war , zeigten doch keine übermäßige Verzierung oder gar Überladung . Mein Gastfreund , Gustav und ich waren gekleidet , wie man es zu ländlichen Besuchen zu sein pflegt . So ließen wir uns in die prachtvollen Polster , die hier überall ausgelegt waren , nieder . Auf einem Tische , über den ein schöner Teppich gebreitet war , standen Erfrischungen verschiedener Art. Andere Tische , die noch in dem Zimmer standen , waren unbedeckt . Die Geräte waren von Mahagoniholz und schienen aus der ersten Werkskätte der Stadt zu stammen . Eben so waren die Spiegel , die Kronleuchter und andere Dinge des Zimmers . Eine Ecke an einem Fenster nahm ein sehr schönes Klavier ein . Die ersten Gespräche betrafen die gewöhnlichen Dinge über Wohlbefinden , über Wetter , über Gedeihen der Feld-und Gartengewächse . Die Männer nannten sich wechselweise Nachbar , die Frauen benannten sich gar nicht . Als man etwas Weniges von den dastehenden Speisen genommen hatte , erhob man sich , und wir gingen durch die Zimmer . Es war eine Reihe , deren Fenster größtenteils gegen Mittag auf die Landschaft hinaus gingen . Alle waren sehr schön nach neuer Art eingerichtet , besonders reich waren die Palisandergeräte im Empfangszimmer der Frau , in welchem so wie in dem Arbeitszimmer der Mädchen wieder Klaviere standen . Der Herr des Hauses führte besonders mich in den Räumen herum , dem sie noch fremd waren . Die übrige Gesellschaft folgte uns gelegentlich in das eine oder andere Gemach . Aus den Zimmern ging man in den Garten . Derselbe war wie viele wohlgehaltene und schöne Gärten in der Nähe der Stadt . Schöne Sandgänge , grüne ausgeschnittene Rasenplätze mit Blumenstücken , Gruppen von Zier- und Waldgebüschen , ein Gewächshaus mit Kamelien , Rhododendren , Azaleen , Eriken , Kalzeolarien und vielen neuholländischen Pflanzen , endlich Ruhebänke und Tische an geeigneten schattigen Stellen . Der Obstgarten als Nützlichkeitsstück war nicht bei dem Wohnhause , sondern hinter dem Meierhofe . Von dem Garten gingen wir , wie es bei ländlichen Besuchen zu geschehen pflegt , in die Meierei . Wir gingen durch die Reihen der glatten Rinder , die meistens weiß gestirnt waren , wir besahen die Schafe , die Pferde , das Geflügel , die Milchkammer , die Käsebereitung , die Brauerei und ähnliche Dinge . Hinter den Scheuern trafen wir den Gemüsegarten und den seht weitläufigen Obstgarten an . Von diesen gingen wir in die wohlbestellten Felder und in die Wiesen . Der Wald , welcher zu der Besitzung gehört , wurde mir in der Ferne gezeigt . Nachdem wir unsern ziemlich bedeutenden Spaziergang beendigt hatten , wurden wir in eine ebenerdige große Speisehalle geführt , in welcher der Mittagtisch gedeckt war . Ein einfaches , aber ausgesuchtes Mahl wurde aufgetragen , wobei die Dienerschaft , hinter unseren Stühlen stehend , bediente . Hatte sich die Familie Ingheim schon bei dem Besuche auf dem Rosenhause als unter die gebildeten gehörig gezeigt , so war dies bei unserem Empfange in ihrem eigenen Hause wieder der Fall . Sowohl bei Vater und Mutter als auch bei den Mädchen war Einfachheit , Ruhe und Bescheidenheit . Die Gespräche bewegten sich um mehrere Gegenstände , sie rissen sich nicht einseitig nach einer gewissen Richtung hin , sondern schmiegten sich mit Maß der Gesellschaft an . Einen Teil der Zeit nach dem Mittagessen brachten wir in den Zimmern des ersten Stockwerkes zu . Es wurde Musik gemacht , und zwar Klavier und Gesang . Zuerst spielte die Mutter etwas , dann beide Mädchen allein , dann zusammen . Jedes der Mädchen