kaum ein erstes Lerchlein sich zum reinen Morgenhimmel aufschwang , wallte eine kleine Schar mit Kreuz und Fahne den Burgweg hinab - diesmal kein Trauerzug . Ekkehard voraus im violetten Priestergewand , inmitten seiner Paten der Hunne , so schritten sie durch den üppigen Wieswuchs ans Ufer des Flüßleins Aach . Dort pflanzten sie das Kreuz in weißen Sandboden und traten im Halbkreis um den , der heute zum letztenmal Cappan heißen sollte ; hell klang ihre Litanei durch die Morgenstille zu Gott auf , daß er gnädig herabschaue zu dem , der jetzt seinen Nacken vor ihm beuge und sich nach Befreiung sehne vom Joch des Heidentums und der Sünde . Dann hießen sie den Täufling sich entkleiden bis auf die Umgürtung der Lenden . Er kniete im Ufersand , Ekkehard sprach die Beschwörung im Namen dessen , den Engel und Erzengel fürchten , vor dem Himmel und Erde erzittern und die Abgründe sich auftun , auf daß der böse Geist die letzte Gewalt über ihn verliere , dann hauchte er ihn dreimal an , reichte geweihtes Salz seinem Munde , als Sinnbild neuer Weisheit und neuen Denkens , und salbte ihm Stirn und Brust mit heiligem Öle . Der Täufling war wie erschüttert und wagte kaum zu atmen , so schlug ihm die Wucht der Feier ins Gemüt . Wie ihm darauf Ekkehard die Formel der Abschwörung vorsprach : » Versagst du dem Teufel und allen seinen Werken und allen seinen Gezierden ? « antwortete er mit Heller Stimme : » Ich versag ' ihm ! « und sprach , so gut er ' s vermochte , die Worte des Bekenntnisses nach , drauf tauchte ihn Ekkehard in die kühle Flut des Flüßleins , die Taufe war ausgesprochen , der neue Paulus stieg aus dem Gewässer ... einen wehmütigen Blick warf er nach dem frischen Grabhügel , der sich drüben am Waldsaum türmte , dann zogen ihn die Taufpaten herauf und hüllten den Zitternden in ein blendend linnen Gewand . Vergnüglich stand er unter seinen neuen Brüdern . Ekkehard hielt eine Ansprache nach den Worten der Schrift : » Der ist selig , welcher sein Gewand treu behütet , damit er nicht nackend gehe201 « und mahnte ihn , daß er von nun an das makellose Linnen trage als Gewand der Wiedergeburt in Rechtschaffenheit und Güte , wie es die Taufe ihm verliehen , - und legte ihm die Hände auf . Mit schallendem Lobsang führten sie den Neubekehrten zur Burg zurück . In der gewölbten Fensternische eines Gemachs im Erdgeschoß saß indessen Friderun , die lange . Praxedis huschte auf und ab wie ein unstetes Irrlicht ; sie hatte sich ' s von der Herzogin erbeten , die ungeschlachte Braut zu ihrem Ehrentag zu schmücken . Schon waren die Haare eingeflochten in rote Stränge von Garn , der unendlich faltenreiche Schurz wallte bis zu den hochabsätzigen Schuhen , drüber prangte der dunkle Schappelgürtel mit seiner güldfadenen Einfassung - nur wer die Braut erstreitet , darf ihn lösen - jetzt griff Praxedis die glitzernde glasperlenbehängte Krone voll farbiger Steine und Flittergold : » Heilige Mutter Gottes von Byzanzium ! « rief sie , » muß das auch noch aufgesteckt werden ? Wenn du mit dem Kopfschmuck einherschreitest , Friderun , werden sie in der Ferne glauben , es sei ein Festungsturm lebendig geworden und wandle zur Trauung . « » Es muß sein ! « sprach Friderun . » Warum muß es sein ? « fragte die Griechin . » Ich hab ' daheim manch schmucke Braut gesehen , die trug den Myrtenkranz oder den silbergrünen Olivenzweig in den Locken , und es war gut so . Freilich in