seinem Geständniß auszuweichen , es noch zu verhindern , und sagte sanft aber ein Wenig zitternd : » Sie sagten mir , wie Sie zum Verständniß der Armuth gekommen , und ich bin Ihnen das Gleiche noch schuldig . Ich hatte im Institut , wo ich erzogen ward , einen Lehrer , den ich auf ' s Innigste verehre . Durch lange Krankheit seiner Gattin und ich weiß nicht , durch welches Mißgeschick noch , lebte er in der tiefsten Armuth , die er Jedermann verbarg . Aber ich habe erfahren , wie schrecklich auch dieser hohe Mensch darunter gelitten - und er lehrte uns Mitleid haben mit dem Elend und der Noth der Niedriggeborenen ; und als er zum letzten Mal von uns Abschied nahm von mir und von meiner guten Pauline , welche Sie gestern kennen lernten , so mußten wir ihm versprechen , auch in den Armen und Unwissenden den Menschen zu ehren und ein liebendes Schwesterherz ihnen zu bewahren . Pauline hat den größten Wirkungskreis dies zu beweisen und sie thut ' s , und durch sie hab ' ich hier die Noth der ärmsten Classen gesehen , vielleicht in ihrer schlimmsten Gestalt . « Er hörte ihr zu , ganz in ihrem Anblick versunken , er zog ihre Hand an seine Lippen und blieb so darauf ruhen . Dann sagte er : » So hat vielleicht nur dies Unglück , das Sie gesehen , düstere Schatten auf ihr Jugendleben geworfen , so sind Sie vielleicht nur unglücklich gewesen für Andere , und nicht , weil Sie selbst ein Leiden traf ? Elisabeth ! Dies Selbstvergessen - diese Engelmilde - - « Sie unterbrach ihn : » Denken Sie nicht zu schön von mir ! « sagte sie . » An jenem Tage , in jener Morgenfrühe , als Sie mich allein und weinend fanden , hatte ein egoistischer Schmerz mich niedergeworfen - ich hatte den letzten Abschied - vielleicht für ' s ganze Leben von meinem verehrten Lehrer genommen . Jetzt hab ' ich in das Unvermeidliche mich fügen lernen , aber daß ich ihn entbehre , hat mich noch manche Thräne gekostet . « » Elisabeth ! Wenn Sie den Freund verloren , der ihr Lehrer war - werden Sie den andern Freund verstoßen - den andern Freund , Elisabeth - der Sie liebt ? « Sie neigte sich zu ihm herab - er erhob sich von seinem Sitz zu ihr hinauf . - » Jaromir ! « flüsterte sie leise und hing zitternd in seinen Armen . Nach ein paar Minuten selig stummer Berauschung des Einen im Anschauen des Andern , wo bei dem innigen Anschmiegen ihre Augen einander wiederspiegelnd eine ganze wunderreiche Traumwelt öffneten , schreckten sie ein paar Vögel , die ein liebejauchzendes Brautlied sangen , aus süßem Selbstvergessen auf . » Wir müssen in das Schloß ! « sagte sie , entwand sich seinen Armen und ließ nur ihre kleine Hand in der seinigen , an der sie ihn aus der Rotunde zog . » Und wenn ich jetzt gehorche - darf ich morgen diese Stätte wieder betreten - wenn wir allein sind ? « fragte er . » Ich ruhe dort alle Nachmittage aus - « sagte sie schüchtern . » So sind wir morgen dort wieder vereinigt ! « gelobt ' er . Als sie jetzt wieder zur Gesellschaft , die bereits im Schlosse angelangt war , zurück kamen , war bei dieser das Gespräch über die Eisenbahnarbeiter wieder im größten Schwunge . Der Rittmeister hatte es jetzt glücklich in eine neue Phase gebracht , indem er , ein trauriger Beweis der täglich herabkommenden Aristokratie , diesen traurigen Umstand dem Ausschwung der Industrie zuschrieb . Er konnte es niemals Herrn Felchner vergeben , daß er seinen Wald in