ein Härchen hätte fassen können , indem er die Locken als schnöden Luxus erklärte , und er sah dann mit seinem kahlen Rosenköpfchen noch viel lustiger aus . Im Essen war er hinwieder Epikureer , und die gewöhnliche Dorfkost verschmähend , schmorte er sich ein saures Eichhörnchen , briet ein Fischchen oder eine Wachtel , die er gefangen hatte , und aß ausgesuchte kleine Böhnchen , junge Kräutchen und dergleichen , wozu er ein halbes Gläschen alten Wein trank . Als Stoiker hingegen richtete er allerhand spaßhafte Händel an und brachte die Leute in Harnisch , um in dem entstandenen Lärm dann einen kalten Gleichmut zu behaupten und sich nichts anfechten zu lassen ; insbesondere aber erklärte er sich als einen Verächter der Frauen und führte einen beständigen Krieg mit ihnen , welche mit ihren sinnlichen Reizen und ihrem eitlen Wesen die Männer ihrer Tugend und Ernsthaftigkeit berauben wollten . Als Cyniker verfolgte er die Frauen und Mädchen überall mit Natürlichkeiten , als Epikureer mit erotischen Witzen , und als Stoiker sagte er ihnen Grobheiten , war aber immer zu finden , wo drei beieinanderstanden . Sie wehrten sich mit geräuschvollem Entsetzen gegen ihn , so daß überall , wo er erschien , ein lustiger Spektakel losging ; nichtsdestoweniger sah man ihn ziemlich gern ; die Männer achteten nicht auf ihn , und die Kinder hingen mit großer Liebe an ihm ; denn mit diesen war er auf einmal wie ein Lamm und stand in dem besten Verhältnisse zu ihnen . Er hatte die Allerkleinsten zu besorgen , und er tat dies so vortrefflich , daß man noch nie einen so wohlgearteten Schlag kleiner Jüngelchens und Dirnchens im Dorfe gesehen hatte . Deshalb übersah man seine übrigen Geschichten , die er anrichtete und die man seiner tollen Jugend zuschrieb ; und selbst daß er sich für einen Atheisten ausgab , konnte ihn der Gunst des weiblichen Dorfes nicht berauben . Er fand sich auch im Hause meines Oheims ein , wo eine gute Anzahl Mädchen und junger Bursche , die durch vielfältigen Besuch noch verstärkt wurde , für seine Aufführungen empfänglich war . Ich gesellte mich dem Philosophen bei , einesteils von seinem Philosophieren angezogen , andernteils von seinem Weiberkriege , da dieser gerade mit meiner schiefen Lage zu den Mädchen zusammentraf . Wir machten große Spaziergänge , auf welchen er mir die Systeme der Reihe nach vortrug , wie er sie im Kopfe hatte und wie ich sie verstehen konnte . Es kam mir alles äußerst wichtig und erbaulich vor , und ich ehrte bald , gleich ihm , jede Lehre und jeden Denker , gleichviel ob wir sie billigten oder nicht . Über den christlichen Glauben waren wir bald einig und machten in die Wette unsern Krieg gegen Pfaffen und Autoritätsleute jeder Art ; als ich aber den lieben Gott und die Unsterblichkeit aufgeben sollte und der Philosoph dieses mit höchst unbefangenen Auseinandersetzungen verlangte , da lachte ich ebenso unbefangen , und es kam mir nicht einmal in den Sinn , die Sache ernstlich zu untersuchen . Ich sagte , am Ende wäre die Hauptformel einer jeden Philosophie , und sei diese noch so logisch , eine ebenso große und greuliche Mystik wie die Lehre von der Dreieinigkeit , und ich wollte von gar nichts wissen als von meiner persönlichen angeborenen Überzeugung , ohne mir von irgendeinem Sterblichen etwas dazwischenreden zu lassen . Außerdem daß ich nicht wußte , was ich anfangen sollte ohne Gott , und ich der Meinung war , daß ich einer Vorsehung im Leben noch sehr benötigt sein würde , band mich eine Art künstlerischen