sich beruhigen , Justizrath Schlurck hätte den Schrein gefunden , hätte ihn mit sich nach der Hauptstadt genommen , ..... sich verfärbte und stutzte ..... Statt sich zu freuen , daß seine und seines Sohnes Ehrlichkeit nun in das hellste Licht gesetzt war , griff der Alte sich in sein weißes Haar , riß die starren blinden Augen bis zu den dicken weißen Augenbrauen auf und tastete so krampfhaft erregt um sich her , als wäre ihm die niederschlagendste Mittheilung von der Welt gemacht worden . Darauf länger zu achten und zu forschen , behielt sich Dankmar vor . Er mußte die Natur dieser Menschen erst kennen lernen . Die sonderbar und falsch angebrachten Bibelsprüche , die der alte Zeck , wie nach seiner sogleich gemachten Entdeckung Viele in und um Plessen , im Munde führte , deuteten auf seltsame Anomalieen . Statt diesen nachzuforschen , beschäftigte sich Dankmar einstweilen lieber mit einem alten Bekannten , den er hier zu seiner Freude wiederfand . Es war dies Niemand anders als Bello , der Hund des Fuhrmanns Peters . Er und der kleine bejahrte unansehnliche Spitz kannten sich schon von Angerode her , schon vom Lyceum , das die Gebrüder Wildungen dort besucht hatten . Wie Dankmar in die Schmiede trat , wo der Blinde noch mit gewaltigem Arm , wie in mechanischer Gewohnheit , auf glühende Hufeisen schlug , während der Taube den Blasebalg am Feuer zog , bis sich Beide ablösten und umgekehrt ihr Geschäft verrichteten , sprang das noch immer lahme Thierchen , das lange zottige Haar vom Dampf der Feueresse ganz geschwärzt , zu Dankmar hinauf , winselte , schmiegte sich , blaffte vor Freude , als wollte es sagen : Da ist Einer , der sich meiner erinnert ! Ich weiß , du kommst um mich zu holen , du alter Gönner vom Gasthof zum Einhorn in Angerode , wo du als Lyceist zu Mittag speistest , du bringst mir Grüße von meinem Herrn und meiner Frau ! ... Und des Thierchens Erregung war so lebenvoll , in dem Grade fast sprechend , daß es Dankmarn , wenn er noch unruhig gewesen wäre über seinen Verlust , so hätte zu Muthe werden müssen , als spräche ihm Jemand : Das Thier will dir ja etwas sagen , es weiß ja , wer der Räuber deines Eigenthums ist und wird ihn dir ohne Zweifel bei erster Begegnung zeigen , verrathen ! .. Bald sprang Bello zu ihm , bald gegen den alten Schmied auf , zerrte an Dankmar ' s Rockschooß , bellte den Blinden an , bis dieser , den Moment wahrnehmend , so gewaltig mit dem Fuß gegen den Störenfried austrat , daß er sich , an seinem wunden Bein getroffen , heulend und winselnd in eine dunkle Ecke der Schmiede verkroch . Ei , wie grob ! rief Dankmar . Nennt Ihr das Pflege ? Ich denke , Ihr seid ein Arzt für Thiere ? Nehmt den Bello nur mit ! .. hatte darauf der alte Schmied gesagt ; er ist geheilt , so weit wie ' s möglich war , bei seinem strampligen , unruhigen Wesen ! Die Bestie ist wie alle Fuhrmannshunde nur auf ' s Kläffen dressirt ; für Bandage und Kost verlange ich nichts ! Ich mag den Hund nicht ! Seitdem hatte Dankmar den für immer lahmen Bello zu sich genommen , in der Krone ihn säubern und waschen lassen und war von ihm auf seinen kleinen Spaziergängen , trotzdem er kläglich hinken und humpeln mußte , schon allwärts treu und munter begleitet worden . Die schöne , liebliche , sonnenhelle Natur war es zuvörderst , die Dankmarn bestimmte , dem magern Gaule des guten dicken Pelikanwirthes einen ganzen Tag Ruhe zu gönnen . Bring ' ich doch Freude mit ! sagte er sich . Trost und den Hund für Peters ! Dem Bruder die Beruhigung über mein eigenes Unheil und , was auch etwas werth ist , die Erzählung meiner Abenteuer . Dankmar fühlte , wenn er die Fenster des kleinen Zimmers , das er in der Krone bewohnte , öffnete , so recht jene reine selige Stimmung , die Jeder kennen muß , der einmal von einer großen Gefahr oder den Ursachen einer großen Befürchtung befreit wurde und dann zugleich die Muße fand , diese Seligkeit der Erlösung ganz zu genießen .... Die rebenlaubumkränzten Fenster gingen nach dem schönen Dorfe Plessen hinaus . Jedes Haus hatte da seinen Garten , den die Natur pflegte , wenn auch vielleicht die Menschenhand erlahmt war , seit die Zustände der Herrschaft sich so ins Ungewisse verliefen . Auch ordnen die Geringen sich lieber einer kraftvollen Macht unter , als einem schlaffen und ungeregelten Regimente . Diese Bauern und Häusler waren frei , aber nicht in dem Grade , sich ganz auf eigene Hand unabhängig zu fühlen . Ihre Abgaben an den Fürsten Waldemar waren schon seit lange capitalisirt . Die neue Zeit hatte wol an den vielen kleinen noch übriggebliebenen Laudemialgefällen rütteln können , aber nicht an den einmal bestimmten Abfindungssummen . Da gab es nun Mismuth , Unfriede , Zorn , Gewaltthat genug . Doch wirkliche Widersetzlichkeiten zeigten sich nur in Randhartingen , dem größten und selbständigsten Orte im Hohenberg ' schen , im Ullagrunde , wo neben einem reichen Bauer , Namens Sandrart , viele Arme wohnten , in Schönau , wo dem Fürsten von Hohenberg manche Gerechtsame gehörten und der Haidekrüger Justus , noch entschiedener aber Drossel , der Wirth zum Gelben Hirsche , die Leidenschaften in Gährung hielt . Hier in Plessen merkte der Herrschaftsdirektor von Zeisel nicht so auffallend , wie bedenklich seine Stellung wurde . Plessen hing vom Schlosse und dem Leben auf ihm seit Jahren ab . Und schon seit Jahren fehlte die von oben strömende Befruchtung . Die Menschen ließen recht den Kopf hängen und welkten in ihren Hoffnungen so hin oder verwilderten wie ihre Gärten und die kleinen Hecken , die sie trennten . Plessen war sonst so lieblich ! Die Ulla floß vom Ullagrund in zwei Armen hernieder , von denen der eine raschere und bewegte die Mühle bewässerte , die , wie wir wissen , die kranke Müllerin nicht verlassen wollte ; der andere schlängelte sich hier und da durch den Ort und machte eine Menge kleiner Stege und Brücken nothwendig , die ein Haus mit dem andern gar traulich verbanden . In der Mitte des baum- und buschdurchzogenen Ortes lag ein kleiner Teich , auf dem Enten sich tummelten . Zur Seite , von düstern und verschnittenen Linden beschattet , lag des Pfarrers Wohnung , vor der die Stromer ' schen Kinder spielten und baarbeinig , gleich allen andern Kindern des Ortes , mit den Enten um die Wette in der Ulla und dem Teiche wateten . Höher hinauf lagen dann herrschaftliche Gebäude , vor allen » das Amt « , nach alter Bauart , von einem Hofe mit Portal und Einfahrt umschlossen . Dankmar konnte von der Krone bis in die Zimmer der Frau von Zeisel hinüberblicken und bemerkte wol die kleine , sehr geputzte Dame , die unruhig und unbestimmt wie ein lebendiges Fragezeichen an den hohen Fenstern saß und bald an feiner Wäsche arbeitete , bald in einem Buche las , bald zum Fenster hinausschaute , bald in einem der Amtswohnung zur Seite liegenden Garten mit einem Körbchen unterm Arm sicher und bewußt auf und ab mehr trippelte als in ruhiger Würde und zufriedener Stimmung schritt . Zur Linken ging ' s dann nach dem Schlosse hinauf . In der Mitte zwischen dem Schloßberg und dem » Amt « lag auch jener gewaltige Thurm , von dem Hackert Veranlassung genommen