verstohlen gönnte sie es sich , auf den Geliebten hinzusehen . Sein Brauner tanzte leicht die Straße hinab , leicht und gewandt schwang der Graf sich aus dem Sattel . Als der Reitknecht ihm den Zügel abnahm , hob der Graf den Kopf empor zu ihrem Fenster . Ob er es ahnt , daß ich hier warte und nach ihm spähe ? fragte sie sich . Sie trug das größte Verlangen , ihm irgend ein Zeichen zu geben , daß sie wache , seiner denke ; sie hatte ihm so viel zu sagen , sie sehnte sich so sehr nach einem letzten vertrauten Worte mit ihm , aber sie konnte sich nicht entschließen , sie zögerte . Da pochte es leise und vorsichtig an ihr Zimmer . Erschreckt , erfreut , eilte sie nach der Thüre und blieb doch auf halbem Wege regungslos stehen . Es klopfte noch einmal . Seba , öffne , ich bin ' s ! flüsterte eine Stimme , die ihr das Herz bewegte . Sie faltete die Hände über ihre Brust ; sie hoffte er werde vorübergehen , und doch lauschte sie ängstlich und sehnsüchtig auf noch einen Ton , auf noch ein Wort von außen , und sie ließen nicht lange auf sich warten . Seba , bat es noch einmal , Seba , ich bin es ! Sie konnte dem Tone nicht widerstehen . Sie trat an die Thüre , öffnete , und mit dem Ausrufe : Wie habe ich Dich erwartet und ersehnt ! reichte sie ihm ihre Hände entgegen . Aber er breitete nicht wie sonst , wenn sie sich im Garten oder bei der Kriegsräthin allein gesehen hatten , die Arme aus , sie zu umfangen , und fast spöttisch sagte er : Erwartung und Sehnsucht haben Dich , wie es scheint , doch ruhig schlafen lassen . Ich bin schon lange an Deiner Thüre . Schlafen lassen ? wiederholte sie schmerzlich ; wie könnte ich schlafen in dieser Nacht ! Ich stand am Fenster und wartete auf Dich ; ich sah Dich kommen und , fügte sie leise hinzu , das Auge schüchtern senkend , ich hörte Dich gleich ! Du hörtest mich , und Du öffnetest mir nicht , da Du doch wußtest , daß wir scheiden müssen ? Seba war ihrer selbst nicht Herr . Die Kälte des Grafen und der sonderbare Ausdruck seiner Mienen verwirrten sie . Sie konnte es sich nicht deuten , weßhalb er gekommen war , wenn er ihr nicht wie sonst die zärtlichen Worte seiner Liebe aussprechen oder ihr sagen wollte , was er für sie auf dem Herzen hatte . Nur sein Blick ruhte auf ihr unverwandt , und es dünkte sie , als freue , als weide er sich an ihrer Verwirrung und an ihrer Pein . Es wurde ihr immer beklommener um das Herz ; endlich konnte sie die Stille nicht ertragen , es nicht ertragen , daß Gerhard so gebieterisch ihr gegenüber stand . Ach , rief sie , als müsse sie wider ihren Willen ihm die Wahrheit sagen , ich fürchtete mich , ich wagte es nicht ! Seba ! rief er vorwurfsvoll , als kränke ihn das Wort , während doch ein Strahl unheimlicher Freude über sein Gesicht flog , daß es ihr trotz seiner Schönheit wie verwandelt erschien . Aber er faßte sich schnell , und mit dem kühlen spöttischen Lächeln , das ihr so quälend war , fügte er hinzu : Du bist sehr vorsichtig und klug , liebe Seba , das rechte Kind Deines Volkes ! Aber Du hast Recht , und vielleicht habe grade ich Dir am meisten dafür zu danken , daß Du überlegen konntest , wo mich meine Liebe und mein Verlangen unbesonnen hinrissen ! Ich will auch gehen ! Jedes seiner Worte fiel schwer auf sie hernieder . Sie wollte sprechen , sich vertheidigen , er ließ sie nicht dazu kommen . Lebe denn wohl , sagte er , die Zeit drängt , und mögest Du bald den Mann