Augenblick nicht im Überflusse sitzen , hören deswegen unsere Pflichten auf ? Sollen wir des , wegen nicht mehr Christen sein Denk auch , wenn wir später wieder zu Geld kommen sollten , so könnten wir das doch nicht mehr gut machen , was wir den Leuten weh getan , und was man uns deshalb nachgeredet hätte , wäre an unserm Namen kleben geblieben unabänderlich . Kosten soll es dich nichts . Ich habe auch noch Geld , welches mein ist , womit ich machen kann , was mir beliebt , dir geben oder andern Leuten , je nachdem ich es nötig finde , und habe ich keines mehr , so will ich schon zu Gelde kommen , das sage ich dir frank und frei . Betrügen will ich dich nicht , obgleich es mir ein sehr Leichtes wäre , des Jahrs viele viele Gulden in meine Tasche zu machen , ohne daß du das Geringste merken solltest . Aber weißt , das Geld , welches wir haben , sei es viel oder wenig , ist mein so gut als dein , ich verdiene daran so viel als du ; ich regiere die Haushaltung , du das Feld , stehe mit dir auf , gehe mit dir zu Bette , bin nicht deine Magd , sondern deine Frau . Zu billigen Dingen nehme ich Geld , frage oder frage nicht , nach meinem Belieben . Hältst du mir dieses vor , so rechne ich mit dir und will dir zeigen , wer daran schuld ist , daß wir kein Geld haben , du oder ich . « Uli war noch Keiner von denen , auf welche eine feste Sprache keinen Eindruck macht . Er besaß noch das Gerechtigkeitsgefühl , welches die Streitsucht dämpft , sobald das Recht des Andern klar ist . » Tue nur nicht so , « sagte er , » wie eine Katze am Strick . Es hat dir noch niemand gesagt , du sollest kein Geld haben oder du vergeudest , du tuest nichts . Daß du mit den Leuten bekannt bist , das wußte ich nicht , und wenn es einem zuweilen wunderlich in den Kopf schießt , das soll dich nicht wundem . Da sollte ich eigentlich Kühe kaufen , mit Pferden wäre auch was zu machen . Schweine müssen auch gekauft sein , du redest ja alle Tage davon , und kein Geld ! Ich liege da wie ein Hungriger , dem die Hände gebunden , das Maul verstopft ist , mitten unter Brot und Würsten . « Dieses Einlenken von Uli führte zu einer ehelichen anständigen Ratssitzung , in welcher man in reiflicher Erwägung , daß man kein Geld habe und solches bedürfe , beschloß : es solle das Nötige von Ulis Ersparnissen aus der Kasse erhoben werden . Vreneli schlug als zweiten Artikel vor , daß die übrigen ausstehenden Gelder mit allen Mitteln eingetrieben , die Schuldner zur Rechnung angehalten würden . Auf die Versicherung von Uli , das verstehe sich von selbst und bedürfe keines weitern Beschlusses , ließ Vreneli den Artikel fallen , und es wurde zur Tagesordnung geschritten . Fünfzehntes Kapitel Wie viel man an einem Tage gewinnen und wie viel man verlieren kann Am Sonntag also mußte Vreneli zu Gevatter stehen , da gab es einen kleinen Streit . Uli sagte : » Nimm das Fuhrwerk , es ist weit und die Rosse haben nicht viel geschafft . « » Will nicht die vornehme Frau machen , « sagte Vreneli , » das würde sich übel schicken für uns . « » Bist noch immer böse ? « sagte Uli , » das wäre dumm . « » Nein , « sagte Vreneli , » bin weder böse noch dumm , aber wo du recht hast , da gestehe ich es gerne . Ich will nicht über meinen Stand hinaus und nie vergessen , daß wir nichts haben und nichts sind als Arbeitsleute . Wir haben wohl Rosse im Stall , aber sie sind nicht unser , das große Bauernwesen ist wohl da , aber wir sind nicht der Bauer , und den Schein , als wären wir es , will ich mir nicht geben . Fahren ist für vornehme Leute oder wenigstens für solche , welche es scheinen möchten . « Und was Uli auch sagte , Vreneli blieb auf seinem Sinn . Als am Morgen in aller Frühe Vreneli zum Gehen fertig stund und noch links und rechts befahl , wie es gehen solle den