Besitz genommen und für Pauline die Hand seines Sohnes Karl ausgeschlagen habe . Er schimpfte also jetzt auf die Thyrannei aller Fabrikherren und nahm ihnen gegenüber die arbeitenden Classen in Schutz . Am Ende vereinigte man sich gar dahin , über die Ablösung zu klagen , die Abschaffung der ganzen Frohndienste als ein Werk zur Entsittlichung darzustellen , es schrecklich zu finden , daß auch der gemeine Mann auf dem Dorfe jetzt lesen und schreiben könne und diese für seinen Beruf ganz unnützen Dinge auch so unnütz anwende , daß er z.B. Zeitungen lese und daß nur aus dieser Ueberbildung alles Unheil komme . Denn die Eisenbahnarbeiter würden sich jetzt nicht erhoben haben , wenn die Presse sie nicht aufgereizt , daß aber die größte Ungerechtigkeit doch die sei , daß jetzt gemeine Bürgerliche , Industrielle die Herren der Welt wären , und daß gegen diese , weil sie eben nicht viel besser als sie selbst , der niedere Pöbel sich zu empören wage , während er vor einem adligen Wappenschild immer noch Respect gehabt . Man war so in das Gespräch vertieft , daß nur Aarens die Verspätung des Paares bemerkt hatte , aber doch ihren wirklichen Grund noch nicht ahnte . X. Versuchungen » Auch Dich beschimpfte man als Knecht - So oft die Stirn Du wolltest heben . Doch bist Du Mensch und hast ein Recht Auf Deinen Antheil Lenz und Leben ! « Alfred Meißner . Einige Tage später , als man eben Feierabend in der Fabrik des Herrn Felchner geläutet hatte , gingen Wilhelm und Franz miteinander von der Arbeit nach Hause . » Franz , weißt Du es schon ? « » Ich weiß Alles ! « » Und wußtest es wirklich schon voraus , wie Du vorhin sagtest ? « » Wußt ' es ! « » Und warum hast Du es verschwiegen ? « » Das ist einfach - damit nicht auch wir mit in ' s Unheil kämen . « » Nein , so ist es nicht - Du hast sie in das Unheil gebracht - Du bist an Allem Schuld ! « » Ich ? Bist Du rasend ? « » Mögt ' es bald fein , Franz , rasend vor Wuth - seit Du nicht mehr der ehrliche Kerl bist wie sonst , der Leib und Leben gelassen hätte für die Kameraden , wenn ' s zu helfen gegolten - jetzt bist Du feig und ängstlich geworden . « » Wilhelm ! Nimm Dich in Acht ! Das dürfte mir außer Dir Keiner sagen ! Und rede vernünftig , ich weiß nicht , wo Du hinaus willst mit Deinen Beschuldigungen . Nun schau - Du sagst , gleich am ersten Abend , wie es geschehen , sei der Adam aus Hohenheim zu Dir gekommen und habe Dir gesagt , daß die Eisenbahnarbeiter jetzt Feiertag machten . « » Ja , das ist wahr . « » Warum hast Du das uns nicht gleich gesagt ; hätten wir es gewußt , so hätten wir gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen können - wir hätten den Tag auch gefeiert . « » Daß Ihr rasend genug gewesen wäret - und die Soldaten hätten uns dann mit dem Bajonnette zur Arbeit gehetzt , wie sie es an der Eisenbahn gemacht haben . Dort arbeiten sie nun wieder gerade wie vorher , für dasselbe Geld , nur daß sie ein paar Tage Lohn eingebüßt haben , wo sie Nichts machten . Traurig freilich , daß es so ist , daß nicht einmal der sogenannte freie Arbeiter seine Arbeit verwerthen kann wie er will , und daß man aus dem , was sonst jeder Handwerker , jeder Kaufmann darf : seine Arbeit , seine Mühe bezahlt zu nehmen wie er will , den um Tagelohn arbeitenden Armen ein Verbrechen macht . Aber es ist ein Mal so ! - Das haben auch die Eisenbahnarbeiter vorher wissen können - und