; der Kommerzienrat habe mit der Dame unausgesetzt korrespondiert und sei stets von allem genau unterrichtet gewesen , was seinen kleinen Sohn angegangen ; dagegen habe er sich nie entschließen können , das Kind selbst wiederzusehen ... Nun sei aber vor einem Jahre die Dame in Paris plötzlich gestorben , und der Kommerzienrat habe den Entschluß ausgesprochen , den Knaben in einem Institut unterzubringen . Dagegen sei indes Frau Lenz entschieden aufgetreten - das Kind sei noch zu jung , es brauche notwendig noch das ruhige , beglückende Leben , die Pflege inmitten der Familie , und nunmehr reklamiere sie als Großmutter den Knaben ; sie habe lange genug die Sehnsucht nach Blankas Kinde unterdrücken müssen ; und erschreckt durch ihre Drohung , die Hilfe seiner Verwandten anzurufen , falls er auf seinem Vorhaben bestehe , habe er den kleinen Max eines Tages in die deutsche Heimat , in das großelterliche Haus bringen lassen ... Wie ein Wunder habe sich damals eine plötzliche Umwandlung vollzogen ; beim Anblick des schönen , intelligenten Knaben sei wie mit einem Schlage die tiefste Vaterzärtlichkeit unwiderstehlich in dem Herzen des finsteren Mannes erwacht . Oft sei er spät abends ins Packhaus gekommen und habe stundenlang schweigend am Bett des schlafenden Kindes gesessen , sein Händchen in der seinen haltend . Er habe sich auch mit großen Plänen für die Zukunft dieses seines nachgeborenen Sohnes getragen . Das alles hatte der alte Maler schlicht und einfach dem Landrat im stillen Amtszimmer mitgeteilt , und wenn noch ein Zweifel in Herberts Seele gelebt hätte , vor der schmucklosen Darstellung des tiefbewegten alten Mannes wäre er sofort verflogen . Aber hier entschied nicht die festeste Ueberzeugung , und wäre sie die der ganzen Welt gewesen , sondern der Buchstabe , das » Schwarz auf Weiß « . » Ohne gesetzlich beglaubigte Dokumente schweben alle Ansprüche rechtlos in der Luft , deshalb reisen Sie ! « hatte Herbert gesagt . » Sie werden auf große Schwierigkeiten stoßen und viel Zeit und Geld brauchen ; aber um ihrer gerechten Sache willen werden Sie die Schwierigkeit nicht scheuen und Ihre Zeit gern opfern , und das Geld , nun das wird sich schon zur rechten Zeit finden , darum sorgen Sie sich nicht ! « Das war wenigstens ein schwacher Trost , ein Strohhalm gewesen , an den man sich in der Bedrängnis klammern konnte ; aber diesen Trost hatte der alte Mann seiner Frau nicht einmal geben können - schon bei seinen ersten Worten war sie vor seinen Augen zusammengebrochen ... In der Schreibstube ging währenddem alles seinen gewohnten Gang . Hätte der junge Chef ahnen können , daß es fern am Horizont gewitterhaft aufblitze , er würde sein Augenmerk auf ganz andere Dinge gerichtet haben , als es die Kleinigkeitskrämerei war , mit der er sich immer noch vorzugsweise beschäftigte . Mit dem Aufräumen des alten Schlendrian war er immer noch nicht fertig . Es gab noch da und dort Hinterthüren , durch welche sich der Unterschleif ermöglichen ließ . Nicht allein im Hause mußte man jedes Eckchen immer wieder inspizieren , nein , auch der Hof verlangte wachsame Augen mit seinem zweiten Ausgang , dem Packhausthor . Da gingen und kamen die Taglöhnerinnen , da konnten leicht Viktualien und Holz aus der Küche und Hafer aus den Pferdeställen » weggeschleppt « werden ; deshalb wurde jeder » Ausguck « in