finden , dem Du mehr vertraust als mir ! Nur von Liebe hättest Du nicht sprechen sollen , Kind , einem Manne nicht sprechen sollen , der bereit war , Dir Alles zu opfern , und dessen letztes Wort Dein Name sein wird ! Deine Kälte , Dein ruhig überlegender Verstand bringen auch mich zum Ueberlegen ! Lebe denn wohl - und laß uns scheiden ! Du hast Recht ! Er wandte sich von ihr , sie warf sich ihm zu Füßen . Nicht über diese Schwelle , rief sie , indem sie seine Hände erfaßte , nicht über diese Schwelle , ehe Du mich nicht gehört , mir nicht verziehen hast ! - Er that , als wolle er sich von ihr frei machen , sie hing sich nur fester an ihn . Nicht Dir mißtraute ich , rief sie , nicht Dir ! Sie war außer sich , sie konnte vor Weinen und vor Erregung nichts weiter sprechen . Reizender hatte er sie nie gesehen , solcher Leidenschaft hatte er das schöne junge Geschöpf nicht für fähig gehalten . Dieser Flamme , dieser hingebenden Liebe gegenüber bedurfte es seines berechneten Schürens nicht . Er schwor sich ihr zu mit den heiligsten Eiden , er war nahe daran zu glauben , was er ihr sagte und gelobte und beschwor , und der Tag mit seinem Leben war schon emporgekommen , als sie endlich schieden . Drittes Capitel Der Abmarsch der Truppen , die , erst zu einem Feldzuge gegen Rußland zusammengezogen und dann als Reserven für den Krieg in Frankreich bestimmt , den ganzen Winter und das halbe Frühjahr hindurch in der Stadt gewesen waren , verursachte an dem entscheidenden Tage viel Handel und Verkehr . Herr Flies hatte in seinem Comptoir mit Wechselgeschäften vollauf zu thun , die Mutter , welche sonst derlei Hülfe schon seit Jahren nicht mehr zu leisten brauchte , hatte heute wieder einmal den Verkauf im Laden übernehmen müssen , denn manch ein Ring und manch ein Andenken wurden noch erhandelt . Die Hausthüre stand nicht still , die Thürklingel kam nicht viel zur Ruhe . Auch auf der Treppe war beständige Bewegung . Seba sah den Grafen mehrmals gehen und wiederkehren . Jetzt wird er kommen , jetzt ist er da , jetzt muß es sein ! sagte sie sich , jedes Mal zusammenschreckend , wenn er sich ihrem Zimmer näherte , aber wieder ging er vorüber , und das angstvolle Hoffen und das Horchen und das Sinnen und das Grübeln begannen auf ' s Neue . Draußen schien die Sonne strahlend hell , aber Seba vermochte sich nicht daran zu erfreuen . Es war ihr , als leuchte die Sonne heute so unerbittlich in ihr Herz , daß es sich ihr in der Brust krampfhaft zusammenzog . Sie hätte die Augen gern von sich selber abgewendet . Den ganzen Morgen blieb sie mit sich allein , nicht Vater , nicht Mutter fragten heut ' nach ihr . Erst um elf Uhr , als die Kinder aus der Schule heimkehrten , kam Paul zu ihr und verlangte bei ihr zu bleiben , da die Kriegsräthin ausgegangen sei , den Abmarsch der Soldaten anzusehen . Ja , entgegnete Seba , bleibe bei mir ! Aber er verlor beinahe die Lust dazu , denn ihr Gesicht war traurig , und noch ehe sie ihm ein anderes Wort gesagt hatte , trat der Graf zu ihnen ein . Ohne des Knaben Anwesenheit zu beachten , fiel Seba dem Grafen um den Hals , indeß auch dieser sah nicht so heiter und so selbstzufrieden aus , als sonst . Er umarmte Seba , er küßte sie , und küßte sie immer wieder . Er sprach leise mit ihr , daß Paul es nicht verstand , und endlich riß er sich aus Seba ' s Armen los , und Seba weinte bitterlich und laut . Als der Graf schon auf der