« rief Dovidl , warf die Arme von sich und drehte sich zweimal wie ein Kreisel um die eigene Achse . » Wem haben sie ' s gesagt ? Mir , ihrem Vertreter ! Aber vor Gericht ? Da lügt Schlome , da ist er ein Verleumder , weil er fromme Talmudisten beschuldigt - wegen schwerer körperlicher Verletzung beschuldigt - verstehst du ? « » Nein « , erwiderte Sender . » Der Bart ist ja wirklich weg . « » Unsere Sorge ! Er hat sich ihn selbst ausgerissen . « Dovidl ergriff die Bogen und schwang sie wie eine Triumphfahne durch die Luft . » Das hab ' ich hier geschrieben - um verleumden zu können , selbst ausgerissen ! « » Aber wenn das Gericht unsere Mandanten beeidet ? « » Beeidet ? Hahaha ! « Dovidl lachte krampfhaft . » Ich platz ' . Sie sind ja Angeklagte . Die kann man doch nicht in Eid nehmen . Ich platz ' . « » O doch ! « erwiderte Sender gelassen . » Ihr erhebt ja die Gegenklage wegen Verleumdung . Und da sind Naphtali und Chaim die Zeugen und können beeidet werden . « Dovidl blickte ihn wie erstarrt an . » Ich fahr ' - « » Aus der Haut « , ergänzte Sender . » Aber deshalb hab ' ich doch recht . « Der Winkelschreiber hörte ihn nicht mehr . Blitzschnell hatte er die Bogen ergriffen und war in sein Sanktuarium zurückgestürzt . Sender setzte sich wieder hin . » Und das erleb ' ich nun dreimal täglich mit ihm « , dachte er . » Anfangs hat ' s mir Spaß gemacht , aber jetzt möcht ' ich eine Abwechslung haben ! Wenn er doch wenigstens einmal wirklich platzen oder zum mindesten aus der Haut fahren wollte ... Für mein Ziel nützt er mir gar nichts - so einen Narren werd ' ich nie zu machen haben , den hat noch kein Dichter in ein Stück hineingesetzt ... Und Nadler schweigt noch immer ! « Das war der Grund seines Mißmuts . Es ging ihm ja nun gut , er konnte zufrieden sein . Die Arbeit bedingte wohl viel Zeit , aber geringe Mühe . Hätte er sich auf jene Verrichtungen beschränken dürfen , für die er die sieben Gulden Monatslohn bezog , so wäre sein Tag fast nur aus Mußestunden zusammengesetzt gewesen , denn von Rechts wegen hatte er nur die Listen der Kollektur zu führen und die mit hebräischen Lettern , aber in deutscher Sprache geschriebenen Entwürfe seines Chefs in deutscher Schrift wiederzugeben . In Wahrheit war ' s anders , an beidem hingen mancherlei Verrichtungen , die nicht im Vertrage standen und doch getan sein wollten , jedoch auch dies nahm er willig in Kauf . Aber er konnte nichts zur Erreichung seines Ziels tun , in dieser Hinsicht verbrachte er seine Tage müßig , und dies ertrug er immer schwerer . Er hatte sofort nach seinem Eintritt in die Kollektur an seinen Gönner in Czernowitz geschrieben , die Wandlung seines Geschicks mitgeteilt und dringend gebeten , ihm die Bücher nochmals zu senden , namentlich den » Katechismus « , aber nicht etwa wieder als Geschenk , beileibe nein , sondern unter Nachnahme und diesmal an seine eigene Adresse . Daß der Direktor noch in Czernowitz war , wagte er freilich nicht zu hoffen , » aber « , dachte er , » so einen großen Künstler wird die Post schon finden . « Darum hatte er keine baldige Antwort erwartet - nun aber waren ' s schon sechs Wochen und er harrte noch immer vergebens . Auch heute hatte der Briefbote nichts für ihn , fast höhnisch winkte er ihm im Vorbeigehen mit der Hand ab . Es war dem Enttäuschten nur ein geringer Trost , daß in demselben Augenblicke die geistige Elite von Barnow zum Zwecke einer längeren Konferenz den Laden betrat . » Hier wird gewonnen « , stand auf jener Tafel , noch mehr , Dovidl verhieß sogar jedermann ein Terno . Er versprach nicht zu viel , nur gehörte freilich eines dazu : daß man jene Nummern zwischen 1 und 90 setzte , die dann in der nächsten Lemberger Ziehung herauskamen . Daß dies vom Glück , vom Zufall abhänge , glaubte eigentlich niemand in Barnow und der » ganzen Umkegend « : man mußte eben das Glück zwingen , indem man sich nach verläßlichen Anzeichen richtete . Die einen folgten dabei mehr dem Verstande , die anderen mehr dem Gemüt , aber die Hilfe des Kollekturschreibers nahmen alle in Anspruch , und wenn es ihm auch die Gemütsmenschen nicht leicht machten , so erwiesen sich doch die Anhänger der reinen Vernunft als die Zeitraubendsten . Die aber beehrten ihn eben : der Apotheker Ludwig Noß , der Steueramtskontrollor Viktor Huszkiewicz und der Wundarzt Franz Xaver Grundmayer ; der vierte im Bunde , der Bestechungsagent Herr v. Wolczynski - es war dies fast ein ebenso offizieller Beruf wie der der anderen - fehlte heute . Diese Herren folgten der Mathematik . Damit wenigstens eröffnete der kleine , kugelrunde Apotheker die Konferenz . » Also , Senderko « , begann er gewichtig , » wir kommen , um zu setzen . Große Einsätze ! - bis zu fünfzig Kreuzer ! « Er hob den Zeigefinger . » Aber ohne Mathematik tun das höchstens die Bauern ! Also - lies uns einmal langsam die Listen der Nummern vor , die vor sieben Jahren herausgekommen sind . Langsam und deutlich ! « » Und laut ! « fügte Grundmayer hinzu . Er hörte nicht ganz gut , wenn er etwas betrunken war , und etwas betrunken war er immer . » Die Lungen dazu hab ' ich dir ja wieder kuriert ! Nämlich , Sie müssen wissen , meine Herren , ich bin sein Lebensretter . Im April nämlich - « » Aber Herr Doktor , das wissen wir ja , Herr Doktor ! « fiel Huszkiewicz ein . » An die Arbeit , Herr Doktor ! « Denn wenn man Grundmayer unterbrach , so wurde er grob , es sei denn , daß man ihn zur Begütigung » Herr Doktor « nannte . » Nimm also den Band von 1845 , Sender , und lies . Ich werde auch heute notieren . « Er holte ein dickes Heft aus der Tasche , das schon fast ganz mit Zifferntabellen vollgeschrieben war , und nahm Platz . Sender aber langte seufzend den gewünschten Band aus dem Wandschrank und begann zu lesen . Er mußte es tun , sein Chef hatte ihm strengstens eingeschärft , jeden Wunsch der Kunden zu erfüllen , der sie in ihrer Spiellust bestärken konnte , aber es war ihm so langweilig , so schrecklich langweilig . » Sender « , klang die Stimme Dovidls aus dem Nebenzimmer , und wieder kam er im nächsten Atemzuge hereingestürzt , auch diesmal ein Folioblatt in der Hand . » Ich hab ' mir ' s überlegt - keine Gegenklage . Ich sag ' einfach - Guten Tag , meine Herren , welche Ehre , meine Herren ! Sie lassen sich vorlesen ? Gut , sehr gut , vortrefflich , ausgezeichnet ! Lies , Sender . Er liest doch deutlich , hoff ' ich ? Sind Sie zufrieden , meine Herren ? Wenn Sie nicht zufrieden sind , so sagen Sie es ! Aber warum liest du noch immer nicht ? « » 19. 44. 57. 3 ... « » Aber , meine Herren , entschuldigen Sie zur Güte , das ist nicht auszuhalt - Sehr interessant , sehr ! Und Ihre Methode , Pani Controllor , großartig ! Was müssen Sie damit schon gewonnen haben ! Noch nichts ? Merkwürdig ! Aber dann kommt es noch ! Sie werden den Staat arm machen , Pani Controllor , bettelarm , zum Bankrott werden Sie Österreich bringen , meine Herren . So eine Methode ! Aber warum liest du schon wieder nicht ? ! « 17. 31. 