So lange es ihm gelingt ein Vergnügen sich zu verschaffen , so lange dauert die Freundschaft , die Liebe , der Fanatismus , die er auch grade so lange für echt und wahr hält , als der Reiz dauert . Ist der hin , das Thema erschöpft , wird uns die liebste Freundin , der beste Freund gleichgültig . Anstandshalber führen wir noch eine Weile die Täuschung fort , bis wir die Puppen fallen lassen , herzlich froh , wenn ein Zufall uns trennt . « Damit war das Gespräch zu Ende . Statt eines eitlen geistvollen Weibes stand neben ihm eine Salzsäule . Es war eine Verwandlung , zu der sie so wenig gethan als Lots Frau zu der ihren , nur ein Naturprozeß . Es wehte ihn kühl an ; er hatte nichts mehr mit ihr zu reden , und doch forderte die Convenienz , daß er nicht schweigend ging : » Wenigstens , « äußerte er , » werde die Tochter des Kriegsraths Alltag , davon sei er überzeugt , nie vergessen , was sie der Geheimräthin Lupinus verdankt . « » Meinen Sie ! « Die Salzsäule sah ihn mit einem ihrer eigenthümlichen Blicke an , und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln . » Grade so lange wird sie mich als die Schöpferin ihres Glückes enthusiastisch lieben , als sie sich in meinem Hause amüsirt und vergöttert wird . Vielleicht auch nicht einmal so lange . Nur bis sie auf eigenen Füßen steht , und von mir nichts mehr profitiren kann . « Er verbeugte sich : » Frau Geheimräthin haben sonst mir nichts zu befehlen ? « » Adieu - doch ! Warten Sie . Ich hatte ja einen Auftrag für Sie Richtig . - Springen Sie doch im Vorübergehen bei Alltags an . Die Kriegsraths werden sich vielleicht wundern , wenn sie von der Gesellschaft heut Abend hören und nicht eingeladen sind . Aber das geht doch nicht immer . Sie passen ja nicht . « » Ihre Eltern - « » Eben darum ; nur Adelheid zu Liebe ! - Wenn sie sehen , daß das Mädchen solche gewöhnliche Eltern hat ! « » Der Vater ist doch ein geachteter Mann - « » Wer redet von solchen Aeußerlichkeiten . Sie passen nicht zu der gebildeten Gesellschaft . Wenn auch etwa Schadow und Hirt mit solchen Kern- und Naturmenschen sich zu unterhalten einen Spaß finden , so sind doch Andere , die daran keinen Spaß finden . Die Russische Fürstin hat zugesagt , und ich - Sie sehen mich in einer kleinen Aufregung und Spannung - ich hoffe auch , Jean Paul wird kommen . « » Jean Paul Friedrich Richter ! « » Ich hoffe wenigstens . Man reißt sich so um ihn , daß man es wirklich einen glücklichen Augenblick nennen kann , wo man ihn frei trifft . - Indessen - wie gesagt also , gehen Sie zu den Eltern , und Sie werden schon die beste Art finden , es ihnen begreiflich zu machen . Es hätte sich erst heute so zufällig gemacht - « » Es wird schwer sein , die Art zu finden , die nicht beleidigt . « » So sagen Sie , nein sagen Sie , was Sie wollen , es ist mir im Grunde ganz gleichgültig . Was gehören Alltags zu Jean Paul ! « Van Asten verneigte sich wieder , aber an der Thür rief ihn die Geheimräthin wieder zurück : » A propos , ich habe doch vergessen , was ich Ihnen sagen wollte . Mein Kompliment dem Lehrer , sie lernt unbegreiflich schnell , aber sie müssen ihr etwas mehr ästhetischen Elan geben . « Van Asten sah sie erstaunt an : » Ich finde in ihr ein Verständniß der Dichter - « » Ja , ja , das ist schon recht - das ist es aber nicht - « » Ihr Gedächtniß für alle wahrhaft schönen Stellen - « » Ist bewunderungswürdig . Das Fischerlied von Goethe hörte sie nur ein Mal von Ihnen , und am Abend recitirte sie es mir vor dem Zubettegehen . Admirabel ! Das ist alles recht schön , auch kann sie die Glocke beinahe auswendig . Schiller war enchantirt davon . Ich hatte es nämlich so einzurichten gewusst , daß er sich mit