Es habe nichts zu sagen - meinte man - , es sei eine leichte Erkältung , ein unbedeutender Nervenzufall , die Sache werde bald vorübergehen . Alles , was der Leutnant Götz über seine Nichte dem Kandidaten mitgeteilt hatte , rief sich dieser ins Gedächtnis zurück ; plötzlich kam ihm der Gedanke , daß seine Tischrede über Moses Freudenstein schuld an der Krankheit des armen Kindes sein könne , und dieser Gedanke trieb ihm so sehr alles Blut gegen das Herz , daß er kaum zu atmen vermochte . Er glaubte fest , daß seine Hülf- und Ratlosigkeit , seine Unruhe und Angst ihren Höhepunkt erreicht hätten , wurde aber an demselben Morgen noch eines Bessern belehrt . Jean steckte den Kopf in sein Gemach und meldete mit Herablassung , die gnädige Frau wünsche den Herrn Hauslehrer zu sprechen und lasse ihn bitten , so schnell als möglich in ihr Zimmer herabzukommen . Nun war Hans in diesem Augenblick zu aufgeregt und sorgenvoll , um bei dieser Botschaft die gewohnte Beklemmung zu empfinden . Er vervollständigte schnell seine Toilette und stieg die Treppe hinab . Obgleich er nicht an der Tür horchte , vernahm er doch , daß die gnädige Frau nicht allein war . Man sprach drinnen sehr lebhaft . Kleophea lachte , es mußten fremde Herren zugegen sein . Hans klopfte , aber sein Klopfen wurde überhört . So wagte er es denn , einzutreten , tamquam cadaver blieb er jedoch auf der Schwelle stehen : neben der gnädigen Frau und dem Sessel Kleopheas gegenüber saß sein Freund Theophilus Stein , alias Moses Freudenstein , den kleinen Aimé auf dem Knie schaukelnd , im lebhaftesten Gespräch . Ein anderer älterer Herr im schwarzen Frack , mit langem , grauem , nach hinten gekämmtem Haar saß daneben , lächelte und liebkoste das glattrasierte , behägliche Kinn mit dem goldenen Stockknopf . Man hatte unbedingt von dem Kandidaten der Theologie Unwirrsch gesprochen ; das ging aus der Art hervor , wie man sich nach ihm umwandte und wie man ihn ansah . » Ach , da ist er ja - der Hungerpastor ! « rief der Doktor und gab somit zum erstenmal unserm Hans offiziell den Titel , welchen wir diesem Buche vorgesetzt haben . » Sehen Sie ihn an , gnädige Frau , so pflegt er immer auszusehen , wenn er vor einer Unbegreiflichkeit steht . Komm zu dir , Johannes , ich bin es in Fleisch und Blut ! « Selbst die gnädige Frau ließ sich herab , zu lächeln , ehe sie mit gerunzelter Stirn ihrem Hauslehrer winkte , die Tür nicht allzu weit über die Grenzen des Anstandes hinaus offenzuhalten . Hans trat näher und durfte sich ebenfalls setzen . Der Herr mit dem Christusscheitel , der weißen Halsbinde und dem goldenen Stockknopf wies sich als der außerordentliche Professor der Ästhetik Doktor Blüthemüller aus , und es frappierte ihn , daß der Herr Kandidat bis zu dieser Stunde noch nicht das mindeste von ihm und seiner Wirksamkeit vernommen hatte . Mit Fug und Recht nahm auch er deshalb gar keine Notiz weiter von Hansens Anwesenheit , sondern ließ sein Licht , das heißt den merkwürdigen Schein seiner Hornlaterne , auf die andern fallen . » Der Herr Doktor Stein hat uns manche Einzelheiten aus Ihrem Leben erzählt , welche uns sehr amüsiert haben , Herr Unwirrsch « , sagte die gnädige Frau . » Es war sehr unrecht von Ihnen , daß Sie uns nur die äußere Schale Ihrer früheren Existenz zeigten . « Nun hätte Hans viel auf diese Worte entgegnen können ; aber es kam ihm ein Gefühl , als würde er seiner Mutter Grab entheiligen , wenn er sich in dieser Gesellschaft über solchen Vorwurf rechtfertige . Er sagte nur kurz : » Ich danke dem Doktor Stein