jenes Mannes alles Streben nach geistiger Höhe und moralischer Tüchtigkeit wertlos zusammensinke vor einem Schemen , den erbärmliche Menschensatzungen mit trügerischem Goldschaume bekleiden ! « Frau Ferber heftete einen erstaunten Blick auf ihre Tochter , in deren Zügen sich plötzlich alle Spuren einer tiefen Gemütsbewegung zeigten . Der Oberförster dagegen klemmte seine Pfeife zwischen den Zähnen fest und klatschte in seine gewaltigen Hände . » Else , Goldkind ! « rief er endlich . » Na , gib deine Hand her , bist ein wackerer Kämpe durch und durch ! ... Ja , auch ich sage , Gott behüte mich , daß ich die Zahl derer vermehre , die um ihres persönlichen Vorteils willen ihren ehrlichen Namen aufgeben ... Gelt , Adolf , wir machen das Kirchenbuch in der kleinen schlesischen Dorfkirche , wo wir getauft worden sind , nicht zu schanden , wir schreiben unseren Namen fort und fort , wie er dort eingetragen ? « » Und wie er ein halbes Jahrhundert hindurch in Freud ' und Leid uns treulich begleitet hat , « bekräftigte Ferber mit seinem ruhigen Lächeln . » Das Dokument werde ich für diesen hier , « - er legte seine Hand auf den Lockenkopf des kleinen Ernst - » unseren Stammhalter , aufheben , bis er selbst ein eigenes , reifes Urteil hat . Ich kann und darf jetzt nicht für ihn entscheiden ; aber ich werde ihn zu lenken wissen , daß er es dereinst vorzieht , seinen Weg durch eigene Kraft zu gehen , und nicht , träge auf dem Lotterbette alter Traditionen und Ungerechtigkeiten liegend , Vorrechte genießt , die allein nur das edle Streben krönen sollten ... Die Gnadewitze haben auf ihrer langen Laufbahn der Welt nichts gegeben , dafür aber um so mehr genommen ; sie mögen modern in ihrer Gruft , und ihr unverdient berühmter Name mit ihnen ! « » Sela ! « rief der Oberförster und klopfte seine Pfeife aus . Er stand auf . » Jetzt wollen wir gehen , « sagte er zu seinem Bruder , » und Rücksprache mit dem Lindhofer Pfarrer nehmen . Der Platz unter den schönen Linden auf unserem Dorfkirchhofe gefällt mir tausendmal besser , als die drei düsteren Wände da droben , zwischen denen unsere Stammmutter lange Jahre hat ruhen müssen . Und damit die schwere , kalte Erde ihren Sarg nicht berühre , wollen wir das Grab ausmauern und mit einem Steine verschließen lassen . « Er entfernte sich , von Ferber und Reinhard begleitet , und während die Mutter und Miß Mertens den Juwelenkasten in Sicherheit brachten , stieg Elisabeth die Leiter am Erker in die Höhe , schob die Bretter hinweg und schlüpfte hinab in das verborgene Gemach . Ein feiner Strahl der Abendsonne fiel schräg durch einen rubinroten Glasstreifen des Fensters und warf auf den Namen » Lila « einen blutigen Schein . Lange stand das junge Mädchen mit gesenktem Haupte und gefalteten Händen neben dem einsamen Totenschreine , in welchem jenes heiße Herz schlief seit dem Augenblicke , da sein Jammer ein Ende hatte und in Grabesstille verhallte . Jahrhunderte waren vorübergeflogen ; sie hatten all den hinreißenden Zauber jenes kurzen Daseins , die stürmischen Gefühle , durch die es seinen Untergang fand , hinweggespült , als sei all das nie gewesen , und doch wähnte das junge Herz , das bang und unruhig inmitten der stillen Totenkammer klopfte , sein inneres Stürmen könne niemals verhallen . 