6 ... » Zum Verrücktwerden ! Nämlich , ja ! Großartig ist diese Methode , großartig ist sie , nicht zu sagen ! Aber entschuldigen Sie , ist das wirklich nötig ? Nämlich - worin besteht denn eigentlich diese Methode ? « » Ganz einfach « , sagte der Apotheker . » Nämlich wir meinen - « » Ich meine ! « fiel der Controllor etwas pikiert ein . » Oder vielmehr , ich meine nicht , sondern ich weiß , daß sich die Nummern nach einem bestimmten Gesetz wiederholen . Aber eins bis neunzig - Sie verstehen , Pani Morgenstern , wie viel verschiedene Variationen sind da möglich ! Da muß man also ein möglichst großes Material haben , um dahinter zu kommen . Aber fast hab ' ich ' s schon heraus , und gerade die heutigen Ziffern passen merkwürdig in mein System . Merkwürdig ! Weiter , Sender ... « » 51. 12. 1 ... « fuhr Sender monoton fort . Wenn du erst wüßtest , dachte er , wie merkwürdig das ist ! Denn ich sag ' dir ja schon eine Viertelstunde her , was mir grad ' einfällt ! ... » 4. 73. 97 ... « » Was ? « rief der Controllor und schnellte entsetzt empor . » 97 ? Das gibt ' s ja im Lotto gar nicht ! « Und auch die beiden anderen Herren standen starr vor Staunen . » Verzeihen Sie ! « rief Sender hastig . » Ich hab ' den Punkt übersehen . 9. 7 soll es heißen . « » Ach ! « rief der Controllor befriedigt . » 9. 7 , das paßt wieder merkwürdig . Und jetzt , geben Sie acht - kommt 39 oder 58 ! « » Wirklich 58 « , rief Sender im Tone fassungslosen Staunens und klappte vor lauter Bewunderung das Buch zu . » 58 ! « Der Controllor fuhr sich in die Haare . » Wirklich 58 ? Aber das ist ja auch so wahrscheinlich ! ... Nun hab ' ich ' s , meine Herren , ich hab ' s. Bei der nächsten Ziehung kommen die Nummern « - er begann murmelnd zu rechnen - » kommen 6. 17. 83. - Ich setze einen Gulden ! « » Ich auch . « » Ich auch ! « Sender stellte ihnen die Scheine aus , erregt gingen die Herren ab . » Drei Gulden ! « rief Dovidl . » Wenn die Nummern herauskommen , so macht der Gewinn ein Vermögen . Rechne schnell aus , Sender , wie viel . « » Ich wart ' , bis sie gewinnen « , erwiderte dieser und griff nach dem Hut , die Uhr wies eben auf zwölf . » Aber die Eingab ' ! Ich hab ' s ganz einfach gemacht , alles ist nicht wahr ! Es war nie ein Streit , nie eine Prügelei - « » Und Reb Schlome hat nie einen Bart gehabt ! ... Auf Wiedersehen , Meister ! « - » Heut ' war ' s doch wenigstens nicht ganz so langweilig wie sonst « , dachte Sender , als er dem Mauthause zuschritt . » Aber ist das ein Leben für einen künftigen Künstler ? « Freilich mahnte er sich sofort . » Pojaz , du hast schon auf schlechterem Papier geschrieben ! « Aber der Schluß seines Selbstgesprächs lautete doch : » Wer weiß , wo Nadler ist ! Ich muß an den Buchhändler in Lemberg schreiben ! Dovidl kann mir gewiß seinen Namen sagen . Ich Narr , der nicht früher daran gedacht hat . Und wenn ich die Bücher doppelt bekomm ' , ist ' s auch kein Unglück . Ein Unglück ist ' s nur , länger müßig zu bleiben ... « Er schritt unwillkürlich rascher aus , als könnte ihn dies dem ersehnten Ziel näher bringen . » Als Kranker hab ' ich einen anderen für mich sorgen lassen , aber jetzt - « Senders Tatkraft war wieder in ihm wach geworden . Als er daheim die Wohnstube betrat , fand er just diesen anderen vor . Der » Marschallik « war auch sonst kein Kopfhänger , heut ' lachte ihm vollends die helle Freude aus den Augen . » Gottswillkomm ' ! « begrüßte ihn Sender herzlich . » Ist das recht ? Seid Ihr nur ein Freund für die schlechten Tage ? Seit vier Wochen hab ' ich kein Zipfele Eures Kaftans gesehen . Aber ich seh ' , heut ' ist Euch was Gutes begegnet ! « » Wird erst ! mein Jung ' « , lachte der Marschallik , » wird erst ! Das Beste , was ich auf der Welt hab ' . Simche ist gestern