Gegenwart möglichst bald lösten , « sagte der Graf . » Dies ohrzerreißende Freiheitsgeheul kann nimmermehr zur Weltharmonie mitwirken . « » Doch ! « sagte Ernest ; » nur nicht für die Gegenwart ! Es ist aber geringe Hoffnung vorhanden , daß sich Ihr Wunsch , Herr Graf , erfülle . « » Sie sind ja ein wahrer Unglücksprophet , Herr Ernest ! « rief die Baronin Isabelle . » Ist denn auch über unsere Zeit , wie über die Päpste , eine traurige Weissagung gesprochen ? « » Nicht daß ich wüßte , « entgegnete Ernest gleichmütig . » Allein es geht ein gräßlicher Zug durch die Zeit , den jeder wahrnehmen kann , der Augen hat : sie neigt sich massenhaft der Tiefe zu und diese Massen haben ihre dämonische Freude daran , daß dem so ist . Es gab Epochen in der Weltgeschichte , die wilder und ungeordneter waren , als die Jetztzeit , in denen sich mehr Gewalttat , Roheit , brutale Sinnlichkeit , und auch massenhaft , zeigten . « » Nun , das ist beruhigend , « unterbrach ihn die Baronin , » denn Sie geben damit zu , daß es schlimmere Zeiten gab . « » Der Nachsatz folgt ! « erwiderte Ernest . » Aber in jenen Epochen sittenloser Verwilderung , die zu mannigfachen Gräueln führte , fehlte die charakteristische Signatur der Jetztzeit : heuchlerische Schöntuerei mit Bildung , Fortschritt , Geist , welche den furchtbaren Abfall von Gott und vom Christentum als einen Riesenschritt aufwärts anpreist und hinter jenen drei Worten den Kultus des Materialismus verschleiert . Viel lesen und viel schreiben - ist Geist ; viel Eisenbahnen und Börsenspekulationen haben - ist Fortschritt ; viele Opern und Ballets angaffen und im raffiniertesten Luxus den Nerv der Seele abstumpfen und das Gehirn schwächen - ist Bildung ; und diese drei Zauberworte sollen weiter nichts bezwecken , als dem Menschen einen möglichst hohen Lebensgenuß zu verschaffen , der durch die alte fixe Idee der christlichen Menschheit von Gott - bis jetzt beeinträchtigt wird . In anderen schlimmen Zeiten vergaß man nicht sowohl Gott , als vielmehr seine Gebote und im Sturm tobender Leidenschaften kümmerte man sich nicht um ihn . Die Sinne sündigten im Taumel ; nicht der Geist mit Überlegung . Roher waren die Frevel - vielleicht ! gewiß nicht so niederträchtig . Das hämische Bemühen , den ewigen Gott vom Thron der heiligen Dreifaltigkeit herabzureißen , die Weltordnung von seiner Allmacht abzulösen , die Menschheit von seiner Gnade und Liebe hinweg zu drängen , an die Stelle des menschgewordenen Gottes den Wechselbalg eines Gottes zu bringen , der in jedem einzelnen Menschen zum Bewußtsein kommt , in der Gattung Mensch - den Zwillingsbruder der Gattung Affe zu sehen , der sich von dieser nur durch sein größeres Gehirn unterscheidet : und dies Bemühen auszuführen , kaltblütig , hohnlächelnd , Brill ' auf der Nase , Bein ' unter dem Schreibtisch , in zahllosen Werken , Schriften , Vorträgen , Vorlesungen , die sündflutartig aus allen Weltgegenden , in allen Sprachen , in gebundener und ungebundener Rede , gedruckt und gesprochen , eindringen und einbrechen und - auf die die Sympathien der niederen Instinkte in der Menschheit pochend - frech behaupten , dies und nur dies sei ächte und rechte Wahrheit : diese massenhafte Lüge ist die Signatur unserer Zeit . Im alten , heidnischen , absterbenden Römerreiche gab sich ein ähnliches Bemühen kund , den Gott der Christen aus den Seelen der Gläubigen zu reißen , und schon damals hieß es , das Christentum verdumme die Leute und mache sie gleichgiltig gegen Philosophie , Wissenschaft , heiteren Genuß des Daseins und