genug war , was er dem herrlichen Max nicht gegönnt hätte . Röschen dahingegen flüsterte ihm in das Ohr : » Was wetten wir , Dezem , die alte Dame hat Max zu ihrem Erben eingesetzt , und ich an ihrer Stelle hätte es auch getan . « Von oben herab drang unverständliches Gemurmel ; der Rat las vor . Es mußte ein großes Vermögen und eine lange Reihe von Verfügungen sein , denn der Vortrag nahm gar keine Ende . » Wie es scheint , « dachte Dezimus , » bekommen viele ein Teil ; und das ist auch besser als einer alles . « Da - jählings Unruhe oben , Hin- und Widerlaufen , Stühlerücken , ein schriller Schrei . » Es war Mama ! « rief Philipp . Die Kinder stürzten in das Haus ; Rose und Dezimus ihnen nach . Auf der Treppe kam ihnen der Vater entgegen , totenbleich , in tiefster Bestürzung . » Hole schleunigst die Mutter , Rose , « stammelte er . » Sie soll ihre Lanzette mitbringen ; es muß eine Ader geschlagen werden . Du , Dezimus , folge mir in den Saal ! « Als Dezimus den Saal betrat , lag der Propst , anscheinend ohnmächtig , auf seinem Stuhle zurückgesunken in Lydias Armen ; die Gattin , auf den Knien , umklammerte in Todesangst seinen Leib ; sämtliche Zeugen umstanden mit verstörten Blicken die Gruppe ; der Justitiarius brachte vor tauben Ohren hastig den Vortrag , der Schreiber das Protokoll zum Abschluß . » Eilen Sie mit des Pächters Pferden zur Stadt nach einem Arzt ; säumen Sie keine Minute ! « sagte Pastor Blümel zu Max , der sich alsobald entfernte . Martin und Dezimus trugen den ungelenken Körper in das Krankenzimmer , lösten seine Kleider und legten ihn auf das Ruhebett ; unterdessen kam Mutter Blümel , die als rechte Pfarrersfrau in dringenden Fällen der Chirurgus der Gemeinde war . Röschen , mit ihr zurückgekehrt , blieb auf ihren Wink im Vorzimmer zurück . In der nächsten Minute trat Sidonie aus dem Krankenzimmer , schattenblaß und zitternd . » Nur einen Augenblick ! « stammelte sie . » Ich kann kein Blut sehen . Bitte , hole mir ein Glas Wasser . Der Onkel hat eine Ohnmacht ! « » Aber wer hat denn das Gut ? « fragte Röschen , als sie mit dem Wasser zurückkehrte . » Vorderhand ich , « antwortete Sidonie , sichtlich enttäuscht . » Nach meinem Tode - Gott weiß wer . Hoffentlich werde ich so lange leben , bis Max auf festen Füßen steht . « Damit ging sie wieder in das Krankenzimmer , und Röschen blieb allein . Kluge Jüngferchen sind nicht minder wie Nachtigallen und Spatzen neugieriger Natur , und das kluge Pfarrjüngferchen war keine Ausnahme von der Regel , was bei gegenwärtigem Anlaß auch ein Rigorist ihm nicht als Sünde anrechnen wird . Röschen horchte am Schlüsselloch nach einem Lebenszeichen des Ohnmächtigen - Totenstille ; Röschen zerbrach sich den Kopf über das Rätsel , das nichts als Verdrießlichkeit angerichtet zu haben schien - keine Lösung . Röschen wurde selbst ganz verdrießlich . Zu ihrem Glück kam aus dem Ahnensaal der Justitiar , der allein mit dem Protokollführer das Geschäft hatte zu Ende führen müssen . Der alte Rat war nächst ihrem jungen Dezem des Pfarrröschens Spezial ; er nannte sie Töchterchen Augentrost und kehrte niemals im Hause ein , ohne eine Tüte gebrannter Mandeln mitzubringen , die Töchterchen Augentrost fürs Leben gern knabberte . Was konnte natürlicher sein , als daß Röschen sich dem alten Herrn an den Arm hängte , ihn eine Strecke des Heimwegs begleitete und ihren Wissensdurst aus erster Quelle zu stillen suchte . Der alte Herr seinerseits plauderte gern und ein hübsches Kind