17 Das Ereignis auf Gnadeck war schon im Lindhofer Schlosse ruchbar geworden , noch bevor Reinhard dasselbe betrat . Die Maurer hatten auf ihrem Nachhausewege durch den Park einem Bedienten die wunderbare Geschichte erzählt , worauf diese , von Mund zu Mund laufend , mit Blitzesschnelle zu den Damen des Hauses gedrungen war und dort beinahe die Wirkung einer hereinfallenden Bombe gehabt hatte . Es war ein Lieblingsthema der Frau Baronin , die Lehre vom blauen Blute in ihrer Untrüglichkeit zu beweisen . Sie behauptete , mittels einer sehr feinen , empfindlichen Organisation das Vorhandensein dieses bevorzugten Lebensstromes zu erkennen , herauszufühlen an Personen , deren Namen sie noch nicht einmal wußte . Es war somit ganz natürlich , daß sie auch jedes versprengte edle Tröpfchen in plebejischen Adern scharfsichtig erkannte . Aus dem Grunde gab sie auch stets bereitwillig zu , daß die » kleine Ferber « etwas Distinguiertes in ihrer Erscheinung habe , als das unleugbare Erbteil ihrer adlig geborenen Mutter ... Dem Oberförster gegenüber hatte sich jedoch jene untrügliche Stimme immer so mäuschenstill verhalten , daß es ihr nicht im Traume eingefallen wäre , ihm für seinen Gruß anders zu danken , als mit einem Kopfnicken nach der Schablone für Niedrigstehende . Ja , im edeln Zorne darüber , daß dieser ungeschliffene Mensch und Gottesverächter seiner Nichte Bertha die ferneren Schloß- und Bibelstundenbesuche verboten hatte , war sie zum öfteren so weit gegangen , zu behaupten , man sähe ihm seine gemeine Abkunft auf hundert Schritt Distanz an ... Und nun sollte gerade er ihren hundertmal erprobten Spürblick für aristokratisches Blut zu schanden machen ! Er war der Abkömmling eines berühmten Geschlechts , war der Träger eines Namens , den der Nimbus feudalen Glanzes bis in die fernste Zeit zurück umschwebte ! Freilich lag eine große Beruhigung für sie in dem Gedanken , daß das edle Blut durch bürgerliche Heiraten während zweier Jahrhunderte unkenntlich geworden sei . Sie sprach dies in sehr lebhafter Weise gegen Fräulein von Walde aus , die , still auf ihrem Ruhebette liegend , mit einem feinen spöttischen Lächeln die Aufregung der Baronin beobachtete . War es nun das persönliche Interesse für die Familie Ferber , oder ein vorurteilsfreier Standpunkt der jungen Dame , von welchem aus sie ihrer Kousine die kleine Lehre gönnte , genug , sie richtete sich auf und sagte lebhaft , nicht ohne eine leichte Beimischung von Schärfe : » Verzeihe , aber das ist ein kleiner Irrtum , Amalie ... Ich weiß ganz genau , daß die Frau des Forstschreibers nicht die einzige Adlige ist , die in die Familie Ferber geheiratet hat . Sie sind ein schönes , geistig hervorragendes Geschlecht immer gewesen , dessen persönliche Vorzüge mehrere Male den Sieg über Geburtsvorurteile davongetragen haben ... Es dürfte leicht sein , daß sich nicht mehr bürgerliche Heiraten in jener Familie aufzählen lassen , als deren auf den Stammbaum des guten Lessen fallen , und du wirst doch sicher nicht aufstellen wollen , daß kein reines Blut in Bellas Adern fließe ? « Ein leichtes Rot flackerte über die fahlen Wangen der Baronin und der Blick war nichts weniger als liebevoll und sanftmütig , der unter den halbgesenkten , weißbewimperten Augenlidern hervor nach dem jungen Mädchen zuckte . Aber es erschien fast ebenso schnell ein versöhnliches Lächeln um ihren Mund . Sie fühlte zu ihrem Entsetzen seit gestern öfter den Boden unter ihren Füßen wanken . Es war eine erschreckende Wahrnehmung für sie , plötzlich da auf Widerspruch zu stoßen , wo sie seit einem Jahre blinde Unterwerfung und völlige Hingebung zu sehen gewohnt war . Sie hatte übrigens ganz recht , wenn sie den Grund der Veränderung in Helenes Benehmen nicht eigentlich in dem » unseligen « Einflusse von deren Bruder suchte , sondern die Schuld bei