Tag über , da wollte Uli dem Vreneli wieder kanzeln . Vreneli war ganz einfach angezogen , hatte nicht etwa die Hochzeitkleider an , um im Glanze aufzutreten , hatte nicht einmal seine schweren silbernen Göllerkettelein eingehängt und gar nichts von Seide am Leibe und doch derlei Dinge im Schranke . » Wann willst dann dies brauchen ? « frug Uli . » Das wäre ein Anlaß gewesen , die Kleider verderben dir , wenn du sie nicht brauchst . « » Habe deswegen nicht Kummer , « sagte Vreneli , » dafür laß mich sorgen , und wenn wir mal Bauer und Bäurin sind , dann sollst du Wunder erleben , wie ich aufziehen will . Bis dahin will ich lieber , die Leute sagen : Die kömmt doch gering da , her , sie werden es nicht besser vermögen , als : Die mag wohl , wird meinen , man wisse nicht , wer sie ist ; der wird es noch anders kommen . Sieh , Mannli , vornehm täte ich gerne ; im Guttätig- , nicht im Hoffärtigsein , da ist ein Unterschied , den mußt du noch lernen , er hat viel auf sich . Doch behüte dich Gott und lebe wohl , muß pressieren , es ist ohnehin wohl spät . « Als Uli dem Weibchen nachsah , mußte er sich gestehen , daß heute , trotz der einfachen Kleidung , wohl kaum ein schmuckeres Weibchen auf Berner Wegen gehen werde , als eins eben von seinem Hause ablief . Es war das erstemal seit seiner Heirat , daß Vreneli so weit von Hause sich entfernte , mehr als drei Stunden weit . Es war ein klarer , aber rauher Frühlingsmorgen , ein starker Reif lag auf den Feldern , Schnee bedeckte die niederen Höhen . Noch sah man bedeutendere Sterne am Himmel , die minderen hatte der beginnende Tag verschlungen , das heißt für Vrenelis Augen . Andere Augen , nur einige Stunden weiter , sahen es anders und Gottes Augen noch ganz anders . So geht es mit den Augen und der Sterne Bedeutung , und noch ganz anders mit den Menschen , welche man sinnbildlich Sterne nennt . Sterne hier könnte man zwanzig Stunden weiter nicht für Stallaternen brauchen , und noch zehn Stunden weiter wären sie nichts als schmutzige Öltöpfe oder winzige Talgstümpfchen . So einmal aus dem Gesurre des täglichen Getriebes herauszukommen , ist äußerst wohltätig . Es ist , als ob die Sinne freier würden , als steige man auf ein Berglein und übersehe nun den Wald , den man sonst vor lauter Bäumen nicht gesehen . So ging es Vreneli . Ihre ganze Lage rollte sich vor ihm auf wie eine Landkarte . Es sah die schönen Punkte , die steilen Höhen , die gefährlichen Pässe , es sah , wie mit Gottes Hülfe keine Gefahr für sie wäre , wenn die gehörige Vorsicht gebraucht würde , eine weise Sparsamkeit am rechten und nicht am unrechten Orte , kein närrisches Vertrauen in unbewährte Menschen . Wenn schon das letzte Jahr nicht das beste gewesen , so war es mit ihnen doch vorwärtsgegangen , nur hatten sie leider das Geld nicht beisammen , das machte Vreneli seufzen . Hätten wir es doch nur , dachte es . Was hilft viel lösen , wenn man nichts kriegt ? Viel versprechen kostet ja nichts , zahlen ist die Hauptsache . Mit Behagen dagegen überschlug es , wie sich ihr Hausrat gemehrt und ihre Vorräte , mehr als Uli dachte . Wenn es sein müßte , ein paar hundert Gulden ließen sich lösen aus Entbehrlichem , meinte es . Mit Behagen dachte es an seine Kindlein , deren es bereits drei hatte , die so lustig blühten , als wären sie drei Röselein im Garten , zählte sich die kleinen Handbietungen auf , welche Vreneli bereits leistete . Es freute sich , wie sie mehren würden , fast Tag um Tag , und dachte an die Zeit , wo das Mädchen sein rechter Arm sein werde , seine wahre Meisterjungfrau . Wenn nur die Pässe nicht gewesen wären mit ihren Grün , den und Schlünden . Es hätte Vreneli keinen Kummer gemacht , sie zu durchfahren , wenn es die Peitsche geführt , das Fahren in seiner Hand gelegen