Fühlens an diese Überzeugung . Ich glaubte , daß alles , was Menschen zuwege bringen , seine Bedeutung nur dadurch habe , daß sie es zuwege zu bringen vermochten und daß es ein Werk der Vernunft und des freien Willens sei ; deshalb konnte mir die Natur , an die ich gewiesen war , auch nur einen Wert haben , wenn ich sie als das Werk eines mir gleich fühlenden und voraussehenden Geistes betrachten durfte . Ein sonnedurchschossener Buchengrund konnte nur dann ein Gegenstand der Bewunderung sein , wenn ich ihn mir durch ein ähnliches Gefühl der Freude und der Schönheit geschaffen dachte . » Sehen Sie diese Blume « , sagte ich zum Philosophen , » es ist gar nicht möglich , daß diese Symmetrie mit diesen abgezählten Punkten und Zacken , diese weiß und roten Streifchen , dies goldene Krönchen in der Mitte nicht vorhergedacht seien ! Und wie schön und lieblich ist sie , ein Gedicht , ein Kunstwerk , ein Witz , ein bunter und duftender Scherz ! So was macht sich nicht selbst ! « - » Auf jeden Fall ist sie schön « , sagte der Philosoph , » sei sie gemacht oder nicht gemacht ! Fragen Sie einmal ! Sie sagt nichts , sie hat auch nicht Zeit dazu , denn sie muß blühen und kann sich nicht um Ihre Zweifel kümmern ! Denn das sind alles Zweifel , was Sie vorbringen , Zweifel an Gott und schnöde Zweifel an der Natur , und es wird mir übel , wenn ich nur einen Zweifler höre , einen empfindsamen Zweifler ! O weh ! « Er hatte diesen Trumpf beim Disputieren älterer Leute gehört und brachte denselben wie ähnliche Fechterkünste , die er sich angeeignet , gegen mich vor , so daß ich schließlich geschlagen wurde ; besonders sagte er zuletzt immer , ich verstehe eben die Sache noch nicht und wüßte nicht richtig zu denken , was mich dann gewaltig erboste , und wir gerieten manchmal in grimmigen Zank . Doch vereinigten wir uns immer wieder , wenn wir mit den Mädchen zusammentrafen , wo wir einen gemeinsamen Kampf zu bestehen hatten , von allen Seiten angegriffen Wir schlugen unsere Feinde eine Zeitlang mit unseren Sarkasmen siegreich zurück ; wenn sie aber nicht mehr weiterkonnten und zu sehr gereizt waren , so ging der Krieg in Tätlichkeiten über ; eine einzelne begann damit , einem von uns unversehens ein Glas Wasser über den Kopf zu gießen , und alsobald war ein hitziges Jagen und Verfolgen durch Haus und Gärten im Gange . Andere Bursche machten sich schnell herbei , denn fünf bis sechs zornige Mädchen waren eine zu reizende Gelegenheit für sie . Man warf sich mit Früchten , schlug sich mit ausgerissenen Nesselstauden , suchte sich gegenseitig ins Wasser zu drängen , wobei man ins allerengste Handgemenge kam , und ich war sehr verwundert , die tollen Kinder so rührig und wehrbar zu finden . Wenn ich eine junge Wilde mit aller Kraft umfaßt hielt , um sie zu bändigen , während sie mich böslich zu schädigen begehrte , so stritt ich ganz ehrlich und tapfer , ohne irgendeinen Nebenvorteil zu suchen , und ich wußte gar nicht , daß ich ein Mädchen in den Arm preßte . Solche Gefechte geschahen immer in Annas Abwesenheit ; einst aber entzündete sich der Streit in ihrer Gegenwart , ohne daß man es gewollt hatte , und sie wollte sich schleunigst salvieren ; ich aber , der eben hitzig einer anderen nachstellte , um sie für eine meuchlerische Bosheit zu bestrafen , kriegte plötzlich Anna zu fassen und ließ erschrocken meine Hände sinken . So mutig ich an der Seite des Philosophen war , um so kleinlauter war ich , wenn ich den Mädchen allein gegenüberstand ; denn alsdann war keine Rettung , als alles über sich ergehen zu lassen . Der Philosoph fürchtete sich vor dieser Feuertaufe nicht und tummelte sich manchmal furchtlos in einer Hölle von zwölf jungen und alten Weiber umher , und er triumphierte um so lauter , je übler er von ihren Zungen und Händen zugerichtet wurde , wenn er ihnen weiberschmähende Aussprüche aus der Bibel und weltliche Argumente an den Kopf warf . Ich hingegen räumte das Feld , wenn mir die Sache zu arg wurde , oder ich stellte mich , als ob ich nicht ungeneigt wäre , mich belehren und bekehren zu lassen . Wenn ich vollends mit einem der Mädchen ganz allein war , so wurde stets ein Waffenstillstand geschlossen , und ich war immer halb bereit , unsere Sache zu verraten und mich unter den Schutz des Feindes zu stellen . Ich wünschte durch diesen gemäßigten und freundlichen Verkehr allmählich dahin zu gelangen , auch mit Anna wieder im einzelnen und allein zu sprechen , und glaubte dies törichterweise immer am besten auf weitläufigem Wege zu bewerkstelligen , indem ich mich an die anderen hielt , statt Anna einfach einmal bei der Hand zu nehmen und anzureden . Allein dies letztere schien mir eben noch himmelweit zu liegen und eine reine Unmöglichkeit ; lieber hätte ich einen Drachen geküßt , als so leichtsinnig die Schranke gebrochen , obgleich es vielleicht nur an diesem Drachenkuß , an diesem ersten Worte hing , die schöne Jungfrau Vertraulichkeit aus der Verzauberung wiederzugewinnen . Allein wer konnte wissen ! Ein Sperling in der Hand ist besser als ein Adler auf dem Dache ! Lieber noch dies stumme Nahsein sicher behalten , als durch die beleidigte Ehre genötigt zu sein , auf immer zu scheiden ! Dadurch wurde ich immer mehr und mehr verhärtet und endlich unfähig , das gleichgültigste Wort an Anna zu richten ; so kam es , als sie auch nichts zu mir sagte , daß nach einer sehr stillschweigenden Übereinkunft wir füreinander gar nicht da waren , ohne uns deswegen zu meiden . Sie kam ebensooft zu uns herüber , wenn ich da war , wie sonst , und ich besuchte den Schulmeister nach wie vor , wo sie sich dann zufrieden herumzubewegen schien , ohne sich um mich zu bekümmern . Indessen kam es mir wunderlich vor , daß kein Mensch unsere seltsame Haltung zu bemerken schien , obgleich es doch gewiß auffallen mußte , daß wir auch gar nie etwas zueinander sagten . Die älteste Base , Margot , hatte sich diesen Sommer mit dem jungen Müller verlobt , welcher ein stattlicher Reitersmann war ; die mittlere duldete offen die Bewerbungen eines reichen Bauernsohnes , und die jüngste , ein Ding von sechszehn Jahren , welches sich im Kriege immer am wildesten und feindseligsten gebärdet , war unmittelbar nach einem der hitzigsten Gefechte überrascht worden , wie sie in der Laube sich schnell von dem Philosophen küssen ließ . Die Wolken der Zwietracht hatten sich daher verzogen , der allgemeine Friede war hergestellt , nur zwischen mir und Anna , welche nie im Kriege gelegen miteinander , war kein Friede , oder vielmehr ein sehr stiller ; denn unser Verhältnis blieb sich immer gleich . Anna hatte die äußerlichen Welschlandsmanieren schon abgelegt und war wieder frischer und freier geworden ; allein sie blieb doch ein feines und sprödes Kind , das überhaupt nicht viel sprach , leicht beleidigt und gereizt wurde , was ein schnelles Erröten immer anzeigte , und besonders stellte sich ein leichter Stolz heraus , der sich mit etwas Eigensinn verband . Desto verliebter aber wurde ich mit jedem Tage , so daß ich mich fortwährend mit ihr