euren harzigen rußigen schwärzlichen Tannenwäldern wächst nicht Myrte und nicht Olive , aber Efeu wär ' auch schön , Friderun ? « Die drehte sich zürnend im Stuhl . » Lieber ledig bleiben « , sprach sie , » als mit Blatt und Gras im Haar zur Kirche gehn . Das mögt Ihr hergelaufenem Volk raten , aber wenn ein Hegauer Kind Hochzeit macht , muß die Schappelkrone sein Haupt schmücken , das gilt von jeher , seit der Rhein durch den Bodensee rinnt und die Berge stehen . Wir Schwaben sind all ein königlich Geschlecht , hat mein Vater immer gesagt . « » Euer Wille geschehe « , sprach Praxedis und heftete ihr die Flitterkrone auf . Die große Braut erhob sich , aber Falten lagerten über ihrer Stirn wie ein Schatten eilenden Gewölks , der sein vorübergehend Dunkel auf die sonnbeglänzte Ebene wirft . » Willst du jetzt schon weinen « , fragte die Griechin , » auf daß dir in der Ehe die Tränen gespart werden ? « Friderun machte ein ernst Gesicht und der unholde Mund zog sich betrübt in die Länge , daß Praxedis Müh ' hatte , nicht zu lachen . » Mir ist so bang « , sprach die Braut des Hunnen . » Was soll dir bang machen , zukünftige Nebenbuhlerin der Tannen am Stofflerberg ? « » Ich fürcht ' , die Burschen des Gaus tun mir einen Spuk an , daß ich den Fremden heirate . Wie der Klostermeier vom Schlangenhof die alte Witfrau vom Bregenzer Wald heimgeführt hat , sind sie ihm in der Hochzeitnacht vors Haus gezogen und haben mit Stierhörnern und Kupferkesseln und großen Meermuscheln eine Höllenmusik gemacht , wie wenn ein Hagelwetter weg zu drommeten wär ' ; und wie der Rielasinger Müller am ersten Tag seines Ehestands vors Haus trat , stand ein Maienbaum gepflanzt , der war kahl und dürr , und statt Blumen hing ein Strohwisch dran und ein zerlumpt grüngelb Schürzlein . « » Sei gescheit ! « tröstete Praxedis . Aber Friderun jammerte weiter : » Und wenn sie mir ' s machen wie des Bannförsters Witib , da sie den Jägersknaben nahm ? Der haben sie nachts das Strohdach entzweigeschnitten oben auf dem Hausfirst , halb zur Rechten , halb zur Linken ist ' s heruntergerollt , der blaue Himmel hat in ihr Hochzeitbett geleuchtet , ohne daß sie wußten warum , und die Krähen sind ihnen zu Häupten geflogen202 . « Praxedis lachte . » Du wirst doch ein gut Gewissen haben , Friderun ? « sprach sie bedeutsam . Aber der stand das Weinen näher . » Und wer weiß « , sprach sie ausweichend , » was mein Cappan ... « » Paulus « , verbesserte Praxedis . » ... in jungen Tagen für Streiche gemacht ? Gestern nacht hat mir geträumt , er habe mich fest in seinen Armen gehalten , da sei ein hunnisch Weib gekommen , gelb von Gesicht und schwarz von Haar , und hab ' ihn weggerissen . Mein gehört er ! drohte sie , und wie ich ihn nicht lassen wollte , ward sie zur Schlange und ringelte sich fest an ihm auf ... « » Laß die Schlangen und Hunnenweiber « , unterbrach sie Praxedis , » und mach dich fertig , sie kommen schon den Berg herauf ... Vergiß den Rosmarinzweig nicht und das weiße Tuch ! « Hell glänzte draußen im Burghof des Cappan weißes Festgewand . Da gab Friderun den trüben Gedanken Valet und schritt hinaus ; die Ehrenmägde empfingen sie im Hof , der Neugetaufte lachte ihr fröhlich entgegen , das Glöcklein der Burgkapelle läutete , es ging zur Hochzeit203 . Die Trauung war beendet , mit strahlendem Antlitz verließ das neue Ehepaar die Burg . Frideruns ganze Sippschaft war erschienen , stämmige