nach Chorostkow gefahren und bringt mir heut ' meine Jütte mit . Das Kind war jetzt vier Jahr ' nicht zu Haus , und seit ihrem zehnten ist sie drüben - sieben Jahr ' ! So gut sie ' s in der Fremde hat , mir tut doch das Herz weh , daß sie dort bleiben muß . Aber was läßt sich da machen ! Kein Mensch will heiraten , nicht einmal ein gewisser Mensch , der ' s dem Rabbi versprochen hat ! « » Findet doch erst eine , die mich mag « , erwiderte Sender , suchte jedoch dann hastig das Gespräch auf andere Dinge zu bringen . Es fiel ihm nicht schwer , der Marschallik erzählte von seinen Kindern ; die beiden Söhne verdienten sich nun als Handwerker selbst ihr Brot , von den vier Töchtern waren nun drei verheiratet . » Und die Jütte bring ' ich auch noch an ! « schloß er . » Um die ist mir schon gar nicht bang . Freilich hier nicht , so wenig wie die Schwestern . « » Warum nicht hier ? « fragte Frau Rosel . » Weil Ihr arm seid ? Das ist doch kein Grund . « » Nein « , erwiderte er , » sondern weil ich der Marschallik bin . Die Leut ' haben mich gern , ich weiß , und gegen meine Ehrlichkeit ist auch nichts zu sagen , aber mit einem Menschen , der um Geld Spässe macht , verschwägert sich niemand gern . « Er nickte traurig vor sich hin , aber gleich darauf lachte er wieder . » Glaubt Ihr , ich mach ' mir was draus ? Nicht so viel ... Aber nun geh ' ich weiter ! « » In der Hitze ? « rief Frau Rosel . » Erwartet doch Eure Tochter hier und eßt mit uns , so viel da ist . « Er ließ sich nicht lange bitten , aß aber nur wenige Bissen . » Ich kann ' s nicht - vor lauter Freud ' « , sagte er . » Ach wüßtet Ihr , was das für ein golden Kind ist . Reb Hirsch Salmenfeld sagt mir immer : Ich gönn ' Euch gewiß den Richtigen für Euer Kind wie mir für meine Malke , aber was ich ohne sie anfang ' , weiß ich nicht , sie hält mir das ganze Haus zusammen . Und Ihr wißt « , fuhr er stolz fort , » es ist die größte Wirtschaft in Chorostkow , das feinste Einkehrhaus weit und breit . Mit Müh ' und Not hat er sie jetzt auf acht Tag ' freigegeben , weil grad ' das Geschäft still ist . Ja , meine Jütte ! « Nach dem Essen ging Frau Rosel auf ein Schläfchen in ihre Kammer , auch der alte Mann nickte in der Hitze ein . So war es Sender allein , der das Herannahen des schweren Leiterwagens gewahrte , den sein Freund Simche lenkte . Wohl ein Dutzend Passagiere saßen unter der Leinwandplache , halb erstickt von Staub und Hitze , darunter einige junge Mädchen . Sender musterte sie neugierig . » Du bist die Jütte ! « sprach er eins von ihnen an , dem lachende braune Augen in einem frischen , runden Gesicht standen . » An deines Vaters Augen erkenn ' ich dich . Komm ' , steig ' ab , er ist drinnen eingeschlafen - vor lauter Erwartung ! « Sie sprang ab . » Und du mußt der Pojaz sein « , sagte sie munter . » Ich erkenn ' dich an der Höflichkeit . Einem erwachsenen Mädchen du zu sagen - so eine Feinheit lernt man nur aus den deutschen Büchern . « Die Mitreisenden lachten . » Du , gib acht « , warnte ihn Simche . » Die ist dir über ! Was , Nüssele ( Nüßchen ) ? « Der Vergleich war nicht übel , sie war rund , braun und blank wie eine Haselnuß . » Dein Kofferchen geb ' ich zu Haus ab . « Er fuhr weiter . Sender öffnete ihr die Tür . » Ich bitte , näher zu treten , verehrtes Fräulein « , sagte er neckend in seinem besten Hochdeutsch . » Wenn das Fräulein es so belieben ... « Sie blickte ihn scheinbar erstaunt an . » Was ist das für eine Sprach ' ? « fragte sie . » Glaubt Ihr , es wär ' Deutsch ? « » Der Stich gibt kein Blut ! « lachte er , war aber doch rot geworden . » Und da sagt man : Dicke sind gut . Jetzt weiß ich , wie viel ' s bei Euch geschlagen hat . « » Kein Wunder « , erwiderte sie . » So ein Uhrmacher wie Ihr ! « Frau Rosel kam herbeigeeilt , als sie die fremde Stimme hörte , und geleitete das Mädchen zu ihrem Vater . Es war rührend , wie er die Augen aufriß und sie wieder schloß und dann aufjubelte : » Kein Traum ! Kein Traum ! « Die Hausfrau brachte der Halbverschmachteten eine Labung ; die vier blieben noch eine Weile in lustigem Geplauder beisammen . Am schweigsamsten war Sender , es ärgerte ihn , daß ihn das Mädchen vorhin so gründlich geschlagen . Um ihr eine bessere Meinung von sich beizubringen , lenkte er das Gespräch auf die Kollektur und spielte seinen Zuhörern die Szene vor , die er dort erlebt . Er gab sich alle Mühe , und sie lohnte sich , die beiden Alten lachten laut , und auch Jütte rief bewundernd , indem sie sich die Tränen aus den Augen wischte : » Auf dem Theater sieht man ' s nicht besser ! « Sender horchte hoch auf . » Theater ? « fragte er . » Habt Ihr je eins gesehen ? « » Natürlich . Im vorigen Monat war ja erst eine Gesellschaft in Chorostkow , vier Spieler und drei Spielerinnen . In unserem Haus , im Saal , den Reb Hirsch sonst zu Hochzeiten vermietet , war die Bühne . Ganz gute Geschäfte haben sie gemacht - alle Offiziere waren jeden Abend da . Es ist gar nicht zu erzählen , was die für Sachen gemacht haben , lustige und traurige ! Ganz gute Spieler « , fügte sie hinzu . » Sie waren früher in Czernowitz . « » In Czernowitz ? « rief Sender atemlos vor Erregung . » War der Herr Nadler dabei ? « » Nein « , erwiderte das Mädchen . Die Mutter aber blickte ihn erstaunt an und fragte dann scharfen Tones : » Du bist ja außer dir ! Was gehen dich die Spieler an ? Und woher kennst du den Herrn Nadler ? « Sender hatte sich wieder gefaßt . » Die Wahrheit ist das beste « , dachte er . Und so erzählte er möglichst gleichgültig , daß er diesen berühmten Schauspieler einmal auf der Bühne gesehen . » Du erinnerst dich - wie ich mit Schmule Grün beim Wunderrabbi in Sadagóra war . « » Ich erinnere mich nicht « , sagte sie etwas scharf - jede Art von fahrenden Leuten war ihr gleich verhaßt . Das Mädchen aber meinte : » Gar so berühmt kann dieser Nadler nicht sein . Wenigstens haben ihm die Spieler , die in Chorostkow waren , alles Schlechte nachgesagt . Sie haben ihm Schuld gegeben , daß sich die Gesellschaft aufgelöst hat . Er war ihr Direktor , hat sie aber nicht bezahlt und ist ihnen bei Nacht und Nebel durchgegangen - wegen fünfzig Gulden . Übrigens , vielleicht haben sie gelogen . Solche Lumpe ! Und erst die Weiber ! « Sender wurde totenbleich , sein Herz pochte zum Zerspringen , und er fühlte jählings wieder ein Stechen in der Lunge . Die Gesellschaft aufgelöst , Nadler auf der Flucht ! ... all sein Hoffen lag im Staube ! Instinktiv wandte er sein Antlitz ab , daß die Mutter seine Erregung nicht sehe , griff dann rasch zum Hut und stürzte hinaus . Fast wankend schritt er im Sonnenbrand dem Städtchen zu und blieb immer wieder stehen und murmelte mit bleichen Lippen : » Was nun ? « Während er auf Nadlers Hilfe baute , irrte der Unglückliche flüchtig umher . Und er kehrte wohl auch nie nach der Stadt zurück , die er mit Schimpf und Schande hatte verlassen müssen - und wenn der Winter kam ... Sender schloß die Augen . » Barmherziger Gott « , stöhnte er , » hättest du mich lieber sterben lassen , als das zu erleben ! ... Aber nein « , murmelte er im nächsten Atemzuge , » das ist ja Sünde . Und doch , was wird nun aus mir ? « Er hörte seinen Namen