den Hof freigelegt , wurden jahrelang verschlossen gewesene Fensterläden täglich zurückgeschlagen . Die Nachteile dieser Observationsposten hatte bereits Bärbe gestern empfunden , als sie mit ihrem Eimer vom Brunnen zurückgekehrt war . Gleich darauf war der junge Herr in die Küche gekommen , hatte die alte Köchin heftig ausgescholten und sich ein für allemal den » neumodischen Mägdeklatsch « am Hofbrunnen verbeten . Heute nachmittag war auch Margarete von Dambach zurückgekehrt . Sie konnte zufrieden sein mit dem Erfolg ihrer sorgsamen Pflege , dem Großpapa ging es viel besser . Aber der Hausarzt , den der Landrat insgeheim befragt , war der Ansicht gewesen , daß das Uebel in dem allen Stürmen und Wettern preisgegebenen , leichtgebauten Pavillon keinenfalls gänzlich gehoben werden könne ; der alte Herr möge doch lieber für die strengste Winterzeit nach der Stadt übersiedeln . Damit hatte sich der Amtsrat einverstanden erklärt , und zwar um so eher deshalb , weil er nicht in der oberen Etage wohnen sollte . Ein paar , gerade über den Lamprechtschen Wohnräumen gelegene Zimmer der Bel-Etage sollten um des erwärmten Fußbodens willen für ihn eingerichtet werden . Nun galt es , dem alten Herrn die Wohnung behaglich zu machen , und deshalb war Margarete in der Stadt . Tante Sophie war glücklich , sie wieder zu haben , wenn auch Bärbe ganz erschrocken meinte , daß das liebe » Gretelgesichtchen « gar so schmal und vergrämt aussehe . Tante Sophie freute sich aber auch im stillen , daß der Amtsrat nach der Stadt übersiedeln sollte ; da war doch wieder ein männlicher Wille im Hause , eine Stimme , die , wenn sie sich zum Befehl erhob , Furcht und Respekt einflößte . Und das that not , der kleinen , herrschsüchtigen Frau im zweiten Stock gegenüber , die nun , nachdem sich die Augen des ehemaligen Hausherrn geschlossen , ihre geheime Abneigung gegen » das derbe , unverschämt gerade Frauenzimmer , die Sophie « , frei zu Tage treten ließ , die sich in die Hausangelegenheiten mischte und an dem Thun und Lassen » der alten Jungfer « mäkelte , als sei sie ihr untergeben . Gleich in der ersten Stunde erfuhr Margarete von dem Jammer im Packhause . Tante Sophie und Bärbe berieten in der Küche , wie sie wohl einige Erfrischungen für die Kranke unbemerkt an den alten Lenz gelangen lassen könnten . » Ich trage sie hinüber , « sagte Margarete . Bärbe schlug die Hände über dem Kopfe zusammen . » Um Gotteswillen nicht - das gäbe Mord und Totschlag ! « bat und versicherte sie . Der junge Herr lauere an allen Hinterfenstern ; die Leute im Packhause seien ihm nun einmal ein Dorn im Auge ; er verachte sie noch viel mehr als der selige Herr Kommerzienrat . Ihr , dem alten Dienstboten , habe er gestern abend den Kopf gewaschen und den Text gelesen , nach Noten , bloß weil sie mit der Aufwärterin gesprochen ; und wenn nun gar die eigene Schwester sich » so gemein mache « - nein , den Mordspektakel wolle sie nicht erleben ! Margarete ließ sich nicht beirren . Sie nahm schweigend das Körbchen mit den Geleebüchsen und ging in die Hofstube . Dort hüllte sie sich in einen weiten , weißen Burnus von flockigem Wollstoff und trat ihren Gang an . Aber sie traf es schlecht . In dem Augenblicke , wo sie die Stufen nach dem Hausflur hinunterschritt , kam die Großmama in elegantem pelzbesetztem Samtmantel die große Treppe herab . Sie war offenbar im Begriff , einen Besuch in der Stadt zu machen . » Was , so schneeweiß inmitten der tiefsten Trauer , Gretchen ? « rief sie . » Du wirst dich doch hoffentlich nicht so in der Stadt sehen lassen ? « » Nein . Ich gehe ins Packhaus , « sagte Margarete fest , warf aber doch einen scheuen Blick nach dem Kontor , wo das Fenster klirrte . » Ins Packhaus ? « wiederholte die Frau Amtsrätin und trippelte doppelt geschwind die letzten Stufen herab . » Da muß ich denn doch erst ein Wörtchen mit dir reden . « » Ich auch ! « rief Reinhold herüber und schlug das Fenster wieder zu . Gleich darauf trat er in den Hausflur . » Gehen wir in die Wohnstube ! « sagte die Großmama . Sie warf ihren Schleier zurück und ging voran , und Margarete mußte wohl oder übel folgen , denn Reinhold schritt dicht hinter ihr wie ein eskortierender Gendarm . 23 Kaum in das Zimmer eingetreten , griff er ungeniert nach Margaretens Mantel und schob ihn von dem Körbchen an ihrem Arme weg . » Himbeergelee , Aprikosengelee , « - las er von den Etiketten der Glasbüchsen ab - » lauter gute Sachen aus unserem Keller ! ... Und die soll der Mosje Kurrendeschüler drüben essen , Grete ? « » Der nicht ! « sagte Margarete ruhig . » Du wirst wohl wissen , daß Frau Lenz schwerkrank ist , daß sie einen Schlaganfall gehabt hat . « » Nein , das weiß ich nicht , mir kommen solche Dinge nicht zu Ohren , weil ich nie mit unseren Leuten klatsche . Ich halte es genau wie der Papa , der nie danach gefragt hat , ob die Leute im Packhause leben oder sterben . « » Und das ist die richtige Art , « bestätigte die Großmama . » Strenge Zurückhaltung muß der Fabrikherr beobachten - wo käme er sonst hin , seinen Hunderten von Arbeitern gegenüber ? ... Aber sage mir nur ums Himmels willen , Grete , was dir einfällt , am hellichten Tage den Theatermantel da umzuhängen ? « Ihr Blick glitt mit scharfer Mißbilligung über die weiße Umhüllung . » Ich wollte nicht so unheimlich dunkel an das Bett der Kranken treten - « » Was ? Um dieser Frau willen unterbrichst du die Trauer für deinen Vater ? « rief die alte Dame erbittert . » Er wird es mir verzeihen - « » Der Papa ? « lachte Reinhold kurz und hart auf . » Sprich doch nicht Dinge , an die du selbst nicht glaubst , Grete ! Damals , wo du auch , vor unser aller Augen , die barmherzige Schwester im Packhause spielen wolltest , da hat er dir streng ein für allemal den Besuch verboten , weil ein solches Hinüber und Herüber nie Brauch im Hause gewesen sei . Und daß es bei seinem Wunsch und Willen bleibt , dafür werde ich sorgen ... Ist es nicht schon an und für sich eine unverzeihliche Taktlosigkeit von dir , zu dem Menschen zu gehen , den wir wegen notorischer Faulheit entlassen mußten . « » Der Mann ist halb erblindet - « » So , weißt du das auch schon ? Nun ja , er sucht sich damit zu entschuldigen ; aber es ist nicht so schlimm . Uebrigens ist er bei weitem nicht lange genug im Geschäft , als daß wir - selbst diese fingierte Erblindung angenommen - verpflichtet wären , uns um ihn und seine Familie zu kümmern . Frage den Buchhalter , der wird dir sagen , daß ich ganz korrekt handle ! - Lege nur deinen Theatermantel ab ! Du wirst einsehen , daß du dich nachgerade lächerlich machst mit deinen unverlangten Samariterdiensten ! « » Nein , Reinhold , das kann ich nicht einsehen , « entgegnete