unter ihren Verhältnissen ist , was sie thaten auch wirklich Unrecht , denn es ist ein Wortbruch , da sie sich vorher anheischig gemacht hatten , um den ihnen einmal bewilligten Lohn zu arbeiten - sahen sie , daß sie es so nicht länger aushalten konnten , so hätten sie wenigstens einen gesetzlichen Termin abwarten sollen , wo sie die Arbeit in Ruh und Friede kündigen konnten . « » Aber das würde ihnen auch Nichts geholfen haben - im besten Falle hätten sie dann doch nur die Wahl gehabt : entweder für den kargen Lohn fortzuarbeiten , oder plötzlich arbeitslos - zu verhungern . « » Nun freilich schlimm genug , daß es so ist - aber wie kommst Du dazu , mir Vorwürfe zu machen ? « » Wenn wir gewußt hätten , daß unsere entfernten Kameraden sich erhoben , so würden wir ihnen gefolgt sein und gemeinschaftliche Sache mit ihnen gemacht haben . Dann wären wir ihrer gleich mehrere Hunderte gewesen und die paar Soldaten hätten Nichts vermogt . « » Nun , und was wäre denn dabei noch herausgekommen , da Du erst selbst sagst , daß wir auf diesem Wege nicht zu unsrem Rechte kämen ? « » Auf diesem Wege freilich ! - Aber was haben wir denn zu verlieren , warum sollten wir nicht einmal Alles wagen ? warum nicht wider die Reichen zu Felde ziehen - sie mögten dann sehen , ob denn wirklich in ihrem Gold ein allmächtiger Gott wohne , daß wir gar Nichts gegen sie ausrichten könnten ! « » Bruder , Bruder - lass ' diese frevelhaften Reden ! « » Ei ja doch - frevelhaft ! Und was sind denn die Handlungen der Reichen ? Nenne mir doch einen Frevel , den nicht sie an uns verübt haben ? Wir sind schon im Mutterleibe verflucht und von der Berechtigung als Menschen zu leben ausgeschlossen - und so geht es fort , Fluch an Fluch und Frevel an Frevel über uns , an uns , durch unser ganzes elendes Leben , und so geht es wieder fort auf unsere Kinder und Kindeskinder . - Aber nein ! So soll es nicht länger fort gehen seit dem Tage , wo mir jener Brief an Dich die Augen mit Eins geöffnet ! « » Ach , jener Brief , wär ' er nimmer gekommen ! « » Nein , das war ein Glückstag , wo er kam , den hab ' ich als meinen Feiertag roth angestrichen im Kalender . « » Wilhelm - meinst Du , ich habe nicht Alles das , was Du vorhin aussprachst , in meinen bösen Stunden auch gedacht , Tausend Mal mir gesagt , mir wiederholt , immer wieder und wieder ? Denkst Du nicht , ich habe oft Stunden lang in das unselige Papier gestarrt , es weggeworfen , wieder hergeholt , immer noch ein Mal durchgelesen - und dann mit mir gerungen und gekämpft Tag und Nacht ? Auf meine Kniee bin ich gestürzt und das Vaterunser , wie mich ' s allabendlich die Mutter beten lehrte , da ich ein Knabe war , ist mir wieder durch die Seele gezogen , und auf die Lippen trat immer das einzige Gebet : führ ' uns nicht in Versuchung ! « » Ja wenn Du immer noch denken willst : beten hilft ! « » Mir half ' s - ich habe überwunden , ich brauchte nachher nicht mehr zu beten , ich hatte endlich die Kraft , daß ich sagen konnte : Hebe Dich von mir , Versucher ! Und da ward ich sein los . « » Daß Du ein Feigling bist , mag ich nicht glauben - so bist Du ein Schwärmer , und mit solchen Leuten fängt man Nichts an . « » Sieh einmal , Wilhelm ! « sagte Franz mit milder treuherziger Stimme und Thränen traten dabei in seine Augen und mit seiner einen Hand ergriff er die Wilhelms , mit der andern klopft ' er ihm freundlich