gar nicht selbst erlebt , sondern hätte davon gelesen in einem Märchenbuche . Ja , wie ein Märchen ist mir nach so vielen Jahren - dreißig sind es jetzt - die Erinnerung dieser Tage , wie ein Märchen von dem bösen Knaben , der sich im Walde verirrte und dem dort allerlei sehr Schlimmes begegnete , und der doch auch wieder so viel blaue Himmelsluft athmen , und so viel goldenen Sonnenschein trinken , und sich so vogelfrei über die schöne Erde bewegen konnte , daß man , wer weiß wie viele Stationen auf der Pappelchaussee seines rangirten Daseins darum geben würde , könnte man so märchenhaftes Leid und Glück einmal oder einmal wieder an sich selbst erfahren . Als ob der Himmel selbst es gnädig mit dem bösen Knaben meinte , der , was er immer gefehlt haben mochte , es in seines jugendlichen Sinnes Thorheit gefehlt hatte , und vielleicht , Alles in Allem , so gar bös nicht war , sendete er ihm für seine abenteuerliche Flucht ein paar der allerschönsten Spätherbsttage . Die Regenstürme der letzten Zeit hatten die Luft durchsichtig klar gemacht , daß die fernste Ferne wie nächste Nähe erschien . Dazu strömte ein machtvolles und doch unendlich mildes Sonnenlicht von dem wolkenlosen Himmel und drang in die tiefsten Tiefen des Waldes , von dessen Riesenbäumen die gelben Blätter still herabschwebten zu den andern , die hier und da schon hoch den Boden bedeckten . Kein Laut in der sonnigen Wildniß , als dann und wann aus dem Gebüsche das melancholische Zirpen einer Goldammer oder das heisere weitschallende Krächzen einer Krähe , welcher das Gewehr , das der junge Mann da unten trug , verdächtig sein mochte ; oder der durch die Entfernung abgedämpfte Schrei von Kranichen , die , unbekümmert um das irdische Treiben , in unermeßlicher Höhe ihren stolzen Flug gen Süden zogen . Dann lag ich wieder im Herzen des Waldes auf einem nach allen Seiten abfallenden Hügel , der leicht ein Hünengrab sein mochte , und schaute zu , wie unter mir zwischen den gewaltigen Steinen Ehren-Reinecke aus seinem Malepartus kroch und es sich in der Frühmorgensonne behaglich machte , während ein paar Schritte weiter die halberwachsenen Jungen in ansgelassenster Lustigkeit sich jagten und über einander kollerten ; oder ich sah im Abendschein ein Rudel Hochwild über die Lichtung ziehen , den Platzhirsch zuletzt , stolz aufgerichteten Hauptes , das er nur zuweilen senkte , ein Kraut abzurupfen , die Kühe ruhig vor ihm her äsend . Dann wieder stand ich auf jäher Uferhöhe hart am Rande der trotzigen Kreidefelsen und blickte sehnsüchtig hinaus auf das blaue Meer , an dessen fernstem Horizont ein Wölkchen die Stelle zeigte , wo der Dampfer , den ich seit einer Stunde beobachtet hatte , verschwunden war , während auf mittlerer Höhe die Segel von ein paar Fischerbooten blinkten . Das Wölkchen war verschwunden , die weißen Segel wurden kleiner , und ich wendete mich seufzend in den Wald zurück , kaum noch hoffend , daß es mir gelingen werde , von der Insel wegzukommen . Schon ein paar Mal hatte ich den Versuch gemacht . Einmal in einem kleinen Fischerdorf , das in einem Einschnitte der Kreideküste in der Tiefe einer schmalen Bucht lag und das Bild der Abgeschiedenheit und Vereinsamung war . Aber die Männer waren mit den seetüchtigen Booten sämmtlich auf dem Fischfange ; nur ein uralter Mann und ein paar halbwüchsige Buben waren außer den Weibern und Kindern da . Wenn der Fang gut war , konnten zwei Tage vergehen , bis die Männer zurückkamen , und daß den Herrn einer so weit fahren würde , glaube