sie sanft , aber fest ; » so wenig wie ich glaube , auch hart und unbarmherzig sein zu müssen , weil du es bist . Ich widerspreche dir ungern , weil ich weiß , daß dich jeder Widerspruch aufregt ; aber bei dem Wunsche , dir jeden Aerger zu ersparen , darf ich nicht andere Pflichten verletzen . « » Dummheit , Grete ! Was geht dich die Malersfrau an ? « » Sie hat Anspruch auf Hilfe und Beistand ihrer Mitmenschen wie jeder andere Kranke auch , und deshalb sei gut , Reinhold , und hindere mich nicht , das zu thun , was ich für gut und recht halte ! « » Und wenn ich dir es trotzdem verbiete ? « » Verbieten ? « wiederholte sie erregt . » Dazu hast du nicht das Recht , Reinhold ! « Er fuhr auf sie hinein und seine bläuliche Gesichtsfarbe verdunkelte sich unheimlich . Die Frau Amtsrätin ergriff beschwichtigend seine Hand . » Wie magst du ihm nur so schroff entgegentreten , Grete ! « zürnte sie . » Allerdings steht ihm bereits ein gewisses Recht zu . In kurzem wird er unumschränkter Herr hier sein ; denn so viel wirst du doch wissen , daß mit der Firma das alte Erbhaus der Lamprechts an den einzigen männlichen Träger des Namens zu fallen hat - « » Der Tochter wird dann einfach ihr Anteil hinausgezahlt , und sie hat auf dem Grund und Boden nichts mehr zu sagen und zu suchen , und wenn es zehnmal ihr Geburtshaus ist ! « fiel Reinhold mit seiner hämischen , knabenhaften Stimme so hastig ein , als habe er schon längst auf die Gelegenheit gelauert , der Schwester diese Eröffnung zu machen . » Ich weiß das , Reinhold , « sagte sie traurig , mit umflortem Blick , und der gramvolle Zug um ihren Mund vertiefte sich . » Ich weiß , daß ich mit dem Papa auch das alte , liebe Heim verloren habe . Aber noch bist du nicht der Herr hier , der mich ausweisen darf , wenn ich mich nicht in allem widerspruchslos unterwerfe - « » Und deshalb wirst du für die paar Wochen auch noch der Dickkopf bleiben , der du immer gewesen bist , und à tout prix ins Packhaus gehen , gelt , Grete ? « unterbrach sie Reinhold mit boshaften Augen . Er schob in fingiertem Gleichmut nach gewohnter Art die Hände in die Taschen , obwohl er vor Aerger bebte . » Nun , meinetwegen , « fügte er achselzuckend hinzu , » wenn du denn durchaus nicht auf mich hören willst , so soll dir Onkel Herbert den Kopf zurechtsetzen ! « » Den lasse aus dem Spiele , Reinhold , « wehrte die Großmama lebhaft ab ; » der wird sich schwerlich hineinmischen ! Hat er es doch auch entschieden abgelehnt , Gretes Vormund zu werden - nun , was siehst du mich denn so sonderbar erschrocken an , Grete ? Mein Gott , was für Augen ! ... Du wunderst dich , daß ein Mann wie er sich hütet , einen Mädchenkopf in Zucht zu nehmen , der so voll Eigenwillen steckt wie der deine ? Nun , mein Kind , wer dich kennt , wird schwerlich in eine solche Beziehung zu dir treten - denke nur an dein unverzeihliches Verhalten in Bezug auf die Partie , die wir alle so sehr für dich wünschen ! - Doch das gehört nicht hierher ! Ich habe Eile ; mein Krankenbesuch bei der Geheimrätin Sommer fällt sonst in unschickliche Zeit , und deshalb will ich dir kurz sagen , daß du dir selbst einen Schlag ins Gesicht versetzest , wenn du zu den Leuten ins Packhaus gehst ... In der allernächsten Zeit werden dir Dinge zu Ohren kommen , haarsträubende Dinge , die dich möglicherweise ein schönes Stück Geld kosten