« » Wie kannst du sagen , dein Vater sei kein Mann ! « rief der Vormund . » Er ist kein rechter Mann , ich behaupt ' s noch einmal . Er hat mir zugetraut , ich werd mein Mädle betrügen und mein leiblich ' s Kind verleugnen . Das tut kein rechtschaffener Mann . Dann ist er in der Hand meiner Stiefmutter wie ein Rohr , das im Wind hin und her schwankt : das eine Mal sagt er , er gebe nie seinen Konsens zu meiner Heirat , das andere Mal will er mir des Küblers Häusle dazu kaufen . « » Hat Er das vierte Gebot ganz vergessen « , rief der Pfarrer , » daß Er im Beisein Seines Vaters und vor uns so verächtliche Reden wider ihn ausstößt und den kindlichen Respekt ganz hintansetzt ? Aber freilich , Er macht ' s der Obrigkeit auch nicht besser , Er sagt ja , wenn Er Geld habe , so brauche Er keinen Pfarrer und keinen Amtmann , um Seinen Kopf durchzusetzen . « Friedrich warf einen Blick ingrimmiger Verachtung auf den Pfarrer . » Der Herr Amtmann « , sagte er , » wird wohl wissen , daß seine Macht nicht über die ganze Welt reicht und daß auch noch eine Obrigkeit über ihm ist . Was aber Sie , Herr Pfarrer , anbelangt , so haben Sie meinem Schwäh ' rvater mit Drohungen das Versprechen abgepreßt , daß er seiner Tochter und mir die Einwilligung verweigere . Sie nennen das , was zwischen zwei jungen Leuten vorgeht , die einander lieb haben , eine böse Tat . Ist ein Seelsorger nicht dazu da , daß er böse Taten in der Gemeinde gutmachen hilft ? Ist er nicht dazu da , daß er die Gefallenen wieder aufrichtet ? Ist er nicht dazu da , daß er den unterstützt , der den guten Willen hat , das Geschehene ungeschehen oder doch wenigstens wett- und ebenzumachen ? Sie wissen von Amts wegen , daß ich geschworen hab , meiner Christine mein Wort zu halten und sie zu heiraten , und Sie wollen dahin arbeiten , daß ein Schaf aus Ihrer Herde mit Gewalt meineidig gemacht werden soll ? Sie schärfen von der Kanzel und in der Kinderlehre die Pflichten zwischen Eltern und Kindern ein , und Sie muten einem Vater zu , daß er seine Tochter soll zur * * werden lassen ? « Er wollte fortfahren , aber der allgemeine Tumult übertäubte ihn . Mit Ausnahme des Amtmanns , der behaglich sitzen blieb , war der ganze Konvent aufgestanden und donnerte auf den frechen Redner hinein . Besonders heftig eiferte der Pfarrer , dessen kleine , magere Gestalt sich seltsam von dem wohlbeleibten Umfange seines weltlichen Mitbeamten neben ihm unterschied . Da er in dem Geschrei der übrigen Mitglieder , welche ihn gegen die Lästerungen des Angeklagten in Schutz nehmen zu müssen glaubten , mit seiner Stimme nicht durchdringen konnte , so setzte er sich schnell wieder , ergriff die Feder und schien sich heftig schreibend im Protokoll Recht verschaffen zu wollen . Als der Tumult verstummte , sagte der Amtmann zum Pfarrer : » Haben Sie auch im Protokoll angemerkt , Herr Pfarrer , wie rechtfertig er ist ? « » Jawohl , Herr Amtmann « , antwortete der Pfarrer mit großer Befriedigung und zeigte ihm das Protokoll . » Sehen Sie , hier steht ' s schon geschrieben : Bei aller seiner äußersten Bosheit will er immer noch recht haben . « » Ich hoff , es ist noch eine Gerechtigkeit über uns « , versetzte Friedrich . » Ebersbach ist noch nicht die Welt , ich will mich schon vor dem Herrn Vogt und Spezial verantworten , Euer Protokoll und Bericht , Ihr Herren , ist nicht nötig . « » Schweig Er nur jetzt still « , sagte der Amtmann ruhig . » Sein Maß wird nachgerade ziemlich voll sein . Übrigens bin ich der Meinung , Herr Pfarrer , daß der Kläger zum Schluß aufgefordert werden solle , zu erklären , ob er denn seinen Konsens zu der Heirat noch nicht geben wolle . « » Jawohl « , sagte der Pfarrer , » die Frage ist der Form wegen notwendig , und ich stelle sie hiermit an den Herrn Sonnenwirt . « Der Sonnenwirt war bestürzt darüber , daß die beiden Vorgesetzten , deren Ansichten er doch hauptsächlich bis jetzt gefolgt war , sich gegen ihn einer Fragestellung bedienten , die ihn gleichsam im Stiche ließ . Er kratzte sich hinter dem Ohr und stotterte endlich : » Ich weiß nicht , was ich tun soll , ich sehe eben nichts anderes voraus , als daß es sein Verderben ist . « » Gut « , sagte der Pfarrer . » Es können nunmehro beide abtreten , und wird das alles ans Oberamt berichtet werden . « Vater und Sohn gingen miteinander vom Rathause fort und nach Hause , ohne unterwegs ein Wort miteinander zu reden . Sie waren nicht mehr weit von der Sonne entfernt , als eine Stimme über ihnen rief : » Herr Sonnenwirt , schämt er sich nicht , Seinen Sohn vor Kirchenkonvent zu verklagen , wo die alten Weiber hinlaufen ? « Sie blickten in die Höhe . Es war der Invalide , der sich seit langer Zeit zum erstenmal wieder am Fenster sehen ließ . » Auch wieder einmal unters Gewehr getreten ? « rief Friedrich hinauf . » Und Er « , sagte der Invalide zu ihm , » hätt ' s auch nicht so weit kommen lassen sollen . Ich hab ' s Ihm schon einmal gesagt . « » Damals war ' s schon zu spät « , lachte Friedrich . » Auf Wiedersehen ! « Sein Vater war , ohne dem Invaliden zu antworten , vorausgegangen . Unter der Haustüre wartete er auf ihn . » Willst du dein Mütterlich ' s nehmen und nach Amerika gehen ? « sagte er zu ihm . » Ich will mit meiner Christine drüber reden « , antwortete Friedrich und machte sich unverweilt auf den Weg . Nach einer halben Stunde kam er heim und brachte die Antwort . » Sie will nicht « , sagte er , » sie erklärt , sie wolle sich in Ebersbach nicht nachsagen lassen , sie habe so unrechte Dinge getan , daß sie habe nach Amerika gehen müssen , wo bloß die schlechten Leute hinwandern . Ihr Wahlspruch sei : Bleibe im Lande und nähre dich redlich . « » Es steht geschrieben , das Weib soll dem Mann folgen « , sagte der Sonnenwirt . » Das müßt sie auch , wenn mir ' s Ernst wär « , erwiderte Friedrich . » Aber ich bin mit mir selber nicht im klaren , wie ' s mit dem Amerika ist , ich weiß nicht , ob ' s Balken hat oder ob ich drin schwimmen kann . Wenn ich allein wär , ging ich schon ; so aber laß ich ' s auf die Christine ankommen , weil ich selber nicht weiß , was besser ist . « » Da siehst du ' s : sie hängt wie ein Radschuh an dir und hindert dich überall am Fortkommen . « » Und wenn sie mir jetzt schon ganz verleidet wär - ich hab ihr mein Wort gegeben , und das halt ich ihr . « 22 Heu und Frucht waren eingetan , und alles ging seinen gewöhnlichen Gang , nur in Friedrichs Heiratsangelegenheit wollte keine Bewegung kommen . Alles , was er bisher getan hatte , um dieselbe ins Werk zu setzen , war wie ein Schlag ins Wasser gewesen . Längst hatte er seine Supplik an die Regierung eingereicht und als Minderjähriger um Heiratserlaubnis gebeten . Damals war er sehr vergnügt von Göppingen zurückgekommen und hatte Christinen erzählt , der Vogt , dem er die Schrift zum Beibericht gebracht , habe ihm zwar scharfe Vermahnungen gegeben , aber den Ausspruch getan , wenn ein Bursche sein Mädchen ehrlich machen wolle , so müsse man ihn eher aufmuntern als abschrecken . Er hatte also nicht mit Unrecht darauf vertraut , daß die höhere Behörde sein Anliegen nicht aus dem engen Gesichtskreise der Fleckenregierung betrachten werde . Leider aber wurde der Vogt bald hernach auf ein anderes Oberamt versetzt , und sein Nachfolger ließ die Schrift liegen . » Da braucht ' s nichts als Geld « , sagte Friedrich , » man muß eben seine Schreiber schmieren , damit sie ihm die Sach im Andenken erhalten ; wenn nur das Geld nicht so rar wär ! « Die Zeit rückte immer näher , wo sein Kind unehlich zur Welt kommen sollte , um nach der herrschenden Meinung sein Leben lang einen Makel zu behalten , und Christine jammerte darüber so , daß sie oft mit ihren Klagen seine eigene Verzweiflung betäubte . Ihr Vater war bettlägerig geworden ; zwar verdienten seine herangewachsenen Söhne über die Sommerszeit durch Taglohn so viel ins Haus , daß er nicht wie früher bei dem Pfarrer um Unterstützungen nachsuchen mußte , aber bei jedem Bissen ließ sich die Armut mitschmecken , und Christine , die nach dem ordnungsmäßigen Gang der Dinge , statt dem elterlichen Hauswesen zur Last zu fallen , einem eigenen hätte vorstehen sollen , wurde von den Ihrigen scheel angesehen . Sie machte sich ihnen schon dadurch als eine Bürde fühlbar , daß sie durch Arbeiten wenig und zuletzt nichts mehr zur Erhaltung der Familie , der sie doch zehren half , beitragen konnte . Macht man ja doch nicht bloß in jenen Kreisen des Lebens , welchen man das Vorrecht der Roheit zugesteht , die Erfahrung , daß die Not die Zartheit der Gesinnungen leicht verwischt und der gefährlichste Prüfstein für alle Liebe und Freundschaft ist . Christine hatte ein Recht , ihr Elend am Halse des einzigen auszuweinen , der ihr zu Trost und Hilfe verpflichtet war , und sie machte von diesem Rechte fleißigen Gebrauch ; auch war es natürlich , daß die Beschwerden eines Zustandes , der selbst eine im Schoße des ungetrübten Glückes lebende Frau zur Schwermut reizen kann , das oft von den notwendigsten Hilfsmitteln entblößte Mädchen maßlos unglücklich machten . All dieser Jammer stürmte auf Friedrich herein , der dem Gefühle seiner Hilflosigkeit bald in stumpfem Hinbrüten , bald in Ausbrüchen einer wahnsinnigen Wut gegen die herzlose Zähigkeit der Welt den Lauf ließ . Auf den Schwager , dem er einst vertraut hatte , konnte er schon längst nicht mehr rechnen ; derselbe hatte sich von ihm losgeschält und ihm erklärt , er wolle es nicht durch Parteimachen für eine Sache , die er von Anfang an getadelt , mit seinem Schwiegervater verderben , auch hatte er seiner Frau untersagt , sich ihres Bruders ferner anzunehmen . Um diese Zeit lief die Sonnenwirtin eines Tages ins Amthaus , um der Amtmännin zu erzählen , daß ihre älteste Tochter , die Krämerin , wenn der Herr Amtmann sie nur vernehmen wollte , Greueldinge von dem ungeratenen Bösewicht aussagen könnte . Der Amtmann versammelte , von seiner Frau angetrieben , seine beiden Urkundspersonen und ließ die Krämerin rufen , welche weinend vor ihm erschien . » Ihr Bruder « , gab sie zu Protokoll , » habe drei Gulden gefordert , damit er sein Memorial und Bericht zu Göppingen bekomme . Darauf habe sie ihm gesagt , sie wolle nicht zum Vater gehen , weil sie wisse , daß er sich bloß darüber erzürne ; er solle seinen Pfleger schicken . Nun habe er aber angefangen zu toben : er sehe wohl , daß er ' s verloren habe , morgen wolle er einen Rausch trinken und sein Messer schleifen , in seines Vaters Haus hingehen und das Geld fordern , und wenn er ' s nicht gebe , ihn niederstechen , und wenn seine Mutter etwas sage , ihr ' s auch so machen . Dann habe er Geld genug und nehme alles , was vorhanden sei . Dieses alles habe er mit einem recht unmenschlichen und bestialischen Grimm und Eifer ausgesprochen ; das Donnerwetter solle ihn in die Ewigkeit hinüberschlagen , wenn er das nicht tue ; weshalb ihr so angst geworden , daß sie nicht ruhig habe zum heiligen Abendmahl gehen können . « Nachdem der Amtmann das Protokoll aufgenommen und die Angeberin entlassen hatte , sagte einer der beiden Gerichtsbeisitzer : » Es wird doch nötig sein , daß man den Frieder auch verhört . « » Wozu ? « versetzte der Amtmann . » Ich weiß schon zum voraus , was der sagen würde , der Advokat . Ich schicke eben einfach den Bericht nach Göppingen , und wenn von dort wieder nichts kommt , wie auf die Kirchenkonventsverhandlung , so kann mir ' s gleichgültig sein . Wiewohl , der neue Vogt wird es vielleicht mit dergleichen komminatorischen und kalumniösen Redensarten etwas schärfer nehmen . Vielleicht läßt er auch die Sachen ad cumulum zusammenkommen ; denn mir ahnt ' s , daß noch mehr bevorsteht und daß ich noch weitere Protokolle und Berichte schreiben muß . « Indessen schien es doch , daß Friedrichs Drohungen nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen seien , denn unerwartet gab ihm sein Vater , der etwa unruhig geschlafen haben mochte , das Geld zu seiner Werbung in Göppingen , und bald hatte er es dahin gebracht , daß seine Supplik bei der fürstlichen Regierung lag . Nachdem aber seine Angelegenheit diesen Schritt vorwärts getan hatte , erfolgte wieder ein langer Stillstand , und jeder vorüberfliehende Tag mehrte ihm das Gewicht der Klagen Christinens , die in der Ungeduld ihres Jammers meinte , wenn sie nur einmal rechtmäßig die Seinige wäre , dann würde allen anderen Sorgen auf immer abgeholfen sein . Abermals liefen die Weiber im Flecken zusammen und erzählten sich von gräßlichen Reden , die er ausgestoßen haben sollte ; ja man legte ihm die Versicherung in den Mund , er wolle den nächsten besten , der ein paar Gulden im Sack habe , über den Haufen stechen , um mit dem Geld nach Stuttgart gehen zu können . Allein ungeachtet dieser rohen Worte waren und blieben die Straßen sicher vor ihm , und er gelangte auf diesem Wege so wenig in den Besitz des unentbehrlichen Geldes , als er es diesmal von der unstet hin und her schwankenden Gesinnung seines Vaters herauszubekommen vermochte . Christine riet ihm , sich in dieser Verlegenheit an die Bäckerin zu wenden ; sie selbst hatte nicht das Herz dazu . Mit der Geduld , welche eine fortwährende Vereitelung eines fieberhaft betriebenen Planes manchmal einflößen kann , begab er sich zu Christinens Base , deren Krankheit soweit fortgeschritten war , daß sie den ganzen Tag regungslos im Lehnstuhle saß , und sprach sie um ein Darlehen an . Die Bäckerin , die der leidvollen Entwickelung des Liebesverhältnisses stets mit großer Teilnahme folgte , antwortete schmerzlich seufzend : » Ich tät ' s gewiß gern , aber der Mein läßt mir den Schlüssel zum Geldkästle nicht über , und Ihr wisset ja selber , wie b ' häb er ist . « Sie sprachen noch miteinander , als der Knecht des oberen Müllers in die Stube trat . Er hatte im Vorbeigehen durch das Fenster Friedrichs Anwesenheit bemerkt und kam herein , um einen Schoppen mit ihm zu trinken . » Da , der Peter könnt vielleicht aushelfen « , sagte die Bäckerin , » der hält sein ' Lohn zusammen und hat doch auch zur rechten Zeit wieder eine offene Hand ; was gilt ' s , der tut sein Sparhäfele auf ? « Der Knecht ließ sich erklären , um was es sich handle , und sagte , jawohl , die paar Gulden gebe er gerne her . Friedrich konnte sich ohne Beleidigung nicht weigern , sie anzunehmen , und doch drückte es ihn , daß er , der Sohn des reichen Sonnenwirts , zu einem Knechte , obwohl es sein guter Bekannter war , durch ein Darlehen von erspartem Lohne in Verpflichtung und Abhängigkeit treten sollte ; und zwar drückte es ihn um so mehr , weil er wußte , daß der Knecht selbst , bei seiner gutmütigen aber beschränkten Sinnesart , sich über diese Betrachtung nicht erheben konnte . Da er aber nun einmal die Mittel in der Hand hatte , seine Sache in Stuttgart zu