als der Pförtner sie eingelassen und Konrad sie durch einen schön gewölbten düstern Kreuzgang geführt , empfing sie ein anderer Mönch in einem kleinen wohl durchheizten Seitengemach und bewirthete sie auf ' s Beste . Ein anderer Bruder ging , den Abt von ihrer Ankunft zu benachrichtigen . Nach einer Ruhestunde wurden sie zu diesem beschieden , dem Ulrich das Schreiben des Propstes Kreß überreichte . Der Abt empfing sie mit Wohlwollen , und besonders nachdem er das Ueberbrachte gelesen , drückte er ihnen warm die Hand , und nachdem er sich mit ihnen von dem Propst , von dem zu erwartenden Reichstag und andern weltlichen Dingen unterhalten , forderte er sie auf , ihn in die Kirche zu begleiten , um daselbst das Werk , das ihrer harrte , in Augenschein zu nehmen . Der Novize Konrad und noch ein paar andere Mönche und Novizen schlossen sich ihnen an . So traten sie in die alte , im romantischen Styl erbaute Klosterkirche , die später noch manchen An-und Ausbau erfahren hatte , da die Baukunst schon dem gothischen Styl sich zugewendet und , nebenbei mit italienischer Pracht geschmückt , jenen ruhigen und erhabenen Eindruck vermissen ließ , welchen nur die tadellose Reinheit eines bestimmten Styls hervorzubringen vermag . Es war ein Mißklang zwischen dieser weiten romantisch gewölbten Eingangspforte , den leichten Spitzbogen , welche die bunt gemalten Fenster umschlossen , und den schlanken Säulen kühner Gothik , aus denen der hohe Chor sich bildete . Es war Ulrich gleich bei seinem Eintritt , als ob ein Geist der Unruhe und Zerfahrenheit ihn in dieser Kirche packe , die an den Seitenaltären besonders mit Reliquienschreinen , in denen die heiligen Gebeine in Gold und Juwelen gefaßt von Reichthum strotzten und von frommen Spenden und Prachtgeräthen hierin Ueberladung zeigte , indeß das reine Künstlerauge vergeblich nach schön gemeißelten Ornamenten und nach dem Ausdruck genialer Schöpfungen suchte , wie sein eigener Kunsteifer sie versuchte : das Geistige zur Erscheinung zu bringen im Stein , das Ewige darzustellen im Endlichen . Ein einziges reines Kunstwerk dieser Art hatte die Kirche besessen , und das war eben jetzt zerstört . Es war das Weihbrodgehäuse neben dem Hochaltar , darin das Allerheiligste aufbewahrt war . Es war dies ein kleines gothisches Kunstwerk von kundiger Hand nach dem Albertinischen System des Achtortes säulenartig aufgeführt . An der einen Seite stand eine Statue der Madonna , an der andern Seite die des Johannes . Gothische , mit zierlichem Laubwerk umrankte Spitzbogen stiegen darüber empor , auf dessen höchster Spitze ein Engel schwebte . Dieses durchbrochene Thürmlein , das sich über dem Hostienschrein selbst befunden hatte , war herabgefallen und lag sammt dem Engel halbzerschmettert daneben . Es sollte die Aufgabe der herzugerufenen Baubrüder sein , diese Stücke wieder zusammenzufügen , wo es thunlich , oder durch neue zu ergänzen . Der feine Sandstein , dessen man dazu bedurfte , lag bereit . Als sie in die Kirche eingetreten waren , lagen einzelne Mönche vor den verschiedenen Altären betend auf den Knieen . Sie ließen sich durch die Kommenden nicht in ihren frommen Uebungen stören und sahen sich nicht nach ihnen um . Ulrich warf auf jeden von ihnen einen Blick , so gut es im Vorüberbergehen und von Weitem gehen wollte , ob er vielleicht Amadeus unter ihnen gewahre . Doch sah er ihn nicht . Nur über Einen blieb er im Zweifel , der in einer Seitennische nicht weit vom Hochaltar in einer dunklen