können . Willst du aber trotzdem deinen Kopf behaupten , so verbiete ich dir hiermit , als deine Großmutter , ein für allemal den Besuch und hoffe den Gehorsam zu finden , der sich ziemt ! « Sie nahm ihren Muff vom Tische , zog den Schleier über das Gesicht und wollte sich entfernen ; aber Reinhold hielt sie zurück . » Du sprachst von Geld , Großmama ? « fragte er in atemloser Spannung . » Ich will doch nicht hoffen , daß der Mensch da drüben die Unverschämtheit hat , Nachforderungen an unser Haus zu stellen ? - Er hat sich wohl gar an Onkel Herbert gewendet ? « » Echauffiere dich nicht , Reinhold ! « beschwichtigte die alte Dame . » Die Sache schwebt sehr in der Luft ; wer weiß , ob sie je Grund und Boden findet . Auf alle Fälle aber wissen wir , daß diese Lenzens Schlimmes im Schilde führen - deshalb kein Mitleid , sage ich ! Man verschwendet nicht Wohlthaten an seine notorischen Feinde . « Sie verließ das Zimmer . Reinhold aber nahm das Körbchen mit den Einmachbüchsen , das Margarete auf den Tisch gestellt hatte , und rief nach Tante Sophie . Sie kam aus der Küche und er forderte ihr den Kellerschlüssel ab . » I Gott bewahre ! den bekommst du nicht - in meinem Einmachkeller hast du absolut nichts zu suchen ! « erklärte Tante Sophie entschieden . » Bist ja ein greulicher Topfgucker ! ... Und den Topf lasse du nur ruhig stehen - du hast kein Recht an die Sachen ! Das ist Obst aus meinem Garten , das ich jedes Jahr für arme Kranke einkoche . « Er stellte den Korb schleunigst auf den Tisch zurück ; denn das wußte er von Kindesbeinen an , die Tante war die lautere Wahrheit selbst , da gab es für ihn keinen Zweifel . » Nun ja , dann habe ich freilich nichts damit zu schaffen , « gab er zu , » und du kannst mit deinem Obst thun , was dir beliebt . Nur ins Packhaus darfst du nichts schicken - das leide ich nicht ! « » So - das leidest du nicht ? Hör ' mal , der Kopf da - « sie tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn - » der hat seit vierzig Jahren - denn so lange sind meine guten Eltern tot - für sich allein , schnurstracks nach seinem guten Glauben gehandelt und sich nicht drehen und wenden lassen , wie es anderen Leuten gerade paßte , und jetzt will solch ein Kiekindiewelt kommen und mir Vorschriften machen ? Das hat selbst dein seliger Vater nicht gethan ! « » O , der wäre noch ganz anders aufgetreten , wenn er gewußt hätte , daß dieser Mosje Lenz sein Feind im stillen gewesen ist ! Ich habe der Gesellschaft im Packhause nie getraut ; ihr scheinheiliges , stilles Gethue ist mir von klein auf zuwider gewesen . Nun , da der Papa die Augen zugethan hat , nun weisen sie die Zähne - die reine Jesuitengesellschaft ! ... Von der Großmama aber ist es unverantwortlich , uns solch beunruhigende Nachricht mit ungewissen Andeutungen zuzuraunen - ich hätte auf volle Offenheit bestehen sollen ! Aber ich weiß schon , es ist mit ihr nichts anzufangen , wenn sie in ihrem Visitenmantel steckt ; da brennt ihr der Boden unter den Füßen , und sie thut , als hinge das Wohl der ganzen Stadt von ihren Besuchen ab ... Na , endlich wirst du vernünftig , Grete ! Recht so , trage deinen weißen Mantel wieder in den Schrank ! Aber denke ja nicht , daß ich dabei an deine vollständige Bekehrung glaube ! Ich werde ein scharfes Auge auf den Hof und das Packhaus haben , darauf verlasse dich . « Mit