, damit man heute mit demselben noch fertig würde und eines kleinen Überbleibsels wegen nicht am andern Tage hinzugehen brauche . Diese Erklärung betrübte mich , und ich ward sehr ärgerlich über die alte Frau , Anna hingegen brach sogleich willig und freundlich auf und bezeigte weder Freude noch Verdruß über die Änderung ihres Planes . Die Alte , als sie mich bleiben sah , sagte , ob ich nicht auch mitkomme , ich werde doch nicht allein hiersein wollen und es sei recht schön im Weinberge . Allein ich war nun schon zu tief betrübt und unwillig und erklärte , ich müßte meine Zeichnung zu Ende führen . Demgemäß wurde mir ein kleines Fläschchen Wein und Brot in der Stube zurechtgesetzt für die Vesperzeit und der Hausschlüssel übergeben , den ich neben mich legte . Bald war ich allein in der einsamen Gegend und der Nachmittagsstille und fühlte mich nun doch wieder zufrieden . Auch kam dies Alleinsein meinem Machwerke zu gut , indem ich mir mehr Muhe gab , die natürlichen Blumen vor mir wirklich zu benutzen und an ihnen zu lernen , während ich am Vormittage mehr nach meiner früheren Kindermanier drauflosgepinselt hatte . Ich mischte die Farben genauer und verfuhr reinlicher und aufmerksamer mit den Formen und Schattierungen , und dadurch entstand ein Bild , welches an der Wand unschuldiger Landbewohner etwas vorstellen konnte . Darüber verfloß die Zeit schnell und leicht und brachte den Abend , indessen ich mit Liebe die Zeichnung nach meiner Einsicht vervollkommnete und überall ein Blatt oder einen Blumenstiel ausbesserte und einen Schatten verstärkte , dort einen vergessenen Staubfaden hinzufügte . Die Neigung für das Mädchen lehrte mich dies gewissenhafte Fertigmachen und Durchgehen der Arbeit , welches ich bis dahin noch nicht gekannt , und als ich gar nichts mehr anzubringen sah , schrieb ich in eine Ecke des Blattes » Heinrich Lee fecit « , was ich mir anderswo schon gemerkt hatte , und unter den Strauß mit schöner Schrift den Namen der künftigen Eigentümerin . Der Weinberg mußte inzwischen noch ein großes Stück Arbeit gegeben haben , denn schon schwebte die Sonne dicht über dem Waldrande und warf ein feuerfarbenes Band über das dunkelnde Gewässer her , und noch hörte ich nichts von meinen Gastfreunden . Ich setzte mich auf die Stufen vor dem Hause , den Wein und das Brot neben mir , wie ein Arbeiter , der seines Lohnes wert ist . Die Sonne ging hinab und ließ eine hohe Rosenglut zurück welche auf alles einen sterbenden Nachglanz warf und die Zeichnung auf meinen Knien samt meinen Händen wunderbar rötete und etwas Rechtem gleichsehen ließ . Da ich sehr früh aufgestanden war und in diesem Augenblicke auch sonst nichts Besseres zu tun wußte , schlief ich allmählich ein , und als ich erwachte , standen die Zurückgekehrten in der vorgerückten Dämmerung vor mir und am dunkelblauen Himmel wieder die Sterne . Meine Malerei wurde nun in der Stube bei Licht besehen , die Magd schlug die Hände über den Kopf zusammen und hatte noch nie etwas Ahnliches erblickt , der Schulmeister fand mein Werk gut und belobte meine Artigkeit gegen sein Töchterchen mit schönen Worten und freute sich darüber , Anna lächelte vergnügt auf das Geschenk , wagte aber nicht , es anzurühren , sondern ließ es auf dem flachen Tische liegen und guckte nur hinter den anderen hervor darüber hin . Wir nahmen nun das Nachtmahl ein , nach welchem ich aufbrechen wollte ; aber der Schulmeister verhinderte mich daran und gab Befehl , mir ein Lager zu bereiten , da ich mich auf dem dunklen Berge unfehlbar verirren würde . Obgleich ich einwandte , daß ich den nächtlichen Weg ja schon einmal zurückgelegt hätte , ließ ich mich doch leicht bereden , aus bloßer Freundschaft dazubleiben , worauf wir in den kleinen Saal mit der Orgel gingen . Der Schulmeister spielte , und Anna und ich sangen dazu einige Abendlieder und , der Magd zu Gefallen , welche gern mitsang , einen Psalm , den sie mit heller Stimme beherrschte . Dann ging der Alte zu Bette . Doch jetzt begann erst die Herrschaft der alten Katherine , welche unten in der Stube einen ungeheuren Vorrat von Bohnen aufgetürmt hatte , welche heute nacht noch sämtlich bearbeitet werden sollten . Denn da sie nachts nicht viel schlafen konnte , beharrte sie hartnäckig auf der ländlichen Sitte , dergleichen Dinge bis tief in die Nacht hinein vorzunehmen . So saßen wir bis um ein Uhr um den grünen Bohnenberg herum und trugen ihn allmählich ab , indem jedes einen tiefen Schacht vor sich hineingrub und die Alte den ganzen Vorrat ihrer Sagen und Schwänke heraufbeschwor und uns beide , die wir wach und munter blieben wie Wieselchen , so lachen machte , daß uns die Tränen über die Wangen liefen . Anna , welche mir gegenübersaß , baute ihren Hohlweg in die Bohnen hinein mit vieler Kunst , eine Bohne nach der anderen herausnehmend , und grub unvermerkt einen unterirdischen Stollen , so daß plötzlich ihr kleines Händchen in meiner Höhle zutage trat , als ein Bergmännchen , und von meinen Bohnen wegschleppte in die grauliche Finsternis hinein . Katherine belehrte mich , daß Anna der Sitte gemäß verpflichtet sei , mich zu küssen , wenn ich ihre Finger erwischen könne , jedoch dürfe der Berg darüber nicht zusammenfallen , und ich legte mich deshalb auf die Lauer . Nun grub sie sich noch verschiedene Wege und begann mich auf die listigste Weise zu necken ; die Hand in der Tiefe des Bohnengebirges versteckt , sah sie mich über dasselbe her mit ihren blauen Augen neckisch an , indessen sie hier eine Fingerspitze hervorgucken ließ , dort die Bohnen bewegte , wie ein unsichtbarer Maulwurf , dann plötzlich mit der ganzen Hand hervorschoß und wieder zurückschlüpfte , wie ein Mäuschen ins Loch , ohne daß es mir je gelang , sie zu haschen . Sie trieb es so weit , mir immer auf die Augen sehend , daß sie plötzlich eine Bohne , die ich eben ergreifen wollte , meinen Fingern entzog , ohne daß ich wußte , wo dieselbe hingekommen . Katherine bog sich zu mir herüber und flüsterte mir ins Ohr : » Laßt sie nur machen , wenn ihr der Bau endlich zusammenbricht über den vielen Löchern , so muß sie Euch auf jeden Fall küssen ! « Anna wußte jedoch sogleich , was die Alte zu mir sagte ; sie sprang auf , tanzte dreimal um sich selbst herum , klatschte in die Hände und rief : » Er bricht nicht ! er bricht nicht ! er bricht nicht ! « Beim dritten Male gab Katherine mit ihrem Fuße dem Tische schnell einen Stoß , und der unterhöhlte Berg stürzte jammervoll zusammen . » Gilt nicht , gilt nicht ! « rief Anna so laut und sprang so ausgelassen im Zimmer umher , wie man es gar nicht hinter ihr vermutet hätte . » Ihr habt an den Tisch gestoßen , ich hab es wohl gesehen ! « » Es ist nicht wahr « , behauptete Katherine , » Heinrich bekommt einen Kuß von dir , du Hexe ! « » Ei , schäme dich doch , so zu lügen , Katherine « , sagte das verlegene Kind , und die unerbittliche Magd erwiderte » Sei dem , wie ihm wolle , der Berg ist gefallen , ehe du dich dreimal gedreht hast , und du bist dem Herrn Heinrich einen Kuß schuldig ! « » Den will ich auch schuldig bleiben « , rief sie lachend , und ich , selbst