für alles Gute , was er von mir gesprochen hat . Es gehört viel Geist dazu , über ein Leben wie das meinige etwas Geistreiches zu sagen . « » Von einem Idyll verlangt man gerade nicht , daß es sehr geistreich sei « , erwiderte Theophile . » Und dein Leben ist ein Idyll , Johannes , und ich wiederhole , was ich schon gesagt habe : du bist einer der Glücklichsten dieser Welt . « Mit großem Unbehagen sah Johannes auf den Redner ; Kleophea zuckte die Achseln , der außerordentliche Professor der Ästhetik rückte seinen Sessel so , daß er dem Hauslehrer den Rücken zukehrte , wandte sich zu der gnädigen Frau und brachte das Gespräch vom Besonderen auf das Allgemeine . Er sprach von der Kunst , schön zu leben , und redete sehr schön darüber , aber so ganz schulmäßig , daß dem Kandidaten , welcher den Sinn dessen , was der Mann sagen wollte , erst aus der sonderbarsten Terminologie heraushülsen mußte , öfters der Verstand stillstand . Kläglich hinkte er im Verständnis der Rede nach und blieb somit vollständig auf die Rolle des Zuhörers beschränkt . Nachdem der Professor Doktor Blüthemüller seinen Sack ausgeschüttet hatte , öffnete die Dame vom Hause den ihrigen . Mit einem gewissen seufzenden Pathos entwickelte sie ihre Ansicht vom Wege zur christlich-ästhetischen Ruhe in Gott ; in dem Gott , den eine krankhafte modische Schwärmerei durch ihre romantisch buntgefärbten Kirchenfensterscheiben » erkennt « , den sie aber nicht sieht , nicht sehen will , wenn die helle , prächtige vernünftige Sonne am Himmel steht und klar , prächtig und verständig jedwedes Ding in der Welt dem Menschen in der wahren , echten , treuen Farbe und Gestalt zeigt . Die Geheime Rätin schwärmte sehr für den Weg der Heiligen Gottes und für die altitalienischen Bilder mit ihren himmelwärts blickenden Jungfrauen , Märtyrern und Donatoren . Sie schwärmte für die beseligten Künstler , welche die Bilder in Tempera und Öl gemalt hatten , und Professor Blüthemüller stimmte ihr in Ekstase bei und verriet nicht , was für gottverlassene , heillose Kanaillen und Halunken die Maler sowohl wie die Donatoren öfters waren . Er machte es eben wie andere Leute : die Seite der Geschichte , welche er nicht gebrauchen konnte , ließ er im Dunkel liegen , und seine Kollegiengelder als außerordentlicher Professor bezog er ja dafür , daß er nur die eine Seite der Medaille zeigte . Wenn dann auch ein anderer gelehrter Mann von einem andern Lehrstuhl aus in den geschichtlichen Sumpf schlug , so tat er das vor einem andern Publikum und in einem andern Auditorio , und es war nicht jedermanns Sache , die beiden Seiten zusammenzulegen . Wenn wir es nicht gewiß sagen können , so wollen wir doch zur Ehre der Menschheit annehmen , daß es nicht Perfidie war , als der Doktor Theophile Stein seinen Jugendfreund fragte , ob er bereits das Museum der Stadt besucht und die Bilder , von denen die gnädige Frau spreche , gesehen habe . - Hans Unwirrsch hatte das Museum besucht ; er hatte die Bilder gesehen , und leider sagte er auch auf die an ihn gestellte Frage , was er von ihnen dachte und hielt . Wir werden uns gefälligst hüten , das Urteil des unerfahrenen jungen Mannes nachzusprechen ; wir können nur sagen , daß der Doktor Theophile , wenn er seine Frage aus boshafter , vorbedachter Absicht gestellt hatte , seinen Zweck vollständig erreichte . Es wurde sehr dunkel auf der Stirn der gnädigen Frau , eine schwüle Atmosphäre schien plötzlich das Gemach zu füllen ; es blitzte , und wenn es nicht donnerte , so hatte das seinen Grund nur darin , daß