Vorbilde streng unsere Pflichten zu erfüllen . Und ich kann ' s nicht glauben . Ohne Ruh ' und Rast schau ich zum Fenster hinaus , ob er nicht des Weges kommt in seinem braunen Rock . Er hat sich schon ein wenig stützen müssen ; ist wohl doch gebeugt gewesen unter seinen weißen Haaren . Ohne Ruf ' und Rast geh ' ich am Pfarrhofe vorüber ; es ist kein Klopfen mehr an den Fensterscheiben , es lächelt kein freundliches Gesicht mehr heraus . Da stehe ich still und meine , ich müsse laut seinen Namen rufen . Und ich kann es nicht glauben , daß er dahin ist . Bei dem Leichenbegängnisse ist der Holdenschlager Pfarrer dagewesen . Er hat sich baß gewundert über die allgemeine Trauer , die in den Winkelwäldern herrscht . Selbst der Branntweiner Hannes ist zum Grabe gekommen und hat eine Scholle hinabgeworfen . Nur der alte Rüpel ist nicht zu sehen gewesen ; der hat wohl im Urwaldfrieden das Grablied gesungen . Zu Winkelsteg haben die Glocken gesprochen . Und als letztlich auch die Glocken stumm geworden , da sind die Leute still davongezogen in ihre armen , zerstreuten Wohnungen . Nur ich allein stehe noch da und starre hinab auf den falben Tannensarg . Vor achtzehn Jahren habe ich den Mann das erstemal gesehen . Er ist am Grabe gestanden , das sie in der Wolfsschlucht dem » Glasscherbenfresser « gegraben . Seit zwölf Jahren ist er Pfarrer zu Winkelsteg gewesen . Die Leute wissen es nicht und messen es nicht , wie viel sie ihm zu verdanken haben . Heute blicke ich nieder auf seinen Schrein ; ja , das ist der Schlußpunkt zu der Antwort Einspanig . Wie ich darüber noch sinne , kommt die alte Haushälterin des Winkelhüterhauses , meine ehemalige Wirtin , herbeigewackelt . Sie guckt auch in die Grube , fährt sich mit der Hand über das Gesicht , tappt nach meinem Arm und sagt : » Gott geb ' ihm den ewigen Frieden ! Das ist ein braver Mann gewesen . Aber ein Fabelhans auch ! Wie ein Vogel ist sein Sinn herumgeflogen in der weiten Welt , und auf keinem Fleck , hat er gesagt , wär ' die Welt mit Brettern verschlagen . Und jetzt - gucket einmal recht hinab , Schulmeister ! Da unten ist sie - Gott geb ' ihm den ewigen Frieden - da unten ist sie mit Brettern verschlagen . « Das Wort ist gesagt und hastig humpelt sie auf ihren Krücken davon . Und sie hat halt doch endlich recht , die Alte . So unbegrenzt der menschliche Geist auch fliegen mag in den Weiten , sein letztes Ziel wird umschlossen von den Brettern des Sarges . - Glücklicher Schläfer , dir ist ein unendlicher Raum jetzt die Truhe . Noch nicht lang ' , und dir war zu eng die unendliche Welt . - Großer Dichter , vergib , daß ich dein Wiegenlied zur Grabschrift wandle . Ostern 1832 . Die Seuche ist erloschen . Man sieht viele blasse , abgehärmte Gesichter umherwandeln . In den Mulden der Waldberge und in den Spalten der Felsen schießen Wildwasser zur Tiefe . Der Wasserfall über die Breitsteinerwand ist meines Erlebens noch nie so groß und schön gewesen , als jetzt . Aber es ist gar kein Fallen , es ist ein lindes Niederschweben von der Höhe , aus der Ferne gesehen . Doch wer die Wassermassen in der Nähe betrachtet ! Das ist ein gar gewaltiges Losreißen und wuchtiges Niederstürzen , daß der Erdboden klingt . Warum erhebt sich unsere Seele zu einem Wohlbehagen , wenn man die Wirkung einer großen Kraft sieht ? - Im Miesenbachgraben und in den Karlehnen