war auch gut . Nun lag der wackere Kämpfer ausgestreckt , still auf seinem Lager ; er hatte Ruhe - es war , als spiele ein Lächeln des Triumphes um die bleichen Lippen . In ihrer Kammer weinten Mutter und Tochter , aus der Werkstatt erschallte kraftvoll der Hammerschlag Ludwigs ; der Sohn vollendete eben den Sarg des Vaters ; er machte meisterliche Arbeit , es mußte der trefflichste Sarg werden , den er jemals angefertigt hatte . So maß er denn und behobelte die guten Bretter , auf denen des Vaters Augen so oft geruht hatten ; es war ihm während der Arbeit , als ruhten sie noch darauf , und er bestrebte sich mit fieberhaftem Eifer , daß das Stück ohne Fehl und Tadel - ein gutes wackeres Schreinermeisterstück - zustande komme . Wieder war es Nacht ; wieder lehnte Robert Wolf an der Hobelbank neben dem Freunde , und Ludwig Tellering sagte zu ihm : » Was hilft es alles - weiter , immer weiter ; Brett zu Brett , Nagel bei Nagel , Schraube bei Schraube ; - was sorgen wir uns viel um ein Leben , das zuletzt doch hiermit zu Ende ist ? « Dröhnend fiel die Faust des Arbeiters auf den Sarg , dann fuhr er fort : » Weiter , immer weiter ! Wenn ich den stillen Mann dort in der Kammer hier in dieser Kiste in die Erde gelegt haben werde , was dann ? Werde ich dann können , was ich muß ? Kann ich hier in dieser Werkstatt weiterhämmern und weiterhobeln in gewohnter Art ? Es kommt mich ein Grauen an , wenn ich daran gedenke . Ich muß , ich muß ! Sieh um dich , Robert , siehst du nichts im Dunkel der Winkel ? Die Not , der Hunger kriechen gierig daraus hervor . Täglich und stündlich schlage ich sie mit dem Hammer nieder , aber sie richten immer höhnischer die Köpfe auf . Dagegen ist keine Hülfe hier . Ich denke oft , in der Ferne sei Hülfe ; - aber wo ? Ich zerbreche mir oft den Kopf darüber . In die Ferne möchte ich - weit , weit von hier weg ; immer weiter , weiter ! « » Über das Meer , nach Amerika , zu Marie Heil « , sagte Robert , ohne eigentlich zu wissen , was er sagte . Die Ideenverbindung ergab sich von selber ; aber Ludwig starrte den Freund an , als ob er etwas ganz Unbegreifliches , Überraschendes ausgesprochen hätte . » Oh « , sagte Robert , » du bist doch noch glücklich . Wohl ist der Tod deines Vaters ein schmerzliches Ereignis , aber das schreckliche Leiden ist dadurch zu Ende gekommen ; der Gute dort in der Kammer fühlt keine Schmerzen mehr , geh hinein und sieh , wie er lächelt . Du bist immer noch glücklich , Ludwig ; du kannst deine Liebe aufsuchen ; nichts hindert dich , morgen zu gehen , und deiner Mutter und Schwester kannst du drüben vielleicht ein besseres Los schaffen , als hier es möglich ist . Du kannst Marie suchen und wirst sie finden ; ich aber - ich muß meine Liebe fliehen ; - sie haben entdeckt , was ich so tief in meiner und deiner Brust verborgen glaubte ; sie haben es auf die Straße gerissen , die Narren , die bösen Weiber lachen und grinsen darüber , die Freunde schütteln traurig den Kopf - was soll ich tun ? Was soll ich tun ? « Die jungen Herzen schlugen laut und wild ; der tote Greis in der Kammer nebenan regte sich aber nicht , das Lächeln schwand jedoch auch aus den erstarrten Zügen : Staub zu Staub , Asche zu Asche ; ruhig , ruhig , ihr jungen Herzen ! - - Dreiundzwanzigstes Kapitel Es kommt Nachricht von den Wanderern . Robert Wolf läßt sich naßregnen . » Texas ! « Hoch lag der Schnee , und grau war der Himmel , als