solches Getön in der guten Gesellschaft , wenn zwei fremde Herren zugegen sind , nicht zum guten Ton gehört . Geschenkt wurde der Donner dem Sünder darum nicht ; er kam nur etwas nach . Eine treffliche Abhandlung über die Präraffaeliten gab nun der Doktor Stein dem kleinen Kreise zum besten und zeigte seine Belesenheit , Kunsterfahrung und Weltkenntnis aufs glänzendste . Geistreiche Blicke warf er nach allen Seiten hin aufs Leben ; und die große Kunst , mittelmäßige oder gar alberne Gedanken anwesender Leute , von denen man etwas zu erlangen wünscht , brillant aufzupolieren und sie ihnen dann als ihr eigenstes Eigentum mit einer Verbeugung zurückzugeben , verstand er vortrefflich . Er wußte Bescheid um den Fang alles möglichen Getiers und fing zuerst die Frau Geheime Rätin Götz , geborene von Lichtenhahn ; aber während er den einen Fang auf das Land zog , ließ er die goldenen Schuppen , die purpurnen Flossen , die noch frei umherspielten , nicht aus dem Auge . Kleophea Götz , die bis jetzt von allen - den Hauslehrer nicht ausgenommen - am schweigsamsten dagesessen hatte , regte sich nun und sagte zu Hans Unwirrschs gewaltigem Schrecken : » In einer Beziehung muß ich dem Herrn Kandidaten recht geben ; - auch ich finde jene Bilder , von welchen vorhin die Rede war , unbeschreiblich scheußlich und chinesisch . Die griechische , lustige , nackte Götterwelt - « » Kleophea ? ! « ächzte die gnädige Frau . » Was kann ich dafür , liebste Mama ? Ich liebe meine Verwandten und Freunde . Ich rühme sie gern vor den Leuten und bin stolz auf ihre Schönheit und vergnügt über ihre Heiterkeit . Da ist ein anbetender Knabe , von dem ich glaube , daß er seinen Ball wiederfangen will . Der Bube ist mein Bruder wie - wie Aime , und ich würde ihn ebenso gern auf dem Schoß halten Herr Doktor . « Der Herr Doktor ließ den holden Aimé sanft von seinem Knie herabgleiten und lächelte ein wenig verlegen : Kleophea aber fuhr lachend fort : » Sieh nicht so böse , gnädige Mama ! Mit meinen Verwandten lebe ich in Harmonie am trübsten Regentage . Vergangene Nacht ist eine ganze Schar von ihnen gekommen : die Venus von Melos , der Apoll von Belvedere , die attischen Tauschwestern , der Dornzieher und der Antinous . Sie riefen mich : Kleophea ! Kleophea ! und schienen sich sehr über den Namen zu amüsieren . Sie lachten so herzlich laut und unschicklich , daß es eine Lust war . Worüber wir uns dann ferner unterhielten , darf ich jedoch nicht verraten , da sonst meine Mama ein Autillo , ein Miniatur-Autodafé für mein Persönchen anzünden würde . Sie gingen göttlich heiter fort auf beflügelten Sohlen und baten mich , sie meiner Mama zu empfehlen , was ich hiermit tue . « Die junge Dame neigte sich gegen ihre Mutter , die einem Krampfanfall nahe war . Der Kandidat Unwirrsch kroch sehr in sich zusammen : eifrigst polierte der Professor Blüthemüller sein Kinn ; das schöne , intelligente Gesicht des Doktors Theophile Stein schien in diesem Augenblicke einer jener Statuen anzugehören , welche Kleophea zu ihren Verwandten und Freunden rechnete . Kein Muskel regte sich darin , aber es war ein schönes , intelligentes Gesicht ; parteilos , wie aus gelbweißem Marmor gebildet , ließ es sich sowohl von Kleophea wie von ihrer Mutter ruhig - ansehen . » So führen Sie doch den Knaben fort , Herr Kandidat ! « keuchte nach einer ängstlichen Pause die gnädige Frau . » Führen Sie ihn ein wenig in die freie Luft , in den Garten - diese Atmosphäre hier ist erstickend . « Noch leiser keuchte sie : » Abscheulich ! Empörend ! « Doch