am Arm doppelt gern . Ein Amtsgeheimnis war die Sache nicht mehr , ein interessanter Fall aber war sie und würde sie noch lange Zeit für die Abendunterhaltung in der Resource bleiben . So erfuhr denn Röschen auf blumigen Wiesenwegen unter einem lachenden Johannishimmel und aus einem lachenden Munde brühwarm und haarklein , denn Lücken duldete Röschens Gründlichkeit nicht , die » Tragikomödie « , die sich im Ahnensaale abgespielt hatte , und ihr Dezem , der währenddessen den Schlußakt miterlebte , erfuhr erst am anderen Tage aus Röschens Munde , daß sich - für Röschen doch die Hauptsache ! - wieder einmal ein Täufersegen über sein Haupt ergossen hatte . Sobald Lydia den Choral beendet hatte , setzte sie sich zur Linken ihres Vaters , dessen kalte Hand in die ihre nehmend . Er war gespensterhaft bleich . Zu seiner Rechten saß die Mutter , neben ihr Martin , die Weinende mit seinen Armen umfassend . Dann folgte Sidonie . Max stand hinter dem Stuhle seiner Braut . Pastor Blümel verhielt sich in der Nähe des Tisches , vor welchem der Justitiar und der Protokollführer Platz genommen hatten . » Zwischen dem Altar , der Orgel , den alten Ahnenbildern und dem alten Pastor im Ornat , gegenüber der kohlschwarzen , feierlichen Gesellschaft , machte der alte Judex unzweifelhaft einen Effekt , wie er ihn in seinem Leben noch nicht vorgebracht , « meinte vergnüglich der Rat . Von dem Schriftstück , das nunmehr zum Vortrag kam , versicherte er , daß es , wie von A bis Z durch die Testatorin eigenhändig niedergeschrieben , so seinem gesamten Duktus nach , zuverlässig ohne fremden Beirat von ihr ausgeklügelt worden sei . » Als ob man die alte Harfenkönigin reden hörte ! Paragraphen für Paragraphen waren , wie bei einem Gesetzerlaß , die Motive beigefügt . Meist freilich in verzwickt ironischer Fassung . Einfälle wie ein altes Haus ; aber von unanfechtbarer Sach- und Fachkenntnis . Summa Summarum ein mustergültiges Dokument ! Wenn es viele solche schneidige Köpfe wie den dieses alten Fräuleins unter seinem Blumenhute gäbe , könnten wir Advokaten nur gleich die Bude zumachen . « Der Vermögensstand , bis in das Detail aufgezählt und nach den im letzten Lebensstadium geführten Büchern kodizillarisch vervollständigt , erwies sich noch umfänglicher , als man erwartet hatte . Eine erhebliche Barsumme , wie auch das Dresdener Haus fielen musikalischen Bildungszwecken zu . An einem Erardschen Flügel , der in jenem Hause zurückgeblieben war , sollte Pastor Blümel in alten Tagen sich von Töchtern oder Enkelinnen sein Abendlied vorsingen lassen ; sämtliche römischen Instrumente und Noten , mit Ausnahme der seligen Harfe , erhielt Sidonie . Die Dienerschaft , etliche verarmte Künstler und andere bisher Unterstützte waren mit Legaten und Renten bedacht ; ein eisernes Kapital für die Witwen und hinterlassenen ledigen Töchter der Werbenschen Pfarrer und Schullehrer , ein anderes zu baulichen und wohltätigen Gemeindezwecken niedergelegt . Die Verfügung über beide Stiftungen wurde nach freiem Ermessen dem Ortspfarrer überlassen , insofern und solange als der gegenwärtige Herr Konstantin Blümel oder , als dessen Nachfolger , sein Pflegesohn Dezimus Frey in diesem Amte standen . Bei anderweitiger Besetzung fiel die Verwaltung der Gutsherrschaft unter gerichtlicher Kontrolle anheim . Mit diesem Ehrenamte war Dezimus Frey aber längst noch nicht abgefunden ; denn nachdem der dreijährige Genuß des auf Werben ruhenden theologischen Stipendiums dem ersten