sang auch ein Lied . Natalie saß in den seidenen Polstern und hörte aufmerksam zu . Als man sie aber aufforderte , auch zu spielen , verweigerte sie es . Gegen Abend fuhren wir wieder in das Rosenhaus zurück . Als Gustav aus unserem Wagen gesprungen war , als mein Gastfreund und ich denselben verlassen hatten , und ich die edle , schlanke Gestalt Nataliens gegen die Marmortreppe hinzu gehen sah , blieb ich ein Weilchen stehen , und begab mich dann auch in meine Zimmer , wo ich bis zum Abendessen blieb . Dieses war wie gewöhnlich , man machte aber nach demselben an diesem Tage keinen Spaziergang mehr . Ich ging in mein Schlafzimmer , öffnete die Fenster , die man trotz des warmen Tages , weil ich abwesend gewesen war , geschlossen gehalten harte , und lehnte mich hinaus . Die Sterne begannen sachte zu glänzen , die Luft war mild und ruhig , und die Rosendüfte zogen zu mir herauf . Ich geriet in tiefes Sinnen . Es war mir wie im Traume , die Stille der Nacht und die Düfte der Rosen mahnten an Vergangenes ; aber es war doch heute ganz anders . Nach diesem Besuche auf dem Inghofe folgten mehrere Regentage , und als diese beendigt waren und wieder dem Sonnenscheine Platz machten , war auch die Zeit heran genaht , in welcher Mathilde und Natalie das Rosenhaus verlassen sollten . Es war schon mehreres gepackt worden , und darunter sah ich auch die beiden Zithern , die man in samtene Fächer tat , welche ihrerseits wieder in lederne Behältnisse gesteckt wurden . Endlich war der Tag der Abreise festgesetzt worden . Am Abende vorher war schon das Hauptsächlichste , was mitgenommen werden sollte , in den Wagen geschafft , und die Frauen hatten am Nachmittage an mehreren Stellen Abschied genommen : bei den Gärtnerleuten , in der Schreinerei und im Meierhofe . Am andern Morgen erschienen sie bei dem Frühmahle in Reisekleidern , während noch Arabella , das Dienstmädchen Mathildens , diejenigen Sachen , die bis zu dem letzten Augenblick Leim Gebrauch gewesen waren , in den Wagen packte . Nach dem Frühmahle , als die Frauen schon die Reisehüte aufhatten , sagte Mathilde zu meinem Gastfreunde : » Ich danke dir , Gustav , lebe wohl , und komme bald in den Sternenhof . « » Lebe wohl , Mathilde « , sagte mein Gastfreund . Die zwei alten Leute küßten sich wieder auf die Lippen , wie sie es bei der Ankunft Mathildens getan hatten . » Lebe wohl , Natalie « , sagte er dann zu dem Mädchen . Dasselbe erwiderte nur leise die Worte : » Dank für alle Güte . « Mathilde sagte zu dem Knaben : » Sei folgsam , und nimm dir deinen Ziehvater zum Vorbilde . « Der Knabe küßte ihr die Hand . Dann zu mir gewendet sprach sie : » Habet Dank für die freundlichen Stunden , die Ihr uns in diesem Hause gewidmet habt . Der Besitzer wird Euch für Euren Besuch wohl schon danken . Bleibt meinem Knaben gut , wie Ihr es bisher gewesen seid , und laßt Euch seine Anhänglichkeit nicht leid tun . Wenn es Eure schöne Wissenschaft zuläßt , so seid unter denen , die von diesem Hause aus den Sternenhof besuchen werden . Eure Ankunft wird dort sehr willkommen sein . « » Den Dank muß wohl ich zurückgehen für alle die Güte , welche mir von Euch und von dem Besitzer dieses Hauses zu Teil geworden ist « , erwiderte ich . » Wenn Gustav einige Zuneigung zu mir hat , so ist wohl die Güte seines Herzens die Ursache , und wenn Ihr mich von dem Sternenhofe nicht zurück weiset , so werde ich gewiß unter den Besuchenden sein . « Ich empfand , daß ich mich auch von Natalien verabschieden sollte ; ich vermochte aber nicht , etwas zu sagen , und