er sagen wollte : » So sieht er auch aus . « Damit schritten sie über den Hof auf den schmalen Gang zu , der durch das Schilf führte . Eine halbe Stunde später hatte die kleine Kolonne den vorausbestimmten Rendezvousplatz , das Neu-Manschnower Vorwerk , erreicht . Sie fanden den Kniehaseschen Trupp , der keinen Aufenthalt gehabt hatte , schon vor . Krull und Reetzke , nachdem alles erzählt worden , was zu erzählen war , erboten sich , den Gefangenentransport , der auf Frankfurt ging , zu übernehmen : eine Verstärkung dieser Eskorte war nicht nötig , da sowohl Muschwitz wie Rosentreter froh schienen , ihre Winterhütte mit unfreieren , aber bequemeren Verhältnissen vertauschen zu können . Die Frau , in betreff deren Zweifel herrschten , wem von den beiden sie zugehörte , folgte stumm , einen kleinen Schlittenkasten ziehend , in den sie das Kind hineingesetzt hatte . Die Hohen-Vietzer traten gleichzeitig mit dem Abmarsch der Gefangenen ihren Rückweg an . Und zwar über das am diesseitigen Ufer liegende Manschnow . An der Mühle vorüberkommend , teilten sie dem alten Kriele mit , in welchem Stalle er seinen Braunen wiederfinden würde ; auf dem Schulzenamte aber wurde Befehl zurückgelassen , daß die Manschnower , zu deren Revier die Insel gehörte , den Schuppen durchsuchen und durchgraben und alles geraubte Gut , das sich etwa finden würde , nach Frankfurt hin abliefern sollten . Sechzehntes Kapitel Von Kajarnak , dem Grönländer Um zwei Uhr waren unsere Hohen-Vietzer wieder in ihrem Dorf und eine halbe Stunde später wußte jeder bis auf die letzten Lose hinaus , daß die Strolche gefunden und auf dem Wege nach Frankfurt seien . Im Kruge , wo sich bald einige Bauern , auch Kallies und Kümmritz , versammelten , entsann man sich Muschwitzens sehr wohl , der immer ein Tagedieb und Taugenichts gewesen sei , und erging sich in Vermutungen , woher er den französischen Soldatenrock genommen haben könne , Vermutungen , die mit Totschlag begannen und über qualifizierten Diebstahl hin einfach bei Tausch oder Kauf endigten . Dies letztere war denn auch das wahrscheinlichste . In Küstrin , wo der Typhus jeden Tag die Reihen der französischen , zum Teil aus Hessen und Westfalen bestehenden Garnison lichtete , war zu solchen » Geschäften unter der Hand « die reichlichste Gelegenheit gegeben . Von Rosentreter wußte niemand . Das Lob des Hütejungen war auf aller Lippen . Auch im Herrenhause riß das Erzählen gar nicht ab . Kathinka und Tante Schorlemmer wollten alles bis auf die kleinsten Züge wissen , und als es unten im Wohnzimmer nichts mehr zu berichten gab , wurde oben in Renatens Krankenzimmer das Berichterstatten fortgesetzt . Lewin saß eine Stunde lang an ihrem Bett und ließ der Reihenfolge nach erst das Absuchen des Wäldchens , dann den Überfall und den Transport der Gefangenen an ihrem Auge vorüberziehen . Nichts wurde vergessen ; namentlich hob er aus seinem Gespräche mit dem jungen Scharwenka hervor , daß Maline unrecht habe , pries Hanne Boguns Umsicht und schilderte schließlich den Eindruck , den die auf dem Rohrwerder mitgefangene Frau auf ihn gemacht habe . So kam die Tischstunde heran . Der alte Vitzewitz war in bester Laune , und so unbequem es ihm sein mochte , mit seiner Hypothese von den » Marodeurs « und » Deserteurs « eine arge Niederlage erlitten zu haben , so gewann er es doch über sich , was sonst nicht seine Art war , über sich selbst und seinen Rechnungsfehler zu scherzen . Wußte er doch , daß er schließlich recht behalten würde . Alles war nur Frage der Zeit . Gleich nach Tisch sollte zu Graf Drosselstein nach Hohen-Ziesar hinübergefahren werden ; Tubal und Kathinka schuldeten ihm ohnehin noch