hatte , seine erbauliche Schilderung der Patrimonialgerichtsbarkeit zu entwerfen . Es war ein festes und gutes » Stück Arbeit « dieser alte Zwinger der Ungebehrdigen und Tröster der etwa Reuevollen . Nur lag er sonderbarer Weise etwas einsam , ganz am Ende des Ortes . Denn hinter ihm lagen getrennt nur durch eine vom sonnigsten Himmel überwölbte fruchtbare Ebene sogleich die blauen Ränder der Berge , die dem nach ihnen pilgernden Wanderer , wie Dankmar gehört hatte , die reichste Mannigfaltigkeit von Tannengeschmückten Gründen , Wildbächen mit kleinen Wasserfällen , schroffen Abhängen und lieblichen Thälern bieten sollten . Auch von Kohlenmeilern , Steinbrüchen und besonders einer Sägemühle wurde gesprochen , die Dankmar besuchen sollte . Die Sägemühle konnte nicht zu weit sein . Dankmar hörte deutlich , wenn die von einem Waldbach getriebenen Räder wahrscheinlich standen und die großen Sägen wieder frisch geschärft wurden . Es klang das so hell und klingend herüber , daß er anfangs glaubte , in dem Walde da oben läge eine Kirche verborgen und die Glocke riefe jedes Christenherz , sie in ihrem grünen Verstecke aufzusuchen . Dankmar war eine verstandesklare dialektische Natur ; doch wenn auch das Gemüth bei ihm öfters schlummerte , so lebte es doch unter der Decke der Gedanken . Er besaß unter Anderm auch die schöne Eigenschaft gemüthlicher Naturen , daß er das Anmuthige und Wohlthuende nie für sich allein empfinden mochte , sondern zugleich auch mit für Die , die er liebte und die er bei seinem Genusse anwesend wünschte . Er gedachte , als er am Abend seiner Ankunft sogleich noch einen Spaziergang im Orte und seiner nächsten Umgebung machte und die Schönheiten des Eindrucks in vollen Zügen einsog , sogleich seines geliebten , zu früh geschiedenen herrlichen Vaters , der , wie hier in Plessen jetzt der ihm unbekannte Pfarrer , so in Thaldüren still und reichern Looses würdig gehaust hatte . In den kleinen Kindern , die da im Entenpfuhl wateten , erkannte er sich und Siegbert wieder . Er betrachtete wehmüthig die dunklen , von den Lindenbäumen allzudüster beschatteten Fensterscheiben der Pfarrerwohnung . Der Pfarrer und seine Frau , beide fast festlich geschmückt , verließen gerade , als er so in Gedanken und Herzensvergleichen stand , die Wohnung ... wir wissen , daß sie zum Schlosse hinaufgingen . Dankmar trat zurück , um nicht gesehen zu werden . Er vergegenwärtigte , Guido Stromern prüfend , sich den doch viel ehrwürdigern Vater und die theuere Mutter , die jetzt daheim einsam in dem Sterbehause zu Angerode ihre Wittwenzeit vertrauerte . Dieses Pfarrerpaar dort ging so stumm , so kalt neben einander ! Stumm und kalt ? sagte er sich ... und gedachte der Vergangenheit . Ach ! Er mußte sich gestehen , daß auch seine Ältern nicht immer in jüngeren Jahren auf einen Ton gestimmt waren .... Eine Thräne stand ihm im Auge , als er der Zeiten sich entsann , die ihm als Kind nicht verständlich waren , jetzt aber klarer vom Jüngling begriffen wurden , der Zeiten , wo der Vater auch oft Noth hatte , sich mit einer schönen , gutherzigen , aber zuweilen anspruchsvollen , aufbrausenden und eigensinnigen Frau zu vermitteln . Später , als die Mutter an ihrer eigenen Familie , besonders an einem heißgeliebten verschollenen Bruder viel Leids erfuhr , ebnete sich auch in ihrer Brust der etwas schroffe Sinn und manches wärmere Wort entquoll den welkeren Lippen , die damals , als sie rosig waren , selten gebebt , selten gezittert hatten und selbst dann nicht gezittert , wenn den Vater der Schmerz darüber