wieder empor , dann aber schickt man sich darein , von dem allgemein Gültigen abzusehen , den Fall an sich als Ausnahme zu betrachten , was man ja ohne Gefahr tun kann , da er nur die Regel zu bestätigen vermag , und um so nachsichtiger fällt das Endurteil aus , als schroffer und unverrückbarer die anfänglich allen Unwillen erregende Tatsache bestehenbleibt . Da aber weder das eingewohnte Denken noch das ursprüngliche , widerwillige Gefühl über die Konflikte hinweghelfen , so formuliert sich die Anklage , wenn der Fall ein erschütternder , an die letzte Adresse , an das Schicksal , streben aber die Dinge wieder mit dem Alltäglichen sich ins Gleichgewicht zu setzen , so sucht die Menge mit aller Spitzfindigkeit nach dem , dessen Anstoß den ärgerlichen Verlauf verursachte , und findet diesen neuen , endgültig Schuldigen oft in einer Person , die anfänglich , wie gefeit , ganz beiseite gestanden hatte . Als man im Orte merkte , daß der junge Sternsteinhofer just nicht des Votivbildes halber so häufig nach des Holzschnitzers Hütte gelaufen war , da schlug die Stimmung gegen den » frommen , sorghaften « Bauern gewaltig um , und auch an Helenen ließ man kein gutes Haar , und » ganz aus der Weis unschambar « fand man es , wie er die Wittib zu sich auf den Hof nehmen und die dahin gehen mochte ! Die Sternsteinhofbäuerin wurde für eine » helle Marterin « erklärt . Aber der Bauer konnte doch einen und den andern , die sich zu vorlaut gaben , » sakrisch klemmen « - und im Grunde , er hatte ein krankes Weib - wohl - wohl - doch die Kleebinderin , als recht und schlecht verheirat , hätt ihn gleich beim ersten Anwurf ausjagen sollen , und hätt sie dazu auch ' s längste Scheit unterm Herd hervorlangen müssen ! Freilich , viel geht in der Welt vor , und allerwärts hört man , wie oft ein Weib rechtschaffen ausholt und Dreinschlagen vergißt . Anders wieder , als man die Bäuerin zu Grabe trug , da legten sich die Leute gar keinen Zwang auf , und dem weithinwallenden Zuge entlang summte es wie ein Immenschwarm , und zwar nicht ins Gesicht , aber zu Gehör sprach man den zweien , » die zwei andere so gut wie umgebracht hätten « . Doch die Sternsteinhoferin war nun einmal tot und lag in der kühlen Erde , und das war für sie schier das beste , wie für die andern ; vermochten die nicht voneinander zu lassen , so war es gleich einer Schickung und Gnad Gottes , daß sie nun in Ehren zusammen und zu einem End kommen konnten , und hätt man sie seinzeit gewähren lassen , wär das ganz Ärgernis und andern zwei beiden alles gebrannte Herzleid erspart geblieben . Ja , ja , an dem , wie ' s kommen und gangen , war eigentlich doch nur schuld - der alte Sternsteinhofer ! Auf solche Weise fand sich der meisten Denken und Meinen mit dem , was geschehen war und nun geschehen würde , zurecht , nur wenige hielten an ihrer anfänglichen , strengen Verurteilung fest , darunter auch der Kaplan Sederl , und nur einer erklärte von allem Anfange an , er löffle nichts so heiß aus , als es aufgetragen werde , der alte Pfarrer . Freilich , auch der , wenn er an die » unsaubere Geschichte « dachte - daß die auch just in seinem Sprengel spielen mußte ! - , rückte sein Samtkäppchen bedenklich schief , indem er sich ärgerlich im Haar kraute , und über seine Stirn legten sich unmutsvolle Falten ; aber den Schuldigen den Prozeß zu machen , überließ er den Leuten , und das Urteil stellte er dem anheim , des Augen , die nie ein Schlaf schloß , mehr sehen , als aller Leute Augen zu sehen vermochten ! Er hatte ein feines Gefühl für des Volkes Art und Weise , ein feines Gehör für dessen Rede , und das schließliche Abfinden und Zurechtlegen einer Sache , die sich nicht » geben « , nicht unterducken lassen wollte , kam ihm nicht unerwartet . » Nie , niemal , Sederl « , eiferte er gegen den jungen Kleriker , » werden Sie sich auf Welt und Leut verstehen lernen ! Sie habn ' n praktischen Blick noch heut nit . Ließ ich Sie hitzt an meiner Statt machen , Sie gäben gwiß was an , ' n Lebendigen zun Schaden und ' n Toten von keinm Nutz ! ... Himmelheiligkreuzdonnerwetter ! « Dieser » verluderte Ausdruck « galt keineswegs dem Kaplan ; der alte Herr hatte gegen diesen mit vermahnender Geste den Zeigefinger erhoben und dann , um den Tabak zusammenzudrücken , in den Pfeifenkopf gesenkt , jetzt schnellte er ihn mit gelb gesengtem Nagel heraus , schlenkerte damit , und indem er auf die schmerzende Stelle blies , fuhr er fort : » Pfü - üh ! Sie wissen nit , wie ' n Leuten völlig ein Stein vom Herzen fallt , wann was Unordentlichs sich wieder in d ' Ordnung schicken will , und wie gern da alle mit antauchen helfen , nach einm Abschluß hin , wo sich ' s ' m Gwohnten und Gleichen einpaßt und ' s Ärgern und Deuteln ein End findt . Da mitten hnein ' n Leuten in Arm fallen , das wär Gott und der Welt a schlechter Dienst ! « » Sih ärlauhbeen « , sagte der Kaplan , indem er sich erhob , das alte Pfarrbuch , dessen Lektüre ihn gerade zerstreute , an sich nahm und sich zum Weggehen anschickte , » iich wihl nichtt straiten , ahber tas ahles wihtersträbt mihr inn tiehfster Sälle . « » Dann schamen Sie sich auch in d ' Seel hnein , wie tief s ' is « , sagte der Pfarrer . Er hielt ihn mit der Rechten zurück und reckte den linken Arm gegen das Kruzifix an der Wand aus . » Der dort hat auch Zöllner und Sünder nit von sich gwiesen , und wunderbar sein oft die Weg , auf die er Verirrte leit , daß s ' nit zu Verlorenen werden ! Grad dösmal ziemt mich , ich sähet seiner Gnad und weisen Voraussicht aufn Grund . Sederl - nit daß ich ' s Siegel von einm Beichtgeheimnis nähm - , aber das laßt Euch bedeuten : den zwein hat er wohl in seiner Erbarmnis a Verbrechen erspart ! « » Ein Verbrechen ? « stotterte der Kaplan . Der alte Seelsorger drückte den Arm des jungen Mannes . » Zwei vielleicht . « Er nickte ihm ernst zu und schritt hinweg . Am übelsten kam die alte Zinshofer weg , sie klagten die Leute nicht erst an , sondern trugen ihr offen ihre » Vorschubleistung « nach , man wich ihr aus und war kurz und abweisend im Verkehre , selbst auf dem Sternsteinhofe , wo sie doch allen Dankes gewärtig war , ließ man sie unfreundlich an . Eines Abends , als wieder ihre Zutulichkeiten und Klagen kein Gehör fanden und sie erbittert vom Hofe hinweglief , faßte sie den alten Sternsteinhofer , der ihr gerade in den Weg kam , am Arme an . » Bauer « , rief sie , » hitzt erfahr ich , was auch du schon seit langem , und in dem Stuck wärn wir völlig gleich ! « Der Alte machte sich frei und wischte über den Joppenärmel , als wäre der durch die Berührung befleckt worden . » Faß ein nit an « , sagte er rauh . » Dir gleich wußt ich mich in keinm Stuck . « » So kennst leicht Kindsundank nit ? ! « kreischte das Weib . » Kein Dank - mag sein ! Gegn ' n Undank hab ich mich sichergstellt . Mußt dir schon dein Gspann woanders suchen . « Damit kehrte er ihr den Rücken zu . Alles , was der protzige , künftige Schwiegersohn für die Alte tat , war , daß er ihr bei beginnendem Winter erlaubte , aus ihrer verfallenen Keusche in das Kleebinderhäusel zu übersiedeln . Da saß sie nun zwischen reinlicheren und festgefügteren Mauern als sonst und fror wie früher , denn die Fuhre Holz , auf die sie gehofft und gerechnet , war ausgeblieben ; sie ertrug es so lange , bis es ihr - wie sie sich äußerte - zu dumm wurde . » Solln s ' mir nur a Wörtl sagn , dann werd aber auch