studierenden Hirtensohne der Gemeinde noch einmal ausdrücklich stipuliert worden war , folgte nachstehender Passus : » Da es mir einleuchtend ist , daß besagter Dezimus Frey sich leichter am sichtbaren Himmelszelt als im unsichtbaren Himmelreich umtun lernen wird , vermache ich ihm die Summe von zweitausend Talern . Und zwar soll ihm selbige ausgezahlt werden : vor dem Universitätsbesuch , falls er sich von Haus aus für das Studium der Astronomie entschließt , demnach des Stipendiums verlustig geht ; oder nach Genuß des Stipendiums , um bei gereifter Erfahrung die Freiheit zu haben , sich in angemessener Sphäre , wenn auch nur als Nebenzweck , weiterzubilden . Wie ich es denn in keiner Weise verwerflich finden würde , wenn man in jedem Pfarrhause ein Observatorium errichtete , zum Merkmal , daß die Welt sich dreht . « » Der Dezem ist aber doch ein Glücksvogel ! « rief Röschen den alten Freund unterbrechend aus . » Und er kennt nicht einmal eine Note , singt und spielt bloß aus dem Kopf ! An mich hätte die alte Harfenkönigin doch auch ein bißchen denken können . Ich mache meine Sache doch ganz anders wie der Dezem . « » Ei nun , Kindchen , sie hat ja eventuell auch an Sie gedacht , « tröstete der Rat . » An mich ? Ich werde doch wahrhaftig keine alte Jungfer werden ! Und vor der Pfarrerwitwe in Werben wird der liebe Herrgott mich doch hoffentlich auch bewahren ! « » Aber bedenken Sie doch , das schöne Instrument ! « » Das ist auch wahr ! Und am Ende , was dem Dezem gehört , ist ja auch so gut wie mein . « » Nun sehen Sie wohl ! Da können Sie sich auch noch eine faustdicke , goldene Repetieruhr an den Gürtel hängen , die gleicherweise Ihrem Dezem testiert worden ist . Ein Erbstück von Vaterseite , das in der Hand des Hutmannssohnes wiederum ein Erbstück werden und an den Wandel der Geschlechter mahnen soll . « » Schönen Dank , gnädige Dame ! « rief Röschen mit einem Knix und einer Kußhand , die sie gen Himmel warf . » Aber was hat denn nun eigentlich der schöne Herr Max ? « » Der schöne Herr Max , ei nun , der hat das Nachsehen , Kindchen - - « » Schändlich , empörend ! - - « » Nach meiner unmaßgeblichen Meinung keineswegs ! Im übrigen teilt er diesen Blick in das Leere mit diversen anderen ebenso würdigen Expektanten . Nicht ein einziger Familienname ist in dem Schriftstück als Erbe aufgeführt . Keinem zuliebe und manchem zuleide ist eine Ausnahme gemacht worden . « » Aber ums Himmels willen , wer kriegt denn da das Gut ? « » Nur gelassen , Herzchen . Das dicke Ende kommt allemal nach . Die trauernde Sippschaft im Ahnensaal ist auf eine weit längere Geduldsprobe gestellt worden als Sie , und die Sentenzpillen , die sie derweile hinunterwürgen mußte , werden ihr schwer genug im Magen gelegen haben . Nachdem also über jeden Batzen und Fetzen verfügt worden war , hieß es zu guter Letzt ungefähr so : Die Unsterblichkeit meines übernatürlichen Menschen würde mir wünschenswert sein , ist aber bezweifelbar . Unbezweifelbar dahingegen ist die natürliche Torheit oder törichte Natürlichkeit jedwedes Menschen , auf dieser wandelbaren Erdenstätte längstmöglich eine unwandelbare Spur zu hinterlassen . Auch ich bekenne mich dieser Torheit schuldig . Da ich jedoch mit leiblicher Nachkommenschaft Gott sei Dank nicht gesegnet bin , und da die Kunst , die zu hegen mir gegeben war , leider eine ist , die verfliegt wie die Blume des Weines , bleibt mir gleich dem ersten besten alten Bauer nur ein Stück unbeweglicher Scholle , um ihr ein