verzehrte . Das sind so Stimmungen in den Herzen der Kinder , wo sie die Erde aufwühlen und die theuern Todten aus der Gruft wecken möchten , um ihnen zu sagen : Was hast du gelitten und wir verstanden es nicht ? Was hast du von uns fodern dürfen und wir ersetzten dir nichts ? Warum lebtet ihr nicht so lange , daß ihr euch ganz verstandet ? Warum sieht nun jetzt Einer nicht die Trauer des Andern ? .... Bei solchen Erinnerungen kommt natürlich auch in ein sonst so weltliches Gemüth , wie das unsers Dankmar , ein ernster Anflug jener Stimmung , die uns ja auch die unerschütterliche , auf die ewige Gerechtigkeit begründete Nothwendigkeit des Wiedersehens dieser unserer Lieben wie eine Gewißheit in die Hand giebt , die dem Granit der Berge gleicht . Von den Gästen , die zum Schlosse gingen , sah Dankmar auch den Justizdirector mit seiner kleinen anspruchsvollen , runden Frau , von der Hackert gesagt hatte , sie kenne Schlurcks schwache Seiten . Dankmar vermied auch dies Paar , indem er um die Mauer ging , die das Amthaus und den dazu gehörigen Garten umschloß . Wie prangten da die Obstbäume in ihrer schweren Last ! Wie guckten die schwanken Spitzen der drinnen rankenden Rebengewinde über den weißen Kalk herüber ! Wol , dachte er , muß es diesen kleinen Paschas , die bisher auf den adeligen Herrschaften Justiz übten , übel bekommen , wenn sie aus solchen anmuthigen Wohnungen , wo sie die Herren waren , in die Landstädte versetzt werden , wo sie , nach der gewöhnlichen Beamtenelle gemessen , auf der allgemeinen Bleiche des Staates nur ein bescheidenes Stückchen Tuch , vielleicht nicht länger als ihr Ordensbändchen , vorstellen . Näher besichtigte er sich jetzt den gefährlichen Thurm . Dankmar wünschte Siegberten den Anblick dieses malerisch gelegenen alten Mauerwerks mit seiner herrlichen Fernsicht auf die Ebene und das Gebirge . Mit Lächeln betrachtete er sich diesen Überrest alter feudaler Zeiten genauer . Der Thurm lag etwas erhöht und war gewissermaßen das Wahrzeichen des Ortes . Neben ihm wohnte ohne Zweifel der Büttel , Gerichtsbote und sonstige Amtsgehülfe , der dies wahrscheinlich alles in einer und derselben Person vorstellte . Der Eingang in den Thurm zeigte sich schauerlich genug . Die Thür war mit Eisen beschlagen und das Schloß von einem gewaltigen Umfange . Die untern Fenster deckten hölzerne , quer über die Gevierte genagelte Latten . Ganz oben aber waren die wahrscheinlich dort befindlichen Gefängnisse mit vergitterten kleinen Fenstern versehen , denen fast sämmtliche Glasscheiben fehlten . Vögel hatten daselbst ihre traulichsten Nester angebracht und unterhielten sicher die Gefangenen , wie Condorcet sich mit den Spinnen unterhielt . Dankmar mußte lachen , wenn er gedachte , daß hier eine gute Leiter und eine Feile , geschickt von einem guten Freunde bei Nacht dirigirt , jeden Gefangenen befreien konnte ; denn der Thurm lag ganz frei , ganz außer dem Orte , in dem offensten Zusammenhange mit der Landstraße , dem freien Felde und dem Gebirge . Er legte sich , behaglich angemuthet , eine Cigarre rauchend , am Fuß des criminalischen Gemäuers nieder , recht in die Mitte unter frischen , duftenden Feldblumen , unter gelbweißen Kamillen , dunkelrothen Klapperrosen , blauen Glockenblumen , Winden und zwischen hochstämmige hier und da aufgeschossene wilde Wurzel- und Staudenpflanzen . Da fühl ' ich ' s , dachte er im Sinne des Bruders , da fühl ' ich ' s , was doch zum Ergreifen des Pinsels treiben kann ! Wer möchte dies weite Feld , diese Wiesen , diese schlängelnden Bäche mit den