froh , der feierlichen Zeremonie entflohen zu sein und doch die Sache zu meinem Vorteile lenkend , sagte » Gut , so versprich mir , daß du mir immer und jederzeit einen Kuß schuldig sein willst ! « » Ja , das will ich « , rief sie und schlug leichtsinnig und mutwillig auf meine dargebotene Hand , daß es schallte . Sie war jetzt überhaupt ganz lebendig , laut und beweglich wie Quecksilber und schien ein ganz anderes Wesen zu sein als am Tage . Die Mitternacht schien sie zu verwandeln , ihr Gesichtchen war ganz gerötet , und ihre Augen glänzten vor Freude . Sie tanzte um die unbehilfliche Katherine herum , neckte sie und wurde von ihr verfolgt , es entstand eine Jagd in der Stube umher , in welche ich auch verwickelt wurde . Die alte Katherine verlor einen Schuh und zog sich keuchend zurück , aber Anna ward immer wilder und behender . Endlich haschte ich sie und hielt sie fest , sie legte ohne weiteres ihre Arme um meinen Hals , näherte ihren Mund dem meinigen und sagte leise , vom hastigen Atmen unterbrochen : » Es wohnt ein weißes Mäuschen Im grünen Bergeshaus ; Das Häuslein wollte fallen , Das Mäuslein floh daraus « ; worauf ich in gleicher Weise fortfuhr : » Man hat es noch gefangen , Am Füßchen angebunden Und um die Vordertätzchen Ein rotes Band gewunden « ; dann sagten wir beide im gleichen Rhythmus und indem wir uns geruhig hin und her wiegten : » Es zappelte und schrie Was hab ich denn verbrochen ? Da hat man ihm ins Herzlein Ein goldnen Pfeil gestochen . « Und als das Liedchen zu Ende war , lagen unsere Lippen dicht aufeinander , aber ohne sich zu regen ; wir küßten uns nicht und dachten gar nicht daran , nur unser Hauch vermischte sich auf der neuen , noch ungebrauchten Brücke , und das Herz blieb froh und ruhig . Am andern Morgen war Anna wieder wie gewöhnlich , still und freundlich ; der Schulmeister begehrte die Zeichnung bei Tage zu besehen , und da ergab es sich , daß sie von Anna schon in den unzugänglichsten Gelassen ihres Kämmerchens verwahrt und begraben worden . Sie mußte dieselbe aber wieder hervorholen , was sie ungern tat , der Vater nahm einen Rahmen von der Wand , in welchem eine vergilbte und verdorbene Gedächtnistafel der Teuerung von 1817 hing , nahm sie heraus und steckte den frischen bunten Bogen hinter das Glas . » Es ist endlich Zeit , daß wir dies traurige Denkmal von der Wand nehmen « sagte er , » da es selber nicht länger vorhalten will . Wir wollen es zu anderen verschollenen und verborgenen Denkzeichen legen und dafür dieses blühende Bild des Lebens aufpflanzen , das uns unser junge Freund geschaffen . Da er dir die Ehre erwiesen hat , liebes Ännchen , deinen Namen unter die Blumen zu setzen , so mag die Tafel zugleich deine Ehren-und Denktafel in unserm Hause sein und ein Vorbild , immer heiter , mit geschmückter Seele und schuldlos zu leben wie diese zierlichen und ehrbaren Werke Gottes ! « Nach Tisch machte ich mich endlich bereit zur Rückkehr ; Anna erinnerte sich , daß heute wieder Tanzübung stattfinde , und erbat sich die Erlaubnis , gleich mit mir gehen zu dürfen . Zugleich verkündete sie , daß sie bei ihren Basen übernachten würde , um nicht wieder so spät über den Berg zu müssen . Wir wählten den Weg längs des Flüßchens , um im Schatten zu gehen , und da dieser Pfad vielfach feucht war und von tiefen Kräutern und Gesträuchen beengt , schürzte sie das hellgrüne , mit roten Punkten besetzte Kleid , nahm den Strohhut der überhängenden Zweige wegen in die Hand und schritt anmutig neben mir her durch das Helldunkel , durch welches die