beschäftigte , wenn ich allein war , mich unglücklich fühlte und einsam Wälder und Höhen durchstreifte ; denn da ich nunmehr wieder der einzige war , welcher seine Gedanken verbergen mußte , wie ich wenigstens glaubte , so ging ich auch vorzugsweise wieder allein und auf mich selbst angewiesen . Zehntes Kapitel Das Gericht in der Laube Ich brachte die Tage im tiefen Walde zu , mit meinem Handwerkszeuge versehen ; allein ich zeichnete nur wenig nach der Natur , sondern wenn ich eine recht geheime Stelle gefunden , wo ich sicher war , daß niemand mich überraschte , zog ich ein schönes Stück englisches Papier hervor , auf welchem ich Annas Bildnis aus dem Gedächtnis in Wasserfarben malte . Es war für mich das allergrößte Glück , wenn ich mich an einem klaren Spiegelwässerchen unter dichtem Blätterdache so wohnlich eingerichtet hatte , das Bild auf den Knien . Ich konnte nicht erheblich zeichnen , daher fiel das Ganze etwas byzantinisch aus , was ihm bei der Fertigkeit und dem Glanz der Farben ein eigenes Ansehen gab . Jeden Tag betrachtete ich Anna verstohlen oder offen und verbesserte danach das Bild , bis es zuletzt ziemlich ähnlich wurde . Es war in ganzer Figur und stand in einem Blumenbeete , dessen hohe Stengel und Kronen mit Annas Haupt in den tiefblauen Himmel ragten ; der obere Teil der Zeichnung war bogenförmig abgerundet und mit Rankenwerk eingefaßt , in welchem glänzende Vögel und Schmetterlinge saßen , deren Farben ich noch mit Goldlichtern erhöhte Alles dies sowie Annas Gewand , welches ich phantastisch erfand und schmückte , war mir die angenehmste Arbeit während vieler Tage , die ich im Walde zubrachte , und ich unterbrach diese Arbeit nur , um auf meiner Flöte zu spielen , welche ich beständig bei mir führte . Auch des Abends , nach Sonnenuntergang , ging ich oft mit der Flöte noch aus , strich hoch über den Berg , bis wo der See in der Tiefe und des Schulmeisters Haus daran lag , und ließ dann meine wildgewachsenen Weisen oder auch ein schönes Liebeslied durch Nacht und Mondschein ertönen . So gingen die Sommermonate vorüber ; ich verbarg das Bild sorgfältig und gedachte es noch lange zu verbergen , da es von jedermann als ein ziemlich deutliches Geständnis der Liebe angesehen werden mußte . An einem sonnigen Septembernachmittage , als der herbstliche Schein mild auf dem Garten lag und das Gemüt zur Freundlichkeit stimmte , wollte ich eben ausgehen , als ein ganz kleines Knäbchen mir die Botschaft brachte , ich möchte in die größere Gartenlaube kommen . Ich wußte , daß sämtliche Mädchen dort mit Margots Aussteuer beschäftigt waren und daß Anna ihnen half ; das Herz klopfte mir daher sogleich , weil ich irgend etwas ahnte ; doch ging ich erst nach einer kleinen Weile mit gleichgültiger Miene hin . Die Mädchen saßen in einem Halbkreise um das weiße Leinenzeug herum , unter dem grünen Rebendache , und sie sahen alle schön und blühend aus . Als ich eintrat und fragte , was sie begehrten , lächelten und kicherten sie eine Zeitlang verlegen , daß ich trotzig schon wieder umkehren und weggehen wollte . Jedoch Margot ergriff das Wort und rief : » So bleib doch hier , wir werden dich nicht essen ! « und nachdem sie sich geräuspert , fuhr sie fort : » Es sind mannigfaltige Klagen über dich angesammelt , und wir haben daher uns als eine Art Gerichtshof hierher gesetzt , um dich zu richten und ins Verhör zu nehmen , lieber Vetter ! und wir fordern dich hiemit auf , uns auf alle Fragen treu , wahr und bescheiden zu antworten ! Erstlich wünschen wir