desto ernsthafter blieb mein Bewerber . » Wollen Sie nur den Gatten , nicht auch den Vater in Anschlag bringen ? « fragte er . » Ich habe Söhne - - « » Die eher Frauen als eine Mutter brauchen würden , « unterbrach ich ihn . » Warum sagen Sie nicht einfach : Adoptieren Sie meine Jungen und machen Sie sie zu Ihren Erben ? « » Einfach , weil diese Einsetzung meinen Wünschen nicht dienen oder nur zur Hälfte dienen würde , « antwortete der Graf gelassen . » Ich bin gewiß der erste , das Ansehen zu würdigen , das meinen Nachkommen aus dem Namen und Erbe der Reckenburg erwachsen würde ; aber näher als der Glanz der Zukunft liegt mir das Bedürfnis der Gegenwart . Sie trauen mir den Takt zu , Gnädigste , daß ich diesem Bedürfnis nicht eine gefühlvolle Einkleidung geben werde . Das Leben meines Herzens ist abgetan , und die Eitelkeit , das des Ihrigen zu erwecken , liegt mir fern . Aber Freunde können wir einander sein ; Rater und Helfer Sie mir , wie ich Ihnen : ein offenbares Bedürfnis uns gegenseitig befriedigen . Sie , Fräulein von Reckenburg , stehen vor einem wohlgelungenen Werke , dessen mechanische Erhaltung Ihnen nicht genügt . Sie sind keine beschauliche Natur , bedürfen von Stunde zu Stunde der selbsterrungenen Erfolge . Sie sehen sich allein und suchen unter Fremden nach einem , der einen ehrwürdigen Namen und eine bedeutende Bestimmung von Geschlecht zu Geschlecht tragen würde . Nun , eine neue organisatorische Wirksamkeit und einen Abschluß für die Zukunft , das ist es , was ich Ihnen zu bieten habe , indem ich Ihnen sage : Ziehen Sie sich selber aus reinem , kräftigem Stamm die Sprossen , die Sie dem absterbenden Baume der Reckenburg animpfen wollen . Ich dahingegen - nun , Sie kennen mich , Sie wissen , was ich im allgemeinen Gebiete leiste und im eigensten versäume . Das Leben auf meinen Gütern stagniert , und das meiner Söhne treibt wilde Schößlinge . Ich sehe es mit der Unruhe des Vaters und Stammhalters , sehe es - und vermag es nicht zu ändern , nicht die weiter tragenden Entwürfe , den Ehrgeiz , wenn Sie so wollen , zu beschränken . Ich bin nicht der erste Mann , der sein Haus gegen seinen Beruf zurücksetzt ; jeder Staatsdiener größeren Stiles tut es , muß es tun . Lassen Sie mich hinzufügen , daß ich mich im Augenblicke dringender denn je in diesem Zwiespalt der Pflichten befangen sehe . Das Oberpräsidium der Provinz , das mir angetragen worden ist - als Durchgangsposten zu einem höheren , ich weiß es - , würde mich dauernd aus dieser Gegend entfernen ; aufrichtiger : es wird mich entfernen , denn ich kenne zum voraus meine schließliche Entscheidung , und die Frage ist nur , ob ich mit leichtem oder schwerem Herzen scheiden soll . « Er machte eine Pause . Auch ich schwieg . Dann fuhr er fort : » Legen wir unsere Hände ineinander , Verehrteste . Es ist ein Vertrauen , wie es Ihnen nicht reiner geboten werden kann . Sie fügen zu der unbeschränkten Verwaltung Ihres Besitztums die des meinigen nach freiem Ermessen . Die Aufgabe ist nicht zu groß für Sie . Sie werden , wie dem Vater die Statthalterin und Gehilfin , so den Söhnen die leitende Freundin , der sie so dringend bedürfen . Wie keine zweite sind Sie die Frau , welche Knaben den Vater zu ergänzen und allenfalls zu ersetzen vermag . Sie sind streng und wachsam , und Sie werden gerecht sein , weil Sie die Anlagen des Mannes nach den eigenen messen dürfen . Mein ältester Sohn würde die Militärschule verlassen und sich unter Ihrem erweckenden Einfluß zum Landwirt und Majoratserben ausbilden . Sie würden für die jüngeren die