dieser Drohung verließ er die Wohnstube , während Margarete den Mantel über den Arm hing , um ihn fortzutragen . » Aber sage mir nur , Gretel , was sind denn das für kuriose Geschichten ? Was ist ' s mit den alten Lenzens ? « rief Tante Sophie , nachdem sich die Thüre hinter dem Fortgehenden geschlossen hatte . » Sie sollen unsere Feinde sein , « antwortete das junge Mädchen bitter lächelnd . » Unsinn ! Was wird noch alles in dem oberen Stock ausgeheckt werden ! « zürnte die Tante . » Wenn der alte Mann mit seinem guten , treuherzigen Gesicht falsch und hinterrücks ist , da kann man nur getrost da zuschließen , « - sie zeigte nach ihrem Herzen - » dann taugt die ganze Menschheit nichts und ist nicht wert , daß man sich um ihr Schicksal kümmert ! ... Aber die Geschichte ist nicht wahr , da will ich gleich meinen kleinen Finger verwetten ! « » Ich glaube so wenig daran , wie du , und alle Andeutungen und Drohungen würden mich nicht abhalten , zu der kranken Frau zu gehen , « sagte Margarete . » Aber um Reinholds willen darf ich nicht . Er wird bei der geringsten Aufregung so blau im Gesicht und das ängstigt mich unbeschreiblich , Tante ! Sein Zustand hat sich offenbar verschlimmert , wenn auch der Arzt es nicht zugeben will . Wie dürfte ich da etwas thun , das ihn reizt und ärgert ? - Wir müssen auf andere Mittel und Wege sinnen , der Kranken ein wenig zu Hilfe zu kommen . « Ein wenig später ging sie hinauf in die Bel-Etage ; sie hatte die für den Großpapa bestimmten Zimmer vorläufig lüften und heizen lassen . Die im Oktober beabsichtigte Renovierung der Bel-Etage war bis jetzt selbstverständlich unterblieben ; noch standen die Bilder und Spiegel im Gange des spukhaften Seitenflügels . Nun sollte wieder einiges Leben in die stillen Räume kommen , ein Wärmehauch in die eisige Luft des mächtigen Flursaales , von welcher die junge Verwaiste heute meinte , sie halte noch das ganze Wehe der unglückseligen Katastrophe in ihrer Erstarrung gefangen ... Hier , wo alle Fenster nach Norden gingen , herrschte ein winterlich trübes Licht , und draußen auf der weiten Schneelandschaft , die sich jenseits der Stadt hinbreitete und fern , fern an den wolkenlos blauen Himmel stieß , glitzerte auch nur der bleichgelbe Schein der späten Nachmittagssonne , alles so kalt und ohne Leben , so trostlos , als könne es dort nie wieder grün oder in goldenen Halmen aus der Erde steigen , als würden die dürr und schwarz in den Himmel starrenden Aeste der Obstbäume sich nie mehr mit Blüten bedecken . Margarete trat in das letzte Fenster des Flursaales . Hier hatte sie die Stimme ihres Vaters zum letztenmal für dieses Leben gehört , und hier in die tiefe , dunkle Nische war sie nach fünfjähriger Abwesenheit in jugendlichem Uebermut geschlüpft , um » das neue Lustspiel « im väterlichen Hause unbemerkt mit anzusehen ... Ja , und da war auch der ehemalige Student als erster Beamter der Stadt zu ihr getreten , und sie hatte sich über den » Herrn Landrat « lustig gemacht und ihn innerlich verspottet ... O , daß sie mit all ihrer gerühmten Kraft , ihrem Eigenwillen diesen Standpunkt nicht wieder zu erringen vermochte ! Ihre Hand ballte sich unwillkürlich , und ihr Blick fuhr in ohnmächtiger Erbitterung über die weite Welt draußen hin . Aber in diesem Moment erschrak sie und fuhr heftig zurück - der Landrat kam über den