zu wissen - je , was wollten wir denn zuerst fragen , Caton ? « » Ob er gern Aprikosen esse « , erwiderte diese , und Lisette rief : » Nein , wie alt er sei , müssen wir zuerst fragen , und wie er heiße ! « » Bitte , macht euch nicht gar zu unnütz « , sagte ich , » und rückt heraus mit eurem Anliegen ! « Doch Margot sagte : » Kurz und gut , du sollst einmal sagen , was du gegen die Anna hast , daß du dich so gegen sie benimmst ? « » Wieso ? « antwortete ich verlegen , und Anna wurde ganz rot und sah auf ihre Leinwand . Margot fuhr fort : » Wieso ? das möchte ich auch noch fragen ! Mit einem Wort , was hast du für einen Grund , seit deiner Ankunft bei uns kein Sterbenswörtchen zur Anna zu sagen und zu tun , als ob sie gar nicht in der Welt wäre ? Dies ist nicht nur eine Beleidigung für sie , sondern für uns alle , und schon des öffentlichen Anstandes wegen muß es gehoben werden auf irgendeine Weise ; wenn Anna dich beleidigt hat , ohne es zu wissen , so erkläre es , damit sie dir demütige Abbitte tun kann . Übrigens brauchst du hierauf nicht stolz zu sein oder zu glauben , es sei auf deine kostbare Gunst abgesehen ! Einzig und allein muß durch gegenwärtige Verhandlung die Schicklichkeit und das gute Recht gewahrt werden ! « Ich erwiderte , daß ich die Gründe für mein Benehmen gegen Anna angeben könne , sobald sie mir diejenigen für ihr eigenes Verhalten mitteilen wolle , indem ich mich ebensowenig eines an mich gerichteten Wortes rühmen dürfe . Auf diese Rede ward mir vorgehalten ein Frauenzimmer könne immer noch tun , was sie wolle ; jedenfalls müßte ich den Anfang machen , worauf dann Anna sich verpflichten würde , in einem gesellschaftlich freundlichen und zuvorkommenden Verkehr mit mir zu leben wie mit anderen . Dies ließ sich hören und schien mir ganz in dem Sinne gesagt zu sein , in welchem ich die Frauen als eine verschworene Einheit betrachtet hatte ; es klang mir wie ein angenehmer Beweis davon , daß es gut sei , wenn sie eine Sache wohlwollend an die Hand nähmen . Ihre hochtrabenden Worte beirrten mich nicht , und ich bildete mir gleich ein , daß man mich sehr nötig habe . Lächelend erwiderte ich , daß ich mich einem vernünftigen Wort gern füge und daß ich nichts Besseres verlange , als mit aller Welt in Frieden zu leben . Nun stand ich aber wieder da , ohne Anna weiter anzusehen , welche emsig nähte . Lisette ergriff nun das Wort und sagte : » Um einen Anfang zu machen , gib nun der Anna die Hand und versprich ihr mit deutlichen Worten , jedesmal , wo du mit ihr zusammentriffst , sie mit ihrem Namen zu grüßen und sie zu fragen , wie es ihr geht ; hiebei soll festgesetzt sein , daß alle Tage , wo und wann ihr euch zuerst begegnet , die Hand gereicht werde , wie es unter Christen gebräuchlich ist ! « Ich näherte mich Anna , hielt meine Hand hin und sprach eine verworrene kleine Rede ; ohne aufzusehen , gab sie mir die Hand , wobei sie die Nase ein bißchen rümpfte und ein wenig lächelte . Als ich hierauf mich aus der Laube entfernen wollte , begann Margot wieder : » Geduld , Herr Vetter ! Es kommt nun der zweite Punkt , welcher zu erledigen ist . « Sie schlug die Tücher , welche den Tisch bedeckten , auseinander und enthüllte mein Bild Annas . » Wir wollen « , fuhr sie fort , » nicht lange erörtern , wie wir zu diesem geheimnisvollen Werke gelangt sind ; es ist entdeckt , und wir wünschen nun zu wissen , mit welchem Recht und zu welchem Zweck harmlose Mädchen ohne ihr Wissen abkonterfeit werden ? « Anna hatte einen flüchtigen Blick auf das