer in der Richtung , wie ihm der Barbier just das Gesicht drehte , bald so und bald anders , so daß ihm die Augen zuweilen nach dem Himmel oder an die Zimmerdecke gewandt wurden . Als er fertig war , aufstand und das Gesicht mit dem Handtuch trocknete , sagte er , während ihm der Bart geputzt worden , habe er nach und nach auf dem Trottoir vor dem Fenster nicht weniger als vier gute Bekannte gehen sehen , von denen jeder zur Zeit einen Anverwandten im Zuchthause sitzen habe . Das sei doch etwas stark , während eines einzigen Bartscherens ! Und doch habe er bei weitem nicht alle Vorübergehenden gesehen , weil ihm der Rasierer alle Augenblicke das Gesicht am Nasenzipfel oder Kinn zur Seite zog . Einige habe er vielleicht übersehen oder nicht erkannt , da das blaue Drahtgitter gerade am Fenster die Gestalten etwas verdunkle . Ich mußte bei allem Elende lachen , nun hat es sich schnell gerächt ! « » Wenn es nicht so schmählich wäre , was geschieht , « gab Marie zur Antwort , » so würde ich mich freuen , daß wir die Töchter wieder zu uns nehmen können ; denn das wird keine Frage sein , ob sie jetzt frei werden oder nicht ! « » Natürlich ! Das heißt , wenn sie nicht auf eine neue Narrheit verfallen , nämlich die , den einmal angetrauten Gatten im Unglück , heiße es , wie es wolle , vor der Welt anhangen zu müssen und den Lohn im Bewußtsein einer standhaft geübten Barmherzigkeit zu suchen . Man hat ja Beispiele ! « » Du vergißt , daß hiezu immer noch ein Fünklein Liebe gehören würde , das ja längst erloschen ist ! « » Du magst freilich recht haben ! Um so besser ! Aber wir sprechen ja schon nur von beiden Herren , während noch gar nicht gesagt ist , daß Meister Julian , der Vogelsteller , den Weg seines Bruders gehen werde ! Er kann , wenn auch nicht braver , doch vorsichtiger , schlauer gewesen sein oder mehr Glück gehabt haben ! « » Ich bin sicher , daß er den anderen früher einholen wird , als man vielleicht denkt . Wozu sollte er sich gerade in diesem Punkte von ihm unterscheiden ? « » Desto schlimmer für mich ! « sagte Salander mit düsterem Sinnen , » oder vielmehr für uns alle ! Wenn nur einer so elend zugrunde geht , so ist es nicht das gleiche , wie wenn beide dahinfahren ; da erst wird die auffällige Doppelhochzeit recht aufgerührt werden , die ich angerichtet habe , durch die ich in den Rat gekommen bin , was jedermann weiß , und die ein höhnisches Sprichwort sein wird , länger als wir leben ; und auf diese Weise habe ich meiner politischen Parteirichtung , der Volkssache überhaupt Schaden statt Nutzen gestiftet ! Und die Töchter werden wie lebendige Denkmäler der vertrackten Geschichte herumgehen . Und dann der Arnold ! Schon damals hat man nur von der Salanderhochzeit gesprochen ; wenn er nun endlich heimkehrt , so hab ich ihm einen schönen Knüppel an seinen Namen gehängt , wenn er öffentlich wirken will ! « » Solche Ängste hab ich nun nicht , « erwiderte Marie nachdenklich ; » du stehst doch nicht auf so schwachen Füßen , und was den Arnold betrifft , so wird er immer den guten Namen finden , den er braucht . Nur gesteh ich , daß , sosehr ich seine Heimkehr herbeiwünsche , doch jetzt erschrecken würde , wenn er mitten in den Skandalprozeß hineingeriete ! O diese heillosen Schlingel ! « » Wir wollen darüber nicht die arme Setti vergessen , die zu dieser Stunde ratlos in ihrem traurigen Lautenspiel sitzen wird ! « sagte Salander , dessen