auf die Schultern : » Sieh einmal , Wilhelm , wir waren einander die besten Freunde , waren uns Herzensbrüder ! Wir hatten immer einerlei Meinung und haben zusammen manche gute Einrichtung zu Stande gebracht unter unsern Kameraden , wir haben das Beste gewollt und gestrebt , der allgemeinen Neth entgegen zu arbeiten , und habennie Etwas für uns gewollt , oft unsere letzten Groschen hingegeben . Für einander haben wir noch manches Härtere ertragen , aber mehr noch , als daß wir selbst Eines für das Andere zu Aufopferungen fähig waren , freute und stärkte es uns , daß wir in Allem gleich dachten , daß wir miteinander all ' diese Tausend Dinge besprechen konnten , welche für unsere Kameraden ein fremdes Gebiet sind - und daß dann Keiner von uns einen Gedanken oder ein Gefühl aussprechen , das nicht der Andere schon gehabt hatte , oder dann wenigstens sogleich erfassen und theilen konnte - und wie anders ist das jetzt geworden ! Es ist , als ob wir einander gar nicht mehr verständen - und obwohl wir noch allabendlich uns zusammenfinden , mit einander plaudern , so will ' s niemals mehr werden wie sonst - und obwohl Du mich gerade immer aufsuchst , begegnet mir doch Keiner der Kameraden so hart wie Du . « » Weil eben Keiner wie ich so auf Dich gebaut und vertraut hat - und sich nun so von Dir hintergangen sieht ! « » Hintergangen ? Doch ich begreife , wie Du das meinst - weil ich nicht Deinem unsinnigen Verlangen nachgegeben habe und unsere Genossen aufgehetzt , wie es einzelne Ausländer unter den Eisenbahnarbeitern gemacht haben . « » Nicht allein deshalb habe ich mich in Dir getäuscht , sondern weil Du auf einmal nicht einsehen willst , was allein vernünftig ist - Du , von dem ich immer besser dachte , als von mir selbst , den ich für verständiger hielt als mich und all ' die Andern - « » Ach , so thu ' dies nur auch das eine Mal , mißtraue Dir und Deiner unzufriedenen Heftigkeit , die Alles verderben wird - traue nur dies Mal meiner ruhigen Ueberlegung - ich habe das sonst nie von Dir gefordert , jetzt fordre ich ' s - Dich verblendet Leidenschaft - Du hast Dich irre führen lassen . « » Nein ! Ich habe nur zum ersten Mal begriffen , wie lange ich irre geleitet gewesen bin , wie wir Alle es sind , wie die ganze Gesellschaft es ist - jener Brief hat mir die Augen geöffnet . Du hast es nicht hindern können , ich habe mir daraus wenigstens eine Stelle abgeschrieben , und sie Einigen mitgetheilt . « » Wilhelm - um Gottes Willen , welche ? « » Diese - « sagte Wilhelm und zog ein beschmuztes Blatt Papier hervor , auf welchem stand : » Wir wollen nicht mehr länger geduldig unser elendes Leben fristen - wir haben Alle gleiche Rechte , gleiche Ansprüche auf gleiche Genüsse . Unsere Bitten rühren nicht die versteinerten Herzen der Reichen , freiwillig geben sie kein Theilchen ihres Besitzes ab . Es wird Zeit , daß wir ihnen nehmen , was sie uns nicht geben wollen . Wir haben ja Nichts zu verlieren , wir können schon einmal Etwas wagen . Ja wir können Alles wagen - es ist unsre Pflicht . Die Reichen mögen sich in Acht nehmen , wir werden sie aus ihrer behaglichen Ruhe aufschrecken . Wir haben Nichts mehr zu verlieren , denn wir haben schon Alles verloren durch ihre Erpressungen , ihre Betrügereien , ihren Privaterwerb , ihr Erbrecht . Sie haben zu verlieren , was sie uns entzogen - und das müssen sie verlieren . Man will uns