Schwelle stand , schrie Seba auf . Es schnitt dem Knaben durch das Herz . Gerhard , rief sie , Gerhard , so kannst Du von mir gehen ? Sie eilte ihm nach , sie klammerte sich an ihn , als wollte sie ihn ewig halten , und küßte ihn unter Thränen . Er war erschüttert , er bat sie , sich zu beruhigen , sich zu fassen , auf ihn zu bauen . Indeß sein Wort war eilig , sein Ton war kälter als sein Wort , und zum ersten Male glaubte sie ihm nicht . Da , als er sich entfernen wollte , faßte sie seine Hand , und mit einer Kraft , die aus dem Tiefsten ihres Herzens kam , sagte sie : Gerhard , Du weißt es , ich liebe Dich sehr , sehr , und - fügte sie klanglos und bebend hinzu - es ist furchtbar , aber mir ist heute , als fühlten wir beide jetzt nicht dasselbe ! Wenn Du mich vergessen , mich verlassen könntest ! O , nur das nicht , nur das nicht ! rief sie flehend aus , indem sie ihre Hände ängstlich wie zum Gebet faltete . Der Graf blickte sie an , es zuckte durch sein Antlitz , er drückte sie noch einmal an sein Herz , und ohne ein Wort zu sprechen , eilte er von dannen . Seba blieb mitten in dem kleinen Gemache stehen . Sie hörte , wie er fortging , die Treppe hinunter , wie er die Hausthüre öffnete , sie hörte den Vater und die Mutter mit ihm sprechen , sie hörte den Hufschlag seines Pferdes , und hörte denselben weiter und weiter verhallen . Horchend , als hinge ihr Leben an dem Schalle , hatte sie die Augen geschlossen , die Arme hingen ihr schlaff herab . Das mißfiel dem Knaben . Er ging zu ihr , ergriff und schüttelte ihren Arm und sagte : Seba , mach ' doch die Augen auf ! Der Graf ist ja fort ! Sie folgte dem Worte unwillkürlich , und wie sie um sich her blickte , wie sie sich mit dem Knaben allein fand , dessen dunkle Augen unverwandt in ihren Mienen zu lesen suchten , da faßte sie mit beiden Händen nach ihrem Herzen und entfloh aus dem Gemache . Sie konnte an dieser Stätte nicht mehr bleiben , sie konnte das Geräusch und das Pferdegetrappel und das Rollen der Wagen nicht aushalten , die sich von der Straße vernehmen ließen , sie konnte die Sonne und das Licht des Tages nicht ertragen . Paul hingegen sah zum Fenster hinaus , und das bunte Leben und Treiben belustigte ihn ; es war kaum durchzukommen vor dem Hause . Die Packpferde , welche die Zelte und die Betten und die sonstigen Bequemlichkeiten der jungen Officiere trugen , die schweren Feld-Equipagen , welche den älteren Officieren nachgefahren wurden , die Fourgons und alles , was zum Train gehörte , kam zum Vorschein und machte sich breit , aber von den Truppen war noch nichts zu sehen . Seit dem frühen Morgen standen die Soldaten auf dem Paradeplatze , von unbarmherziger Disciplin zusammengehalten , daß kein Glied sich regte , keine Miene sich verzog , wie auch die Sonne ihnen senkrecht auf den Scheitel brannte und die Zunge ihnen am Gaumen klebte . Aber nur die Gemeinen hatten es so übel , die Herren Officiere waren besser daran . Schöne Frauen trippelten auf ihren Absatzschuhen unter den Bäumen umher , welche den Platz umgaben , und manches zärtliche Wort ward noch gewechselt , mancher heimlich geleistete Eidschwur heimlich wiederholt ; denn sie hatten recht fröhlich und recht vertraut mit einander verkehrt , die fremden Herren Officiere und die Frauen und Mädchen der Stadt , und sie hatten deß kaum ein Hehl . Die Officiere rechneten es sich zur Ehre an , eine so schöne Begleitung zu haben , die Frauen waren stolz auf ihre vornehmen und prächtigen Verehrer . Wie zu einem Spiele zogen die jungen Herren aus , wie zu einer Lustreise gingen sie in den Krieg gegen die elende Rotte von Empörern jenseits des deutschen Rheines . Sie erbaten und erhielten Aufträge für Paris , das auch diese Herresabtheilung früher oder später zu erreichen hoffte . Die Kriegsräthin schärfte es ihrem Freunde , dem Hauptmanne , noch besonders ein , den Grafen Berka an den goldenen Chignonkamm zu erinnern , den er ihr aus Paris mitzubringen versprochen hatte , und sie that sicherlich wohl mit dieser Mahnung , denn der Graf , der auf der anderen Seite des Platzes eben vor seiner Schwadron hielt , sah nicht danach aus , als ob er an solchen Auftrag in diesem Augenblicke dächte . Er hatte die Kriegsräthin gar nicht bemerkt , als sie dem Vorüberreitenden ihren Gruß zugewinkt , er bemerkte überhaupt nicht viel von dem , was um ihn vorging . Nur zwei Augen sah er - zwei große , dunkle Augen schwebten ihm vor der Seele , die sich thränenschwer zu ihm erhoben , und zwei Arme streckten sich flehend gegen ihn aus , und er hörte den bangen Aufschrei eines verzweifelnden Herzens . Er hätte sie gern vergessen mögen , diese Augen und diesen Ton ! Er hätte lachen mögen über die Scherze seiner Cameraden , die ihn fragten , warum er keine Begleitung habe und wie es mit der Wette von neulich stehe . Aber so leicht sein Sinn auch war , das Lachen und Scherzen gelang ihm heute nicht , und seine Gedanken wollten ihm nicht gehorchen . Sie kehrten , wie er sich auch vorwärts wendete , in jenes stille Gemach zurück , zurück zu eines armen Weibes Schmerz ! Er athmete erst auf , als er die Stadt verlassen hatte , als das Thor schon lange hinter ihm lag und die Landstraße sich vor ihm in weiter Ferne aufthat . Seine Cameraden hatten ihn nie so finster und so still gesehen , und finster sah heute manche Stirne aus , still war es heut ' in manchem Hause . Die ganze Stadt kam ihren Bewohnern nach dem Abzuge der Truppen recht verödet vor . Mit den Festtagskleidern , die man zu Ehren der kriegerischen Gäste getragen , legte man bald auch die Leichtlebigkeit ab , in der man sich die Zeit her bewegt hatte . Die Rührigsten schienen müde zu sein und ruhten unwillkürlich aus , ohne Freude an der Ruhe zu haben . Die Einen hatten mehr Kräfte , die Anderen mehr Zeit und mehr Geld aufgewendet , als sie gemerkt und gewollt , und in gar vielen Häusern , in denen man noch vor wenigen Tagen fröhlich , als ob die Heiterkeit gar kein Ende haben könnte , beisammen gewesen war , weilten jetzt die Frauen einsam in ihren Stuben , ohne Lust , ihre Freundinnen aufzusuchen , und ohne Neigung , sich es vom Gesichte ablesen zu lassen , wie ihnen eigentlich an diesem Aschermittwoch nach dem militärischen Carneval zu Muthe war . Die Zeit wurde den Frauen lang , nun sie nicht mehr so heiter unterhalten wurden , aber Seba wurde die Zeit nicht lang , wenn schon die Tage und die Stunden auf ihr lasteten , daß sie fast davon erdrückt ward . Finster und schweigend saß sie in ihrer Stube oder auf dem gewohnten Platze der Mutter gegenüber , die Lippen zusammengepreßt , den Kopf brennend und schwer von einem Denken , das ohne Ausweg sich mit zermalmender Schärfe immerfort im Kreise drehte , von zagender Hoffnung , von zweifelndem Vertrauen und schwerem Bangen umhergetrieben . Im Hause und in des Vaters Geschäften ging Alles