Leute , die an Höhe des Wuchses der Braut nicht nachstanden ; sie saßen als Meier und Bauern auf den nachbarlichen Höfen ; itzt zogen sie nach dem Gütlein am Fuß des hohen Stoffeln , das erste Feuer zur Einweihung des neuen Herdes anzuzünden und das Hochzeitfest zu feiern . Voraus im Zug wurde auf bekränztem Wagen der Brautschatz geführt ; da fehlte die große Bettstatt von Tannenbrettern nicht , Rosen und Trudenfüße als Abwehr von Alp und Wichtelmännern und andern nächtlichen Unholden waren drauf gemalt ; - an Kisten und Kasten folgte ein mannigfacher Hausrat . Die Ehrenmägde trugen die Kunkel mit angelegtem Flachs und den schön gezierten Brautbesen von weißen Reisern , einfache Sinnbilder von Fleiß und Ordnung fürs künftige Hauswesen . An Jauchzen und Jubelruf ließen es die Geleitsmänner nicht fehlen ; dem Cappan aber war ' s zu Sinn , als hätten die Fluten der Taufe in früher Morgenstund ' alle Erinnerung weggespült , daß er je streifend und schweifend ein Roß getummelt , er schritt ehrsam und bürgerlich mit Schwägern und Schwiegern , als wär ' er von Jugend ein Fronvogt oder Schultheiß im Hegau gewesen . Noch war der Lärm der bergab Ziehenden nicht verklungen , da traten zwei schmucke Bursche vor die Herzogin und ihre klösterlichen Gäste , des Schaffners auf der kaiserlichen Burg Bodmann Söhne und Frideruns Gevattern . Sie kamen als Hochzeitbitter , jeder eine gelbe Schlüsselblume hinters Ohr gesteckt und einen Strauß am zwilchenen Gewand . Verlegen blieben sie unter des Saales Eingang stehen , die Herzogin winkte , da traten sie etliche Schritte vor , dann noch etliche , und scharrten eine Verbeugung und sprachen den altherkömmlichen Ladspruch zum Ehrentag ihrer Base und baten , ihnen hinüberzufolgen über Weg und Steg , über Gassen und Straßen , Brück ' und Wasser zum Hochzeitshaus ; dort werd ' man auftragen ein Kraut und Brot , wie selbes geschaffen der allmächtige Gott , ein Faß werd ' rinnen und Geigen drein klingen , ein Tanzen und Springen , Jubilieren und Singen . » Wir bitten Euch , laßt zwei schlechte Boten sein für einen guten , gelobt sei Jesus Christ ! « so schloß ihr Spruch , und ohne den Bescheid zu erwarten , scharrten sie die zweite Verbeugung und enteilten . » Erweisen wir unserm jüngsten christlichen Untertan die Ehre des Besuchs ? « fragte Frau Hadwig heiter . Die Gäste wußten , daß auf Fragen , die sie so freundlich stellte , keine Verneinung zieme . Da ritten sie des Nachmittags hinüber . Auch Rudimann , der Abgesandte von Pirminius ' Kloster , ritt mit , er hielt sich schweigsam und lauernd , seine Rechnung mit Ekkehard war noch nicht abgemacht . Der Stoffler Berg ragt stolz und lustig mit seinen drei Basaltkuppen , von dunkelm Tannwald umsäumt , ins Land hinaus . Die Burgen , deren Trümmer itzt sein Rücken trägt , waren noch nicht gebaut , nur auf dem höchsten stand ein verlassener Turm . Auf dem zweiten Bergvorsprung aber war ein bescheiden Häuslein im Waldversteck - des neuen Ehepaars Sitz . Als Zins und Zeichen , daß der Einziehende der Herzogin Mann , war ihm gesetzt , alljährlich fünfzig Maulwurfsfelle einzuliefern und auf Sankt Gallus ' Festtag einen lebenden Zaunkönig . Auf grüner Waldwiese hatte die Hochzeitsippe ihr Lager aufgeschlagen ; in großen Kesseln ward gesotten und gebraten , wem keine Platte oder Teller zuteil ward , der schmauste von tannenem Brett , wo die Gabel fehlte , ward zweizinkige