Thurmspitzen und blitzenden Fenstern der Meyerhöfe nicht dauernd festhalten ! Wär ' ich ein reicher Mann , trotz meines Bruders historischem Pinsel , nur Landschaften gewänn ' ich mir ! Die andern Maler geben mir alle zu viel aus sich und nur aus sich , der Landschafter giebt nur das , was ich brauche , um mich selber zu erfreuen und mich mit ihm in gleiche aber freie Stimmung zu setzen . Auch ein Genrebild will , daß man gerade diesen Moment und nur diesen , den der Künstler darstellt , genießt . Bei jeder Verschiebung der Gruppe hört das Bild schon auf , die Veranlassung gemalt zu werden , zu verdienen . Aber die Landschaft , die bleibt sich immer gleich ! Der Beschauende wechselt . Er wechselt nicht in seinen Stimmungen , denn die sei eine und dieselbe durch jedes Landschaftsbild , aber in seinen Gedanken , in seinen Betrachtungen , Anknüpfungen , Auslegungen . Könnt ' ich dort den Waldesrand auf dem Berge so nun für ewig mit mir führen ! Es wäre ein Gefühl damit verbunden , das mir immer und immer gleich bleiben würde . Das Pünktchen da oben am Bergrücken ist fast eine Kappe von dunklerm Grün , die der hellgrün gekleidete Berg sich aufgesetzt hat ! Wie mag es unter diesen Tannen da rauschen , singen , flüstern ! Hätt ' ich das nun immer so bei mir , könnt ' ich ' s in einem Bilde so mit mir führen , wie gewiß wär ' ich , daß mir nicht nur diese Vergleichungen , sondern diese ganze selige Stimmung , hier unter dem plessener Gerichtsthurme und am Fuße des Schlosses Hohenberg , nie verloren ginge ! Es könnte nun kommen im Leben , was da wolle , ich sähe mein Bild , und immer genöß ' ich das wieder , was ich jetzt genieße ... Ich muß mir den Siegbert einmal hier hinaus plaudern . In dem Atelier , bei dem Theelöffelgeklapper seiner vornehmen Protectricen , in den Salons und Coterien , wo er ästhetisirt und sich verdüftelt , wird er mir - jetzt besinn ' ich mich auf sein Aussehen im Pelikan - ohnehin ganz blaß ... und verschmachtet mir wol gar ... an einer geheimen Liebe ? Wie Dankmar so im versengten Grase und unter den würzigen Kräutern und bescheidenen Blumen , den Kopf auf den Arm gestemmt , in die Gegend blickte , die ihm , dem Unruhigen und Rastlosen , so viel Friede in die Seele goß , verweilte sein Auge , das anfangs nur summenden Käfern und Schmetterlingen , dann und wann einem Landmanne , einem Bauermädchen , einem Wagen nachhängender folgte , auf einem ältern Manne und einem Knaben , die beide hinter dem Thurme dahergeschritten kamen und sich wie er in der Gegend umschauten . Es war dies jener Fremde , der Ackermann heißen sollte und sich mit einem bescheidenen Fuhrwerke gleichfalls in der Krone Nachmittags eingefunden hatte . Der zierliche , außerordentlich behende , schöne Knabe , der ihn begleitete , war sein Sohn . Er nannte ihn , wie Dankmar von den Leuten in der Krone schon gehört hatte , mit einem Namen , den Jene offenbar verwälschten . Er wußte von diesem Namen nur erst so viel , daß er dem seinigen zu ähneln schien .... Der Fremde bemerkte Dankmarn nicht , wohl aber sein kleiner Begleiter , der sein grüßendes Nicken mit Anmuth und so bescheiden erwiderte , daß er vor Verlegenheit roth wurde . Welch ' ein anmuthiges Kind ! sagte Dankmar unwillkürlich , als Beide vor ihm auf der Landstraße der Ebene zuschritten . So behend , so zärtlich , so verschämt ! Das Bild eines Ganymed ! Vater und Sohn waren fast gleich gekleidet . Leichte Strohhüte mit weiten Rändern schützten vor dem Sonnenstrahl . Der Vater trug einen Überrock von demselben halbwollenen Zeuge , von dem der Sohn ein