wäre ; es glaubte zu sehen , wo man mehr hüst und wo mehr hott fahren müsse , wenn man sicher durchkommen wolle . Aber das ist das Peinliche auf Fahrten und gar auf der Lebensfahrt , wenn man sich fuhr , werken lassen muß , sieht sich bald rechts am Abgrunde , bald links in den Lüften , kann nichts dran machen als höchstens hüst oder hott schreien . Der , welcher fährt , sieht Abgründe und Wände nicht , hört das Schreien nicht , fährt zu , immer blinder und toller , je mehr man wehrt und schreit , expreß hüst , wenn er hott fahren sollte , und hott , wenn hüst ihn retten könnte , er fährt , bis es aus ist mit dem Fuhrwerk , dann fängt er mörderlich zu brüllen an , wie man mit dem Wehren und Geschrei schuld sei am Unglück , hätte man ihn alleine machen lassen , es wäre ganz anders gegangen . Ach wie viele solche Fuhrwerke holpern wohl nicht auf dem Lebenswege , es wackeln die Räder , taumeln an den Rändern der Ab , gründe , Eins fährt , das Andere schreit , sie wackeln , sie taumeln , bis endlich das Fahren aus , das Fuhrwerk geborsten ist . Wie peinlich und angstvoll ein solches Fahren ist , ist so begreiflich , aber am wenigsten begreifts , wer die Zügel führt und die Peitsche ; kann er , so haut er , wer schreit und Pein zeigt . Wenn Staatswagen so karren und taumeln , ists noch schauerlicher und graulicher als bei Familienwagen ! Daran dachte Vreneli und wie das Ding wohl anzufangen sei , daß Uli so recht auf ihns höre , sich nicht umgarnen lasse von falschen Freunden , nicht umstricken von den Netzen des Geizes . Es fehlte ja nirgends als da , aber das war doch so gefährlich , daß ihm angst und bange ward bei dem Sinnen und Denken , der Weg ihm unter den Füßen schwand , ohne daß es es merkte , es am Häuschen stand , wo das Patekind lag , ehe es daran dachte . Im Häuschen sah es armütig aus und wehmütig das Hausgeräte und die Hausbewohner . Vreneli hätte seine Gespielin nicht wieder erkannt , hatte Mühe , sich zu überzeugen , daß sie es wirklich sei . Zu einem alten Weibe war das lustige Mädchen zusammengealtert , die blanke Haut war gelb geworden , und matt , sehr matt waren Gebärden , Schritte , ja selbst das Gangwerk ihrer Rede . Die Kinder glichen Zwetschgen , über welche ein früher Reif gegangen , der Kaffee war so dünn , die Milch so blau , daß sie , als beide zusammengegossen waren , aussahen akkurat wie der blaue Himmel , wenn ein leiser Nebel darüberliegt . Der Tisch wackelte , die Kaffeekanne machte ein weinerliches Gesicht , denn sie hatte Spalten , die Tassen waren zusammengeborgt , die Untertassen kamen hierher , die Obertassen dorther , sie sahen aus wie die Gevatterschaft selbst , welche aus einem kleinen , dummen Bauernsöhnchen und einer alten , grauen Frau und also Vreneli bestund . Die Kindbetterin war anfangs gegen Vreneli schüchtern und tat fremd , es schmerzte Vreneli fast . Zehn Jahre waren zwischen ihnen durchgeflossen , seit sie ein Herz und eine Seele gewesen ; diese zehn Jahre , wie weit hatten sie sie auseinandergerissen ! Jahre verknöchern sich gerne zu Bergen , stellen sich zwischen die Menschen , scheiden sie durchaus , höchstens sehen sie sich noch , kennen einander aber nicht . Wenn nun so nach zehn Jahren der Strom der Zeit Zwei zusammenschwemmt in ein Stübchen , daß sie bei einander sitzen , sich ansehen und Rede stehen müssen , so sehen sie einander an und lesen sich gegenseitig ein Blatt Weltgeschichte ab , und was sie sich gegenseitig ablesen , macht die Einen neidisch , die Andern dankbar , Andere demütig , Andere hoffärtig , Andere giftig , Andere wehmütig . Als das arme Weiblein Vreneli vor sich hatte , war es eben demütig und wehmütig , denn der Grund seines Gemütes war gut und treu . Es sah mit Demut an Vreneli auf , dem seine einfache , nette Kleidung