Haselstaude zu deren Rang erhoben . Cappan war mühsam zu Tisch gesessen und hielt sich aufrecht an seiner Ehefrau Seite ; aber in des Gemütes Tiefe bewegte er den Gedanken , ob er nicht nach etlichen Tagen die Gewohnheit des Liegens zur Mahlzeit wieder zum alten Recht erheben wolle . In den langen Zwischenräumen von einem Gericht zum andern - der Schmaus begann mit der Mittagstunde und sollte zum Sonnenuntergang noch nicht beendet sein - schuf der Hunne seinen vom Sitzen gequälten Gliedmaßen durch Tanzen Luft . Von bäuerlicher Musika empfangen , kam die Herzogin angeritten . Sie schaute vom Roß herab auf die Fröhlichen , da zeigte ihr der neue Paulus seine wilde Kunst . Die Musika genügte ihm nicht , er pfiff und jauchzte sich selber den Takt ; sein langes Ehgemahl drehte er in labyrinthischer Verschlingung , ein wandelnder Turm und eine Katze des Waldes , so tanzte die Langsame mit dem Behenden , bald beisammen , bald fliehend , bald Brust gegen Brust , bald Rücken gegen Rücken - dann stieß er seine Tänzerin von sich , die Holzschuhe im Schweben zusammenklirrend , tat er sieben wirbelnde Luftsprünge , einen höher als den andern , zum Beschluß ließ er sich vor Frau Hadwig ins Knie fallen und beugte sein Haupt zur Erde , als wollt ' er den Staub küssen , den ihres Rosses Huf berührt . Es sollte sein Dank sein . Die Hegauer Vettern aber schöpften ein Beispiel löblicher Anregung aus dem ungewohnten Tanz . Es mag sein , daß mancher später sich nähere Unterweisung drin erbat , denn aus fernem Mittelalter klingt noch die Sage herüber von den » sieben Sprüng « oder dem » hunnischen Hupfauf « , der als Abwechslung vom einförmigen Drehen des Schwäbischen und als Krone der Feste seit jenen Tagen dort landüblich ward . » Wo ist Ekkehard ? « fragte die Herzogin , nachdem sie , vom Zelter gestiegen , die Reihen ihrer Leute durchwandelt hatte . Praxedis deutete hinüber nach einem schattigen Rain . Eine riesige Tanne wiegte ihre schwarzgrünen Wipfel , ihr zu Füßen im verschlungenen Wurzelwerk saß der Mönch . Lauter Jubel und Menschengewühl preßte ihm beklemmend die Brust , er wußte nicht weshalb - er hatte sich seitab gewandt und schaute hinaus über die waldigen Rücken in die Alpenferne . Es war einer jener duftigen Abende , wie sie hernachmals Herr Burkart von Hohenvels auf seinem riesigen Turm überm See belauscht hat , » da die Luft mit Sonnenfeuer getempert und gemischet204 « . Die Ferne schwamm in leisem Glanz . Wer einmal hinausgeschaut von jenen stillen Berggipfeln , wenn bei blauem Himmel die Sonne glutstrahlend zur Rüste geht , purpurne Schatten die Tiefen der Täler füllen und flüssiges Gold den Schnee der Alpen umsäumt , dem muß noch spät im Nebeldunst seiner vier Wände die Erinnerung tönen und klingen , lieblich wie ein Sang in den schmelzenden Lauten des Südens . Ekkehard aber saß ernst , das Haupt gestützt in der Rechten . » Er ist nicht mehr wie früher ! « sagte Frau Hadwig zur Griechin . » Er ist nicht mehr wie früher ! « sprach Praxedis gedankenlos ihr nach . Sie hatte auf die hegauischen Weiber zu schauen und ihren Festschmuck und überlegte an diesen hohen Miedern und faßartig gesteiften Röcken und der unnennbaren Haltung beim Tanz , ob der Genius guten Geschmackes händeringend für immer dies Land verlassen oder ob sein Fuß es noch gar nie betreten habe . Frau Hadwig trat vor Ekkehard . Er fuhr auf seinem Moossitz empor , als wär ' ihm ein Geist