was sie noch sagte und was Kleophea darauf erwiderte , was der Professor Blüthemüller lispelte und was der Doktor Stein sprach , ging für Hans in dem Gezeter unter , das der liebliche Knabe Aimé erhub , als er von seinem Lehrer mit einiger Gewalt hinausgeleitet wurde . Nach weitern fünf Minuten nahmen die beiden Herren Abschied ; - dann zeterte auch die Frau Geheime Rätin los ; dann eilte Kleophea rauschend durch den Korridor und schlug so heftig die Tür ihres Gemaches zu , daß die arme Franziska erschreckt von ihren Kissen emporfuhr . Dann mußte sich Kleophea an ihr Klavier - geworfen haben und fuhr mit Trillern und Läufen die Tasten hinauf und hinab wie eine Göttin des Wirbelwindes . Es schien sehr nötig zu sein , daß sie wieder einen Besuch ihrer » Freunde und Verwandten « erhalte , um von denselben auf die Vorteile und Vorzüge der » klassischen Ruhe « aufmerksam gemacht zu werden . Am Rande des Parkes traf Hans , den widerwilligen Aimé an der Hand führend , noch einmal mit dem Professor Blüthemüller und dem Doktor zusammen . » Für diesmal sind wir glücklich entkommen , Hans ! « rief lachend der letztere . » Ein eigentümliches Haus ; aber die Damen sind entzückend - jede in ihrer Art ! Welch ein reizendes Kind , Freund ; es scheint eine große Neigung zu dir zu haben . Ich könnte dich darum beneiden . « » Ich habe mit dir zu sprechen - viel , sehr viel ! « sagte Hans , nicht mit der gewohnten Freundlichkeit . » Immer zu deinen Diensten , Alter ! « lächelte der Doktor . » Wann willst du mich besuchen ? ... Wir werden uns übrigens auch wohl noch öfters in jenem Hause dort sehen ! « » Ich werde zu dir kommen « , sagte Hans . » Und ich werde dich mit Sehnsucht erwarten « , erwiderte Theophile , Abschied nehmend . Fünfzig Schritte weiter ab murmelte er zwischen den Zähnen : » Die Frage ist nur , ob du mich fürs erste zu Hause antreffen wirst , liebster Hans ! « Den Arm des Professors nehmend , rief er lachend : » Kommen Sie , Kollege . Allons diner . Ich bin Ihnen unendlich verbunden für Ihren Führerdienst , den Sie mir heute geleistet haben . Das Mädchen ist herrlich ! « » Und eine treffliche Partie « , sagte der Professor Blüthemüller und kostete ein imaginäres Glas Madeira . Hans , das Handgelenk Aimés krampfhaft festhaltend , sah den zwei Herren nach . Das war alles , was er tun konnte , und wir können leider nicht leugnen , daß er etwas stupide dabei aussah . Zwanzigstes Kapitel Es geschah so , wie es sich der Doktor Theophile Stein vorgestellt hatte : Hans klopfte einige Male an seine Tür , erhielt aber keine Antwort oder die , daß der Herr Doktor nicht zu Hause sei , und er kehrte jedesmal mißmutiger und niedergeschlagener in seinen unbehaglichen Käfig zurück . Er befand sich in diesem Gefängnis jetzt gegen jedermann in einer falschen Stellung , selbst gegen Franziska Götz . Des Leutnants Fränzchen war noch stiller als zuvor aus ihrem Stübchen zum Vorschein gekommen , und wenn in ihrem Verhalten gegen die übrigen Hausbewohner keine Veränderung eingetreten war , so fühlte Hans um so tiefer und schmerzlicher , daß ihr Wesen ihm gegenüber nicht mehr das vorige war . Und er kannte den Grund davon genau und konnte sie doch nicht fragen , ob das wahr sei , was Moses Freudenstein von ihrem Vater erzählt habe . Er hatte nicht das Recht , diese Frage zu stellen ; tragen mußte er die Last , die auf seinem Herzen Von Tag zu Tag schwerer wurde . Nun drückte und ängstete ihn die Gegenwart des Mädchens um so mehr , je mehr Frieden und Ruhe ihm bis dahin ihre Nähe gebracht hatte ; seine Aufmerksamkeit aber mußte sich in einem noch höheren Grade auf die arme Nichte des Leutnants Rudolf richten . Er war jetzt sozusagen gezwungen , auf sie mit ängstlicher Spannung zu achten ; und bald überhörte er nicht mehr den leisen Fußtritt hinter seinem Rücken , und kein Ton der süßen Stimme ging mehr in den grellen Dissonanzen dieses Hauses für ihn verloren . Die glänzende Kleophea verlor in dem Maße an Einfluß auf den Kandidaten Unwirrsch , wie Franziska ihn gewann . Ihre Pracht , ihre Schönheit , ihr funkensprühender Geist , ihr Widerstand gegen das ungesunde Wesen des Hauses hörten auf , den dummen Hans zu verblenden . Das , was ihn zuerst so magisch angezogen hatte , stieß ihn auch ab ; er erkannte immer mehr , daß nicht jeder Glanz echt ist , und die Opposition der jungen Dame erschien ihm bald fast ebenso unberechtigt wie das , wogegen sie gerichtet war . Er fing an , auch Kleophea zu bedauern , doch aus einem andern Grunde als Franziska . Oft konnte er den Gedanken nicht loswerden , daß jenem herrlichen Wesen all die geistigen und körperlichen Vorzüge dereinst zum größten Elend gereichen würden . Der Doktor Theophile Stein wiederholte seinen Besuch in dem Hause des Geheimen Rates Götz . Er kam diesmal ohne den Professor Blüthemüller , und der Kandidat Unwirrsch wurde nicht zu seiner Begrüßung in den Salon beordert . Auch dem Herrn des Hauses war der Doktor von sehr einflußreicher Seite empfohlen worden , und er empfing ihn demgemäß , da auch die Gattin dazu das Haupt neigte , mit all der Wärme , deren seine so ungemein tropisch angelegte Natur fähig war . Der Geheime Rat schrob sehr an seinem Mechanismus , ehe er aus seinem Arbeitszimmer hervortrat . Dafür war dann aber auch das Räder- und Federwerk im Gange wie selten , während - der ersten Viertelstunde , welche er dem Besucher widmete . Nachher lief es freilich in gewohnter Weise ab , und wer den berühmten Juristen nicht kannte , hätte ihm in der folgenden Viertelstunde nicht die Ehre gegeben , welche ihm gebührte , die nämlich , die Pandekten und das Landrecht auswendig zu wissen und in der Kontroversenliteratur bewanderter zu sein als irgendeiner der Kollegen . Die Lebhaftigkeit , welche dem Gemahl abging , ersetzte die Geheime Rätin vollkommen . Da Kleophea nicht zugegen war - sie besuchte eine Freundin - , konnte der Doktor ohne Schaden eine tiefinnere Übereinstimmung mit den Meinungen der Hausherrin kundgeben und tat es , ohne zu erröten . Er errötete auch nicht , als Franziska in das Zimmer trat und beim Anblick des Besuchers zusammenfuhr und totenbleich wurde . Ganz unbefangen blieb er bei der Vorstellung und sprach ganz kühl davon , daß er bereits die Ehre gehabt habe , in Paris mit dem gnädigen Fräulein zusammenzutreffen . Überraschung und Staunen der Geheimen Rätin , ruckartiges Aufschnellen und Aufhorchen des Geheimen Rates waren die Folgen dieser Erklärung . Dann kam ein Durcheinander von Fragen , welchem Theophile mit melancholisch gesenktem Haupte und sehr fein auswich , während Franziska mit zusammengepreßten Lippen halb bewußtlos vor Schmerz und Zorn dastand . » Es waren leider sehr trübe Verhältnisse , unter denen wir uns kennenlernten « , flüsterte der Doktor . » Die Krankheit , der Tod des Vaters des gnädigen Fräuleins - die Verlassenheit des gnädigen Fräuleins in der ungeheueren , erbarmungslosen Stadt o mein Fräulein ! « Franziska Götz wankte zur Tür und hielt sich auf ihrem Wege an den Möbeln , um nicht zur Erde zu sinken . Der Oheim sah ihr mit offenem Munde nach , die Tante rief