wir drei unter dem heißen Tage ; der erste Schatten auf dem Wege wartete erst jenseits des Flusses in den Wäldern der Heimat , und der Tod hielt dazu seine schwarzen Flügel über alle sonnigen Hügel , Täler und Halden ausgebreitet . Wie damals sahen wir uns nicht einmal nach dem Dunkel um , das in unserem Rücken emporstieg ; - noch einmal ein Gewitter auf diesem Pfade ! Wo aber führen die Wege der Menschen auf dieser Erde , wo das dumpfe Grollen und Murren von fern her nicht ins Ohr klingt und uns nicht zwingt , rückwärts , zur Seite oder nach dem Ziel vor uns hinzuhorchen ? ... » Hol über ! « An dieser Stelle noch alles so wie sonst ! Dieselben Wasser , dasselbe Ufergebüsch , dieselben heißen , knirschenden Kiesel unter den Füßen . Und drüben aus dem Buschwerk das leichte Rauchwölkchen aus der Hütte des alten Freundes und sein Kahn an dem nämlichen Weidenstrunk . Und nur die Wellen rauschten , sonst kein Ton , kein Laut ringsumher . Wir hatten unseren Ruf mehrmals zu wiederholen . » Ein wenig taub ist der Alte allmählich wohl geworden « , meinte der Vetter , » aber seine Augen sind für seine Jahre noch merkwürdig scharf . Er ist sicherlich nahe an die achtzig . Guck , Irenes Tuch bringt ihn uns her . « Wir sahen den Vater Klaus in der Tat jetzt drüben den Uferhang herabkommen . Einen Augenblick stand er zweifelnd und sah zu uns herüber . » Hol über ! « Wir sahen ihn seinen Nachen ablösen - » Achtzig Jahre ! « » Und er zwingt die Strömung immer noch « , sagte der Vetter . » Manch ein starker , jüngerer Mann würde bei dieser Arbeit bald müde werden . « Da war der Kahn und schob sich scharrend mit dem Vorderteil auf den Kies , und - » Wat kümmt mi denn da ? « fragte der Vater Klaus , und auch an dem Wort und heiseren Laut hatte sich im Laufe der Jahre gar nichts verändert . » I , da seh einer , der ganze Steinhof ! Ach ja , ich weiß ja schon ! Ach ja , der Herr Förster . Der Bote heute morgen hatte es wieder mal recht eilig - es tut mir recht leid um den Herrn Oberförster . Jaja , da hilft es weiter nichts : steigt ein , gnädige Herrschaft , Frau Gräfin , und der Herr Vetter auch . Ja , aber , aber , wie ist mir denn ? Den anderen Herrn da sollte ich doch auch schon kennen ? « » Ein alter und hoffentlich auch heute noch guter Bekannter , Vater « , rief ich , beide harte Hände des greisen Fährmanns ergreifend . » Fritz Langreuter ! « » Richtig ! « rief der Alte . » I , das wußte ich doch auch wohl ! Da zu habe ich Sie doch wohl oft genug mit dem anderen kleinen Fräulein über die Weser befördert . I , sehen Sie mal ! Und nun müssen Sie , mit Erlaubnis , gerade heute zu dieser traurigen Gelegenheit zum erstenmal wieder in mein Schiff kommen ! Ja , wo haben Sie denn die ganzen lieben , langen Jahre gesteckt , wenn ich so frei sein darf ? ! Daß Sie ein grausamer Gelehrter bei der Weile geworden sind , das habe ich wohl gehört , und ansehen tue ich es Ihnen jetzo auch . Na , das freut mich aber bei allem Leidwesen . Ja , dann steigen Sie auch mal wieder ein , Herr - Fritze , mit Erlaubnis zu sagen . Es wundert Sie wohl ein bißchen , daß Sie mich und die Weser immer noch zwischen Werden und dem Steinhofe an Ort und Stelle finden ? Ja , so hat jedes seinen Lauf und sein Bestehen ! « Nun schwammen wir wieder auf dem Wasser , und ich ließ mir noch einmal die warme Sommerflut des Stromes über die Hand fließen . Und ganz wie damals flüsterte mir der alte Schiffs- und Fischersmann zu : » Jaja , ich weiß es wohl , daß es in Werden nicht gut steht , Herr Langreuter . Aber der Herr Förster hat ja , Gott sei Dank , ein reinliches Blut und ein gutes Gewissen , und wenn er , gegen mich gehalten , auch noch ein ziemlich junger Mensche ist , so ist er doch auch ziemlich bei Jahren und da ist es immer das beste für die Angehörigen , Vernunft anzunehmen und sich und dem anderen den Abschied nicht schwerer zu machen , als notwendig ist . Wisset ihr , Herr Vetter Everstein und die gnädige junge Frau dazu , wüßte ich nur ganz gewiß , daß mir während meiner Abwesenheit allhier an dieser Stelle kein Schaden und Spitzbubenstreich passierte , so ginge ich wahrhaftig gern mit euch , um mir für demnächst ein gutes Exempel an dem Förster zu nehmen . « » Da kommt nur dreist mit , Vater Klaus « , meinte Just ; » ich stehe für allen Schaden . Wer weiß , welch ein gut Beispiel Ihr uns auf dem Stuhl am Bette geben könnt . « Aber der Greis schüttelte den Kopf : » Es geht nicht , und es schickt sich nicht . Seit ich denken kann , ist dies mein Ort , wo ich die Weser , die Schiffe , die Jahreszeit , die Menschen und das Gewölke passieren und bleiben sehe . Es ist nur eine Kabache da im Röhricht , aber doch mein altes festes Nest , und jeder Schritt davon weg ist mir aus der Gewohnheit . Ein alter Kerl bin ich hier geworden , aber als ein ganz anderer Kerl käme ich heute nacht von Werden nach Hause ; aber holla - seht einmal das Gewölk ! Das kommt diesmal doch schneller herauf , als ich gedacht habe ! Und hör einer , da probiert der Herr Kantor auch schon seine große Orgel . Na , na , nun rate ich lieber den Herrschaften , daß sie wieder mal ein Stündchen bei mir unterkriechen und das Schlimmste vorüberlassen . « Es hatte keiner von uns anderen sich umgesehen , doch jetzt taten wir ' s , wie angerufen von dem ersten dumpfen Donnerton von Westen her . Was wir für ein langsam zögernd Schleichen genommen hatten , das war raschester , rasendster Flug gewesen . Das Gewitter war da wie das Schicksal , welches uns auf diesen Weg geführt hatte , und wir standen unter dem Druck des einen nicht anders als unter dem des anderen . » Ihr Mannsvolk kommt mit der Frau nicht weit in den Wald hinein , und dann müßt ihr doch unter der ersten dicken Eiche zu Schauer gehen « , rief der Vater Klaus . » Die gnädigste Gräfin oder Frau Baronin muß mir nicht übelnehmen , sie ist mir , je länger ich sie ansehe , immer noch wie das Kind und junge Fräulein Komtesse von Schloß Werden , und das alte Kesselchen singt noch auf dem alten Herde , Fräulein Gräfin , und ein frisch Paket Zichorien hab ich auch von Bodenwerder . Sie haben doch sonst schon vorlieb bei mir genommen - ach ja , ein bißchen mehr Kinder waren wir dazumalen wohl noch , und die beiden jungen Leute aus dem Försterhause waren dann auch immer dabei . Ich habe es wohl gehört , daß sie alle währenddem mancherlei erlebt haben in der Welt , aber denken kann ich mir ' s eigentlich nicht ; denn ich selber habe ja nichts erlebt , von welchem ich viel wüßte , außer daß ich ein bißchen älter geworden bin . Der Regen ist schon da ; - nun kommen Sie nur noch mal herein zum Vater Klaus - lange anhalten wird ' s ja wohl nicht . « » Ich ginge am liebsten weiter « , sagte Irene . » Ich möchte gern so schnell als möglich zu Eva . « Das ging nun wohl nicht an . Das Unwetter war da , und schon fegte der Regen in Stößen vom jenseitigen Ufer her über den Fluß . Alle lichten Farben wurden zu einem trüben Grau ausgewischt , das Ufergebüsch und Schilf wie von tausend ärgerlichen Fäusten geschüttelt und nach Osten hin zu Boden gedrückt . Auf das Dach der Fischerhütte rauschte und rasselte es nieder , und wir saßen an dem Tage eine gute Stunde an dem Feuerherde des Vater Klaus , horchten auf den Donner über unseren Köpfen , » warteten das Gewitter ab « und ließen unserem grauen Fährmann und Gastfreund das Wort . Wie er es führte , hätte wohl keiner von uns