Merkzeichen einzuprägen von dem alten Geschlecht , das auf ihr erwachsen ist und , bis auf etliche fremde Pfropfreiser , mit meiner Person erlischt . Vor zwei Jahrhunderten hatte der von der Werbensche Grundbesitz durch die geschickte und gefüllte Hand einer Frau sich zu einem der umfänglichsten in sächsischen Landen ausgedehnt . In dem Erbe von Mann auf Mann zerbröckelte er , um schließlich in dem Erbe von Mann auf Weib ein Nichts zu werden . Einer ledigen alten Frau , der letzten , die den Namen trägt , war es gegönnt , seinen Grundstock als käufliche Ware wieder in ihre Hand zu bringen . Um diesen vor nochmaliger Zertrümmerung zu bewahren , befestigt sie ihn zu einem Kunkellehn , und um durch die Zersplitterung der Einkünfte sein verblichenes Ansehen nicht noch weiter verbleichen zu lassen , stiftet sie ein weibliches Seniorat . « » Den blitzartigen Eindruck dieser letzten Worte , « schaltete der Rat lachend ein , » das Aufflackern des leichenhaften alten Herrn wie unter einem galvanischen Strom , das grimmige Lächeln des jungen Doktors , die Grimasse seiner Schwester hätten Sie sehen müssen , Kind . Leider konnte ich das interessante Schauspiel nur eine Minute lang während des eigenen Verschnaufens genießen . In der nächsten las ich weiter , und in der dritten glich der Umschwung der Stimmung einer Revolution . « » Die den Jahren nach älteste meiner Großnichten eventuell Urgroßnichten , « so stand geschrieben , » das heißt der leiblichen Nachkomminnen meiner beiden Schwestern soundso , fügt , sobald sie das achtzehnte Jahr erreicht hat und nicht verheiratet ist , ihrem Familiennamen den von der Werben bei und tritt fideikommissarisch in den Genuß meines Rittergutes Werben und so weiter und so weiter , mit der Verpflichtung , sich seiner Verwertung und Erweiterung nach Kräften zu widmen und darum es zu ihrem wesentlichen Aufenthalt zu machen . Beim Umbau des Schlosses ist von vornherein darauf Rücksicht genommen worden , daß durch letztere Bedingung das Wohnungsrecht nicht beschränkt wird , welches meiner Nichte Frau Ottilie von Hartenstein zugesagt ist , solange sie lebt oder solange es ihr beliebt . An dem Tage , wo die Nutznießerin mit Tode abgeht oder etwa in den Ehestand tritt , folgt ihr in dem Benefizium das den Jahren nach älteste Fräulein nicht der ihr zunächst stehenden Familie , sondern des gesamten Geschlechts . « » Der Propst war schon bei den Worten : solange sie unverheiratet ist , von seinem Sitze in die Höhe gefahren ; er stand mit vorgebogenem Leib und glasig starren Blicken , beide Hände gegen das Herz gestemmt . Jetzt , bei der Satzung von dem gesamten Geschlecht , sank er ohnmächtig in seiner Tochter Arm . « » Das ist der Schluß der Komödie ; denn die nun folgenden exakten Bestimmungen im Fall einer Vakanz , oder gar des Erlöschens der Linie und dergleichen , werden für Sie , Dämchen Neubegier , noch gleichgültiger sein als für die enttäuschte Hörerschaft im Ahnensaal . « » Wie kann denn Sidonie aber sagen , daß sie zunächst die Erbin sei ? « fragte Röschen nach kurzem Nachdenken . » Lydia ist ja acht Monate älter als sie . « » Aber Braut , « versetzte der Rat . » Braut sein heißt nicht verheiratet sein , « wendete Röschen ein ; wonach der Rat ausrief : » Ei , Sie kluge kleine Maus ! Na , da können wir noch ein erbauliches Handgemenge in diesem Familientempel erleben ! « » Und welche von beiden glauben Sie , hat die kuriose alte Dame vor Augen gehabt ? « fragte Röschen . » Sie hat gar keine