Jäckchen trug . Die Beinkleider waren weit und von einem gestreiften Zeuge . Der Vater hatte die Brust halb offen und hielt nur den Hemdkragen mit einem bunten Foulard zusammen , dessen lange Zipfel über die weit ausgeschnittene Weste fielen . Der Sohn dagegen trug ein zierlich gefälteltes Chemisett , das oben in eine Art Halskrause endete und seinem Antlitz mit den schönen dunkeln Locken , die über die Schultern herabrollten , etwas Neckisches , ja Zierliches , Stutzerhaftes gab . In der rechten Hand trug der Knabe ein Stöckchen mit einem goldenen kleinen Knopf und fuchtelte damit in der Luft hin und her , während sein linker Arm in dem des Vaters hing , neben dem er graziös und sich ihm fast zärtlich anschmiegend einherschritt , fast wie ein Mädchen . Dankmar konnte beide Lustwanderer genau betrachten ; denn oft standen sie still , wandten den Blick wieder rückwärts und sahen sich die Gegend , die sie ebenso wie ihn zu erfreuen schien , gründlichst an . Endlich hielten sie an einem der Wege , die zum Schlosse hinaufführten , inne . Sie schienen unschlüssig , ob sie ihn einschlagen und auch Hohenberg besichtigen sollten . Der Kleine verrieth durch seine zuredenden Gebehrden , daß ihn die Neugier recht stachelte , zum Schloß hinaufzusteigen . Zu den Gästen , die dort oben ihr Wesen treiben , dachte Dankmar , gehören sie nicht . Oder ist der Vater vielleicht geneigt , diese Besitzung zu kaufen ? Er mußte sich sogleich sagen , daß der Fremde trotz unverkennbarer Bildung etwas von einem Landmann hatte . Seine Gesichtszüge waren sehr fein und edel , ja sie hatten sogar etwas , was ihn durch irgend eine ihm unbewußte Ähnlichkeit so mächtig ergriff , daß er hätte betheuern mögen , einen solchen Mann einmal als einen höhern Staatsdiener oder einen berühmten Gelehrten irgendwo schon gesehen zu haben , dann aber fand er wieder , daß der Fremde sich doch nur als ganz schlichter Naturfreund gab , der zuweilen Ähren raufte und sie prüfend betrachtete , einen Stein vom Wege aufgriff , in der Sonne funkeln ließ und wieder gleichgültig wegwarf , das Stackett , mit dem der zum Schlosse gehörige Baumgarten hier schon umzäunt war , mit dem Fuße rüttelnd prüfte und an schadhaften Stellen , um zu zeigen , wie vernachlässigt es war , sogar eine morsche Planke etwas losriß , kurz er war bei allem Anstand der Haltung doch eine derbe , der Natur des Landlebens kundige Persönlichkeit , die sicher einem Ökonomen oder ähnlichen Geschäftsmanne entsprach . Endlich folgte der Fremde der Überredung des Knaben und that ihm mit sichtlichem Widerstreben den Gefallen , mit ihm zum Schloß hinaufzusteigen . Dankmar stand nun auf und wäre gern gefolgt . Der Fremde und sein Knabe fesselten ihn . Er beschloß , sich ihnen zuzugesellen , um auch seinerseits das Schloß in Augenschein zu nehmen . Da Schlurck dort oben gewohnt hatte , konnte er vielleicht erfahren , wie der Justizrath zu seinem Schrein gekommen war . Auch die schöne Melanie , von der er die Erinnerung hatte , sie schon in der Stadt gesehen zu haben , Melanie Schlurck , von der er so viel Phantasieanregendes vernommen , die er selbst im Walde an sich hatte vorbeisprengen hören - genauer nach ihr zu sehen , war er durch Hackert ' s Flucht und den Zustand seines Pferdes verhindert - auch diese konnte er vielleicht hoffen , irgendwo an einem Fenster zu erblicken . Sein Bruder , mehr wußte er nicht , hatte sie im Atelier des Professor Berg , wo sie malte , zuweilen beobachtet . Daß Siegbert , der neuerdings sogar in ihrem Hause war , durch ein Bild wegen ihrer verspottet