donnern die Schneelahnen . Hoch über den Firnen blaut der Himmel . Da wir in der Kirche keine Auferstehungsfeier haben , so drängt es die Leute , das Osterfest in anderer Weise zu begehen . Der Charsamstag ist vorbei ; das Turmkreuz der Kirche schimmert im Abendrot viel glühender als sonst . Es wird heute aber nicht Nacht ; ein neues Leben steht auf . Die Leute gehen im Festkleide aus ihren Wohnungen hervor . Ein neuer Tag bricht an am Abende und Festfeuer leuchten auf den Höhen . - Wer von diesen Menschen weiß es denn , daß auch die alten Deutschen zu solcher Jahreszeit der Göttin des Frühlings Freudenfeuer angezündet ? Wem nur dieser Einfall ist beigekommen ? Da oben auf dem Bühel steht ein alter , einzelner Fichtenstamm ; den haben sie vom Fuß bis zur Wipfel mit dürrem Gezweige , Moos und Stroh umflochten . Wenige Schritte seitwärts haben sich die Leute um ein kleines Feuer versammelt und singen Lieder . Weiber mit verdeckten Handkörben sind auch dabei und Kinder spielen mit gefärbten Eiern . Es ist schon spät in der Nacht ; der Lazarus will mit der Lunte gehen , daß er die Osterkerze in Brand stecke , da huscht durch den finsteren Wald der alte Rüpel herbei , reißt seine Binsenhaube vom Haupte und sagt : » Gelobt sei Jesu Christ , der am Kreuz gestorben ist ! « Wir sind alle hellverwundert , daß der Alte wieder einmal unter die Leute geht , und ich will ihn sogleich einladen , daß er sich zu mir und dem Grassteiger setze , wo wir einen Mostkrug stehen haben . » Dank für die Ehr ' ! « sagt der Rüpel und zieht seine Strohharfe unter dem Rock hervor , und in die Flamme hineinstarrend , hebt er an zu reden : » Komm just von Jerusalem her . Alle drei Kreuz auf dem Berg Kalvari stehen leer . Christi Leib haben sie gelegt in ein neues Grab , die Seel ' ist gefahren zur Höllen hinab . Die Altväter täten warten schon hart . Dem Abraham hat das Feuer versengt den langen Bart ; der Moses ist schon tausend Jahr im Rauchfang gesessen und hat auf seine zehn Gebot vergessen . Der Adam , der vorwitzig ' Mann , und die Eva haben gehabt kein Röcklein nit an - die tät ' das Feuer wohl saggrisch beißen . Das Paradies ist ihnen schon lang ' verheißen , und durch die Leidensnot und den bittern Tod tät ' s ihnen jetzt Christus erlauben . - So hat mir ' s der recht ' Schächer erzählt , dem linken tät ' ich ' s nit glauben . « » Nu , Rüpel , « sagen die Leut ' , » wenn du sonst nichts mehr weißt , so bist auch grad kein heiliger Geist . « Unbekümmert um diesen Spott , fährt der Alte fort : » Am heutigen Morgen sind unsere lieben Frauen zum Felsengrab gegangen schauen . Ist ein Junggesell gesessen auf dem Stein ; die Magdalena gucket schon vorwitzig drein , kreiselt ihr güldenes Lockenhaar fein und denkt : wie alt mag er sein ? - Mit Verlaub , schöne Frauen , der liebe Herr Jesus ist nit hie , der ist auferstanden schon in allerfrüh ! Da haben die Frauen für die fröhliche Mär ein Trinkgeld wollen geben Gott zu Ehr ; aber der Junggesell ist gelaufen zum Himmel hinein ; ich tät ' s auch - täten mich tragen meine alten Bein ' . « Wieder schweigt der alte Rüpel . Da aber keiner die Anspielung auf ein Trinkgeld verstanden hat , so fährt er fort : » Der Herr Jesus geht spazieren im Wald , tät ' sich ausruhen von bitteren Leiden ; ein Hirtenknab ' steht auf stiller Heid , der tät ' weiße Schäflein weiden . Tät ' weiden