er nicht . So sagte mir der alte Mann , und ein paar rothaarige Kinder standen dabei und glotzten mich mit aufgesperrten Mäulern an und eine alte Frau kam herzu und bestätigte die Aussage des alten Mannes , während die Sonne in ' s Meer tauchte und ein kühler Wind die Schlucht hinab zum Meere blies , dessen Wasser zu dunkeln begannen . Es war der zweite Tag meiner Wanderschaft . Die erste Nacht hatte ich in einer verlassenen Schäferhürde zugebracht ; ich dachte , ich könne einmal wieder unter Dach schlafen , und die würdige Matrone , der ich mein Anliegen vortrug , räumte mir bereitwillig das Kämmerchen ihres Sohnes ein , der vor drei Jahren ausgesegelt war und noch nichts wieder von sich hatte hören lassen . Ich hätte in diesem von aller Welt abgeschiedenen Winkel vielleicht tagelang , ohne entdeckt zu werden , zubringen können ; aber die Nothwendigkeit , erst einmal von der Insel fortzukommen , war zu gebieterisch , und so brach ich in der Frühe des nächsten Morgens wieder auf , mein Heil anderwärts zu versuchen . Ich that es in einem größern Fischerdorf . Es waren Boote genug da und Leute genug , aber Keiner wollte mich fahren , trotzdem ich für die kurze Fahrt von wenigen Meilen ( weiter war es nicht bis zur mecklenburgischen Küste , wo ich mich für verhältnißmäßig sicher halten durfte ) zehn Thaler , die Hälfte meiner Baarschaft bot . Ob sie wußten , wer ich war - wie wohl möglich - oder ob ihnen der junge , verwildert aussehende Mensch mit der Flinte auf dem Rücken , der durchaus auf fremdes Gebiet verlangte , verdächtig vorkam ; ob sie nur , da ich es doch einmal so eilig hatte und es mir an Geld nicht zu fehlen schien , durch Zaudern und Hinhalten ein höheres Fahrlohn erpressen wollten - ich weiß es nicht . Als aber eine Stunde mit Hin- und Herreden vergangen war und Karl Bollmann sich bereit erklärte , wenn Johann Peters sein Boot hergeben wollte , der wiederum erbötig war , die Fahrt mitzumachen , aber nur auf Karl Bollmann ' s Boot , und Christian Riekmann , der mit den Händen in den Hosentaschen dabei stand , meinte , er wolle mich schon mit seinem Jungen fahren , aber nicht unter dreißig Thalern , und sie dann Alle die Köpfe zusammensteckten und nach und nach die ganze Einwohnerschaft - Weiber und Kinder eingeschlossen - herbeikam , schien es mir gerathener , das Resultat dieser Verhandlungen nicht abzuwarten , sondern wendete mich kurz ab und schlug mich mit langen Schritten in die Dünen . Ein halbes Dutzend kam hinter mir her - ich zeigte ihnen von weitem meine Flinte und da blieben sie zurück , als weise Männer bedenkend , daß weit davon gut vor dem Schuß ist . An diesem Tage erhielt ich auch den Beweis dafür , daß man mich ernstlich verfolgte , woran ich freilich nie gezweifelt hatte . Es war nämlich schon gegen Abend , als ich , eine Strecke freien Landes , die ich zu durchschreiten hatte , vom Saume des Waldes aus recognoscirend , auf der Landstraße zwei Gensdarmen zu Pferde sah , die längere Zeit mit einem Schäfer sprachen , welcher seine Heerde auf der Haide zwischen der Landstraße und dem Walde trieb . Ich bemerkte , daß sie wiederholt nach dem Walde deuteten , doch mußte ihnen der Schäfer wohl befriedigende Auskunft gegeben haben , denn sie ritten nach einiger Zeit in der entgegengesetzten Richtung weiter und verschwanden bald in einer Senkung des Terrains . Als ich sie weit genug entfernt glaubte , kam ich aus meinem Verstecke heraus und gesellte mich zu dem Schäfer , der an einem langen schwarzen Strumpfe strickte , und