sagen : das Bestehende dürfe nicht umgestürzt werden ! - Aber wodurch ist das Bestehende gut und unverletzlich gemacht ? Es ist schlecht , soll man das Schlechte beibehalten ? Aendere hieße die Ordnung stören , sagt man . Aber der jetzige Zustand ist kein geordneter , er ist eine Unordnung , da dem Einen mehr Recht gegeben ist , als dem Andern . Wäre es Ordnung , wenn Millionen hungern und mit der Armuth kämpfen , während einige Tausend Reichthümer aufhäufen und mehr haben als zu einem glücklichen Leben nothwendig ? - Die Noth wird größer und größer - es handelt sich um Sein und Nichtsein des größten Theils der Menschheit - wir müssen siegen oder sterben ! - Nicht ewig wollen wir die Diener der Reichen sein , wir haben gerechte Ansprüche an das Leben und das Leben soll uns unsern Antheil nicht länger verweigern ! « Wilhelm hatte das laut gelesen und sagte jetzt : » Und bist Du noch nicht überzeugt ? Mein Wahlspruch ist : Wir müssen siegen oder sterben ! Aber bisher hat unsere Loosung wie ein häßlicher Reim darauf gelautet : Wir müssen kriechen und verderben ! Denkst Du noch immer so ? « » Es sind schlimme Zeiten jetzt und grausame Gesetze herrschen ! Ich habe das offen vor aller Welt gesagt , eh ' Ihr Andern noch daran dachtet - aber es werden einst bessere Zeiten kommen und auch die Armen werden ihre Menschenrechte finden - aber nicht dadurch , daß sie dieselben verletzen und sich auch noch des letzten Scheines davon , welchen man ihnen gelassen hat , sich freiwillig entledigen . Ich weiß , daß meine Bücher allein mit ihren Bitten und ihren Anklagen Nichts ändern können - aber sie helfen dazu beitragen , daß man unsere Sache prüfen lernt , daß hochherzigen Menschen , welche bis jetzt mit edler Begeistrung ihre Pflichten ein Volk zu vertreten , oder für die Freiheit und den Fortschritt in geistreichen Schriften zu kämpfen - zu genügen glaubten , wenn sie die Sache der Bürger führten - daß diesen die Augen aufgehen werden , daß es noch unter der Classe der Bürger eine noch tiefer gestellte giebt , welche auch einen großen Theil des Volkes ausmacht , und die sie bisher übersehen konnten , - dann werden sie auch unsre Sache führen und so wird es auf dem Wege friedlicher Fortentwicklung auch für uns besser werden . « » Wenn vorher noch Millionen zu Grunde gerichtet worden sind . « » Und wenn es so sein müßte - sie werden zu Grunde gehen auch auf anderem Wege . - Siegen oder sterben , soll Deine Loosung sein ? Aber siegen werden die nicht , die Du in einen ungerechten und ungleichen Kampf führen mögtest , die dann von keiner Ordnung Etwas wissen und nur einem unklaren , wilden Drange mit Rachegefühlen und entfesselten Leidenschaften überlassen bleiben , um mit diesem Unheil zu stiften - nicht nur Unheil für die Reichen , sondern auch Unheil für die Armen . Siegen werden diese in Unwissenheit und Druck aufgewachsenen Massen nicht gegen eingeübte Heere , gegen die geistige Ueberlegenheit ! Und sterben ? Sterben werden vielleicht ihrer Viele , und das mögte sein , denn sie sind dann erlöst - aber Viele , viel Tausende werden nicht sterben und als Lohn für ihren kühnen Versuch in immer härtere Sclaverei , in immer größeres Elend zurückgestoßen werden . Willst Du dies Loos auf Deine unglücklichen Brüder wälzen ? « Wilhelm hatte mit immer finstrer werdenden Mienen zugehört - jetzt schüttelte er Franz ' s Hand heftig , ließ sie los und sagte dann mit dumpfer Stimme : » Du überzeugst mich nicht anders , gieb Dir weiter keine Mühe mehr , von nun an trennen sich unsre Wege , bis Du vielleicht doch noch zur Erkenntniß kommst und den meinen betrittst . « Hastig ging er zur Thüre hinaus , Franz sprang ihm nach - Wilhelm drängte ihn zurück : » Lass ' es gut sein , « sagte dieser , » es wird mir schwer , Dich nicht mehr als Bruder zu betrachten - aber ich trage nicht die Schuld ! Vielleicht besinnst Du Dich noch anders - doch nein ! Du wirst freilich Nichts gegen unsere Fabrikherrn unternehmen - er ist ja der Vater Deines Liebchens ! Sich ! Vor der Versuchung hättest Du Dich bewahren sollen . Das vornehme Fräulein hat Dir ' s angethan - daß Du nun zu keiner That mehr kommen kannst , die ihr vielleicht ein schönes Thränchen kosten könnte - aber schau doch ! Wenn sie arm wäre und Du reich , so könnte sie doch Dein werden - so wird sie ' s nimmer . - Wie , hättest Du nun nicht Lust , die Ordnung der Dinge einmal umzukehren ? « Franz stand erschüttert still - vorher hatte es ihm nie an Worten gefehlt , den Freund , der nun sein schlimmster Gegner geworden , zurück und zurecht zu weisen - jetzt war er plötzlich verstummt . » Hab ' ich ' s getroffen ? « rief Wilhelm triumphierend . » Gut ! Ich lasse Dir noch ein Mal Bedenkzeit . Verächtlich ist es und dumm zugleich , wenn Du unsere Thrannen und all ' seine Helfershelfer , Deinen Thrannen und den Tyrann Deiner Brüder schonen willst um eines hübschen Kindes willen , das sich zum Zeitvertreib und aus Langerweile zu Dir herabgelassen - aber edel wär ' s , wenn Du auch Etwas wagtest , sie Dir zu erkämpfen , und was außerdem vielleicht mißlänge , würde durch die Liebe gelingen ! Ich lasse Dich mit Deinem Herzen und Deinem Verstand allein - die werden Dir ' s noch deutlich vortragen , wie ich ' s meine . « Er ging . Franz war wieder allein in seinem Kämmerchen , allein mit dem aufgeregten Innern , in dem jetzt Wilhelm geschickt einen neuen Kampf aufgeregt hatte . Daran hatte Franz noch nicht gedacht , was Jener jetzt mit rohen Worten und plötzlich angeregt hatte . Als der Mann des Volkes mit sich gerungen und all ' jene Versuchungen bekämpft hatte , welche in ihm selber rege geworden , oder von außen zu ihm herangetreten waren , so hatte er immer nur das große Ganze vor Augen gehabt , er hatte niemals an den besonderen Fall , niemals gerade an sich selbst , seine eignen Verhältnisse und seine nächste Umgebung gedacht . Er hatte sich nur als Einen betrachtet , der , aus der Masse des verdumpften Volkes aufgewacht , gewahrte , wie er und Alle , welche in Armuth und Niedrigkeit bei drückender Arbeit beschwerliche Tage abhaspelten , um die einfachsten Menschenrechte gebracht seien . Er bemühte sich , dies verlorene heilige Eigenthum vieler Tausende wieder erringen zu helfen , indem er die Noth der Arbeiter vor aller Welt erzählte , indem er durch den Verein der jungen Arbeiter unter diesen selbst sittliche und bessere Elemente zu ihrer Geltung zu bringen suchte . Als nun jenes anonyme Schreiben mit seinen verführerischen Theorieen , seiner glänzenden Veredtsamkeit und seinen goldnen Verheißungen ihn so erschütterte - ganz neue Gesichtskreise ihm aufschloß und ihm die Weit durch ein seltsam verkehrt geschlissenes Glas ansehen ließ , daß er Mühe hatte sich mit seiner geistigen Anschauung noch in dieser wirr