der Leichenzug des Meisters Johannes Tellering sich durch die Straßen wand ; aber selten wurde der Sarg eines armen Mannes mit so schönen und teuern Blumen geschmückt zur Gruft getragen . Von seinem Turm herab war der Sternseher Heinrich Ulex gestiegen und schritt dicht hinter den Trägern des Sarges ; Polizeischreiber Fiebiger hatte Urlaub vom Rat Tröster , seinem hohen Chef , genommen und ging mit Robert hinter Ludwig und dem alten Ulex . Ein langer Zug Handwerksgenossen in den langen ehrbaren Feiertagsröcken , Zitronen auf den Handwerksemblemen tragend , folgte . Juliane von Poppen und Helene Wienand blieben in der Hofwohnung bei den armen Frauen der Familie . Der Schnee lag hoch , die Luft war dunkel , der Tag ganz geeignet zu einem Begräbnis . An der Grube auf dem Kirchhof hielten weder der Konsistorialrat Krokisius noch die Herren Seelenhirten Nothzwang und Drönemeier Lobreden auf den Verstorbenen . Aber es war viel nachdenkliches und betrübtes Volk zugegen , und das Lob , das leise und mit Tränen in den Augen geflüstert wurde , war auch ein Lob . Es zeigte sich , daß der Meister Johannes ein sehr bekannter , ein sehr angesehener Mann war , und zwar nicht nur bei den Handwerksgenossen . Das Sprichwort meint freilich , man müsse sterben , um gelobt zu werden , wie man freien müsse , wenn man getadelt werden wolle ; aber hier war das Lob so einstimmig und innig , daß wirklich nicht an der Aufrichtigkeit desselben zu zweifeln war . Selbst Julius Schminkert war an diesem Morgen recht ernst gestimmt , und niemand hörte an diesem Tage einen der gewohnten Witze von ihm . Schnell erhob sich über dem Leibe des Meisters Johannes der Hügel , und noch während der Arbeit der Spaten deckte ihn bereits der herabwirbelnde Schnee . Durch ein lustiges Gestöber schritten die Träger , die Leidtragenden nach Hause , und die , deren Heimweg lang war , vergaßen den Toten , bevor sie das erste Viertel des Weges zurückgelegt hatten . Sie hatten ihre eigene Not , ihre eigenen Bedrängnisse - dem Toten war sein Recht gegeben ; wer konnte es ihnen verdenken , wenn sie nun gleich wieder an das Leben dachten ? Es war für die meisten Teilnehmer am Grabgefolge doch hart genug , dieses Leben ! Durch den tiefen Schnee wateten auch die Freunde aus der Musikantengasse und der Gelehrte vom Giebel des Nikolausklosters nach Hause . Sie vergaßen den Toten nicht so schnell , nachdem die traurige Pflicht abgetan und Staub zu Staub gelegt worden war . Noch einen Augenblick saßen Ulex , Fiebiger und Robert Wolf nieder in der dunkeln Hofwohnung , inmitten der kleinen trauernden Familie , deren Haupt sie zu Grabe gebracht hatten . Milde tröstende Worte sprach der Sternseher zu der Frau Anna und der weinenden Luise , und Helene Wienand , dicht an das Freifräulein sich schmiegend , verwandte die Augen nicht von dem ehrwürdigen Gesicht des Greises . Auf dem Heimwege aber faßte das junge Mädchen die Hand Julianes und rief mit einem plötzlichen Ausbruch : » O er muß zu meinem Papa kommen ; er muß ihn sehen , er muß zu ihm sprechen ! « » Von wem sprichst du da , Kind ? « fragte das Freifräulein ganz verwundert . » O von ihm , dem Guten , dem guten alten Mann ! « rief Helene . » Er wird zu dem Vater sprechen ; er wird ihn heilen ; er wird tun , was der Herr Rat Pfingsten nicht kann ! « Das Freifräulein sah das Pflegekind ganz verwundert an . » Den alten Ulex meinst du ? Wahrhaftig , es