betreiben , so versäumte er es nicht , davon schleunigen Gebrauch zu machen . Christine war ihm an dem Abend , wo sie ihn zurückerwartete , einige Schritte vor den Flecken entgegengegangen . An derselben Stelle , wo sie auf beschneitem Wege einst von ihm Abschied genommen , saß sie nun unter einem Baume , von welchem schon einzelne herbstlich rote Blätter zu fallen begannen , und erhob sich , als sie ihn die Straße daherwandern sah . Er war sehr befriedigt von dem Erfolge seiner Reise und erzählte ihr , man habe ihm versprochen , die Resolution auf sein Memorial solle ihm auf dem Fuße nachfolgen . » Du weißt ja « , sagte er , » schmieren und salben hilft allenthalben . Ohne Trinkgeld richtet man in Stuttgart nichts aus . Aber sie brauchen ' s auch redlich . Das ist dir ein Wohlleben in den Tag hinein , daß ich dir ' s gar nicht beschreiben kann . Ich möcht nur wissen , wer das ganz Nest verhält , ich glaub , das Land muß sie eben verhalten , denn schaffen sieht man keinen Menschen , als höchstens die Wirte und die Putzmacherinnen . Schon am frühen Vormittag liegen die Männer im Wirtshaus oder spielen in den Kaffeehäusern , und denk nur , die Weiber , hab ich mir sagen lassen , laufen des Nachmittags zueinander in die Kaffeevisit und bleiben bis abends acht Uhr und drüber beieinander sitzen , und mit was meinst , daß sie sich die Zeit vertreiben ? Mit Kartenspielen , und das so hoch , daß erst vorgestern eine , wie ich gehört hab , mehr als hundert Gulden verloren hat . Und dabei treiben sie einen Luxus , daß es nicht zum sagen ist : Atlaskleider tragen sie und goldene Uhren , goldene Armbänder , eine Menge Ringe mit kostbaren Steinen , und Perlen um den Hals anstatt der Granaten . « Christine seufzte . » Und der Herzog vollends « , fuhr er fort , » der lebt wie der Vogel im Hanfsamen . Er ist grad so alt wie ich , hab ich mir in Stuttgart sagen lassen . ' s ist doch eine konfuse Welt . Ich muß bei ihm einkommen und meine Minderjährigkeit wegsupplizieren , damit ich heiraten und ein Hauswesen führen kann : und er ist im gleichen Alter , höchstens ein Jahr älter , und ist schon zwei Jahr verheiratet und regiert seit sechs Jahr ein ganz Land , daß es blitzt und kracht . « » Versteht er denn sein Handwerk ? « fragte Christine . » Was weiß ich ? Aber herrlich und in Freuden lebt er , und anderen verbietet er , was ihm selber schmeckt . Denk nur , ich hab auch die Herzogin gesehen . Aber die ist schön , und noch so jung , aber mächtig stolz . Mich wundert ' s nur , daß sie die * * leidet , die er neben ihr hält , und was meinst , die baden im Burgunderwein . « » Pfui « , sagte Christine , » da möcht ich nicht davon trinken . « » Oh , es gibt Leut , die ihn nachher kaufen , weil man ihn natürlich wohlfeil haben kann . Und vor acht Tagen hat er in Ludwigsburg ein Feuerwerk geben und hat dabei für fünfmalhunderttausend Gulden in die Luft aufgehen lassen . Man spricht noch heut in Stuttgart in allen Wirtshäusern davon , aber sie schimpfen , weil ' s in Ludwigsburg gewesen ist . Ich hätt ' s doch auch sehen mögen . « » Ich nicht « , sagte Christine . » Es ist sündlich , das Geld so hinauszuschmeißen . Rechne nur auch einmal aus , wie lang arme Leut davon hätten leben können . Aber ich kann dir auch eine Neuigkeit sagen : Denk nur , dein Vater hat uns heut eine Schüssel Mehl geschickt . « » So , mein Vater ? Es ist zwar nicht viel , aber es freut mich doch an ihm . Hat er sie dir geschickt ? « » Nein , er hat eben sagen lassen , da schick er ' s. Es ist mir um der Meinigen willen lieb , denn du hast keinen Begriff davon , was ich von ihnen schlucken muß . In deiner Gegenwart lassen sie ' s nicht so heraus , aber du wirst doch