verbeugte mich nur stumm . Sie erwiderte diese Verbeugung ebenfalls stumm . Hierauf verließ man das Haus und ging auf den Sandplatz hinaus . Die braunen Pferde standen mit dem Wagen schon vor dem Gitter . Die Hausdienerschaft war herbei gekommen , Eustach mit seinen Arbeitern stand da , der Gärtner mit seinen Leuten und seiner Frau und der Meier mit dem Großknechte aus dem Meierhofe waren ebenfalls gekommen . » Ich danke euch recht schön , lieben Leute , « sagte Mathilde , » ich danke euch für eure Freundschaft und Güte , seid für euren Herrn treu und gut . Du , Katharina , sehe auf ihn und Gustav , daß keinem ein Ungemach zustößt . « » Ich weiß , ich weiß , « fuhr sie fort , als sie sah , daß Katharina reden wollte , » du tust alles , was in deinen Kräften ist , und noch mehr , als in deinen Kräften ist ; aber es liegt schon so in dem Menschen , daß er um Erfüllung seiner Herzenswünsche bittet , wenn er auch weiß , daß sie ohnehin erfüllt werden , ja daß sie schon erfüllt worden sind . « » Kommt recht gut nach Hause « , sagte Katharina , indem sie Mathilden die Hand küßte und sich mit dem Zipfel ihrer Schürze die Augen trocknete . Alle drängten sich herzu und nahmen Abschied . Mathilde hatte für ein jedes liebe Worte . Auch von Natalien beurlaubte man sich , die gleichfalls freundlich dankte . » Eustach , vergeßt den Sternenhof nicht ganz , « sagte Mathilde zu diesem gewendet , » besucht uns mit den anderen . Ich will nicht sagen , daß Euch auch die Dinge dort notwendig haben könnten , Ihr sollt unsertwegen kommen . « » Ich werde kommen , hochverehrte Frau « , erwiderte Eustach . Nun sprach sie noch einige Worte zu dem Gärtner und seiner Frau und zu dem Meier , worauf die Leute ein wenig zurück traten . » Sei gut , mein Kind « , sagte sie zu Gustav , indem sie ihm ein Kreuz mit Daumen und Zeigefinger auf die Stirne machte und ihn auf dieselbe küßte . Der Knabe hielt ihre Hand fest umschlungen und küßte sie . Ich sah in seinen großen schwarzen Augen , die in Tränen schwammen , daß er sich gerne an ihren Hals würfe ; aber die Scham , die einen Bestandteil seines Wesens machte , mochte ihn zurück halten . » Bleibe lieb , Natalie « , sagte mein Gastfreund . Das Mädchen hätte bald die dargereichte Hand geküßt , wenn er es zugelassen hätte . » Teurer Gustav , habe noch einmal Dank « , sagte Mathilde zu meinem Gastfreunde . Sie hatte noch mehr sagen wollen ; aber es brachen Tränen aus ihren Augen . Sie nahm ein weißes feines Tuch und drückte es fest gegen diese Augen , aus denen sie heftig weinte . Mein Gastfreund stand da und hielt die Augen ruhig ; aber es fielen Tränen aus denselben herab . » Reise recht glücklich , Mathilde , « sagte er endlich , » und wenn bei deinem Aufenthalte bei uns etwas gefehlt hat , so rechne es nicht unserer Schuld an . « Sie tat das Tuch von den Augen , die noch fortweinten , deutete auf Gustav und sagte : » Meine größte Schuld steht da , eine Schuld , welche ich wohl nie werde tilgen können . « » Sie ist nicht auf Tilgung entstanden « , erwiderte mein Gastfreund . » Rede nicht davon , Mathilde , wenn etwas Gutes geschieht , so geschieht es recht gerne . « Sie hielten sich noch einen Augenblick bei den Händen , während ein leichtes Morgenlüftchen einige Blätter der abgeblühten Rosen zu ihren Füßen wehte . Dann führte er sie zu dem Wagen , sie stieg ein , und Natalie folgte ihr . Es war nach den mehreren Regentagen ein sehr klarer , nicht zu warmer Tag gefolgt . Der Wagen war offen und zurück gelegt . Mathilde ließ den Schleier von dem nämlichen