könnte deinem Vater gar nichts schaden , wenn der mit ihm zusammengebracht würde . Welch eine Idee ! Wir wollen noch darüber sprechen ! « Der Wagen hielt vor dem Hause in der Kronenstraße , und die Baronin Viktorine , die am Fenster stand , fuhr beim Anblick der Schwägerin , mit den Zeichen allerhöchsten Abscheus , bis in die Mitte des Zimmers zurück : » Die Person ! Schlimmer als eine Spinne , schlimmer als - eine - Maus ! Elise , Elise , mein Fläschchen ! « Elise stürzte mit dem Riechfläschchen herbei und führte ihre Herrin zu dem Diwan , wo dieselbe aus einem leichten Krampfanfall dem gewohnten Schlummer anheimfiel . Im obern Stockwerk lauerte Leon hinter der Gardine auf das Füßchen Helenes . Das wenige , was er davon erblickte , setzte ihn in eine sehr gemischte Stimmung . » Der Engel ! « hauchte er und setzte grollend hinzu : » Impertinenter alter Drache von Tante ! Aber nur ruhig , Leon , mein Sohn ; wir machen da drüben doch noch Visite . « - - Es spannen sich die Tage eines jeden fort durch den Winter . Zu seinem Robert sagte Polizeischreiber Fiebiger : » Du hast dir ein hohes , schönes Ziel vorgesteckt , mein Junge , und es ist sehr zweifelhaft , ob du es erreichen wirst , ob du deinen Willen haben wirst . Eines merke dir , Junge : durch Träumen und Grillenfangen erreichst du es nicht , und wenn dir die Umstände noch so günstig wären , wenn dir - hm - das kleine Ding - hm - noch so gut wäre . Dies Fräulein Wienand ist ein ganz hübsches Mädchen ; aber nicht nur vor die Tugend , sondern auch vor das Schöne setzten den Schweiß die unsterblichen Götter , wie Ulexius sagen würde . Und diese Götter sind ganz merkwürdige Persönlichkeiten : äußerlich höchst glücklich und klassisch-regelmäßig gebildet , inwendig aber voll Nücken , Tücken und Schrullen . Es amüsiert sie , die Menschen wie Kreisel tanzen zu lassen , sie wissen die Peitsche wohl zu gebrauchen , und die Göttinnen - Venus Amathusia vor allen - stehen und halten sich die Seiten vor unbändiger Heiterkeit . Ach , wir auf der Polizei erfahren viel von ihrem Wesen , mehr als alle griechischen und lateinischen Schullehrer und Professoren ! Die Götter wollen sehr oft den Schweiß - Schweiß und Blut - , ohne den Lohn geben zu wollen . Versuche es aber doch und schwitze ; wer weiß , was geschieht ! « Und Robert arbeitete , und die jetzt so scharfäugigen Alten waren nicht so grausam , daß sie ihn ganz von Helene getrennt hätten ; sie überwachten jedoch die Zusammenkünfte der beiden jungen Leute sehr genau und gaben acht , daß kein Schaden geschehe . Der Hammer in der Hofwohnung klang Tag und Nacht , fast ohne Aufhören . Die Säge kreischte , der Hobel fuhr über alles Rauhe , über alle Äste und Knorren : Glatte Bahn ! glatte Bahn ! Guten Mut , Ludwig Tellering , auch im Menschenleben räumt eine starke Hand manchen Knorren und Ast aus dem Wege und macht glatte Bahn , glatte Bahn , glatte Bahn ! Der Sternseher sah nach den Sternen , und das Freifräulein führte ihn bei dem armen Bankier in der Kronenstraße ein ; aber der Kranke hatte große Angst vor dem Greise und duldete nur zitternd seine Gegenwart . Der Sanitätsrat Pfingsten sprach sich gegen das Freifräulein dahin aus : es werde endlich nichts übrigbleiben , als den Patienten in eine Irrenanstalt zu bringen , Hülfe und Heilung werde aber voraussichtlich auch da nicht zu finden sein ; denn diese Art der fixen Ideen komme meistens nur mit