die Schäflein und weinen dabei , gar bitterlich , bitterlich weinen . Da fragt ihn Herr Jesus : was weinst du mein Kind , es tut ja die Sonnen scheinen ! - Ja freilich , sie scheint auf den Rasen grün , der mir meinen Vater tut decken ; und der Heiland ist gestern am Kreuze gestorben , wer wird mir den Vater wecken ? - Da spricht der liebe Herr Jesus : » Mein Kind ! siehst du die Felsen beben ? Der Herr ist erstanden , wird wecken dereinst die Toten zum ewigen Leben . « Der alte Mann schweigt und starrt in die Flamme . Sein Haar und Bart ist im Scheine des nächtlichen Feuers rot wie Alpenglühen . Und der Schein des Feuers fällt in Bändern hin durch das Gestämme auf die frischen Gräber des nahen Kirchhofes . Eine schwere Stille ruht über der Versammlung ; als erwarte sie schon diese Osternacht die Auferstehung der Toten . Da richtet sich jählings der Kopf des Alten wieder auf , anmutig zart gleiten seine Finger über die Saiten aus Stroh ; wie Schalkheit zuckt es in seinen Zügen , und als wollte er seine frühere Rede ergänzen , sagt er mit fast kecker Stimme : » Der Hirtenknab ' , der junge Tropf , schüttelt ungläubig seinen großen Kopf . Da langt ihm der Herr die Hand hin zumal , und weist ihm sein heiliges Wundenmal ; just so fürwahr , und das Wundmal ist groß , wie ein Groschenstück gar ... « Überzeugend genug streckt der Greis die hohle Hand aus , und mancher legt richtig ein » Wundmal « hinein - einen guten Pfennig oder ein Groschenstück . Ich hätte ihm diesmal nichts geschenkt . Was hat er denn so fromme Sprüchlein zu singen , wenn er sie nachher allemal wieder mit einem losen Frevel zerstört ! - Der Alte bedankt sich für die kleinen Gaben , dann ist er im Walde verschwunden . Man wundert sich , daß er neuerdings wieder so lebendig wird . Der Grassteiger hat den armen Mann suchen lassen , um ihn für die Ostern an seinen Tisch zu führen . Der Rüpel ist nicht gefunden worden . So geht ' s immer tiefer in die Nacht ; zum großen Glück eine recht laue Nacht , denn keiner , auch von den erst Genesenen , keiner ist zu bewegen gewesen , nach Hause zu gehen . Der Stand eines Sternbildes weist die Mitternacht , den Beginn des Ostertages . Da fährt ein Flämmchen in den strohumwundenen Baum , und die Osterkerze lodert hoch über dem Waldtale gegen den Sternenhimmel auf . Nun jubeln die Kinder , die Weiber und die Männer ; aber weiterhin , als Hall und Schall vermag zu dringen , leuchtet die Feuersäule und verkündet dem Waldlande ringsum den Ostertag . Und zur selbigen Stunde haben die Weiber ihre Handkörbe aufgedeckt , auf daß die Gottesgaben darin , Brot , Eier und Fleisch , der liebe Osterhauch mag befächeln . Und so ist unserem Festbrote die Weihe zuteil geworden , die der Vater Paul uns für diese Ostern nimmer vermag zu spenden . Erst gegen Morgen ist die Osterkerze , deren hochstrebende Flamme sie gar in den Miesenbachgräben sollen gesehen haben , verlodert zusammengebrochen . Dann sind wir von dem nächtlichen Osterfeste heimgekehrt in unsere Hütten . Von diesen Tagen an , Andreas , wirst du nicht mehr jünger . - Jünger ? wer hat dich gelehrt so ungereimt zu schwätzen ? Zähl ' deine Eisfäden auf dem Haupte , zähle sie , wenn du kannst , du alter Mann ! Ich meine , der Pfarrer hat mich mitgenommen . Mai 1832 . Von unserem jungen Herrn hört man große Dinge . Und diesmal sind sie amtlich erhärtet . Hermann hat die Güter des Vaters übernommen und ist demnach unser Herr . Als Angebinde hat er den Winkelstegern alle rückständigen Arbeitsleistungen und die Grundeinzahlungen auf zehn Jahre hinaus nachgesehen . Das ist ein guter Anfang . Die Winkelsteger wissen ihre Dankbarkeit nicht anders zum Ausdrucke zu bringen , als daß sie in der Kirche eine zwölfstündige Andacht halten , um für die Gesundheit des jungen Herrn zu beten . Hermann soll kränklich sein . Gestern ist der Berthold zu mir gekommen . Seit jenem Tage , da er sein vermißtes Kind unter den Tieren des Waldes gefunden , wildert er nicht mehr , sondern arbeitet mit Fleiß und Schick in den Holzschlägen , und seine Kinder erwerben sich ihr Brot durch Sammeln von Waldfrüchten . Der Mann hat mir gestern ein Bündel gedörrter Blätter gebracht ; dieselben wüchsen nur drüben im Gesenke und besäßen eine wunderbare Heilkraft , die auch der jahrelang kränkelnden Aga die Gesundheit wieder gegeben hätte . Die Lili habe die Blätter gesammelt und getrocknet , und da sei es ihnen beigefallen , dieselben dem jungen , gnädigen Herrn Schrankenheim zu schicken ; es sei kein Zweifel , daß er bei entsprechendem Gebrauche des Krautes genesen würde . Ob ich nicht so freundlich sein wolle , die Arznei zu übermitteln ? Ich habe es dem Berthold zugesagt . Alpenrot Fronleichnam 1832 . Der Waldsänger ist nun auch verstummt . Sein ganzes Leben und Sterben ist angelegt wie ein rosenprangender Dornstrauch in der Wildnis . Ich habe seine wunderlichen Worte so gerne aufgeschrieben und bin gegen seine Sprüche ein paarmal ganz pharisäisch worden ! Als ob eine solche Einfalt freveln könnte ! Er hat eben Himmel und Erde vermengt , wie das jeder Dichter tut . Und Humor ist lange noch kein Frevel . - Nun lege ich in diesen Blättern sein Ende nieder . Der Kropfjodel hat auf der Breitsteinalm eine Hirtenhütte . Und in dieser Hirtenhütte hat er zur Sommerszeit zwei übermütige Söhne , welche die Rinder versorgen und zu ihrem Zeitvertreib allerhand Tollheiten begehen . In letzter Zeit hat sich der Rüpel bei ihnen aufgehalten und ihnen durch seine Lieder und Strohharfenspiele Spaß gemacht . Der Alte ist zeitweilig verwirrt und schwachsinnig gewesen . Und das ist den Jugen just ein rechtes Spielzeug . Allerwege ist der Alte der Bock , auf dem sie reiten ; und er läßt es nicht ungerne geschehen ; es freut ihn schier , daß er bei » Teppen « noch Anwert hat , sagt er , zu gescheuten Leuten tauge er nimmer . Des Abends ist der Rüpel stets in die Hütte gekommen , hat was zu essen erhalten und die Nachtruhe auf dem Heuboden . Da ist es eines frühen Morgens , daß der alte Rüpel vor der Hütte auf einem taufeuchten Stein sitzt . Er spielt auf der Strohharfe und wendet seine matten Augen empor gegen das Morgenglühen der Felsen . Gellt ihm jählings ein wüster Schrei in das Ohr . Er schrickt empor , da stehen die Jodelbuben neben ihm und lachen . Der Alte blickt sie gutherzig an und lächelt auch ein wenig . » Tust strohdreschen , Rüpel ? « frägt der Veit und deutet auf die sonderlichen Saiten . » Und schon so zeitig ! « sagt der Klaus . Der Alte wendet sich : » Ihr wisset das von der Morgenstund ? « Dann legt er die Hände an die Lippen und lispelt den Burschen vertraulich ins Ohr : » Sie hat Gold im Mund ! « » Geh ! « entgegnet der Klaus spottend , » du , da heißt sie sich ja die