für unsere ganze Verwandtschaft dazustehen , und besonders für den großen Einfaltspinsel da ! « Das war für Hansens Geduld zuviel auf einmal , wie wenig es auch immer scheinen mochte im Verhältnis zu dem , was er sonst immer ziemlich geduldig über sich ergehen ließ . Wenn er allein bei der Mutter war , so tadelte diese schließlich immer nur seine Unempfindlichkeit , wovon auch zuerst die Rede gewesen sein mochte . Heute aber ließ er sie dazu nicht mehr kommen . Was die Mutter über Dorotheen sagte , tat ihm um so weher , weil auch er sich recht von Herzen über das Mädchen ärgerte . Was denn hatte sie , die er für die Unschuld selber hielt , so Großes zu beichten , daß der Kaplan es ihr nicht einmal abnehmen konnte ? Sollte er sich auch hier wieder betrogen haben ? Noch wollte er es nicht glauben , aber das » Einfaltspinsel « der Mutter traf ihn doch schmerzlicher als gewöhnlich und brachte ihn in jene Stimmung , wo er um jeden Preis widersprechen mußte , gerade wie wenn dadurch das etwa verlorene Ansehen rasch wieder zu gewinnen wäre . » Wenn die Geschichte mich besonders viel angeht « , sagte er , » so sollte doch auch ich das erste Recht haben , darüber zu reden . Ein bißchen predigen werd ' ich wohl auch können , sonst müßt ' ich ja gar keinen Blutstropfen von meiner Mutter haben . Aber zu einer gehörigen Predigt und schon voran als Fundament gehört ein schönes Evangelium . Für ein solches nun kann man denn doch die Vermutung und das Durcheinander von lieblosem Geschwätz nicht halten . Zuerst , bevor man anderen die Wege weisen kann , muß man doch auch selber wissen , woran man ist . Ihr Weiber wollt alles mit Reden richten , ich aber kann und mag niemand die Meinung sagen , solang ich noch gar keine eigene Meinung habe . Kurz und gut , in die jetzige Schwätzerei hinein will ich nicht noch ärger verwickelt werden . « » Eben darum , du Verblendeter , Undankbarer , hab ' ich mich wehren wollen . « » Zu spät , wie gewöhnlich « , bemerkte Hans bitter . » Warum zu spät ? « » Man hätte dem Krämer kein Türlein offen lassen dürfen , wenn der seinen Unrat nicht hereinbringen sollte . « » Du hast aber schon früher mit dieser Verwandtschaft zu tun gehabt . « » Ja , und jetzt möcht ' ich gleich alles wiederholen , was damals gegen den alten Sünder gesagt wurde . Dorotheen hat nur er so ins Geschrei gebracht . Aber mit derlei Mitteln fängt man Hansen nicht . Da gewinnt der Krämer wenig und macht seine Zusel nur noch unglücklich wie die gute Angelika . « » An der Geschichte bin aber ich nicht schuldig . « » Dann ist die Lehre , die man daraus nehmen kann , um so wohlfeiler . « War Dorothee zum Teil froh , daß das Wetter sich so auf eine andere Seite zu ziehen schien , so tat es ihr doch recht von Herzen weh , Mutter und Sohn so unfreundliche Worte wechseln zu hören . Solche Hauskriege waren ihr immer ungemein peinlich , wenn sie selbst auch nichts zur Veranlassung derselben beitrug ; heute aber hätte sie um alles in der Welt nicht mehr länger dabei zu sein vermocht . Für sich selbst hatte sie schon eine kurze Verteidigungsrede nicht eben von höflichster Art zusammengestellt . Die würde sie gehalten haben , wenn ' s noch länger in dem Ton fortgegangen wäre , welchen die Stigerin anfänglich anschlug . Jetzt aber vermochte sie das rechte Wort nicht mehr zu finden . Geräuschlos verließ sie die Stube , ohne noch an ihren Kaffee zu denken , der eingeschenkt auf dem Tische stand . Sie hatte weder Hunger noch Durst und war herzlich froh , daß es in der Küche noch so manches anzurichten gab , obwohl sie nicht mehr mit der Freudigkeit arbeiten konnte , die ihr noch vor einer halben Stunde gar alles leicht gemacht hätte . Unterdessen verteidigten sich Mutter und Sohn immer