den gewohnten Gang . Die Eltern sahen es wohl , daß Seba niedergeschlagen war , aber sie hofften , da nun des Grafen Besuche und Galanterien ein Ende hatten , werde sie ihn bald vergessen und sich mit ihrem guten Verstande den ganzen kleinen Liebeshandel aus dem Sinne schlagen . Man dachte darauf , sie einmal durch eine schon lange geplante Reise zu zerstreuen , und der Vater ergriff jetzt doppelt gern jede Gelegenheit , seine Tochter mit Fremden in Berührung zu bringen , von deren Unterhaltung er sich ein Vergnügen für sie versprechen konnte . Eines Morgens , es war nur wenige Wochen nach dem Abmarsch der Truppen , kam gegen den Mittag hin der Architekt zu ihm , der nun schon seit Jahr und Tag im Orte wohnte . Denn seit Herbert den Kirchenbau in Richten übernommen hatte , waren ihm auch andere Bauten in der Provinz übertragen worden , und in jedem Betrachte noch frei und ledig , hatte er sich aus seiner rheinischen Heimath in diese entlegene Provinz übergesiedelt , um seine mannigfachen Arbeiten auf diese Weise sicher leiten und beaufsichtigen zu können . Weil nun der Freiherr von Arten seine Geldgeschäfte alle dem Herrn Flies überantwortete , war Herbert mit demselben bereits hier und da im Auftrage des Freiherrn in Berührung gekommen , und einem Auftrage des Barons galt auch sein heutiger Besuch . Es war nämlich neuerdings in Richten mehrmals von einem mittelaltrigen Waschgeräthe gesprochen worden , welches die Herzogin in Vaudricour hatte zurücklassen müssen und dessen Verlust sie stets beklagte . Der Freiherr hatte es , da es ein Familien-Erbstück und ein hochgehaltenes Meisterwerk aus dem fünfzehnten Jahrhundert war , seiner Zeit in Vaudricour bewundert , und der Marquis bei der Unterhaltung eine ungefähre Zeichnung davon entworfen , die von dem Architekten vervollkommnet und unter dem Beirathe der Herzogin so lange umgemodelt worden war , bis sie zu ihrer Freude einen völlig richtigen Abriß des ihr werthen Gegenstandes vor sich zu haben erklärte . Aber eben das Betrachten der Zeichnung machte an jenem Abende das Bedauern der Herzogin über den Verlust und die wahrscheinliche Zerstörung des schönen Geräthes erst recht lebhaft . Auch die Baronin äußerte ihr Wohlgefallen an den edeln Formen und den sinnreichen Verzierungen , und so entstand in dem Freiherrn , der es liebte , den Personen seiner Umgebung Freude und eine Ueberraschung zu bereiten , der Gedanke , heimlich zwei solcher Waschgeräthschaften anfertigen zu lassen : das eine für die Herzogin , das andere , bei welchem an die Stelle des Duras ' schen Wappens das Arten ' sche angebracht werden sollte , für die Baronin . Aber das Arten ' sche Wappen ließ sich seiner Gestalt nach nicht so leicht als das Duras ' sche in die auf dasselbe berechneten Formen der Geräthschaften einfügen , und eben deßhalb hatte der Baron , der nicht leicht einen Einfall aufzugeben pflegte , von dem er sich eine Genugthuung versprach , sich schriftlich an Herbert gewendet , und ihn um eine genaue Besprechung der Arbeit mit dem Juwelier gebeten . Der Auftrag war in künstlerischer Hinsicht anziehend und in seinem Geldwerthe sehr bedeutend . Die beiden Sachverständigen ließen sich also Zeit bei ihrer Unterredung und Madame Flies kam , ihren Mann an die Mittagsstunde zu erinnern , ehe man noch zu einem völligen Abschlusse über die Arbeit gelangt war . Abbrechen mochte man die Unterhaltung nicht , und da man