dessen einfältiges Gesicht mir ausreichende Gewähr der Sicherheit bot . Er erzählte mir auf mein Befragen , daß die Gensdarmen hinter Einem her wären , der ja wohl Einen todtgeschlagen habe . Es solle ein großer , junger Mensch sein , und ein sehr schlimmer Mensch , aber die Gensdarmen hätten gesagt , sie kriegten ihn doch noch . Die üppige Phantasie des Strümpfestrickenden hatte vermuthlich in der kurzen Zeit zwischen dem Verschwinden der Gensdarmen und meinem Erscheinen Muße genug gehabt , sich das Bild des Verfolgten möglichst fürchterlich auszumalen . Jedenfalls erkannte er mich in Wirklichkeit nicht ; er nahm mich ohne Bedenken , für was ich mich gab : einen Jägersmann , der auf einem der benachbarten Güter zu Besuch sei und , der Gegend unkundig , sich verirrt habe . Er gab mir über die Wege genaue Auskunft , bedankte sich für das Trinkgeld , das ich ihm in die Hand drückte , und ließ vor Verwunderung seinen Strickstrumpf fallen , als ich , anstatt den von ihm gewiesenen Weg zu gehen , über die Haide in den Wald zurückkehrte . Die Nähe der Gensdarmen hatte mich doch stutzig gemacht und ich hatte beschlossen , diese Nacht im Walde zuzubringen . Es war eine böse Nacht . So warm es am Tage gewesen , so kalt wurde es jetzt , nachdem die Sonne untergegangen , und immer kälter und kälter , je weiter die Nacht vorschritt . Vergebens , daß ich mich fußtief in die feuchtdürren Blätter vergrub - vergebens , daß ich durch Hin- und Hergehen mich zu erwärmen suchte . Die dichten Nebel , die von der Erde aufstiegen , durchnäßten meine Kleider und durchkälteten mich bis in ' s Mark . Entsetzlich langsam schlich die lange , lange Nacht dahin ; ich glaubte , es würde nie wieder Tag werden . Und zu diesem physischen , kaum erträglichen Leiden der Kälte , der ich mich nicht erwehren , des Hungers , den ich nicht stillen , der Müdigkeit , der ich nicht nachgeben konnte , gesellte sich die Erinnerung dessen , was ich jüngst durchlebt , je länger die Nacht dauerte , und je wilder das Fieber in meinen Adern wüthete , in immer grauenhafteren Bildern . Während ich , halb todt vor Mattigkeit , auf einer freieren Stelle unter den hohen Bäumen im Nebelgeriesel auf und ab schwankte , sah ich mich wieder an Herrn von Zehren ' s Seite auf dem Moor und Jochen Swart lag todt zu unsern Füßen , und die Flammen des brennenden Hofes leuchteten grausig über uns hin , aber viel heller als es in Wirklichkeit der Fall gewesen war , so hell , daß mir war , als brenne der Wald rings um mich her und als irrte ich in höllischen Feuern , obgleich meine Glieder vor Kälte zitterten und meine Zähne in immer schnellerem Tempo aufeinanderklappten . Dann saß Herr von Zehren vor mir , wie ich ihn zuletzt hatte sitzen sehen , mit gebrochenen Augen , in welche die aufgehende Sonne schien , und dann war es wieder nicht Herr von Zehren , sondern mein Vater , oder der Professor Lederer , oder andere Gestalten ; aber alle waren sie todt , und die Sonne schien ihnen in die gebrochenen Augen . Dann wurde ich mir wieder meines Zustandes voll bewußt : daß es finstere Nacht um mich her war , daß mich sehr fror , daß ich fieberte und daß ich auf die Gefahr hin , entdeckt zu werden , mich entschließen müsse , ein wirkliches Feuer zu entfachen , anstatt des gräßlichen , unheimlichen , das ich fortwährend in meinen Fieber-Hallucinationen sah , gerade wie ein auf heißer Landstraße Verdurstender das Rauschen schattiger Bäume und das Plätschern von Quellen zu hören glaubt . Ich trug für den Fall , der jetzt