Ecke knieete und den Kopf so tief geneigt hatte und in die gefaltenen Hände gedrückt , daß keine Spur von seinem Gesicht zu sehen war . Die große Gestalt und der Kranz von grauschwarzem Haar um sein Haupt gemahnte an ihn - aber unter den mehr als hundert Mönchen , welche das Kloster einschloß , konnten viele dergleichen haben . Hieronymus und Ulrich bewunderten und prüften das Kunstwerk , seine Zerstörung bedauernd , und letzterer sagte nach genauer Untersuchung desselben sowohl als der Wölbung der Kirche und allen , das Tabernakel nah ' und fern umgebenden Gegenständen zornig aufflammend und mit großer Bestimmtheit : » Herr Abt ! hier ist ein unerhörter Frevel geschehen . Dies Thürmlein ist nicht von selbst herabgefallen , das hat die vandalische Hand eines Niederträchtigen herabgeworfen . Hier ist noch schlimmeres und Schändlicheres geschehen denn Kirchenraub - hier ist bloßer Muthwillen geübt worden am Allerheiligsten - am Allerheiligsten , das die Kirche bewahrt und besitzt , am Allerheiligsten auch der Kunst . Das ist das Werk einer gewaltsamen , absichtlichen Zerstörung von menschlicher Hand . Habt Ihr keine Untersuchung angestellt , den Schuldigen zu finden ? Ich denke , ich darf mich rühmen , beseelt zu sein vom Geiste christlicher Milde und Vergebung - aber gegen solch ' ungeheuren Frevel , den nur ein Mensch verübt haben kann , der allen Sinnes für das Heilige baar zu einer Bestie herabgesunken , die aus Bosheit sich an einem Tabernakel vergreifen kann , dem jeder fromme Christ nur mit einer Kniebeugung sich nähert , und die so ihre Rohheit und Scheußlichkeit an einem erhabenen Meisterwerk der Kunst auslassen kann , das ein Heiligthum an sich ist , auch wenn es an einer andern Stelle stünde und eine profane Bestimmung hätte - für eine solche Bestie kenne ich kein Erbarmen ! « Er hatte laut und vom heiligen Feuer entflammt gesprochen ; der tiefgebückte Mönch war noch tiefer zusammengesunken und hatte einen jammernden Ton von sich gegeben ; der Abt und die Mönche sahen einander erstaunt an und Konrad sagte : » Ich habe dasselbe gleich gesagt , aber Niemand hat mir glauben wollen - so mußte ich schweigen . « » Das ist wahr , « sagte der Abt ; » aber es ist doch auch ganz unmöglich , daß hier ein solcher schauderhafter Frevel geschehen konnte . « » Aber immerhin möglicher , als daß dies wohlgefügte Werk von allein herabstürzen konnte ! « sagte Hieronymus kaltblütig , der nun auch seinerseits dasselbe untersucht ; » ohnehin hat der Frevler seine Sache nicht einmal täuschend und geschickt gemacht , sondern nur mit einiger Scheu vor dem Allerheiligsten , die doch noch in seiner verworfenen Seele gewesen sein muß ; er hat dies selbst verschont , und diese Statuen , die nothwendig mit hätten zertrümmert werden müssen , wenn etwa dies Werk , morsch und schwankend geworden , wie es aber durchaus nicht gewesen sein kann , bei einer geringen Veranlassung zusammengestürzt wäre . Der Frevler hat sich mit dieser gothischen Spitzsäule begnügt , oder er ist verscheucht worden und hat sein Zerstörungswerk in einem Zustand zurücklassen müssen , der jedem scharfblickenden Auge die willkürliche Menschenhand verrathen mußte . « » Aber es kann ja Niemand in diese Mauern , « rief der Abt , » denn wer herein gehört ; Fenster und Thüren zeigten keine Verletzung , durch die ein Bösewicht hätte eindringen können . « Hieronymus zuckte die Achseln und sagte : » Wenn er nicht von außen kam , ist er von innen gekommen . « » Das ist eine