scharf ihren Namen ; aber sie hörte diesmal nicht darauf . Theophile betrachtete mit großem Interesse die Blumen des Teppichs zu seinen Füßen , was ihn jedoch nicht hinderte , einen schrägen Blick sowohl auf die gnädige Frau wie auf die hinter dem Fränzchen sich schließende Tür zu werfen . » Welch eine Szene ! Was ist das ? « rief die Geheime Rätin . » Herr Doktor , ich glaube , Sie sind uns einigen Aufschluß über diesen wunderlichen Vorgang schuldig . Was kann das Mädchen haben ? Wann und unter welchen Umständen haben Sie meine Nichte in Paris getroffen ? Theodor , ich bitte dich , die Tür zu verriegeln . Sprechen Sie , sprechen Sie , Herr Doktor , Sie spannen mich auf die Folter ! « Mit beiden Händen wehrte Theophile , während Theodor die Tür verriegelte , den Verdacht ab , ein solches Verbrechen an der Menschheit und eine solche Grausamkeit gegen eine solche Dame begehen zu wollen ; daß er aber der Aufregung durch eine schnelle klare Darlegung der Tatsachen ein Ende gemacht hake , können wir auch nicht sagen . Er sprach davon , wie er es tief bedauere , dem Fräulein so schmerzliche Erinnerungen zurückgerufen zu haben . Er hielt es für seine Pflicht , dieses Haus nie wieder zu betreten . Er trug allen Verhältnissen Rechnung und sah deshalb auch dem Geheimen Rat tief bewegt in die gläsernen Augen . Um so merkwürdiger war es , daß ihm sein Bericht zuletzt so glatt von der Zunge ging ; es würde ein gänzlich falscher Ausdruck sein , wenn wir sagen wollten , daß er ihn herauswürgte . Er erzählte sehr gut , der Doktor Theophile Stein , und seine sonore Bruststimme war ganz dazu geeignet , alle Nuancen ins Tragische aufs zarteste hervorzuheben - wir haben von seiner Kunst bereits an einer anderen Stelle gesprochen . Dazu wurde über Wahres , Halbwahres und Falsches stets das rechte Licht gegossen ; - es gab keinen größeren Meister in der Kunst des Helldunkels als den Doktor Theophile Stein . Der Geheime Rat Götz und seine Gemahlin erfuhren dieselbe Geschichte , welche Hans Unwirrsch vernommen hatte ; doch das Kolorit war in jeder Beziehung ein anderes . Der Doktor Theophile Stein nahm den größten Anteil an diesem Familienunglück . Schmerzlich empfand er nach , was die gnädige Frau um das Leben und Sterben ihres Schwagers empfinden mußte . Er hing mit ihr die Harfe an die Weide und war so überwältigt von seinen Erinnerungen , wie man es nur von einem verständigen Menschen vernünftigerweise verlangen konnte . Von dem Geheimen Rate , der sehr in sich zusammengesunken war und die Augen mit der Hand beschattete , nahm er weniger Notiz ; er überließ die Bemerkungen , welche direkt an denselben zu richten waren , seiner Gattin und konnte nichts Besseres tun . Sehr oft unterbrach die gnädige Frau den melancholischen Bericht Theophiles , um ihren Gemahl zu fragen , wer nun recht gehabt habe , ob sie - Aurelie , geborene von Lichtenhahn - das nicht immer gesagt habe usw. usw. Dann versicherte sie ihn , daß das Maß ihrer Geduld gefüllt bis zum Rande sei , daß der Herr Schwager Rudolf ihr Haus nicht wieder betreten solle , daß sie das unglückselige Geschöpf , die Franziska , nicht auf die Straße stoßen wolle , daß sie aber dafür dereinst im himmlischen Jerusalem eine ganz außergewöhnliche Belobung und Belohnung zu erwarten habe . Sie wurde sehr heftig und sehr bissig , die Frau Geheime Rätin Götz ; - sie besann sich keinen Augenblick , sehr verächtlich und wegwerfend von der Familie ihres Mannes zu sprechen . Sie wußte eine Menge Züge aus dem Leben der beiden Brüder ihres Gatten , welche