Lebensstellung ausfindig machen , welche , bei beschränkteren äußeren Mitteln , ihren Anlagen entspricht , und wenn es dem Vater , mit beruhigtem Gewissen , gelingt , seine Bestrebungen für das Vaterland durchzuführen , so wird das Gute , das er wirkt und genießt , in dem Buche Ihrer Segnungen verzeichnet stehen . « Nun , da sah ich einen Turmplan für mein Haus ! Da hatte ich ja einen Familienzusammenhang bei ungestörter Freiheit für mich selbst , eine Tätigkeit , der gemäß , an welcher sich meine Kräfte erprobt hatten , und eine zweite in den Kauf , an der sich neue Kräfte erproben konnten , erproben würden , wie ich mir zutrauen durfte . Denn wenn ich auch schwerlich die Stütze gewesen wäre , an welcher ein schwächliches Pflänzlein sich in die Höhe rankt , zu rauh für eine Töchtermutter vielleicht ; Zucht und Schnitt verwilderter Schößlinge , die hatte ich an meiner Bauernschaft üben gelernt und hätte sie wohl auch an einer feineren Rasse bewähren lernen . Der Mann hatte recht ; ich war eine Vormünderin , eine Stiefmutter für Knaben . Warum zögerte ich denn noch , warum sagte ich denn nicht ja und Amen zu dem guten Wort . War die einsame Gewöhnung denn so mächtig in der Eremitin des neuen Turms ? Achtete sie die Welt so hoch , deren drastischen Humor eine Altjungfernheirat zu erwecken pflegt ? Oder gab sie der Flüsterstimme Gehör , die in ihrem Innersten warnte : » Es ist nicht , was du brauchst . Du wirst fertig damit , aber du wirst nicht fertig mit dir selbst ! « Spürte sie einen heimlichen , noch unverstandenen Protest gegen eine neue männliche Aufgabe , während das Weib nach seinem verkümmerten Rechte drängte ? Ich forderte Zeit zur Überlegung , und es vergingen Wochen , in denen ich den Grafen nicht wiedersah . Wochen der Unentschlossenheit , wie ich sie niemals erfahren hatte . Endlich aber konnte eine Entscheidung nicht länger verzögert werden . Denn es nahte der Geburtstag des Königs , an welchem nach einer zehnjährigen Regel das größte Gastgebot auf der Reckenburg erlassen wurde . Der gesamte Pomp des reichen Hauses entfaltete sich bei dieser Gelegenheit , selbst die altgräflichen Juwelen der Ahnen mußten für die festlichen Stunden den Glanz ihrer Erbin erhöhen . Selbstverständlich , daß der Graf zu den Geladenen gehörte . Ich erwartete die Erneuerung seines Antrages . Die Vernunft hatte gesiegt : ich war entschlossen , ja zu sagen . Sooft der 3. August in dieser Weise auf Reckenburg schon verherrlicht worden , es war mir nicht ein einziges Mal eingefallen , daß vor ferner , ferner Zeit im Morgengrauen dieses Tages ich einen ewigen Abschied genommen und das Traumbild meiner Jugend hatte schwinden sehen . Heute , im fünfzigsten Jahre , sollte der dritte August nun mein Verlobungstag werden . Zwölftes Kapitel Mutter und Sohn Das war ein saures Mahl , mein Freund ! Bei dem Toast , den ich auf Seine Majestät den König ausbrachte , blieb ich stecken ; jede Redensart , die ich anstandshalber wechselte , verfing sich in meiner Kehle mit dem Ja , das ich nicht auszusprechen vermochte und doch nicht unausgesprochen lassen wollte . Ein Glück , daß man an die Feste auf der Reckenburg keinen Anspruch als den der vornehmen Langeweile zu stellen gewohnt war . Nach der Tafel zerstreute sich die Gesellschaft im Garten . Ich war allein mit dem Grafen auf der Terrasse geblieben . Er hatte mir schon vor dem Essen gesagt , daß seine Ernennung eingetroffen , eine Entscheidung demnach nicht länger zu verzögern sei . Ich hatte den letzten Kampf bestanden , ein einleitendes Wort tapfer herausgepreßt , und eben wollte ich meine Hand in die seine legen , als ich eine bierbassige Stimme zu meinen Füßen den Namen » Hardine « rufen hörte . Ihr seid , wenn auch in früher Jugend , Zeugen der nun folgenden Szene gewesen , meine Freunde , habt sie ohne Zweifel späterhin manchmal rekapitulieren hören . Ich brauche Euch also nur über die Vorgänge in meinem Innern , die eine so verdächtigende Wirkung hervorbrachten , aufzuklären . Im entscheidenden Momente unterbrochen , blickte ich auf und gewahrte einen jungen , rüstigen Mann , die Glut des Trunkenbolds auf dem Gesicht ; zu jeder Zeit mir die widerwärtigste Begegnung , bei dieser Gelegenheit aber doppelt ein Greuel . Unter wüsten , mir kaum verständlichen Reden stieg er die Stufen heran , ein Fuseldunst quoll mir entgegen : mit der Hand , die ich eben zu einem Verlöbnis ausgestreckt hatte , wehrte ich den dreisten Gesellen von mir ab . Er taumelte , stürzte , und eine Blutspur am Boden trieb mich an , ihn genauer ins Auge zu fassen . Jetzt erst bemerkte ich die verwitterte Uniform , das kriegerische Zeichen des Legionärs , den verkrüppelten Arm ; ich starrte in die narbigen Züge , und eine erschütternde Ahnung überkam mich . Wie er nun aber plötzlich ernüchtert , mir mit geballter Faust und drohendem Trotze gegenübertrat , da weckte das stolze Zurückwerfen des Kopfes , der zornig flammende Blick des blauen Auges in meiner Erinnerung ein lange schlummerndes Bild ; seltsamerweise aber nicht zuerst das des Sohnes , der sich einen Tod auf dem Schlachtfelde gewünscht , sondern das des Vaters , der ihn so früh auf demselben gefunden hatte . Prinz August , nicht August Müller , war plötzlich vor mir lebendig geworden . Die Vision währte nur einen Augenblick . Bei den ersten Worten von Vater und Kind hatte ich mir ihre seltsame Begriffsverwirrung erklärt ; durfte ich aber , konnte ich vor dieser gaffenden Gesellschaft den Irrtum lösen ? Ehe ich noch einen Entschluß gefaßt , hatte sich der Mann zum Gehen gewendet ; ich sah einen aschfarbigen Schatten über seine Züge fliegen , ihn sich zitternd an das Laubengitter klammern ; ich winkte dem Prediger , ihn zu unterstützen , auch der Graf eilte ihm nach in merklicher Verblüffung , bald waren sie in dem Laubengange verschwunden . Ich war nicht in der Stimmung , mich mit meinen Gästen in Erläuterungen einzulassen ; wir beknicksten uns wohl noch später im Schlosse , und entfernten sie sich ohne Abschied : desto besser . Daß einer von ihnen im Ernst an die Bezichtigungen des Fremden glauben könne , kam mir nicht in den Sinn . Ich suchte die Stille meines Zimmers . In Wahrheit , ich fühlte mich tief bewegt . War doch , wie durch einen Zauber , ein lange vergangenes , vergessenes Leben vor mir aufgerüttelt , in dem Augenblicke , wo ich über den Rest desselben zu verfügen im Begriffe stand ! Dazu der verwahrloste Zustand des Mannes und seines Kindes , die Täuschung , der er sich hingegeben und deren Berechtigung sein und mein alter Freund mir warnend vorausgekündigt hatte . So sollte ich diesem Freunde nach einem Menschenalter doch noch seine vielverspottete Fürsorge danken lernen . Während ich nach August Müllers Taufzeugnis in meinen Papieren kramte , zweifelte ich nicht an meinem Recht , den betörten Mann über seine Herkunft aufzuklären . Ich zeigte ihm , so meinte ich , das Attest , verschwieg den Namen des Vaters , wie das fernere Schicksal der Mutter , und wenn ich für ein schickliches Unterkommen von Vater wie Tochter Sorge trug und ihre Zukunft sicherstellte , war der Handel abgemacht . Eben hatte