weitem mehr ihrem Sohne zumaß , der in den letzten Tagen eine so eigentümliche Haltung angenommen hatte . Helene war zwar im Grunde eine durchaus edle Natur , befähigt , sich für Großes und Edles zu begeistern , und vom besten Willen beseelt , das Gute zu thun ; aber sie war von Kindheit auf daran gewöhnt , sich als den Mittelpunkt allseitiger zärtlicher Fürsorge und Rücksicht zu betrachten . Sie hatte , trotz ihrer körperlichen Gebrechen , nie die Bitterkeit der Zurücksetzung empfinden müssen . Um sie die Verkürzung ihrer natürlichsten Rechte vergessen zu machen , war jedes im Umgange mit ihr beflissen , sie doppelt auszuzeichnen . Wohl wissend , daß sie dem Berufe als Gattin entsagen müsse , hatte sie doch ihr an Zärtlichkeit so reiches Herz jubelnd der ersten Liebe geöffnet , und wenn sie im stillen weinend die Natur ob der ihr widerfahrenen Vernachlässigung und somit der Zerstörung ihres Lebensglückes anklagte , so blieb ihr doch immer die beseligende Gewißheit , daß ihre Neigung erwidert werde . Die unausgesetzten Aufmerksamkeiten Hollfelds , sein stetes Verweilen in Lindhof , einzelne hingeworfene zärtliche Worte waren freilich geeignet gewesen , diese Meinung zu einer unerschütterlichen zu machen ... Nun war er plötzlich beleidigend zerstreut ihr gegenüber und vernachlässigte sie auf eine unerhörte Weise . Sie litt namenlos , ihr ganzes Innere empörte sich , die gekränkte weibliche Würde , ein nie gekannter heftiger Zorn und ihre unsägliche Liebe rangen miteinander ; sie war noch weit entfernt von jenem Stadium , welches edle Naturen früher oder später stets erreichen müssen : das der Resignation und Verzeihung . Sie wurde bitter und heftig , und diese Empfindungen offenbarten sich weniger dem , der ihr wehe that , als daß sie sich mit einer Art von Genugthuung gegen diejenigen richteten , deren Tyrannei das junge Mädchen um ihrer Liebe willen bis dahin widerstandslos ertragen hatte . Hollfeld hatte gerade , als die alte Kammerfrau der Baronin einer unerheblichen Meldung wegen in das Zimmer trat und alsbald mit geläufiger Zunge die merkwürdige Begebenheit auf Gnadeck mitteilte , den Damen vorgelesen . Hätten Helenes Blicke nicht überrascht an den Lippen der Erzählenden gehangen , so wäre ihr sicher die plötzliche Veränderung in den Zügen ihres Vetters nicht entgangen . Atemlos , mit dem Ausdrucke höchster Befriedigung hörte er zu . Die gefundenen Kleinodien hatten sich auf dem Wege über die verschiedenen Lippen zu einem » unermeßlichen Werte « gesteigert , und der einfache Sarg der schönen Lila war zu purem Silber geworden . Auch die Baronin hatte die auffallende Umwandlung in dem bisher so mürrischen Wesen ihres Sohnes nicht bemerkt und schleuderte ihm , infolge jener bitteren Zurechtweisung Helenes , logischerweise einen von dem jungen Mädchen ungesehenen Zornblick zu . Sie war jedoch erstaunt , ihn plötzlich Helene näher rücken zu sehen . Er legte das gestickte Rouleau im Nacken der jungen Dame zurecht und schob das Boukett in der Blumenvase näher zu ihr hin , damit sie den Blumenduft bequemer einatmen könne . » Helene hat ganz recht , Mama , « sagte er , einen sehr freundlichen Blick auf das junge Mädchen werfend , der mit einem glückseligen Lächeln erwidert wurde . » Es kommt dir am wenigsten zu , den guten Adel der Familie anzufechten . « Obgleich es ihr ein entsetzlicher Gedanke war , daß die bisher so tief unter ihr Stehende jetzt neben ihr stehen und an Reichtum sie sogar bedeutend überragen sollte , war die Baronin doch klug genug , die bittere Entgegnung , die ihr auf