Gedanken durch das letzte Wort auf das Geschick der Tochter gerichtet wurden . » Ich würde sofort nach Unterlaub fahren , wenn ich nicht dächte , es hülfe jetzt zu nichts . Sie wird einige Tage auf sich selber gestellt und wahrscheinlich froh sein , wenn niemand kommt ! Einen rechtlichen Beistand braucht sie noch nicht , da die Lage einfach ist . Das Bare , das wir mitgegeben , ist natürlich verschwunden ; die übrige Aussteuer können sie ihr nicht mehr nehmen . So denk ich , wir telegraphieren einstweilen nur um ein Lebenszeichen . Sie mag berichten , ob man sie holen soll und wann ; lang wird ' s nicht dauern , bis sie gehen muß ; denn der Konkurs ist in jedem Falle sicher , und das erste , was geschieht , ist der Verkauf der Liegenschaft , die Gant . « » Da können wir nur für Raum sorgen , « versetzte Frau Marie , » wenn wir auf einmal die zwei Aussteuern unterbringen wollen , von denen jede ein Wohngemach so ziemlich ausfüllt . Ich habe mir so viel Müh damit gegeben , daß ich den Kram nicht gern im Stich lassen möchte . Schreib aber nun das Telegramm , daß es die Magdalene noch schnell forttragen kann . Der Mittag naht , Setti kann vielleicht eher einen Bissen essen , wenn sie es hat . Wahrscheinlich macht sie sich unsertwegen wieder Gedanken ! « » Ich will selbst hingehen , damit Magdalene nicht im Kochen gestört wird , « sagte Salander ; » ich bin von diesen schäbigen Schicksalsäußerungen hungrig geworden ! « » Bleib nur ! « rief Marie , » das wenige , was noch zu tun ist , kann ich schon besorgen , wenn nötig . Gehst du jetzt auf die Post , so triffst du vielleicht ein Rudel guter Freunde und anderer mildtätigen Seelen , die dich bereits voll Teilnahme ausfragen und vor deinen Augen weitertelegraphieren , was du sagst ! « Salander stutzte . » Du kannst bei Gott recht haben ! Sie sind jetzt alle schon beim Frühschoppen gewesen , die Unterrichteten mitten drunter ! Und über den Verbleib von einigen Hunderttausenden verlohnt sich das Telegraphieren immer für gewisse Leute ! « Er nahm also ein Formular , beschrieb es mit den erforderlichen lakonischen Worten und gab ' s der Frau . Sie las den Blitzbrief , studierte einen Augenblick daran herum und beschrieb ein neues Formular . Verwundert las Martin Salander dasselbe , als sie fertig war . Sie hatte die gleich harten Steinblöcken dastehenden Haupt und Zeitwörter mit den dazugehörigen , sie verbindenden Kleinwörtern versehen , sonst aber nichts geändert . » Du hast ja gar nichts dazugetan als die Pronomina , den Artikel und einige Präpositionen und dergleichen . Dadurch wird ja lediglich die Depesche dreimal so teuer ! « sagte er , noch immer überrascht . » Ich weiß wohl , es ist vielleicht närrisch , « erklärte sie bescheiden ; » allein es will mir vorkommen , daß diese kleinen Zutaten die Schrift milder machen , ein wenig mit Baumwolle umhüllen , so daß Setti das Gefühl hat , als hörte sie uns mündlich reden , und dafür reut mich die höhere Taxe nicht . Wenn du aber willst , so unterschreib ich das Ding selbst ! « » Es ist merkwürdig , wie recht du hast ! « sprach Salander , der die drei oder vier Zeilen nochmals gelesen . » Es nimmt sich in der Tat urplötzlich fein und herzlich aus . Wo zum Kuckuck holst du die wunderbar einfachen Stilkünste ? Nein , das mußt du selbst unterschreiben , es wäre mir altem Schulfex nicht eingefallen ! « Eine Stunde später bei Tisch sitzend , empfingen