ich nach langem Suchen das Zeugnis gefunden , als der Prediger mit dem Grafen bei mir eintrat . Der letztere in einer Aufregung , die mich an dem gehaltenen Manne unangenehm befremdete . » Er liegt im Wirtshause und simuliert eine Krankheit , « rief er mir hastig entgegen . » Er ist krank , Herr Graf , « widersprach der Prediger , » das Fieber schüttelt ihn . « - » Ein Katzenjammer , wenn nicht das Delirium des Trunkenbolds ! « entgegnete der Graf . » Ein Glück , daß ich heute noch Landrat des Kreises heiße und ihm seine Papiere abnehmen durfte . Lesen Sie , Fräulein von Reckenburg ! « Er übergab mir bei diesen Worten jene mehrerwähnten schriftlichen Kindheitserinnerungen August Müllers , und erging sich , während ich die Blätter überflog , mit zornigen Worten über das Wirrsal von Verleumdungen , welche sich seit dem Morgen in der Gemeinde verbreitet hatten und über Nacht in der Umgegend verbreiten mußten . » Ich werde « , so schloß er , » den Vagabunden unverweilt in das städtische Krankenhaus und nach seiner Herstellung mittels Zwangspasses über die Grenze transportieren lassen . Der kürzeste Weg , das Gerede abzuschneiden . Der Mensch ist verrückt oder ein Betrüger erster Sorte . « » Er ist keines von beiden , « versetzte ich ruhig , indem ich die Handschrift nebst den beiliegenden Attesten in meinem Schreibtische verschloß . » August Müllers Erinnerungen sind richtig , und der Schluß , den er irrtümlich daraus gezogen hat , mag durch sein Elend entschuldigt werden . Er ist ein Eingeborener von Reckenburg , und wir haben die Pflicht , ihn innerhalb der Gemeinde zu verpflegen . « - Ich klingelte bei diesen Worten und befahl dem eintretenden Diener , den Hausarzt aufzusuchen und den Kranken im Wirtshause anständig versorgen zu lassen . » Eine Gnade , die Ihnen bittere Früchte tragen wird , « sagte der Graf , wie mich dünkte , mit Hohn . » Die erste ihrer Art , auf die man sich in Reckenburg wird berufen können . « Die erste Wohltat an einem Fremdling in Reckenburg ! Die Lehre , so wenig sie in diesem Sinne gemeint war , würde schneidend gewesen sein , hätte ich auf den Ruhm einer barmherzigen Schwester überhaupt etwas gegeben , oder hätte ich wenigstens sie bei ruhigem Blute aufgefaßt . Aber des Grafen Verstimmung hatte mich angesteckt . Ich trug in mir einen wunden Fleck , dessen Berührung ich einst meinem ersten Freunde schwer vergeben hatte , und die ich meinem letzten Freunde nimmer vergeben haben würde . Um drohenden , weiterführenden Auslassungen wenigstens den Zeugen zu ersparen , bat ich den Prediger , mit dem Doktor Rücksprache zu nehmen und , falls er die Verpflegung des Kranken im Wirtshause nicht genügend fände , seine Übersiedelung nach dem Schlosse anzuordnen . Sobald ich mit dem Grafen allein war , sagte ich : » Wollen Sie mir , Graf , die bitteren Früchte nicht etwas näher bezeichnen , die mir , nach Ihrem Dafürhalten , aus der Verpflegung eines Fremden erwachsen sollen ? « - » Ja , aber welches Fremden ? « rief der Graf achselzuckend . » Nach seiner öffentlichen Anklage und dem Zugeständnis , welches Sie eben gemacht - - « » Sie meinen das Zugeständnis , ein verwaistes Kind in einer Anstalt untergebracht zu haben ? « fragte ich . » Haben Sie ein Zeugnis über den Ursprung dieses Kindes aufzuweisen ? « fragte der Graf dagegen . » Ich denke , mein Wort genügt , « entgegnete ich , indem ich den Taufschein , den ich noch in der Hand hielt , zerknitterte . » So sprechen Sie dieses Wort . Nennen Sie den Namen der Eltern , der in dem Anstaltszeugnis so geflissentlich verschwiegen