heimlich leuchtenden Wellen über rosenrote , weiße und blaue Steine rieselten . Ihre Goldzöpfe hingen tief über den Nacken hinab , ihr Gesicht war von einer allerliebsten weißen Krause von eigener Erfindung eingefaßt , und dieselbe bedeckte noch die jungen schmalen Schultern . Sie sagte nicht viel und schien sich ein wenig der vergangenen Nacht zu schämen ; überall , wo ich nichts gewahrte , sah sie verborgene Blüten und brach dieselben , daß sie bald alle Hände voll zu tragen hatte . An einer Stelle , wo das Wasser sich in einer Erweiterung des Bettes sammelte und stillestand , warf sie ihre sämtliche Last zu Boden und sagte » Hier ruht man aus ! « Wir setzten uns an den Rand des Teiches ; Anna flocht einen feinen Kranz aus den kleinen vornehmen Waldblumen und setzte ihn auf . Nun sah sie ganz aus wie ein holdseliges Märchen , aus der tiefen , dunkelgrünen Flut schaute ihr Bild lächelnd herauf , das weiß und rote Gesicht wie durch ein dunkles Glas fabelhaft überschattet . Aus der gegenüberliegenden Seite des Wassers , nur zwanzig Schritte von uns , stieg eine Felswand empor , beinahe senkrecht und nur mit wenigem Gesträuche behangen . Ihre Steile verkündete , wie tief hier das kleine Gewässer sein müsse , und ihre Höhe betrug diejenige einer großen Kirche . An der Mitte derselben war eine Vertiefung sichtbar , die in den Stein hineinging und zu welcher man durchaus keinen Zugang entdeckte . Es sah aus wie ein recht breites Fenster an einem Turme . Anna erzählte , daß diese Höhle die Heidenstube genannt würde . » Als das Christentum in das Land drang « , sagte sie , » da mußten sich die Heiden verbergen , welche nicht getauft sein wollten . Eine ganze Haushaltung mit vielen Kindern flüchtete sich in das Loch dort oben , man weiß gar nicht auf welche Weise . Und man konnte nicht zu ihnen gelangen , aber sie fanden den Weg auch nicht mehr heraus . Sie hausten und kochten eine Zeitlang , und ein Kindlein nach dem andern fiel ihnen über die Wand herunter ins Wasser hier und ertrank . Zuletzt waren nur noch Vater und Mutter übrig und hatten nichts mehr zu essen und nichts zu trinken und zeigten sich als zwei Jammergerippe am Eingange und starrten auf das Grab ihrer Kinder , zuletzt fielen sie vor Schwäche auch herunter , und die ganze Familie liegt in diesem tiefen , tiefen Wasser ; denn hier geht es so weit hinunter , als der Stein hoch ist ! « Wir schauten , in tiefem Schatten sitzend , in die Höhe , wo der obere Teil des grauen Felsens im Sonnenscheine glänzte und die seltsame Vertiefung erhellt war . Wie wir so hinschauten , sahen wir einen blauen glänzenden Rauch aus der Heidenstube dringen und längs der Wand hinsteigen , und wie wir länger hinstarrten , sahen wir ein fremdartiges Weib , lang und hager , in der webenden Rauchwolke stehen , herabblicken aus hohlen Augen und wieder verschwinden . Sprachlos sahen wir hin , Anna schmiegte sich dicht an mich , und ich legte meinen Arm um sie ; wir waren erschreckt und doch glücklich , und das Bild der Höhle schwamm verwirrt und verwischt vor unseren emporgerichteten Augen , und als es wieder klar wurde , standen ein Mann und ein Weib in der Höhe und schauten auf uns herab . Eine ganze Orgelpfeifenreihe von Knaben und Mädchen , halb oder ganz nackt , saß unter dem Loche und hing die Beine über die Wand herunter . Alle Augen starrten nach uns , sie lächelten schmerzlich und streckten die Hände nach uns aus , wie wenn sie um etwas flehten . Es war uns bange , wir standen eilig auf , Anna flüsterte , indem sie perlende Tränen vergoß » Oh , die armen , armen Heidenleute ! « Denn sie glaubte fest , die Geister derselben zu sehen , besonders da man in der Gegend überzeugt war , daß kein menschlicher Weg zu jener Stelle führe . » Wir wollen ihnen etwas opfern « , sagte das Mädchen leise zu mir , » damit sie unser Mitleid gewahr werden ! « Sie zog eine Münze aus ihrem Beutelchen , ich ahmte ihr nach , und wir legten unsere Spende auf einen Stein , der am Ufer lag . Noch einmal sahen wir hinauf , wo die seltsame Erscheinung uns fortwährend beobachtete und mit dankenden Gebärden nachschaute . Als wir im Dorfe anlangten , hieß es , man habe eine Bande Heimatloser in der Gegend gesehen und man würde dieselben nächster Tage aufsuchen , um sie über die Grenze zu bringen . Anna und ich konnten uns nun die Erscheinung erklären , es mußte doch ein geheimer Weg dorthin führen , welcher nur unter dem unglücklichen Volke , das solche Schlupfwinkel braucht , bekannt sein mochte . Wir gaben uns in einem einsamen Winkel feierlich das Wort , den Aufenthalt der Armen nicht zu verraten , und hatten nun ein artiges Geheimnis zusammen . So lebten wir , unbefangen und glücklich , manche Tage dahin , bald ging ich über den Berg , bald kam Anna zu uns , und unsere Freundschaft galt schon für eine ausgemachte Sache , an der niemand ein Arges fand , und ich war am Ende der einzige , welcher heimlich ihr den Namen Liebe gab , weil mir einmal nach alter Weise alles sich zum entschiedenen Romane gestaltete . Um diese Zeit erkrankte meine Großmutter , nach und nach , doch immer ernstlicher , und nach wenigen Wochen sah man , daß sie sterben würde . Sie hatte genug gelebt und war müde ; solange sie noch bei guten Sinnen war , sah sie gern , wenn ich eine Stunde oder zwei an ihrem Bette verweilte , und ich fügte mich willig dieser Pflicht , obgleich der Anblick ihres Leidens und der Aufenthalt in der dumpfen Krankenstube mir ungewohnt und trübselig waren . Als sie aber in das eigentliche Sterben kam , welches mehrere Tage dauerte , wurde mir diese Pflicht zu einer ernsten und strengen Übung . Ich hatte noch nie jemanden sterben sehen und sah nun die bewußtlose oder wenigstens so scheinende Greisin mehrere Tage röchelnd im Todeskampfe liegen , denn ihr Lebensfunke mochte fast nicht erlöschen . Die Sitte verlangte , daß immer mindestens drei Personen in dem Gemache sich aufhielten , um abwechselnd zu beten und den fremden Besuchern , welche unablässig eintraten , die Ehren zu erweisen und Nachricht zu geben . Nun hatten aber die Leute , bei dem goldenen Wetter , gerade viel zu arbeiten , und ich , der ich nichts zu tun hatte und geläufig las , war ihnen daher willkommen und wurde den größten Teil des Tages am Todesbette festgehalten . Die Weiber hatten zudem insbesondere ein großes Bedürfnis , die Traurigkeit und den Schrecken des Todes recht auszubeuten , und da die Männer sich niemals lange in der Kammer aufhielten , waren sie froh , mich für alle büßen zu lassen , und erklärten , der Tod meiner Großmutter müsse sich mir recht einprägen , dies würde mir für immer nützlich sein . Auf einem Schemel sitzend , ein Buch auf den Knien , mußte ich mit vernehmlicher Stimme Gebete , Psalmen und Sterbelieder lesen , erwarb mir zwar durch meine Ausdauer die Gunst der Frauen , wofür ich aber den schönen Sonnenschein nur von ferne und den Tod beständig in der Nähe betrachten durfte . Ich konnte mich gar nicht mehr nach Anna umsehen , obschon sie mein süßester Trost in meiner asketischen Lage war ; da erschien sie , schüchtern und manierlich , unversehens auf