andere hohe Dinge mehr - und um sie aus ihrer Gleichgiltigkeit aufzuwecken , ließ man wilde Bestien gegen sie los und folterte sie mit Feuer und Eisen . Allein dies Bemühen ging von Heiden aus und die Antwort , welche die Christen darauf gaben , war der Martertod von Millionen und die Bekehrung von Millionen aus dem Heidentum zum Christentum . Jetzt aber findet den Bemühungen getaufter Heiden gegenüber , die so gefährlich sind , weil sie nicht direkt den Abfall vom Glauben , sondern nur von höherer Erkenntnis , wissenschaftlicher Forschung , Licht der Aufklärung etc. predigen - keine massenhafte Bekehrung zum wahren Glauben statt : folglich ist es unmöglich , daß die kreischenden Dissonanzen schnell gelöst werden . Sie behalten im Gegenteil die Oberhand und werden vermutlich noch lauter aufheulen . « - Ein Jahr vorher hätte der Graf gewiß geantwortet : politische Revolutionen hätten nicht das mindeste mit dem religiösen Glauben oder Unglauben zu tun ; aber jetzt war ihm doch ein gewisser Zusammenhang derselben nicht unwahrscheinlich und er begnügte sich mit der Äußerung : » Die Soldaten müßten nur mit gehöriger Energie auf sämtliche Demokraten- , Republikaner- , Carbonari- , Sozialisten- , Freimaurer- und sonstige Nester losgehen : dann würde es schon besser werden . « » Äußerlich vielleicht , « sagte Levin , » aber jene armen Menschen würden schwerlich dadurch gebessert ! « » Nun bedauern Sie die noch gar , bester Onkel ! « rief der Graf empört . » Ich auch ! « sagten Ernest und Regina aus einem Munde . » Das ist unerhört ! « rief der Graf . » Nein ! ich hasse sie gründlich . « » O lieber Vater ! « rief Regina , » auch sie sind als Ebenbild Gottes geschaffen und machen sich zu seinen Feinden ! Kann es etwas Erbarmenswerteres geben ? und wer weiß denn , ob ihr Irrtum nicht größer ist , als ihre Bosheit . « » Das muß man hoffen ! « sagte Levin . » Der Irrtum , dem nie das wahre Licht geleuchtet hat , dem nie die katholische Wahrheit aufgegangen ist - ist unaussprechlich zu beklagen . Von ihm heißt es in der Tat : er weiß nicht , was er tut . Der freiwillige , absichtliche Irrtum hingegen , der das Licht haßt , weil seine Werke böse sind - wie es in heiliger Schrift heißt - der steht in engster Wechselwirkung mit der Sünde und beide bedingen und verstärken einander . Sünde befleckt das Herz , und die Nebel , welche aus einem solchen Herzen aufsteigen , beflecken die Intelligenz und berauben sie tiefer Einsicht und reiner Erkenntnis . Nicht umsonst hat der göttliche Heiland gesagt : Die reinen Herzen werden Gott schauen . Je mehr das Menschenherz in Sünden vergraben ist , desto weniger Erkenntnis hat es von göttlichen Dingen , desto weniger Liebe spürt es für Göttliches . Dadurch gerät es allmälig in eine , seiner Bestimmung genau widersprechende Richtung : in die Feindschaft Gottes . Der Verlust der heiligmachenden Gnade beraubt es des übernatürlichen Lebens . Gibt es ein größeres Elend als dieses : der Seele nach eine galvanisierte Leiche zu sein , die sich regt und bewegt , von äußerem Impuls getrieben , aber ohne den Lebenshauch , den sie von Gott empfing ? Wem würde nicht ein solcher Zustand zu Herzen gehen ? Und ihn nimmt das Auge des Glaubens in denjenigen wahr , welche ihre Lust an der absichtlichen Empörung gegen Gott finden . « » Ich betrachte sie aber schlecht und recht mit meinem Sinnenauge , « entgegnete der Graf , » und nehme wahr , daß die Lust an Empörung gegen Recht und Gesetz nicht die revolutionären Herren , wohl aber uns in ' s Elend stürzt , in ' s wirkliche , materielle