so vornehm stund , Respekt einflößte , denn wer eine so einfache Kleidung so zu ordnen und zu tragen wußte , der war von Jugend auf in guter Kleidung und hatte daheim noch bessere , als es am Leibe trug , während man oft scheinbar kostbarer , aber verschliffener Kleidung von weitem ansieht , daß unter derselben ein verlumpt Hemd stehet und daheim nicht drei ganze sich vorfinden würden . Dachte mit Demut , wenn es gewußt , wie es geworden , es hätte nicht an ihns sprechen dürfen , aber schön sei es von ihm , daß es doch gekommen und seiner sich nicht geschämt . Dachte aber auch mit Wehmut , wie die Zeit sie verschieden gestellt , an ihm gezimmert und genagt , Vreneli zu einer Frau gemacht , dachte mit Wehmut , wie es erst in zehn Jahren sein werde , wie da wohl es zusammengemagert und , ein verdorret Laub , von der Erde verschlungen sein werde , während Vreneli vollständig zu einer Bäuerin sich abgerundet habe . Je mehr Vrenelis Freundlichkeit auf blühte , desto weh - und demütiger ward das arme Frauchen ; zwischenein kam die Freude , es zu sehen und zu gedenken der vergangenen Zeit ohne Gram und ohne Sorgen . Die Armütigkeit trat erst so recht hervor , als man das Kindlein schmücken wollte zur Kirche . So rein und schön , als sie können , zieren die Eltern das Taufkind aus ; es soll diese Sorgfalt so gleichsam ein Pfand sein , daß sie es schmücken und zieren wollen nicht bloß äußerlich zum Gang in den Tempel des Herrn , sondern von Stunde an auch innerlich und es auf , erbauen zu einem Tempel , darin der Herr wohnen mag . Da waren gelbgewaschene Windeln und keine ganze Käppchen , gar erbärmlich dünn das Decklein , in welches man es legte , und verschossen und schlecht das Tuch , mit welchem man es deckte . Das arme Kind mußte sich früh gewöhnen , daß des Lebens rauhe Winde ihm hart an die Haut gingen . Die alte Gotte hatte das grausam ungern , konnte sich gar nicht darein schicken , mit einem so schlecht angekleideten Kinde zur Kirche zu gehen . Wenn sie das gewußt hätte , sagte sie , sie hätte die Magd gesandt , die hätte dieses auch verrichten können . Das arme Frauchen hatte die Tränen in den Augen , entschuldigte sich bestmöglichst . Sie hätte Besseres leihen wollen , aber , fremd hier , hätte man allenthalben Ausreden gehabt ; da hätte sie gedacht , wegem lieben Gott hätten sie sich nicht zu schämen , den Leuten aber nicht mehr nachzufragen als sie ihnen . Da hätte sie es ja den Gevattersleuten können sagen lassen , die würden ihretwegen schon dafür gesorgt haben , zürnte die graue Alte , die eben auch nicht sehr appetitlich aussah . Da trat Vreneli ins Mittel , durch dieses unwürdige Geträtsche sehr bemüht . Es wolle das Kind schon tragen , sagte es , es schäme sich seiner gar nicht ; vielleicht sei das Kind welches Jesus unter die Jünger gestellt und gesagt : So ihr nicht werdet wie dieses Kindlein , werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen , nicht besser geschmückt gewesen als dieses , und allweg wollten sie Gott danken , wenn sie Beide Gott so wohl gefielen als dieses Kindlein , und ein Beispiel hätte man , daß ein Kind , welches nicht einmal ein Deckeli gehabt , sondern bloß in Windeln gewickelt gewesen sei , groß geworden sei und noch jetzt allen armen Sündern zum Heil . » Du wirst eine Stündlerin sein mit Schein , « grinste die Alte . » Nicht , daß ich wüßte , « antwortete Vreneli , » aber mich dünkt , man sollte sich in die Umstände schicken können , auf die Hauptsache sehen , an Nebensachen sich nicht stoßen , und dies um so mehr , je älter man ist . « » So , « sagte die Alte , » das wird sollen gestochen sein . Ja ja , es gibt Leute , sie meinen , sie hätten die Weisheit mit dem Breilöffel gefressen , und sehen den Dreck auf der eignen Nase nicht . He nun so dann , so gehts ! Bin alt , habe darum schon manchmal erfahren , daß unser Herrgott Solchen den Verstand mit der Muskelle anrichtet , und dann sagten ich und Andere : So recht , nur angerichtet , und je mehr , je besser . So sollte es allen gehen , welche besser sein wollen als andere Leute oder gar noch fromm . « » Ich sehe dich doch noch ? « frug das Fraueli weichmütig Vreneli . » Gewiß , « sagte Vreneli , » aber jetzt ists Zeit ! Gebt mir das Kind in Gottes Namen , und gehen wollen wir in Gottes Namen , und daß des Kindes Eingänge und Ausgänge sein ganz Leben lang alle geschehen in Gottes Namen , das wolle Gott . « Wie nötig das arme Würmlein das hätte , mußte Vreneli denken den ganzen Weg entlang , während die andere Gotte alle möglichen Manövers machte , damit die Leute nicht meinten , sie gehöre zum Kinde ; sie dachte nicht daran , wie wenig ihr alle Künste hülfen , da sie in der Kirche vor aller Leute Augen doch zum Kinde stehen mußte . Man kann allerdings nicht genug daran denken , wenn man ein arm Kind zur Kirche trägt , wie nötig dasselbe Gott habe , wenn das Elend der Sünde es nicht verschlingen soll . Der Taufschmaus oder , wie man merkwürdigerweise sagt , die Kindbetti ( wahrscheinlich , weil der Mann die Kosten dazu mit Weh und Schmerzen aufbringt ) wurde im Wirtshause ausgerichtet . Die eigentliche Kindbetterin blieb zu Hause , wohin auch das Kind getragen wurde . Vreneli verarbeitete grausam viel Langeweile , ehe die Mahlzeit aufgetragen wurde . Mit seiner Mitgevatterin stund es auf gespanntem Fuße , mit den Andern war nicht viel zu reden , die Wirtin war nicht redselig und der Wirt handelte mit Juden um Kühe . Der Wirt gehörte nämlich unter die Wirte , welche weder Sonntag noch Sabbat kennen , um alles handeln und die eigne Seele verschachern würden , wenn man sie an einen vierkreuzerigen Strick binden und weiterführen könnte . Wahrscheinlich um solcher Wirte willen wird der liebe Gott die Seele unsichtbar gemacht oder keinen Strick geschaffen haben , an dem man sie halftern kann . Der kleine Bauernsohn war ein Dorfrenommist . Ungeheure Heldentaten hatte er vollbracht , aber alle waren mit Schmutz angemacht oder nahmen ein schmutziges Ende . Vreneli kriegte großen Ekel darüber . Sobald es das Nötigste gegessen und getrunken hatte , verschwand es ganz in großem Stile . Der Wirtin trug es auf , später seine Entschuldigungen zu machen , nahm noch Wein und Fleisch mit sich , versteht sich für sein Geld , und machte dem verlassenen Fraueli sich zu . Über den so frühen Besuch war dieses fast erschrocken , denn so früh verläßt sonst selten eine Gotte den Patenschmaus ; es fürchtete , der Mann könnte es an ihm zürnen , daß Vreneli so frühe fortgelaufen . Indessen verlor sich dieser Schreck in der Freude , die alte Gespielin vor sich zu haben . Das Herz ging ihm auf , es erzählte Vreneli seine Geschichte . Diese war nicht viel anders als die Geschichte von Tausenden , aber sie ging Vreneli doch zu Herzen , als sei sie ihm neu von Anfang bis zu Ende . Leichtsinnig hatte sie sich mit einem Nebenknechtlein eingelassen , mußte ihn heiraten , hatten nichts erspart , bekamen ein Kind nach dem andern ; sie konnte nichts verdienen , er war von den Mittelmäßigen einer , welche nur geringen Lohn erhalten . Er war wohl fleißig , aber er war kein Meister in irgend einer Arbeit , konnte nur taglöhnern oder als Nebenknecht in einem Dienste stehen , wo er keinen besondern Zweig der Landwirtschaft eigen zu beschaffen hatte ; er war von denen einer , welche einen Tag nach dem andern hinnehmen , wie er kömmt , ohne Streben und Anspannung , durch Ausbildung seiner Kräfte oder tüchtigere Anwendung derselben seine Lage zu verbessern . So erzählte nun das Weib Vreneli so ganz ins Einzelne hinein , wie kümmerlich