den Lippen schwebte , zu unterdrücken und sich mit der Aeußerung zu begnügen , daß die Sache denn doch zu unglaublich und fabelhaft klinge , als daß man ihr so unbedingt Glauben schenken dürfe . Sie müsse erst einen kompetenteren Augenzeugen hören , als die beiden Maurer seien , bevor sie sich entschließen könne , zu glauben . Dieser kompetente Augenzeuge schritt eben wie gerufen unter den Fenstern vorüber . Es war Reinhard , der von dem Berge zurückkehrte . Er lächelte , als er schleunigst zu Fräulein von Walde befohlen wurde , denn aus den neugierigen Fragen des Bedienten ersah er , daß der Fund auf Gnadeck im Schlosse bereits bekannt war , und daß er nur zu den Damen gerufen werde , um berichten zu sollen . Bei seinem Eintritte wurde er auch sofort von Helene mit Fragen bestürmt . Er erzählte in seiner ruhigen Weise , und es belustigte ihn über die Maßen , hinter den scheinbar nachlässig und gleichgültig hingeworfenen Fragen und Bemerkungen der Baronin die gespannte Neugier und den tiefsten Verdruß zu bemerken . » Und werden die Ferber auf jenen Zettel hin in der That Anspruch auf den alten Namen erheben dürfen ? « fragte sie , eine große Dahlia aus der Blumenvase ziehend und daran riechend . » Ich möchte wissen , wer ihnen das Recht streitig machen wollte , « erwiderte Reinhard . » Es bleibt einfach zu beweisen , daß sie die Abkömmlinge jenes ausgesetzten Hans von Gnadewitz sind , und das können sie zu jeder Stunde . « Die Dame legte den Kopf an die hohe Rücklehne ihres Stuhles und ließ die Lider wie ermüdet oder gelangweilt halb über ihre Augen sinken . » Nun , und jene entdeckten Schätze von Golkonda , sind die wirklich so unermeßlich , wie Frau Fama wissen will ? « fragte sie . Ihr Ton sollte spöttisch klingen , allein Reinhards feines Ohr hörte mit großer Genugthuung eine unsägliche Spannung und etwas wie eine geheime Angst heraus . Er lächelte . » Unermeßlich ! « wiederholte er . » Nun ja , es kommt bei dergleichen Dingen sehr viel auf den Begriff dessen an , den sie berühren ... Ich kann hier nicht urteilen . « Er hätte es sehr gut gekonnt , wie wir wissen , aber er meinte ungalanterweise , die kleine Aufregung der Ungewißheit sei der Dame ganz gesund . Das Examen würde höchst wahrscheinlich noch nicht so schnell sein Ende erreicht haben , wenn nicht plötzlich Bella in ihrer lebhaften , aufgeregten Weise in das Zimmer gestürzt wäre . » Mama , die neue Gouvernante ist angekommen ! « rief sie atemlos und warf mit einer schüttelnden Bewegung ihres Kopfes ihre roten Locken zurück , die vornüber gefallen waren . » Pfui , die ist noch häßlicher , als Miß Mertens ! « fuhr sie fort , ohne die mindeste Rücksicht auf den danebenstehenden Reinhard zu nehmen . » Auf ihrem Hute hat sie knallrotes Band , und ihre Mantille ist noch altmodischer , als die von Frau Lehr ... Mit der gehe ich ganz gewiß nicht aus , darauf kannst du dich verlassen , Mama ! « Die Baronin fuhr mit beiden Händen nach den Ohren . » Kind , ich bitte dich um Gotteswillen , sei nicht so laut ! « stöhnte sie . » Deine Stimme geht mir durch Mark und Bein ... Und was sind das für alberne Reden , « setzte sie streng hinzu . » Du wirst schon mit Mademoiselle Jamin gehen müssen , wenn ich es wünsche . « Diese mit ziemlicher Heftigkeit ausgesprochene Zurechtweisung , infolge deren die verdutzte Bella schmollend die Unterlippe hängen ließ und heimlicherweise ein Stück Franse an dem Fauteuil der Mama abriß , hatte einfach ihren Grund in der sogenannten Marterzeit , die auf Miß Mertens ' Weggang gefolgt war . Die Baronin hatte