tapferer ; die Worte wurden um so weniger gewogen , als man endlich gewahr wurde , daß die Magd sich entfernt hatte . Die Stigerin sagte Hansen , er dürfe sich schon ein wenig einreden lassen , denn er habe doch für nichts Talent als für seinen Stall , aber auch das nur so , daß er nicht einmal auf seinen Kopf ein Kälblein für zehn Taler kaufen dürfe . In dem Stück arte er ganz nur seinem Vater nach . Dagegen gute Blutstropfen hab ' er von dem Seligen keine geerbt . Der habe doch seine Schwächen gekannt und sei daher immer fügsam und nachgiebig gewesen . Über seinen Vater nun ließ Hans nicht so leicht etwas kommen , wie sorgfältig man es auch , gleich einer bösen Pille , ins Zwetschkenfleisch versteckte . Ja er konnte der Mutter gegenüber es offen aussprechen , daß er den Guten noch jetzt bedauere und als großen Dulder verehre . Die Stigerin kam daher jetzt nur noch in der größten Erregung auf ihren Mann zu sprechen ; dann verlor sie überhaupt alle Kraft zum Überlegen , während Hans gerade im Zorn am klarsten zu denken schien . Auch heute sprach er sich so klar und entschieden aus , wie man es von ihm wohl nie erwartet hätte . Er sagte : » Ich hab ' auch noch Blut von anderen Leuten und schlage vielleicht nicht ganz aus der Art , wenn ich zuweilen ein bißchen eigensinnig bin und glaube , meine Herzensangelegenheiten - das sind wichtigere als die des Stalles - gehen niemand mehr an als mich . « » Redet man so jetzt ? « rief die Stigerin aufspringend . » Bin ich die Mutter , oder bist du sie ? « Hans saß ruhig am Tisch und machte ein ganz ernsthaftes Gesicht . » Wenn du mein Mann wärst « , sagte die Stigerin nach einer Weile , » so ließe sich das noch viel eher ertragen . Man weiß ja schon , wie die Männer alle sind . Dir aber , dem eigenen Kinde , das ich so klein und schwach gesehen , das ich mit soviel Mühe gehen lehrte und groß zog , dir kann und will ich den heutigen Morgen nie mehr vergessen . Das gräbt sich tief , tief ins Herz und tut recht grausam weh ! « Sie zog das Taschentuch heraus und bedeckte das Gesicht . » Tut man doch heut ' wieder einmal , und weiß kein Mensch , warum es nötig wär ' ! « murrte Hans , der sich schon etwas schwächer fühlte . » Nur deinetwegen , zu deinem Wohl . « » Oho ! « » Ja , so ist ' s , und wenn du nicht eben der Hans wärst , müßtest du das auch einsehen . « » Ich bin aber der Hans « , sagte der Bursche , herzlich froh , daß die Mutter so schnell wieder in eine andere Tonart überging . » Ja , du siehst und merkst immer nichts , bis dir eine Kuh auf den Fuß tritt . « » Ich merke wohl , wie man jeden Zufall hereinzieht , um dem guten Mädchen , der Dorothee , böses Spiel zu machen . « » Nennst du das einen Zufall , daß ihr Beichtvater sie nicht einmal mehr lossprechen kann ? « » Der Kaplan hat nicht so viel erfahren , als ich in der letzten Zeit an dem Mädchen gesehen habe . « » Was hast du denn gesehen ? « » Seit im Sommer « , erzählte Hans , » die Zeit weiß ich nicht mehr so genau , kommt mir die Magd in gar allem ganz verändert vor . Nach der Kirchweih schien es mir mehrmals , als ob eine böse Krankheit in ihr stecken müsse . Trotzdem war sie unermüdet früh und spät wie sonst , ja fast noch fleißiger , wenn es sein konnte . Nur zuweilen , wenn sie sich nicht gesehen wähnte , stand sie wie angenagelt und gebannt oder als ob sie etwas recht schwer drücke . Dann und wann hätt ' ich sie von Herzen gern heimgeschickt ins Bett , aber wenn ich sie noch so freundlich anreden wollte , erschrak sie und redete so heillos närrisches Zeug , daß ich ihr im Ärger darüber zuerst vielmal kein gutes Wort mehr gönnen konnte . Jetzt aber weiß ich , daß man viel von dem , was sie über sich selbst und über andere sagt , bei weitem nicht