und reelle Elend ; also bitte ich , nicht zu verschwenderisch mit dem Bedauern für unsere Widersacher zu sein , die sich ohnehin ungeheuer lustig über Euch alle machen würden , wenn sie Euer zartes Mitleid ahnten . Wir können sämtlich durch sie an den Bettelstab gebracht werden , so gut wie der Herr Miranes , von dem es im vorigen Winter hieß , er habe so und so viele Millionen . « » Die schöne Judith an den Bettelstab ? ... das kann ich mir gar nicht vorstellen ! « rief Regina . » Seit jenem Abend , da sie die Peri darstellte , « sagte Ernest , » hab ' ich sie nur noch einmal gesehen , zur gewöhnlichen Unterrichtsstunde . Da war sie ganz unverändert und sprach von den Zuständen in Paris so gleichgiltig , wie vom Wetter . Zwei Tage darauf schickte sie mir ein Gemälde und andere Sachen , die sie von mir hatte ; auch mein rückständiges Honorar und schrieb mir dazu in zwei Zeilen , sie verreise mit ihrer Mutter auf längere Zeit . Als ich zu ihr eilte , um von ihr Abschied zu nehmen , war sie fort , verschwunden , Einige sagten nach Brasilien . Bald darauf brach denn auch für Herrn Miranes eine gründliche Katastrophe ein ; aber die allgemeinen Weltverhältnisse verschlangen alle Teilnahme . Man sprach kaum von ihm ! Einmal hörte ich , er sei tiefsinnig geworden . « » Wie traurig ! « sagte die immer mitleidige Regina . » Kind ! « rief der Graf unmutig , » bedenke das Schicksal , welches das Haus Habsburg traf , und wimmere nicht um das Haus Miranes ! « » Revolution ! « sagte Ernest gelassen . Im Kristallpalast Im Sommer des Jahres 1851 machte Europa eine Wallfahrt zum Tempel der Göttin , die sich mit einer bis dahin unerhörten Geschmeidigkeit , Tätigkeit und Umsicht des ganzen Räderwerkes der revolutionsmüden Welt bemächtigte : der Göttin Industrie . Eine Ausstellung ihrer Erzeugnisse , auf dem ganzen civilisierten Erdball eingesammelt , fand in London statt , in dem eigens dazu erbauten Lokal , das sich unter den herrlichen Eichen und auf der grünen Wiesenflur von Hyde-Park wie ein Feenschloß im Märchen - aus Glas erhob . Die französische Republik lag in den letzten Zügen , ganz bereit , wie fünfzig Jahre zuvor , von einem zweiten Diktator sich in eine Knechtschaft bringen zu lassen , gegen welche die beiden letzten , durch Emeuten gestürzten Regierungen Frankreichs im hellsten Lichte der Freiheit aufleuchteten ; ein Schicksal , das übrigens , wie die Weltgeschichte lehrt , nicht die französischen Republiksversuche allein , sondern alle diejenigen haben , die sich auf den Ruinen einer anderen durch Gewalt und Willkür zerstörten Regierungsform erheben . Der demokratische Geist , auf dem die moderne Republik beruhen soll , hat in sich etwas Zersetzendes und Zersplitterndes , weil jedes Individuum zum Mitherrscher in der äußeren Welt berufen wird . Er muß also mit hoher Tugend gepaart sein , um der Masse von Individuen die Charakterstärke und die sittliche Reinheit zu geben , welche jeden einzelnen über die Klippe des Wahnes und des Wunsches hinwegheben , Alleinherrscher zu sein oder zu werden . In unseren alten monarchischen - jetzt leider ! vielfach bureaukratischen Staaten , in denen sich der demokratische Geist aber nur als Gegensatz zu denselben , ja eigentlich nur als Gegensatz zu ihren Schattenseiten entwickelt , mangelt ihm jede hohe , einfache Tugend , welche notwendig wäre , um seinen Deklamationen gegen Mißbräuche , Übergriffe und Untaten der Monarchien einige Würde zu verleihen und um seine beliebten Worte von Volksbeglückung und Volksbildung in Taten zu verwandeln . In