sie sich durchbringen müßten , wie Kreuzer um Kreuzer abgezählt werden müßte , welche Angst und Sorgen es verursache , wenn unerwartet Schuhe geflickt werden müßten , und welche Freude , wenn unerwartet ein Stück Brot ins Haus käme oder ein altes Kleidungsstück . Vreneli kannte diese Art von Haushaltungen im allgemeinen ganz gut , aber so ganz ins Kleinste hatte es sie nicht verfolgt , die ängstliche tägliche Pein nie so anschaulich vor Augen gehabt , als sie ihm jetzt durch seine Freundin dargestellt ward , so daß es ihm wurde , als sei es selbst mitten drin und müßte sie mitmachen Tag für Tag . Es hatte unsägliches Erbarmen mit dem armen Weibe , es fühlte , wie es in solchem Zustande , in welchem man zu wenig hat , um zu leben , und zu viel , um zu sterben , wo man keine Aussicht hat , ihn zu verbessern , die höchsten Hoffnungen nicht einmal mehr bis an eine Ziege reichen , höchstens bis an ein Huhn , namenlos unglücklich wäre , ihn nicht ertragen könnte . In einem solchen Zustande , gleichsam mit gebundenen Händen und Füßen , jahrelang bis ans Lebensende zu zappeln , in täglicher endloser Not zu verkümmern , die Brosamen zählen zu müssen und immer zu wenig zu haben , den eigenen und der Kinder Hunger zu stillen , das ist das Schrecklichste unter der Sonne . Es schauderte zusammen bei dem Gedanken , wenn es doch das erleben müßte , es konnte nicht begreifen , wie die arme Frau das so erzählen konnte ohne Jammer und Weinen . Es konnte nicht begreifen , wie sie fast noch mit einer Art von Behagen erzählen konnte , wie sie ihre Armütigkeit verwalte , es dachte nicht daran , wie der Mensch nach und nach an alles sich gewöhnt und auch daran , im engsten Raume sich zu bewegen und seine Tätigkeit in die kleinsten Schranken gebannt zu sehen . Wer an weite Aussichten gewohnt ist , an großen Geschäftsverkehr und weithin reichendes Wirken , dem scheint ein so eng beschränktes Dasein die schrecklichste Pein auf Erden , und doch würde er sich im Laufe der Jahre vielleicht daran gewöhnen , es erfahren , daß die Bürden , welche alle Menschen tragen , wohl anders aussehen , aber nicht so verschieden sind , als sie scheinen , daß ihre Schwere oder ihre Leichtigkeit nicht vom eigenen Gewicht abhängt , sondern von der Gewohnheit und dem Gemüte , welches sie trägt . Schwer trägt ein Kind an einem Pfunde , leichter der starke Mann einen Zentner . Vreneli fühlte das wahre Mitleid , fühlte , wie es ihm wäre im Mieder des armen Fraueli , gab ihm , was es bei sich hatte , und hieß es , ihns bald mit dem Kinde zu besuchen . Jetzt schossen dem armen Weibchen Tränen die Backen herunter , es stund vor Vreneli und konnte lange nicht reden . » Du bist immer das Beste , das gleiche Vreneli , « sagte sie , » bringst schon für das Kind schier mehr , als ich nehmen durfte , kömmst vom Wirtshaus , hockest da in meiner Armut , hörst einen ganzen halben Tag mein Gestürm an und gibst mir jetzt noch mehr , als ich dir abnehmen darf « Als Vreneli auf der Annahme bestund , dieweil es komme aus gutem Herzen und es nichts desto weniger es machen könne , sagte das Fraueli : » He nun so dann , so will ich es nehmen und alle Tage für dich beten , anders kann ich dir nicht vergelten . Du weißt nicht , aus welcher Not du mich ziehst und wie glücklich du mich machst , und ich kann es nicht sagen . Jetzt kann ich drei Batzen hier , sieben Batzen dort bezahlen , die ich geliehen hinter dem Rücken meines Mannes und die mich schon lange schlaflos gemacht . Ich brauchte sie nicht für mich , sondern für den Arzt ; mein Mann hatte gemeint , es sei nicht nötig , es werde dem Kinde schon bessern , wenn es Gottes Wille sei . Ich habe mein Sonntagsmieder versetzen müssen , das kann ich auslösen und vielleicht einmal Schuhe machen lassen . Nein , du gutes