scheint . « » Und wenn ich ihn ebenso geflissentlich auch fernerhin verschweigen wollte ? « » So würden Sie vor sich selber den Unglimpf eines bis heute makellosen Rufes zu vertreten haben . « Bis dahin hatte ich meine Standhaftigkeit behauptet ; nun hielt ich mich nicht länger . » Sie sprechen damit aus , daß ich ein eigenes Kind - - « » Nicht von mir ist die Rede , « unterbrach mich der Graf , jetzt so ruhig , als ich das Gegenteil war . » Die Welt urteilt nach dem Schein , und mir als Beamten und Ihrem Freunde steht es zu , diesem bösen Schein entgegenzutreten . Darum frage ich Sie noch einmal : können , wollen Sie mir ein Zeugnis über den Ursprung dieses Mannes geben ? « » Nein ! « sagte ich . » Ob ich es nicht geben kann , oder es nicht geben will , gleichviel . Ich bedarf keiner Freunde , die ein fremdes Zeugnis für meine Ehrenhaftigkeit nötig halten ; und von dem Beamten , der das Recht meines Heimatsgenossen nicht gelten lassen will , erwarte ich , daß er den Gast meines Hauses respektieren werde . « Damit verließ ich ihn . Ich wußte , daß ich die offene Tür meines Hochzeitssaales zugeschlagen hatte , und fühlte es wie einen Stein von meiner Seele fallen . Bei alledem bebte ich vor innerer Entrüstung . Dorothee lebte , und ich hatte kein Recht , ihr Geheimnis preiszugeben . Hätte sie selber aber dieses Geheimnis zu meiner Rechtfertigung enthüllen wollen , ich würde das Wort auf ihren Lippen zurückgehalten haben . Die Leidenschaft hatte meine Auffassung plötzlich geklärt : nicht ich , die Mutter hatte über das Schicksal ihres Sohnes zu entscheiden . Noch in der Nacht reiste ich mit den Kurierpferden nach Berlin . Ich reiste ohne Dienerschaft , weil mir , ebenso um der Menschen willen , denen ich zueilte , wie für meine eigene Person , ein Ausspionieren und Ausdeuten meiner Schritte widerstand . Bei einbrechendem Abend erreichte ich mein Ziel und begab mich , ohne erst ein Hotel zu suchen , vom Posthause zu Fuße nach der Faberschen Wohnung , die mir jedes Kind zu bezeichnen wußte . Gelang es mir , Dorothee noch diesen Abend ohne Zeugen zu sprechen , so war meine Aufgabe erledigt , und ich reiste unerkannt noch in der Nacht nach Reckenburg zurück . Der Zustand des Kranken beunruhigte mich . Der Arzt , den ich vor meiner Abreise gesprochen und der einer Übersiedelung nach dem Schlosse widerraten , hatte ihn für eine Lungenentzündung erklärt , Folge schlecht geheilter Brustwunden , und bei der Gewöhnung an starke Getränke doppelt bedrohlich . Auch ahnte ich , nach langem Stillstand , wieder so eine Art Krisis in meinem Leben , die ich jedenfalls auf meinem Posten erwarten wollte . Wenn man solch eine Lebensgeschichte durchblättert , in welcher bloß die Hauptaktionen Schlag auf Schlag in hinlänglicher Breite geschildert werden , während man die dazwischenliegende Ausfüllung , die still umwandelnde Arbeit der Zeit nur oberflächlich streift , da denkt man sich leicht die Personen unverändert in dem innerlichen Verhältnis , in welchem sie bei der letzten Szene zueinander gestanden haben . Und so könntet auch Ihr , junge lebhafte Menschen , wohl wähnen , daß ich den alten Bekannten mit den alten , leidenschaftlichen Empfindungen oder mit dem Herzklopfen der Schuld entgegenging . Aber siebenundzwanzig Jahre waren vergangen , seit ich Dorotheens Heirat erfuhr , wie manches Menschenleben spinnt sich in diesem Zeitraume ab , von der Wiege bis zum Grabe ! Und wenn ich in demselben auch keiner hervortretenden gemütlichen Wendepunkte zu erwähnen hatte : eine gänzlich veränderte Lebensstellung , eine große , stark empfundene Weltepoche , Nachdenken und umfassende Tätigkeit hatten mich zu einer anderen , die Menschen von einst mir zu Fremden gemacht . Ich würde heute Siegmund Faber ohne Verlegenheit gegenübergetreten sein und ihm erforderlichenfalls Rede gestanden , mit Dorotheen aber die Lage der Dinge gelassen , unter Berücksichtigung ihrer Natur und Stellung , besprochen haben . Ja , wie ich so im Abenddunkel die Flucht der Straßen entlang schritt , da kam mir wiederholt der Zweifel , ob meine erste Entscheidung über das Schicksal ihres Sohnes nicht die richtige gewesen sei : ob der Totgewähnte nicht ein Toter für sie hätte bleiben sollen ? Indessen der Affekt hatte mich einmal zu dieser Erweckung des Mutterherzens getrieben , und wir sind ja so leicht geneigt , hinter derlei persönlichen Eingebungen eine ahnungsvolle Fügung vorauszusetzen . Jedenfalls konnte die Stimmung für meine Botschaft geprüft und eine fernere Maßregel mir überlassen bleiben . Als ich mich dem Faberschen Hause näherte , fand ich das Straßenpflaster mit Stroh belegt , und bemerkte , daß die Vorübergehenden gruppenweise zusammentraten oder mit Neugier nach dem matterleuchteten ersten Stockwerk deuteten . Auch einige unzusammenhängende Bemerkungen fing ich im Vorübergehen auf . » Hier aus diesem Fenster ! - Der Mann kam dazu , der arme Mann ! « Die Haustür war unverschlossen , die Treppe leer , aber dicht mit Teppichen belegt ; alles still . Erst am Ausgange derselben harrte ein zurechtweisender Diener , und im Korridor ließ sich ein leises , geschäftiges , ängstliches Treiben beobachten . » Sie ist krank und nicht zu sprechen , « lautete die Antwort auf meine Bitte , der Frau Geheimrätin gemeldet zu werden . » Auch nicht für eine durchreisende alte Bekannte ? « » Für niemand . « » Auch morgen nicht ? « » Auch morgen nicht , « beschied der Diener , erbot sich aber , mich dem Geheimrat zu melden . Ich schwankte einen Augenblick . Der Zweck meiner Reise war verfehlt , doch hätte ich gerne über den Zustand der Kranken nähere Auskunft gehabt , die mir die sichtlich aufgeregte Dienerschaft nicht geben konnte oder wollte . Ich entschied mich indessen , den Herrn so spät am Tage nicht stören , hingegen morgen noch einmal vorfragen zu wollen , gab meine Karte ab und war im Begriff , mich zu entfernen , als ein Türvorhang mir gegenüber auseinandergeschlagen ward und Siegmund Faber mit rascher Bewegung mir entgegentrat . Fünfunddreißig Jahre hatte ich ihn nicht gesehen , und ein fremdartiger Ausdruck von Pein und Weh war seinen Zügen aufgeprägt ; dennoch würde ich , auch an jedem anderen Orte , ihn auf den ersten Blick erkannt haben . Und auch seine ausgestreckte Hand deutete an , daß er ohne Besinnen in der Matrone , die ihm unerwartet gegenüberstand , das fünfzehnjährige Mädchen wiedergefunden hatte . Der Lauf der Zeit hatte in ihm wie mir keine entfremdenden Spuren zurückgelassen ; wir waren , wie man es nennt , organisch alt geworden ; ein Vorrecht derer , die nur schwach mit dem Herzen leben . Ich folgte seinem stummen Winke in das eigene Zimmer . » Eine jammervolle Stunde , Fräulein Hardine , in der Sie mein Haus zum erstenmal betreten ! « sagte er , indem er meine Hand mit tiefer Bewegung drückte . » Hoffen Sie noch , Faber ? « fragte ich , zum voraus hoffnungslos . Er aber antwortete : » Hoffen ? Ja , ich hoffe , aber nicht auf das Leben . « Und als ich leise das Wort » Hirnfieber « nannte , da sagte er : » Wenn dem so wäre , Sie würden mich weniger ratlos finden . Nein , kein Fieber - - « Ich schnitt