etwas Besseres , Unterhaltenderes und Zweckdienlicheres zutage fördern können . » Ich weiß eigentlich gar nicht , wie ich Sie jetzt nennen muß « , wendete er sich an unsere Begleiterin . » Am liebsten hieße ich Sie wie sonst : liebes Fräulein Gräfin oder Komtesse ; aber das ist es ja wohl nicht mehr ? « » Liebe Frau Irene , Vater Klaus ! « Und ganz leise fügte sie hinzu : » Arme Irene ! - Ich habe von dem Mancherlei , was ich in der Welt erlebte , nichts weiter nach Hause - nach dem Steinhofe gebracht als meinen spottenden Taufnamen . Wer es noch gut mit mir meint , der nennt mich bloß bei diesem . Ich bin eine arme Frau Irene geworden , Vater Klaus ! « Der Alte schüttelte das Haupt : » Hm , hm , es ist doch sonderbar ! Da , wo Sie jetzo sitzen , Fräulein Gräfin , da saß gestern gegen Abend mein bester Freund , seit ich denken kann , auch mal wieder ! Nämlich der ganze Nichtsnutz von dem Försterhofe in Werden ; und ich dachte wirklich zuerst , er sei meinetwegen da ; aber er nahm gar kein Blatt vor den Mund , sondern wollte einfach nur von hier aus über die Weser gucken , und als ich ihn dann fragte , wie ich ihn jetzo betitulieren müßte , meinte er geradeso , sein Taufname wäre ihm das Liebste , und weiter hätte er für die hiesige Gegend hoffentlich auch nichts mit aus der Fremde gebracht . Und als ich darauf nicht einging , sondern ihn darauf anredete , daß er ja kurioserweise Schloß Werden käuflich an sich gebracht habe , wurde er auf einmal aus aller Wehmut heraus ganz der alte und sagte : Klaus , Vater Klaus , zwei Esel haben eigentlich nicht Platz hier im Fischkasten ! - Na , das freute mich denn recht , obgleich er eigentlich gleich wieder in seine Trübseligkeit hineinfiel ; aber auf dem richtigen Fuß waren wir wieder , und ich habe ihn kurzweg wieder bei seinem Taufnamen geheißen , und dann haben wir , weil eben nicht so ' n Unwetter wie jetzo war , unter unserem alten Strunk gesessen und zusammen über mein Wasser geguckt und wirklich recht vielerlei von - der lieben Frau Irene zusammen gesprochen . « » Wann war denn dies wohl , Meister Klaus ? « fragte ich mit einem verstohlenen Blick auf die von uns weg in die Tür tretende und die Hand in den jetzt schon leiser rauschenden Regen streckende Frau . » Nun , ich meine so zwischen sechs und sieben Uhr . Herr Ewald wird wohl erst ziemlich spät in der Nacht nach Hause gekommen sein . Er hatte vor , auf dem Heimwege noch mehr als einen Umweg zu machen . Es sind da eine Menge Orter , die ich noch einmal wiedersehen muß , ehe ich mich wieder auf die Wanderschaft mache , Vater Klaus ! sagte er . - Ja , er sprach ein langes und breites darüber , wie schlecht es ihm zu Hause gefiele . Und ich denke doch , mein lieber Gott , daß es doch nicht jedermann alle Tage passiert , daß er mit soviel Glück in der Tasche aus der Fremde in das alte Nest fällt wie der . Aber ein aparter Mensch war der immer und schon von Jungensbeinen an . Den Herrn Ewald Sixtus meine ich . Uh , wer so manche Nacht wie der hier bei mir in der Köte gelegen hat und in das Feuer da von all seinen unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hineingesprochen hat , den soll der Vater Klaus doch wohl kennen , wenn er als ausgewachsener Mann ebenso wieder daliegt und mit den Funken und Flammen auf meinem Herde mehr spricht als mit mir altem dummem Kerl . Nicht wahr , Herr Vetter Just ? « » Das meine ich auch , alter Freund ! « rief der Vetter mit außergewöhnlicher Energie . » Nun , wie sieht es draußen aus - liebe Frau Irene ? Gestern abend , als du mit dem Berliner Doktor da durch die Felder zogest , seid ihr ja wohl auch ziemlich bis hier in die Gegend gekommen ? Erzähltest du mir nicht davon , Fritz , als wir heute morgen deinen Schreibebrief nach Werden beredeten ? Und von allerhand unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hast du mir auch geschwatzt . Und da war doch bloß die Weser zwischen euch und dem alten guten Freunde , dem Vater Klaus . Wenn ich je in der Welt einem so guten Freunde wieder so nahe gekommen bin , dann habe ich ihm immer auch einen Besuch abgestattet ! « ... Die Frau Irene stand noch immer , den Ellenbogen an den Türpfosten der Hütte lehnend . Über den Herd des Vater Klaus sich beugend , flüsterte mir der Vetter Just zu : » Tausend Schritte weiter und - Hol über ! ... Deinen Brief behalte ich zum Andenken an diese Tage ! « - - Laut , fast fröhlich rief er dann : » Du hast noch nicht geantwortet , Irene . Was macht das Wetter auf Erden , und wie guckt der Himmel drein ? Ich meine , der Regen läßt doch immer merklicher nach . « Die Frau wendete sich , und ein Fremder hätte ihr nicht angemerkt , wie schwer jedes Wort , das in dieser Fischerhütte gesprochen worden war , auf ihrer Seele wog und daß ihr mit Ausnahme dessen , was der Vetter Just leise mir ins Ohr gerufen hatte , keines entgangen war . » Der Vater Klaus ist ein guter Wetterprophet und hat sich auch diesmal wieder so bewährt « , sagte sie . » Es war ein rascher Übergang . Vom Steinhof her scheint wirklich schon die Sonne in die Tropfen , und es ist alles gegen Schloß Werden gezogen . « » Und auch dort wird ' s ein Übergang sein « , meinte der Greis . » Die Berge da machen keine Wetterscheide aus . Was über die Weser rüber ist , hat freie Bahn vor sich und mag gehen oder sich verlaufen , wie und wo es will . Da ist weiter kein Aufenthalt mehr . Geschickt wird ja jedes Gewölke , aber dorthinzu ist das denn doch wieder , als ob alles Wetter frei seinem Schicksal überlassen worden wäre , und so weiß nie einer genau , was er davon halten und sagen soll . Es ist eben alles Witterung . « » Und wir haben unser Teil davon auf uns zu nehmen « , sagte Irene , dem Fischer die Hand reichend . » So nehmt denn auch heute unseren schönsten Dank für freundlichen Schutz , gute Bewirtung und jedes gute Wort , was Ihr uns gesagt haßt , Vater Klaus . Fast ist es doch , als hätten wir ganz vergessen , was uns eigentlich auf diesen Weg getrieben hat . Nun wollen wir aber nur noch an dieses denken und rasch weiter ; nicht wahr , meine Herren ? ! Ich muß zu meiner armen Eva , und es soll mich keine Erdenwitterung mehr aufhalten . Ade , Vater Klaus . Wenn ich zurückkomme , gehe ich nicht über Bodenwerder - Ihr nehmt mich wieder auf in Euren Kahn . « » Allein oder in Gesellschaft - wie es sich schickt « , brummte der greise treue Schiffsmann , die kleine zarte Hand zwischen seinen uralten , knochigen Tatzen haltend . » Herrschaften , findet ihr den Förster noch , so grüßt ihn von mir ; - auf einen Hasen legte da dem lieben Gott sein Jägersmann nicht an ; also sprecht ' s ihm nur dreiste heraus , daß ich fest auf ihn rechne , was das Quartiermachen anbetrifft . Finden Sie ihn nicht mehr , Herr Vetter Just , und Sie , Berliner , na so brauchen Sie auch nichts an ihn zu bestellen , sondern nur gut mit den zwei jungen Leuten umzugehen . Ich finde meinen Weg schon . Adjes alle ! Es ist mir , abgesehen von dem schlimmen Malör , eine große Freude gewesen . « Wir traten heraus aus der Hütte in das letzte , jetzt auch schon auf diesem Ufer der Weser von der Sonne durchflimmerte Gesprühe des Sommergewitters und atmeten aus tiefster Brust wohlig auf ; ich aber vernahm noch , wie der Meister Klaus , den sehr schlimmen Tabak in seiner kurzen Holzpfeife niederdrückend , brummte : » Jawohl , am Ende läßt sich doch niemand recht Zeit als solch ein alter