der Berg an der Thür im Nebenzimmer unterhielt , als sie von den jungen Mädchen wie zufällig aufgefordert , einige Partien daraus deklamirte . Aber Sie hätten ihr Gesicht sehen sollen , als Schiller plötzlich in die Hände klatschte . Glauben Sie , daß , wenn ich sie vorher ihm vorgestellt , sie nur den Mund aufgethan hätte ? Mit Schiller passirte das noch , aber wie benahm sie sich gegen Jean Paul ! Da von der Gesellschaft unter den Linden will ich nicht sagen . Es war ja ein Gedränge um ihn , beinahe ein Skandal . « Walter lächelte . Der böse Leumund erzählte von zwei Freundinnen , die in derselben Absicht nach dem Sessel eilten , von dem der Dichter eben aufgestanden . Der Natur der Dinge nach konnte nur eine die glückliche sein und sitzen , wo der Dichter gesessen . Man behauptete , daß beide seitdem nicht mehr Freundinnen wären . Die Geheimräthin las aus Walters Lächeln den Sinn : » So seid Ihr alle , und Keiner besser als der Andere . Die Huldigungen edler Frauen für eine Größe , wenn sie Euch selbst nicht gelten , sind nur gut für Euren Spott . Nicht wahr , das charmante Triolett , was durch die Stadt läuft , ist von einem Ihrer Freunde , von dem Herrn Tieck oder Bernhardy , oder einem der Herren Schlegel ? « » Unsere Freunde , « sagte er , » erkennen das echte Feuer , das aus diesem Genius in so wunderbaren Flammenwirbeln der Phantasie und des Humors gen Himmel prasselt , wenngleich der krause irdische Troß , den es mitnimmt , Vielen das Verständniß seiner Seelenaccorde erschwert . « » Wir nun bemerken nicht diesen Troß und sind darin glücklicher als die Herren der Schöpfung , denen so oft der Sinn über die verletzte Form verloren geht . - Das aber ist es , ja , ja , Herr van Asten , Sie wollen Ihrer Schülerin einen zu klassischen Sinn einimpfen . Sie dämpfen ihre Entzückungen - aber was ich sagen wollte , - ich habe ihn nachher mit Adelheid besucht - « » Jean Paul ? - und mit Adelheid ? « » Die Russische Fürstin war eben fortgefahren . Wir trafen nur noch vier Damen , die ihm einen Teppich gebracht , denn der Fußboden ist sehr kalt , weil er über einem Stall wohnt . Sie ließen es sich nicht nehmen , ihn selbst anzunageln , und während dem hatten wir die schönsten Minuten . Ach wie ganz anders ist Jean Paul als Schiller ! Jeden Moment , jedes Blitzen eines Sonnenstrahls weiß er zu benutzen , es sprüht immer etwas Sinnvolles , Angenehmes . Wenn eine der Damen sich auf die Finger klopfte , beneideten die Genien sie um den Schmerz , den eine edle Seele bei einem Liebeswerk empfindet . « » Und die Damen erwiderten die Galanterien ? « » Es scheint wirklich ein Pfingstgeist in unsere Landsmänninnen gefahren . Denken Sie , selbst die Eitelbach , wie berauscht von seiner Nähe , ward witzig . Sie sprach etwas , was im Hesperus stehen könnte . « » Oder vielleicht schon darin steht . « » Gleich viel , es ist eine Magie , die alle in seiner Gegenwart über sich selbst erhebt . Ich ließ ihm durch Adelheid ein Bouquet überreichen . « » Gewiß mit Worten , die im Titan einen Ehrenplatz fänden . « » Es war , meine ich , keine üble Phrase , eine Phantasie , die mir am Morgen eingefallen war . Sie hatte sie auch ganz gut auswendig gelernt , eine Art Streckvers . - Sie trug einen Kornblumenkranz im Haar . « » Kornblumen ! - « » Natürlich künstliche ; die Kornblumenzeit ist ja vorüber . Sie sollte mir recht natürlich kindlich aussehen . Aber sie sprach so hölzern , ich möchte sagen gedehnt . Mir ward schon ängstlich zu Muthe , und sie war kaum in der Mitte , als die Eitelbach den Schrei ausstieß . Sie nämlich war es , die sich mit dem Hammer auf den Finger geklopft hatte . Da sprang Jean Paul vom Sopha und küsste ihr das