erschienen . » Einsam und fern von den Fröhlichen ? « frug sie . » Was treibet Ihr ? « » Ich denke darüber nach , wo das Glück sei « , sprach Ekkehard . » Das Glück ? « sprach Frau Hadwig , » das Glück kommt von ohngefähr wohl über neunzig Stunden her , heißt ' s im Sprichwort . Fehlt ' s Euch ? « » Es wäre möglich « , sprach der Mönch und schaute ins Moos hinab . Erneute Musik und Jauchzen der Tanzenden tönte herüber . » Die dort das Erdreich stampfen « , fuhr er fort , » und mit den Füßen auszusprechen wissen , was ihnen das Herz bewegt , sind glücklich ; es gehört wohl wenig dazu , um ' s zu sein , vor allem - « er deutete nach den schimmernden Häuptern der Alpen - » keine Fernsicht auf Höhen , die unser Fuß niemals erreichen darf . « » Ich versteh ' Euch nicht « , sagte die Herzogin trocken . Ihr Herz dachte anders als ihre Zunge . » Wie geht es Eurem Virgilius ? « sprach sie , die Rede ablenkend ; » es hat sich wohl Staub und Spinnweb über ihn gesetzt in der Not der vergangenen Tage ? « » In meinem Herzen ist er wohl geborgen « , sprach Ekkehard , » wenn das Pergament auch modert . Erst vorhin sind mir seine Verse zum Lob des Landbaus durch die Gedanken gezogen : Dort das waldumschattete Häuslein , am Bergeshang der Felder schwarzfettes Erdreich , ein neu vermählt Paar mit Hacke und Pflug , der Mutter Erde den Unterhalt abzwingend - neidig mußt ' ich des Virgilius Bild vor mir sehen : - ein truglos gleitendes Leben , Reich an mancherlei Gut . Und Muße bei räumigen Feldern , Grotten und lebende Teich ' , ein Kühlung atmendes Tempe , Rindergebrüll und unter dem Baum sanft winkender Schlummer . « » Ihr wißt sinnig zu erklären « , sprach Frau Hadwig . » Des Cappan Lehenspflicht , ringsum den Maulwurf zu fahen und die nagende Feldmaus , hat Euer Neid wohl übersehen . Und die Winterfreuden ! wenn der Schnee mauergleich bis an das Strohdach sich türmt , daß der helle Tag sich verlegen umschaut , durch welchen Spalt er ins Haus schlüpfen soll ... « » Auch in solche Not wüßte ich mich zu finden « , sprach Ekkehard . » Virgilius weiß es auch : Mancher verbleibet dann lang ' beim späten Geflimmer des Feuers Wach im Winter und schnitzt sich Fackeln mit schneidendem Eisen , Während sein Weib mit Gesang sich der Arbeit Weile verkürzend Rasch des Gewebs Aufzug durchschießt mit sausendem Kamme . « » Sein Weib ? « sprach die Herzogin boshaft . » Wenn er aber kein Weib hat ? « Drüben erscholl ein brausend Jubelgelächter . Sie hatten den hunnischen Vetter auf ein Brett gesetzt und trugen ihn erhoben , wie einst den Heerführer auf dem Schild bei der Königswahl , über die Wiese . Er tat etliche Freudensprünge über ihren Häuptern . » - und kein Weib haben darf ? « sprach Ekkehard zerstreut . Seine Stirn glühte . Er deckte sie mit der Rechten . Wohin er schaute , schmerzte ihn das Aug ' . Dort das Gewirre des Hochzeitjubels - hier die Herzogin , fern die leuchtenden Gebirge : es war ihm unendlich weh , aber seine Lippen blieben geschlossen . » Sei stark und still ! « sprach er zu sich selber . Er war in Wahrheit nicht mehr wie früher . Der stille Bücherfriede der Mönchsklause war von ihm gewichen , Kampf und Hunnennot hatten sein Denken geweitet , der Herzogin Zeichen von Huld sein Herz entzweit . Im Gang des Tages , im Traum der Nacht verfolgte ihn das Bild , wie sie ihm Reliquie und Schwert des Gatten umgehangen , und in bösen Stunden zogen Vorwürfe nebelgleich