sie Settis Antwort , nach welcher sie in wenig Tagen das Haus zu verlassen gedachte , indessen vorher noch einen Brief verhieß . Dieser gelangte schon am nächsten Morgen an . Er enthielt eine gedrängte Anzeige des über sie ergangenen Schreckens , der Tag und Nacht andauernden Untersuchungsarbeiten der eingetroffenen Amtsleute und Fachmänner , welchen Isidor in fortwährenden Verhören beiwohnen mußte . Anfangs habe er sich sprützig und hochfahrend angelassen und sich sonst verkehrt benommen ; als aber die Männer , unter denen sich duzfreundliche Amtsgenossen von ihm befunden , unversehens ihn trockenen Tones mit Ihr traktierten und ihm befahlen , hier zu stehen , oder dort , oder sich in eine Ecke zu setzen und zu warten , bis man ihn rufe , und zuletzt ein Polizeisoldat zum Vorschein kam , der die Kanzleitüre nicht mehr verließ , da habe er gemerkt , daß er verloren sei , und weinend alles gestanden , was man wollte , aber nichts , ohne Unwahrheiten daran zu hängen , jedesmal auch einen Verweis bekommen . Als er mit allen Büchern und Akten fortgebracht worden sei , habe er der Frau nur kurz ein Adieu zugerufen , mit dem Beifügen , er sei leider Staatsgefangener ( wie wenn er etwas Höheres und Feineres ausgearbeitet hätte ) , und er hoffe bald wieder da zu sein , sie möge gute Hausordnung führen ! Schon seit einiger Zeit habe sie kein Monats- oder Wochengeld mehr erhalten , sondern für jede einzelne Ausgabe die benötigte Münze in der Kanzlei verlangen müssen . Jetzt sei mit Ausnahme ihrer Kleiderschränke und der Küche alles versiegelt . Eine Spur von ihrem Barvermögen habe sich nicht gefunden , jedoch sei ihr versprochen , daß sogleich nach Bestellung des Konkursrichters die Freigabe ihrer sämtlichen zugebrachten Fahrhabe verfügt werden solle . Solange möge sie nicht im Hause bleiben , und wenn sie das wenige Reisegeld besäße , so würde sie mit Erlaubnis der Eltern ohne Verzug dahin zurückkehren , wo sie nie hätte fortgehen sollen . » Morgen ist Dienstag , « sagte Salander , » ich will sie morgen holen ! Wir wollen ihr sogleich telegraphieren , sie soll das Nötigste einpacken und sich bereithalten . Hat sie auch noch Koffer oder Kisten ? Ich will wetten , der Mensch hat alles verreist und verrissen ! « » Ich sah noch die Koffer und Korbsachen , die sie von hier mitgenommen hat , « erwiderte Marie , » die Herren reisten stets mit kleinem Handgepäck . « » Du hast recht ! Wie es der große Diätenfresser von Gauchlingen macht , der jahraus und -ein das Land mit einer alten ledernen Aktenmappe durchrutscht , in welcher ein Nachthemd steckt ! « » Übrigens möchte ich mitkommen , « nahm Marie wieder das Wort , » und meine , wir könnten einen Wagen nehmen , trotz der Eisenbahn , so müssen wir nicht mit Setti zu Fuß nach der Station wandern und können auch ihre Sachen sofort aufladen . Es schadet nicht , wenn sie dort sehen , daß sie noch wo zu Haus ist . Und hier kommen wir gerade recht mit der Dunkelheit an , so daß es auch gar nichts zu gaffen gibt . Etwas kaltes Essen wollen wir für alle Fälle mitnehmen , wer weiß , ob sie etwas hat ! Wir brauchen dann unterwegs nicht anzuhalten . « » Mit allem bin ich einverstanden , wie du es willst ! Die du eine Widersacherin dieser Unglücksheiraten gewesen bist , denkst jetzt an alles , worauf unsereiner nicht geriete ! « Sie führten den Plan aus , besorgt , in welchem Zustande sie die Tochter finden würden . Setti erschien etwas abgemagert und blaß , auch ermüdet , aber doch gefaßter , als die Eltern es sich vorgestellt . Das Gefühl der Befreiung aus selbstverschuldeten unwürdigen Fesseln mochte unbewußt die Wage halten gegen alle anderen Eindrücke , die sie erfahren . Auch war sie nicht allein im Lautenspiel , obgleich die Magd und der Schreiber ihres Weges gegangen . Wie in einem Hause , dessen Stütze durch jähen Todfall abgeschieden ist , sich die Nachbarinnen tröstend und helfend bei der Witwe einfinden , so hatten sich bereits zwei oder drei angesehene Frauen von Unterlaub eingestellt , welche täglich herbeikamen , der verlassenen Landschreiberin gefällig zu sein oder wenigstens die Zeit zu vertreiben . Zwei saßen auch jetzt strickend auf den Koffern , die sie füllen und schließen geholfen , während Setti aus den letzten Überresten die letzte Mahlzeit zusammenstoppelte , Tee , Butterbrötchen , Eierkuchen . Der von der Mutter mitgebrachte Imbiß war höchlich willkommen . Da die Pferde gefüttert werden mußten , sandte Martin den Kutscher in ein Wirtshaus zu Unterlaub und trug ihm zugleich auf , den dortigen Gemeindammann hinzusenden , damit er das Haus abschließe und in Gewahrsame der Behörde bringe . Die Dorffrauen nahmen an dem Stegreifmahle bescheidentlich teil , der Merkwürdigkeit wegen , und ließen sich hernach nicht hindern , das gebrauchte Geschirr zu reinigen und in der Küche alles an seinen Ort zu stellen . Dann gossen sie das Spülicht weg , putzten den Gußstein und lehnten den kleinen Besen säuberlich in die Ecke ; denn es war ein fast noch neues Binsenbeslein . Mit dem Reste des Wassers endlich löschten sie sorgfältig das glimmende Herdfeuer . So erschien der Ammann eben recht . Er ließ sich verständigen , an die letzten Räume und Behälter das amtliche Siegel zu legen , und hatte dazu das Erforderliche mitgebracht , Siegellack , Bandstreifen und Stempel , sogar einen Wachsstock , da er gewohnt war , zu dieser Verrichtung zuweilen nicht einmal ein brauchbares Licht vorzufinden . Hier standen zwar ein paar schöne Leuchter im Zimmer , die Frau Salander einst selber eingekauft hatte . Sie meinte , man könnte den einen davon oder beide nehmen und nachher in der Kutsche unterbringen , da sie ja der Frau gehörten ; dann möge man das Siegel anlegen . Allein der Gemeindammann erklärte , die Leuchter müßten bis zur Inventuraufnahme stehenbleiben , es sei schon genug Verwirrung in der Gegend , der ganze Besitzstand scheine zu schwanken wie bei einem Erdbeben ; viele fürchteten , von Haus und Hof zu kommen , ohne zu wissen wie . Die Bevölkerung sei ganz erhitzt und fabele von Millionen , die verloren seien . » Zünden Sie Ihren Wachsstock an ! « sagte Salander und reichte dem Amtsmann ein Streichhölzchen . Dieser ging an sein Geschäft und gelangte so mit der kleinen Gesellschaft Schritt für Schritt bis vor die Haustüre . Martin Salander drehte den Schlüssel um und übergab ihn dem Gemeindammann . Hierauf nahmen sie Abschied von den zwei Frauen und dankten ihnen für die erwiesene Teilnahme und Freundlichkeit , so daß sie gerührt die Augen wischten . Setti vermochte keine Träne zu vergießen ; halb gelähmt von den Worten des Amtsmannes , bestieg sie mühselig mit den Eltern den bereitstehenden Wagen , der rasch davonfuhr . Die zurückgebliebenen drei Personen blickten ihm nach und gingen langsam nach dem Dorfe zurück . » Das sind gutstehende Leute , « sagte eine der Frauen , » der Herr vermöchte gewiß dem Schaden abzuhelfen , wenn er wollte ; und es sind jedenfalls auch rechtdenkende Leute ! « » Er wäre ein Narr , wenn er einen Franken hergäbe ! « versetzte der Herr Gemeindammann . » Eigentlich müßten mir diejenigen den Schaden gutmachen , die einen solchen Menschen zu ihrem Notar wählen und das Recht dazu an sich gerissen haben ! Jetzt wird die Staatskasse herhalten und das Wahlvergnügen bezahlen müssen ! « Im Wagen blieb es zwischen den drei anderen Personen eine gute Weile still , bis Salander melancholisch zu sprechen anhub : » Das wäre jetzt das Lautenspiel gewesen ! Armes Kind ! Und ich hatte mir gedacht , als der schöne Eidam vom Bäumeschlagen und Verkaufen des Gütchens faselte , ich könnte den reizenden Sitz ihm wohl abnehmen und zum stillen Asyl für unsere alten Tage bestimmen ! Jetzt möchte ich es nicht geschenkt haben ; denn es wäre ja unmöglich für uns , dort zu wohnen ! « » Setti schläft jetzt , « sagte Frau Marie leise , » wir wollen sie ruhen lassen ! « In der Tat war die Tochter neben der Mutter eingeschlafen , da sie vermutlich die letztvergangenen fünf oder sechs Nächte die Augen wenig zugetan hatte . Vater und Mutter schwiegen daher und lehnten in dem geschlossenen Wagen zurück , um sich nach all den trüben Geschichten innerlich zu beschauen und darüber ebenfalls ein bißchen einzuschlummern . Es war ziemlich dunkel , als der Wagen über das Straßenpflaster der Stadt Münsterburg rollte und die Eltern darüber munter wurden . Setti erwachte erst , als das Gefährt plötzlich vor dem Hause hielt . Sie war indes so schlaftrunken und müde , daß der Vater sie leiten mußte , und erst als die treue Magdalene herbeieilte und ihnen die Treppe hinauf voranleuchtete , lebte sie auf und rief lächelnd : » Da bin ich ja ! Guten Abend , Magdalene , denk , wie froh ich bin ! Und du bist immer wohlauf , wie ich sehe ! « » Gottlob , man tut es immer noch aushalten , liebes Settli ! Wenn nur bald alle Kinder wieder beisammen sind , so wollen wir auch noch frohmütig werden und Kastanien braten wie ehmals ! « Sie sagte es jedoch etwas gedrückt , wie wenn sie kein sehr gutes Gewissen hätte , und öffnete der Herrschaft die Türe des Wohnzimmers , sich sofort zurückziehend . Am Tische saß , den Kopf auf die Hände gestützt , Schwester Netti von Lindenberg . Auch sie schien zu schlafen und hatte guten Grund dazu , da sie ebenfalls die letzten Nächte mit wachen Augen zugebracht und gegen Abend zu Fuß im Vaterhause angelangt und natürlich todmüde war ; denn ihr Mann Julian hatte sich seit vier Tagen nicht mehr sehen lassen und sie sich geschämt , davon zu reden ; der Schreiber , der sie nicht darum befragte , ging ab und zu , wie er wollte , und die Dienstmagd machte ein unvertrautes Gesicht . Heut aber las sie in der Zeitung die Nachricht von Schwager Isidors Unfällen mit dem Zusatze , es gehe bereits das Gerücht von einem zweiten in Untersuchung geratenen Notar . Es handelte sich zwar noch nicht um Julian , sondern um einen weiteren Unglücksbruder , der sein Privatglück an den durch seine Hände laufenden anvertrauten Gütern ein wenig gerieben hatte , um sie fruktifizieren zu lassen , wie der Kunstausdruck lautete . Allein sie vermochte natürlich nur an ihren Mann zu denken , sowie an das öffentliche Unglück , in welches das häusliche sich verwandelte und die ganze Familie verwickelt wurde . Sie war