so grell nehmen muß , wie sie es gibt . Es wär ' gut gewesen , wenn das auch der Kaplan gewußt hätte . « Die Stigerin , welche aufmerksam zugehört hatte , sagte mit seltenem Ernst : » Ich fürchte , daß auch du das nicht kennst , will aber Gott auf den Knien danken , wenn du wenigstens keine Schuld hast . « Hans besann sich : » Das wegen dem Jos auf der Kirchweih allerdings hat sie sich recht grausam zu Herzen genommen . Fast nur um sie darüber hinauszubringen , hab ' ich dann ihren Bruder anstellen wollen , da sein Herumstreichen ihr viel Kummer machte . « » Sie hätt ' wohl den Jos lieber gehabt ? « » Nein , sie hat nach der Kirchweih gesagt , der werde dem Stighof nicht mehr dienen . « Die Stigerin ward immer nachdenkender . Immer schneller zog sie den langen Rosenkranz zwischen den rundlichen Fingern herum . Plötzlich warf sie ihn auf den Tisch , und im nächsten Augenblick würde Hans ihre Gedanken erfahren haben , wenn nicht eben Dorothee zur Tür hereingekommen wäre . Sie bat um Erlaubnis , nach dem Gottesdienste den Vater zu besuchen , und schloß mit der Bemerkung , daß sie noch selten mit einer solchen Bitte gekommen sei . Diese Bemerkung war so überflüssig , daß die Stigerin , nachdem sie kurz ja gesagt , der wieder Forteilenden beinahe ängstlich nachsah . » Da ist nicht alles in Ordnung « , flüsterte sie , » so scheu , so blaß . Es ist , wie ich dachte . Für das Mädchen ist Heiraten das beste , für dich aber nicht , wenn du dir nichts vorwerfen mußt . « » Ich weiß nichts . « » Nun , angelogen hast du mich noch nie . Dummheiten machst du schon , aber Schand ' auf die Verwandtschaft und ein Mädchen ins Unglück bringen wirst du nicht . Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm , drum wird es wohl der Jos sein . Wenn wir den Spitzbuben doch nur nie ins Haus gelassen hätten ! « » Eine Liebschaft ? « fragte Hans ängstlich . » Eine Verführung , und wenn du noch nichts gemerkt hast , so bist du dümmer als dumm . « » Da kenn ' ich mich freilich nicht aus . « » Aber ich ganz gut . Alles wird nun dich dafür hernehmen , drum ist ' s wohl das beste , wenn man ihr so schnell als möglich zum Heiraten hilft . Einige hundert Gulden Heiratsgut können wir den beiden schon geben , und dann geht ' s. « Hans war auf einmal ein ganz anderer . » Jos « , rief er , » der Lümmel , hätte das Mädchen verführt ? So hätten sie uns hintergangen , und nun sollten wir noch Geld ausgeben und ihnen zusammenhelfen ? Na , so dumm ist denn der Hans doch nicht ! « » Nur nicht so laut ; sie könnte dich hören . « » Sie soll und jedermann soll hören , daß der Hans nicht auf den Kopf gefallen ist . « » Aber damit verdirbst du mir dann meinen Plan . « » Das will ich auch , wenn er so ist , daß eine Schlechtigkeit dabei noch belohnt werden soll ! « » Nun , dann magst du es haben , wenn drei Gemeinden von dir reden . Und das kommt gewiß , wenn wir nicht helfen . Ich möchte Dorotheen gleich rufen . « » Nein , Mutter ! Die drei Gemeinden sollen sich heiser krähen , wenn sie mir nur nicht so eine Dummheit nachreden können . « » Aber- « » Nichts da ! Jetzt läutet es schon bald in die Kirche , und wir sind noch nicht einmal gehörig angelegt . Es wär ' doch sicher Sünde , wenn wir wegen derlei Schneckentänzen auch nur ein halbes Vaterunser versäumen täten . « Das alles sagte Hans in einem Atemzug und verließ dann hastig die Stube . Zwanzigstes Kapitel Dorothee besucht ihren Vater » Dem unbeliebten Krämer wird auch die beste Ware nur getadelt . « Vom unbeliebten Geistlichen hat man im Bregenzerwalde keine ähnliche Redensart , obwohl man auch gegen diesen durchaus nicht gerechter ist . Schöner als unser Kaplan hat an diesem Sonntag wohl weit herum kein Geistlicher die Messe gesungen : trotzdem