Beschimpfung unser Aller ! « rief ein Mönch und blickte zornig um sich . Ulrich sagte gelassener : » Und wie meinet Ihr denn , daß die Sache zugegangen ? Von einem Erdbeben hat man nichts gehört , und Gewitter giebt es im Winter ebenso wenig , oder sie sind doch so selten , daß Ihr es Euch gemerkt haben würdet - war ein solches und meintet Ihr , ein Blitz oder Donnerschlag habe das Werk getroffen ? « Alle verneinten . » Wann geschah es denn ? und war Niemand in der Kirche ? Ich denke , sie wird auch Nachts nicht leer ? « sagte Hieronymus . » Es scheint , Ihr geberdet Euch , als wäret Ihr als Inquisitoren in unser Kloster gekommen ! « sagte der Abt übel gelaunt , daß man es für möglich halte , in seinem Kloster , das sich immer eines guten Rufs erfreut , an solche Rohheiten zu glauben , wie sie kaum außerhalb desselben vorfielen ; denn selbst der gemeine sittenlose Haufe hatte Achtung vor der Kunst , besonders an den heiligen Stätten und auch vor diesen selbst ; das Verbrechen des Kirchenraubes gehörte mit zu den seltensten und darum auch mit der Kirchenschändung zu denen , welche am härtesten und fast immer mit dem Tode bestraft wurden . » Ihr seid es , der Ehre des Klosters und unser aller Ehre schuldig , daß die Sache auf ' s Strengste untersucht werde , und dann auch zur Kenntniß dieser Steinmetzen gebracht , die außerdem in ihre Hütte ein schlechtes Vorurtheil gegen uns mit hinausnehmen möchten ! « sagte einer der Mönche . » Es wird geschehen ! « antwortete der Abt . » Amadeus soll uns im Conclave noch einmal darüber berichten . « Zu Konrad gewendet sagte er : » Führe die Steinmetzen in die Seitenhalle , in der sie das Material zu ihrer Arbeit finden werden , und versammle die andern Bauleute um sie , damit sie nach ihrer Vorschrift arbeiten . « Es geschah , wie er gesagt hatte . Ungefähr acht Mönche und Novizen , die nicht ganz unkundig der Kunst waren das Winkelmaß zu führen und mit dem Meißel zu arbeiten , waren zur Verfügung der Baubrüder und halfen diesen vorerst das Material ordnen u.s.w. Nach den Vorschriften der freien Maurer sowohl als der Klosterbrüder durfte bei der Arbeit weiter nichts gesprochen werden , als was unmittelbar zu ihr gehörte , und daran banden sich denn auch Alle . Nicht lange Zeit war vergangen , als Ulrich noch einmal in die nebenan liegende Kirche ging , um ein Maßbrett an die darin befindlichen Trümmer des Tabernakels zu halten . Ein Mönch knieete dabei - es war derselbe , der vorhin an dem dunklen Seitenaltar geknieet . Jetzt fuhr er empor . Ulrich erkannte in ihm den Bruder Amadeus . Der Augenblick war günstig ; es war Niemand weiter in der Kirche , als am Eingang ein Novize , welcher denselben kehrte . » Wir sind uns schon einmal begegnet , « sagte Ulrich leise , da der Mönch zusammenfuhr ; » mein Ungeschick riß das Kreuz von Eurem Rosenkranz - hier habe ich es Euch mitgebracht . « » Ihr erkennt mich wieder ? « sagte Amadeus . » Ja - und ich weiß auch Euren Namen : Amadeus . « » Nun wohl , « sagte dieser mit sonderbaren Blicken auf Ulrich schauend , » so behaltet das Kreuz als Andenken - an einen Mönch , der schon lange zu sterben wünschte und nun Euch sein Todesurtheil dankt . « Ulrich dachte : der Propst hat Recht - Amadeus scheint wahnsinnig zu sein . Amadeus mochte diesen Gedanken des Schweigenden errathen und fuhr fort : » Ich rede Wahrheit , wie Ihr sie geredet , Ulrich ! Du warst der Einzige , der kein Recht hatte mein Urtheil zu sprechen . Aus Liebe zu Dir beging ich den