Person vor Augen gehabt , lediglich ein Ideal , « antwortete lachend der Rat . » Und dieses Ideal heißt : Auf dem Stammschlosse der Werben eine alte Jungfer in Permanenz . « Nach dieser Seite hin sattsam aufgeklärt , brannte das liebe Röschen vor Verlangen , wiederum inmitten des Schauplatzes so interessanter Entwicklungen zu stehen . Die Erzählung hatte sie eine weite Strecke auf dem Stadtwege vorangeführt , und da just des Pächters Wagen mit Max und dem wohlbekannten Doktor Brand vorüberkam , verabschiedete sie sich hurtig von ihrem alten Gönner , gab ein Zeichen zum Halten und schwang sich behende in das Gefährt . Der arme , schöne , junge Herr tat ihr in der Seele leid . Sie würde , ja wahrhaftig , sie würde ihres Dezem Legat , - nein , das ganze Legat nicht , aber die Hälfte des Legats darum gegeben haben , hätte sie mit dem Opfer den armen , schönen , jungen Herrn zu ihres Dezem künftigen Patron erheben können . » Ihr Herr Onkel ist von einer Ohnmacht befallen worden ? « fragte sie ihn . » Ich fürchte mehr als eine Ohnmacht , « antwortete er . Und seine Furcht war begründet . Doktor Brand konnte lediglich bestätigen : » Der Propst von Hartenstein ist tot . « Lydia kehrte am Arme ihres Verlobten von dem Grabe zurück , in welches Joachim von Hartenstein versenkt worden war in der nämlichen Stunde des Siebenschläfers , wo vor achtzehn Jahren das arme Hirtenweib seine Ruhe gefunden und nur wenige Schritte von dessen Hügel entfernt . Nicht Pastor Blümel , Professor Hildebrand , der Getreue , hatte den letzten Segen gespendet ; die Feier war so still und schlicht , wie die der Gutsherrin laut und prunkvoll verlaufen ; aber die Junisonne ergoß sich in vollen Strömen , als die letzte Spur von einem vielbewegten Menschenleben verschüttet wurde . Lydia war unverweilt in das Zimmer ihrer Mutter gegangen , die seit der Sterbestunde des Gatten in sinnverwirrendem Fieber lag . Da sie dieselbe schlummernd und Frau Hanna Blümel als sorgsame Hüterin an ihrer Bettseite fand , schlich sie unbemerkt in das Gemach , wo ihr Vater die Augen geschlossen hatte , und saß dort in sich versunken , bis der Abend dämmerte . Max schritt währenddessen in bitterem Unmut die Terrasse hastig auf und ab . Der bizarre letzte Wille seiner Verwandtin hatte ihn empfindlicher , als er sich merken ließ , enttäuscht . So sollte ihm denn wieder einmal die Dankbarkeit gegen einen Nächststehenden erspart werden , wie sie ihm gegen Vater und Mutter und gegen deren Väter und Mütter erspart worden war . Selbst in seiner Schwester Seele schuldete er sie nicht ; war es doch nur ein Zufall , daß sie Jahr und Tag mehr als Priszilla zählte . Berechtigt , weil empfänglich für jede Himmelsgunst , kam er sich vor wie ein Verstoßener . Tiefer aber noch als seine Enterbung verstimmte ihn Lydias Gebaren . Er hatte sie seit der verhängnisvollen Stunde kaum gesehen , kein Wort aus ihrem Munde gehört . Ihre Tage und Nächte waren zwischen dem Krankenbett der Mutter und der Bahre des Vaters geteilt gewesen ; Max schweifte im Freien und suchte Zuflucht in der Pfarre . Er liebte ja den Tod , aber nicht die Toten , und verstand sich auf Krankheiten , aber nicht auf Kranke . Was hieß das nun aber für eine Liebe , die vor einem natürlichen , längstvorausgesehenen Verluste spurlos verschwunden schien ? Was hieß das für ein Glück , das nicht dem alltäglichsten Unglück die Wage hält ? Die schnödeste Selbstsucht ist es , sich in einen Schmerz wie in eine Austernschale zurückzuziehen ; und eine Perle nennen diese Frommen das krankhafte Produkt , das sich in solcher Schale bildet ! Sidonie , die sich zu ihm fand , teilte seine Auffassung . Sie besaß jetzt reichlich die Mittel , ihm die Freiheit , deren er bedurfte , zu gewähren . Was ihr war , war sein . Sobald die Mutter der dringendsten Lebensgefahr entronnen , sollte er Lydia still sich antrauen lassen und sie dieser Atmosphäre der Trübsal entführen . Für eine fernere Zukunft mochten die Pläne in beruhigter Stimmung gefaßt werden . Mit dem Vorsatz dieser unumwundenen Forderung kehrte Max bei einbrechender Dämmerung in das Haus zurück . Lydia war weder bei der Mutter noch in ihres Vaters Zimmer ; nicht ohne heimlichen Schauder ging er , sie zu suchen , in den Saal , wo vor wenigen Stunden der Sarg gestanden hatte . Ein Leichendunst umwitterte ihn . Das lebensgroße Bild des Propstes war für die heutige Feier über dem Altar aufgerichtet worden ; vor diesem lag Lydia auf den Knien . Sie erhob sich , sobald sie ihn kommen hörte ; ging ihm entgegen und reichte ihm schweigend die Hand ; seiner Umarmung aber entzog sie sich . Er wollte sie aus dem Zimmer führen ; sie winkte ihn nach einer Fensternische und nahm ihm gegenüber Platz , so daß sie das Bild des Vaters nicht aus den Augen verlor . Der aufgehende Mond warf sein fahles , kaltes Licht auf die hohe Gestalt im düsteren Priesterkleide ; fahl und kalt war auch das Antlitz der Tochter , die in ihrem faltigen Trauergewande dem Bilde so wunderbar ähnelte wie dem Lebenden kaum je . Ihre eisige Ruhe , die rücksichtslose Zumutung dieses unheimlichen Aufenthaltes , die phantastische Überspannung des Leidtragens reizten den jungen Mann bis zur Unerträglichkeit . Hätte er sie in Tränen schwimmend gefunden , hätte sie diese Tränen an seinem Herzen ausgeweint , seine Anklage würde sich in Mitklage umgewandelt , und nicht herbe wie jetzt würden die Worte geklungen haben , in welchen er , als Herr ihrer Zukunft , eine beschleunigte Verbindung forderte . Sie hatte ihn ohne einen Laut oder nur eine Regung weder des Widerspruches noch der Entschuldigung aussprechen lassen ; nun sagte sie : » Du weißt nicht , Max , was es heißt , einen Vater begraben und eine Mutter mit dem Tode ringen sehen ; du leugnest das Gefühl , das ich als das erste menschliche zu hegen und zu ehren gelehrt worden bin . Darum vergebe ich dir die harte Rede in dieser Stunde . Vergib du nun aber auch mir , wenn meine Rede dir hart klingen wird . Ich kann deine Forderung nicht gewähren , und bestehst du auf ihr , gebe ich dir dein Wort zurück . « Er starrte sie an wie betört . Sie fuhr fort : » Ich habe meinem Vater gelobt , und ich habe mir selbst gelobt , ihn in der Pflicht für seine Hinterlassenen zu vertreten . Ich wußte um welchen Preis . Oder trautest du dir die Hingebung zu , mich in dieser Pflicht nicht zu beirren , und den Mut , sie mit mir zu teilen ? « Er lachte bitter auf . » Ich , « rief er , » ich , der Enterbte , der von der Großmut seiner Schwester die Mittel entlehnen muß , seine eigene Existenz und die seines anverlobten Weibes auf unberechenbare Jahre hinaus zu fristen , ich soll die Verantwortlichkeit und die Verbindlichkeit für eine zweite dürftige Familie - - « » Ich sehe , « unterbrach ihn Lydia , » daß du die Hülflosigkeit unserer Lage und die Last , die dir erwachsen würde , deutlich ermissest ; ich wußte auch zum voraus , daß du keine andere Antwort , als die du gegeben hast , mir geben würdest , wohl auch sie