Blut vom Finger . « » Was eine unangenehme Unterbrechung gab . « » Stellen Sie sich vor , Adelheid war nun so in Confusion , oder was war es , sie hatte den Streckvers vergessen , überreichte ihm , wie ein Bauermädchen , den Strauß und sagte : Die Blumen bleiben ja , was sie sind , auch ohne Worte . « » Der Dichter wird durch ein Impromptu die Verlegenheit ausgeglichen haben . « » Das ist es eben , er sprach so wunderschön , in lauter gewählten , ich möchte sagen selbst in Streckversen ; aber sie antwortete ihm , als wäre er ein Mann wie andere , ganz offen , naiv , dreist . Es schnitt mir durch die Seele . Das Mädchen empfand so gar nichts von der Veneration . Jeder giebt sich doch Mühe , so viel er wenigstens kann , sie an den Tag zu legen . « » Jean Paul wird ihr verziehen haben . « » Ich aber nicht , « fiel die Geheimräthin , scharf ihn anblickend , ein . » Was soll er von mir denken , wenn nicht einmal meine Umgebung das Interesse an den Tag zu legen weiß , das er bei den unbedeutendsten Frauen erregt . Unbedeutend ist Adelheid nicht , es muß also doch etwas an ihren Lehrern liegen - « » Oder an ihrem Charakter . « » Den ich in diesem einen Punkt zu biegen mir erlauben werde , mein Herr van Asten . Uebrigens wird sie Gelegenheit haben , ihn in diesem Augenblick zu zeigen . Da ich heut Morgen durch Doktor Selle erfuhr , daß die Gesellschaft der Kurland ausfällt - sie ist an den Hof geladen - also Jean Paul frei ist , schickte ich Adelheid zu ihm , ihn zu invitiren . « » Das junge Mädchen - « » Mit dem Bedienten . « » Aber - er logirt - was man gewöhnlich eine Kneipe nennt . « » Ich weiß es , unten ist eine Bierstube , auf dem Hofe eine Hufschmiede . Ist er darum weniger der Dichter ? « » Und in der frühen Stunde . In Pantoffeln und Schlafrock , die Pfeife im Munde - « » Empfängt er Fürstinnen , denen die Stunde und das Kostüm nicht unanständig erscheint , wenn es gilt , dem Genius die Huldigungen darzubringen , würdig des Mannes , welcher so die wahre Frauenwürde erkannt hat . Adelheid wird davon nicht sterben , beruhigen Sie sich , wenn sie sich einmal selbst überwindet . Wir müssen uns Alle überwinden , das - ist die Aufgabe unseres Lebens . Morgen aber kommen Sie etwas später zur Lektion , Herr van Asten , wir müssen ausschlafen . « Als er die Thür öffnen wollte , trat Adelheid ein . » Kommt er ? « rief die Geheimräthin . » Er kommt ! « Sie flog der Geheimräthin an den Hals , die ihre Locken streichelte und ihre Stirn küsste . » Ich wusste es , einem so schönen Mädchen konnte er nichts abschlagen . « » Ach , hätten Sie ihn gesehen , wie ich ihn sah , liebe - Mutter , « - das Wort kam etwas zögernd über die Lippen . » Mit welchem Herzklopfen ich die kleine , steile Treppe hinaufstieg , aber es war heut alles ganz anders . Wie er mir schon entgegentrat ! Er ist ein herrlicher Mann ! - Ach Herr van Asten , bald hätte ich Sie übersehen ! O gehen Sie noch nicht fort , bleiben Sie , Sie müssen es auch hören - « Sie reichte ihm die Hand : » Ja , wie man sich in dem Menschen täuschen kann . Neulich kamen mir alle seine Reden so künstlich vor , und daß er das zuließ von den Damen . Mir fiel einer von den Götzen ein , von denen Sie mir aus Indien erzählt , die sich umherrollen lassen , und ihre Sklaven liegen auf der Erde . Verzeihen Sie mir , Mama , ich konnte mich kaum zurückhalten aufzulachen , er kam mir so unmännlich , albern vor , wie er auf dem Sopha ruhig die Huldigungen hinnahm , und nichts dafür gab , als blumigte Reden . Aber heut trat er mir mit einem frischen , kräftigen Herein ! entgegen , schon angekleidet . Er fasste meine Hand , als ich Ihre Bitte kurz aussprach , aber nicht so süß wie neulich , es war wie ein Mann dem andern die Hand schüttelt . Er hörte mich freundlich an , und sprach dann : Sagen Sie Ihrer Pflegemutter , ich nehme ihre Einladung mit Dank an und werde kommen , ich danke Ihnen aber , mein liebes Kind - doch das thut nichts zur Sache - « Aber die Geheimräthin wollte mehr , sie wollte alles wissen , was Adelheid nicht wiedersagen wollte . Vor einem Genius verstummen alle Rücksichten . » Er fuhr mit der Hand über meine Stirn . Dabei sah er mich ungemein freundlich an . Sie sind ein wahrhaftes deutsches Mädchen ! Das kann ich wohl wiedersagen ohne zu erröthen , aber was er nachher sprach , wie er sich ein deutsches Mädchen , und wie er sein großes Vaterland sich denke und es liebe , ach da müsste ich ja selbst eine Dichterin sein . Ich dachte an Sie , Herr van Asten , wissen Sie noch , als Sie bei der Geschichte der alten Kaiser aus Schwaben in Feuer geriethen , es war wie ein großes Bild , das Sie in die Luft malten , und ich sah alles leuchten wie Flammen und Abendroth , wenn Sie mit Ihrem Finger Kreise durch die Luft zogen : Da beginnt die deutsche Glorie auf dem Berge Hohenstaufen , dann fuhren Sie mit dem Finger im Zickzack durch ganz Deutschland , jetzt nach Italien , nach Asien , ich sah deutlich den reißenden Fluß mit den schönen Bäumen , in dem der Kaiser Barbarossa ertrank , dann fuhren Sie hinüber nach Sicilien , Sie zeigten das Blutgerüst , auf dem der edle Konradin verblutete , und endlich wiesen Sie nach dem Berge in Thüringen , und schlossen : Das war Deutschland und da ruht seine Zukunft ! Und was Jean Paul sprach von der Auferstehung der freien , großen Nation , der wir freudig entgegen leben sollten , uns vorbereitend in Tugend und Sitte und reinem Natursinn , da stand mir Ihr Bild wieder klar vor meiner Seele . « » Daß es Ihnen nie untergehe , « sprach rasch der junge Mann . » Ich irrte mich nicht in ihm . Leben Sie wohl ! « » Auf Wiedersehen , heute Abend . Ich selbst will Sie ihm vorstellen . « Der Lehrer sprach einige undeutliche Worte . Die Geheimräthin stotterte : » Herr van Asten sei wohl heute behindert , da er von ihrem Manne so lange aufgehalten worden . « » Mama , haben Sie ihn nicht eingeladen ? « fragte Adelheid verwundert , als sich die Thür schloß . » In die Gesellschaft passt er doch nicht . « » Mein Lehrer den Sie selbst so hoch schätzen ? « » Es ist nicht deswillen . Aber er ist zu unansehnlich . « » Unansehnlich ! « » Jean Paul freut sich an schönen Gesichtszügen . Van Asten ist doch eigentlich hässlich . « » Hässlich ! « rief Adelheid mit Schaudern und schien sich zu besinnen . » Das ist mir nie eingefallen , daß van Asten hässlich sei . Daran habe ich überhaupt nie gedacht . « » Was auch recht gut ist , liebes Kind , « entgegnete lächelnd die Geheimräthin . » Und überdem ist er nichts in der Gesellschaft . « Dreiundzwanzigstes Kapitel . Man muß gelten wollen . Die Vorbereitungen zu dieser Gesellschaft schienen uns vorhin doch schon fertig ; es musste indeß nicht so sein , wenn wir gegen Mittag eine Scene im Speisesaal der Geheimräthin belauschen . In der Mitte am Tisch stand Adelheid vor einem Salatnapf , und neben ihr , mit prüfendem Blicke , jede ihrer Bewegungen beobachtend , die Geheimräthin . Um Adelheids Augen war eine Binde geknüpft . Sie übte sich , den Salat zu mischen , die Eier zu zerdrücken , Oel und Essig aufzugießen , ohne diese Ingredienzien zu sehen . Aber die Geheimräthin hatte Flaschen und Eierteller an einen bestimmten Ort gestellt , und wenn Adelheids Arm irrte , gab sie durch leise Töne ihr ein Zeichen . Einige Schüsseln zur Seite gesetzt , deuteten darauf , daß dieses Experiment schon mehrmals versucht war . Jetzt schien es