sie eben so gut bei Tische beenden konnte , thaten die gastfreien Eltern , deren Haus in letzter Zeit sich noch häufiger als früher unerwarteten Gästen aus den verschiedensten Lebenskreisen geöffnet hatte , dem Architekten den Vorschlag , ihre Mahlzeit zu theilen . Der Baumeister hatte Madame Flies und Seba noch nicht gesehen . Die Schönheit der Tochter zog ihn an , die etwas dringliche Gastlichkeit der Mutter fiel ihm komisch auf , ohne ihm jedoch unangenehm zu werden , und da sich ohnehin beim Essen und bei einem guten Glase Wein manches Ungefüge schneller fügt , so war man bald mit den Verabredungen über die Gefäße und Geräthschaften im Klaren . Herbert versuchte es also , Seba , welche an diesem Tage sich grade wieder doppelt unglücklich fühlte , weil die wöchentliche Post ihr noch immer keine Kunde von dem Geliebten gebracht hatte , in eine lebhaftere Unterhaltung zu ziehen , aber Herr Flies kam ihm mit einer Frage nach dem näheren Ergehen der freiherrlichen Familie und nach dem Leben der Herrschaften auf Schloß Richten unwillkürlich hindernd in den Weg . Herbert wußte davon gar Mancherlei zu melden . Er schilderte die glänzende Geselligkeit , welche dort herrschte , und den heiteren Ton , der durch die Herzogin in Richten eingeführt sei . Weil sie selbst sich in der Gegend und unter dem dortigen Adel wohlbefand , hatten sich auf ihren Rath in den benachbarten Städtchen verschiedene ihrer ebenfalls flüchtigen Landsleute niedergelassen , und diese ganze ausländische Gesellschaft hatte , wie Herbert erzählte , allmählich Richten und den Salon der Herzogin zu ihrem Mittelpunkte gemacht . Sie sprechen von dem Salon der Frau Herzogin , bemerkte Seba ' s Mutter , als ob sie die Herrin von Schloß Richten wäre ! Nun , meinte Herbert lächelnd , in gewissem Sinne ist sie das in der That . Sie bestimmt und befiehlt dort ziemlich unumschränkt , und wenn der heimische Adel jetzt viel mehr als vor zwei , drei Jahren nach Richten eingeladen und in Richten gesehen wird , so geschieht dies , glaube ich , gleichfalls nur auf den Antrieb der Frau Herzogin , damit die französische Einwanderung dort nicht gar zu auffallend erscheine , und das Hofhalten der Herzogin ein wenig verdeckt werde . Herr Flies schüttelte mißbilligend das Haupt . Wäre es nicht eine so gute Sache , daß die Franzosen den verrotteten Zuständen in Frankreich zu Leibe gehen , und solch ein Glück für die ganze Welt , wenn sie in ihrem Lande eine vernünftige Staatsform begründeten , deren Rückwirkung auch auf uns nicht ausbleiben würde , sagte er , so möchte man wirklich wünschen , die deutsche Coalition könnte diese ganze Emigranten-Gesellschaft wieder über den Rhein zurückführen , nur damit wir sie los würden , und zwar je eher , je lieber ! Herbert bemerkte , daß die Emigranten-Gesellschaft , welche sich im Schlosse zusammenfinde , den Freiherrn gewiß große Summen kosten müsse , denn man führe jetzt dort ein wahrhaft fürstliches Leben . Ja , versetzte der Juwelier in seiner kurzen und stets bestimmten Weise , der Herr Baron von Arten braucht jetzt viel , sehr viel . Und was sagt die Frau Baronin dazu ? fragte Madame Flies , die sich nach Frauenweise augenblicklich in die Lage der Hausfrau versetzte , deren Rechte ihr bedroht erschienen . Die Frau Baronin ist schwer zu beurtheilen , antwortete Herbert zurückhaltend , und sowohl der Juwelier als seine Frau bemerkten , daß er eine nähere