ließ Dorothee sich nicht aus dem Lesen bringen und hatte nur einen mitleidigen Blick für die , welche , dem geübten Sänger lauschend , zuweilen ihre Gebetbücher schlossen und es machten , wie auch sie früher es jeden Sonntag gemacht hatte . Ja , wären die gesungenen Gebete und Psalmen deutsch gewesen , so hätten sie vielleicht ihr frommes Herz über die Erlebnisse des Tages zu erheben vermocht ; so aber kam es ihr beinahe widerlich vor , daß ein frommer Mann so singen mochte nach der wichtigen Unterredung , die er heute morgens mit ihr gehabt hatte . Sorgte der denn gar nicht , wie sie das alles in sich verwerchen und noch dazu das Gerede der ganzen Gemeinde ertragen werde ? Nein , dazu stand er zu groß und zu prächtig droben auf den Stufen des geschmückten Altars , und das Rauchfaß schwang er so zierlich , als ob ' s auf der Welt nichts Wichtigeres gäbe . Dorothee kam sich wie eine Ausgestoßene vor . In ihrem Stuhl wurde es ihr immer enger , und sie war herzlich froh , daß sie endlich den vielen schmerzlich treffenden Blicken , welche schon ihr Hiersein ihr zu verargen schienen , wieder entrinnen konnte . Ja , jetzt war sie nicht mehr so fest und sicher wie noch nach der Unterredung mit dem Beichtvater . Schon der Empfang auf dem Stighof hatte ihr den Mut genommen , die Ruhe des Herzens erschüttert . Drum wollte sie über Mittag zum Vater und ihm den Rest des vor kurzem erhaltenen Jahreslohns bringen . Da war sie gewiß ein willkommener Gast . Wenn sie heimkam und Geld brachte , dann sagte ihr der Vater in einer Stunde mehr Liebes und Gutes , als sie sonst in einem ganzen Jahr hörte und auch zu hören wünschte . Dieses Schmeicheln und Loben des Vaters tat ihr so weh , daß sie , um es nicht erleben zu müssen , schon seit einigen Jahren den verdienten Lohn durch den Knecht auf dem Stighofe heimtragen ließ . Heute aber mußte sie liebe , gute Worte hören , wie selbstsüchtig sie auch immer gemeint sein mochten , mußte die Freude der Eigenen über ihr Erworbenes sehen und - vielleicht doch auch teilen , denn das blieb wohl nun alles , was sie von ihrem bisherigen Leben hatte . Sie eilte so schnell als möglich über den Platz . Dennoch hörte sie , wie ein Freund des Jos mehreren Bauern sagte , daß es dem Schneider ganz unmöglich sei , die bestellten Sachen alle zur bestimmten Zeit zu liefern , wenn er nicht einen Gesellen auftreiben könne . Das gab Dorotheen wieder Mut . » Wenn auch ein Ast unter den Füßen bricht « , dachte sie , » so fällt man drum noch nicht aus der Welt , sondern bloß vom Kirschbaum zurück auf den festen , sicheren Boden , der überall fruchtbar ist und den Fleißigen nährt . Das Glück und seine Kinder sind launisch ! Aber ich will stark sein und trotzig werden wie Jos . Oh , jetzt erst jetzt versteh ' ich ihn ganz . « Das Mädchen lief noch rascher und richtete das Köpflein immer höher auf . Alles war vergessen , seit sie sich in das kleine Stübchen dachte , wo jetzt der noch etwas blasse Schneider und Gemeindeschreiber saß . Was war die ganze Herrlichkeit des Stighofes gegen ein Leben , welches nicht hauptsächlich dem lieben Vieh , sondern den Menschen diente . Wenn auf dem Stighof ein dreitägiges Kälblein kurz vor Mitternacht recht erbärmlich schrie , so mußte alles aus dem ersten Schlafe heraus , und kein Mensch fand mehr Ruhe , bis der Tierarzt auf die eine oder die andere Art geholfen hatte ; wenn aber Jos um Hilfe rief , dann war ' s umsonst . Hansjörg hatte nicht so unrecht , daß er lieber etwas anderes tun wollte als da Knecht sein , wenn es nur nicht etwas gar zu Gefährliches gewesen wäre . Warum sollte er nicht lieber dem Jos bei seiner Arbeit helfen ? Sie hätte sich doch nichts Angenehmeres denken können und glaubte daher , daß es