Europa hat er sich als unfähig zu dieser Aufgabe erwiesen , hat überall , wo er revolutionierend die Oberhand gewann , in England , in Frankreich , in Deutschland , die Völker in Verwirrung , Entsittlichung und Elend gestürzt ; und hat sie zuletzt , stumpf und morsch , der Diktatur eines Cromwell , zweier Bonaparte ' s überliefert . Daß es in Deutschland nicht zu etwas Ähnlichem kam , hat man wahrlich dem demokratischen Geist nicht zu danken . Da nun dessen glänzendstes Produkt , die französische Republik , im Absterben begriffen war , so verschwand die Hydra Revolution mit ihren tausend Köpfen - aber nur aus der Öffentlichkeit , und nur auf dem Kontinent . In England und in Amerika züngelten und zischten die Schlangenzungen dieser tausend Köpfe nach wie vor in giftiger Frechheit ; da man aber keine Barrikaden und keine beblousten Freiheitshelden unmittelbar vor Augen hatte , und einen in Revolutionsschwindel und Atheismus verkommenen Teil der Schweiz als zu gering für Ausbreitung giftiger geistiger Miasmen betrachtet , so frohlockte man in Europa , und mit einer Art von gieriger Wut warf man sich darauf , » die Segnungen des Friedens « auszubeuten und herauszustreichen . Diese Segnungen bestanden vorzugsweise in einem ungeheueren Aufschwung der Industrie , welcher durch die Ausstellung im Kristallpalast zu London eine Art von europäischer Bürgerkrone aufgesetzt wurde . So etwas hatte die Welt noch nicht erlebt : aus allen Himmelsgegenden über Land und Meer zu reisen , um allerhand Fabrikat in geschmackvoller Aufstellung anzusehen . Eine Art von Völkerwanderung begab sich auf den Zug nach London . Was jeder heimbrachte , war die Erinnerung an einen fabelhaft bunten Wust , aus dem , wie ein Wrack aus dem Weltmeer , irgend ein Lieblingsgegenstand auftauchte . Wer sich eifrig an dieser Völkerwanderung beteiligte , war Graf Windeck . Im Grunde war ihm alles Fabrik- , Industrie- und Spekulationswesen äußerst gleichgiltig , ja zuwider . Er hatte eine entschiedene Abneigung gegen alle Emporkömmlinge durch Reichtum , weil er in ihrer Stellung und ihren Verhältnissen keine Garantie des konservativen Elementes fand . Wer so plötzlich reich wurde , nur durch geschickte Benutzung günstiger Zeitumstände , könne durch deren Ungunst auch einmal ebenso plötzlich arm werden , und befände sich in einem beständigen Schaukelzustand , nie in einem zuverlässigen und stabilen , und zu einem solchen könne er kein Vertrauen haben - pflegte er zu sagen . Zu jeder anderen Zeit hätte er sich ungemein gewundert , daß man sich mit einer Industrie-Ausstellung so enorme Mühe gebe und so viel Geld und Teilnahme an sie verschwende ; allein gegenwärtig erschien sie auch ihm als eine Blüte der Segnungen des Friedens , ja als deren Besiegelung ; denn wie mußte sich eine Industrie , die es dahin gebracht hatte , im märchenhaften Kristallpalast überköniglich zu thronen - gegen die Emeute zur Wehr setzen , deren brutale Erdstöße ihre Feenbehausung samt ihrer Tätigkeit in Grund und Boden krachen würden . » Das Ungeheuer Industrie , « hatte er im Frühling zu den Seinen gesagt , » hält das Ungeheuer rote Republick im Zaum . Ein Monstrum besiegt das andere ! Wir wollen uns das siegende betrachten und nach England gehen . « - Die Verhältnisse in der Familie waren unverändert geblieben ; auch die Gesinnungen . Regina war schöner denn je , denn es legte sich über ihre liebliche und edle Erscheinung ein Schmelz der Wehmut , wie sie aus einer tiefen ungestillten Sehnsucht , die nie in Klage ausbricht und nie von schmerzlicher Unruhe