Erklärung vermeiden wolle . Indeß Herr Flies mußte Gründe haben , das Gegentheil zu wünschen , und den Architekten bei dem Gegenstande festhaltend , rief er : Warum schwer zu beurtheilen ? Die Berka ' s sind solide Leute , Leute , die , so viel ich von ihnen weiß , auf ihre Art still , man könnte sagen , bürgerlich in Berka leben . Einer Frau , die so erzogen ist , kann , glaube ich , der Train nicht recht gefallen , der jetzt in Richten geführt wird . Das französische Wesen ist nebenher auch nicht der Berka ' s Sache . Wir haben das ja , bemerkte er , sich gegen Frau und Tochter wendend , an dem jungen Grafen hier gesehen . Und für Herbert fügte er erklärend hinzu : Wir hatten hier im Hause den zweiten Bruder der Frau Baronin , den jüngsten Grafen Berka , im Quartier . Einen schönen Menschen ! Etwas obenaus , wie all die jungen Herren , aber sonst ein artiger junger Mann ! Seba hätte vergehen mögen . - Ihr Vater , ihr guter vertrauensvoller Vater , rühmte den Grafen ! Herbert jedoch legte , wie es schien , auf dieses Lob des jungen Edelmannes kein Gewicht . Ja , ich kenne ihn , sagte er flüchtig : er ist ein schöner Officier . Schön , sehr schön ist seine Schwester auch , aber sie besitzen beide den Adelstolz und Hochmuth , der ja , wie ich höre , hier zu Lande von den Berka ' s sprüchwörtlich sein soll . Nun , doch mit Ausnahme , doch sehr mit Ausnahme , wendete die Mutter wohl- und selbstgefällig ein . Von dem Herrn Grafen Felix , dem Majoratsherrn , der manchmal bei uns im Laden gewesen ist , und von den alten Herrschaften mag das wahr sein , aber von dem jüngsten Herrn Grafen , der oben bei dem Kriegsrath im Quartier war , konnte man das nicht sagen . Er ist viel bei uns aus- und eingegangen ; ein liebenswürdiger junger Mann und , wie mein Mann schon sagte , wirklich gar nicht stolz , im Gegentheil , man hätte sagen können .... Laß es gut sein , fiel der Vater ihr in die Rede , und ein bitteres Lächeln spielte um seinen fein geschnittenen Mund . Man kennt diese Herablassung der Herren Edelleute , und vielleicht haben der Herr Architekt auch schon gelegentlich etwas davon erfahren oder bekommen noch einmal davon zu reden . Ich habe Dir und Seba Euer Vergnügen an der Gesellschaft des Herrn Grafen und der anderen jungen Herren nicht stören mögen - warum sollte ich das auch ? Aber es ist gut , daß Ihr nicht nöthig gehabt habt , ihn auf die Probe zu stellen und zu sehen , ob er je vergessen hat , wer er ist und wer wir sind . Und dem Vater gegenüber saß seine Tochter , saß die arme Seba , die jedes dieser Worte wie ein Dolchstoß traf . Sie haben Recht , Herr Flies , mein Mann ist der Graf Berka auch nicht ! rief der Architekt . Ich habe ihn vor Wochen , als ich hier in einem Speisehause zufällig mit Bekannten in seiner Nähe saß , in einer Weise von den Frauen und von seinen Eroberungen reden , und in der Weinlaune Wetten über den von ihm zu erreichenden Besitz eines jungen Mädchens eingehen hören , wie nur ein ganz frecher Wüstling sie zu machen vermag ! Ob er daneben - Herbert hielt inne , eine plötzliche Ideenverbindung machte ihn verstummen . Auch die Eltern wurden achtsam , denn Seba wechselte die Farbe und fuhr matt mit ihren Händen nach der Brust . Sie ertrug es nicht länger . Der Tag , das Licht , das Leben ängstigte sie heute wieder so , wie an jenem Morgen . Das Dasein that ihr wehe . Es faßte nach ihrem Herzen , nach ihrem Hirn , von