bunte Wesen geworfen und saß ebenso verlegen und unruhig da , als ich beschämt und trotzig war . Ich erklärte , daß das Blatt mein Eigentum und ich keiner sterblichen Seele eine Verantwortung darüber schuldig wäre , gleichviel ob es ans Tageslicht getreten oder noch im verborgenen liege , wo ich künftig meine Sachen zu lassen bitte . Damit wollte ich meine Zeichnung ergreifen ; allein die Mädchen deckten sie schleunig mit Leinwand zu und türmten die ganze Aussteuer darauf . Es könne ihnen nicht gleichgültig sein , sagten sie , ob ihre Bildnisse heimlich und zu unbekanntem Zwecke angefertigt würden . Ich müßte also bestimmt erklären , für wen ich besagtes Werk angefertigt habe oder was ich damit zu machen gedenke ; denn daß ich es für mich behalten wolle , sei nach meinem bisherigen Verhalten nicht wohl anzunehmen ; auch wäre dies nicht zu gestatten . » Die Sache ist sehr einfach « , erwiderte ich endlich , » ich habe dem Schulmeister , Annas Vater , eine kleine Freude zu seinem Namenstage machen wollen und gedachte dies am besten durch ein Porträt seiner Jungfrau Tochter zu erreichen ; habe ich damit unrecht getan , so ist es mir leid , ich werde es nicht wieder tun ! Ich kann vielleicht durch eine Abbildung seines Hauses und Gartens am See dem Herrn Vetter den gleichen Dienst leisten , mir verschlägt es nichts ! « Durch diese Ausflucht beraubte ich mich zwar selbst des Bildes , das mir auch der Mühe und Arbeit wegen lieb geworden war ; zugleich aber schnitt ich der unbequemen Verhandlung den Faden ab , indem die Mädchen hiegegen nichts mehr einzuwenden wußten und meine aufmerksame Gesinnung für den Schulmeister noch zu loben veranlaßt wurden . Doch beschlossen sie , die Malerei aufzubewahren bis zum bestimmten Tage , wo wir sie sämtlich dem Schulmeister feierlich überbringen würden . So kam ich um meinen Schatz , verhehlte aber meinen Verdruß , indessen die kleine Caton , noch nicht zufrieden , wieder anfing : » Ihm verschlägt es nichts ! ob er das Haus zeichne oder Anna , sagte er ! Was soll das wohl heißen ? « Und Margot erwiderte : » Das soll heißen , daß er ein hochmütiger Gesell ist , welchem ein Haus und ein schönes Mädchen gleich unbedeutend sind ! Hauptsächlich aber soll es heißen Glaubt ja nicht etwa , daß ich das mindeste besondere Interesse an diesem Gesichtchen hatte , als ich es malte ! Dies ist eine neue Beleidigung , und der armen Anna gebührt eine glänzende Genugtuung ! « Margot zog nun ein zusammengelegtes Blatt aus dem Busen , entfaltete es und beauftragte Lisette , es laut und feierlich vorzulesen . Ich war sehr begierig , was es sein möchte ; Anna wußte ebenfalls nicht , was das bedeute , und sah ein wenig auf ; nach den ersten Worten aber erkannte ich , daß es meine Liebeserklärung aus dem Bienenhause war . Es wurde mir kalt und heiß während des Lesens ; Anna kam , soviel ich in meiner Verwirrung bemerken konnte , erst nach und nach auf die Spur ; die übrigen Mädchen , welche anfangs übermütige und lachende Gesichter zeigten , wurden durch die Stille während des Lesens und durch die ehrliche Kraft jener Worte überrascht und beschämt , und sie erröteten der Reihe nach , wie wenn die Erklärung sie selber betroffen hätte . Indessen gab mir die Angst schon eine neue List ein , die Angst , welche ich vor dem Verklingen des letzten Wortes empfand . Als die Leserin schwieg , selbst in nicht geringer Verlegenheit , sagte ich so trocken als möglich : » Teufel ! das kommt mir ganz bekannt vor , zeigt einmal her ! - Richtig ! das ist