ihren Besuch , der , wenn er überhaupt noch gemacht werden sollte , nicht hinausgeschoben werden konnte . Denn am andern Tage schon sollte von Schloß Guse aus die Rückkehr beider Geschwister nach Berlin angetreten werden . Krist mit den Ponies hielt schon vor der Treppe , als die Tafel aufgehoben wurde ; wenige Minuten später bog der Wagen von der Auffahrt her in die Dorfstraße ein . Kathinka , einer ihrer Passionen folgend , hatte die Leinen genommen und fuhr . Als sie an Miekleys Mühle vorüberkamen , begegnete ihnen Doktor Leist von Lebus , der sich getreulich einstellte , um nach seiner Kranken zu sehen . Nur kurze Grüße wurden gewechselt . Alte-Doktor Leist , der seit zwanzig Jahren im Hohen-Vietzer Herrenhause so gut Bescheid wußte wie in seinem eigenen , stieg , nachdem er ein paar Worte mit Jeetze gewechselt und von dem großen Ereignis des Tages gehört hatte , treppan und trat bei Renaten ein . Nur Maline war bei ihr . Das Schlafzimmer , jetzt auch Krankenzimmer , lag auf der der Gerichtsstube entgegengesetzten Seite des Hauses und war nur durch eine Giebelwand von dem mehrgenannten alten Querbau getrennt , der ehedem als Bankettsaal , dann als Kapelle gedient und nun längst schon seine früheren Bestimmungen mit der bescheidenen einer großen Obst- und Rumpelkammer vertauscht hatte . Am Ende des Korridors befand sich eine schmale Tür , die mit Hilfe einer hochstufigen Treppe die Verbindung mit diesem alten Querbau unterhielt . Doktor Leist trat an das Bett der Kranken , fühlte den Puls und sagte dann , während er eine fieberstillende Arzenei auswickelte : » Hier bring ich etwas . Der alte Doktor Leist ist wie der Weihnachtsmann ; er bringt immer etwas mit . « » Nur der Weihnachtsmann bringt Süßes , und Doktor Leist bringt Bitteres . « » Nicht doch , nicht doch , Renatchen . Da sollten Sie den alten Leist doch besser kennen . Der weiß , was sich schickt , und kennt seine deutschen Sprichwörter . Gleich und gleich gesellt sich gern . Und für so liebe kleine Fräuleins ist das Bittere gar nicht da . « » Also sauer ? « » Sauer und süß ; eine Doppellimonade . « » Das ist recht . Ich fürchte mich vor jedem Löffel Medizin . Aber eine Doppellimonade , das mag gehen . Und wie ist es mit der Diät , Doktorchen ? « » Nicht zu streng . Sagen wir ein Biskuit und etwas gestowtes Obst . « » Nicht auch frisches ? « » Allenfalls auch frisches . Aber mit Auswahl . Etwa einen mürben Gravensteiner oder eine Kalville . « » Danke , danke . Die lieb ich gerade sehr . Und darf ich mir auch etwas vorplaudern lassen ? Von Maline ? « » Gut , gut . « » Oder von Tante Schorlemmer ? « » Noch besser . Sie wird , denk ich , mehr kalmieren als irritieren . Und das ist genau , was wir brauchen . « Damit empfahl sich Doktor Leist und versprach , am andern Tage wiederzukommen . Der Alte war kaum fort , als Renate Malinen heranwinkte . » Nun nimm eine Fußbank und setze dich zu mir ; hier dicht an mein Bett . Wir haben ja des Doktors Erlaubnis . Und nun gib mir deine Hand . Ach , wie schön kühl du bist . Wenn ich nur eine ruhige Nacht hätte ! Aber ich habe immer Bilder vor den Augen . « » Das ist das Fieber . « » Ja , das Fieber . Und das quält mich , daß ich den Anblick der armen Frau nicht loswerden kann . « » Welcher Frau ? « » Die sie heute mittag auf dem Rohrwerder mit aufgespürt haben . Lewin sagte mir , daß kein rohes Wort , nicht einmal eine Klage über ihre Lippen gekommen sei . « » Aber , Fräulein , es ist ja eine Diebin . Und keiner weiß , wem sie zugehört . Krist sagte mir : sie hat zwei Männer oder keinen . Und das ist doch schlimm , das eine wie das andere . « » Ich habe doch Mitleid mit ihr , und so recht eigentlich schlecht