sie mit hexenmäßiger Zungenfertigkeit durcheinanderquirlte und in die klangvolle , klagende Erzählung des Doktor Theophile hineinsprudelte . Der Abenteurer und der Bettler wurden beide nach Gebühr gewürdigt , und die Tochter des Abenteurers bekam auch ihr Teil . Es mußte für den Geheimen Rat Götz eine wahre Erlösung sein , als der Doktor endlich den Armensarg des armen Felix durch die Barrière d ' Aunay gebracht und ihm im Armenviertel des Père-Lachaise die klägliche Grube gegraben hatte . » Oh , so hat mir Rudolf das nicht erzählt ! « stöhnte der Geheime Rat . Er ließ die Hand von der Stirn sinken , und wer ihn jetzt sah , mußte eingestehen , daß der Mann noch nicht ganz Maschine war ; aber er mußte ihn deswegen bedauern . » Und dies ist die Wahrheit ! « rief die gnädige Frau . » Der Herr Leutnant Götz betritt mein Haus nicht wieder ! « Ein Rauschen und ein Triller draußen ! Ein Klopfen an der Tür . » Kleophea ? « rief die Mutter . » Theodor , schieb den Riegel zurück ! Ich glaube , wir haben genug vernommen . Herr Doktor , Sie haben sich ein großes Verdienst um unser Haus erworben . Ich danke Ihnen herzlich dafür . « » Ein trauriges Verdienst « , seufzte Theophile , die Hand aufs Herz legend ; - Kleophea hüpfte in das Gemach . Sie brachte Sonnenschein mit sich und Jugendlust ; ihre Augen leuchteten , ihre roten Lippen lachten , sie berührte den Boden kaum mit den Füßen . Sie begrüßte den Doktor mit solcher allerliebsten Ironie ; sie war so voll kleiner , boshafter Geschichten und wußte dieselben so gut zu erzählen . Sie war außergewöhnlich gut gelaunt und deshalb auch außergewöhnlich aufgelegt , die Gefühle ihrer Nebenmenschen durch kleine , anmutige , perfide Anspielungen zu verletzen , und äußerte eine große Wißbegierigkeit in Hinsicht auf gewisse mosaische Gebräuche und Gesetzesvorschriften . Es fand sich jedoch , daß ihr der Doktor Theophile mehr gewachsen war als die Mama ; er ließ sich nicht so leicht aus dem Gleichgewicht bringen und konnte schon seiner anmutigen Gegnerin einen Zug vorgeben . Er sprach sehr pathetisch über das Judentum . Die außerhalb der Bibel liegende Geschichte und Überlieferung desselben ist unendlich reich an Zügen individuellen Heldenmutes , stoischer Todesverachtung , reich an Zügen von Standhaftigkeit und Glaubensstolz , wie sie kaum ein anderes Volk aufzuweisen hat . Auch nach der Zerstörung des Tempels sind Helden und Propheten unter dem zerstreuten Israel aufgetreten , und über eine eigene Poesie , einen Schatz voll ergreifender und hinreißender Anekdoten hat der zu gebieten , welcher diese so tragische und so unbekannte Welt emporsteigen lassen kann . Theophile Stein wußte von der Heroen- und Märtyrerhistorie seines Volkes den besten Gebrauch zu machen , und wenn schon die Seelen der Weiber durch Anekdoten leicht zu fesseln sind , mußte man es doch dem Doktor lassen , daß er die Kunst . Geschichten zu erzählen , bis zur Meisterschaft ausgebildet hatte . Er brachte sogar Kleophea zum aufmerksamsten Lauschen , und nachdem er zum Schluß und besonders für die gnädige Frau sich in seinen seraphweißen Konvertitenmantel drapiert hatte , konnte er mit einer demütig-stolzen Verbeugung sich empfehlen und mit den Erfolgen seines Besuches zufrieden sein . Er war , was er sein wollte - Hausfreund ! Von jetzt an konnte er , ohne Schaden an seinem seelischen und körperlichen Wohlbefinden zu leiden , den Besuch des Kandidaten Hans Unwirrsch annehmen . Er war der festen Überzeugung , daß ihm derselbe nicht mehr gefährlich sein könne : er beherrschte