Frevel - ich wollte meine Hand segnend auf Deinen Scheitel legen - es ist meine Sühne , daß ich durch meinen Sohn sterbe ! Gott vergebe Dir , wenn es ein Vatermord ist , den Du auf Deine Seele ludest ! « Ein Mönch an einer Seitenpforte näherte sich und rief : » Bruder Amadeus ! « » Sie holen mich in ' s Gericht ! « flüsterte er noch Ulrich zu ; » lebe wohl und schweige . Lebt Deine Mutter noch und siehst Du sie wieder , so sage Ihr , daß Du sie an mir gerächt hast - und daß ich mit dem Namen Ulrike auf den Lippen sterben werde ! « Heftig eilte er davon . Ulrich sah ihm nach und fühlte sich von eigenthümlichem Grauen erfaßt . Was war das ? was hatte er gehört ? waren das die Worte eines Wahnsinnigen ? Fast schien es so . Und doch ! wenn sie mehr waren als Wahnsinn ? oder dieser Wahnsinn doch nur der Nachhall einer Wahrheit ? Wenn ein Zusammenhang war zwischen ihnen und denen , welche die Trunkenheit des Propstes schwatzte ? Ulrich hielt den zertrümmerten Engel in der Hand , der von dem Tabernakel herabgefallen - er hatte keine Flügel mehr . So erschien er sich selbst in diesem Augenblicke - so herabgestürzt und aller Schwingen der Kunstbegeisterung beraubt - er mußte sich gewaltsam zusammenraffen , um wieder zur Arbeit zurück zu seinen Genossen zu kehren . Siebentes Capitel Das Schönbartlaufen Ursula Muffel befand sich in einem Zustande des peinlichsten Harrens , schon seit sie gehört , daß der Reichstag in Nürnberg gehalten werde und daß Hans Tucher auch seinen Sohn Stephan in der Begleitung des Kaisers mit zurückerwarte . Aber dies Harren ward zur schrecklichsten Aufregung , als sie erfuhr , daß Stephan wirklich in den Schooß seiner Familie zurückgekehrt sei , daß er wie einst unter den Söhnen der Patrizier und Kaufleute Nürnbergs für den blühendsten und durch Ansehen und Haltung hervorstechendsten geltend , jetzt auch unter den königlichen Begleitern zu den stattlichsten und zu denjenigen zählte , die sich durch Pracht und Schmuck ihrer Kleidung von Andern auszeichneten und ebenso sorgfältig ihre Körpergaben pflegten . Ursula hörte , daß Stephan ' s Angesicht von Frohsinn , Gesundheit und Schönheit glänze - und ein Blick in ihren Spiegel warf ihr dafür nur ein angstvoll betrübtes Gesicht zurück . Er war da und kam nicht - das paßte nicht zu seiner sonst so feurigen Natur , der gegenüber sie ihre ganze Sittsamkeit hatte zusammennehmen müssen , um nicht dem Ungestüm der männlichen Leidenschaft zu erliegen . Und nun konnte er nach einer so langen Trennung zurückkehren , ohne Alles daran zu setzen , sie wiederzusehen ? - War er ihr untreu geworden ? hatten andere , verführerischere Frauen ihn verlockt - oder hatte er eine würdigere Gefährtin gefunden ? - Oder hatte er ihr entsagt aus Gehorsam gegen seinen Vater - oder vielleicht selbst aus Bürgerstolz , der es doch verschmähet , sich mit der Enkelin des Gerichteten zu verbinden ? - Oder hielt eine feindliche Macht sie getrennt ? hatte man ihm falsche Nachrichten von ihr gebracht - etwa daß sie ihm untreu sei ? oder entsagen wolle und müsse , oder wie sonst sich seiner unwürdig gemacht ? Alle diese Fragen erneuerten sich in Ursula mit fieberhaftem Ungestüm - und den größten Kampf kostete ihr gerade die letzte . Gewann diese die Wahrscheinlichkeit der Bejahung , dann war es ja an ihr zu dem Geliebten zu eilen , ihn von ihrer Treue , ihren unveränderten Empfindungen zu überzeugen . Aber sie hatte doch keine Bürgschaft für diese Ursache seines Zurückbleibens von ihr , und so