kann sie nicht sein ; denn sieh , sie hat nicht an sich gedacht , sondern erst an ihr Kind und hat es in einen kleinen Schlittenkasten gepackt und es mit sich genommen . Und nun seh ich immer die lange Frankfurter Pappelallee vor mir , die kein Ende nimmt und weit , weit am Horizonte zu einem Punkte zusammenläuft . Und zwischen den Pappeln geht die Frau und zieht den Schlittenkasten , in dem das Kind sitzt , und wenn sie aufwärts , abwärts an den Punkt kommt , wo die Pappeln ein Ende zu nehmen schienen , dann tut sich eine neue Allee auf , die noch länger ist und wieder in einem Punkte zusammenläuft . Und die Frau wird immer matter und müder . Es peinigt mich . Ich wollte , daß ich das Bild loswerden könnte . « » Krull und Reetzke sind ja gute Leute und werden ihr nicht mehr auflegen , als sie tragen kann . « » Es sind Bauern , und Bauern sind hart und taub . Ich wollte , der junge Scharwenka hätte den Transport übernommen . Der ist schon anders und läßt mit sich reden . « » Der ? « fragte Maline . » Ja , der . Und du mußt dich nicht gleich verfärben , wenn ich bloß seinen Namen nenne . Er hat mit Lewin gesprochen und ihm seine Not geklagt . « » Er verklagt mich überall . « » Das sagt er auch von dir . Und nun höre mich an , Maline , und wirf nicht den Kopf . Wir waren immer gute Freunde ; so laß dir raten und sei nicht eigensinnig . « Aber ehe Renate weitersprechen konnte , barg Maline den Kopf in ihrer Herrin Bettkissen und fing heftig an zu schluchzen . » Und nun wirst du gar noch weinen ! Aber weine nur . Es ist das erste Zugeständnis , daß du unrecht hast und daß der kleine Trotzkopf es nur noch nicht eingestehen will . « » Er hat mir meine Armut vorgeworfen . « » Nein , das hat er nicht . Er hat dir deinen Hochmut vorgeworfen . Und da hat er recht . Und er hat auch recht in allem , was er von euch Kubalkoschen Mädchen sagt . Das ist ein ewiges Nasenrümpfen und Vornehmtun von dir und der kleinen Eve drüben , und das lassen sich die Bauern nicht gefallen . Ihr wollt beide wie Stadtmädchen sein . « Maline nickte . » Und was hättest du denn in der großen Stadt ? Ein bißchen Putz und ein paar Anbeter mehr . Aber was käme für dich dabei heraus ? Ein städtisches Elend und eine Stabstrompeter oder Kassenbotenfrau . Nein , Maline , bleib in Hohen-Vietz ; es ist ein Glück , das du machst ; sind doch die Scharwenkas die reichsten Leute im Dorf , und nicht die schlechtesten . Und er liebt dich und kann nicht von dir los , trotzdem er eigentlich möchte . Und siehe , das ist so recht die Liebe , wie ich sie mir auch immer gewünscht habe , daß man einen vor Ärger umbringen und zugleich vor Sehnsucht totküssen möchte . « » Wie gut Fräulein Renate das alles beschreiben können . Aber er muß kommen . « » Nein , du mußt kommen . « Maline seufzte . Dann aber plötzlich bedeckte sie Renatens Hand mit Küssen , und aufatmend , als ob eine große Last von ihr genommen wäre , sagte sie : » Wie leicht mir wieder ums Herz ist ! Ach , Fräulein , Fräulein , er ist ja doch der beste Mensch von der Welt . Und es ist auch hübsch von ihm , daß er sich nicht alles gefallen läßt . Ein Mann muß doch ein Mann sein . Und eigentlich kann ich ihn ja doch um den Finger wickeln . « Es schlug sieben , und Maline erhob sich , um der Kranken ihre Medizin zu geben . » Doktor Leist hat recht ; es schmeckt wie eine Doppellimonade . Und nun hole mir noch ein paar Kalvillen . Hier schräg unter uns aus dem alten Saal . Aber nimm den Wachsstock und sieh dich vor auf der Treppe ; die Stufen sind so ausgelaufen . Und verfitze dich auch nicht in dem Bohnenstroh . « Maline sah vor sich hin . Dann sagte sie verlegen : » Ich möchte die Äpfel doch