seine Erklärung mit einer hastigen Bewegung ab ; der Schauder in seinem Blicke hatte meine Ahnung bestätigt . Ich gedachte der Stunde , wo Dorothee mir diesen Ausgang angedeutet hatte . Wir standen eine Weile schweigend und lauschten auf die markerschütternden Töne , die aus dem Nebenzimmer drangen . » Störe ich Sie ? « fragte ich endlich . » Leider nein ! « antwortete er . » Nach außen fehlt mir die Ruhe , und da , wo ich Tag und Nacht nicht weichen möchte , darf ich nur ein verstohlener Zeuge sein . Die Unglückliche , so scheint es , sieht in mir nur den Arzt , vor dem sie sich allezeit gescheut , nicht den trostlosen Gatten , dem sie bis zum äußersten ihre Qual liebreich verheimlicht hat . « » Und wann trat dieses Äußerste ein ? « fragte ich weiter . » Das Äußerste erst gestern , « versetzte er . » Seiner Natur nach ist es ein heimtückischer , schleichender Zustand , der vielleicht schon vor unserer Vereinigung begonnen hat . Alles in allem : ein Rätsel . « Ich schwieg mit gesenktem Blick . Ich allein hätte ihm ja den Schlüssel zu diesem Rätsel reichen können . Er lud mich darauf zum Niedersitzen ein , nahm an meiner Seite Platz und schilderte mir jenen erstarrenden Krampf , der seit dem Hochzeitstage von Zeit zu Zeit das blühende Geschöpf überfallen habe . » Bisweilen « , sagte er , » konnte ich die Krise stundenlang voraussehen . Sie war beklemmt , unruhig , trat wiederholt mit über der Brust gekreuzten Händen auf mich zu , eine Gebärde , durch welche sie schon als Kind eine Bitte so unwiderstehlich auszudrücken verstand , sie sah mit einem herzzerreißenden Blicke zu mir in die Höhe , vermochte nicht zu reden und kämpfte so fort , bis sie erstarrt , mit stockendem Puls , aber völligem Bewußtsein , zu Boden sank . Da der Zustand jedoch nur selten eintrat , rasch vorüberging und keine gesundheitliche Störung hinterließ , nahm ich ihn als eine jener unverfänglichen nervösen Affektionen , denen Frauen in kaum berechenbarer Weise unterworfen sind . Ich suchte seinen Grund in der jahrelangen Spannung des Brautstandes , in dem dann allzu plötzlichen Wechsel aller Lebensverhältnisse , unter denen sie nur allmählich in Ruhe und Stille heimisch werden könne . Ich schonte sie , schonte sie vielleicht zu sehr . Ich verfiel in den Irrtum vieler Ärzte , die das körperliche Leben ihrer Angehörigen nach den bedenklichen Erfahrungen ihres Berufes und das seelische nach ihren eigenen Bedürfnissen beurteilen . Weil mir nach einem abspannenden Tagewerk eine Pause des Ausruhens Wohltat war ; weil ich nichts verlangte , als das holdselige Geschöpf , still und vergoldend gleich einem Sonnenstrahl , die Schatten meines Berufslebens streifen zu sehen : in meinem selbstsüchtigen Behagen übersah ich ihr unausgefülltes Einerlei , vergaß den Widerspruch mit ihrer ursprünglich bewegsamen Natur , vergaß ihn um so leichter , als sie selber niemals klagte , nach nichts verlangte , immer versicherte , wohl zu sein , und keine Spur des Hinwelkens ihre Worte Lügen strafte . Sie war und blieb ein blühendes , liebliches Kind , Fräulein Hardine , ein Engel der Demut ; Dorothee , meine Gottesgabe , mein Sonnenstrahl ! « Der Mann verbarg das Gesicht hinter seinen Händen , ich hörte ein krampfhaftes Schluchzen : lange vermochte er nicht weiter zu reden , und als er endlich von neuem begann , geschah es mehr zu sich selbst als zu mir . » Die unterdrückte Natur rächt sich allemal - allemal ! - wenn ich sie hätte reisen lassen - ihr Zerstreuung und Umgang gesucht - Licht und Luft um sie geschaffen in der weiten Einöde der Stadt : nichts , nichts habe ich für sie getan ; mich an ihrem Anblick erquickt , Egoist , der ich war , und nun so grausam bestraft ! « Eine neue Pause folgte . Nachdem er sich gesammelt hatte , fuhr er rasch , gleichsam geschäftsmäßig fort : » Unter den erschütternden Ereignissen des Herbstes 1806 hatte ihr Leiden sich gesteigert . Als ich bei meiner Rückkehr von der Armee unerwartet bei ihr eintrat , umfing ich minutenlang eine Leiche . Der Zustand kehrte seitdem öfter wieder , dauerte länger , man möchte sagen , er wuchs mit den Qualen und Enttäuschungen des Vaterlandes . Im Sommer 1809 , als Schlag um Schlag das Scheitern Schills und Braunschweigs , die Niederlage Österreichs bekannt wurden , schien er seinen Höhepunkt erreicht zu haben . Dann trat eine Pause ein ; die Stille der Resignation , um unter den Opfern der Erhebungszeit von neuem aufzuwachen . Ich war der Armee gefolgt und hörte später erst von anderen - niemals von ihr selbst - , daß sie sich den Frauenvereinen angeschlossen hatte , die nach den märkischen Schlachten sich des Dienstes in unseren Spitälern unterzogen . Armes , zärtliches Kind , das niemals einen Blutstropfen sehen , von einer Wunde nur reden hören konnte ! Tag für Tag trat sie den Gang durch die Leidensstätten an , ging von Bett zu Bett , starrte angstvoll in jedes Krankenangesicht , als ob sie einen suche , der nicht zu finden , einen retten wollte , der nicht zu retten war , und brach dann am Ausgange vernichtet zusammen , um anderen Tages den qualvollen Weg von neuem anzutreten . Selbstverständlich würde ich , wenn zur Stelle , diese zwecklose Folter gehindert haben . Als ich aber nach Jahr und Tag aus Frankreich heimkehrte , fand ich die Spitäler geleert und Dorothee fast unverändert die alte . Erst während der Tage von Ligny und Waterloo - ich befand mich wieder bei der Blücherschen Armee - soll eine kurze Katastrophe eingetreten sein , die mich auf die heutige hätte vorbereiten können . Ich war nicht Zeuge derselben , und tröstete mich wiederum , daß die eindrucksfähige Kindernatur , die Idiosynkrasie gegen alles , was Tod und Leiden heißt , diese gewaltsame Erschütterung hervorgerufen habe . Ihr gegenwärtiger Zustand , ohne jeglichen Anlaß von außen her , spricht jenem Troste Hohn . Ich stehe wie ein Narr vor diesem Rätsel der Natur . Sie dürfen denken , Fräulein Hardine , daß da , wo mein ganzes Lebensglück auf dem Spiele stand , ich dem eigenen Urteil nicht allein vertraute . Ich habe den Rat meiner anerkanntesten Kollegen in Nähe und Ferne eingeholt . Einmal aber sträubte sich Dorothee mit einer Heftigkeit , die ihrem sonstigen Wesen völlig fremd war und ihren Zustand steigerte , gegen jede ärztliche Behandlung ; dann aber wußte auch kein einziger eine zweckmäßig scheinende Methode vorzuschlagen . Sie selbst erklärte sich für gesund , und sie schien es zu sein . Ich mußte mich allerseits mit dem Vorwurf hypochondrischer Ängstlichkeit abfertigen lassen . Höchstens daß man das Postulat der Kinderlosigkeit als die Ursache momentaner körperlicher oder gemütlicher Störungen zu Markte brachte . Ich bin aber zu sehr Arzt , um ein Freund derartiger Postulate zu sein . Unsere Kunst ist eine der Exemtionen . Dorothee war zu zart für ein Martyrium , dem meine Mutter erlag , als sie mir das Leben gab , und lassen Sie mich hinzufügen , Fräulein Hardine , Dorothee war zu sehr Kind für die Kinderzucht , bei welcher der Vater ihr so wenig eine Stütze zu sein vermochte . Sie erkannte das auch wohl selbst . Niemals hatte sie eine mütterliche Sehnsucht angedeutet ; ja