sich bewegen läßt - unwillkürlich entspringt ; ein Nachtviolenduft der Seele , der dem Glanz der Schönheit einen unvergleichlichen Zauber gab . Neben ihr war Corona zu einem reizenden jungen Mädchen aufgeblüht , mit ein paar Augen so tief und so dunkel , wie das nächtliche Meer , das über ungeahnten Geheimnissen geheimnisvoll aufleuchtet . Corona war nicht mehr das spielende , allem Ernst abholde Kind , das einst ein Ordensgewand sogar als Maskenkleid mit Furcht und Abneigung betrachtete . Sie verstand jedes ernste Streben und jeden höheren Aufschwung , aber sie war nicht , wie Regina , durch und durch von einer weltentfremdeten Sehnsucht ergriffen , sondern sie wünschte ein Stückchen Welt in ihrem Herzen himmelwärts zu heben , oder ein Stückchen Himmel in die Welt zu verpflanzen ; sie wußte selbst nicht recht wie ! sie war eben sechszehn Jahre alt ! und war als die Jüngste - auch der verzogene Liebling der ganzen Familie . Der Graf adorierte sie , als sie sich so schön und anmutig entwickelte . In Regina war ein Etwas , das ihm unwillkürlich einen gewissen Respekt einflößte , über den er sich im Stillen ärgerte . Überdies gab es Punkte , von denen sie , trotz aller Unterwürfigkeit , nicht abging ; sie hatte nicht Coronas unbedingte Fügsamkeit . Orest war im Kriegsdienst geblieben . Uriel hatte denselben nach Beendigung des lombardischen Krieges verlassen und war wieder in die diplomatische Laufbahn getreten , aber nicht nach Frankfurt zurückgekehrt . Die furchtbaren Ereignisse der Zeit , die bitteren Erfahrungen , an denen sie so überreich war , die Kriegs- und Schlachtenbilder , angeschaut in nächster Nähe und in voller Herbe - die auch den glorreichsten Siegen nicht fehlt ; die Ungewißheit des eigenen Daseins und der eigenen Zukunft : alles stimmte ihn ernst , und er nahm sich vor , seine Tage nicht in träumerischer Anhänglichkeit an Liebesgedanken zu verschwenden , durch welche Regina nun einmal nicht zu gewinnen sei . Er war eine Zeit lang in London , dann in Wien , dann in Florenz . Dazwischen kam er aber immer wieder nach dem lieben heimatlichen Windeck , und wie bunt , bewegt und regsam sich auch die Welt mit ihren blendenden Farben , bestechenden Erscheinungen , interessanten Fragen und gewichtigen Tatsachen vor ihm entfalten und ihn zur Teilnahme auffordern mochte : Eines war gewiß - sein Herz blieb an Regina gefesselt , seine ganze Zukunft hatte nur insofern Reiz für ihn , als er hoffte , sie mit Regina zu teilen , und so oft er sie wiedersah , umso fester stand es in ihm , daß er ihresgleichen nicht in der Welt gefunden habe . Aber er schwieg und bat auch den Grafen zu schweigen , der jedesmal , wenn Uriel kam , Regina mit Vorstellungen zu bestürmen dachte , um sie zu einer günstigen Entscheidung hinzudrängen . Regina wußte ihm innigen Dank für diese Schonung , allein ihr Herz lag auf der Folter durch die Peinlichkeit dieses Verhältnisses . Sie wechselten in drei Jahren kein Wort , welches darauf Bezug hatte . Da - kurz vor Uriels Abreise von Windeck , als er zufällig allein mit ihr auf der Terrasse auf- und niederging - da blieb sie stehen , sah ihn sanft und ernst an und sagte mit ihrem innigen Sprachton : » Uriel , Du kennst mich ! Du kannst Dich verlassen auf mein Wort und Du weißt es . Nun wohlan , lieber Uriel : Warte nicht ! « » O Regina , « entgegnete Uriel ebenso sanft und ebenso bestimmt als sie , » von den festgesetzten zehn Jahren ist noch nicht die Hälfte verflossen und Du wirst schon ungeduldig , während ich geduldig warte ! Wir sind noch lange nicht bei der