lieber aus der Speisekammer holen , nicht aus dem alten Saale . « » Aber wozu den weiten Weg ? Wir sind ja hier Wand an Wand . Ein paar Stufen und du bist unten . Die Kalvillen liegen links neben dem Altar . « » Ich kann nicht gehen , Fräulein Renate . « » Was ist dir ? « » Ich fürchte mich . « » Weshalb ? « » Er betet wieder . « » Wer ? « » Der alte Matthias . « Renate schloß einen Augenblick die Augen und sagte dann mit erkünstelter Ruhe : » Ich bin ihm nie begegnet . Glaubst du daran ? « » Ich weiß es nicht . Ich weiß nur , was mir die Ruschen , die alte Jätefrau , immer gesagt hat : Wer den Spuk verschwört , dem erscheint er . « » Und wer hat ihn gesehen ? « » Nachtwächter Pachaly . « » Wann ? « » Letzte Nacht . « » Erzähle , was du gehört hast . « » Ich mag nicht . Fräulein Renate werden sich erschrecken und kränker werden . « » Nein , nein , ich will es wissen . « » Nun gut denn . Also Krist und Pachaly hatten die Wache . Jeetze kam auch ; ich sah ihn , als ich um die zehnte Stunde nach Hause kam , denn es gefiel mir nicht im Krug , und ich wollte nicht tanzen . Das gnädige Fräulein werden schon wissen , warum ich nicht tanzen wollte . Aber das muß ich sagen , er tanzte auch nicht . « Renate nickte , während Maline die Hand ihrer jungen Herrin küßte und dann fortfuhr : » Jeetze hatte sich Krists grauen Mantel angezogen und einen alten Säbel darübergeschnallt . Es war zum Lachen . Als der gnädige Herr ihn sah , wurd er ärgerlich und sagte : Das ist nichts für dich , Jeetze . Du hast deine Zeit gehabt . Und dann trat er zu Krist und Pachaly und befahl ihnen , daß sie sich immer in Nähe des Hauses halten sollten . Krist , du nimmst die Parkseite , und Pachaly , Ihr nehmt die Dorfseite , und bei dem großen Mittelfenster des alten Saales trefft ihr zusammen . Und haltet euch immer so , daß ihr euch anrufen könnt . Das alles hört ich noch mit meinen eigenen Ohren . Aber das andere hab ich von Pachaly . « » Nun ? « » So gingen sie denn wohl zwei Stunden . Es war ganz still . Nur vom Krug her , wo man noch nichts wußte , hörten sie Musik . Krist , den jetzt zu frieren anfing , trat in die Hoftür und schlug Feuer an , um sich eine warme Pfeife zu stopfen . Dadurch kam es , daß sie sich für dies eine Mal bei dem großen Mittelfenster nicht trafen und daß Pachaly den langen Querbau allein passieren mußte . Als er an das letzte Fenster kam , sah er Licht ; er trat näher heran und hob sich auf die Fußspitzen . Da sah er , daß das alte Bild erleuchtet war , und vor dem Altar kniete einer und betete . Er hatte aber keine Stimme zum Rufen . Indem kam Krist heran , und er winkte ihm . Dieser sah auch noch den Schein ; als er aber an die Stelle treten wollte , wo Pachaly eben gestanden hatte , losch alles aus , und es war wieder dunkel . Sie hörten nur noch Schritte und ein Knistern im Stroh , das vor den Stufen lag . « Renate hatte sich höher aufgerichtet . Die Wand , an der sie lag , war die Giebelwand , an deren anderer Seite - nur um eine Treppe tiefer - der alte Altar sich befand . Eine Herzensangst befiel sie . Sie hatte das Bedürfnis eines Zuspruchs , den ihr Maline nicht geben konnte ; so sagte sie : » Du solltest mir Tante Schorlemmer rufen . « Maline ging . Als sie aber eben die Tür öffnen wollte , rief ihr Renate nach : » Nein , bleib ! « Und dann wieder ihrer Furcht sich schämend , setzte sie hinzu : » Nein , geh ; ich will mich bezwingen . « Es vergingen Minuten . In dem nur matt erleuchteten Zimmer bewegten sich die Schatten hin und her ; ihr fiebriges Auge folgte diesem Tanz und haftete zuletzt auf der Bilderreihe , die an der anderen Wand des Zimmers hing . Es waren englische Buntdruckbilder , eines