Hof , vom Packhausthor her . Er hatte möglicherweise ihre Zorngebärde beobachtet , denn er lächelte und grüßte hinauf , und da floh sie in das für den Großpapa bestimmte Wohnzimmer , den roten Salon . Aber ihr schleuniges Zurückziehen half ihr nichts ; wenige Augenblicke nachher stand Herbert vor ihr ... Er war fast jeden Tag nach Dambach gekommen um seines Vaters willen , und doch reichte er ihr jetzt so froh die Hand hin , als habe er sie seit lange nicht gesehen . » Es ist gut , daß du wieder da bist ! « sagte er . » Nun wollen wir unsern Patienten zusammen pflegen . Aber auch für dich selbst war es an der Zeit , in dieses Haus mit seinen hohen , luftigen Räumen zurückzukehren - der Aufenthalt in der engen , dumpfen Pavillonstube hat dir nicht gut gethan , du bist so blaß geworden . « Er suchte mit einem sarkastischen Lächeln und doch auch besorgt ihre Augen , aber sie sah weg , und da fuhr er fort : » Das bleiche Mädchengesicht am Fenster hat mich ein wenig erschreckt , als ich aus dem Packhause trat - « » Aus dem Packhause ? « fragte sie ungläubig . » Nun ja , ich habe nach der armen , schwerkranken Frau gesehen - hast du etwas dagegen einzuwenden , Margarete ? « » Ich ? - Ich sollte es dir verargen , wenn du so echt menschlich und barmherzig handelst ? « rief sie feurig . Ihr Blick strahlte auf ; sie war in diesem Augenblick vollkommen wieder das enthusiastische Mädchen , dem das warme , edle Empfinden das Blut rascher in die Adern trieb . » Nein , darin denke ich genau wie du - Onkel ! « » Nun sieh , da habe ich doch endlich einmal etwas in deinem Geist und Sinn gethan - ich höre es an dem Herzenston deiner Stimme ! ... Wir empfinden beide jugendlich warm - dazu paßt aber ein ergrauter , knochensteifer Onkel nicht ; du fühlst das auch , denn der ehrwürdige Titel kam dir eben recht schwer von den Lippen - wollen wir ihn nicht lieber begraben , den alten Onkel ? « Jetzt glitt doch auch ein schwach lächelnder Zug um ihren Mund . Trotzdem sagte sie abweisend : » Nein , es muß dabei bleiben ! - Was würde auch die Großmama sagen , wenn ich in meine Kinderunart zurückfiele ? « » Das wäre doch am Ende lediglich deine und meine Sache . « » O nein , so unbedingt ganz gewiß nicht ! Die Großmama wird ihre Obervormundschaft über uns alle , solange sie lebt , nicht aus den Händen geben , das weiß ich ! « antwortete sie bitter . » Und du kannst von Glück sagen , daß sie deinen Besuch im Packhause nicht bemerkt hat ; sie würde sehr böse sein . « Er lachte . » Und was würde die Strafe für den alten Knaben sein ? In der Ecke knieen , oder kein Abendbrot bekommen ? - Nein , Margarete , « setzte er ernst hinzu , » so sehr ich auch bestrebt bin , Aergernis und Verdruß von meiner Mutter fern zu halten und ihr das Leben nach Kräften leicht und angenehm zu machen , so wenig darf ich ihr aber auch entscheidenden Einfluß auf meine Handlungen gestatten . Und deshalb wirst du mich noch öfter aus dem Packhaus kommen sehen . « Sie sah hellen Blickes zu ihm auf . » Hätte sich vorhin ein Zweifel in meine Seele geschlichen , vor deinem ruhigen Urteil wäre er geschwunden ! Der alte Maler , den ich von meiner Kindheit an lieb gehabt habe , kann nicht unser Feind sein ! « » Wer sagt das ? « » Die Großmama . Ist es wahr , daß er Nachforderungen an uns Geschwister stellt ? « » Ja , Margarete , es ist wahr , « bestätigte er sehr ernst . » Er hat viel von euch zu fordern . Würdest du das ohne Protest über dich ergehen lassen ? « » Wie könnte ich anders , wenn die Forderung eine gerechte wäre ? « versetzte sie ohne Zögern ; aber die Röte eines plötzlichen Befremdens schlug über ihr Gesicht . » Auch wenn diese Forderung dein Erbteil bedeutend schmälerte ? « Sie lächelte flüchtig . » Es ist bisher immer von seiten anderer für mich gesorgt und bezahlt worden ; ich kann deshalb den eigentlichen Wert des Geldbesitzes nicht beurteilen ; darin aber bin ich meiner selbst gewiß , daß ich tausendmal lieber mein Brot mit Nähen verdienen , als auch nur einen Groschen haben möchte , der mir nicht zukäme ... Ich weiß ja auch , daß du nichts Unbilliges unterstützen würdest , und deshalb bin ich zu jedem Opfer bereit ! « » Kleine Tapfere , die den Fuß sofort im Bügel hat , wenn es gilt , eine brave That auszuführen ! « Ihr Gesicht verfinsterte sich . » Ein schlecht gewähltes Bild für mich , die ich nicht reiten kann , « warf sie herb und achselzuckend hin . » Die vornehme Welt spielt in alle deine Gedanken hinein , Onkel ! « Er verbiß ein Lächeln . » Was willst du ? Dem Bann der Sphäre , in der man viel lebt , entzieht sich so leicht keiner . Wärst du die Freiheitsdurstige , die glühende Verfechterin eines stolzen , starken Bürgertums geworden , wenn du nicht im Hause des Onkels Theobald gelebt hättest ? Ich glaube schwerlich . « » Du irrst ! Das ist nicht angeflogen , nicht eingeimpft , das ist mit mir geboren . Es wäre Eigentum meines Blutes , meiner Seele gewesen , auch ohne den erweckenden äußeren Einfluß , ungefähr so wie man sagt , « - ein Zug ihres ehemaligen Mutwillens umspielte ihren Mund - » daß Raphael ein großer Maler gewesen sei , auch wenn er ohne Hände das Licht der Welt erblickt hätte . « Sie wurde aber sofort wieder ernst und kam auf Herberts Mitteilung zurück . » Auf welches Recht stützt der alte Lenz seine Ansprüche ? « fragte sie unumwunden . » Inwiefern ist er unser Gläubiger ? « » Du wirst kurze Zeit Geduld haben müssen , « antwortete er zögernd , und seine Augen streiften prüfend ihr Gesicht , als schwanke er , ob er jetzt schon sprechen solle oder nicht . » Ach , das ist wohl eigentlich Sache meines Vormundes ? « fragte sie scheinbar gleichgültig , aber ihre Wangen färbten sich und ihre Stimme klang geschärft . » Noch hast du keinen Vormund , « entgegnete er leise lächelnd . » Allerdings vorderhand nicht - du hast es ja nicht werden wollen . « » Ah , ist dir das auch schon hinterbracht worden ? - Nun ja , ich habe es entschieden abgelehnt , weil mir alles Zwecklose in der Seele zuwider ist . « » Zwecklos ? - Ach so , dann hat ja die Großmama recht , wenn sie sagt , du bedanktest dich für diesen Posten , weil mit meinem bodenlosen Eigenwillen doch nichts auszurichten sei . « » Nun , stichhaltig wäre diese Begründung in der That - böse genug bist du ja ! « Er sah sie schalkhaft von der Seite an . » Indes , ich würde mich nicht fürchten , ich würde mit diesem bodenlosen Eigenwillen schon fertig werden . Aber ich habe einen anderen Grund und den sollst du in der allernächsten Zeit erfahren . « Sie wurden unterbrochen ; ein Tapezier trat herein . Der Landrat wollte neue Fußteppiche für seinen Vater legen lassen . Nun kam der Mann , um den Fußboden der Zimmer auszumessen , und während