Zähn aus ! « - Die Hirten erheben über diesen ihren Einfall ein Lachen . » Da oben habt ihr ' s ja , das Gold , da oben ! « Der Alte deutet zitternd gegen die glühenden Wände . » Ja , du Rüpel , das ist wahr ! « sagt der Veit ernsthaft , das ist richtig Gold ; geh nur hinauf und schabe es herab . « Der Greis blickt befremdet drein . » Da kriegst du einen ganzen Korb voll Gold zusammen , und etwan mehr noch ! « sagt der Klaus , » da kannst du dir ein goldenes Schloß bauen und einen goldenen Tisch kaufen und einen goldenen Wein und eine goldene Harfe und eine goldene Frau ! « » Eine goldene Harfe ! « murmelt der Rüpel und seine Augen leuchten auf . Dann fährt er sich mit der Hand über die Stirne . - Er hat das vom goldenen Morgen zuerst selber gesagt , gleichnisweise . - Und jetzt sollte es wirklich so sein ? » Und das Zeug da gibst du des Grassteigers Esel in die Krippe ! « ruft der Veit . Bei diesem Spott auf seine Harfe soll es wie der Schatten einer Wolke über des Alten Antlitz gezogen sein . » Du , Veit ! « droht er , » mein Harfenspiel , das legt dir nichts vor dein Ziel . Das laß du in Ruh ! « Das Wort reizt den Burschen . » So spielt man auf dieser Harfe ! « ruft der Veit und fährt mit der Hand über die Saiten , daß es rauscht und alle Halme springen . Dann sind sie davongelaufen . Der Alte sitzt noch eine Weile und bewegt sich nicht . Er starrt auf die zerrissene Harfe , er wischt mit beiden Händen die Augen , er will sich aus dem Traume helfen ; er kann es nicht glauben , daß es wahrhaftig sei . Sein Alles und Einziges haben sie ihm zerstört - sein Saitenspiel . Erst als oben in den Felsen schon der helle Sonnenschein liegt , erhebt er sich . Den Astreifen mit dem Strohgewirre hat er sich umgehangen , zu den beleuchteten Wänden hat er emporgestarrt , und mit schweren Schritten ist er davongewankt , hinan gegen die Schroffen , über die der Wasserfall niederrieselt , im Sonnenleuchten zu sehen wie flüssiges Gold ... An dem Abende desselben Tages ist es , daß die beiden Hirten wieder lustig um den Herd ihrer Hütte wirten , wie sie es gewohnt . Sie kochen Mehlklößchen , welche sie » Fuchsen « nennen , da sie fuchsbraun geröstet sind . Die Herde ist von ihren Weiden geholt und in Sicherheit des Stalles gebracht . Lustig sind die Jodelbuben allerwege , aber zum Feierabend am lustigsten . Ist der alte Harfner in der Hütte , so necken sie diesen ; ist er nicht da , so necken sie sich selbander . Der Harfner ist heute noch nicht da , so hüpft der Klaus wie ein Affe dem Veit auf die Achseln , reitet auf dessen Nacken und ruft : » Esel , wer reitet ? « » Einer über dem andern . « So treiben sie es . Dann verzehren sie ihre Mehlfuchsen und mit dem Pfannenruß streichen sie sich Schnurrbärte an . Nach einem Schnurrbart geht ihr Sinn , und ein Mägdlein möchten sie küssen , weil das - nach dem Sprichwort - den Bartwuchs fördert . - Der alte Rüpel könnt ' aus seinem Bart Silbersaiten spinnen für die Harfe . Heute ist der Alte noch nicht da ; hat ihn etwan doch der Spaß am Morgen verdrossen ? - Die Burschen mögen davon nicht reden . Eine gelinde Reue verspüren sie , und ein Stück Mehlfuchs tun sie in eine Holzschüssel und tragen die Holzschüssel auf den Heuboden und stellen sie auf die Lagerstätte des Alten . Dabei faßt sie schon wieder der Schalk ; sie verrammeln das Lager mit Rechen und Heustangen . - Und nun wird der Alte kommen und sich die Rase anrennen und rechtschaffen brummen und zuletzt auf den Mehlfuchs stoßen . Und der Mehlfuchs wird ihn für alles versöhnen . Die Burschen haben in derselbigen Nacht prächtig geschlafen . Und als sie erwachen , sind in den Wandfugen schon die goldenen Saiten des Morgens gezogen . Das Lager des Alten aber und das Mehlgericht ist noch unversehrt und verrammelt mit Rechen und Heustangen . Der Klaus geht zu der Herde ; der Veit geht in das Freie . Und das ist heute wiederum eine Morgenfrühe ! Frisch und klar und tauig die Almen und Wälder , der Himmel reingeküßt von der Morgenluft . Und hoch auf den Zinnen des nahen Felsgewändes leuchtet die Sonne . Ein Vöglein wirbelt übermütig auf dem Giebel der Hütte , und der Brunnen plätschert emsig in den Trog . Der Veit geht zum Brunnen . Die Älpler waschen sich des Morgens Hände und Gesicht so gerne am kalten Quell . Das schwemmt alle Schläfrigkeit hinweg und macht Auge und Herz heiter - heiter wie der junge Tag . Veit kraut mit den Fingern emsig sein wirres Haar zurecht und hält die beiden Hände unter die sprudelnde Rinne . Wohl tut die rieselnde Kühle , Veit ! Aber da spinnt sich im Wässerlein heran ein blutroter Faden und er schwimmt und schlingelt und ringelt sich in der hohlen Hand . Erschrocken zieht der Bursch die Arme zurück und starrt in die Rinne , auf der ein zweites , drittes Fädchen und Fäserchen heranschwimmt , und er starrt in den Trog , wo die Fädchen und Fasern sich winden und einigen und teilen und lösen . Veit eilt in den Stall : » Klaus , komm ' , es sind heut ' so Dinger im Wasser ! « Klaus kommt und sieht und sagt halblaut : » Das ist Blut ! « » So ist da oben eine Gemse ins Bächl gestürzt , « versetzt Veit . » Aber , daß der Rüpel nicht da ist ! « sagt der Klaus , und ein wenig später setzt er bei : » der tät ' s leicht kennen , ob es Gemsenblut kann sein . « Der Veit ist blaß ; » Klaus , « sagt er , » steig ' mit hinauf in die Schlucht ! « Sie sind dem Wässerlein entlang gegangen ; es rieselt wieder klar . Tiefer und tiefer steigt die Sonne nieder an den stillen Felsen ; höher und höher und mit jedem Schritte hastiger steigen die beiden Burschen empor und zwängen sich durch enge Schluchten , wie sie das Wasser in wildem Wettertoben gerissen , oder in ruhigem Zeitlaufe gehöhlt hat . Die Burschen sagen kein Wort zu einander , sie winden sich durch taunasses Himbeergesträuche und Knieholz ; sie klettern an den schroffen Wänden hin ; sie hören ein Rauschen . Sie kommen der Stelle nahe , wo das Wasser wie ein Goldband über die sonnige Wand stürzt . » Da ist ein Strohhalm , « sagt der Klaus jählings . Es sind zwei aneinandergeknüpfte Halme . Und daneben liegt der Reifen aus Tannengeäste . An den Gestrüppen des Hanges hängt mancher Halm zerrissen und zerknittert , und darunter in der Tiefe des Grundes - In der Tiefe ist der alte Mann gelegen . Der Kopf ist zerschmettert ; in der linken Hand hält er starr gepreßt den Zweig eines Alpenrosenstrauches . Über die Rechte rieselt das Wasser . So haben sie ihn gefunden . Wer kann es sagen , wie der alte Mann verunglückt ist ? Etwan hat er da oben nach dem Golde des Alpenglühens gefahndet , auf daß er sich eine neue , goldene Harfe erwerbe . Und da ist der mühselige Greis gestürzt . Noch im Fallen hat er sich halten wollen am Rosenstrauche , dessen Zweig mit einem glühenden Röslein ihm in der Hand geblieben . - Und das ist des Waldsängers Ende . An diesem Fronleichnamsfeste haben wir ihn in die Erde gelegt . Gar viel Leute sind nicht dabei gewesen . Aber die Waldvögel auf den Wipfeln des Schachens haben ihrem Sangesbruder ein helles Schlummerlied gesungen . So arm hat keiner geschienen in den Winkelwäldern als dieser Mann , und so reich ist keiner gewesen . Das allwaltende , allumfassende und unfaßbare heilige Sängertum des Volkes hat in diesem Manne seine Verkörperung gefunden . Auf Vater Paulus ' Grab steht ein Kreuz aus dem Holze einer uralten Tanne . Auf des Sängers Hügel pflanze ich einen jungen Baum . Juli 1832 . Mit den Jodelbuben haben wir ein Elend . Sie wollen oben in der Almhütte nicht mehr bleiben ; sie sollen in den Nächten immer Klopfen und Stöhnen auf dem Heuboden vernehmen . Mitten im Sommer muß der Kropfjodel abtreiben und die Hütte sperren . Der Veit will sich an keiner Quelle mehr waschen . Er sieht in jedem Brunnen Blutstropfen , die sich anklagend an seine Hand wollen legen , an dieselbe übermütige Hand , welche die Harfe des Alten zerbrochen . Im Herbst 1834 . Die Schule ist auf einige Wochen geschlossen . Die Kinder helfen bei der Ernte ; diese ist spät reif geworden und muß nun noch vor dem Frost gewonnen werden . Oben auf den Felsenhöhen gibt es schon Schneestürme . Ich hätte doch wieder einmal hinaufsteigen mögen auf den hohen Berg , auf daß ich könnte hinausblicken . Ich lebe gar so vereinsamt in mich hinein . Die Alten sind mir weggestorben ; die Jungen habe ich erzogen , aber nicht zu meinen Genossen . Ich bin ihr Schulmeister . Den Schulmeister lassen sie in Frieden ziehen , und wenn er , alt und grau , auf seinem einschichtigen Bänklein sitzt , so werden sie meinen , ein Schulmeister müsse so sitzen . Der neue Pfarrer ist ein junger Mann , der schickt sich besser für sie ; der tut mit im Wirtshaus und auf der Kegelbahn . Als er sich letztlich aus der Kreisstadt das neue Meßbuch verschrieben , hat er auch Spielkarten kommen lassen . Der Lazarus und sein Weib , die Juliana , sind Besitzer des Grassteigerhofes ; sie setzen das Wirtshaus fort , handeln mit Tabak und allerhand Kleinigkeiten . Gar ausländische Kleiderstoffe sind bei dem Grassteiger zu haben . Es gibt Leute in der Gemeinde , die nicht mehr mit den Loden- und Zwilchjacken vorliebnehmen , die was Besonderes am Leibe haben wollen ; so zum Probieren , sagen sie heute noch . Aber ich achte , es ist Untreue ! Manchmal durchstreifen , wie voreh , Häscher unsere Gegend , um Schwärzer und Soldatenflüchtlinge einzufangen . Sommer 1835 . Ich erzähle die Dinge wieder nur meinen geduldigen Blättern ; sie bewahren die Geschehnisse länger in Erinnerung , als ich und ganz Winkelsteg . Es ist mir wie eine Pflicht geworden , unsere Schicksale aufzuzeichnen . Dereinst werden andere Menschen sein ; sie sollen auch von uns wissen . Zuweilen kommt Hagel und großes Wasser und vernichtet die Ernten und schleudert die strebsamen Ackerbauwirte in der Entwicklung ihres Wohlstandes auf Jahre zurück . So auch wieder in diesem Jahre . Die Leute dörren nun das Stroh , bringen es in die Mühle - es sind deren ein halb Dutzend im Tale - und das wird Brot für den Winter sein . In meinem Leben ist kein Wettersturm und kein Sonnenschein . Aber ich will mein Frühjahr und