gewordenen und verrückten Weltordnung zurecht zu finden - als er darin weiter den offenbaren Aufruf zur Empörung und Grwalt gelesen - so hatte er dies Allgemeine noch immer nicht auf seine besondern Verhältnisse bezogen . Er war einige Augenblicke schwenkend geworden - er hatte so viel neue Lebensansichten vernommen , wie sie ihm bisher noch niemals durch die Seele gezogen waren , und er mußte ihnen erst genau in die Augen sehen , ehe er sie verwerfen , eh ' er die unreinen Geister , welche sich an ihn herandrängten , von sich stoßen und verdammen konnte . Er hatte nur geprüft , ob diese neue Weltanschauung die rechte sei , oder seine alte - und da er erstere falsch gefunden , hatte er sich mit Abscheu von ihr abgewendet . Es war ihm nicht gelungen , Wilhelm zu einer gleichen Ueberzeugung zu bringen , das hatte Franz für Wilhelm mitleidig gestimmt , aber diesen gegen ihn erbittert . Sie waren nun einander Gegner geworden , denn wenn Wilhelm unter den Kameraden die Ansicht zu verbreiten suchte , daß sie auch recht gut wie die reichen Leute leben könnten , sobald sie nur den Muth dazu hätten und nicht von alten unseligen Vorurtheilen sich zurückhalten ließen , arbeitete dm nun Franz wieder entgegen und sagte , daß auf gesetzlichem Wege mit Ruhe viel Mehr erreicht werden könne , als wenn man es versuchen wollte , sich mit Gewalt gegen die hergebrachte Ordnung der Dinge aufzulehnen . Am Tage vor dem Aufstand der Eisenbahnarbeiter hatte nun Franz ein zweites anonymes Schreiben , durch einen unbekannten Knaben überbracht , erhalten , in welchem ihm der fremde Schreiber anzeigte , daß die Eisenbahnarbeiter einen ersten entscheidenden Schritt thun würden - ihre Arbeit einstellen , höhern Lohn fordern und wenn man dies nicht bewillige , wieder zerstören würden , was man bisher gebaut . Wenn die Fabrikarbeiter zu gleicher Zeit muthig genug wären , ihr verhaßtes Joch abzuschütteln , so sei vielleicht der Augenblick gekommen , wo die neue Welterlösung sichtbar beginnen könne . Man würde sich dann vereinigen und alle Arme auffordern , mit Theil zu nehmen an dem großen Kriegs- und Siegeszug der Armen wider die Reichen . Dies Schreiben hatte Franz sogleich verbrannt , damit es nicht in unrechte Hände falle , am Wenigsten in die Wilhelms , von dem er jetzt Alles fürchtete . Er selbst hatte sich entschieden , aber traurig abgewendet von diesem Bilde kommenden Elendes , welches das jetzige nicht lindern , sondern nur vermehren könne . Als nun jetzt Wilhelm ihm vorwarf , daß er vielleicht nur um Paulinens willen eine verwegene That scheue , so riß ihn diese Beschuldigung in ein tobendes Meer innerer Zweifel und harter Seelenkämpfe wieder hinein . So roh und abscheulich ihm auch Wilhelms Worte klangen , er war mißtrauisch und streng gegen sich selbst und prüfte sich genau , ob dennoch nicht in irgend einem kleinen Winkel seines Herzens er einen Altar für Pauline wie für eine Heilige aufgerichtet habe , auf dem er all ' seine andern Gelübde und Schwüre opfere . Aber er fand sich ohne Schuld . Und wie er so ihrer dachte , da trat ihr Bild in aller mädchenhafter Lieblichkeit vor ihn hin , da meinte er den innigen , liebenden Blick ihres Auges zu sehen und den zärtlichen Händedruck der kleinen weichen Hand zu fühlen - und da gellten ihm plötzlich wieder Wilhelms Worte in die Ohren : » wenn sie nun arm wäre und Du reich , so könnte sie doch