hielt sie sich gewaltsam von einem solchen entscheidenden Schritt zurück , der ihren jungfräulichen Stolz und ihre keusche Mädchenzartheit dem Spotte und der Verachtung preisgeben konnte , wenn ihre Voraussetzung und mit ihr Stephan sie getäuscht . Die Anwesenheit des Grafen von Würtemberg und seines Gefolges in ihrem sonst so stillen Hauswesen , dessen Aufsicht sie führte , gab ihr wohl nebenher zu thun und zu denken in Menge , um so mehr , als Herr Gabriel Muffel mit seiner Bewirthung des hohen Gastes alle Ehre einlegen wollte , damit nicht die andern Genannten Ursache fänden , sich über ihn lustig zu machen , und das Hans von Tucher seinen Hochmuth nicht an ihm üben könne . Ursula mußte es sich auch darum um so angelegener sein lassen , sich selbst die Zufriedenheit ihres Vaters zu erwerben , als sie diese in andern Dingen verscherzt hatte : erst überhaupt durch ihr Liebesverhältniß mit Stephan und dann auch , als durch dessen Entfernung dieses dem Vater gelöst erschien , durch ihre Weigerung jedem andern Bewerber ihre Hand zu reichen . Zwar war der Vater auch tief bekümmert , daß er die einzige Tochter von Tag zu Tag trauriger und leidender werden sah - doch da er eben meinte , daß ihr Eigensinn dies selbst verschuldete , so ward er dadurch nicht milder gegen sie gestimmt . Jetzt , wo er hörte , daß Stephan mit dem König zurückgekommen und in seinem Gefolge den Ritter spielte , wo die Tucher und Holzschuher dafür sorgten , zu Muffel ' s Ohren gelangen zu lassen : wie viele schöne Edelfräulein ihr Herz an Stephan verloren , und wie er mit einem derselben bald Hochzeit halten werde - jetzt forderte er doppelt von der Tochter , daß sie vor den Leuten in gleich stolzer Haltung erscheine , und zürnte ihr doppelt , daß er sie ihnen nicht auch als Braut vorstellen konnte . Während er sonst an ihr mehr auf bürgerliche Einfachheit gehalten , verlangte er jetzt , daß sie auch in ihrer Kleidung mit den stolzesten Nürnbergerinnen wetteifere und bei keiner öffentlichen Lustbarkeit fehle . So , da die Fastnacht kam , sollte in wenig Tagen das » Schönbartlaufen « stattfinden , und zwar in der glänzendsten Weise , da der Reichstag versammelt war . Ursula wollte sich weder bei der Schlittenfahrt noch bei dem Ball , der ihr folgen sollte , betheiligen , aber ihr Vater bestand darauf , und da beides in Maskenanzügen vorgeschrieben war , ließ er ihr selbst dazu die schönsten bestellen . Es waren noch einige Tage bis dahin , und Ursula dachte darüber nach , wie sie dem entgehen könne ; denn wenn Stephan sie verlassen hatte , für den allein sie gelebt , so war sie fremd im Leben und es dünkte ihr nicht mehr hinein zu gehören : wenn er sie verstoßen und verachten konnte , so meinte sie die Verachtung der ganzen Welt auf sich geladen zu sehen , und ihren Hohn nicht nur zu finden , sondern auch zu verdienen . So saß sie an einem früh hereingebrochenen Winterabend allein in ihrem Gemach . Der Burggraf von Zollern hatte an diesem Tag eine Jagd im nahen Forst veranstaltet , welcher die meisten Fürsten und Herren beiwohnten . Auch der Graf von Würtemberg war mit den meisten seines Gefolges dabei , ebenso ein Theil der Nürnberger Rathsherren , darunter auch Herr Muffel . Unter ein paar Stunden war wohl noch Niemand zurück zu erwarten . Ursula konnte sich einmal ihrem Schmerze überlassen . Von innerem Frost geschüttelt saß sie am Kamin , dessen nicht mehr hell lodernde Gluth einen milden Schimmer auf ihr bleiches Antlitz warf . Wehmüthig blickte