durch seine Seele , daß er ' s so schweigend hingenommen . Frau Hadwig ahnte nicht , was in ihm kochte ; sie dachte gleichgültiger von ihm , seit vermeintliches Nichtverstehen ihres Zuvorkommens sie gedemütigt ; aber wenn sie ihn wieder sah , Kummer auf der hohen Stirn und fragende Schwermut im Aug ' , so erneute sich das alte Spiel . » Wenn Ihr solche Freude am Landbau habt « , sprach sie leicht , » ich wüßt ' Euch Rat . Der Abt von Reichenau hat mich geärgert , die Perle meiner Hofgüter mir abschwatzen wollen , als wär ' s eine Brotkrume , die man vom Tisch schüttelt , ohne umzuschauen ! « - Es rauschte im Gebüsch , sie nahmen es nicht wahr . Ein dunkler Schimmer zog sich durch die Blätter - war ' s ein Fuchs oder eines Mönchs Gewand ? » Ich will Euch als Verwalter drauf setzen « , fuhr Frau Hadwig fort , » da habt Ihr all die Herrlichkeit vollauf , deren Anblick Euch heute schwermütig macht , und noch mehr . Mein Saspach liegt fröhlich am Rhein , der alte Kaiserstuhl rühmt sich der Ehre , daß er zuerst in all unsern Landen die Weinrebe trug , - und sind ehrliche Leute dort , wenn sie auch eine unfeine Sprache sprechen . « Ekkehard sah vor sich nieder . » Ich kann ' s Euch auch ausmalen , ohne daß ich zu schildern weiß wie Virgilius . Denkt Euch , es ist Herbst - Ihr habt ein gesund Leben geführt , mit der Sonne heraus , mit den Hühnern zu Bett - jetzt kommt die Weinlese , von allen Bergrücken steigen Knechte und Mägde zu Euch hernieder , den Hängkorb gefüllt mit Trauben , Ihr steht am Tor ... « Es rauschte wieder im Gebüsch . » ... und denket darüber nach , wie der Wein wird , und besinnt Euch , auf wessen Wohl Ihr ihn trinken wollt , der Vogesenwald schaut so licht und blau zu Euch herüber , wie hier die Hörner der Alpen , da kommt ' s mit Roß und Wagen vom alten Breisach her , die Heerstraße stäubt , Ihr hebet das Haupt , nun , Meister Ekkehard , wer wird angezogen kommen ? « Der Gefragte war kaum der Schilderung gefolgt . » Wer ? « sagte er scheu . » Wer anders als Eure Gebieterin , die sich ihr herzoglich Recht nicht vergeben wird zu prüfen , wie ihre Diener schalten . « » Und dann ? « fragte er weiter . » Dann ? dann werd ' ich Erkundigungen einziehen , wie Meister Ekkehard seiner Pflicht oblag , und sie werden alle sagen : Er ist brav und ernst , und wenn er nicht so viel denken und sinnen und in seinen Pergamenten lesen wollte , wär ' er uns noch lieber ... « » Und dann ? « fragte er noch einmal . Sein Ton war seltsam . » Dann werd ' ich sprechen mit den Worten der Schrift : Wohl , du guter und getreuer Knecht ! Du warst treu über weniges , ich will dich über vieles setzen . Zeuch ein zum Freudenmahl deines Herrn . « Ekkehard stand gleich einem Betäubten . Er hob seinen Arm , er ließ ihn wieder sinken , eine Träne zitterte in seinem Aug ' . Er war sehr unglücklich . ... Zu selber Zeit schritt ein Mann vorsichtig aus dem Gebüsch heraus . Wie er wieder Wiesengrund unter den Füßen fühlte , ließ er die gehobene Kutte niederfallen . Er schaute bedeutsam auf die beiden zurück und nickte mit dem Haupte , wie einer , der eine Entdeckung gemacht . Er war auch nicht hingegangen , um Veilchen zu pflücken . Das Hochzeitfest war in stufenweiser Entwicklung bis dahin gediehen , wo Chaos einzubrechen droht . Der Met wirkte in den Gemütern . Einer hing sein Obergewand an einen Baumast und fühlte unwiderstehliche Neigung , alles zu zertrümmern , ein anderer hingegen strebte , alles zu umarmen , ein dritter , der vor zehn Jahren manchen Kuß von Frideruns Wangen gepflückt zu haben sich erinnerte , saß trübsinnig am Tisch und hatte viel getrunken und sah den Ameisen zu , die ihm zu Füßen wimmelten , und sprach : » Kling , klang , gloria ! Keine ist was nutz ... « Die jungen Leute , die in der Frühe so verschämt als Hochzeitbitter bei der Herzogin waren , führten mit ihrem hunnischen Anverwandten ein germanisches Schalksspiel aus : sie hatten ein großes linnenes Laken aus einer der Hochzeittruhen gerissen , den Cappan drauf , an den vier Ecken hielten sie ' s starr und schleuderten den Unseligen von der prallen Decke empor , daß er in die blauen Lüfte hinaufwirbelte wie eine Lerche205 . Er hielt ' s für den landesüblichen Ausdruck verwandtschaftlicher Hochachtung und schwang sich gewandt auf und nieder . Da plötzlich tat die lange Friderun einen lauten Schrei . Alle Köpfe wandten sich , schier ließen die Vettern den Aufgeschnellten hinab ins kühle Erdreich sausen , ein Freudenjubel brach aus , ungeheuer und dröhnend , daß es schien , als wollten selber die verwitterten Basaltfelsen im Tannenwald verwundert umschauen , und die hatten in Sturm und Wetter schon manch tüchtigen Lärm gehört . Audifax und Hadumoth kamen auf ihrer Flucht aus hunnischer Hand des Wegs gezogen . Audifax führte den Gaul mit der Schatztruhe am Zügel , glückselig gingen die Kinder nebeneinand , sie hatten heut zum erstenmal den Gipfel des hohen Twiel wieder erschaut und mit frohem Aufjauchzen begrüßt . » Erzähl ' ihnen nicht alles ! « flüsterte Audifax seiner Gefährtin zu und flocht dichtes Weidengezweig um die Körbe . Schon war die lange Friderun herbeigesprungen und trug die Hadumoth halb auf den Armen weg : » Grüß Gott , verloren Söhnlein ! Trink Sackpfeifer , trink Sturmläufer ! « rief ' s aus aller Mund dem Audifax zu - sie wußten von des Jungen Gefangenschaft und reichten ihm die großen Steinkrüge zum Willkomm . Die Kinder hatten unterwegs beredet , wie sie der Herzogin zu Haus entgegentreten wollten . » Wir müssen ihr schön danken « , hatte die Hirtin gesagt , » und ich muß ihr den Goldtaler zurückgeben , ich hab ' den Audifax umsonst bekommen , werd ' ich ihr sagen . « » Nein « , hatte Audifax erwidert , » wir legen vom Hunnengold noch die zwei größten Münzen darauf und bringen ihr die dar : sie möcht ' uns gnädig bleiben wie bisher , das sei unser Dank und Buße in den Herzogsschatz , daß ich die Waldfrau erschlagen . « Sie hatten das Gold schon gerüstet . Jetzt sahen sie die Herzogin bei Ekkehard unter der Tanne stehen . Der tobende Lärm der Mannen unterbrach das landwirtschaftliche Gespräch der beiden . Praxedis kam gesprungen und kündete die wunderbare Mär . Jetzt kamen die jungen Flüchtlinge selber , sie führten sich . Vor Frau Hadwig knieten sie nieder , Hadumoth hielt ihren Taler empor , Audifax zwei große güldene Schaumünzen ; er wollte sprechen , die Worte blieben aus ... Da wandte sich Frau Hadwig mit stolzer Anmut zu den Umstehenden : » Die Narretei meiner zwei jungen Untertanen schafft mir Gelegenheit , ihnen meine Gnade zu beweisen . Seid dessen Zeugen ! « Sie brach einen Haselzweig vom Strauch , tat einen Schritt vor , schüttelte dem Hirtenknaben und seiner Gefährtin die Münzen aus der Hand , daß sie weit hinüberflogen ins Gras , und berührte beider Scheitel mit dem Zweig : » Stehet auf « , sprach sie , » keine Schere soll von heut an euer Haupthaar mehr kürzen , als der Burg Hohentwiel eigene Leute seid ihr gekniet , als freigesprochene und freie erhebt euch und behaltet einand so lieb in der Freiheit wie ehedem . « Es waren die Formen der Freilassung nach salischem Recht206 . Schon der Kaiser Lotharius hatte seiner alten Magd Doda den güldenen Denar aus der Hand und damit das Joch der Sklaverei vom Nacken geschüttelt . Audifax aber war fränkischer Abstammung , darum hatte sich Frau Hadwig nicht nach ihrem alemannischen Landrecht gerichtet . Die beiden standen auf . Sie begriffen , was vorgegangen . Dem Hirtenknaben wollte es schwarz vor den Augen werden , der Traum seiner Jugend , Freiheit , Goldschatz ... alles Wahrheit geworden , dauernde Wahrheit für jetzt und immerwährendes Immer ! ... Er sah Ekkehards ernstes Antlitz und warf sich mit Hadumoth vor ihm nieder : » Vater Ekkehard « , rief er , » wir danken auch Euch , daß Ihr ' s wohl mit uns gemeint ! « » Wie schade , daß es schon zu spät worden « , rief Praxedis herüber , » Ihr könntet gleich noch ein Paar mit dem Band der Ehe zusammenschmieden oder wenigstens feierlich verloben , die taugen so gut zueinand wie die zwei da drüben . « Ekkehard ließ sein blaues Aug ' lange auf den beiden ruhen . Er legte ihnen die Hand auf und machte das Zeichen des Kreuzes über sie . » Wo ist das Glück ? « sprach er leise vor sich hin . - - In später Nacht ritt Rudimann , der Kellermeister , in sein Kloster zurück . Die Furt war trocken , er konnte zu Roß hinüber . Von des Abts Zelle glänzte noch ein Lichtschimmer in den See nieder . Er klopfte bei ihm an , öffnete die Tür halb und sprach : » Meine Ohren haben heute mehr hören müssen , als ihnen lieb war . Mit dem Hofgut zu Saspach am Rheine wird ' s nichts ! Sie setzt das Milchgesicht von Sankt Gallen drauf ... « » Varium et mutabile semper femina ! Wankelmütig und veränderlich stets ist das Weib207 ! « murmelte der Abt , ohne sich umzuschauen . » Gute Nacht ! « Siebzehntes Kapitel . Gunzo wider Ekkehard . Zu den Zeiten , da all das seither Erzählte an den Ufern des Bodensees sich zugetragen , sah fern in belgischen Landen im Kloster des heiligen Amandus sur l ' ElnonA1 ein Mönch in seiner Zelle . Tagaus , tagein , wenn die Pflicht der Klosterregel ihn freiließ , saß er dort wie festgebannt ; Wintersturm war gekommen , die Flüsse zugefroren , Schnee , so weit das Auge reichte - er hatte dessen keine Acht ; der Frühling trieb den Winter aus - es kümmerte ihn nicht ; die Brüder plauderten von Krieg und schlimmer Botschaft aus dem befreundeten Land am Rhein - er hatte kein Ohr für sie . Auf seiner Zelle lag Stuhl und Schragen mit Pergamenten überdeckt , des Klosters ganze Bücherei war zu ihm herabgewandert , er las und las und las , als wollt ' er den letzten Grund der Dinge ergründen ; - zur Rechten die Psalmen und heiligen Schriften , zur Linken die Reste heidnischer Weisheit , alles ward durchwühlt ; dann und wann machte ein höhnisch Lächeln dem Ernst seiner Studien Platz , und er schrieb sich auf schmale Streifen Pergamentes hastig etliche Zeilen heraus . Waren es Goldkörner und Edelsteine , die er auf seiner Bergmannsarbeit aus den Schachten alten Wissens grub ? Nein . » Was mag dem Bruder Gunzo widerfahren sein ? « sprachen seine Genossen , » ehedem ist seine Zunge gegangen wie ein Mühlrad , und die Bücher haben Ruhe vor ihm gehabt : Sie