sein sollte , wußte er nicht . Alle diese Dinge waren während seiner Abwesenheit in Angerode vorgefallen . Er selbst , zu voll von dem , was er dem Bruder zu erzählen hatte , war noch nicht dazu gekommen , ihn nach seinem eigenen inzwischen Erlebten zu befragen . Von den andern Namen , die Hackert und der Förster Heunisch genannt hatten , kannte er Niemand , selbst Eugen Lasally nicht persönlich , obgleich er zuweilen eines seiner Pferde ritt . Die Sphäre , in der Lasally lebte , war ihm aus vielem Betrachte widerwärtig und auch unzugänglich . Als er einige Schritte dem Fremden und seinem Knaben nachgegangen war , blieb er stehen . Man wird dich , wenn du dich ihnen anschlössest , für zudringlich halten ! sagte er sich . Und da oben um das Schloß herumschnuppern und der Eitelkeit der dort hausenden Menschen die Folie der Neugier geben , ist doch auch wol deine Sache nicht ! So blieb er unten , blickte noch einmal dem leicht hinaufhüpfenden Knaben nach , durchschritt einige Feldwege und kehrte wieder in die Krone zurück , wo er bestätigt erhielt , daß der Fremde wirklich aus Amerika käme und Ackermann hieße . Aber dem Namen des Knaben kam er wieder nicht bei . Man hatte ihn offenbar nicht verstanden und sprach ein Wort aus , das ihn mehr an einen indianischen Häuptling , als an einen christlichen Taufnamen erinnerte . Früh zur Ruhe sich legend , das stille Einathmen eines ländlichen Abends unter Sternengeflimmer und beim vollen goldgelben Julimondenschein sentimentaleren Naturen überlassend , hatte er die Absicht , am nächsten Mittag , wenn er sonst von Hackert und dem Prinzen nichts erfuhr , mit seinem Einspänner und dem anschmiegsamen Bello sich auf den Rückweg zu begeben . Kaum hatte er wol am Abend gedacht , daß am folgenden Morgen nicht nur eine nähere Bekanntschaft mit Ackermann und seinem Knaben ihm diesen Entschluß vereiteln , sondern auch eine abenteuerliche Kette von Misverständnissen aller Art ihn so umstricken würde , daß er sich für ' s Erste vom Fuße des Schlosses Hohenberg nicht wieder loswinden konnte und der Lage sich aussetzen mußte , dort die seltsamsten Dinge zu erleben . Zweites Capitel Selmar Ackermann Als Dankmar zwar in aller Frühe aber doch wiederum wahrnahm , daß Niemand sich nach ihm erkundigte , der Prinz und Hackert wirklich verschwunden waren , wollte er noch einmal zur Schmiede gehen und vor seiner Abreise von dem alten und jungen Zeck , die ihm doch ein gar sonderbares Paar schienen , prüfenden Abschied nehmen . Bello begleitete ihn . Das kranke und sonst so schweigsame Thier wurde an der Schmiede sogleich wieder unruhig und gerieth in sein schon bezeichnetes , dem alten Schmied so widerwärtiges Kläffen und Bellen . Es schien ihm schon von Ferne ziemlich lebendig unter und vor dem Dache der Schmiede . Da standen Wagen und Pferde , die die Hülfe dieser Dorfvulkaniden in Anspruch nahmen . Bauernbursche , herrschaftliche Stallknechte , auch einer von Lasally ' s Jokeys , der die » quihnende Laura « eben wieder in die Ställe des Schlosses zurückführte . Näher gekommen , merkte er , daß die meisten der hier Haltenden ungeduldig waren , lärmten und abgefertigt sein wollten . Aber nur der junge Zeck war zugegen und nahm in Ruhe , da er die Flüche nicht hörte , eine Arbeit nach der andern vor . Die Lärmenden mußten sich gedulden und zerstreuten sich durch Possen , die , seit sie Dankmar hörte , nur ausgelassener wurden ; denn die Menschen sind geborene Schauspieler und werden , beobachtet , im Guten und Schlimmen nur rührsamer . Bello sprang zwischen diesen Tumult