notgedrungen die einstweilige Aufsicht über Bella übernehmen müssen , und das war , wie sie versicherte , ein wahrer Totschlag für ihre Nerven . Fräulein von Walde gegenüber behauptete sie zwar stets , lediglich unter Miß Mertens ' Erziehungssünden leiden zu müssen ; im Grunde ihres Herzens aber fand sie , daß das Töchterlein in frappanter Aehnlichkeit alle Charaktereigenschaften des seligen Lessen geerbt hatte , worunter sich hauptsächlich ein unbeugsamer Starrsinn und der unbezwingliche Hang zum süßen Nichtsthun auszeichneten ... Sie war indes weit entfernt , zu denken , daß Miß Mertens Unrecht geschehen sei - diese Person hatte sich als Erzieherin bezahlen lassen , mithin verstand es sich von selbst , daß sie - natürlicherweise ohne je gegen die Wünsche und Ansichten der Mutter zu handeln oder die Schutzbefohlene gar eigenmächtig zu strafen - alle Fehler des Kindes beseitigte . Jener mütterliche Einblick in Bellas Charakter hatte deshalb auch ganz und gar keinen Vorteil für die schmerzlich erwartete neue Gouvernante - die unglückliche Französin mit der Farbe der Freude auf ihrem Hute hatte sicher keine Ahnung von den freudelosen Tagen , denen sie entgegenging . - In diesem Augenblicke jedoch fiel mit ihrem Kommen der Baronin ein Stein vom Herzen , und die Dame wünschte nichts weniger als einen Konflikt gleich zu Anfang zwischen Lehrerin und Zögling - deshalb wurden Bellas naseweise Ausstellungen gerügt . Die Baronin erhob sich und ging in Begleitung ihrer grollenden Tochter hinüber in ihre Gemächer , um die Angekommene in Augenschein zu nehmen . Zugleich wurde Reinhard von Fräulein von Walde entlassen . » Befiehlst du , daß ich weiter lese , Helene ? « fragte Hollfeld , nachdem die drei das Zimmer verlassen hatten , in sehr verbindlicher Weise , während er die Zeitung wieder aufnahm . » Später , « entgegnete sie zögernd und richtete forschend , aber doch mit einer Art schüchterner Beklommenheit ihre Augen auf ihn . » Ich wollte dich eigentlich bitten , da wir für einen Augenblick allein sind , mir endlich zu sagen , was dich in den letzten Tagen so sehr verstimmt hat ... du weißt , Emil , daß es mich unsäglich schmerzt , wenn du mir verweigerst , an dem , was dich freut oder bedrückt , teilzunehmen . Du weißt auch , daß es nicht müßige Neugier ist , die in deine Angelegenheiten eindringen will , sondern wahres , warmes Interesse für dein Wohl und Wehe ... Du siehst , daß ich schmerzlich unter deiner kalten Verschlossenheit leide ; sage mir offen , habe ich unwissentlich etwas gethan , um deswillen du mich deines Vertrauens nicht mehr für würdig hältst ? « Sie streckte wie flehend die Hände nach ihm aus ; ein Stein hätte sich erbarmen mögen bei dem unsäglich weichen , trauervollen Klange ihrer Stimme . Hollfeld bog das knisternde Zeitungsblatt zwischen seinen Fingern hin und her . Er hielt den Kopf gesenkt und vermied es konsequent , dem reinen , offenen Blicke des jungen Mädchens zu begegnen . Ein feiner Menschenkenner würde in dieser Haltung und den unter den gesenkten Lidern rastlos hin und her irrenden Augäpfeln wohl keinen Moment den Duckmäuser verkannt haben , der zögernd überlegt , wie er wohl am schlauesten handelt . Für ein argloses , liebendes Mädchenherz dagegen mochte diese hohe , ein wenig nach vorn gebeugte Gestalt mit dem schönen Gesichte unter den prächtigen blonden Haarwellen weit eher ein sinnender Apoll sein . » Mein Vertrauen hast du noch , Helene , « unterbrach endlich der Angeredete das minutenlange Schweigen , » du bist ja die einzige in der Welt , der ich