sie auf das helle Grün ihres Kleides , dessen Farbe der Hoffnung sie zu höhnen schien . Ihre kleinen Hände , zart und durchsichtig wie Milchglas , ruhten gefaltet in ihrem Schooß . Es war immer dasselbe Gebet , das sie betete zur Mutter Gottes und zu allen Heiligen : ihr Stephan wiederzugeben oder sie abzurufen von der verödeten Erde ! Und wie sie schon hundertmal gethan , zog sie die goldene Kapsel hervor , die Stephan ' s von Meister Wohlgemuth in Miniatur gemaltes Conterfei verschloß , das er ihr beim Abschied geschenkt . Sie küßte das Bild und flehte , ihn nur noch einmal wiedersehen , noch einmal so küssen zu können - und dabei lächelte sie unter Thränen - - Da klangen draußen hastige Männertritte - sie näherten sich ihrem Gemach - vielleicht Einer von des Grafen Leuten , der im Dunkeln fehl gegangen , denn diesem abgelegenen Zimmer kam Niemand nahe , der nicht ausdrücklich zu ihr gesandt war - schon ruckte die Thürklinke - oder war es ihr Vater , der früher zurückkam ? - vor ihm hatte sie Stephan ' s Bild , das Tag und Nacht tief verborgen an ihrer Brust ruhte , immer sorgsam verhehlt - sie wollte es schnell verstecken , aber das Kettlein verwickelte sich in die steifen Zacken des Spitzenkragens , der ihren Busen umgab - die Thür sprang auf und ein Mann in einem schwarzen Mantel gehüllt stand vor ihr . Sie fuhr empor und rief : » Was dringt Ihr hier ein - Niemanden geziemt hier der Zutritt ! « Aber ungestüm faßte er sie in seine Arme und rief : » Auch mir nicht ? « Der Mantel sank von seinem Haupt wie von seiner Schulter und zeigte Stephan ' s ritterliche Gestalt . » Stephan ! « rief Ursula mit dem Jubellaute des Entzückens mitten im Schrecken ; aber jener war noch mächtiger bei der durch Gemüthskämpfe körperlich leidend gewordenen zarten Jungfrau - ohnmächtig lag sie in seinen Armen . Er trug sie auf das Sopha und lehnte sie an sich . Er sah sein Bild offen vor sich , das Zeichen ihrer Treue - einen Augenblick sah er voll Mitleid und aufsteigender Selbstvorwürfe auf die bleiche Geliebte , die der Gram um ihn vielleicht bald ganz zu Grunde gerichtet ; aber schnell schützte er sich vor jedem Gewissensskrupel mit der eitlen Meinung , daß er wieder gut machen könne , was er verbrach , und mit dem würdigen Vorsatz , es wirklich zu thun . Er rief Ursula mit den zärtlichsten Namen und bedeckte sie mit seinen Küssen . Da schlug sie die Augen auf und rief : » Stephan - Du bist es wirklich - Du bist noch wie einst ! « Er antwortete ihr mit Liebkosungen und rief : » O wohl mir , wenn Du auch bist wie einst ! - Ich konnte es nicht länger ertragen , ich mußte Dich sehen , geschah es auch , indem ich ein gegebenes Wort gebrochen . « » Du hast Dein Wort gegeben , mich nicht zu sehen ? « rief sie und machte sich von ihm los . » Du hast mir nicht geschrieben - Du bist schon einige Tage hier - Andere sagten es mir - ich sah Dich nicht - ich hoffte umsonst auf ein Zeichen ach ! ich weiß es wohl , die Väter nähren noch den alten Groll - aber Du selbst , Du hast mich gelehrt , daß Liebe stärker sein soll als väterliche Gewalt - « » Und darum bin ich hier ! « rief er ; » nur einen kurzen Augenblick . Ich benutzte die Dunkelheit und die Abwesenheit Deines Vaters wie der Andern , um zu Dir zu dringen . Niemand darf es wissen - nur Elisabeth Scheurl . « » Ach , ich habe auch vergeblich auf sie gezählt ! « rief Ursula ; » seit der König hier ist , habe ich auch kein Wort von ihr gehört , und sie hatte mir doch gleich Nachricht geben