ein altes Blatt Papier , von mir beschrieben ! « » Nun ? weiter ? « sagte Margot etwas verblüfft , denn sie wußte nun ihrerseits nicht , wo es hinaussollte . » Wo habt ihr das gefunden ? « fuhr ich fort , » das ist ein Stück Übersetzung aus dem Französischen , das ich schon vor zwei Jahren hier im Hause gemacht habe . Die ganze Geschichte steht in dem alten vergoldeten Schäferroman , der im Dachstübchen liegt bei den alten Degen und Folianten ; ich habe damals statt des Namens Melinde den Namen Anna hingesetzt zum Spaße . Hole einmal das Buch herunter , kleine Caton ! ich will euch die Stelle französisch vorlesen . « » Hol einmal selbst , kleiner Heinrich , wir sind gerade gleich alt ! « versetzte die Kleine , und die übrigen machten ganz enttäuschte Gesichter , da meine Erfindung zu natürlich und wahrhaft aussah . Nur Anna mußte wissen , daß die Erklärung doch ausschließlich an sie gerichtet war , weil sie allein an der Berufung auf das Grab der Großmutter erkennen konnte , daß Stoff und Datum neu waren . Sie rührte sich nicht . So war nun der Inhalt des fliegenden Blattes doch noch an seine rechte Bestimmung gelangt , und ich konnte seine Wirkung sich selbst überlassen , ohne mit meiner Person unmittelbar dazu zu stehen und ohne daß die Mädchen einen Triumph davon hatten . Ich wurde so sicher und kühn , daß ich das Papier nahm , zusammenfaltete und es der Anna mit einer komischen Verbeugung und den Worten überreichte : » Da man dieser Stilübung einmal einen höhern Zweck zugeschrieben hat , so geruhen Sie , verehrtes Fräulein ! dem irrenden Blatte ein schützendes Obdach zu geben und dasselbe als eine Erinnerung an diesen denkwürdigen Nachmittag von mir anzunehmen ! « Sie ließ mich erst eine Weile stehen und wollte das Papier nicht nehmen ; erst als ich eben links abschwenken wollte , nahm sie es rasch und warf es neben sich auf den Tisch . Mein Witz war indessen zu Ende , und ich suchte mit guter Manier aus der Laube zu kommen . Mit einer zweiten scherzhaften Verbeugung empfahl ich mich ; sämtliche Mädchen standen zierlich auf und entließen mich unter spöttisch-höflichen Verneigungen . Der Spott kam von ihrem weiblichen Grolle , daß sie mich nicht gedemütigt und untergekriegt hatten , die Höflichkeit von der Achtung , welche ihnen mein Benehmen einflößte ; denn während das Bild sowohl wie das beschriebene Blatt von dem Vorhandensein einer bestimmten Neigung zeugten , hatte ich trotz der Öffentlichkeit der Verhandlung das Geheimnis so zu schützen gewußt , daß unter dem Mantel des Scherzes nicht nur ich , sondern auch Anna die volle Freiheit behalten hatte , anzuerkennen , was ihr beliebte . Höchst zufrieden zog ich mich in das Dachstübchen zurück , wo ich meinen Sitz aufgeschlagen hatte , und verträumte dort eine kleine Stunde in der größten Seligkeit . Anna kam mir so liebenswert und köstlich vor wie noch niemals , und indem mein eigensüchtiger Sinn sie sich nun unentrinnbar verfallen dachte , bedauerte ich sie in ihrer Feinheit beinahe und fühlte eine Art zärtlichen Mitleidens mit ihr . Doch machte ich mich bald wieder auf die Beine und schlich , da die Septembersonne sich schon zu neigen begann , dem Garten zu , um dem Tage die Krone aufzusetzen und zu sehen , ob ich Anna nach Hause geleiten könnte , zum ersten Male wieder seit den schönen Kindertagen . Sie aber war schon fort und allein über den Berg gegangen ; die Basen räumten ihre Arbeit zusammen und taten sehr gleichmütig und ruhig ; ich überblickte den leeren Tisch , hütete mich aber wohl