Vreneli , du weißt nicht , was du an mir tust , ein rechter Engel vom Himmel bist du mir , und unser Herrgott wolle es dir vergelten an dir und deinen Kindern . Gott Lob und Dank , jetzt werde ich wieder schlafen können , und wenn Gott uns gesund läßt , so wird es schon noch besser kommen , ich zweifle nicht . « So glücklich hatte Vreneli lange niemand gesehen , kaum Uli , als es ihm endlich Ja sagte , glücklicher gemacht als dieses arme Fraueli . Kaum konnte es sich von ihm trennen , was doch endlich sein mußte . Als Vreneli wieder allein war und seines Weges ging , da wogten die Gedanken stromsweise durch seine Seele . Das Glück des armen Weibes schwebte ihm vor den Augen . Das ist doch groß und schön , von Kleinem so glücklich werden zu können , das ist ein groß Gegengewicht gegen das tägliche Elend . Solch Glück wird denen nicht , welche man gewöhnlich die Glücklichen nennt , welche sich in einem Zustande befinden , welcher allen Wünschen zu genügen scheint , ein Glück , welches aber so langweilig und peinlich werden kann , daß schon mancher Engländer oder anderer Narr in Verzweiflung geriet und sich vor den Kopf schoß . Es überschlug , was es wohl noch alles hätte für das arme Weib , und erstaunte , wie reich es war an alten Schuhen , Strümpfen und andern Herrlichkeiten , welche es nicht mehr brauchen konnte und welche Schätze waren in diese Armut hinein . Es über , schlug , ob es sie nicht in seine Nähe ziehen , zu einem bessern Dasein ihnen verhelfen könnte ; das wäre ihm reich vergolten durch eine treue Seele , welcher es vertrauen und die es gebrauchen könnte im Hause für Dinge , welche man nicht gerne allen anvertraut , und von welcher es sicher wäre , daß sie nicht Partie mit den Andern gegen sie machen würde . Dann mußte es denken , in welcher ganz andern Lage es sei als seine Freundin , welche vor zehn Jahren , gleich berechtigt an das Glück der Welt , mit ihm auf einer Bank gesessen . Es hatte so oft Gott und der Base geklagt , hatte sich in gedrückter Lage gefühlt , Angst gehabt um ihr Dasein , Kummer , Sorgen aller Art , gemeint , die Zukunft sei eben eine schwarze Wolke voll Blitz und Donner , hatte es sich nicht schwer damit versündigt ? Es hatte gesehen nach denen , welche über ihm stunden , und nicht mit den Millionen sich verglichen , welche die untern Stufen der menschlichen Gesellschaft füllen , oder es hatte gar nichts verglichen , sondern bloß bitterlich geseufzt über seine Bürde , ohne zu bedenken , daß ohne diese kein Mensch sein darf auf Erden , so wenig als ohne Druck der Luft . Vreneli fühlte sich als eine reiche , vornehme Frau gegenüber der armen Freundin , es konnte schenken Schätze , konnte ihr Herz glücklich machen trotz einem Kaiser , hatte zu essen vollauf , Vorräte , brauchte mit dem Kreuzer nicht zu knausern , konnte seine Kinder kleiden lassen nach Bedürfnis und Verstand , hatte Hoffnung , es zu etwas zu bringen . Es stund vor ihnen eine weite Bahn , freilich vielen Wechselfällen ausgesetzt , auf welcher aber doch schon so Viele durch Fleiß und Nachhaltigkeit reich geworden . Da schämte sich Vreneli bitterlich und bis zum Weinen . So gehe es einem , wenn man nicht von Hause komme und bloß seine Sache sehe und seine Lage , warf es sich vor ; da werde man ungeduldig , undankbar , wisse nicht , wie gut man es habe , und werde unverträglich . Man wisse nicht mehr , wie alle Menschen an einander zu tragen hätten , meine , nur die , mit welchen man lebe , hätten ihre Fehler , wollten sie aus Bosheit nicht ablegen , machten einen mit Fleiß unglücklich ; sehe man sich aber um , so sei es anders , der alte Mensch sei überall und nur da am wenigsten drückend , wo man mit Geduld ihn trage , mit Sanftmut arbeite am neuen Menschen . Es kam ihns so eine rechte Wehmut an ,