wollen - über Dich . « » Erst gestern habe ich mit ihr vertraulich sprechen können , « sagte Stephan , » und sie ist wohl auch viel mit sich selbst beschäftigt - Alles erklärt sich später . Nur wenige Minuten kann ich bei Dir weilen , ich konnte es nur nicht länger ertragen Dich nicht zu sehen - ich mußte die Gewißheit Deiner Liebe von Deinen Lippen holen ! « » Hast Du je an mir zweifeln können ? « fragte sie unter seinen Küssen . » Man sagte mir , daß Du eine Braut des Himmels geworden , « antwortete Stephan ; » Du hattest mir mit diesem Entschluß schon früher gedroht , ich mußte daran glauben , da ich kein Lebenszeichen von Dir empfing . « » Aber wie war es möglich , daß Du - « Er ließ Ursula nicht ausreden . » Wir haben jetzt keine Zeit zu Fragen und Erklärungen ; lesen wir nicht Eines in den Augen des Andern , fühlen wir nicht am Schlagen unserer Herzen , daß wir einander angehören wie einst ? In drei Tagen sehen wir uns beim Schönbartlausen , und dann wird sich Alles erklären und entscheiden . Du wärest doch dazu gekommen ? « » Nur wenn mich mein Vater gezwungen , « antwortete sie : » ich habe mich bis jetzt geweigert ! « » Nun , so laß Dich zwingen ! « antwortete er heiter , » und zu dem Maskenfest am Abend erlaube mir , daß ich Dir selbst den Maskenanzug schicke , damit ich Dich aus Tausenden sogleich erkenne . Ich erscheine in der prächtigen Tracht eines Sarazenen und werde mich Dir schon bemerklich machen . Bis dahin glaube und liebe und hoffe ! Ein neues Leben wird uns seine goldenen Thore öffnen ! « » O ich fühle es schon in mir , seit Du bei mir bist ! « rief sie mit seligem Lächeln . » Aber verrathe mich nicht ! « bat er wiederholt ; » indem ich zu Dir mich schlich , that ich , was ich nicht lassen konnte ; aber Niemand darf es erfahren - am wenigsten der König . « » König Max ? « fragte Ursula ; » was geht es ihn an ? « » Frage mich nicht - ich muß scheiden ! « und obwohl er so sprach und schon beide aufgestanden waren , verrann doch Minute nach Minute , ehe der letzte Kuß gegeben und das letzte zärtliche Lebewohl gesprochen war . - Da er fort war , sank Ursula auf ihre Kniee und weinte wie ein Kind . Jetzt erst , mitten in diesem plötzlichen Glück , kamen alle verhaltenen Thränen ihres Unglücks zum Ausbruch . Jetzt erst , wo alles , was sie indeß bei dem Gedanken gelitten , daß ihr Stephan könne genommen sein , genommen durch das Schrecklichste , was einem liebenden Wesen begegnen kann : durch Untreue , wie eine Last , unter der sie Tag und Nacht nur seufzend zu athmen vermochte , von ihr abgesunken - jetzt erst wagte sie einen vollen Blick auf die Größe derselben und in den Abgrund von Leid und Lebensöde , der neben ihr immer offen gegähnt hatte . Jetzt , wo die Gefahr überstanden war , wo nach einer furchtbaren Nacht eine leuchtende Sonne ihr aufgegangen , schaute sie noch einmal bebend zurück in die Nacht - und dankte inbrünstig dann dem Herrn , der sie nun in demselben Augenblick verscheucht , in dem Ursula noch unter den bängsten Zweifeln und Schmerzen gerungen hatte . Zwar wußte sie weder , was indeß geschehen war , noch was geschehen sollte - was sie indeß zu fürchten gehabt , noch was sie zu hoffen hatte - indeß , sie fragte nicht darnach . Sie hatte Stephan wiedergesehen , er war zu ihr mit der alten Liebe und Zärtlichkeit zurückgekehrt - noch fühlte sie seine heißen Küsse im Nachhall der Empfindung , das genügte ja , ihr Herz mit Jubel zu erfüllen und ihre Seele mit Freudigkeit neuer Hoffnung