nicht geben konntest . Und eben darum , Max , müssen wir scheiden . « Er verstand sie noch immer nicht vollständig , brauste aber jetzt schon auf in Hohn und Groll . » Ei , wie versteht ihr doch , ihr Auserwählten , « rief er , » zu paktieren nicht nur mit dem Begriffe Liebe , als einer trüglichen Naturbestimmung , sondern auch mit dem Schriftkanon , auf den ihr euch , wenn es euch paßt , als untrüglichen Gesetzgeber beruft ! Ein warmherziges Weltkind würde nicht daran deuteln , daß es Vater und Mutter zu verlassen habe , um dem Manne , dem es Liebe gelobt hat , anzuhangen , auch wenn dieser Mann - ja dann um so weniger ! - um berechtigte Lebensaussichten betrogen worden ist und in ehrlicher Selbsterkenntnis sich scheuen muß , eine Aufgabe zu übernehmen , welche durchzuführen er nicht imstande sein würde . « » Noch bin ich nicht deine Gattin , « entgegnete Lydia , und ihre Stimme bebte zum ersten Male bei den Worten , » für welche der Laut der Schrift Gesetzeskraft haben müßte ; noch gilt für mich die älteste Pflicht . Dennoch ahnest du nicht , Max , was es mich kostet , wortbrüchig zu scheinen , nicht es zu sein ; ja , was es mich kosten würde , wäre ich nicht einmal deine Braut , dir und der Schwester , die dich liebt mehr als sich selbst , Aussichten zu verkümmern , die ihr für berechtigte achtet . « Max fuhr in die Höhe , als hätte ihn eine Viper gestochen . Jetzt erst begriff er die Tragweite ihres Entschlusses . » Das also ist es ! « rief er mit einem Hohngelächter , das in dem weiten , düsteren Raume unheimlich widerhallte : » Ein Rechenexempel ist des Pudels Kern ! « Auch Lydia hatte sich erhoben ; sie preßte beide Hände gegen die Brust , ein Fieberschauer schüttelte ihren Leib . Doch sagte sie fest : » Ja , das ist das schwerste der Opfer , die ich fordere und bringe ; schwerer selbst als das deiner Liebe , Max . « Er ging mit heftigen Schritten im Saale auf und ab ; sie fuhr fort : » Wüßte ich einen Erwerb , irgendeine Lebensstellung , die mir ermöglichte , meine Mutter und meine verwaisten Geschwister so zu versorgen , wie der brechende Blick meines Vaters es von mir forderte , ich würde , wie demütigend der Ausweg , ihn diesem demütigendsten vorziehen . Da ich keine Wahl habe , nehme ich für eine unbestimmte Frist das Erbe in Anspruch , das deine Schwester sich gesichert glaubte und das ihr ein Jahresdatum - und kein Recht außer diesem - verkümmert . Als du eintratest , Max , flehte ich zu Gott um die Kraft der Überredung , Sidonien zu einer zeitweisen Teilung dieses Erbes zu bewegen . Es ist hinlänglich reich , uns beiden zu genügen . Wenn aber der Buchstabe der Verfügung es auch nicht also heischte , die erste Benefiziatin , das heißt die Versorgerin meiner Mutter und ihrer Kinder , kann nur ich sein , nicht sie . « » Mit anderen Worten , « rief Max , » du schämst dich der Dankbarkeit gegen die Schwester des Mannes , dem du Treue gelobt hast ; aber du schämst dich nicht , mit dem Verlobten zu brechen , weil er ein Ärmling geworden , und jenes edle Geschöpf , von Natur und Schicksal mißhandelt , zu einem Ausgleich berechtigt und bestimmt , wie es war , zur Almosenempfängerin zu erniedrigen . Pfui über diesen Stolz ! « Lydia war bis in den Herzgrund erschüttert . So schroff hatte sie die Deutung ihres Entschlusses nicht geahnet , so grausam nicht die Probe ihrer Standhaftigkeit . » Sei barmherzig , Max , « bat sie mit aufgehobenen Händen . » Nein , sei nur gerecht . Ich darf ja nicht anders , und es ist