in der Angst keines anderen Beschlusses fähig , als sofort nach Münsterburg zu eilen ; ein Bahnzug stand während mehrerer Stunden nicht in Aussicht , auch fürchtete sie schon die Leute , die mitreisten , und die Angestellten sowie die auf den Stationsplätzen Herumstehenden . So machte sie sich kurzentschlossen auf und legte den dreistündigen Weg zu Fuß zurück . Wie sich später ergab , waren Ahnung und Furcht wohlbegründet . Julian saß zwar nicht im Gefängnis wie Isidor ; aber er war bei der ersten Kunde von den Vorgängen im Lautenspiel außer Landes geflohen ; und die in Isidors Amtskreis erwachte Erregung der vom Schaden Ergriffenen oder Bedrohten fand schon einen starken Widerhall im Lindenberger Gebiet . So kam es , daß die Salanderschen Eltern beide Töchter am gleichen Abend wieder unter ihrem Dache bargen . Bei ihrem Eintreten erwachte Netti aus dem Halbschlafe und hinkte ihnen traurig entgegen ; denn sie hatte die Füße wundgelaufen . Vater und Mutter umarmten und küßten sie ; doch die Töchter , da sie sich nun gegenüberstanden , gaben sich nur mit niedergeschlagenen Augen die Hände , die sie indes nicht fahren ließen . Die Schicksalslast , die sie sich auferlegt , als sich die Zwillingsjünglinge einst an den Ohrläppchen zupften , hatte sich auf einmal verdoppelt , und sie schämten sich aufs neue voreinander . Die von Lindenberg mußte nun dartun , warum sie gekommen sei , und sie erzählte es . » Der hat sich aus dem Staube gemacht « , sagte der Vater ; » hier in der Stadt ist er schwerlich ! Aber gründliche Arbeit haben sie besorgt , diese jungen Scheusale von Flachköpfen ! « Die Mutter ermahnte , die Beratung für heute abzubrechen und die Ruhe zu suchen ; wer könne wissen , was die kommenden Tage wieder bringen . » Fürs erste « , sagte Salander , » muß Netti morgen bei guter Zeit nochmals nach dem Lindenberg zurück und das Haus samt der Kanzlei in amtliche Obhut geben ; ich will mitgehen und dafür sorgen , daß es ordentlich geschieht ; denn so kann man die Sache nicht im Stiche lassen ! « In der Frühe fuhr er mit Netti hinüber und wunderte sich , auf der Höhe angelangt und rings umschauend , aufs neue mit tüchtigem Ärger , wie man in diesem friedlichen Himmelsglanze so vom Teufel besessen werden und sich Welt und Leben schmählich zerstören könne . Drinnen im Hause jedoch gab es abermals Neuigkeiten , und es war gut , daß Netti , und zwar vom Vater begleitet , erschien . In der Kanzlei hauste schon ein Trupp Untersuchender , Gemeindammann , Statthalter , einer vom Gericht und ein zugezogener Notar , und bereits war festgestellt worden , daß auch die Frau des verschwundenen Landschreibers das Haus unbekannt wohin und heimlich verlassen habe . Sie kam daher gerade recht , ein ordentliches Verhör zu bestehen , worauf man sie aufforderte , ihr im Hause befindliches Eigentum zu bezeichnen , und ihr erlaubte , das Unentbehrliche mitzunehmen und in Ehren abzuziehen . Das tat sie auch , nachdem sie unter Beihilfe des Vaters die Magd ausbezahlt und fortgeschickt , auch der Behörde überlassen hatte , über das Verbleiben des Schreiberleins zu verfügen . Martin Salander brachte desselben Tages auch diese Tochter mit ihren paar Kisten und Schachteln in Sicherheit . Die Voraussage hingegen der beiden Schwestern , daß die guten Jünglinge bald genug zu ganzen Männern auswachsen würden , die von sich reden machen , war seltsam erfüllt . XVII Jeden Tag