ihr noch gelingen müsse , ihn zu bereden . Mit solchen Gedanken langte sie vor dem kleinen Häuschen an , welches ihr Vater seit seiner Verehelichung bewohnte . Die schwere , niedrige Haustür war noch geschlossen , und nichts regte sich , bis des Vaters kleiner Pudel das Mädchen wie eine Landsfremde wild anbellte . Ach , so fremd war sie hier , daß nicht einmal der Wächter des Hauses sie kannte ! Das wär ' wohl anders gewesen , wenn die Mutter noch gelebt hätte . Machte sie die Not auch hart , so hatte sie doch ein Herz für ihre Kinder und wäre gewiß nicht dahin zu bringen gewesen , daß sie den Hansjörg verkauft hätte . Aber die Lebenden müssen sich selber helfen . Die Mutter war vielem Bösen durch den Tod entronnen . Da , neben dem früh gealterten , durch bittere Erfahrungen lieblos , hart , selbstsüchtig gewordenen Vater , dem wilden Bruder und der kränkelnden Schwester , hätte sie ein Leben gehabt , wie man es ihr nicht wünschen konnte . Man mußte Gott danken , daß die so Empfindliche von dem erlöst wurde , was sie doch nicht anders zu gestalten vermocht hätte . Dorothee saß auf der Bank neben der Haustür , erwartete die Heimkehr des Vaters und sann und betete , bis sie in der Stube einige Tritte zu hören meinte . Die kleinen Fensterchen waren zwar niedrig genug , aber zu trüb und verklebt , als daß man hätte sehen können , wer sich drinnen geregt . Eins der Ihrigen aber mußte es sein , da der Pudel sofort zu bellen aufhörte und sich neben die Türschwelle legte . » Ja so , du kommst endlich wieder einmal « , rief eine schwache , heisere Mädchenstimme . Die unvermutet Angeredete fuhr erschrocken auf und erblickte hinter einer in die Verklebung des Fensters gerissenen Öffnung das bleiche Gesicht ihrer Schwester . » Bist du denn nicht in der Kirche gewesen ? « fragte sie Marien , als diese gleich darauf die Haustür aufschloß . » In der Frühmesse wohl , soweit ich sie nicht verschlief , wie das leicht geht , wenn man mehr als die halbe Nacht arbeitet . Vormittag hab ' ich eine Stickerei fertigmachen müssen , die gleich nach dem Essen abzugeben ist . « » So , so « , sagte Dorothee , der es nicht recht war , daß also auch die Schwester sie in der Frühmesse gesehen und vermutlich schon da von ihrer ungültigen Beichte gehört hatte . » Du mußt mir nicht verargen , was mir sogar der Pfarrer erlaubt hat « , sagte Marie , die sich Dorotheens trüben Blick ganz anders erklären zu müssen meinte . » In den letzten Nächten hab ' ich mich fast blind gearbeitet , um doch den Sonntag feiern zu können , aber es war alles umsonst . Wenn ich dich erwartet hätte - mit deinem Lohn - , hätt ' ich mir freilich etwas mehr Zeit gelassen . « » Du solltest wirklich nicht so streng , ja du solltest gar nicht sticken . Der Doktor hat es dir doch schon vor Jahren verboten . « » Er sollte kommen , der Doktor , sollte neben dem Vater leben und für ihn den Tisch decken müssen ! Die Herren haben gut reden . « Dorothee schaute die Schwester traurig an . Das war einst in der Schule weitaus das schönste Mädchen , wenigstens in den ersten Schuljahren . Dann aber wurde sie zum Sticken gehalten , daß sie nie mehr eine freie Stunde hatte . Die Lieferanten von Stickereien streckten dem Vater von Herzen gerne ziemlich bedeutende Summen vor , um die beste Stickerin der Gegend recht lange an sich zu binden . So mußte sie denn arbeiten , bis sie so bleich wurde , wie sie jetzt , etwas nach vorn gebeugt , vor Dorotheen stand . » Aber am Sonntag solltest du dir doch Ruhe gönnen ! « sagte sie mitleidig . » Auf das hin « , antwortete Marie hüstelnd , » muß ich dir sagen , was ich schon dem Doktor gerne gesagt hätte . Man darf nicht glauben , ich sei gern bei der Stickerei gesessen , wenn meine Schulfreundinnen