ja auch nur auf wenige Jahre , daß ich die Entsagung von dir erflehe und die schwere Überwindung von ihr . Ich liebe dich , Max , wie in der ersten Stunde , da ich dein geworden bin , ja tiefer als in ihr , denn ich mußte dir wehe tun . Habe ich dir deine Freiheit zurückgegeben , ich werde dir treu sein , werde deiner warten , bis - « » Bis der Erbe des reichen Mehlborn dir ein Äquivalent zu bieten hat für soundso viel tausend Taler Rente ! « Max war gewiß keine unedle Natur . Eigennutz in diesem gröblichen Sinne lag ihm so fern , daß er ihn auch nicht leicht in einem anderen vorausgesetzt haben würde , am wenigsten in diesem Mädchen . Das schnöde Wort kam nicht aus seinem Herzen und nicht aus seiner Vernunft . Der Zorn hatte es ihm eingeblasen , und der Trotz bäumte sich zu sagen : » Ich war ein Rasender , vergib ! « Wehe ihm ! Er hatte mit barbarischer Faust sein Bild im reinsten Herzensspiegel zertrümmert , und solange seine Ohren offen stehen , wird er die Scherben klirren hören . Wie reich des Lebens Becher ihm sprudeln möge , daß er den Adel der Liebe verwirkte , ist die Hefe , die ihn trüben wird . Wehe ihm und ihr ! Sie schwankte nach ihres Vaters Zimmer ; die Tür fiel hinter ihr in das Schloß , wie die der Zelle , in welcher die Jungfrau sich zur Nonne weiht . Mit stürmischen Schritten verließ Max den Saal nach der entgegengesetzten Seite . - Im Pfarrhause war der Abendsegen früher als sonst gelesen worden ; nach drei abspannenden Tagen sehnte ein jeder sich nach Ruhe . Frau Hanna hatte zum ersten Male das Krankenzimmer der Witwe verlassen , auch Dezimus treulich Dienst geleistet als Totenwächter und Vermittler der letzten schweren Obliegenheiten für ein Menschenleben . Nun dachte er in seiner Bodenkammer » einen langen Schlaf zu tun « . Da wurde hastig die Klingel gezogen , und wie Sidonie vor wenig Wochen außer Atem eingetreten war mit dem Rufe : » Max und Lydia sind verlobt ! « so trat sie heute wieder außer Atem ein mit dem Rufe : » Max und Lydia sind entzweit ! « Sie kam , um Lebewohl zu sagen , da sie noch diesen Abend mit ihrem Bruder abzureisen gedachte . Den Hergang des Bruchs stellte sie dar , so wie sie ihn nach einer Unterredung mit ihrem Bruder und einer leider erst darauffolgenden mit Lydia selbst aufgefaßt hatte . Für dieses kluge Mädchen , scharfblickend , gerecht und billig , wie junge Menschen es selten sind , gab es einen Punkt , auf welchem die Bildfläche sich verkehrte , und das war sein Liebespunkt , sein Max . So viel goldene Luftschlösser hatte die kleine Sidi auf die Freiheit des Reichtums gebaut , sich die Zukunft so reizvoll ausgemalt : ein Künstlerleben , ähnlich dem der alten Harfenkönigin , aber durch das Verhältnis zu ihrem Bruder erweitert und vertieft ; nun wurmte die Enttäuschung sie nur um seinetwillen , und ihres eigenen Schiffbruchs gedachte sie kaum . Es handelte sich um ihn , darum statt des sicheren Klarblicks blinder Groll . Der höhnende Geifer hatte sich aus seiner Brust in die ihre gestürzt , hatte sich darin gestaut und ergoß sich nunmehr in brausenden Strömen . » So sind sie , diese Heiligen ! « rief sie aus . » Als sie Max für eine Partie hielten , lockten sie ihn an , fingen ihn ein , wie man einen Gimpel einfängt , den man zum Dompfaffen abrichten will . Nun , im Elend , schlagen sie die einzige Pforte der Freiheit vor ihm zu und berufen sich , wie Shylock auf seinen Schein , auf den Buchstaben ihres Rechts . Kaltblütig zerfleischt dieses Mädchen ihm das Herz