Fischersmann , der da weiß , daß die Fische nicht zu jeder Stunde beißen , und der mit den Reusen umzugehen weiß und weiß , daß alles erst zu seiner Zeit kommt , aber denn auch ganz richtig und auf den Punkt . Jaja , lauft nur zu ; - ich hab euch ja schon gefahren , als ihr noch in euren Kinderschuhen liefet . « Ich winkte ihm darob noch einmal lächelnd zu : » Und es ist Eure feste Meinung , daß wir noch immer darin laufen , Vater Klaus ? « » Das werde ich mir doch wohl nicht herausnehmen « , rief der Alte grinsend mir nach . » Aber eine hübsche Luft wird es immer nach solch einem Gewitter , Herr Langreuter ; und die paar Tropfen , die Sie jetzo unterwegens noch auf den Pelz kriegen , die können Sie sich darum schon gefallen lassen ; und , lieber Herr Fritz , bei Gelegenheit fragen Sie nur ganz dreist den Herrn Ewald danach , was gestern meine Meinung gewesen ist . « Nun glänzte und rauschte auf Stunden Weges um uns und über uns der erfrischte Hochwald . Die großen gelben und schwarzen Schnecken krochen auf allen Pfaden ; Menschen begegneten uns nicht . Wir gingen stumm zu , und nur wenn wir an einer außergewöhnlich schlüpfrigen und steilen Stelle unserer Begleiterin die Hand boten , sprach sie ein leises Dankeswort . Und wieder einmal lag , als wir endlich aus dem Walde hervortraten , Schloß Werden zu unserer Rechten im Sonnenuntergangsglanze da , und das scheidende Licht blitzte rot aus den hohen Fenstern des Oberstocks uns entgegen . Ich sah mit einigem Bangen auf die bleiche Frau mir zur Seite und fing einen ganz ähnlichen Blick des Vetters Just auf . Doch Irene Everstein sah nur einmal ganz fest und kurz nach den Giebeln des väterlichen Hauses und schritt dann gesenkten Hauptes rascher zu auf dem Wege gegen das Dorf . An dem ersten Hofe schon erführen wir von einem Kinde , daß der Herr Oberförster tot sei ; und ein junges Mädchen , das am Gartentore strickte , bestätigte die Nachricht und fügte hinzu : » Gerade , als das Unwetter anging . « Wir gingen nun durchs Dorf . Alle Leute vor den Türen grüßten uns herzlich , aber still . Auf Irene sahen sie scheu und steckten nachher die Köpfe zusammen und flüsterten miteinander . An den Vetter Just trat hier und da einer heran und gab ihm die Hand : » Also Sie haben es auch schon vernommen ? « - Jeder aber sprach viel leiser , als es sonst dort die Gewohnheit des Ortes ist . » Und der junge Herr Sixtus ? Und Fräulein Eva , Gevatter Reitemeyer ? « » Die sitzen ganz still auf der Bank vor der Försterei . Sie haben sich ja wohl gottlob ganz gut in das Geschick gefunden . Sein Alter hatte der alte Herr , vor Krankheit hat er immer sein Grauen gehabt und seinen Spaß darüber gemacht . Hier im Dorfe bei uns ist niemand , der ihm nicht das Beste wünscht , und solange man denken kann , kann man Werden nicht ohne ihn sich denken . Auf dem Wege zu seinem Unfall ist er mir heute morgen noch begegnet . Das mußte ja wohl so sein , denn er hatte es kurios eilig und war doch sonst ein recht ruhiger , langsamer und sedater Herr . Gehen Sie nur ruhig hin . Das Unwetter hat Sie wohl ein bißchen unterwegs aufgehalten ? Es ist aber wirklich recht angenehm danach geworden . Sie haben Ihr Heu wohl auch schon trocken herein auf dem Steinhofe , Herr Just ? « Wir blieben dieser Unterhaltung wegen nicht stehen , und so kamen wir zu dem Försterhofe und fanden , wie die Leute es uns berichtet hatten , Bruder und Schwester auf der Bank vor der Haustür im dämmerigen Ulmenschatten beieinandersitzend . Hinter ihnen standen die Stubenfenster wie immer weit offen und ließen den Regenduft und die Frische des nahenden Abends frei ein ; der alte Herr aber saß nicht mehr am Fenster , sondern lag ausgestreckt , » ruhig und sedate « , auf seinem Lager . Auch alle Türen standen in gewohnter Weise geöffnet ; die Hunde des alten Herrn lagen zu den Füßen des Geschwisterpaares , und nur von Zeit zu Zeit stand einer von ihnen auf , ging hinein und legte den Kopf auf das so schnell dort bereitete Bett und kam wieder heraus und legte den Kopf auf Evas Knie und sah wie fragend sie an . Das schreibe ich aber hier , weil es den ganzen Abend so blieb , nachdem wir uns zu den Geschwistern gesetzt hatten . Als wir in das Hoftor traten , schlug einer der Hunde leise an . Ewald und Eva standen auf , und der Ingenieur aus Irland legte die Hand auf die Fensterbrüstung hinter sich , wie um sich zu halten . Doch Irene verließ den Arm des Vetters Just , ging rasch hin und hielt die Jugendfreundin im Arm und küßte sie und sagte : » Da bin ich ... Nun sei nur still ... Du sollst mir alles erzählen ! « Eva Sixtus weinte heftig , und Ewald gab uns Männern stumm die Hand . » Er sieht aus , als ob er schliefe ! ... Oh , er sieht zu gut und schön aus für den Tod ! « schluchzte Eva ; und dann gingen wir alle , von den Hunden begleitet , in die Stube , und er sah freilich schön und gut aus in seinem weißen Haar , und gottlob nicht anders , als ob er schliefe ! ... » O Just , o lieber Just ! « schluchzte Eva Sixtus , und nun war sie mit ihm und war bei ihm gut aufgehoben in diesen tränenreichen Stunden und Tagen . Sie konnte auch das Haus verlassen , in welchem sie geboren worden war . Sechzehntes Kapitel Und Ewald und Irene ? Was sagten und taten die denn ? Das ward nun eine Nacht , in der viele Geister umgingen in Werden - Schloß und Dorf ; doch über miracula et portenta , von großen Wundern und » Wunderzeychen « am Himmel und auf Erden und auch in den Herzen der Menschen habe ich nicht das geringste zu berichten . Jene beiden Leute begrüßten sich zuerst , wie es sich nach der langen Trennung und bei der ersten Gelegenheit schickte , ernst und freundlich . Zu dem , was die Welt eine Auseinandersetzung nennt , kam es fürs erste noch nicht ; denn teilnehmende Nachbarn sprachen immer noch ab und zu vor , und auch der jetzige Pastor des Ortes kam noch einmal und saß eine geraume Weile . Er beging vielleicht die einzigen Indiskretionen an diesem Abend , indem er den irischen Ingenieur recht lobte und seine Heimkehr » so gerade zur rechten Zeit leider ! « mit allen ihren Umständen als etwas sehr Löbliches und Verdienstliches pries und sich dabei stets mit seiner Rede an die Frau Irene wendete . Doch lauter als der beste Redner in der Welt gab der stille alte Herr hinter uns in der Stube mit den offenen Fenstern sein stummes Wort darein und half uns auch hierüber hinweg . Auf den Spielplätzen des Dorfes verklang allgemach der Lärm der Dorfkinder . Es wurde Nacht , und auch der gutmütige , wohlmeinende geistliche Herr ging nach Hause , höflich von dem Vetter Just bis zum Hoftor begleitet . » Wir haben uns lange nicht gesehen , liebe Irene « , sagte jetzt der Irländer leise ; doch die Frau antwortete mit merkwürdig fester und klarer Stimme : » Ja , lieber Ewald ; es ist sehr lange her , und nun führt uns eine so traurige Gelegenheit wieder zusammen ! Dir ist es aber gottlob gut ergangen auf deinem Lebenswege , du hast vieles ausgerichtet ; ich habe den Vetter Just und hier den Doktor Fritz gern davon erzählen hören - « Hier räusperte sich der Vetter Just ziemlich vernehmlich und brummte : » Hm , hm , hm . « » Mein Bruder - « , wollte Eva einfallen , doch ich faßte rasch nach ihrer Hand , die Frau Irene fuhr fort , und der energische Wille , sich nichts zu vergeben zu haben , kämpfte bedenklich mit noch unterdrückten Tränen : » Du hattest es aber auch viel