früher vor dem Hause sangen und spielten , oder abends , wo es oft so lang währte , daß der Vater mich wach machen mußte mit einem greulichen Fluch . « » Hat der denn gar nie genug ? « fragte Dorothee mit schlecht verhaltenem Unmut . » Sei doch nicht bös über ihn , ich verdiene mir mit allem Fleiß nicht einmal das tägliche Brot . Die meisten Stickerinnen sind hier nur so nebenbei , mehr zum Zeitvertreibe , bei der Nadel . Sie kümmern sich daher auch nicht viel um den Lohn . So behält der Lieferant den Wurf in der Hand , und unsereins kann nichts Besonderes anfangen , wenn seine Arbeit auch mehr wert wäre als die von Stickerinnen , deren Hände an viel rauhere Arbeiten gewöhnt sind . Kaum einmal bekomme ich so feine Arbeit , als ich mir wünschte . Nur in der letzten Zeit hab ' ich etwas für eine Ausstellung machen müssen . Ich bin dem Herrn in der Schweiz drüben dankbar , daß er mir so schöne Arbeit überließ , wenn ich auch täglich nur zehn Kreuzer verdiente . Ich hab ' einen großen Fleiß gehabt und glaube , daß die Arbeit ihm Ehre machen werde . « » Und hast du nichts als täglich zehn Kreuzer ? « » Und in der Nacht noch zehn , wenn ich arbeite , bis mir alles vor den Augen herumtanzt . « » Es ist ein Elend ! « » Heut unter dem Gottesdienst ist es mir gewesen wie damals , als die Kinder vor dem Hause spielten . Ich bin mir vorgekommen als eine , die an nichts auf der Welt ein Recht hat . « » Leidet ihr denn wirklich Not ? « » Ja , Hunger ! « » Hunger ? « fragte Dorothee erschrocken . Was waren dagegen ihre kleinen , meistens nur eingebildeten Leiden und Sorgen ! » Großer Gott ! « rief sie aus , » ich helfe doch , soviel ich kann ! « » Davon sagt auch niemand ; aber wir beide verdienen nicht viel , und Hansjörg steckt alles nur in seinen Handel und sagt , daß er sich schon einmal für uns habe verkaufen lassen . Ja , Schwester , der Friede fehlt - und damit der Segen Gottes und alles . Die beiden reden vielmal gegeneinander , daß ich in den Boden versinken möchte oder gleich davonlaufen , wenn ich nur wüßte , wohin . « » Ach , daß ich doch recht und für immerzu helfen vermöchte ! « » Du wirst das schon können , wenn du einmal auf dem Stighof zu befehlen hast . Mir und dem Vater ist das jetzt immer der beste Trost - « Dorothee sank auf eine Bank zurück . Marie bemerkte nicht , wie weh sie der Schwester mit diesen Worten getan hatte , denn sie sah den Vater kommen und erinnerte sich nun daran , daß sie zur Bereitung des gewiß schon fertig erwarteten Mittagsmahls noch nicht einmal Feuer angemacht habe . Sie schickte Dorotheen aus dem etwas kühlen Vorhaus in die Stube , damit sie unbemerkt ein Ei und etwas gutes Mehl zur Bewirtung des seltenen Gastes in der Nachbarschaft auftreiben könne . Dorothee begab sich in das dunkle Wohnzimmer mit dem großen Ofen und den schwarzen Wänden . Nirgends ein Schmuck oder etwas , das das Auge zu fesseln vermochte . Die Erinnerungen , die in Dorotheen erwachten , kamen ihr wie ein böser Traum vor . Sie dachte an die freundlichen Zimmer auf dem Stighof und sagte sich , daß es doch nur Ehrensache für Hansen wär ' , auch wieder einmal an dieses Nest zu denken . » Bist du auch da ? « redete sie der Vater etwas unfreundlich an und ging dann , ohne ihr noch einen Blick zu gönnen , rasch in der Stube auf und ab . Heute schien keines der glatten Worte kommen zu wollen , mit welchen sonst ihr Lohn und ein besonderer » Gruß « der alten Stigerin erwartet wurden . Das erschreckte sie noch mehr , als was sie schon von der Schwester hören mußte . Sie wäre gern zu dieser in die Küche , doch wagte sie sich nicht mehr zu regen , als des Vaters kurze gedrungene Gestalt sich wie drohend hart vor sie hingestellt hatte . Lange saß sie zitternd