zu gelingen . Der Salat kräuselte sich im Napf , doch verriethen Adelheids Bewegungen noch immer eine innere Aengstlichkeit , und wer unter die Binde hätte sehen können , würde eine Thräne in ihrem Auge entdeckt haben . » Nur etwas ruhiger , « sagte die Wirthin , » und dann geht es vortrefflich . « » Aber ich werde doch nicht mit der Binde zu Tische gehen , « entgegnete das junge Mädchen . » Du wirst aber , wenn Du den Salat machst , gen Himmel , das heißt an die Decke blicken . Es wird sich irgend eine Gelegenheit finden , Dich aufzufordern , ein Gedicht , am besten eines von ihm , herzusagen , Du geräthst , von der Schönheit hingerissen , in Affekt , und blickst in die Wolken . Während Du recitirst , stellt der Bediente den Salatnapf vor Dich und flüstert Dir zu : Fräulein , der Salat ! Du lässt Dich nicht stören und unterbrechen , greifst aber unwillkürlich nach Löffel und Gabel , und ohne einen Blick hinunter zu werfen , verrichtest Du mechanisch die Arbeit . « » Aber die Liane aus dem Titan ist ja , wie Sie mir gestern vorlasen , wirklich in dem Augenblick blind , und der hässliche Minister , ihr Vater , zwingt sie nur zu der Komödie , damit die Gesellschaft glauben soll , seine Tochter könne noch sehen . Herr Richter und alle unsere Gäste wissen aber , daß ich sehen kann , warum soll ich denn nun eine Fertigkeit zeigen , von der jeder Mensch weiß , daß sie eine außerordentliche Abrichtung kostet ? Die Gäste werden wahrscheinlich den Titan gelesen haben . « Adelheid hatte die Binde abgerissen . » Das setze ich sogar voraus , « sagte lächelnd die Lupinus . » Sie werden sogleich wissen , was es bedeutet . Ach eine Liane ! wird es von Mund zu Munde gehen . Du liebst ja nicht die groben Komplimente , dies , hoffe ich , soll eines der feinsten sein , das ihm in Berlin begegnet . « Adelheid kam das Ganze mehr wie eine Beleidigung als wie ein Kompliment vor gegen den großen Mann . » Du kennst nicht die Welt und noch nicht die großen Männer , « seufzte die Geheimräthin . » Gerade wer übersättigt ist von Lob und Bewunderung , ist am empfänglichsten für die kleinen Aufmerksamkeiten . Kann man Jean Paul noch mehr mit Huldigungen überschütten , als es die Damenwelt hier gethan ! Der Hausknecht schimpft schon , wo er wohnt , über die vielen verwelkten Blumen , die er täglich in die Müllgrube kehren muß , und glaubst Du , daß wir ihm eine Freude machten , wenn wir ihn wieder mit einem Blumenregen überschütteten ? Er würde das hinnehmen als etwas , was sein muß , und denken : wenn Ihr nichts weiter könnt ! Aber eine solche versteckte Anspielung muß ihm schmeicheln , eben weil er recht gut weiß , welche große Vorbereitungen es gekostet hat . « » Und warum muß ihm denn geschmeichelt werden ? « » Weil er ein Mensch ist wie andere . « » Und warum muß man überhaupt schmeicheln ? « » Weil wir leben wollen . « Adelheid sah sie groß an . Sie schien sagen zu wollen : ich schmeichle Niemand und lebe doch . » Weil Du jung und hübsch bist , « antwortete die Geheimräthtin auf den unausgesprochenen Gedanken , » darum ist man gegen Dich aufmerksam . Wenn Du nicht mehr jung und hübsch bist , wirst Du Dich schminken müssen . Es giebt mancherlei Schminke . Je älter man wird , mein liebes Kind , um so mehr Arbeit hat der Mensch , denn um so mehr muß man die Schwächen der Anderen studiren , um vor ihnen zu gelten . « » Warum muß man denn gelten wollen ! « Es entfuhr ihren Lippen ; sie wusste sich kaum den Sinn der Worte zu sagen und hätte sie gern wieder verschluckt , als die Pflegemutter sie anschielte . » Ja warum lebt man ! Der Philosoph fehlt noch , der uns die Frage beantwortet . « Es entstand eine Pause . Die Salatnäpfe wurden vom