allen Seiten drang es auf sie ein - spottende Blicke , höhnisches Lachen und die ganze eigene Unseligkeit ! Sie wollte fliehen , das Zimmer verlassen , aber die Glieder versagten sich dem Dienste , der Kopf schwindelte ihr . Sie stand auf , und sich mühsam aufrecht erhaltend , eilte sie davon . Viertes Capitel Es waren durch alle die Jahre hindurch immer sehr gemischte Empfindungen , mit denen Herbert nach Schloß Richten kam . Seine Bauarbeit versprach ein schönes Gelingen , aber sie schritt nicht so schnell vorwärts , als er es wünschte , weil die Schwierigkeiten alle zugetroffen waren , auf welche er gleich Anfangs aufmerksam gemacht hatte , und weil man ihm von Seiten der Gutsherrschaft nicht immer mit den zugesagten Arbeitskräften und Mitteln zur Seite stand , da sich die Kosten des Baues , wie Herbert es gleichfalls vorausgesagt hatte , eben durch die Ungunst des Terrains weit bedeutender gesteigert hatten , als der Freiherr es erwartet haben mochte . Indeß derselbe beschwerte sich darüber in keiner Weise ; die wachsende Geldausgabe regte in ihm vielmehr nur das Verlangen an , nun auch etwas vollständig Gelungenes und Bedeutendes zu schaffen , und da er bei Beginn des Unternehmens von dem Baumeister einmal auf die gute Wirkung hingewiesen worden war , welche ein Bauwerk , vom Schlosse und von der Terrasse aus gesehen , auf der Höhe machen würde , so kam er immer wieder darauf zurück , dort oben irgend ein Monument als Aussichtspunkt zu errichten , bis er endlich auf den Gedanken gerieth , da man nun die Kirche in Rothenfeld erbaute , die zuerst beabsichtigte Capelle auf der Höhe im Parke aufzuführen . Es war dabei von ihm nur auf einen kleinen , aber mit seinem Kreuze weithin sichtbaren Bau abgesehen ; dennoch stieß der Freiherr auch in diesem Falle auf ein abmahnendes Widerstreben bei Angelika . Ob die Baronin nicht zu übersehen vermochte , welchen den Gesammteindruck krönenden Abschluß man mit dem Capellenbau erzielen könnte , ob es richtige ökonomische Bedenken waren , oder ob irgend ein anderer Grund sie bestimmte , sich gegen den Plan auszusprechen , das konnte Herbert nicht ergründen . Er konnte überhaupt über diese Frau und namentlich über ihr Verhalten gegen ihn selbst durch all die Jahre nicht in das Reine kommen . Wenn er sich zu ihr hingezogen , von ihrer Theilnahme , ihrer Güte und Schönheit gefesselt , ja beherrscht fühlte , so stieß sie ihn im nächsten Augenblicke wieder einmal gewaltsam ab , und grade diese Ungleichheit ihres Betragens trug dazu bei , seine Phantasie mit ihrem Bilde zu beschäftigen . Er konnte ihr nur zürnen , wenn sie ihm gegenüberstand , wenn ihr kaltes Wort , ihr stolzer Blick ihn einmal trafen ; war er fern von ihr , so erschien sie ihm stets in dem sanften Schimmer ihrer Schönheit , er freute sich darauf , sie bald einmal wiederzusehen , er hatte eine Genugthuung daran , etwas für ihren Dienst zu übernehmen , und wenn er sie auch fortdauernd im Vollbesitze aller Glücksgüter sah , ertappte er sich oft darauf , daß er sie in seinem Geiste immer nur die arme Baronin nannte , und daß er ihrer mit Hingebung gedachte , weil sie ihm , er wußte selber kaum weßhalb , beklagenswerth erschien . Anders verhielt es sich mit dem Baron . Er war völlig wieder der frühere , selbstgewisse Herr geworden , und hatte es kein Hehl , daß er diese günstige Stimmung der Gesellschaft seiner Freundin , der Herzogin , verdanke ,