Hute , den sie bei ihrer Herfahrt gehabt hatte , über ihr Angesicht herabfallen ; Natalie aber legte den ihrigen zurück , und gab ihre Augen den Morgenlüften . Nachdem auch noch Arabella in den Wagen gestiegen war , zogen die Pferde an , die Räder furchten den Sand , und der Wagen ging auf dem Wege hinab der Hauptstraße zu . Wir begaben uns wieder in das Haus zurück . Jeder ging in sein Zimmer und zu seinen Geschäften . Nachdem ich eine Weile in meiner Wohnung gewesen war , suchte ich den Garten auf . Ich ging zu mehreren Blumen , die in einer für Blumen schon so weit vorgerückten Jahreszeit noch blühten , ich ging zu den Gemüsen , zu dem Zwergobste und endlich zu dem großen Kirschbaume hinauf . Von demselben ging ich in das Gewächshaus . Ich traf dort den Gärtner , welcher an seinen Pflanzen arbeitete . Als er mich eintreten sah , kam er mir entgegen und sagte : » Es ist gut , daß ich allein mit Euch sprechen kann , habt Ihr ihn gesehen ? « » Wen ? « fragte ich . » Nun , Ihr waret ja auf dem Inghofe , « antwortete er , » da werdet Ihr wohl den Cereus peruvianus angeschaut haben . « » Nein , den habe ich nicht angeschaut , « erwiderte ich , indem ich mich wohl des Gespräches erinnerte , in welchem er mir erzählt hatte , daß sich eine so große Pflanze dieser Art in dem Jnghofe befinde , » ich habe auf ihn vergessen . « » Nun , wenn Ihr ihn vergessen habt , so wird ihn wohl der Herr angeschaut haben « , sagte er . » Ich glaube , daß uns niemand auf diese Pflanze aufmerksam gemacht hat , als wir in dem Gewächshause waren « , erwiderte ich ; » denn wenn jemand anderer sich eigens zu dieser Pflanze gestellt hätte , so hätte ich es gewiß bemerkt , und hätte sie auch angesehen . « » Das ist sehr sonderbar und sehr merkwürdig « , sagte er ; » nun , wenn Ihr vergessen habt , den Cereus peruvianus anzusehen , so müßt Ihr einmal mit mir hinübergehen ; wir brauchen nicht zwei Stunden , und es ist ein angenehmer Weg . So etwas seht Ihr nicht leicht anders wo . Sie bringen ihn nie zur Blüte . Wenn ich ihn hier hätte , so würde er bald so weiß wie meine Haare blühen , natürlich viel weißer . Die unseren sind noch viel zu klein zum Blühen . « Ich sagte ihm zu , daß ich einmal mit ihm in den Inghof hinübergehen werde , ja sogar , wenn es nicht eine Unschicklichkeit sei und nicht zu große Hindernisse im Wege stehen , daß ich auch versuchen werde , dahin zu wirken , daß diese Pflanze zu ihm herüberkomme . Er war sehr erfreut darüber und sagte , die Hindernisse seien gar nicht groß , sie achten den Cereus nicht , sonst hätten sie ja die Gesellschaft zu ihm hingeführt , und der Herr wolle sich vielleicht keine Verbindlichkeit gegen den Nachbar auflegen . Wenn ich aber eine Fürsprache mache , so würde der Cereus gewiß herüber kommen . Wie doch der Mensch überall seine eigenen Angelegenheiten mit sich herum führt , dachte ich , und wie er sie in die ganze übrige Welt hineinträgt . Dieser Mann beschäftigt sich mit seinen Pflanzen und meint , alle Leute müßten ihnen ihre Aufmerksamkeit schenken , während ich doch ganz andere Gedanken in dem Haupte habe , während mein Gastfreund seine eigenen Bestrebungen hat , und Gustav seiner Ausbildung obliegt . Das eine Gute hatte aber die Ansprache des Gärtners für mich , daß sie mich von meinen wehmütigen und schmerzlichen Gefühlen ein wenig abzog und mir die Überzeugung brachte , wie wenig Berechtigung sie haben , und wie wenig sie sich für das Einzige und Wichtigste in der Welt halten dürfen . Ich blieb noch länger in dem Gewächshause und ließ mir mehreres von dem Gärtner zeigen und erklären . Dann ging ich wieder in meine Wohnung und setzte mich zu meiner Arbeit . Wir kamen bei dem Mittagessen zusammen , wir machten am Nachmittage einen Spaziergang , und die Gespräche waren wie gewöhnlich . Die Zeit auf dem Rosenhause floß nach dem Besuche der Frauen wieder so hin , wie sie vor demselben hingeflossen war . Ich hatte die Muße , welche ich mir von meinen Arbeiten im Gebirge zu einem Aufenthalte bei meinem Gastfreunde abgedungen hatte , beinahe schon erschöpft . Das , was ich mir in dem Rosenhause als Ergänzungsarbeit zu tun auferlegt hatte , rückte auch seiner Vollendung entgegen . Ich ließ mir aber desohngeachtet einen Aufschub gefallen , weil man verabredet hatte , einen Besuch auf dem Sternenhofe zu machen , was , wie ich einsah , Mathildens Wohnsitz war , und weil ich bei diesem Besuche zugegen sein wollte . Auch war es im Plane , daß wir eine Kirche besuchen wollten , die in dem Hochlande lag , und in welcher sich ein sehr schöner Altar aus dem Mittelalter befand . Ich nahm mir vor , das , was mir an Zeit entginge , durch ein länger in den Herbst hinein fortgesetztes Verweilen im Gebirge wieder einzubringen . Mein Gastfreund hatte in dem Meierhofe wieder Bauarbeiten beginnen lassen , und beschäftigte dort mehrere Leute . Er ging alle Tage hin , um bei den Arbeiten nachzusehen . Wir begleiteten ihn sehr oft . Es war eben die letzte Einfuhr des Heues aus den höheren in dem Alizwalde gelegenen Wiesen , deren Ertrag später als in der Ebene gemäht wurde , im Gange . Wir erfreuten uns an dieser duftenden , würzigen Nahrung der Tiere , welche aus den Waldwiesen viel besser war als aus den fetten Wiesen der Täler ; denn auf den Bergwiesen wachsen sehr mannigfaltige Kräuter , die aus den sehr verschiedenartigen Gesteingrundlagen die Stoffe ihres Gedeihens ziehen , während die gleichartigere Gartenerde der tiefen Gründe wenigere , wenngleich wasserreichere Arten her vor bringt . Mein Gastfreund widmete diesem Zweige eine sehr große Aufmerksamkeit , weil er die erste Bedingung des Gedeihens der Haustiere , dieser geselligen Mitarbeiter der Menschen , ist . Alles , was die Würze , den Wohlgeruch und , wie er sich ausdrückte , die Nahrungslieblichkeit beeinträchtigen konnte , mußte strenge hintan gehalten werden , und wo durch Versehen oder Ungunst der Zeitverhältnisse doch dergleichen eintrat , mußte das minder Taugliche ganz beseitigt oder zu andern Wirtschaftszwecken verwendet werden . Darum konnte man aber auch keine schöneren , glatteren , glänzenderen und fröhlicheren Tiere sehen als auf dem Asperhofe . Der Wirtschaftsvorteil lag außerdem noch als Zugabe bei ; denn da das Schlechtere gar nicht verwendet werden durfte , wurde bei der Behandlung und Einbringung die größte Sorgfalt von den Leuten beobachtet , abgesehen davon , daß mein Gastfreund bei seiner Kenntnis der Witterungsverhältnisse weniger Schaden durch Regen oder dergleichen erlitt als die meisten Landwirte , die sich um diese Kenntnis gar nicht bekümmerten . Und der Nachteil der Nichtanwendung des Schlechteren wurde weit durch den Vorteil des besseren Gedeihens der Tiere aufgewogen . In dem Asperhofe konnte man immer mit einer geringeren Anzahl Tiere größere Arbeiten ausführen als in anderen Gehöften . Hiezu kam noch eine gewisse Fröhlichkeit und Heiterkeit der untergeordneten Leute , die bei jeder sachgemäßen Führung eines Geschäftes , bei dem sie beteiligt sind , und bei einer wenn auch strengen , doch stets freundlichen Behandlung nicht ausbleibt . Ich