der Schwelle der Krankenstube , um die ihr sehr entfernt Verwandte zu besuchen . Das junge Mädchen war beliebt und geehrt unter den Bäuerinnen und daher jetzt willkommen geheißen , und als sie sich , nach einigem stillen Aufenthalte , anbot , mich im Gebete abzulösen , wurde ihr dies gern gestattet , und so blieb sie die noch übrige Sterbenszeit an meiner Seite und sah mit mir die ringende Flamme verlöschen . Wir sprachen selten miteinander , nur wenn wir uns die geistlichen Bücher übergaben , flüsterten wir einige Worte , oder wenn wir beide frei waren , ruhten wir behaglich nebeneinander aus und neckten uns im stillen , da die Jugend einmal ihr Recht geltend machte . Als der Tod eingetreten und die Frauen laut schluchzten , da zerfloß auch Anna in Tränen und konnte sich nicht zufriedengeben , da sie doch der Todesfall weniger berührte als mich , der ich als Enkel der Toten , obgleich ernst und nachdenklich , trockenen Auges blieb . Ich ward besorgt für das arme Kind , welches immer heftiger weinte , und fühlte mich sehr niedergeschlagen und unglücklich noch zu der Trauer über den Tod hinzu ; denn ich konnte das zarte Mädchen nicht leiden sehen . Ich führte sie in den Garten , streichelte ihr die Wangen und bat sie inständigst , doch nicht so sehr zu weinen . Da erheiterte sich ihr Gesicht , wie die Sonne durch Regen , sie trocknete die Augen und sah mich urplötzlich lächelnd an . Wir genossen nun wieder freie Tage , und ich begleitete Anna zur Erholung sogleich nach Hause , um dort zu bleiben bis zum Leichenbegängnisse . Ich blieb die Zeit über ziemlich ernst , da der ganze Verlauf mich angegriffen und mir überdies die Großmutter sehr lieb und verehrungswürdig gewesen , ungeachtet ich sie seit kurzem kannte . Diese Stimmung war nun wiederum meiner Freundin unbehaglich , und sie suchte mich mit tausend Listen aufzuheitern und glich hierin den übrigen Frauen , welche alle wieder plaudernd und räsonierend vor ihren Häusern standen . Der Mann der toten Großmutter tat nun , während er sich bequem fühlte , als ob er sehr viel verloren und seine Frau im Leben wertgehalten hätte . Er ordnete eine pomphafte Leichenfeier an , woran über sechzig Personen teilnehmen sollten , und ließ es an nichts fehlen , alle alten Gebräuche in ihrem vollen Umfange zu beobachten . Am bezeichneten Tage begab ich mich mit dem Schulmeister und mit Anna auf den Weg ; er trug einen feierlichen schwarzen Frack mit sehr breiten Schößen und eine gestickte weiße Halsbinde , Anna ebenfalls ihr schwarzes Kirchengewand und eine ihrer eigentümlichen Krausen , worin sie aussah wie eine Art Stiftsfräulein . Den Strohhut hingegen ließ sie zu Hause und trug ihre Haare besonders kunstreich geflochten , dazu durchdrang sie heute eine tiefe Frömmigkeit und Andacht , sie war still und ihre Bewegungen voll Sitte , und dieses alles ließ sie in meinen Augen in neuem , unendlichem Reize erscheinen . In meine traurige festliche Stimmung mischte sich ein süßer Stolz , mit diesem liebenswürdigen und seltenen Wesen so vertraut zu sein , und zu diesem Stolze gesellte sich eine innige Verehrung , daß ich meine Bewegungen ebenfalls maß und zurückhielt und mit eigentlicher Ehrerbietung neben ihr herging und ihr dienstbar war , wo es der unebene Weg erforderte . Wir machten vorerst im Hause meines Oheims halt , dessen Familie schon gerüstet war und sich , als die Totenglocke läutete , uns anschloß . Im Sterbehause wurde ich von meinen sämtlichen Begleitern getrennt , da meine Stellung als Enkel die Gegenwart unter den nächsten