eintrat , ein großes Stück Zunder , das ich aus einem hohlen Baume gebrochen , in der Jagdtasche . Mit Hülfe desselben gelang es mir , nach einiger Zeit einen Stoß halbwegs trockenen Holzes in Brand zu setzen , und ich kann das Wonnegefühl nicht beschreiben , das mich durchbebte , als endlich die Flamme hoch emporschlug . Vor ihrem ehrlichen Schein huschten die Fiebergeister in die Finsterniß zurück , die sie geboren hatte ; vor ihrer köstlichen Wärme floh die Eiskälte aus meinen Adern ; ich schleppte neues und neues Material herbei , ich konnte mich des Anblickes der glänzenden Flammen , des schwälenden Rauches , der davonstiebenden Funken nicht ersättigen . Dann setzte ich mich an meinen Waldesheerd und dachte darüber nach , was ich thun könne , mich aus dieser Lage zu bringen , die , wie ich wohl sah , auf die Dauer unerträglich war . Endlich glaubte ich , es gefunden zu haben . Ich mußte den Versuch machen , über einen der Orte , von denen aus eine regelmäßige Verbindung mit dem Festlande statt fand und die ich bis jetzt aus guten Gründen geflissentlich vermieden halte , zu entkommen , und zwar verkleidet , da man mich sonst jedenfalls sofort erkannt haben würde . Die Schwierigkeit war , einen passenden Anzug zu erhalten und auch hier kam mir ein glücklicher Gedanke . Ich hatte in der Kammer des Matrosen , in welcher ich die letzte Nacht zugebracht , einen vollständigen Fischeranzug hangen sehen ; vielleicht verkaufte mir den die freundliche Alte . War ich in dieser Verkleidung erst einmal von der Insel , so sollte es mir doch , meinte ich , gelingen , in einem nächtlichen Marsche bis zur mecklenburgischen Grenze zu kommen . Dann mußte der Zufall weiter helfen . Ich führte diesen Entschluß aus , sobald der Morgen graute , und traf , obgleich ich mich bereits ein bis zwei Meilen von dem einsamen Fischerdorfe entfernt hatte , kurz nachdem die Sonne aufgegangen , dort wieder ein . Die brave Alte wollte von keinem Kauf wissen : ich brauche die Sachen , und das sei genug ; vielleicht helfe ein anderer Mensch dafür ihrem Sohne , wenn er noch lebe , im fernen Lande aus einer Gefahr - und dabei liefen ihr die Thränen über die alten , runzeligen Wangen . Meine Sachen und die Flinte - die Pistole hatte ich bei Hans gelassen - wolle sie mir aufheben ; ich könne sie jeden Augenblick haben , wenn ich wieder in die Gegend komme . Wofür mich die gute Alte genommen haben mag ? Ich weiß es nicht . Ich denke , für einen Menschen , der so aussah , als ob er in Noth sei , der behauptete , daß ihm nur auf diese Weise geholfen werden könne , und dem sie deshalb half , wie er es wünschte . Die brave Seele ! Ich bin später glücklicherweise im Stande gewesen , ihr ihre Gutthat einigermaßen zu vergelten , wenn eine Gutthat überhaupt vergolten werden kann . Ich machte mich alsbald wieder auf den Weg , der diesmal unter mancherlei Fährlichkeiten quer durch die Insel führte , zu einem Punkte , wo ich den Abend erwarten wollte , um mich nach Fährdorf zu begeben , das ich in einer Stunde erreichen konnte . Ich hatte nämlich im Vertrauen auf meinen Matrosenanzug , der mir vortrefflich paßte , und , wie ich glaubte , mir ein ganz anderes Aussehen gab , die directeste Ueberfahrt nach Uselin gewählt . Freilich mußte ich so meine Vaterstadt passiren ; aber vielleicht suchte man mich hier gerade am wenigsten , und dann - gestehe ich es nur ! - es bedurfte zu jener Zeit gar wenig , um in mir den alten Uebermuth zu entfachen , der mir in meinem jungen Leben schon so manchen