ich mein Maul groß auftun « , murrte sie , griff zur Hacke , hieb des seligen Herrgottlmachers Holzvorrat kurz und klein und verfeuerte ihn , und als davon kein Span mehr im Hause war , brachte sie die Figuren des halbfertigen Votivbildes auf den Säge- und Hackblock . Mit boshaft zwinkernden Augen sah sie in die flackernden Flammen und meinte : die Heiligen brennten so gut wie Holz . Sie half sich ganz leidlich über den Winter hinweg ; kurz nach demselben war das Trauerjahr des jungen Sternsteinhofers um , dann mußte ja doch etwas geschehen und ändert sich wohl auch ihre Lage . Den Kopf mit beiden Händen pressend , eilte sie heim , als sie erfuhr - von Fremden sich ' s mußte sagen lassen - , der Notarius wär schon auf den und den Tag bestellt , um auf dem Sternsteinhofe die Ehpakten aufzusetzen und alles sonst Nötige zu verklausulieren und zu verbriefen . An dem Tage aber , an welchem der Notar - Toni hatte sich den nämlichen » Findigen « wie sein Vater verschrieben - dort oben auf dem Gehöfte alles richtigmachte , ward die Alte von quälender Neugierde und peinigender Unruhe im Hause herumgejagt , sie hastete Stuben aus , Stuben ein , vom Boden- in den Kellerraum und von dem feuchten Grundmauerwerk wieder hinauf unter die Dachsparren . Doch sie mußte sich gedulden , und erst gegen Abend sah sie jemand eilig auf das Häuschen herzukommen und erkannte , als er nahe war , den Zwischenbüheler Bürgermeister . Der Ortsoberste trug auf langen Beinen einen merkwürdig kurzen Oberleib und auf dessen breiten Schultern wieder ein auffallend kleines Köpfchen , über den beidseitigen , kurzen Backenbärtchen strebten zwei mächtige Ohrmuscheln , fast » kopfflüchtig « , ins Freie ; obwohl seine großen Augäpfel etwas vortraten , so waren sie doch mit ausreichenden Deckeln versehen , welche er denn auch zum Schutze der ersteren gewöhnlich bis auf einen kleinen Spalt geschlossen hielt , was ihm ein ebenso nachdenkliches wie sanftmütiges Aussehen verlieh ; der untere Teil des Gesichtes aber , der zwischen den faltigen Wangen wie eingeschrumpft liegende Mund und das kurze Kinn , wurden von der vorragenden Nase überschattet , welche aus leicht zu erratenden Gründen von den Zwischenbühelern » d ' Latern « genannt wurde ; bei deren Größe und der Kleinheit seines Mundes konnte er es nicht verhindern , daß im Sprechen einzelne Laute den bequemeren Weg durch dieselbe nahmen . » Du bist die Zinshoferin ? « näselte er . » Ich mein , du wirst mich wohl kennen ? « sagte sie giftig . » Blind wann ich wär , leget ich ein Eid drauf ab , daß du ' s bist , denn ich kenn dich an deinm Gekeif , aber was konschtadiert werdn muß , das muß konschtadiert werdn , weil ich von Amts wegn mit dir z ' reden hab . « » No , so komm hrein , komm doch hrein . « Die Alte lief flink voran , und der Bürgermeister stolperte hintennach . Sie wischte einen Stuhl ab und setzte ihn in die Mitte der Stube . Der Bürgermeister winkte abweisend mit der Hand . » Wir werdn gleich fertig sein . « » Ah , nein ! da schau eins her ! « eiferte die Alte , während ihr die Zornröte aufstieg . » Fand ' s schon keins von denen da drobn der Müh wert , mich hnaufzrufen oder hrunterzkämma , und ließen s ' mir durch a Fremds Post zutragn , so will ich doch auch soviel wissen , wie dösselbe weiß , und eh d ' mir nit alls sagst , wonach mich neugiert , laß ich dich nit aus der Stubn , mag ' s hitzt kurz oder lang dauern ! « » Was willst denn wissen ? « » Was gschieht ? « » Was soll gschehn ? Dein Tochter wird Sternsteinhofbäuerin . Das kannst dir wohl denken . « » Was weiter ? « » No , ich mein , ' s wär das gnug ! aber obndrein nimmt noch der Bauer ihrn Bubn , ' n Muckerl vom seligen Kleebinder , als eigen Kind an . « » Gar dazu zwingt er sich ? « Die Alte bleckte die Zähne , als aber der Mann vor ihr ernst blieb und verwundert die Augendeckel aufzog , besann sie sich und sagte : » No , ' s is wohl schön von ihm . « » Wohl , wohl , Gotts Lohn dafür ! Als bstelltem Vormund war mir ' s kein gringe Freud . Kannst dir wohl denken , daß ich mich nit dagegen gsperrt hab , daß mein Mündel mal als Herr und Eigner af eins von d ' größten Anwesen im Land z ' sitzen käm ! ? Jo . Aber obwohl ' s Glück bei dem Bubn schon völlig ein Gupf gmacht hat , mußt ich doch noch af eins bstehn , damit ich aller Verantwortlichkeit nachkimm und frein Gwissens d ' Vormundschaft niederlegen kann . Das Häusel da is nach ' s Vaters Tod ' m Kind - « » Was « , kreischte die Zinshofer , mit der Faust in den Tisch schlagend , » gar austreiben ließen mich dö von da , und du , alter Krippenreiter , halfst ihnen dazu ? ! No , schauts enk aber a an , ös zwei dort drobn , denen ich zu allm Schlechten recht war und hitzt zu allm Rechten z ' schlecht wär , und du , sorghaftiger Vormund , ob ich enk nit alln miteinander ein dickmächtigen Strich durch d ' Rechnung mach ! ' s Maul tu ich auf und weis nach , daß dem verhöllten Fratzen ' s Häusel da nit zukommt , ein Jurament leg ich drauf ab , daß er an ' m Verstorbnen kein Recht hat und der andere ihn nit an Kinds Statt ... « Der Bürgermeister hatte eine Art Rundtanz um die scheltende Alte ausgeführt - eine choreographische Leistung , weit davon entfernt , Sinnlichkeit zu erregen - , wobei er ein über das andere Mal die Arme beschwichtigend auflüpfte und unablässig raunte : » Halt ' s Maul ! - dein verwettert Maul halt , sag ich . « Als sie aber dazu weder gewillt noch je willens zu werden schien , sah er selbst zu dem Rechten und schloß ihr mit eigener Hand den Mund . » Du himmelherrgottssakkermentische Kreuzader , eh dein Gift und Gall ausspeibst , laß eins doch ausreden , ich war ja noch nit z ' End . Dann - dann such ein Anlaß zun Schelten - müßtst grad du ein finden ! « » No , so red « , murrte die Alte , » red halt . « » Weil ' s selb Häusel doch von gar kein Belang is , so war ich dafür , mer sollt ' s verkaufen und ' n Erlös ' m Bubn anlegn ; der Bauer war einverstanden , hat aber gleich selber a Anbot gmacht , was ' s überzahlt , no ja , ' s kommt doch ' m Kind z ' gutem ; so warn d ' Sternsteinhoferleut Eigner von da , und d ' Sternsteinhoferleut schenken ' s wieder dir , und ' s Veranstalten is gtroffen , daß d ' in nächstn Tägn grundbücherlich drauf angschrieben wirst . Hitzt weißt ' s. Hast ' s auch verstanden ? « » Ei , du mein , je ja , freilich , dös wird doch leicht zu verstehn sein . ' s Häusel is hitzt mein ! « » Is dein - und no kannst dich schon dein ausartigs Reden von vorhin reun lassen . « » Wohl , wohl , war ja nix wie dumm Gschnatter . Du hast als gscheiter Mon gleich nit drauf ghört . Ich schreiet ' s so frei aus nit , wußt ich , was nachzweisen , und könnt ich a Jurament ablegn ? ! Wär doch sündhaft gegn d ' braven Leut und mein leiblich Tochterkind ! Nit ? Jo ! Burgermaster , tatst mer leicht d ' Ehr an für dein gute Botschaft und nahmst a Glasel Wein ? Z ' Haus hätt ich wohl kein - « » Dank schön . Ich nimm mitm guten Willn vorlieb , bei dir auch mit weniger . Gute Nacht ! « » Gute Nacht , Burgermaster ! « Was nun die Alte im Hause herumtrieb , Stuben aus und Stuben ein und vom Grundgemäuer bis hinauf unters Sparrenwerk , das war nicht Neugierde noch Unruhe , sondern Lust an dem neuen Eigen . Vieles , worauf sie früher nicht geachtet , besah sie sich erst jetzt genauer ; nun galt jeder Nagel an seiner Stelle und zählte mit . Sie lief auch hinaus in den Garten und schlug