dem Tode des Individuums zu Abschluß . » Wenn das ist , so wollen wir den armen Mann nicht fremden Händen überlassen , Pfingsten « , sagte Juliane . » Zu Tode füttern können wir ihn auch . « Der Arzt zuckte die Achseln . - Unter dem Getön einer höchst friedlichen Katzenmusik sämtlicher Hausgenossen verließ Fräulein Aurora Pogge die Nummer zwölf der Musikantengasse , und der Tag ihres Exodus war für die Nummer zwölf ein sehr heiterer Tag . Der satanische Julius hatte natürlich an der Tür der Schneiderwerkstatt Posto gefaßt , und die himmlische Angelika kicherte hinter dem Türvorhang . Über alles und jedes machte das holde Paar seine frivolen Bemerkungen . Nichts war den beiden unverschämten Kreaturen heilig , weder die jungfräuliche Bettstatt Auroras noch das Porträt des kriegskommissarischen Papas ; ja Schminkert trieb die Verwogenheit sogar so weit , dann und wann ein Stück Hausrat anzuhalten und , zum Ergötzen des vor der Haustür versammelten Volksspiels , seinen Scherz damit zu treiben : » Hier kommt der Thron der Grazien ! Laßt den Thron der Grazien durch , Bürger von Athen ! « schrie er , als ein grinsender Packträger einen kastenähnlichen Stuhl , auf welchem man grade nicht sehr graziös sich niederzulassen pflegt , hervorschleppte . » Laß den Deckel zu ! Laß den Deckel zu , glorwürdig Volk ! « schrie der Schauspieler . » Hier kommt ein ganzer Waschkorb voll süßer Erinnerungen aus lang , unendlich , unermeßlich , schauderhaft lang vergangener Jugendzeit . Setzt ab die Bahr ' , ihr schwarzverhüllten Träger - bei allen Mächten , hineingucken muß ich , und wenn des Teufels Großmutter in eigener Person Wache davor hielte ! ... Brrr ! Lauter Perücken und mauserige Schmachtlocken ? Lauter abgelegte imitierte üppige Körperformen ? Hurra , versammeltes Volk , was sagst du hierzu ? « Mit spitzen Fingern hielt der Spötter eine vergilbte seidene Robe aus dem Anfang dieses Jahrhunderts in die Höhe , und Janhagel sperrte lachend das Maul auf : » Donner , welch ' n Staat ! « » So trug man sich , als Fräulein Pogge ein junges Mädchen war ; lang , lang ist ' s her ! « sprach und sang der Schauspieler mit einem tiefen Seufzer und ließ den Plunder wieder fallen . Er erblickte jetzt den Hausherrn am Fenster und rief ihm mit gellender Stimme zu : » Soll ich ein Andenken für Sie - ganz Rokoko , Herr Mäuseler - , soll ich ein Andenken zurückbehalten für Sie ? « Der Rentier schüttelte krampfhaft das ehrwürdige Haupt , und Julius Schminkert setzte seine spaßhafte Inventur zum Ergötzen der gesamten Nachbarschaft fort , bis mit dem letzten Hausgerät Fräulein Aurora Pogge selbst , grüngelb , vor Wut dem Tode nahe , das Haus verließ und mit einem allgemeinen Jubelgeschrei von der Hausgenossenschaft entlassen und von dem Haufen auf der Straße empfangen wurde . » Jetzt Chlorkalk her ! « jubelte Schminkert . » Pulver aufgeblitzt ! Mit Essig den Boden gesprengt ! Räucherkerzen und Königsräucherpulver ! Herr Stibbe , Schwiegerpapa in spe , Sie , Herr Mäuseler , Kommerzienrat in spe : ich bitte um ein Attest darüber , daß ich mich um das Vaterland verdient gemacht habe ! « Fräulein Aurora Pogge zog aus , und Julius Schminkert blieb im Hause ; sein Ansehen und Ruf war bedeutend gestiegen , seine Liebe für die liebliche Angelika blieb dieselbe . Er legte die achthundert Taler , das Vermächtnis der seligen Tante , nieder in die Hände des Tailleurs Alphonse Stibbe als