Dienstmädchen fortgeschafft ; die Geheimräthin brachte die Tafel wieder in Ordnung , putzte die Möbel und richtete oder vertauschte die Kupferstiche an der Wand . Adelheid war emsig über eine weibliche Arbeit gebeugt , es schien , um ihr Gesicht zu verbergen . Vielleicht hatte der scharfe Ton der Pflegemutter sie verwundet . Es klang davon noch etwas in der kurzen Frage wieder : » Kam das auch von Deinem Lehrer ? « » Was , Mama ? « » Daß man nicht soll gelten wollen ! Herr van Asten ist ein Philosoph , der sich die Welt konstruirt , wie ein Dichter sie ansieht . Nicht wahr , hat er Dir nicht gesagt , jeder Mensch soll gar nicht scheinen wollen , sondern nur sein , was er ist ? Das klingt hübsch , aber die Menschen sähen sehr häßlich aus , wenn sie nichts thäten , um sich zu verschönern . Davon , mein Kind , macht Keiner eine Ausnahme . « » Er selbst will gewiß nicht mehr scheinen als er ist - « » Sprich es nur aus , was Du verschluckst , Du meinst , er wäre sogar noch besser , als er scheinen will . Nicht wahr , denkst Du es nicht bisweilen , wenn er in einer begeisterten Rede plötzlich inne hält , als wolle er etwas nicht sagen aus Bescheidenheit , wenn er die Augen abwendet , rasch auf ein anderes Thema übergeht ! - Und wenn er nun damit nichts wollte , als daß Du glauben solltest , er wäre und wisse noch weit mehr , als Du denkst ? « Adelheid sah sie groß an : » Dann wäre er ja ein abscheulicher Mensch ! « » Nicht schlimmer als Andere . Ja , er thäte gewissermaßen nur seine Pflicht . Ein Arzt , ein Prediger und Lehrer , wenn sie wirken wollen , müssen einen Glauben an ihre Vortrefflichkeit um sich verbreiten , damit ihre Patienten und Schüler an sie glauben . « » Er brauchte es gewiß nicht . « sagte Adelheid . » Da hast Du gewissermaßen wieder Recht . Er war ein guter Lateiner , wie mein Mann sagt , er hätte nur einen gewissen Klassiker zu ediren brauchen , und eine Anstellung und Anerkennung hätte ihm nicht gefehlt . Aber man sagt , das gilt jetzt nicht mehr viel . Da wandte er sich den jüngern Geistern zu , die aus der Natur , veralteten Poeten und der Mystik , Gott weiß welche Schätze zu graben vermeinten . Abgestandene Aufklärung nannten diese jungen Genies die Werke , durch welche jene Männer , die vor ihnen berühmt waren , ihren Ruhm gewonnen . Auf dem Wege war kein Platz mehr für sie zur Geltung zu kommen . Van Asten wollte auch ein Dichter sein . « » Das hat er wieder aufgegeben , liebe Mutter . Er sagte mir , wer fühlt , daß seine Begabung für die Poesie nicht ausreicht , soll davon bei Zeiten abstehen . « » Sehr vernünftig . Von der ganzen jungen Schule hat noch kein Einziger eine Anstellung erhalten . Herr Iffland will auch ihre Theaterstücke nicht zur Aufführung bringen . Es hat einen glänzenden Schein , mein Kind , aber es gilt nicht . Darum hat Dein Herr van Asten sich wieder auf Anderes geworfen . Er will ein selbstständiger Mann , ein Charakter sein . Er hat sich von seinem Vater getrennt , der ein angesehener reicher Mann ist , und will sich selbst sein Fortkommen verschaffen . Wenn es ihm gelingt hat er recht . Das ist die Aufgabe des Genies , aus sich heraus seine Welt sich zu erschaffen . Sein Anfang ist recht hübsch . Er tritt nicht auf wie ein junger Kandidat , der mit gekrümmtem Rücken um die Erlaubniß bittet , ein Wort mitsprechen zu dürfen , sondern er geht aufrecht und spricht wenig , kurz , aber entschieden . Das frappirt auch Vornehmere , und man fragt , wer er ist ? Ich will ihm nur wünschen , daß es ausreicht . Aber ich fürchte , es wird nicht ausreichen . Gute Privatstunden geben , und dann und wann eine gute Abhandlung in den Journalen drucken lassen , damit erlangt ein