auch selber schon gemerkt haben , was wir ihnen wert sind . Besonders meine Mutter und mein Hannes , die haben gemeint , sie werden Ehr und Vorteil von uns ernten , und statt dessen haben sie mich eben immer noch auf ' m Hals . Meine Mutter hat gleich zu brotzeln und zu backen angefangen , du weißt ja , wie sie ist ; sie hat gesagt , sie mach ' s für meinen Vater , aber der hat nichts davon gessen , und dann hat sie ' s für sich behalten und hat denkt : selber essen macht fett . « » Hab noch die paar Tag Geduld « , sagte er . » Jetzt kommt ja die Resolution , und dann hat alles Jammern ein End ! Dann werden wir zusammen getraut , und das ist die Hauptsach , wenn ' s auch ohne Kränzle und am Mittwoch geschieht . Der Mittwoch ist auch ein Tag . Und wenn ich mein Mütterlich ' s hab und Händ und Füß für meine eigene Haushaltung regen kann , dann will ich dich schon wieder rausfüttern , dich und dein Kind . « » Ja « , sagte Christine , » und unser Herrgott wird weiter sorgen . « 23 Tag um Tag verging , aber keiner brachte die ersehnte herzogliche Resolution . Die Tage wurden zu Wochen , und eine reihte sich an die andere , ohne dem Harrenden das Versprechen zu erfüllen , das er sich in Stuttgart mit fremdem Gelde erkauft hatte . Träg und eilig zugleich ging ihm die unbarmherzige Zeit ; während sie ihn endlos auf die Gewährung , die er von der Menschenwelt forderte , warten ließ , zeigte sie ihm jeden Tag den unaufhaltsamen Fortschritt , welchen die Natur machte , um ihm ein Geschenk zu bringen , das jener Gewährung nicht zuvorkommen durfte , wenn es nicht den Stempel des Unglücks und der Schande tragen sollte . » So kann die Sach nicht fortgehen « , sagte Christine eines Tages zu ihm . » Ich möcht naus , wo kein Loch ist . Die Meinigen haben mir ausgeboten , der Sommerverdienst sei zu End , und mit dem Winter geh das Hungerleiden vollends ganz an . Sogar mein Jerg , der mir immer noch ein wenig den Kopf gehebt hat , sagt , es sei in der ganzen Welt der Brauch , wer die Gais angebunden hab , der mög sie auch hüten . « » Weiß wohl « , bemerkte er finster , » der Bauer tut alles gern , wenn er muß . « » Aber bedenk auch , wie sie auf ' m dürren Bäumle sind . Ich selber schäm mich , daß ich ihnen fort und fort hinliegen muß , und du solltest dich auch schämen . Ich weiß , was ich tu : wenn meine Zeit kommen ist , so trag ich dein Kind in deines Vaters Haus und leg ' s ihm vor die Tür . Da , er soll ' s säugen , denn ich werd ihm nichts geben können . « Dieser bittere Spott der Verzweiflung schnitt ihm glühend ins Herz . » Hat er seitdem nichts geschickt « , fragte er , » kein Brot , nicht einmal eine Schüssel Mehl ? « » Nichts « , erwiderte sie , » kannst dir wohl denken , daß ich dir ' s gesagt hätt . « Er knirschte mit den Zähnen . » Wohl , wenn er ' s nicht sichtbar geben will , so soll er ' s unsichtbarlich geben . Ruf deinen Jerg , er muß uns behilflich sein , ich will mit ihm deines Vaters Wagen rüsten , und du schaffst Säck her , wenn ' s dran fehlt , so entlehnst du in der Nachbarschaft . « » Was willst denn auf dem Wagen führen ? « fragte sie schüchtern . » Die Säck ! « rief er noch barscher als zuvor . » Und was willst in die Säck tun ? « » Fressen ! « antwortete er . Seine Augen funkelten , die Narbe in seinem Gesicht war blutrot geworden , und sein ganzes Aussehen erschien so wild , daß sie nicht weiter zu fragen wagte . Jerg , der kein Mann von vielen Worten war und sich unbedingt an seinen natürlichen Schwager anschloß , sowie er diesen tatkräftig auftreten sah , half ihm den Wagen zurechtmachen , während Christine unter der hinteren Türe saß und die Säcke flickte , wo sie Löcher an ihnen entdeckte . Niemand