bösen Streich gespielt hatte . Ich malte es mir mit einem grimmigen Behagen aus , wie ich nächtens durch die stillen Straßen meiner Vaterstadt wandern würde , und überlegte schon , ob ich nicht an die Rathhausthür den alten Spruch von den Nürnbergern und meinen Namen dazu schreiben solle . Dennoch wagte ich mich nicht vor Anbruch der Nacht nach Fährdorf . Ich hatte das fällige Boot verpaßt ; das nächste und letzte an diesem Tage segelte erst in einer halben Stunde . Da ich durch das Fenster gesehen hatte , daß das sehr geräumige Schänkzimmer des hart am Ufer gelegenen Gasthofes so gut wie leer war und ich mich nothwendig für den Marsch der Nacht stärken mußte , trat ich ein , setzte mich , mit dem Gesicht nach der Wand , an den entferntesten Tisch und bestellte bei dem Schänkmädchen ein Abendbrod . Das Mädchen ging , die Bestellung auszurichten . Auf dem Tische neben dem Lichte , das die Kleine angezündet , lag eine mit Bierflecken arg besudelte Nummer des Useliner Wochenblattes vom vorigen Tage - ein anderes , reinlicheres Exemplar derselben Nummer liegt neben dem Blatte , auf welches ich dies schreibe . Ich nahm es zur Hand , mein erster Blick fiel auf folgenden Artikel : Publicandum . Der der gewerbsmäßigen Treibung der Contrebande , der thatsächlichen Widersetzlichkeit gegen Officianten des Staates , sowie des Mordes dringend verdächtige , zur Zeit flüchtige , ehemalige Schüler des Gymnasiums in Uselin , Friedrich Wilhelm Georg Hartwig , hat sich noch immer , trotz aller von Seiten der Behörden angewandten Mühe , der Verhaftung zu entziehen gewußt . Da es durchaus im Interesse des Publikums liegt , daß dieser nach allen Inzichten gefährliche Mensch zur Haft , resp . Verbüßung der Strafe gebracht werde , ergeht an dasselbe die Aufforderung , seinerseits zu diesem Endzwecke beizutragen , indem Jeder , der über den Aufenthalt etc. des p.p. Hartwig eine Aussage zu machen hat , solche unverweilt zur Kenntniß des Unterfertigten bringt . Außerdem ersuchen wir wiederholt und ergebenst sämmtliche Behörden des In- und Auslandes , auf den p.p. Hartwig ( Signalement weiter unten ) strengstens zu vigiliren , denselben im Betretungsfalle zu arretiren und an uns auf unsere Kosten remittiren zu wollen , unter Zusicherung dienstwilligster Reciprocität im gegebenen Falle . Uselin , 2. November 1833 . Das Bezirksgericht . ( gez . ) Heckepfennig . Das beigefügte Signalement will ich nicht ausschreiben ; der Leser würde aus demselben nicht viel mehr erfahren , als daß ich mich zu jener Zeit dunkelblonden - » Brandfuchs « hatten mich die Jungen in der Schule genannt , wenn sie mich ärgern wollten - und gelockten Haares erfreute , sechs Fuß ohne Schuhe maß und , als ein wohlgebildetes Menschenkind keine » besonderen Kennzeichen « hatte , wenigstens nicht in den Augen des Herrn Justizraths Heckepfennig . Uebrigens habe ich auch in jener für mich verhängnißvollen Stunde die actenmäßige Schilderung meiner Person schwerlich gelesen ; ich hatte genug an dem mitgetheilten Publicandum . Als mir gestern Abend der Schäfer sagte : der Mann , den die Gensdarmen verfolgten , solle einen andern erschlagen haben , hatte ich das nicht einen Augenblick für baare Münze genommen . Der Mensch sah so einfältig aus , und wer weiß , dachte ich , was die Herren Gensdarmen ihm aufgebunden haben mögen , um sich wichtig und ihm bange zu machen ! Aber hier stand es mit großen , deutlichen Lettern auf dem Löschpapier des Useliner Wochenblattes , das , da sehr selten andere Zeitungen in meine