rufen . Es war der Marschallik , der sich nun auch mit der Tochter auf den Weg gemacht . Sender winkte ihm mit der Hand zu und suchte rasch weiter zu gehen . Aber er konnte nicht so eilen , wie er wollte ; der Schmerz beim Atmen hinderte ihn . » Die Erregung ! « dachte er . » Der Arzt hat mich davor gewarnt ! « Bei dem nächsten Seitenweg bog er ab und wieder zum Städtchen hinaus . In das nächste Ährenfeld , das er erreichte , warf er sich nieder und barg sein Haupt in den Händen . Nur nichts sehen , nichts hören , nur allein bleiben ... So lag er in dumpfer , fassungsloser Verzweiflung . Wild rauschte ihm das Blut in den Ohren , und die Lungen rangen nach Luft . » Es kommt wieder wie vor dem Rabbi « , dachte er . » Aber was liegt daran ? « Dann richtete er sich doch auf , lüftete die Kleider , um leichter atmen zu können . » Nein « , murmelte er vor sich hin und biß die Zähne aufeinander , » ich muß stark bleiben , ich hab ' nun niemand , als mich allein ... Aber « , stöhnte er dann , » was kann ich anfangen , wie mir raten , wie mir helfen ? « Das Bewußtsein seiner Hilflosigkeit übermannte ihn ; er kam sich so unglücklich , so verlassen , so bemitleidenswert vor ! Jählings schossen ihm die Tränen in die Augen , er begann heftig zu weinen . Fassungslos schluchzte er vor sich hin und preßte das glühende Antlitz gegen die kühle , feuchte Erde des Ackers . So verging eine geraume Weile . Allmählich wurde sein Atem ruhiger , die Tränen flossen reichlich , aber gelind . Nun , da sich sein Schmerz entladen , konnte er wieder ruhiger denken . » Die Lumpe ! « hatte das Mädchen gesagt , » vielleicht haben sie gelogen ! « Aber nein - darauf war kaum zu hoffen . Sie mochten Nadler verleumdet haben , daß er heimlich geflohen , aber was änderte das an der Sache ? Die Gesellschaft war aufgelöst , Nadler brotlos - es klang ja nicht unwahrscheinlich , er hatte ihm ja selbst geschrieben , in Czernowitz finde sich nicht genug Publikum für den ganzen Winter - nun war es auch für die wenigen Wochen ausgeblieben ... Und wenn es nicht fünfzig Gulden waren , sondern mehr , auch dies war nicht tröstlich . Er stützte das Haupt auf die Hand . » Aber ist es nicht auch möglich « , dachte er , » daß Nadler sie davongejagt hat ? Vielleicht sind es gerade die schlechtesten unter seinen Leuten , und sie sagen ihm nun aus Rache Böses nach . Wenn ich wenigstens mit einem von ihnen reden könnt ' - ich brächt ' schon die Wahrheit heraus . Vielleicht treiben sie sich noch irgendwo in der Nähe herum , vielleicht kommen sie gar her ... Nein , das nicht , wer ging ' hier ins Theater ? In Chorostkow steht viel Militär , aber hier - die drei Offiziere vom Furbes ... Vielleicht weiß das Mädchen etwas darüber , und es ist möglich , daß ich selbst zu ihnen fahr ' und sie ausfrag ' ... « Drinnen im Städtchen schlug die Glocke des Klosters . » Vier Uhr ! « erschreckt raffte er sich auf und rannte ins Städtchen zurück . » Zum Glück ist heut ' Montag « , dachte er , » da kommen noch nicht viel Leut ' . « In der Tat waren des Nachmittags nur zwei Einsätze gemacht worden , er konnte es im Buche sehen . Dennoch empfing ihn sein Chef mit heftigem Poltern und Stöhnen . » Fünfundvierzig Zettel hab ' ich ausschreiben müssen « , jammerte er . » und die Eingab ' ist noch nicht geschrieben , obwohl sie eilt . Ich fahr ' aus der Haut ! Zahl ' ich dir darum sieben Gulden ? « Neunzehntes Kapitel Es war spät am Abend , als Sender die Eingabe mit Müh ' und Not und sicherlich nicht ohne zahllose Fehler zu Ende geschrieben , dennoch ging er nicht heim , sondern zu seinem