letzten Entscheidung ! « Mit einem Ausdruck von unaussprechlichem Schmerz schloß Regina eine kleine Weile ihre Augen , als wolle sie vor Uriel verschleiern , wie weh er ihr tue ; dann sagte sie gefaßt : » Gottes Wille geschehe . « » Ist er Dir noch immer nicht klar ? « fragte er . » Mir - vollommen ; aber leider nicht Dir , « sagte sie und setzte rasch hinzu mit einem schmerzlichen Lächeln : » Wie traurig , daß wir beide solche eigensinnige Köpfe haben , und wie gut Gott ist , sie gründlich zu brechen . « Uriel war nicht so lebhaft von dieser Güte Gottes durchdrungen . Die Hauptabsicht Gottes in der Lenkung der Schicksale : die Erziehung des Menschen für das ewige Leben , entschwand sehr oft seinem inneren Auge . Für Regina war sie immer ganz klar , wie die Feuersäule , welche dem nächtlichen Zuge der Kinder Israels durch die Wüste vorleuchtete . - Baron Stamberg war früher aus diesem Leben abgerufen , als seine Frau . Während sie sich von ihrem Schlaganfall erholte , begann er zu kränkeln , und vermochte sich nicht aufzureißen aus seinem Kummer über die verlorenen Jagdrechte . Die Tiefe der Ungerechtigkeit , welche einer solchen Maßregel zum Grunde lag , war es nicht , die ihn so heftig erschütterte , nur sein persönlicher Verlust . Er hatte sich während seines Lebens nie über die niedrigste Stufe der Selbstsucht erhoben und so starb er auch auf ihr . Die Baronin , immer kalten Herzens - und noch kälter durch das höhere Alter das nur dem himmelwärts gewendeten Sinn himmlische Innigkeit verleiht , aber die irdische absterben läßt - war höchst gefaßt bei diesem Ereignis und blieb nur ihrer alten Gewohnheit treu , sich als eine Verfolgte des Schicksals zu betrachten und zu beklagen . Indessen kam doch auch an sie die Mahnung , daß jedes Leben zu Ende gehe . Sie erkrankte an einem abzehrenden Leiden . Nun war Regina nicht länger zu halten . Sie bat ihren Vater so flehentlich und so wiederholt , die Pflege der Großmama übernehmen zu dürfen und stellte es ihm als eine so heilige Pflicht vor , daß er endlich einwilligen und sie nach Stamberg bringen mußte . Zum Glück konnte Corona jetzt vollkommen ihren Platz in Windeck ausfüllen , am Piano , am Billard , am Teetisch , bei dem Spazierritt ; sonst hätte der Graf schwerlich dies Opfer gebracht . Was es Regina koste , sich von der lieben Kapelle zu trennen und am einsamen Krankenbett auf alle Tröstungen zu verzichten , die für die gläubige Seele aus der Nähe des Sanktissimums strömen - das ahnte der gute Graf freilich nicht . Er sagte zu Levin : » Es ist merkwürdig , was das Mädchen für eine Passion hat , sich zu opfern ! Was ihr schwer wird - gerade das sucht sie sich aus ! Ich bezweifle sehr , daß die gute Mama ihr diesen Liebesbeweis danken wird . « » Ich auch , « entgegnete Levin , » aber desto besser ist ' s für Regina . Es gibt noch immer Seelen hienieden , die das tun , was einst die heilige Katharina von Siena tat : als der göttliche Heiland ihr zur Auswahl einen Blumenkranz und eine Dornenkrone darbot , nahm sie die letztere , weil sie sicher war , unter den Dornen ihren gekreuzigten Gott zu finden - unter den Blumen nicht . Zu diesen Seelen gehört durch Gottes Gnade auch Regina . « » Ja , es muß wohl Gottes Gnade und Ihr Beispiel sein , lieber Onkel ! Ich muß mir das Zeugnis geben , nichts getan zu haben , wodurch Regina in die Nachfolge der Heiligen hätte geraten können , « sagte der Graf ehrlich . » Es beweist zugleich , wie ernst und fest sie an ihrem Klosterberuf und Gelübde hält , « sagte Levin . » Glauben Sie wirklich ? « rief