junger Mann keine Bedeutung . Er thäte noch immer am gescheitesten , wenn er zu seinem Vater ins Komptoir zurückkehrte . Wenn man einmal der Erbe von van Asten und Kompagnie wird , kann man sich schon bequemen , ein paar Jahre am Ladentisch zu stehen . « » Walter ! « » Dann würde er Dir wohl weniger gelten ? « » Das nicht , aber - « » Vor den Leuten würde er an Geltung verlieren . Ach mein Kind , es steht Keiner so hoch , daß er nicht Alles verliert , wenn er vor den Leuten nicht mehr gilt ; Kaufleute und Könige , Gelehrte und junge Mädchen . Warst Du etwa eine andere , als Du in dem schlechten Hause betroffen wardst ? Benahmst Du Dich wie die Mädchen dort , trugst Du Kleider wie sie , blicktest Du frech die Männer an ? Nichts von alledem , Du warst die tugendhafte sittsame Adelheid , die Du vorher warst und jetzt bist , aber Du galtest vor den Leuten für ein Mädchen wie die andern , und aller Deiner trefflichen Eigenschaften ungeachtet , wärst Du auf ewig verloren gewesen - « » Wenn Sie nicht meiner sich erbarmt hätten . « Man thäte der Geheimräthin Unrecht , wenn man glaubte , daß sie mit dem langen Eingang nur eine neue Dankopferung bezweckt habe . Im Gegentheil , sie liebte nicht Affectscenen , wo das Herz auf dem Präsentirbrett liegt . » Ich habe nichts für Dich gethan damals , « sprach sie mit einer Ruhe , welche die Aufwallung entschieden zurückwies . » Du wurdest nur dadurch gerettet , weil der Zufall Dich in mein Haus führte . Das Deiner Eltern ist gewiß ein sehr ehrbares , aber Dein Vater und Deine Mutter haben wenig Umgang mit der Gesellschaft . Wenn Sie Dich auch noch so behütet und eingeschlossen , Du hättest doch einen Flecken behalten . Die Dich gekannt , wussten freilich , was Du warst , die Andern aber hätten gedacht : schade um das arme Mädchen , sie lebt nun so zurückgezogen , führt sich so sittsam auf , und thut alles was sie kann , den Verstoß wieder gut zu machen , sie ist auch vielleicht ohne eigene Schuld , aber sie war doch einmal in dem Hause , und das vergisst man nicht . So argumentirte der Legationsrath , und ich gab mich gefangen , und Deine Eltern endlich auch . Und hatte der Treffliche nicht Recht ? Ist nun nicht Alles gut ? Man reißt sich um Dich . Bist Du eine andere geworden als damals in der kleinen Wohnung am Gensd ' armenmarkt ? Habe ich Dich besser gemacht , erzogen ? Ich bin weit von der Eitelkeit entfernt mir das anzumaßen ; ich weiß sogar , daß Du ein Charakter bist , der sich eigentlich nicht erziehen läßt , der sich aus sich selbst herausbildet . Was Du nach meinem Willen thust , geschieht nur aus Dankbarkeit , und Du behältst noch Deinen Willen . Aber vor der Welt bist Du eine andre , Du giltst , ich sage nicht für tugendhast , davon ist nicht mehr die Rede , aber vielleicht für mehr als Du jetzt schon bist , Du bist ein enfant gaté der Modewelt , alles , weil Du in einem Hause lebst , was Geltung hat . Ja , mein liebes Kind , wer unter den Menschen leben will , muß vor ihnen gelten wollen . « Die Geheimräthin wühlte mit einem kalten Eisen in einem warmen Herzen . Es war nicht das erste Mal , es geschah auch nicht zufällig ; sie meinte auch , nicht mit grausamer Absicht . Um fest zu werden für das Leben vor uns , muß man jeden Augenblick über das hinter uns klar sein , war ihr Argument . Auch Adelheid wiederholte nur , was sie schon tausendmal gesagt , von dem Schutzengel , den sie gefunden , dem neuen Leben , welches sie in diesem Hause angefangen , wie sie sich jedesmal strafe , wenn sie dem Willen ihrer Retterin entgegen handelte , wie Alles hier zu ihrem Glücke ausschlage . » Und doch wünschtest Du Dich schon fort ! « » Nicht doch ! nicht doch ! « Adelheid küßte