Bürgschaft für künftiges gutes Verhalten . Dem Hausherrn , Herrn Mäuseler , malte er in mancher Privatunterhaltung immer schrecklicher die Heiratsfallen , welche ihm - Mäuseler dem Edlen - Aurora Pogge gelegt habe , und der Rentier erklärte ihn - Julius Schminkert - für einen recht gescheiten jungen Mann , mit dem man Nachsicht haben müsse , da er doch nichts dafür könne , daß ihn Gott in seinem Zorn zum » Kinstlär « gemacht habe . Unter den allbekannten , oft besungenen und beschriebenen Symptomen nahm der Winter Abschied und kam der Frühling : es gab ein großes Auftauen und viel Schmutz in der Stadt sowohl wie auf dem Lande . Unglückliche Buttervögel wagten sich hervor und erfroren wieder in sehr kalten Nächten ; auf dem Spaziergang kreischten die Damen hell auf , wenn harmlos der erste Frosch vor ihnen über den Weg hüpfte ; irgendwo durchbohrte der erste Mückenrüssel den feinen weißen Strumpf und sog Jungfrauenblut zum hohen Unbehagen der Jungfrau . Die frommen Schwalben kamen aus ihren unbekannten Winterquartieren zurück und klebten ihre Drecknester an die Häuser , und sehr viele pietätlose Hausbesitzer stießen sie mit langen Stangen wieder herab , weil sie behaupteten , das » Viehzeug « bringe Wanzen mit . Der Landmann pflügte fluchend über die saure Arbeit und die hohen Steuern den Acker , und die Krähen hüpften hinter ihm her und fraßen mit Appetit Engerlinge ; auch der während des Winters erzeugte Dünger wurde aufs Feld gefahren . Man bekam wieder einmal sehr leicht den Schnupfen und wurde ihn wieder einmal sehr schwer wieder los . Es war nicht zu verlangen , daß der Polizeischreiber Fiebiger sich sehr begeistere für den Frühling ; er nahm ihn , wie er sich gab , und traute ihm nicht eher , bis er vorüber war . An einem Morgen im Frühling aber war ' s , als der Beschützer Robert Wolfs in den vor seiner Tür angebrachten Briefkasten griff und einen Brief hervorzog , welcher durch Vermittelung eines der bekanntern Handlungshäuser der Stadt in den besagten Kasten geworfen worden war . Der Schreiber vergaß nicht leicht eine charakteristische Handschrift , wenn er sie auch nur ein einziges Mal gesehen hatte ; der Brief kam aus weiter Ferne , kam übers Meer , der Brief war von Friedrich Wolf . » Keine Überstürzung ! « sagte der Polizeischreiber , legte das gewichtige Päckchen auf den Tisch , zündete seine Pfeife an , warf einen Blick auf Robert Wolf , der am Fenster eifrig las , zog einen Stuhl an den Tisch , setzte sich mit einem Seufzer nieder und erbrach nun erst ganz bedachtsam das Kuvert . Zwei andere Briefe fielen heraus ; der eine war von Marie Heil an Luise Tellering , der andere von Eva an Robert gerichtet . Der Schreiber warf wieder einen Blick auf seinen nichtsahnenden Schützling und vertiefte sich dann in das an ihn selbst gerichtete Schreiben Friedrich Wolfs . Es lautete : » Wir senden aus der neuen Heimat den Freunden drüben diese Botschaft . Geschwiegen haben wir bis jetzt , weil wir das für das Bessere hielten . Die Zeit sollte erst die Wunden , welche nicht wir geschlagen hatten , verharschen machen . Wir hoffen , daß die Zeit ihre lindernde Kraft bewiesen hat ! Ich kann dem wackern Mann , der meinem armen Bruder so hülfreich die Hand reichte , nur immer von neuem danken . Eva schreibt selbst an Robert . Ich habe meine Frau wild und weit durch die Welt geführt ; die Kinder aus dem Winzelwalde haben ihr eigenes Schicksal , und wechselnde Sterne leuchten über ihnen . Nun stehen wir wieder vor einer großen Wanderung . Den Reichtum , welchen mir das Glück unaufgefordert in den Schoß warf , hat es mir in einem Anfall übler Laune wieder bis auf ein Bruchteil genommen , und meine Angelegenheiten befinden sich jetzt ziemlich vollständig , wie man hierzulande sehr geistreich sagt , out of fix . Die Stimmung haben wir uns jedoch nicht verderben lassen und bereiten uns jetzt zu einer marooning party , das heißt eine Landpartie auf mehrere Tage mit Proviant , vor ; das heißt wiederum , wir gehen einige tausend Meilen weit , nach Texas . Es weht hier eine ungemein gesunde Luft , und wir atmen den Hauch des Weltmeeres zugleich mit dem Hauch des Urwaldes und der Prärie ein ; man verliert dabei nicht so leicht den Mut . Die eigene Kraft , die in Europa so manches Mal nur eine Phrase ist für ein von tausenderlei Staatsgewalten gezügeltes , zurückgehaltenes , niedergedrücktes , vergebliches Abkämpfen , ist hier für den echten Mann noch immer eine Wahrheit , was auch die nächsten Zeiten bringen werden . Wenn man nur nach den Sternen sieht , so findet man immer seinen Weg ; - mit frischem Mut westward ho , und - Gott befohlen ! Eva Wolf ist wohl und fröhlich , von fixings keine Spur ; - sie weiß vortrefflich mit dem Revolver umzugehen und wird , eine herrliche stolze Jägerin , mit den Jägern und Handelsleuten reiten . Die Frau wird sich weitläufiger in ihrem Schreiben auslassen ; meine Zeit ist gemessen , rastlos muß ich den Schleifstein drehen , auf dem ich die Waffen und Werkzeuge schärfe , welche uns den Weg weiterbahnen sollen . Die Funken springen im feurigen Kreise , das Leben wartet auf niemand ; morgen sind wir auf dem Wege der Sonne vom Orient zum Okzident ! Was kümmert uns die Nacht ? Wir sehen nach den Sternen , an die wir glauben ! Lebt wohl ! Friedrich Wolf New Orleans , Saint Charles Hotel , am 28. Febr . 184- . « » So ist es ! « murmelte der Polizeischreiber . » Der eine sitzt in der Höhe , zum Exempel drüben auf dem Giebel des Nikolausklosters , hoch über dem Getriebe der Menschen und sagt : Seht nach den Sternen . Der andere marschiert im Getümmel mit , tritt seinem Vordermann auf die Hacken , läßt sich von seinem Hintermann auf die Hacken treten und faßt seine Lebensweisheit in dieselben Worte zusammen . Phantasten sind sie beide ; aber es ist doch ganz nobel , sich solchen Phantastereien hinzugeben . Übrigens hat der Mann im Giebel den Vorteil , daß er wenigstens so ziemlich sicher sitzt ; dieser hier « - der Schreiber legte die Hand auf den Brief Friedrich Wolfs - , » dieser hier beschreitet einen gefährlichen Pfad und führt , was das schlimmste ist , ein anderes , schwächeres Wesen auf demselben Pfade mit sich fort . Es ist wahr , sie haben viel Glück , diese phantastischen Abenteurer , die in lächelnder Sorglosigkeit keinen Zweifel kennen und sich allen feindlichen Gewalten gewachsen glauben ; die Welt bedarf ihrer , die Poeten , die Helden jeder Art rekrutieren sich aus ihnen . Dieses nach seinen Sternen sehende Abenteurertum schiebt die Geschichte vorwärts ; überall ist es am Werk beschäftigt , hinter der Bühne und auf der Bühne . Wer zieht die Seile und haspelt an der Maschinerie , wenn die Szene sich verändern soll ? Diese sternguckenden Gesellen sind es . Wenn nur ihre Sterne nicht so oft sich in Sternschnuppen verwandelten ! Arme Burschen ! Was ist