vertraue « - Helenes Augen leuchteten auf bei diesen Worten , die Arme war ja so stolz auf diese Auszeichnung - » aber es gibt herbe Notwendigkeiten , die wir uns selbst zuerst nicht einmal eingestehen mögen , geschweige denn , daß wir den Mut haben , sie auszusprechen . « Die junge Dame richtete sich betroffen und in unaussprechlicher Spannung in die Höhe . » Ich bin gezwungen , « fuhr Hollfeld stockend fort , » einen Entschluß zu fassen , der mir sehr , sehr schwer wird , und das lastet seit einigen Tagen auf mir . « Er erhob jetzt den Blick , um zu sehen , welchen Eindruck seine Worte hervorgebracht hatten . Helene schien offenbar keine Ahnung von dem zu haben , was er sagen wollte , denn sie veränderte ihre Haltung nicht im geringsten und schien die Worte von seinen Lippen lesen zu wollen . Er sah sich also genötigt , weiter zu operieren , ohne daß sie ihm zu Hilfe kam . » Du weißt , Helene , « sprach er langsam weiter , » daß ich seit einem Jahre unsäglichen Verdruß mit meinen Wirtschafterinnen gehabt habe . Sie laufen mir auf und davon , ehe ich mich dessen versehe , und ich vermag nichts , diesem Unwesen zu steuern ... Vorgestern hat mir die letzte , die kaum vor zwei Wochen den Dienst angetreten hat , wieder gekündigt ... Ich bin außer mir , denn der bitterste Schaden erwächst mir aus dem ewigen Wechsel ; meine Besitzung ist mir dadurch vollständig verleidet . « » Ah , du willst Odenberg verkaufen ? « unterbrach ihn Helene lebhaft . » Nein , das würde Thorheit sein , denn es ist eines der schönsten Güter in Thüringen , aber ich bin gezwungen , einen anderen Ausweg zu suchen ; es wird mir nichts anderes übrigbleiben , als - mich zu verheiraten . « Wenn eine plötzliche Gewalt die junge Dame gepackt hätte , um sie in einen fürchterlichen Abgrund zu schleudern , ihr Gesicht würde sicher nicht mehr schreckensvolle Ueberraschung und Entsetzen ausgedrückt haben , als in diesem Augenblicke . Sie öffnete die schneebleich gewordenen , zuckenden Lippen , aber kein Laut kam hervor , und unfähig , ihren Schmerz zu bewältigen , schlug sie plötzlich die Hände vor das Gesicht und sank mit einem leisen Weherufe in die Kissen zurück . Hollfeld eilte sofort an ihre Seite und nahm ihre beiden Hände in die seinigen . » Helene , « flüsterte er leise , aber zärtlich - der Ton gelang ihm vortrefflich - » willst du , daß ich rede und dir eine wunde Stelle in meinem Herzen zeige ? ... du weißt es nur zu gut , daß ich dich liebe , und daß diese Liebe meine erste und einzige durch mein ganzes Leben hindurch bleiben wird . « Die Zunge verdorrte ihm nicht bei dieser abscheulichen Lüge , ja , sie vermochte sogar mit einer ihr sonst fremden Geschmeidigkeit tiefinnige Klänge anzuschlagen , welche die ganzen Gefühle des jungen Mädchens aufstürmten und in einen unaussprechlichen Taumel versetzten . Hätte ein guter Engel der Armen zugeflüstert , sie möge nur ein einziges Mal die Augen aufschlagen , so wäre freilich der furchtbare Schmerz der Enttäuschung unausbleiblich für sie gewesen , denn der Blick , der bei jener Versicherung über ihre verkrüppelte Gestalt hinglitt , war ein überaus spöttischer ; aber sie hätte doch vielleicht in ihrer Entrüstung die Kraft gefunden , sich den Schlingen des erbärmlichen Egoisten zu entziehen . Ihre Augen blieben jedoch geschlossen , als wolle sie die ganze Außenwelt von sich weisen , um einzig in dem Klange der Stimme zu schwelgen , die zum erstenmal das Wort der Liebe aussprach . » Wollte Gott , « fuhr er fort , » ich dürfte meinem Herzen folgen und nur dieser Neigung leben , denn