fragte , was dieses Vorhaben bedeuten solle . Der Vater lag oben im Bett und sah meist stillschweigend an die Wand oder nach der Decke hinauf , und die Mutter befand sich bei ihm . Der kleine Bube tummelte sich um den Wagen herum und sah den beiden jungen Männern zu . Als es Nacht wurde , mußte Jerg die Kuh aus dem Stalle führen , und Friedrich half ihm sie an den Wagen spannen . Dann befahl er Christinen , eine Laterne anzuzünden und mitzunehmen . Sie kam mit der Laterne , blieb aber stehen und sagte : » Um Gottes willen , Frieder , was hast vor ? Mir ist ' s , als sei ' s nichts Gut ' s. « » Hörst den Teufel schon Holz spalten ? « sagte er . » So gut du dein Kind in meines Vaters Haus tragen kannst , so gut kann ich ihm auch Futter draus holen . « » Ach Gott « , seufzte sie , » das ist eine unrechte und gewagte Sach . Ich will nichts davon . « » Du läßt mir ja keine Ruh ! « rief er , und der Grimm klang aus seiner gedämpften Stimme heraus . » Vorwärts ! « Er ergriff sie am Zopfbändel und zog sie fort . Sie verbarg die Laterne unter der Schürze und folgte willig . Der Wagen fuhr langsam durch den Flecken . Es war überall still , kein Mensch begegnete ihnen . Vor der Sonne hielten sie an . Auch dort lag alles im Schlafe . - » Ihr beide bleibt da unten « , sagte Friedrich , » für euch ist ' s ein fremdes Haus , man soll euch keinen Einbruch vorwerfen können . Ich bin hier in meinem eigenen , das weiß sogar der Hund , die unvernünftig Kreatur , denn sehet , er rührt sich nicht . « Er öffnete einen Laden und verschwand mit einem Sack , den er bald schwerer , als er zuvor gewesen war , wiederbrachte . So trug er mit starker Hand einen Sack um den andern herab und bot ihn zu dem Laden heraus , wo ihn Jerg in Empfang nahm und auf den Wagen lud . Ohne durch einen Laut im Hause gestört zu werden , brachte er endlich den letzten Sack . Nachdem das nächtliche Geschäft beendigt war , gab er Jerg einen Wink , mit dem Wagen umzukehren , wobei er die in Eile geladenen Säcke hielt , damit keiner herunterfiel . » Vorwärts , marsch ! « kommandierte er dann , und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung . Christine , die sich in das Unternehmen gefunden zu haben schien und dem seltsamen Tone Friedrichs entgegenwirken zu müssen meinte , bemerkte scherzend : » Du kommst mir vor , wie ein Räuberhauptmann , der über seine Bande hinein befiehlt . « » Was nicht ist , kann noch werden « , murmelte er dumpf . Als sie den Wagen abluden , überzählte er die ungleich gefüllten Säcke . » Es werden zirka sechs , sieben Scheffel sein « , sagte er mit der Sicherheit des Kenners . » Was ist ' s für Frucht ? « fragte Jerg . » Dinkel und Haber . « » Da wär ja für Menschen und Vieh gesorgt . « » Es ist an dem für die Menschen genug . Den Haber betracht ich als bar Geld . « » Hab mir ' s wohl vorgestellt . « » Wollen ' s gleich auseinander tun . Die Säcke da enthalten Dinkel , die schlachtet ihr ins Haus , ihr brauchet nicht alle , könnt mir noch ein oder zwei davon lassen . « » Ja , ist denn die Frucht für uns ? « fragte Jerg . » Nein , aber für eure Mäuler . Zu was meinst denn , daß ich sie da rausgeführt hab ? Mach mir nur keine Umständ . Den Rest davon und den Haber will ich in etwas anders verwandeln , das noch mehr Brot geben soll . « Jerg lachte verschmitzt . » Merkst was ? « fragte Friedrich . » Mir ist ' s immer , als müßt ich wieder einen Gang für dich nach Rechberghausen tun « , sagte Jerg . » Hast ' s troffen . « » Zufällig weiß ich , daß der Christle morgen runter kommt . « » So nimm ihn zu dir da raus . Ich will dann auch kommen , daß wir mit ihm handelseins werden . « » Wenn nur dein Vater nicht erfährt , was du ihm