meinen Sommer haben , und jetzt habe ich zu meiner Wanduhr eine Vorrichtung gemacht . Die Metallschelle des Schlagwerkes habe ich weggetan und dafür aus zwei Blättchen und einer Feder ein Ding zusammengetan , das zu jeder Stunde den Wachtelschlag nachahmt . Hier in der Gegend hört man die Wachtel kaum alle drei Jahre einmal ; aber in meiner Stube bleibt es nunmehr Sommer zu allen Jahreszeiten . Die Kinder und ich haben eine rechte Freude daran . Da draußen im Holdenschlager Graben , durch den jetzt eine neugebaute Straße zieht , dort , wo die Winkelsteger Gemeinde begrenzt ist , haben unsere Bauern ein Wetterkreuz setzen lassen . Es hat drei Querbalken , an denen die bildlichen Leidenswerkzeuge des Herrn ragen . Das Kreuz wird als Schutz gegen böse Wetter hoch verehrt . Der uralte Schwamelfuchs aber meint , dasselbe sei mehr schädlich als nützlich ; es lasse die bösen Wetter , die ja alle vom Zahn herabkämen , nicht weiter , und so müsse es sich über Winkelsteg entleeren . Auf die Meinung des Schwamelfuchs hin haben die Bauern das Wetterkreuz richtig niederreißen lassen . Hingegen haben nahe an derselben Stelle die Holdenschlager ein ganz ähnliches aufgestellt , auf daß die Gewitter hier gebannt und nicht hinaus auf ihre Felder gelangen können . Jetzt sind die Winkelsteger in doppelter Verlegenheit und ich , ihr Lehrer , mit ihnen . Schulhalten und nichts als Schulhalten , und die Hirngespinste unter diesen Filzhüten sind nicht umzubringen . Schulhalten ! Es ist viel , und dennoch ist es ein tatenloses Leben . Wie ist das anders gewesen zur Zeit , als wir die Gemeinde erweckt haben ! - Es gäbe auch heute noch genug und übergenug zu schaffen und zu erschaffen ; aber der alte Pfarrer ist gestorben , der neue schiebt mich beiseite und soll letzthin gesagt haben , es gäbe Wichtigeres zu tun , als was so ein Abc-Jäger plane . Ich bin so alt noch nicht und täte noch arbeiten . Ein paar Stunden schulhalten , Schreibbogen linieren , Federn und ein saures Gesicht schneiden , ein wenig Brennholz klieben und die paar Geschäftchen in der Kirche , das macht meinen Kopf leer und meine Zeit nicht voll . Der Schlaf ist bald satt , und wenn ich , bis die lange Nacht vergeht , im Bette müßig liege , so ist das noch das Allerschlechteste . Da kommen mir Gedanken zum Närrischwerden - alte Zeiten - blütenzarte Gesichter und totenblasse - ja zum Närrischwerden . Und dann höre ich eine Stimme : ich hätte meinen Weg verfehlt , könnte in Glanz leben und sehr glücklich sein ... Aufspringe ich vom Lager , die Geige reiße ich von der Wand und hebe an zu scharren an den Saiten , auf daß ich die Gespenster wieder verscheuche . Und die Saiten , die wissen mir besseren Trost ; sie flüstern , ich möge zufrieden sein , ich hätte das Glück gehabt , ersprießlich für die Menschen zu arbeiten , ich hätte den Hang , stets der Vollkommenheit meines eigenen Wesens zuzustreben , ich hätte die Herrlichkeit der Schöpfung um mich , ich hätte die Geister großer Menschen in meinen Büchern versammelt . Ich würde noch manches nach meinen Kräften wirken und dereinst mit Befriedigung die Augen schließen . Ich habe mir wieder , wie seiner Tage einmal , aber ernstlicher vorgenommen , in meinen freien Stunden des Sommers mich mit der Pflanzenwelt abzugeben , sie wissenschaftlich zu zerlegen und zu betrachten . Aber wie geht es mir dabei ? Da