die öffentliche Meinung des Hauses des Geheimen Rates und fühlte sich stark genug , nötigenfalls den armen Hans so wie das Fränzchen , seine andere kleine Pariser Bekanntschaft , vor die Tür zu setzen . Nun war der Frühling in seiner ganzen Pracht gekommen : das Getümmel auf dem Spazierwege vor den Fenstern des Geheimen Rates Götz hatte sich verdoppelt und verdreifacht . Die Kinder der armen Leute liefen mit nackten Füßen umher , und die Kinder der besseren Stände mit nackten Beinen . Der Park war grün , und es gab seltsamerweise sogar Nachtigallen darin ; aber Hans Unwirrsch zog nicht den Trost heraus , den er davon gehofft hatte und welcher auch allenfalls darin hätte liegen können . Kaum war das Lustgehölz grün geworden , so fraßen es die Raupen wieder kahl , und eine abscheuliche Sorte von diesem Getier war ' s , die sich das Vergnügen machte . Wenn die Ungeheuer , welche durch ihre Zahl sehr imponierten , einen Baum leer und sich voll gegessen hatten , betätigten sie einen ausgebildeten Sinn für das Schöne . An langen Fäden ließen sie sich von den Zweigen hernieder auf die Köpfe und Nacken der lustwandelnden Damen , und der Kandidat Unwirrsch konnte nicht aus dem Fenster sehen , ohne daß er holde Frauen und Jungfrauen in Gruppen oder einzeln in der berühmten Stellung der Venus Kallipygos , doch mit anderm Gesichtsausdruck , stehen sah . Hans guckte jedoch wenig aus dem Fenster . Er hatte keine Zeit dazu . Je tiefer er in der Gunst und Achtung der Geheimen Rätin sank , desto weniger überließ sie ihn sich selbst , desto enger fesselte sie ihn an den Pfahl , desto schärfer bewachte sie ihn . Sie hatte nun mal das Opfer gebracht und » diesen Menschen « auf Wunsch ihres Gemahls ins Haus genommen , und täglich mußte sie sich diese Schwachheit vorwerfen ; aber es war ihr Trost , sich sagen zu können , daß sie auch unter solchen Umständen ihre Mutterpflicht nicht versäume . Mit verdoppelten Kräften griff sie in das Erziehungswerk des Hauslehrers ein , wirkte sie allen schädlichen Einflüssen entgegen , und glänzend waren die Erfolge . Es ist ein Glück , für uns sowohl wie für den Leser , daß wir dieselben beiseite liegenlassen können , ohne irgend jemand Rechenschaft darüber schuldig zu sein , da Aimé ein Charakter ist , dessen Wohl und Wehe uns in diesem Buche wenig berührt . Fränzchen - Fränzchen Götz ! - wie ein lieblicher Ton von jenem fernen , fernen Göttereiland , welches den Haß , den Neid , den Eigennutz und die hundert gleichen praktischen Weltlichkeiten nicht kennt , klingt uns dieser Name ins Ohr und ins Herz . Aber tiefe Wehmut überfällt uns zugleich , daß wir von solcher Stelle aus ihm lauschen und ihn nachsprechen müssen , und von derselben Wehmut wußte der Kandidat Unwirrsch zu sagen . Ach , es war eine Trostlosigkeit sondergleichen , sich diesen süßen Namen innerhalb dieser kalten , bösen , im Katakombenstil bemalten Mauern immer , immer wiederholen zu müssen . Tief in den Wald gehört der Klang oder noch besser an den Rand des Waldes , wo dicht neben dem kühlen , lieblichen Schatten das Ährenfeld im Sonnenglanz sich wiegt , wo die Glocken der Heimat aus dem Tal heraufklingen und der Bach , lustig aus dem Forst hervorspringend , mit fröhlich jugendlichem Geplauder ins Tal hinabhüpft . Wie mochte es kommen , daß Hans Unwirrsch in dieser öden Gegenwart den Namen Fränzchen mit allen teuern Erinnerungen immer fester verknüpfte ? Er konnte nicht an den Mondenschein seiner Kinderjahre gedenken , ohne daß das Bild Franziskas darin emporstieg . Was hatte das Fränzchen