Leidtragenden mit sich brachte , und als der jüngste und unmittelbarste Nachkomme befand ich mich in meinem grünen Habit an der Spitze der ganzen Trauergesellschaft und war den umständlichen und langwierigen Zeremonien zuerst ausgesetzt . Die nähere Verwandtschaft war in der aufgeräumten großen Wohnstube versammelt und harrte auf das weibliche Geschlecht , welches erscheinen sollte , um hier seine Beileidsbezeugungen abzustatten . Nachdem wir eine geraume Weile stumm und aufrecht längs den Wänden gestanden , traten nach und nach viele bejahrte Bäuerinnen herein , in schwarzer Tracht , fingen bei mir an , eine um die andere , indem sie mir die Hand boten , ihren Spruch sagten und zum nächsten fortschritten auf gleiche Weise . Diese Matronen gingen größtenteils gebückt und zitternd und sprachen ihre Worte mit Rührung als alte Freundinnen und Bekannte der Seligen und als solche , welche die Nähe des Todes doppelt empfanden . Sie sahen mich alle fest und bedeutungsvoll an , ich mußte jeder einzelnen danken und sie ebenfalls ansehen , was ich ohnehin getan hätte , da mir jede dieser Gestalten ihres ausgeprägten Lebens und Schicksales wegen auffallen mußte . Manchmal war eine noch hohe und kraftvolle alte Frau darunter , welche aufrecht heranschritt und mit Seelenruhe auf mich sah , dann folgte aber gleich wieder ein gebeugtes Mütterchen , welche an ihrem eigenen Leiden dasjenige der Geschiedenen zu kennen und zu schätzen schien Doch wurden die Frauen immer jünger , und in gleichem Verhältnisse mehrte sich die Zahl ; die Stube war nun vollständig mit dunklen Gestalten angefüllt , die sich herbeidrängten , Weiber von vierzig und dreißig Jahren , voll Beweglichkeit und Neugierde , die verschiedenen Leidenschaften und Eigentümlichkeiten waren kaum durch die gleichmachende Trauerhaltung verschleiert . Der Andrang schien kein Ende nehmen zu wollen ; denn nicht nur das ganze Dorf , sondern auch viele Frauen aus der Umgegend waren erschienen , weil die Großmutter eines großen Ruhmes unter ihnen genoß , der , zum Teil verjährt , jetzt noch einmal in vollem Glanze sich geltend machte . Endlich wurden die Hände glätter und weicher , das jüngste Geschlecht zog vorüber , und ich war schon ganz mürbe und müde , als meine Basen herzutraten , mir aufmunternd und freundlich die Hand boten , und gleich hinter ihnen , wie ein Himmelsbote , die allerliebste Anna , welche , blaß und aufgeregt , mir flüchtig das Händchen reichte und schimmernde Tränen darüber fallen ließ . Weil ich seltsamerweise gar nicht an sie gedacht und auf sie gehofft hatte , schwebte sie mir jetzt um so überraschender und reizender vorüber , wie ein Bild aus glücklicheren Räumen . Zuletzt erschöpfte sich doch die Frauenwelt , und wir traten vor das Haus , wo eine unabsehbare Schar bedächtiger Männer harrte , um mit uns , die wieder eine Reihe bildeten , den gleichen Gebrauch vorzunehmen . Sie machten es zwar bedeutend kürzer und rascher als ihre Weiber , Töchter und Schwestern , allein dafür gebrauchten sie ihre schwieligen harten Hände wie Schmiedezangen und Schraubstöcke , und aus mancher Faust brauner Ackermänner glaubte ich meine Hand nicht mehr heil zurückzuziehen . Endlich schwankte der Sarg vor uns her , die Weiber schluchzten , und die Männer sahen bedenklich und verlegen vor sich nieder , der Geistliche erschien auch und machte seine Würde geltend , und ohne viel zu wissen , wie es zugegangen , sah ich mich endlich an der Spitze des langen Zuges auf dem Kirchhofe und dann in die kühle Kirche versetzt , welche von der Gemeinde