und dem Muth gegen alle Hemmnisse ihres Liebesglückes zu kämpfen . Vielleicht war es gut , daß ihr bald heimkehrender Vater etwas berauscht war und sich darum sofort niederlegte , sonst wäre ihm vielleicht die Veränderung aufgefallen , die indeß mit seiner Tochter vorgegangen ; denn das erneute Liebesglück hatte ihre erst gebleichten Wangen geröthet , und der Wiederschein einer Seligkeit , die sie plötzlich überkommen , strahlte aus ihren Augen und von ihrer Stirn . Am andern Tage , wo sich die hochgehenden Wogen des Entzückens ein wenig gelagert hatten , zeigte sie dem Vater ein ruhig heiteres Wesen , und er war seit langer Zeit einmal zufrieden mit ihr , als sie sich als gehorsame Tochter bereit zeigte , dem Schönbartlaufen beizuwohnen und nur sagte , er müsse ihr auch den Scherz gestatten , am Abend in einer Maske zu erscheinen , die er selbst zuvor nicht sehen dürfe - sie möge gern wissen , ob der eigene Vater sie wiedererkennen werde . Gabriel Muffel war wohl damit zufrieden , und machte ihr nur zur Bedingung , daß die Maske recht schön und reich sein müsse , damit sie nicht einfacher , sondern wo möglich prächtiger erscheine als andere Rathsherrentöchter . Das in Nürnberg als Fastnachtsfest eingeführte » Schönbartlaufen « stammte vom Jahre 1349 . Damals hatte die Fleischerzunft von Nürnberg bei einem Aufstand der andern Zechen dem Rathe ihre Treue erwiesen und dafür von Kaiser Karl IV. einen Freibrief auf einen öffentlichen Aufzug in Larven erhalten , welcher das » Schönbartlaufen « genannt ward . Als der dazu gehörige Aufwand anfing der Fleischerzunft beschwerlich zu werden , trat aus den höheren Ständen eine Gesellschaft zusammen , welche ihr zur Aufrechterhaltung und Vervollkommnung dieses Festzuges behülflich war , und am Ende denselben unter dem Namen der Fleischer ganz an sich brachte . Es waren meist junge Patrizier , und der Rath ordnete ihnen förmliche Hauptleute bei , welche zugleich die Züge anführen und auf Ordnung sehen mußten . Wie an jenem Sommertage , an welchem König Max einzog , so war auch an dem sonnigen , aber kalten Wintertage , an welchem das Schönbartlaufen stattfand , Ursula Muffel bei Elisabeth Scheurl , um aus deren Chörlein den Zug mit anzusehen . Die Reichstagsmitglieder waren auf dem Rathhaus versammelt , vor welchem jener begann und wieder endete . Die Betheiligung der Frauen dabei war keine andere , als daß sie an den offenen Fenstern standen , die Vorüberziehenden mit Backwerk warfen und dafür von ihnen mit Tannenzweiglein statt Blumen beworfen oder mit Rosenwasser bespritzt wurden . Elisabeth und Ursula erschienen in kostbare Pelze gehüllt und die Gesichter nur so weit verschleiert , daß sie selbst bequem um sich sehen konnten , an dem geöffneten Fenster des Chörlein . Sie hatten seit der Reichstag begonnen einander heute zum ersten Male wiedergesehen , und Ursula hätte von Elisabeth gern mehr über Stephan erfahren ; aber Elisabeth wich ihren Fragen aus , beschwor sie nicht zu verrathen , daß sie ihn gesehen , und nur bis zum Festabend in fröhlicher Hoffnung zu warten , an dem sich ihr ja Alles erklären werde . Und da Ursula weiter fragte : ob es Elisabeth nicht möglich gewesen , Stephan und sie dem Schutze des Königs Max zu empfehlen und an sein Versprechen zu mahnen , antwortete sie nur , daß der König jetzt nicht als ein harmloser Gast in Nürnberg sei , welcher der Stadt die Ehre seines Besuches erwiese , sondern daß er zu einem eilig berufenen Reichstag gekommen , von dem