und schweigend , bis sie endlich Mut gewann , der ihr unerträglich gewordenen Stille ein Ende zu machen . » Wie lebt Ihr , Vater ? « fragte sie mit bebender Stimme . » Von einem Tag in den anderen , wenn das allenfalls auch gelebt heißt « , antwortete das Mathisle , indem es sich zum Lachen zwang . Es gelang ihm aber so schlecht , daß es den Versuch sofort wieder aufgab und sich seufzend auf einen alten Lehnstuhl warf . » Fehlt Euch etwas ? « wagte das Mädchen wieder zu fragen . » Alles . « » Ich hab ' Geld mitgebracht ; freilich ist es nicht gerade mehr viel , aber - « » Das wär ' wenigstens das . Nur her mit . Ich höre Hansjörgen , den Lümmel , schon vor der Tür , und was der einmal sieht , hat unsereiner gesehen . « Dorothee zog ein kleines Beutelchen heraus , welches ihr der Vater sofort entriß und einsteckte . Dann durchschritt er etwas langsamer als vorher die Stube und begann vom Wetter zu reden . Hansjörgen , der die Schwester kühl , aber doch freundlich begrüßte , schien des Vaters lange Lobrede auf die wunderschönen Herbsttage verdächtig vorzukommen . Lächelnd bemerkte er : » Es ist doch ein Glück , daß es immer so genug Wetter gibt . Immerfort hat der Vater etwas in dasselbe zu wickeln , und besonders erst halbfertiges Zeug liebt er darin zu verstecken . Aber gar so viel Wetter können wir doch in dem elenden Neste da nicht brauchen , drum will ich gleich eine Ladung mit hinausnehmen ; auf die Art gibt ' s Platz und können wir nachher um so näher zusammenrücken . « Gar so schlimm konnte er doch nicht sein , der das jetzt so gemütlich sagte , nur um eine leicht zu machende Beobachtung auszusprechen , nämlich die , daß man ihn hier noch nicht vermissen würde . Er sollte jedoch dieses Gefühl nicht länger haben . » Bleib nur da ! « sagte die Schwester und hätte gern etwas recht Witziges beigefügt , wenn ihr nur auch etwas eingefallen wäre . Ihr aber ging das Spötteln hier nicht so leicht wie dem Bruder , der sich nun auch über Marien lustig machte , da diese unter die Stubentür kam und rief , daß sie sich wahrhaft schäme , weil sie nicht einmal etwas Ordentliches aufzutischen imstande sei . » Wenn du dich schämst « , entgegnete er , » so brauchst du nicht vor uns zu stehen wie ein magerer Küchenzettel , sondern du kannst dich in den Mehltrog verstecken und mit dem Schmalztopf läuten , bis dein Schmarren verzehrt ist . « Das nun aber war denn Dorotheen doch gar zu arg , und bei nächster Gelegenheit wollte sie den Bruder ernstlich daran erinnern , daß so etwas nicht einmal für Unbeteiligte ein Spaß sei , geschweige denn für solche , die darunter leiden müßten . Zu dieser Predigt aber kam sie nicht , hatte dagegen bald Ursache , dem Bruder dankbar zu sein , daß er alles niederspotten konnte , was wie ein böses Gespenst sich aufrichten und Schwermut erregen oder Unfrieden stiften wollte . Unter dem Essen pflegen die Bregenzerwälder sehr wenig zu reden . Arme und Reiche löffeln schweigend ihre Suppe aus der für alle mitten auf den Tisch gestellten großen Schüssel und wischen alsdann den mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen bezeichneten Löffel am Tischtuch ab , was immer soviel heißt als : » Ich habe genug , und ihr könnt mit dem Dankgebet anfangen . « Hansjörg aber , der die üble Stimmung der Tischgenossen sah , schien viel mehr an die Erheiterung derselben als an die Stillung seines Hungers zu denken . Besonders gern beschäftigte er sich mit den Torheiten der Angesehensten in der Gemeinde . Für Dorotheen hatte dieses schonungslose Bloßlegen menschlicher Schwächen anfangs etwas ungemein Peinliches . Bald aber sah sie im Bruder nicht mehr nur den scharfen Beobachter , der aus der Welt herein für die heimatlichen Verhältnisse ganz