ganz angefüllt wurde . Ich hörte nun mit Verwunderung und Aufmerksamkeit den ursprünglichen Familiennamen , die Abstammung , das Alter , den Lebenslauf und das Lob der Großmutter von der Kanzel verkünden und stimmte von Herzen in das Versöhnungs- und Ruhelied , welches zum Schlusse gesungen wurde . Als ich aber die Schaufeln klingen hörte vor der Kirchentür , drängte ich mich hinaus , um in das Grab zu schauen . Der einfache Sarg lag schon darin , viele Menschen standen umher und weinten , die Schollen fielen hart auf den Deckel und verbargen ihn allmählich ; ich sah erstaunt hinein und kam mir fremd und verwundert vor , und die Tote in der Erde erschien mir auch fremd , und ich fand keine Tränen . Erst als es mir durch den Sinn fuhr , daß es die leibliche Mutter meines Vaters gewesen , und an meine Mutter dachte , welche einst auch also in die Erde gelegt werde , da vergegenwärtigte sich mir wieder mein Zusammenhang mit diesem Grabe , und das harte Wort » Ein Geschlecht vergeht und das andere entsteht ! « verlor die scheinbare Kälte seiner Notwendigkeit . Der eingeladene Teil der Versammlung begab sich nun wieder nach dem Trauerhause , dessen Räume alle mit den Vorrichtungen des Leichenmahles erfüllt waren . Als man zu Tische saß , versetzte mich die Sitte wieder an die Seite des finstern Witwers , wo ich zwei volle Stunden aushalten mußte , ohne mit jemandem sprechen zu können , solange die erste herkömmliche Essenszeit mit allen ihren unvermeidlichen Gerichten dauerte . Ich sah die lange Tafel hinunter und suchte den Schulmeister und sein Kind , welche auch anwesend waren ; sie mußten aber im anstoßenden Zimmer sein , denn ich fand sie nicht . Anfänglich wurde mäßig und bedächtig gesprochen und die Speisen in großer Ehrbarkeit eingenommen . Die Bauern saßen aufrecht an ihre Stühle oder an die Wand gelehnt , in beträchtlichem Abstand vom Tische , und stachen die Fleischbissen mit feierlich ausgestrecktem Arme an , die Gabel am äußersten Ende haltend . So führten sie ihre Beute auf dem weitesten Wege zum Munde und tranken den Wein in kleinen , züchtigen , aber häufigen Zügen . Die Aufwärterinnen trugen die breiten Zinnschüsseln in erhobenen Händen in der Höhe ihres Gesichtes heran , mit gemessenem Paradeschritt , die Hüften gewaltig hin und her wiegend . Wo sie die Tracht auf den Tisch setzten , mußten die beiden Zunächstsitzenden einen Wettstreit beginnen , indem sie ihnen ihre Gläser zum Trinken boten und jeder wenigstens zwei gute Witze auf den Nebenbuhler losließ ; dieser kleine Kampf wurde dann dadurch geschlichtet , daß die Aufwärterin aus jedem Glase nippte und mehr oder weniger zufrieden mit der Ausführung dieser Etikette sich zurückzog . Nach Verfluß zweier langen Stunden wurden die Gerichte feiner und leckerer , die Roheren unter den Gästen näherten sich immer mehr dem Tische , legten die Arme darauf und begannen nun erst , auf dem möglichst kürzesten Wege , ein ungeheures und heftiges Essen , wozu sie den Wein in tiefen Zügen schluckten . Die Älteren und Feineren aber wurden lauter im Gespräche , rückten ihre Stühle mehr zusammen und ließen die Unterhaltung allmählich in eine gehaltene Fröhlichkeit übergehen . Diese war wohl zu unterscheiden von einer gewöhnlichen lustigen Stimmung und eine symbolische Absicht , welche eine heitere Ergebung in den Lauf der Dinge und das Recht des Lebens gegen den Tod bedeuten sollte . Ich fand nun endlich Raum , meinen Platz zu verlassen und umherzugehen . Im nächsten Zimmer fand ich an einer kleineren Tafel Anna neben ihrem Vater