Hände gekommen waren , für meinen unkritischen Jugendsinn von jeher mit einer gewissen magistralen Autorität , ich möchte sagen , mit dem Stempel der Unfehlbarkeit bekleidet gewesen war . - Des Mordes verdächtig ! War es möglich ? galt ich als der Mörder von Jochen Swart ? ich ! der ich Gott gedankt hatte , als ich den Menschen , auf den ich schoß , sehr eilig davonhinken sah ! ich , dessen einziger Trost es in all ' diesen letzten Leidenstagen gewesen war , daß trotz alledem kein Menschenleben auf meinem Gewissen laste ! Und hier schrieb man in alle Welt hinaus , daß ich ein Todtschläger , ein Mörder sei ! Das Schänkmädchen brachte das bestellte Essen und ermahnte mich , glaube ich , keine Zeit zu verlieren , da das Fährboot bald absegeln werde . Ich hörte kaum das , was sie sagte ; ich ließ das Essen unberührt und starrte noch immer in das Blatt , dessen erste Seite ich , als das Mädchen herantrat , schnell umgeschlagen hatte , als könnte mein Name , der da gedruckt war , mich verrathen . Aber da auf der zweiten Seite stand er abermals in einem Artikel , unter der Rubrik : Städtische Angelegenheiten . Der Artikel lautete so : » Gestern Abend hatte sich auf eine bisher noch unaufgeklärte Weise das Gerücht in der Stadt verbreitet , daß Georg Hartwig , dessen Name jetzt in Aller Munde ist , sich in das Haus seines Vaters geflüchtet habe und sich dort verborgen halte . Eine ungeheure Menschenmenge , die leicht aus hundert und mehr Köpfen bestehen mochte , versammelte sich in Folge dessen in der Ufergasse und verlangte stürmisch , daß ihr der jugendliche Verbrecher ausgeliefert werde . Vergebens , daß der unglückliche Vater von der Schwelle seines Hauses versicherte , daß sein Sohn nicht in seinem Hause , und daß er nicht der Mann sei , dem Gesetze Hindernisse in den Weg zu legen . Auch die energischen Bemühungen unserer braven Stadtdiener Luz und Bolljahn erwiesen sich als erfolglos ; erst der beredten Ansprache unseres würdigen Herrn Bürgermeisters , der auf die erste Nachricht des Tumultes sofort herbeigeeilt war , gelang es , die immer noch anwachsende Menge zu zerstreuen . - Wir können nicht unterlassen , unsere Mitbürger auf das Thörichte und gewissermaßen Frevelhafte eines solchen Beginnens dringend aufmerksam zu machen , wie willig wir auch einräumen , daß die in Frage stehende Angelegenheit , welche leider immer bedeutendere Dimensionen anzunehmen scheint , ganz dazu angethan ist , die Gemüther aufzuregen . Aber wir wenden uns an die Verständigen , d.h. die weitaus größere Mehrzahl unserer Mitbürger , und fragen sie : dürfen wir nicht in unsere Behörde das vollste Vertrauen setzen ? dürfen wir nicht überzeugt sein , daß unser Wohl in ihren Händen besser aufgehoben ist , als in unseren eigenen Händen ? Und was den gestrigen Fall anbetrifft , so appelliren wir noch besonders an das Zartgefühl der Gutgesinnten . Mögen sie bedenken , daß der Vater des unglücklichen Georg Hartwig einer der ehrenwerthesten Männer unserer Stadt ist . Er wäre , wie er selbst versichert hat und wie wir unsererseits fest überzeugt sind , der Letzte , welcher den Lauf der Gerechtigkeit aufhalten würde . Mitbürger ! Ehren wir dieses Wort ! ehren wir den Mann , der es gesprochen ! Mitbürger ! lasset uns gerecht sein , aber nicht grausam ! und vor Allem lasset uns zusehen , daß der Ruf der Ordnung und des gesetzmäßigen Sinnes , dessen sich unsere gute alte Stadt so lange mit Recht erfreut hat , nicht durch unsere Schuld verloren gehe ! « Das mir wohlbekannte Signal , welches die Passagiere zum Fährboot rief , ertönte von der Landungsbrücke her , zugleich trat das Mädchen wieder herein und bedeutete mich , daß ich mich beeilen müsse . » Aber Sie haben ja keinen Bissen gegessen ! « rief sie und starrte mich verwundert und erschrocken an ; ich mochte wohl sehr blaß und verstört aussehen . Ich murmelte irgend eine Erwiederung , legte einen Thaler auf den Tisch und verließ eilends das Zimmer . Das Fährboot war trotz der späten Stunde voll von Passagieren ; in dem mittleren Raume standen zwei gesattelte Pferde , die nur Gensdarmen gehören konnten , und ich entdeckte auch bald ihre Reiter . Es waren dieselben , die ich gestern gesehen hatte , wie ich aus den Gesprächen hörte , die sie mit ihren Nachbarn , ein paar Bauern , führten . Sie schimpften darüber , daß man sie zurückbeordert , denn sie seien überzeugt , daß sie den Halunken gefangen haben würden , der ganz gewiß noch irgendwo auf der Insel versteckt sei , trotzdem sie dieselbe nebst noch zwei berittenen Kameraden und vier Kameraden zu Fuß nach allen Richtungen durchsucht hätten . Nun würden sich die Andern die Gratification verdienen , während sie helfen sollten , die Ruhe in der Stadt aufrecht zu erhalten , was sie gar nichts angehe , denn dazu seien ja der Bolljahn und der Luz da . Ich saß dicht in ihrer Nähe und konnte Alles mit anhören , und dachte , welche Freude ich den braven Leuten machen könnte , wenn ich plötzlich aufstünde und sagte : hier ist der Halunke . Aber ich konnte ihnen die Freude nicht machen ; was zu thun ich entschlossen war , mußte aus einem freiem Antriebe geschehen . So hielt ich mich still , und den weisen Dienern des Gesetzes kam es nicht in den Sinn , daß der junge Matrose , der scheinbar so eifrig zuhörte , der war , den sie suchten . Der Wind war günstig und die Fahrt schnell , nach einer Stunde legte das Boot an der Fährbrücke in dem Hafen an . Die Pferde stampften , die Gensdarmen fluchten , die Passagiere drängten sich aus dem Fahrzeug und gingen mit ihren Bündeln die Brücke hinauf . Oben auf dem Quai stand der dicke Peter Hinrich , der Wirth der Matrosenkneipe gleich am Thor , und fragte mich , ob ich nicht bei ihm Quartier nehmen wolle ? Ich sagte , es wäre schon anderwärts Quartier für mich bereit . So schritt ich durch das verfallene Hafenthor , das nie geschlossen wurde , und kam in die Hafengasse . Als ich zu dem kleinen Hause gelangte , blieb ich einen Augenblick stehen . Es war dunkel und still in dem Hause und es war dunkel und still auf der Straße : aber vorgestern war es hier belebt genug gewesen , und dort auf der Schwelle hatte ein Mann gestanden und gesagt , daß man sich sehr in ihm irre , wenn man glaube , er könne oder werde dem Gesetze ein Hinderniß in den Weg legen . Er sollte nicht noch einmal in den Verdacht kommen , daß er seinen Sohn in seinem Hause versteckt halte ; er sollte sehen , daß diesem Sohne doch noch etwas an seinem eigenen guten Namen , wenn nicht an dem seines Vaters gelegen sei ; daß er den Muth habe , einzustehen für das , was er gethan . Die Vermahnung des Wochenblattes an das Publikum war nicht vergeblich gewesen ; die kleine Stadt war wie ausgestorben ; die energischen Männer Luz und Bolljahn hätten beim besten Willen nichts zu thun gefunden . Mein Schritt hallte laut in den öden Gassen , die mir heute sonderbar eng und winkelig erschienen ; hier und da war noch Licht in den Fenstern ; man ging sehr früh zu Bett in Uselin , und der Magistrat konnte deshalb auch die Straßenlaternen