hörte bei meiner jetzigen Anwesenheit öfter von benachbarten Leuten die Äußerung , das hätte man dem alten Asperhofe nicht angesehen , daß das noch heraus kommen könnte . Es wurde , da wieder mehrere Gewitter niedergegangen waren , die Luft sich gereinigt hatte und einige schöne Tage erwartet werden konnten , die Reise zu der Kirche mit dem sehenswürdigen Altare festgesetzt . Im Norden unseres herrlichen Stromes , welcher das Land in einen nördlichen und südlichen Teil teilt , erhebt sich ein Hochland , welches viele Meilen die nördlichen Ufer des Stromes begleitet . In seinem Süden ist eine acht bis zehn Meilen breite , verhältnismäßig ebene Gegend von großer Fruchtbarkeit , die endlich von dem Zuge der Alpen begrenzt ist . Ich war bisher nur vorzugsweise in die Alpen gegangen , die nördlichen Hochlande hatte ich bloß ein einziges Mal betreten und nur eine kleine Ecke derselben durchwandert . Jetzt sollte ich mit meinem Gastfreunde eine Fahrt in das Innere derselben machen ; denn die Kirche , welche das Ziel unserer Reise war , steht weit näher an der nördlichen als an der südlichen Grenze des Hochlandes . Wir fuhren in der Begleitung Eustachs von dem Stromesufer die staffelartigen Erhebungen empor , und fuhren dann in dem hohen , vielgehügelten Lande dahin . Wir fuhren oft mit unserm Gespann langsam bis auf die höchste Spitze eines Berges , empor dann auf der Höhe fort , oder wie senkten uns wieder in ein Tal , umfuhren oft in Windungen abwärts die Dachung des Berges , legten eine enge Schlucht zurück , stiegen wieder empor , veränderten recht oft unsere Richtung , und sahen die Hügel , die Gehöfte und andere Bildungen von verschiedenen Seiten . Wir erblickten oft von einer Spitze das ganze flache gegen Mittag gelegene Land mit seiner erhabenen Hochgebirgskette , und waren dann wieder in einem Talkessel , in welchem wir keine Gegenstände neben unserem Wagen hatten als eine dunkle , weitästige Fichte und eine Mühle . Oft , wenn wir uns einem Gegenstande gleichsam auf einer Ebene nähern zu können schienen , war plötzlich eine tiefe Schlucht in die Ebene geschnitten , und wir mußten dieselbe in Schlangenwindungen umfahren . Ich hatte bei meinem ersten Besuche dieses Hochlandes die Bemerkung gemacht , daß es mir da stiller und schweigsamer vorkomme , als wenn ich durch andere , ebenfalls stille und schweigende Landschaften zog . Ich dachte nicht weiter darüber nach . Jetzt kam mir dieselbe Empfindung wieder . In diesem Lande liegen die wenigen größeren Ortschaften sehr weit von einander entfernt , die Gehöfte der Bauern stehen einzeln auf Hügeln oder in einer tiefen Schlucht oder an einem nicht geahnten Abhange . Herum sind Wiesen , Felder , Wäldchen und Gestein . Die Bäche gehen still in den Schluchten , und wo sie rauschen , hört man ihr Rauschen nicht , weil die Wege sehr oft auf den Höhen dahin führen . Einen großen Fluß hat das Land nicht , und wenn man die ausgedehnte südliche Ebene und das Hochgebirge sieht , so ist es nur ein sehr großer , aber stiller Gesichtseindruck . In den Alpen geht der Straßenzug meistens nur in den Talrinnen an den Flüssen oder Wildbächen dahin , er kann sich wenig verzweigen , der Verkehr ist auf ihn zusammengedrängt , und es regt sich auf ihm , und es wehet und rauscht an ihm . In diesem Lande sind noch viele wertvolle Altertümer zerstreut und aufbewahrt , es haben einmal reiche Geschlechter in ihm gewohnt , und die Krieges- und Völkerstürme sind nicht durch das Land gegangen . Wir kamen in den kleinen Ort Kerberg . Er liegt in einem sehr