einstigen Lehrherrn , dem Kutscher . Nach heiterer Gesellschaft stand ihm der Sinn freilich nicht , aber Simche war ein Freund und Nachbar des Marschallik , vielleicht fand er Jütte dort . Und er mußte das Mädchen sprechen , Näheres von ihr zu erkunden suchen . Dem heißen Tag war , wie so oft in der großen Ebene , jäh und unvermittelt ein kühler Abend gefolgt ; ganz Barnow hatte die dumpfen Häuser verlassen und erging sich im Mondlicht auf der Straße . Wo immer sonst Menschen wohnen , vernimmt man an solchen Abenden Liederklang , lautes Lärmen und Lachen . Die schwere Last des Tages ist zu Ende getragen ; nicht allein die Brust , auch die Seele atmet in der Kühle leichter und tiefer . Anders bei diesem Volke , das auf seinem Leidensweg über die Erde das erquickendste Gut , die harmlos heitere Hingabe an den Augenblick , für immer verloren . Das Behagen am Leben fehlt , andere bedürfen zur Trauer einer Ursache , der Jude des Ostens zur Freude . Wie still sich die vielen Menschen hielten ! Nur zuweilen summte ein Mann halblaut eine Melodie der Synagoge vor sich hin , sonst war nur gemessenes Reden hörbar , zuweilen aus einem Kreise gedämpftes Lachen der Männer , aus einem anderen unterdrücktes Kichern der Mädchen . Denn nicht bloß im Gotteshaus , auch auf der Straße und bei jeglicher Lustbarkeit sind die Geschlechter streng geschieden . Hier standen Frauen , dort Männer in dichtem Knäuel beisammen , zumeist eng um jemand geschart , der Witzworte oder eine Klatschgeschichte zum besten gab , hingegen ging das junge Volk Arm in Arm in langen Reihen auf und nieder , aber kein Jüngling wagte sich an die Kette der Mädchen , und wo die Reihen einander begegneten und ausweichen mußten , drückten sie sich stumm und verlegen aneinander vorbei . Nur vor den Haustoren ging es zwangloser zu ; dieser Raum gehörte ja gewissermaßen noch zum Hause . Raschen Schritts und gesenkten Hauptes ging Sender dahin ; rief ihn jemand an , so murmelte er einen Gruß und drückte sich hastig vorbei . Aber als er endlich das Haus des Fuhrmanns erreichte , harrte seiner nur eine Enttäuschung ; da saßen neben den Hausleuten auch der Marschallik und sein Weib , eine dicke , muntere alte Frau , aber Jütte war nicht zu sehen . » Wenn man den Wolf nennt , so kommt er gerennt « , rief ihm der Marschallik entgegen . » Eben war Luiser hier , wir haben von dir gesprochen . Haben dir nicht die Ohren geklungen ? Lauter Schimpf ! « » So ? « fragte Sender leichthin , um nur etwas zu sagen . » So ? « äffte ihm der Marschallik nach . » Tu nicht , als ob es dir gleichtgültig wär ' . Wenigstens könntest du dich schämen , wenn das wirklich so wär ' ... Luiser sagt , du kannst schon heut ' besser schreiben als Dovidl ; wenn du , sagt er , die deutschen Gesetze fleißig lernst , so kannst du in zwei Jahren dein eigenes Geschäft begründen . Die Gesetze - hörst du ? « Sender erwiderte nichts . » Das wär ' grad ' das rechte für mich « , dachte er grimmig . » Nun ? « rief Türkischgelb ungeduldig , » warum antwortest du nicht ? Mir scheint , du bist heut ' nicht richtig im Kopf . Warum bist du Nachmittags davongelaufen wie ein Verrückter ? « » Mir war nicht wohl « , murmelte Sender . » Von der Hitze . « » So ? Weißt du , was meine Jütte gemeint hat : Er ist erschrocken , wie ich von den Spielern erzählt hab ' , dahinter steckt was ! Und meine Jütte - « » Sieht ein Brett durch ! « ergänzte Sender ärgerlich . » Was sollt ' dahinter stecken ? « Mißmutig setzte er sich hin ; nun konnte er sie auch bei einer künftigen Gelegenheit nicht mehr unbefangen ausfragen . Aber er