der Graf beängstigt . » Sie macht nie die leiseste Andeutung , und so hab ' ich gehofft , die Sache werde allmählig einschlafen . « » Regina - und einschlafen ! « rief Levin . » Lieber Damian , kennst Du so wenig das kräftige Herz Deiner Tochter ? Glaubst Du so wenig an die Gnadenwirkung in einer Seele , die nach Gott verlangt ? Das ist richtig : sie schweigt . Aber was sollte sie auch noch weiter sagen ? sie hat uns ja alles gesagt - und dabei bleibt sie . Ich habe die Überzeugung , daß Regina nicht abfällt von ihrer ersten Liebe - und daß diese Liebe die erste und die letzte und die einzige bleiben wird . « » Entsetzliche Vorstellung ! « seufzte der Graf ; » und aufrichtig gestanden - es ist auch die meine ! ich suche sie nur immer zu unterdrücken . Bemerkten Sie wohl , wie ihre Augen aufleuchteten , als kürzlich von Kloster Himmelspforten bei Würzburg gesprochen wurde , das früher aufgehoben und in eine gemeine Schenkwirtschaft verwandelt - nunmehr aber von einer Ordensgenossenschaft angekauft und ein Kloster von Karmelitessen sei ? Wenn diese Illumination in ihre Augen tritt , dann hat sie eine grenzenlose innere Freude - das kenne ich an ihr ! Gewiß hofft sie als Karmelitesse durch Himmelspforten in den Himmel einzuziehen . « » Es ist mir sehr lieb , daß Du anfängst , Dich mit diesem Gedanken vertraut zu machen , « entgegnete Levin . » Ja , wenn Uriel sich nur statt in Regina - in Corona verlieben wollte , « versetzte der Graf , » so würde ich mich allenfalls darin ergeben ! Aber er ist leider ! gar kein Mensch mit einem beweglichen Herzen . « » Welch Unglück Du mit Deinen Kindern hast ! « sagte Levin mit gutmütigem Spott . - Regina richtete sich einstweilen auf Stamberg ein und wurde von der Baronin , die ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte , freundlicher behandelt , als man es zu Windeck erwartete . Nicht als ob der Liebesbeweis sie rühre ; sondern weil sie sehr bald in Regina eine Eigenschaft erkannte , die sie höher als jede andere schätzte : Regina war im Stande , die Führung der Geschäfte unter ihrer Leitung zu übernehmen , Geschäftsbriefe zu schreiben , Rechnungen durchzusehen , Kostenüberschläge nachzurechnen und die Ordnung des Hauses geradeso aufrecht zu halten , wie die Baronin es seit fünfzig Jahren zu Windeck erst und dann zu Stamberg getan hatte . Da Regina immer ganz bei ihrer Pflichterfüllung war , in welcher sie den Willen Gottes freudig erkannte und vollzog , so war sie aufmerksam bei den Anweisungen , welche die Großmama ihr gab und äußerst pünktlich in deren Vollziehung , so daß die Baronin ihr jedesmal glänzendes Lob spendete , wenn der Graf bald allein , bald mit Corona und der Baronin Isabelle nach Stamberg kam . Hatte Regina aber gehofft , durch ihre Liebe und Ergebenheit die Großmutter zum Urquell aller Liebe - zu Gott hinzuweisen , so irrte sie sich gründlich . Das religiöse Leben hatte bei derselben während siebenzig Jahren unter dem Gefrierpunkt gestanden ; sie hatte zu keiner Zeit , nicht in der Kindheit , nicht in der Jugend , nicht in guten und nicht in schlimmen Tagen die beseligenden Lehren des Christentums , die Wonne der Erlösung , die Gnaden der Sakramente in sich aufgenommen , sondern stets auf ein fremdes kühles Wissen vom Christentum sich beschränkt und mit großer Selbstgefälligkeit darin ein Genügen gefunden . Überdies war sie immer höchst tugendhaft gewesen , nämlich so , wie die Welt es versteht . Der heilige Gregor von Nyssa , welcher sagt : » Tugend ist die praktische Liebe zu Gott « - würde vermutlich Julianens