ein gotisches Portal darstellend , in dem eine Ampel hing und durch das hindurch man auf einen Altar blickte . Alles in vorzüglicher Perspektive und der Altar nur ein Punkt . Sie sah ihn nicht , sie wußte nur , daß er da war . Und vor ihrem Auge wuchs jetzt das Portal , und der Altar wuchs , und vor den Stufen des Altars kniete wer . Es schlug ihr das Herz , und sie konnte doch von dem Bilde nicht lassen . Da hörte sie Schritte draußen , und gleich darauf trat Tante Schorlemmer ein , noch die Wirtschaftsschürze vor , ein sicheres Zeichen , daß sie von Herd oder Küche abgerufen worden war . Maline , die wegen ihrer Spukgeschichte ein schlechtes Gewissen haben mochte , war zurückgeblieben . » Wie gut , daß du kommst , liebe Schorlemmer . Ich habe eine rechte Sehnsucht nach dir gehabt . Du mußt ein bißchen mit mir plaudern . Aber erst gib mir deine Hand ; so - und nun gib mir zu trinken . « » Gott , wie du fieberst , Kind . Man darf euch auch keine halbe Stunde allein lassen . Und ich mußte doch die Hasen spicken . Auf Stinen ist kein Verlaß ; das nennt sich Köchin und weiß kaum , daß der Hase sieben Häute hat . Nun trink , mein Renatchen . Ich werde noch einen Löffel Himbeeressig hineintun ; das kühlt . Hast du denn auch eingenommen ? « Renate leerte das Glas , das ihr Tante Schorlemmer gereicht hatte , und sank dann erschöpft in ihre Kissen . Aber die Angst , die sie bis dahin beherrscht hatte , war doch von ihr gewichen , und als ob sie plötzlich im Schutze guter Geister sei , sagte sie ruhig : » Glaubst du an Gespenster ? « » Dacht ich ' s doch . Hat die Maline wieder nicht reinen Mund halten können . In der Küche plappert das auch den ganzen Tag schon . Und da ist einer wie der andere . Nur den Pachaly hätt ich für gescheiter gehalten . Denn er hält sich zu Uhlenhorst ; und das muß man den Altlutherischen lassen , daß sie von solcher Schwachheit und Narrheit nichts wissen wollen . Sie haben eben den Glauben , und der läßt den Aberglauben nicht aufkommen . « » Liebe Schorlemmer « , sagte Renate , » du bist so gut , aber einen kleinen Fehler hast du doch . Alles , was dir nicht paßt , das ist für dich nicht da , und wenn es doch da ist , so glaubst du es mit einem guten Spruch aus der Welt schaffen zu können . « » Ja , mein Renatchen , das kann ich auch . Mit einem guten Spruch ist viel auszurichten . Und wer an Gott und Jesum Christum glaubt , der fürchtet keine Gespenster . « » Du mußt mir nicht ausweichen wollen . Ich will nicht wissen , wer sich vor Gespenstern fürchtet und wer nicht ; ich will nur wissen : Gibt es Gespenster ? « » Nein . « » Und doch lebst du hier unter uns , die wir seit hundert Jahren , wie so viele alte Häuser , ein Hausgespenst haben . Wenigstens erzählen es die Leute . Lewin ist überzeugt , daß sie recht haben ; du lächelst ; nun gut , das soll nicht viel bedeuten . Aber auch der Papa glaubt daran , und du weißt besser als ich , daß er fest im Glauben steht . Es ist keine sechs Wochen , daß wir den Fall mit Krists Wilhelm hatten . Und nun Pachaly ! Er ist doch ein verständiger Mann . Ich sage nicht , ja , wo du , nein sagst , aber ich mag wenigstens die Möglichkeit nicht bestreiten . « » Ich tue es . Wo es nicht Lug und Trug ist , ist es Sinnentäuschung . Die Toten sind tot . « » Laß dir etwas erzählen . Ich fand einmal ein Buch , in dem las ich , daß nichts unterginge und daß an einem bestimmten Tage alles wiederkäme , die große und die kleine Welt , Mensch und Tier , auch die sogenannten leblosen Dinge . Ich würde also nicht nur dich wiedersehen und Malinen , auch Hektor und den englischen Buntdruck mit dem gotischen Portal und dem Altar , der dort drüben an der Wand