das Ende der meisten ? O Friedrich Wolf , mein tapferer , mein lieber , mutiger Junge , wohin wirst du von deinen Sternen geführt werden ? Wohin wirst du dein mutiges , edelherziges Weib führen ? « Kopfschüttelnd erhob sich Fritz Fiebiger und legte den Brief Evas auf den » Phädon « , Robert Wolf vor die Nase . Auch der Jüngling erkannte sogleich die Handschrift ; er stieß einen erschreckten Laut hervor , eine hohe Röte überflog sein Gesicht , die Hand , mit welcher er das Siegel zerbrach , zitterte nicht wenig ; aber dieses Mal zerriß er den Brief Evas nicht ungelesen . Das geöffnete Schreiben in der Hand , wollte er aus der Tür stürzen , als der alte Fiebiger lächelnd rief : » Halt ein wenig ! Hier ist noch eine Epistel an Fräulein Luise Tellering ; nimm sie mit und gib sie ab . « Robert griff nach dem Dargebotenen und eilte jetzt davon ; den Brief an Luise legte er auf dem Hofe in die Hand Ludwig Tellerings , mit dem Schreiben Evas sprang er in die Gasse und durcheilte sie fast so schnell wie an jenem Abend , wo er von Julius Schminkert und dem Polizeischreiber gejagt wurde . Manche Straße mußte er durchlaufen , ehe er sich so weit gefaßt hatte , daß ihm die Buchstaben nicht mehr verworren vor den Augen durcheinandertanzten . Es regnete leise , aber er merkte es nicht ; zuletzt stand er , an eine Hauswand gelehnt , mitten in dem an ihm vorübertreibenden Getümmel und las : » Lieber , lieber Robert ! Ich schreibe Dir wieder einen Brief . Ein Jahr und ein halbes ist vergangen , seit wir uns zuletzt sahen , das ist eine lange Zeit für das kurze Menschenleben . Man kann darin viel Leid erdulden und viel Freude haben ; man kann darin viel besser und viel schlechter werden . Man kann darin ein ganz anderes Wesen werden , und manchmal merkt man das , oft merkt man es nicht ; es geschieht darum aber doch . Es trennt uns nicht nur die Zeit , es trennen uns auch weite Räume , Land und Wasser , und oftmals mein ich noch , es sei nur ein Traum , der mich hier gefesselt halte und mir so bunte Bilder zeige . Oh , ich sehne mich gar nicht nach dem Erwachen ; ich bin eine glückliche Frau geworden , Lieber ; - o möge es Dir auch so gut gehen und mögest Du all das Glück finden , welches ich Dir zu jeder Stunde wünsche . Ich fühle es nun recht mit geheimem Schauder , dort bei Euch hätte ich zuletzt doch zugrunde gehen müssen ; ich war wie ein armer Vogel , welchem man die Flügel abgeschnitten hat und der im Staube sein Leben , das eigentlich den blauen Lüften gehört , verhüpfen muß . Weißt Du , lieber Bruder Robert , in unserer Stube zu Poppenhagen hüpfte solch ein verstümmelter Vogel unter den Bänken , verstäubt , halb blind , mit zerzaustem Gefieder , immer in Furcht vor der Katze . Fritz hatte ihn gefangen und mir geschenkt , ich denke heute noch kummervoll an das arme Tier - die Katze hat es zuletzt doch erhascht . Mir sind jetzt die Flügel wieder gewachsen , und ich kann hoch und weit fliegen ; aber den armen Hänfling vergaß ich darum doch nicht , auch nicht das Schulhaus und das Pastorenhaus , die Gräber auf dem Kirchhof , die Berge , den Poppenhof - das ganze Poppenhagen . Die Kirchglocke höre ich noch immer , und alle Dorfleute kommen mir vor die Augen , als habe ich sie erst gestern verlassen . Wenn ich hier in großer Gesellschaft bin , im englischen Sprachgewirr , wenn alles higgledy-piggledy durcheinanderzischt und -schnappt , auf dem Mississippidampfer , im Wagen oder zu Pferde : überall und immer kommen mir die alten bekannten Bilder . Und wenn mich dann irgendein kluges oder dummes Wort aufweckt und ich antworten muß , so merke ich , wie ich in meinen Träumen aus dem Getümmel so weit weg war . - Da sitze ich und frage mich , ob wohl die alte Liese noch lebe und vor der Schenke in der Sonne kauere . Ob wohl an dem Wegweiser auf dem Kaiserberge immer noch alle drei Arme fehlen . Welche Kinder mögen jetzt wohl die Abendglocke ziehen , da wir fort und so weit in der Welt zerstreut sind ? Ich hätte doch nie gedacht , daß ich einmal das Heimweh nach dem Winzelwald , nach dem schmutzigen Dorf Poppenhagen bekommen würde . Lieber Bruder , Fritz ist sehr gut gegen mich ; er hat viel Unglück gehabt in der letzten Zeit . Ein großer Liner , das heißt eines der Liverpooler Paketschiffe , ist mit vielen Gütern , die uns gehörten , untergegangen , wir haben viel Geld verloren beim Bankerott einer Bank in Philadelphia . Aber Friedrich ist ein rechter Mann , der sich nicht durch Widerwärtigkeiten beugen läßt ; wir werden jetzt eine große Reise antreten in ein ganz neues Land , wo es vielen gelingt , Reichtümer zu erwerben ; Fritz hat die besten Hoffnungen ; er summt , singt und pfeift den ganzen Tag , und sein Schritt erschüttert immer stärker den Fußboden . O wenn ich ihm nur behülflich sein könnte auf seinem Wege ! Wäre meine Hand so stark wie mein Herz , er sollte auf kein Hindernis auf seinem Pfade stoßen . Nun kann ich aber nur treu an seiner Seite gehen und den Sternen , die er sieht , glauben und ihm folgen , wie er mich führt , durch Wildnis und Wüste , über Land und Meer , durch alle Not und allen Schmerz . Lieber , teurer Bruder , je fester ich mich an das Herz , welchem ich mich gegeben habe , festklammere , desto mehr muß ich mit Wehmut an den Schmerz denken , der durch mich einem andern Herzen , wenn auch ohne meine Schuld , angetan ist . O möchtest Du doch schon die gefunden haben , welche Dir zum Trost und zur Begleitung auf Deinem Lebenswege von Anfang an bestimmt wurde ; - ich war es nicht , lieber Robert , das sage ich Dir immer wieder . Wir leben hier in einem herzlosen , lieblosen Getümmel ; ach Robert , wenn Du doch wüßtest , was es mir sein würde , wenn ich nur mit dem einen Gefühl des Heimwehs der Heimat gedenken könnte ! Gedenke Du der Wanderer im fremden Lande , dear Bob , aber sende ihnen keine harte und wilde Gedanken nach auf ihren wilden , gefahrvollen Weg . Sei tausendmal gegrüßt und lebe wohl ! Eva Wolf « Die Leute , welche an dem lesenden Robert vorübergingen , hatten hinreichend Grund , sich über den jungen Mann zu verwundern ; er gab an seiner Hauswand eine vollständige dramatische Vorstellung dem erstaunten Publikum zum besten , und Julius Schminkert würde es nicht besser gemacht haben . Als er wieder zur Besinnung kam , entzog er sich ziemlich beschämt so schnell als möglich dem gaffenden Kreise , welcher sich um ihn gebildet hatte , und eilte ziemlich durchnäßt vom Regen heim . In der Musikantengasse stürzte ihm sein Freund Ludwig , welcher sich in einer ähnlichen Gemütsverfassung wie er selbst befand , entgegen : » Texas ! Texas ! Sie geht nach Texas , hat sie der Schwester geschrieben ! Und ich - wir - die Mutter und Luise - wir alle gehen ihr nach . Ich habe es lange mit mir herumgetragen ; aber jetzt ist ' s fest beschlossen ; ich gehe mit der Mutter und