leichter in der Welt als ich . « » Ja , liebe Irene ! « sagte der Freund . » Ich weiß das nur zu genau . Ja , ich habe es leicht gehabt und viel Glück ! « - Seine Stimme aber wurde rauh und hart , als er hinzufügte : » Ich habe jahrelang keine Zeit gehabt , an meines Vaters Haus zu denken , um dir das deinige wiederzugewinnen ! « » Aus Zorn und Mitleid , Ewald Sixtus ! ... O Eva , Eva , liebe , liebe Schwester , behalte mich bei dir unter deines Vaters Dache diese Nacht ! ... Nein , nein ! ... Just , o lieber Just , wie bin ich nur hierhergekommen ? Wo soll ich bleiben ? « Zum erstenmal in dieser treuen , wahren Lebensgeschichte klang die Stimme des Vetters ärgerlich , ja fast böse , als er sich erhob und sagte : » Bei mir - Just Everstein ! Eine Nacht geht bald vorüber . Auf Schloß Werden , Gräfin Irene Everstein ! Ich schaffe dir in dem alten Spuknest als alter amerikanischer Hinterwäldler und Baumfäller ein Strohlager und ein Bund Heu unter den wilden Kopf . Kommt herein zu dem Vater ; Eva hat zwei Lichter neben sein Bett gestellt , wir wollen dabei den Kauf richtigmachen , Ewald ! Ich , Just Everstein vom Steinhofe , bin hiermit Eigentümer und Herr von Schloß Werden ! « ... Es ist nicht die Kraft , es ist die Angst des gefangenen Edelfalken , die das Schreckliche ist und das Publikum vor den Gittern des Käfichts am meisten interessiert ; ich aber verspüre an dieser Stelle am allerwenigsten das Bedürfnis , die Frau Baronin Rehlen interessant zu machen durch ihr Flattern und Flügelschlagen . Habe auch kein Recht dazu . Wir gingen wohl zu dem toten Vater hinein , aber nicht um einen Handelskontrakt neben den zwei Lichtern , die sein stilles , friedliches , freundliches Greisengesicht beleuchteten , abzuschließen . Irene stand an Ewalds Schulter gelehnt , von seinem Arm umschlungen , und weinte leise und flüsterte : » Kannst du mich denn noch liebhaben ? « Er war unverbesserlich , der brave Freund Ewald Sixtus ! Er hätte wirklich schon von Geburt aus als Irländer in diese nüchtern-tragische Welt hineingesetzt werden sollen . Dem Weinen war er gleichfalls näher als dem Lachen , und seine Stimme zitterte gleichfalls , als er an dem Sterbelager seines Vaters seine Liebe fester an sein Herz zog ; aber doch mußte es heraus und kam ganz in der alten Dummen-Jungen-Weise : » Ich kriege dich ja nur in den Handel , altes Mädchen ! Aber bei den ewigen Göttern , die mir wahrhaftig den Weg bis zu dir schwer genug gemacht haben - den Vetter Just halte ich bei seinem Worte ! Wir beide , mein Herz , mein liebes , liebes Herz , wir sehen uns nicht mehr um nach Schloß Werden ; aber der Vetter da - der Vetter Just Everstein , der war von Gottes Gnaden allewege der Gescheiteste von uns und hat mit unserer Schwester da allein die Gabe , alles ruhig abzumachen . Du und ich , mein Herz , wir haben nur einmal den Versuch gemacht . Die beiden müssen für uns mitwissen , was mit Schloß Werden anzufangen ist ! « Von Schloß Werden wurde nun nicht mehr gesprochen bis zum anderen Morgen , und dann zwischen dem Vetter Just und mir . Wir verbrachten alle diese Nacht unter dem nämlichen Dache ; doch wohl keiner von uns in einem sehr festen Schlaf . Auch ich nicht , der ich in jedem Augenblick vorgeben konnte , daß wichtigste , unaufschiebbare Geschäfte mich augenblicklich nach Berlin zurückriefen und meine Gegenwart bei dem Begräbnis - bei dem Schmerz und dem Trost der alten Heimat unmöglich machten . Zwei Stunden nach Sonnenaufgang schon trieb es mich heraus . Wahrscheinlich weil irgend etwas - was , kann ich nicht sagen meinte : so mag er doch wenigstens den Historiographen festhalten ! - Im Unterstock des Hauses traf ich nur die bleiche , traurige