frühzeitig auslöschen , besonders wenn , wie jetzt , schon das erste Viertel des Mondes über das Dach der alten Nikolaikirche durch treibende Wolken melancholisch auf den stillen Marktplatz herniederblickte . Ich stand auf dem Marktplatz vor dem Hause des Herrn Justizraths Heckepfennig . Es war der stattlichsten eines . Wie oft war ich hier , wenn ich des Mittags aus der Schule kam , vorübergegangen , und hatte einen sehnsüchtig-respectvollen Blick nach dem letzten Fenster links in der oberen Etage geworfen , wo Emilie hinter einer Vase mit Goldfischen zu sitzen pflegte , und zufällig immer , wenn ich vorüberging - ein kleiner , halbblinder Fensterspiegel spielte den treuen Vermittler - nach irgend etwas auf dem Markte sehen mußte ! Heute blickte ich wieder nach dem Fenster , aber mit sehr anderen Empfindungen . Es war Licht in dem Zimmer - dem Wohnzimmer der Familie . Der Justizrath pflegte dort seine Abendpfeife zu rauchen . Es stand zu vermuthen , daß sie ihm über dem Besuch , der ihm bevorstand , ausgehen werde . Die Hausthüren in Uselin pflegten , bevor die Bewohner zu Bett gingen , nicht verschlossen zu werden ; aber sei es , daß die von den Stadtdienern Luz und Bolljahn mit so opferfreudigem Muthe bekämpften Unruhen der letzten Tage eine größere Vorsicht räthlich erscheinen ließen , sei es , daß der Justizrath in seiner doppelten Eigenschaft als reicher Mann und als Mann des Gesetzes auch in diesem Punkte auf strengere Ordnung hielt - sein Haus war verschlossen , und es dauerte einige Zeit , bis auf mein wiederholtes Klingeln eine weibliche Stimme , nicht ohne eine gewisse Zaghaftigkeit im Ausdruck , durch das Schlüsselloch » Wer ist da ? « fragte . Meine Antwort : » Jemand , der den Herrn Justizrath dringend zu sprechen wünscht « , schien der weiblichen Thürhüterin , die übrigens niemand anders sein konnte , als das hübsche Hausmädchen Jette , keine vollständige Beruhigung zu gewähren . Es entstand ein Flüstern , aus welchem ich schloß , daß Jette auch noch Male , die Köchin , mitgebracht hatte , dann ein Kichern , und dann der Bescheid , daß man es dem Herrn sagen wolle . Ich patrouillirte in meiner Ungeduld vor dem Hause auf und ab , als in dem Wohnzimmer oben ein Fenster geöffnet wurde , und der Herr Justizrath in Person , den Kopf ein ganz klein wenig heraussteckend , die Frage seines Hausmädchens wiederholte , und von mir dieselbe Antwort empfing . » In Sachen ? « fragte der vorsichtige Mann . » Ich komme von der Insel , « antwortete ich auf gut Glück . » Aha ! « sagte er und schloß das Fenster . Der Justizrath hatte schon seit mehreren Tagen nichts gethan , als Leute verhört , die ihm über die große Angelegenheit Auskunft geben sollten . Ein Schiffer und Fischer , der , von der Insel kommend , ihn des Abends zehn Uhr dringend zu sprechen wünschte , konnte nur in einer Eigenschaft und zu einem Zwecke kommen : eine wichtige Angabe zu machen , die vielleicht ein - in der That sehr nöthiges - Licht in das Dunkel der räthselhaften Affaire warf . Ich für mein Theil glaubte , daß der Herr Justizrath mich an der Stimme erkannt habe und daß sein Ausruf so viel heißen solle , als : bist du endlich da ! Ich sollte alsbald erfahren , wie sehr ich mich getäuscht hatte . Die Hausthür wurde aufgeschlossen ; ich trat schnell herein . Kaum aber hatte der Schein des Lichtes , das Jette in der erhobenen Rechten hielt , mein Gesicht gestreift , als sie laut aufschrie , das Licht mit sammt dem Leuchter fallen ließ und eilig davonlief , während die Köchin ,