hängt . Und diese durch ein Reinigungsfeuer gegangene Welt , diese verklärte Spiegelung von allem , was je dagewesen ist , würde die Seligkeit sein . Es war ein frommes Buch , in dem ich das alles fand , und ich habe nichts gelesen , das einen tieferen Eindruck auf mich gemacht hätte . Und nun frag ich dich , was ist ein Gespenst anders als ein vorausgesandter Bote dieser verklärten Welt ? « » Es ist doch , wie ich sage : die Toten sind tot . Und die verklärte Welt , die kommen wird , ist eben keine Welt von dieser Welt . Sie harret unserer , aber nicht hier , nicht in der Zeitlichkeit . Nur einer ist , der wieder unter den Menschen erschienen , das war auf dem Wege nach Emmaus . Aber dieser eine war Christus der Herr , der Sohn des allmächtigen Gottes . Sieh , Renatchen , es muß doch einen Grund haben , daß sich die Gespenster nur an bestimmten Orten finden . In Hohen-Vietz gibt es ihrer , in Herrnhut nicht . Und auch da nicht , wo Herrnhut am Nord- oder Südpol seine Hütten und Häuser baut . Wenigstens in diesen Hütten und Häusern nicht . So hab ich es selbst erfahren . In Grönland , rings um uns herum , sahen die Grönländer , die wohl hundert Spuke haben , ihre Gespenster ruhig weiter , aber in unserem Missionshause hat sich keins blicken lassen . Ein Herrnhuter und ein Spuk , das verträgt sich nicht . Und das , mein Renatchen , machen doch die Sprüche , von denen du meinst , daß ich mir einbildete , alles Böse damit aus der Welt schaffen zu können . « » Sei wieder gut , Schorlemmerchen . Und zum Zeichen , daß du es bist , erzähle mir etwas von den Grönländern . Du bist nun sechs Jahre in Hohen-Vietz , und ich weiß kaum , wie der Ort hieß , an dem du so lange gelebt und geschafft und Liebes begraben hast . Erzähle mir davon , aber nichts von den grönländischen Gespenstern ; ich habe an unseren Hohen-Vietzern über und über genug . Plaudere mir etwas Stilles und Heiteres vor , etwas Frommes , das mich erhebt und mich anweht wie mit himmlischer Kühlung . Denn mich verlangt nach Kühle . Aber gib mir erst von der Medizin . Es muß acht Uhr vorüber sein . « Tante Schorlemmer tat , wie ihr geheißen ; dann nach Renatens Strickzeug suchend , um Beschäftigung für ihre Hände zu haben , setzte sie sich , als alles gefunden und vorbereitet war , in den hohen Lehnstuhl und sagte : » Nun , womit beginnen wir ? « » Natürlich mit dem Anfang ; also mit dem Lande selbst . Ich habe mal ein Bild gesehen : Felsen und Wasser und Eisberge und Schnee ; am Ufer lag eine Robbe ; daneben um den Vorsprung saß ein weißer Fuchs , während auf der Felsenkante dicke , kurzbeinige Vögel hockten . Ich glaube , sie hießen Pinguine . « » Es ist nicht ganz so , aber es mag passieren , und ich verzichte darauf , an deinem Bilde zu verbessern . « » Doch , doch , ich will nicht bloß unterhalten sein , ich will auch lernen . « » Nun gut denn . So denke dir einen endlosen Küstenstrich , viele hundert Meilen lang , aber nur wenige hundert Schritte breit . Vor diesem Streifen liegt das Meer , mit tausend Inselchen betüpfelt , und hinter diesem Streifen liegt das Gebirge , das der Quere nach geborsten und zerklüftet ist , und aus diesen Klüften stürzen die Wasser dem Meere zu . « » Ich möcht es sehen . « » In einer solchen Kluft lag auch unsere Kolonie . Ich sage lag ; sie liegt aber noch da und wird , so Gott will , noch manchen Tag über dauern . Und diese Kolonie hieß Neu-Herrnhut . Zu meiner Zeit hatte sie zwanzig Häuser . « » Das ist wenig . « » Wenig und viel . Aber wie würdest du erst staunen , wenn du diese Häuser gesehen hättest . Als Lewin heute mittag den in den Schnee hineingebauten Holzschuppen auf dem Rohrwerder beschrieb , stand