angesichts der Bäume und Sträuche freudig in die Hände ; bei alledem aber verließ sie keinen Augenblick der sittlich erhebende Gedanke , daß sie nichts einem blinden Glücksfalle schulde und , was ihr geworden - redlich verdient habe . Es war eine stille Hochzeitsfeier , die bald darnach auf dem Sternsteinhofe stattfand , ganz wie es sich für Brautleute schickte und ziemte , die nach kurzem Witwerstande eine zweite Ehe schlossen . Schier verwundert und verblüfft standen die wackern Zwischenbüheler , als das junge Weib vom Altare wegging . Daß Helene schön war , das wußte man , so schön aber wie an dem Tage ihrer zweiten Trauung hatte sie noch keiner gesehen . Das erste Mal war sie gedrückt in die Kirche gekommen und ebenso aus derselben gegangen , diesmal schritt sie stolz und selbstbewußt einher , nicht anders , wie wenn das , was ihr nun geworden , ihr Rechtens zukäme , doch hielt sie die Lider bescheiden gesenkt , als meide sie , mißgünstigen Blicken zu begegnen , und scheue sich , solche herauszufordern , und wenngleich manchmal über den blühenden Wangen , deren Grübchen ein stilles Lächeln vertiefte , die leuchtenden Augen flüchtig aufblitzten , so sah sich das so unschuldsvoll an wie der Blick eines Kindes , den die greifbaren Herrlichkeiten eines Augenblickes fesseln ; kein Schatten der Vergangenheit , keine Wolke , einem bangen Ausblicke in die Zukunft entsteigend , trübte dieses glücksfrohe , heitere Gesicht , und der einzig lesbare Gedanke in demselben : » Erreicht « , zuckte auch nicht durch die Muskeln als unterdrückter Jubelschrei , sondern barg sich hinter einer stillfreudigen , selbstbegnügten Miene . Die Leute hatten über die Sternsteinhofbäuerin , die , so selbstverständlich sich als solche gebend , an ihnen vorübergeschritten war , die Herrgottlmacherswitwe und die Zinshoferdirn ganz vergessen , und als sich die Boshaftesten auf die längst für diese Gelegenheit » ausgetipfelten Trutzliedeln « besannen , waren die Wägen mit den Hochzeitern und den Gästen schon aus aller Gehör-weite . Unter den Geladenen befand sich auch der Käsbiermartel , und daß er gekommen , konnte nur den befremden , der den Alten nicht genauer kannte und somit nicht wußte , daß sich dieser keine Gelegenheit entgehen ließ , seinem Spitznamen alle Unehre zu machen , Bier ganz zurückzuweisen und Wein - je besseren , um so lieber - zu trinken und Käse , wenn er welchen aß , nur als Magenschluß zu nehmen , wenn nichts mehr voranzuschicken da war . In der Kirche hatte er sich aber doch nicht blicken lassen und , während der Trauakt unten im Dorfe stattfand , oben auf dem Gehöfte dem alten Sternsteinhofer , der sich gleichfalls fernhielt , Gesellschaft geleistet . Als nun die neue Bäuerin an der Seite ihres Mannes die Feststube betrat , fand sie sich den beiden Alten gegenüber . Sie trat auf ihren nunmehrigen Schwiegervater zu . Mit leuchtenden Augen , in denen etwas schalkhafte Bosheit lauerte , und mit einem freundlichen Lächeln , von dem er wohl fühlte , es gelte nicht ihm , sondern poche auf das Unbestreitbare ihrer Schönheit , bot sie ihm die Hand . Da er sie nicht ergriff , sagte sie nach einer Weile leise : » No , bin ich halt doch da . Sei gscheit . Willst mir feind bleiben ? « Der Alte schob die Rechte , gleich der Linken , in die Hosentasche und wandte sich an den Käsbiermartel . » Wieder eine . Bin neugierig , wieviel Bäuerinnen ich da noch erleb . « Rot bis unter die Augenränder , ging Helene von ihm hinweg . Als während des Tafelns der alte Bauer die Stube verließ , folgte bald darauf die junge Bäuerin ihm nach , sie wartete im Flur , bis er vom Garten zurückkam . » Ich hab dir vorhin d ' Hand gboten « , sagte sie . » So ? « » Blind stell dich nit ! Bemerkt habn mußt es . « » Mag sein . « » Du hast mir die deine verweigert . « » Bist auch nit blind . « » Vor ' n Leuten , allen ! « » No ? « » Das is a Grobheit . « » Ich bin halt nit fein . « Er wollte an ihr vorüber , sie aber verstellte ihm den Weg . » Kein Schritt ! « rief sie . » Du hörst an , was ich dir z ' sagen hab ! Meinst , weil du ' s bist , ich ließ mich da im Haus wie der Niemand behandeln ? Da irrst dich gwaltig . Mich lern erst kennen . Weil mir heut in der Kirchen vorm Altar der Gedanken kommen is , da sich ja endlich doch alls wie recht und ghörig gschickt hätt , wär a Unsinn , wegn ' m Frühern einander was nachztragen , so hab ich dir mein Hand dargreicht , nit um dein Freundschaft zu erbetteln , sondern im guten Glauben , auch dir würd dasselbe so christlich wie vernünftige Absehn einleuchten . « » Stell du zwei Falln auf und leg in jede ein extraichen Speck , ich geh dir in keine . « » Daß ich dich fangen wollt , das bild dir nit ein . Mir war nur ums gegnseitig gute Drauskommen . Gäbst du mir mein Respekt , gäb ich dir auch ' n dein . Hättst du mit mir a Einsehn , wurd ich auch eins mit dir habn . Du aber willst ' s anders , und so kann dir ' s auch werdn ! Du sollst nit umsonst die Gedanken in mir aufgriegelt habn , wie mir Sünd und Schand , jeds Unterkriechen und Verstelln , alls , was mich d ' siebnthalb Jahr her gpeinigt hat , erspart gblieben wär , hättst du dich seinzeit nit in gleich herzloser wie unnötger Weis dawidergsetzt und damal schon zugebn , was d ' heut nit verhindern konntst ! Du sollst mich nit umsonst erinnert haben an die Stund , wo ich , mehr tot wie lebendig , die Stiegn da heruntergschlichen bin und zu unserm Herrgott gebet ' t hab , er möcht mich ' n Tag erlebn lassen , wo ich dir dein erbarmlose Hochfahrt heimzahlen könnt . Derselb Tag is hitzt da , und ich will dir weisen , daß er da is ! « Der Alte sah sie mit zusammengekniffenen Augen und breitgezogenem Munde an . » Was willst mer denn weisen ? Du ? « » Was ich dir weis ? Dein Ausnahms-Ausnahm afm Hof da , dö werd ich dir vertun . « » Du unterstündst dich - ? ! « » Jedes weitere Wort spar ! Vergiß nit , wen d ' vor dir hast . Ich brauch mir von dir nix sagen z ' lassen ! « Damit kehrte ihm Helene den Rücken zu und schritt voran nach der Stube zurück , während der alte Sternsteinhofer mit geballten Fäusten , die eingezogenen Arme vor Wut schüttelnd , hinter-dreinstapfte . Der große Ärger tat aber weder seiner Eßlust noch seiner Trunkliebe Abbruch , sondern schien beide nur zu vermehren , denn ihm schmeckte kein kleiner Bissen und mundete kein mäßiger Schluck , so daß er , als die Gäste aufbrachen , mit kläglicher Stimme erklärte , daß ihn » nun schon d ' Füß verließen und d ' Augen nix mehr taugen wöllten « ; die Schilderung seines Zustandes ließ man , als der Wahrheit gemäß , unangefochten , aber die Rechtfertigung desselben durch sein Alter wies man spöttisch zurück , und einige Minderbejahrte meinten : heut wären sie just so alt wie er oder er so jung wie sie . Er erbat sich das Geleite Käsbiermartels , und der Lange mühte sich denn auch getreulich , seinem Schützlinge geweisten Weges über den Hof zu helfen ; es gelang ihm , allen kleinen Fährlichkeiten auszuweichen , und wenn es bei größeren merkwürdigerweise fehlschlug , so bestand er sie einträchtig mit dem Freunde . Er rannte mit ihm gegen ein halb offenstehendes Scheunentor , und als dieses durch den Anprall ganz aufflog , so stürzten beide in taumelnder Hast dahinter her , so weit es sich in den Angeln drehte , ein paar Schritte weiter fielen sie Arm in Arm über einen umgestürzten , ausgemusterten Brunnentrog ; von diesem einen » Verlauf « und andern » Fall « abgesehen , erreichten sie glücklich das Ziel , und da lallte an der Schwelle des Häuschens der Käsbiermartel : » Was bist du - du aber in dein altn Tägn - für - für a leichtsinniger Mon - gält ' s - könnt mer dich heut wieder - hint - hint im Wagngflechtel habn ... « Der alte Sternsteinhofer riß sich von seinem Begleiter los und versetzte ihm eins in die Rippen , daß der laut aufschrie . Aber trotz seiner Erbitterung vergaß der Käsbiermartel nicht , daß ihm doch noch obliege , den Alten unter Dach zu bringen , und so faßte er ihn denn neuerdings an , freilich etwas kräftiger als just not tat , und unter Gefluche und Gepolter ging es die Treppe hinan , unter Gekrache und Geberste zur Kammertüre hinein , und da fand sich plötzlich der Käsbiermartel allein im Finstern . » Sternsteinhofer « - rief er halblaut - » Sternsteinhofer ! Wo bist denn ? No , so meld dich , dummer Kerl , ob d ' da bist ? « Erst nach einer Weile antwortete aus einer Ecke her ein lautes Schnarchen . » Ah so « , sagte befriedigt der Lange , dann sah er nach dem leeren Bette , meinte : » Es wär doch a Sünd « , und legte sich in dasselbe . - - Früh am Morgen öffnete sich oben auf dem Sternsteinhofe ein Fenster der großen Stube , Helene beugte sich heraus und sah auf das Dorf hinab . Ein leichter Flor lag noch da unten . Langsam kam die Sonne im Rücken des Hügels herauf , und unten am Bache ward es licht . Das Turmkreuz der kleinen Kirche brannte , die Häuschen und Hütten hauchten sich rot an , und einzelne Fenster erglühten . Frisch wehte die Morgenluft . Die Bäuerin strich einzelne Haarsträhnen , die ihr vor dem Auge fächelten , zurück . Als sie nach der letzten Hütte sah , wo sie eine freudlose Kindheit verlebt , und nach dem Häuschen daneben , wo sie sich und andern zu Leid und Last gehaust hatte , da erfaßte es sie gleich der bedrückenden Empfindung verworrenen Träumens ; doch von hier oben verschmolzen die einzelnen Behausungen der Straße nach in eine helle Zeile und mit den grünen Hügeln dahinter und dem blauen Himmel darüber in ein freundliches Bild ; das eigene Erlebte verblaßte vor dem Gedenken an das gemeinsame Drangsal und Elend , dem sie entronnen und das von zutiefst da unten , am Fuße des Hügels , nicht hinanreichte zum Gipfel , von dem es ihr nun doch vergönnt war herabzuschauen , wie sie es einst in kindischer Seele gewünscht und ersehnt . So hatte es sich doch gefügt ! Ein dankbares , fast andächtiges Gefühl überkam sie ; dankbar , sie wußte es selbst nicht gegen wen oder was : gegen die Sonne , die alles so warm und freundlich beschien , gegen die Luft , die über allem webte und sich regte , gegen das Dörfchen , die Halde , den blauen Himmel , gegen die ganze , schöne , prangende Welt - ? - Sie faltete die Hände vor der Brust . Lange blieb sie so , plötzlich fuhr sie mit einem lachenden Schrei zurück . Der junge Bauer stand hinter ihr , er hatte sie mit beiden Händen unter den Achseln angefaßt . XXII Monate verstrichen , der alte Sternsteinhofer und die junge Sternsteinhoferin liefen einander , sich nicht suchend noch meidend , ungezählte Male über den Weg ; wohl bemerkte er den mißgünstigen Blick , der ihn bei jeder Begegnung seitwärts streifte , ohne daß es ihn zum Nachdenken brachte , wie derselbe stets gleich und unverändert blieb , selbst als er offen ein immer höhnischeres Gesicht dagegen kehrte . Hat sich halt ein bissel im Reden übernommen , die Neue , und dafür , daß es bei leeren Worten bleibt , ist er der - alte ! Es war an einem heiteren Abende , als er auf dem ihm eigenen Wägelchen von Schwenkdorf , wo er den Käsbiermartel besucht hatte , heimfuhr ; er ließ das Rößlein nach Gefallen des