wenn auch meine höchsten Wünsche unerfüllt bleiben müssen , so bin ich doch glücklich neben dir , in deinem Umgange , Helene ... Aber , du weißt , ich bin der letzte Hollfeld , schon aus dem Grunde bin ich gezwungen , mich zu vermählen ... Es bleibt mir nur ein Mittel , mir dieses Opfer zu erleichtern ; ich muß eine Frau wählen , die dich kennt - « » O , sag es nur schnell ! « rief Helene in ausbrechendem Schmerze , während unaufhaltsame Thränenströme aus ihren Augen stürzten , » du hast bereits gewählt , meine Ahnung hat mich nicht betrogen , es ist Cornelie ! « » Die Quittelsdorf ? « rief er lachend , » dieser Irrwisch ? ... Nein , da will ich doch lieber mein Hab und Gut in den Händen widerspenstiger Wirtschaftsmamsellen wissen ! ... Wo käme ich hin bei meinem ohnehin nicht sehr bedeutenden Einkommen mit solch einer putzsüchtigen , leichtsinnigen Frau ! ... Uebrigens sage ich dir ja , und ich wiederhole es ausdrücklich , daß ich noch nicht gewählt habe ; laß mich denn ausreden , süße Helene , und weine nicht so schrecklich , du zerschneidest mir das Herz . Ich müßte also eine Frau haben , die dich kennt und lieb hat , die einfachen Sinnes und so verständig ist , daß ich ihr sagen kann : mein Herz gehört einer anderen , die ich nicht besitzen kann , sei mir und dieser anderen eine Freundin . « » Und glaubst du , dazu würde sich irgend eine verstehen ? « » Gewiß , wenn sie mich lieb hätte . « » Nun , ich könnte es nicht , nie , nie ! « Sie vergrub , konvulsivisch schluchzend , ihr Gesicht in die Kissen . Auf Hollfelds wachsbleicher , glatter Stirn erschienen plötzlich zwei häßliche Falten . Seine Lippen preßten sich aufeinander , und die Farbe trat für einen Augenblick aus seinen Wangen . Er war offenbar sehr zornig . Ein Ausdruck des Hasses glühte in seinem Auge auf , als es auf der jungen Dame haftete , die ihm das Spiel , das er sich so leicht gedacht hatte , wider alles Erwarten erschwerte . Er beherrschte sich jedoch und hob mit sanfter , liebkosender Hand ihr Gesicht in die Höhe . Das arme Wesen zuckte und zitterte unter dieser heuchlerischen Berührung und ließ willenlos ihr zartes Köpfchen auf seiner Hand liegen . » Du würdest mich also verlassen , Helene , « frug er traurig , » wenn ich den schweren Schritt thun müßte ? Würdest dich von mir abwenden und mich einsam lassen mit einer ungeliebten Frau ? « Sie hob die vom Weinen geröteten Lider in die Höhe , und ein Strahl unsäglicher Liebe brach aus ihren Augen . Er hatte seine Rolle vortrefflich gespielt und erkannte aus diesem einen Blicke sofort , daß er gewonnenen Boden unter den Füßen habe . » Du kämpfst jetzt denselben Kampf , « fuhr er fort , » den ich in den letzten Tagen durchmachen mußte , ehe ich zu dem festen Entschlusse kam ... Im Augenblicke mag auch dir der Gedanke schrecklich sein , daß eine dritte Person in unser schönes Verhältnis eintreten soll ; ich gebe dir aber mein Wort , daß dies durchaus nicht auf störende Weise geschehen wird ... Bedenke , Helene , daß ich dann viel mehr für dich thun , für dich leben kann , als jetzt ... Du kannst zu mir nach Odenberg ziehen , und ich will die Hände unter jeden deiner Schritte legen , will dich behüten und halten wie meinen Augapfel . « Hollfeld besaß nicht Geist , dafür aber einen hohen Grad von Schlauheit , wie wir sehen , mit der er wirksamer agierte , als vielleicht ein anderer mit bedeutenden Gedanken . Sein armes Opfer ging mit blutendem , zerrissenem Herzen und völlig zerstörter Willenskraft in sein Netz . » Ich will es versuchen , den Gedanken zu ertragen , « flüsterte Helene endlich fast unhörbar . » Was aber müßte das für ein Wesen sein , das mich duldet , und das ich endlich als Schwester lieben lernte ... Kennst du wohl ein solch opfermutiges , hochstehendes weibliches Gemüt ? « » Ich habe eine Idee ... sie kam mir vorhin ganz plötzlich ... sie ist aber ganz flüchtig und unausgebildet . Ich behalte mir vor , sie dir nach reiflicher Ueberlegung mitzuteilen ... Aber du mußt erst ruhiger werden , teure Helene . Bedenke , ich lege ja die Wahl meiner künftigen Gattin einzig und allein in deine Hände ; es hängt von dir ab , das zu verwerfen oder anzuerkennen , was ich dir vorschlagen werde . « » Und fühlst du dich stark genug , neben einem Weibe zu leben , dem dein Herz nicht gehört ? « Er unterdrückte weislich ein spöttisches Lächeln , denn Helenes Augen hingen an seinem Munde . » Ich kann alles , was ich will , « antwortete er , » und deine Nähe wird mir Kraft geben ... Um eins aber will ich dich bitten , sage meiner Mutter noch nichts von dieser wichtigen Angelegenheit . Sie will , wie du weißt , ihre Hände in allem haben , und ich dulde nun einmal ihre Bevormundung nicht ; sie erfährt die Sache noch zeitig genug in dem Momente , wo ich ihr meine Braut vorstelle . « Zu jeder anderen Zeit würde dieser herzlose , unkindliche Ausspruch Helene empört haben , aber in diesem Augenblicke hörte sie ihn kaum ; denn ihr ganzes Fühlen und Denken wirbelte abermals in einem wilden Aufruhr durcheinander bei dem einzigen Worte » Braut « , das nun einmal - obgleich es sehr oft namenlos unglückliche Bräute gibt - den Begriff von Liebesseligkeit und Maiwonne an sich knüpft . » O mein Gott ! « seufzte sie und rang die fest zusammengeballten Hände , die auf ihren Knieen lagen , in namenloser Qual . Ich habe immer gehofft , das nicht erleben zu müssen ... Nicht , daß ich so selbstsüchtig gewesen wäre zu denken , du solltest um meinetwillen einsam durchs Leben gehen , aber ich glaubte , die voraussichtlich kurze Dauer meines Daseins würde dich bestimmen , diesen Schmerzenskelch an mir vorübergehen zu lassen , du würdest warten , bis meine Augen das Schreckliche nicht mehr sehen könnten . « » Aber Helene , wo gerätst du hin ? « rief Hollfeld , nur noch mühsam seine Ungeduld unterdrückend . » Wer wird in deinen Jahren an den Tod denken ! ... Leben , leben wollen wir und mit der Zeit noch recht glücklich werden , das hoffe ich ganz gewiß ... Ich will dich jetzt allein lassen . Ueberlege dir die Sache , und du wirst zu demselben Schlusse kommen wie ich . « Er drückte ihre Hände zärtlich an seine Lippen , hauchte einen Kuß auf ihre Stirn - was er bis dahin nie gethan hatte - , nahm seinen Hut und verließ leise das Zimmer . Draußen , nur durch die Thür von der armen Getäuschten geschieden , schlug er verschmitzt lächelnd ein Schnippchen ; wie gemein und bubenhaft sah er in diesem Augenblicke aus ! Er war über die Maßen zufrieden mit sich selbst ... Noch vor einer Stunde war sein Herz von Grimm erfüllt gewesen . Seine Leidenschaft für Elisabeth , durch den Widerstand des jungen Mädchens zu einer rasenden angefacht , war in hellen Flammen über seinem eigenen Haupt zusammengeschlagen und hatte ihn seit gestern um alle seine gerühmte Selbstbeherrschung gebracht . Inmitten dieser Liebesraserei war ihm aber trotzdem nicht ein einziges Mal der Gedanke gekommen , dem heißbegehrten Mädchen seine Hand zu bieten , um in ihren Besitz zu gelangen ; er würde sich selbst für wahnsinnig gehalten haben , wenn eine solche Idee durch seinen Kopf geflogen wäre . Dafür aber zermarterte