auf einmal das Haus vor mir , das ich mit meinem lieben Seligen zehn Jahre lang bewohnt habe . Es war auch in drei Teile geteilt , Stall und Stube , und eine Küche dazwischen . Und was nannten wir unser ? Ein Bett und eine Truhe , und darüber ein paar Pflöcke und Riegel , an denen unsere Habseligkeiten hingen . Auf dem Tische stand eine Lampe , und daneben lag Gottes Wort . Das fehlte nun freilich auf dem Rohrwerder und war doch unser Bestes , unser einziger Trost in Not und Gefahr . « » Und waret ihr denn in Gefahr ? « » Nicht vor den Menschen , oder doch nur selten . Denn die Grönländer sind ein sanftes , stilles und sittsames Volk und verstehen es , ihre Leidenschaften zu verbergen . « » Ich dachte mir , sie wären verzwergt und abergläubisch und sähen aus wie Hoppenmarieken . « » Da hast du es wieder halb getroffen . Aber zur andern Hälfte nicht . Denn Hoppenmarieken ist roh , und die Grönländer sind fein . Man hört keinen Zank und keinen Streit , ja ihrer Sprache fehlen die Schimpf-und Schelteworte . Beleidigungen rächen sie durch Witz und Spöttereien , zu denen der Kläger den Beklagten wie zu einem Zweikampf herausfordert , und wer die meisten Lacher auf seiner Seite hat , der hat gesiegt . Es ist ihnen überhaupt die Gabe verliehen , sich leicht und zierlich auszudrücken . Sie sind gastfrei und gesellig , und zur Zeit der Wintersonnenwende gibt es Tänze und Ballspiel und Gesänge unter Begleitung einer Trommel . Sie sind sich übrigens ihrer guten Manieren wohl bewußt , und wenn sie einen Fremden loben wollen , so sagen sie : Er ist so sittsam wie wir . « » Da müßt ihr ihrem Selbstgefühl gegenüber oft einen schweren Stand gehabt haben . Denn ich entsinne mich , daß Pastor Seidentopf , als wir noch zum Unterrichte gingen , zu Marie und mir sagte : Ein schlichter und ein großer Sinn passen gleich gut zu den Offenbarungen des Christentums , aber ein eitler Sinn widerstrebt ihnen hartnäckig . « » Dafür muß ich ihm eigens noch danken , denn die Wahrheit dieses Satzes haben wir manchen lieben Tag in unserer Kolonie erfahren müssen . Es ging nicht vorwärts . Wenn wir heut einen Zollbreit gewonnen zu haben glaubten , so verloren wir ihn morgen wieder an die Angekoks . « » An die Angekoks ? « » Ja . Das sind nämlich die Wahrsager und Zauberer , meist listige Betrüger , unter denen aber auch Schwärmer vorkommen , die Visionen haben oder sich dessen wenigstens rühmen . Sie vermitteln den Verkehr mit den beiden großen Geistern ; indem sie den guten Geist anrufen und den bösen Geist bannen , von denen übrigens der gute Geist männlich und der böse weiblich ist . « » Ei , ei , das ist aber doch ein Mangel an Galanterie , der an so feinen Leuten wie die Grönländer , die nicht einmal Schimpf- und Scheltworte haben , mich überrascht . « » Und doch , mein Renatchen , geduldig von uns hingenommen werden muß , denn überall ist es Eva , die verführt und aus dem Paradiese treibt . Aber ich sprach von den Angekoks . Ihr natürlicher Scharfsinn kam ihnen in ihrem Widerstande gegen uns zustatten , und an Verspottungen , wie sie schon unser Herr und Heiland zu tragen hatte , fehlte es auch uns nicht , die wir uns in Demut zu ihm bekannten . Aber da erbarmte sich Gott unserer Not , und das ist denn nun die Geschichte von Kajarnak , die ich dir , wenn du noch Geduld hast , wohl erzählen möchte . « » Was ist Kajarnak ? « » Ein Name . Der Name eines Grönländers aus dem Süden . Denn es gibt südliche und nördliche Grönländer , die , nach Art aller Halbnomaden , ihre Zelte bald hier , bald dort im Lande aufschlagen , um nach einer bestimmten Zeit an ihre alten Wohnplätze zurückzukehren . Und so kam denn , auf einem solchen Jagd-und