Tugend minder hoch geschätzt haben , als sie selbst es tat . Aber von den Heiligen , deren Leben und Lehren die Ausübung des Evangeliums sind , wußte Juliane nichts ; sie begnügte sich mit ihren Ideen von Gott und Unsterblichkeit und erwähnte zuweilen mit einer bei ihr höchst seltenen Anwandlung von Ehrfurcht zweier Schriftsteller , aus denen sie hauptsächlich jene Ideen geschöpft habe : das waren Herder und Jean Paul . Sie vertraute sogar Reginen an , daß sie , obzwar eine abgesagte Feindin aller Schwärmerei , dennoch ein wenig für Jean Pauls Romane geschwärmt habe und bis zur Stunde nichts Rührenderes und Ergreifenderes kenne , als in dessen » Hesperus « Lord Horions Grabschrift . Regina fragte ganz erwartungsvoll , wie diese laute ? Juliane erwiderte : » Eine weiße Marmortafel mit einem blutroten Herzen in der Mitte bildete den Grabstein , und unter dem Herzen standen nur die zwei Worte Es ruht . « » Ich würde es noch schöner finden , liebe Großmama , « sagte Regina , » wenn zwei Worte hinzukämen und wenn es hieße : Es ruht in Gott . « » Nein , « entgegnete die Baronin , » gerade dieser Ausdruck der vollkommenen Einsamkeit in stiller Grabesruhe ist erhaben . Aber freilich ! das verstehen nur wenige ! Ich erzählte dies einmal meinem seligen Mann , Deinem Großvater , und er gab mir lachend zur Antwort : Ich wünsche nicht ein solches Coer-Aß als Grabstein zu haben . « Regina schwieg ; aber heimlich stimmte sie dem Großvater bei . Fünf Monate brachte sie auf Stamberg und im Krankenzimmer zu , ohne andere Erholung als die , jeden Sonntag Morgen zum Gottesdienst nach der nächsten katholischen Kirche zu fahren und sich dort durch den Empfang der heiligen Sakramente der Buße und des Altars zu stärken . Dann schied die Baronin vom Leben und verhauchte still ihre letzten Atemzüge in Reginas Armen . Hätte Regina nicht ihrem brechenden Auge das Kruzifix vorgehalten und nicht die Gebete der Sterbenden neben ihr gebetet : so würde niemand geahnt haben , daß dies das Sterbelager einer Christin sei . Der Graf war in höchster Spannung wegen des Testamentes seiner Mutter und in grenzenloser Überraschung , als es geöffnet wurde . Es war in den letzten Monaten und zwar zu Gunsten Uriels gemacht . Warum Orest nicht Universalerbe - wie das früher ihre Absicht war ; ob sie ein anderes Testament vernichtet hatte ; ob sie ihr Vermögen Reginen zuwenden wollte und in der Voraussetzung , daß diese Uriel heiraten werde , es ihm vermachte ; ob sie nur bis zuletzt zeigen wollte , sie sei unumschränkte Herrin ihres Vermögens : das alles blieben Fragen ohne Antwort , und nur die Tatsache bestand : Uriel war Herr auf Stamberg . Dies trug sich im Frühling zu , und im Sommer ging Graf Windeck mit seinen Töchtern nach England . Er fand Zerstreuung und veränderte Luft ganz notwendig für Regina . Der Anhauch von zarter Schwermut , der sich wie ein leichter Schleier über ihre Schönheit legte , erschien ihm als Kränklichkeit , als Nervenschwäche . Aber Regina sagte zu Levin : » Lieber Onkel , ich bin nicht krank und fünf Wintermonate an einem teuren Kranken- und Sterbebett erschüttern meine Nerven nicht . Allein dies Leben und dies Scheiden vom Leben in tiefer Gottentfremdung , wie ich es bei meiner armen Großmutter vor Augen hatte - sieh ! das hat mir Herzweh gemacht . « Levin war immer bemüht , Regina in der Tugend der Heiligen , in der Demut , zu üben und lächelnd fragte er : » Ah , Du hofftest wohl , Deine arme Großmutter im Laufe einiger Monate für die katholische Wahrheit zu gewinnen ? O mein liebes Kind , soll Dir