mitten hinein und stöberte einen Flüchtling auf , dem seine Lebhaftigkeit doch bedenklich vorkam . Es war dies der junge Ackermann , der an der Schmiede unter ihrem von zwei Holzsäulen getragenen Vorbau dem Hufbeschlag zugeschaut hatte . Als die Reden der Bauernbursche zu derb wurden - sie kamen meist aus dem Ullagrunde , besonders vom reichen Bauer Sandrart - wandte er sich schon dem grünen Rasen zu , der rechts vom Hause lag und mit Obstbäumen bepflanzt war . Dort witterte ihn Bello und beängstigte ihn . Dankmar sah schon längere Zeit , wie der Knabe , der ihm denselben gefälligen Eindruck wie gestern machte , auch einer alten Magd zuschaute , die zwischen den Obstbäumen eine Leine zog , um auf ihr Wäsche zu trocknen , und ihr allerhand Antworten abzugewinnen suchte . Doch ein weichliches Ding ! sagte er sich . Was nimmt er an der Wäsche für einen unmännlichen Antheil ! Wie er die Sacktücher mustert ! Ich will glauben , er ist nur neugierig und will die Buchstaben lesen , mit denen sie gezeichnet sind . Bello hatte es vielleicht eigentlich nur auf die Alte abgesehen und erschreckte nur zufällig auch den Knaben . Dankmar bedeutete ihm Ruhe , trat dem Rasen und den Obstbäumen näher und knüpfte mit dem jungen erröthenden Amerikaner ein Gespräch an . Wo ist dein Vater , Kleiner ? fragte Dankmar mit einer Stimme , die ihm selber komisch vorkam , denn er suchte ihr den Ausdruck des Holden zu geben , weil sie Holdes anredete ... Oben bei dem Schmied ! war die schüchterne , verlegene Antwort ; ich erwarte ihn hier . In der That war das Feuer in der Esse am Verglimmen . Ein Eisen auf dem Ambos verglühte . Die Geräthschaften lagen alle so durcheinander , als wenn sie eben Einer im Nu weggeworfen hätte . Der junge Zeck konnte die Arbeit kaum allein zwingen ... Wie gefiel es dir gestern auf dem Schlosse oben ? sagte Dankmar , um sein Gespräch nicht sogleich wieder abzubrechen . Mir weit besser als dem Vater ! sagte der Knabe . Der hat freilich wol schon Vieles gesehen , was schöner ist , entgegnete Dankmar . Ihr kommt ja weit her ? Von Amerika , sagte der Knabe , und setzte nach einigem Besinnen hinzu : Aus Missouri . Aus Missouri ! Ja , ja ! Man erzählte mir ' s schon in der Krone , bemerkte Dankmar . Da seid ihr wol nur zum Besuche hier und werdet gewiß wieder übers Meer zurückwollen ? Das wissen wir selbst noch nicht , erwiderte der Knabe . Wenn es dem Vater wieder in Deutschland gefällt , bleiben wir ; wo nicht , kehren wir nach Columbia am Missouri zurück , wo wir gewohnt haben . Nach Columbia ! Am Missouri ! ..... sagte Dankmar herzlich ; so will ich wünschen , daß euch Alles hier erfreuen und befriedigen möge , damit wir nicht nur gute Menschen an Amerika verlieren , sondern deren auch welche von da wieder herübergewinnen . Der Knabe schlug zerstreut mit seinem Stöckchen auf einige hochstehende Grashalme ..... Dankmar fühlte , daß ein längeres Gespräch mit dem schüchternen und bescheiden die Augen niederschlagenden Kinde es ängstigen würde und brach , wenn auch ungern , seine Unterredung ab . Er konnte nicht umhin , dem Knaben flüchtig die erröthenden Wangen zu streicheln , worauf dieser vollends feuerroth wurde und sich geängstigt abwandte . Dankmar nickte noch einmal und wandte sich links zur Schmiede . Ein Wagen fuhr eben davon . Zwei Pferde , hinten angebunden , hüpften ihm , mit neuen Hufeisen beschlagen , lustig nach . Lasally ' s Jokey war gleichfalls verschwunden . Nur noch ein Reitknecht hielt den Huf eines Gaules , dem der junge Zeck , in Hemdärmeln , ganz schwarz berußt , die Hornhaut