abgeschiedenen Winkel und ist von keinerlei Bedeutung . Nicht einmal eine Straße von nur etwas lebhaftem Verkehre führt durch , sondern nur einer jener Landwege , wie sie zum Austausche der Erzeugnisse der Bevölkerung dienen , und von dem guten Sand- und Steinstoffe des Landes sehr gut gebaut sind . Nur die Lage ist schön , da hier die Bildungen etwas größer sind und , mit dämmerigem Walde teilweise bekleidet , anmutig zusammentreten . Und doch steht in diesem Orte die Kirche , zu welcher wir auf der Reise waren . Hinter dem Orte ungefähr nach Mitternacht liegt ein weitläufiges Schloß auf einem Berge , welches große Garten- und Waldanlagen um sich hat . Auf diesem Schlosse hat einmal ein reiches und mächtiges Geschlecht gewohnt . Einer von ihnen hatte in dem kleinen Orte die Kirche bauen und auszieren lassen . Er hat die Kirche im altdeutschen Stile gebaut , Spitzbogen schließen sie , schlanke Säulen aus Stein teilen sie in drei Schiffe , und hohe Fenster mit Steinrosen und ihren Bögen und mit den kleinen vieleckigen Täfelchen geben ihr Licht . Der Hochaltar ist aus Lindenholz geschnitzt , steht wie eine Monstranze auf dem Priesterplatze , und ist von fünf Fenstern umgeben . Viele Zeiten sind vorübergegangen . Der Gründer ist gestorben , man zeigt sein Bild aus rotem Marmor in Halbarbeit auf einer Platte in der Kirche . Andere Menschen sind gekommen , man machte Zutaten in der Kirche , man bemalte und bestrich die steinernen Säulen und die aus gehauenen Steinen gebauten Wände , man ersetzte die zwei Seitenaltäre , von deren Gestalt man jetzt nichts mehr weiß , durch neue , und es geht die Sage , daß schöne Glasgemälde die Monstranze umstanden haben , daß sie fortgekommen seien , und daß gemeine viereckige Tafeln in die fünf Fenster gesetzt wurden . Sie verunzieren in der Tat noch jetzt die Kirche . Die neuen Besitzer des Schlosses waren nicht mehr so reich und mächtig , andere Zeiten hatten andere Gedanken bekommen , und so war der geschnitzte Hochaltar von Vögeln , Fliegen und Ungeziefer beschmutzt worden , die Sonne , die ungehindert durch die viereckigen Tafeln hereinschien , hatte ihn ausgedörrt , Teile fielen herab und wurden willkürlich wieder hinauf getan und durcheinander gestellt , und in Arme , Angesichter und Gewänder bohrte sich der Wurm . Darum haben die Behörden des Landes den Altar wieder hergestellt , und zu diesem gingen wir . Eustach geleitete uns in die Kirche , es war ein sonniger Vormittag , kein Mensch war zugegen , und wir traten vor das Schnitzwerk . Eustach konnte vieles aus den Regeln der alten Kunst und aus der Geschichte derselben erklären . Er sprach über das Mittelfeld , in welchem drei ganze , überlebensgroße Gestalten auf reich verzierten Gestellen unter reichen Überdächern standen . Es waren die Gestalten des heiligen Petrus , des heiligen Wolfgang - beide in Bischofsgewändern - und des heiligen Christophorus , wie er das Jesuskindlein auf der Schulter trägt , und wie dasselbe nach der Legende dem riesenhaft starken Manne schwer wie ein Weltball wird und seine Kräfte erschöpft , welche Erschöpfung in der Gestalt ausgedrückt ist . Sehr viele kleine Gestalten waren noch nach der Sitte unserer Vorältern in dem Raume zerstreut . An dem Mittelfelde waren in gezierten Rahmen zwei Flügel , auf welchen Bilder in halberhabener Arbeit sich befanden : die Verkündigung des Engels , die Geburt des Heilandes , die Opferung der drei Könige , und der Tod Marias . Oberhalb des Mittelstückes war ein Giebel mit der emporstrebenden durchbrochenen Arbeit , die man , wie Eustach meint , fälschlich die gotische nennt , da sie vielmehr mittelalterlich deutsch sei . In diese durchbrochene Arbeit waren mehrere Gestalten eingestreut . Zu beiden Seiten hinter den Flügeln standen die Gestalten des heiligen Florian und des heiligen Georg in mittelalterlicher Ritterrüstung empor . Der heilige Florian hatte das Sinnbild des brennenden Hauses und der heilige Georg das des Drachen zu seinen Füßen . Eustach behauptete , daß sich nur aus der Ansicht eines Sinnbildes die Kleinheit solcher Beigaben zu altertümlichen Gestalten erkläre , da unsere kunstsinnigen Altvordern gewiß nicht den großen Fehler der Unverhältnismäßigkeit der Körper der Gegenstände gemacht haben würden . Mein Gastfreund sagte , ohne die Meinung Eustachs verwerfen zu wollen , daß man die Sache auch etwa so auslegen könne , daß man durch die über alles Maß hinausgehende Größe der Gestalten , gegen welche ein Haus oder ein Drache klein sei , ihre Übernatürlichkeit habe ausdrücken wollen . Mein Gastfreund sagte , es müßten einmal nicht nur viel kunstsinnigere Zeiten gewesen sein als heute , sondern es müßte die Kunst auch ein allgemeineres Verständnis bis in das unterste Volk hinab gefunden haben ; denn wie wären sonst Kunstwerke in so abgelegene Orte wir Kerberg gekommen , oder wie befänden sich solche in noch kleineren Kirchen und Kapellen des Hochlandes , die oft einsam auf einem Hügel stehen , oder mit ihren Mauern aus einem Waldberge hervor ragen , oder wie wären kleine Kirchlein , Feldkapellen , Wegsäulen , Denksteine alter Zeit mit solcher Kunst gearbeitet : so wie heut zu Tage der Kunstverfall bis in die höheren Stände hinauf rage , weil man nicht nur in die Kirchen , Gräber und heiligen Orte abscheuliche Gestalten , die eher die Andacht zerstören als befördern , von dem Volke stellen läßt , sondern auch bis zu sich hinauf in das herrschaftliche Schloß so oft die leeren und geistesarmen Arbeiten einer ohnmächtigen Zeit zieht . Meines Gastfreundes und Eustachs bemächtigte sich bei diesen Betrachtungen eine Traurigkeit , welche ich nicht ganz begriff . Wir betrachteten nach dem Altare auch noch die Kirche , betrachteten das Steinbild des Mannes , der sie hatte erbauen lassen , und betrachteten noch andere alte Grabdenkmale und Inschriften . Es zeigte sich hier , daß die fünf Fenster des Priesterplatzes nicht wie die Fenster des Kirchenschiffes in ihren Spitzbogen Steinrosen hatten , was als neuer Beweis galt , daß das Glas aus diesen Fenstern einmal heraus genommen worden war , und daß man zu besserer Gewinnung der Gemälde in den Spitzbogen oder gar zu bequemerer Einsetzung der viereckigen Tafeln die steinernen Fassungen weggeräumt habe . Ich ging mit manchem Gedanken bereichert neben meinen zwei Begleitern aus der Kirche . Auf der Rückfahrt schlugen wir einen anderen Weg ein , damit ich auch noch andere Teile des Landes zu sehen bekäme . Wir besuchten noch ein paar Kirchen und kleinere Bauwerke , und Eustach versprach mir , daß er mir , wenn wir nach Hause gekommen wären , die Zeichnungen von den Dingen zeigen würde , welche wir gesehen hatten . Die Männer sprachen auf der Rückreise auch von der mutmaßlichen Zeit , in welcher die Kirche , die das Ziel unserer Reise gewesen war , entstanden sein könnte . Sie schlossen auf diese Zeit aus der Art und Weise des Baues und aus manchen Verzierungen . Sie bedauerten nur , daß man Näheres darüber aus Urkunden nicht erfahren könne , da das Schriftgewölbe des alten Schlosses unzugänglich gehalten werde . Wir fuhren am Mittage