zu fragen , ob Anna das Papier wirklich mitgenommen habe , und schlenderte unmutig das Tal hinauf in den Schatten hinein . Die nächsten Tage kam sie nicht zu uns , und ich getraute mir auch nicht zum Schulmeister zu gehen ; sie hatte jetzt ein schriftliches Geständnis von mir in den Händen , weswegen wir nun unser beider Freiheit verloren und deshalb unser Benehmen schwieriger schien , weil ich die Gewaltsamkeit einer solchen Erklärung wohl fühlte . Wie nun ein Tag nach dem andern vorüberging , verschwand meine vergnügte Sicherheit wieder , besonders da ich gar keinerlei Erwähnung und Spuren von dem Vorgange in der Laube erfuhr , und ich war eben wieder auf dem Punkte , in meinem Herzen trotzig zu verstocken , als der Namenstag des Schulmeisters , welchen ich in der Not angerufen hatte , wirklich da war und die Bäschen erklärten , wir würden auf den Abend alle hingehen , um ihn zu beglückwünschen . Erst jetzt bekam ich mein Bild wieder zu sehen , welches ganz fein eingerahmt war . An einem verdorbenen Kupferstiche hatten die Mädchen einen schmalen , in Holz auf das zierlichste geschnittenen Rahmen gefunden , welcher wohl siebenzig Jahr alt sein mochte und eine auf einen schmalen Stab gelegte Reihe von Müschelchen vorstellte , von denen eins das andere halb bedeckte . An der inneren Kante lief eine feine Kette mit viereckigen Gelenken herum , die äußere Kante war mit einer Perlenschnur umzogen . Der Dorfglaser , welcher allerlei Künste trieb und besonders in verjährten Lackierarbeiten auf altmodischem Schachtelwerk stark war , hatte den Muscheln einen rötlichen Glanz gegeben , die Kette vergoldet und die Perlen weiß gemacht und ein neues klares Glas genommen , so daß ich höchst erstaunt war , meine Zeichnung in diesem Aufputze wiederzufinden . Sie erregte die Bewunderung aller ländlichen Beschauer , und besonders meine , Blumen und Vögel sowie die Goldspangen und Edelsteine , womit ich Anna geschmückt , auch die fromme und sorgfältige Ausarbeitung ihrer Haare und ihrer weißen Halskrause , die schönblauen Augen und die rosenroten Wangen , der kirschrote Mund , alles entsprach dem phantasiereichen Sinne der Leute , welche ihre Augen an den mannigfaltigen Gegenständen vergnügten . Das Gesicht war fast gar nicht modelliert und ganz licht , und dies gefiel ihnen nur um so mehr , obgleich dieser vermeintliche Vorzug in meinem Nichtkönnen seinen einzigen Grund hatte . Ich mußte das Werk eigenhändig tragen , als wir fortgingen , und wenn die Sonne sich in dem glänzenden Glase spiegelte , so erwies es sich recht eigentlich , daß kein Fädelein so fein gesponnen , das nicht endlich an die Sonne käme . Auch machten die Mädchen reichliche Witze , wenn sie sich nach mir umsahen , der den Rahmen sorgfältig in acht nehmen mußte und daher aussah , als ob ich eine Altartafel im Schweiße meines Angesichts über den Berg trüge . Aber die Freude , welche der Schulmeister bezeugte , entschädigte mich reichlich für alles sowie über den Verlust des Bildes , zumal ich mir vornahm , für mich selbst noch ein viel schöneres zu entwerfen . Ich war der Held des Tages , als das Bild nach genugsamem Betrachten über dem Sofa im Orgelsaale aufgehängt wurde , wo es sich wie das Bild einer märchenhaften Kirchenheiligen ausnahm . Elftes Kapitel Die Glaubensmühen Doch dies alles trug dazu bei , meine Annäherung an Anna zu erschweren ; es war mir unmöglich , die Gelegenheit zu benutzen und mit ihr schönzutun ; ich begriff , daß sie jetzt eben sich sehr gemessen benehmen mußte , und ich