Dein werden ! - Wie ? Hättest Du nun nicht Lust die Ordnung der Dinge umzukehren ? « Sein ganzer Körper zitterte in unaussprechlichem Verlangen , sein Herz schlug höher in brünstigem Sehnen . Was litten denn die Andern , daß sie wider die gesellschaftliche Ordnung murrten ? Hunger , Frost , niederbeugende Noth und lästige Arbeit - aber er litt Tausend Mal mehr ! Ihm war jetzt , als habe an ihm allein sich die Gesellschaft versündigt , denn sie nahm ihm die Geliebte ! Dieses Gefühl , das er so rein und heilig in seinem Innern trug , ward es nicht zum Verbrechen , zur Tollheit gestempelt von der Gesellschaft ? Und was gab es denn noch Großes und Schönes auf der Welt , wenn nicht dies Gefühl seines Herzens dazu gehörte ? Aber was half es , daß dieses Herz so in inniger Liebe , daß es so groß und begeistert schlug - dies Herz schlug ja unter Lumpen , und die , für welche es schlug , hätte ihren zarten Leib mit blinkendem Gold bedecken können , wenn sie es nicht verschmäht hätte . Welch ' eine unvernünftige Gesellschaft , welch ' eine frevelhafte Unordnung in den bestehenden Verhältnissen mußte das sein , die um solcher Erbärmlichkeit willen zwei gleichschlagende Herzen für immer auseinander riß ? War es nicht gerecht und natürlich , sich wider eine solche Ordnung der Dinge zu empören ? Er konnt ' es nicht mehr aushalten in der engen Kammer , er lief hinaus , fort in die Nacht , in ' s Freie . XI. Berathungen » Sie hörens nicht , sie schlummern gut , Der Mahnung Zeichen kann nicht frommen . So mag denn über Dich , Du Brut , Du stolze Brut , das Aergste kommen ! « A. Meißner . Ein paar Wochen waren seit dem Tage vergangen , an welchem der Geheime-Polizeirath Doctor Schuhmacher mit dem Geheimrath von Bordenbrücken die lange geheime Unterredung gehabt , in welcher sich die beiden geheimen Männer erst so schwer über Eisenbahnarbeiter und Fabrikarbeiter verständigt hatten . Dieser Unterredung war am nächsten Tage eine gleich geheime gefolgt , in welcher der Geheimrath von Doctor Schuhmacher seine ganz besondern , geheimen Instructionen empfangen hatte . Man sieht , wie geheim diese ganze Verbindung der beiden Würdigen und Alles , was damit zusammenhing , war . Schuhmacher hatte jetzt nämlich seine werthe Person möglichst zu schonen , da er im Augenblick auf die bei ihm beliebten Vertleidungen , wo es galt , irgend Etwas auszugattern , das an sich nicht verdächtig war , sich aber doch bei einem geschickten Verfahren verdächtig machen ließ - nicht eingerichtet war und sie ihm auch im gegenwärtigen Moment und unter den jetzigen Verhältnissen nicht anwendbar schienen . Er hatte daher den Geheimrath zu seinem und seiner Regierung Vertrauten gemacht und theilte ihm jetzt eine der wichtigsten Rollen in dem Drama zu , von dem er in dem Aufstand der Eisenbahnarbeiter bereits ein kleines Vorspiel gesehen zu haben meinte - dem Drama , dessen Mitspieler er auskundschaften und das ganze Stück selbst auffinden , vielleicht auch gar erst verfertigen helfen wollte . Die Eisenbahnarbeiter waren vorher der genauen Beobachtung Schuhmachers entgangen , - den Fabrikarbeitern hatte er ein anderes Loos zugedacht - sie sollten ihm Mindestens eine bedeutende Gehaltzulage aus dem geheimen Fonds , einen Orden , vielleicht auch einen Titel und einige goldene Uhren und Dosen einbringen . Den Geheimrath machte er gleiche lockende Aussichten , um seinen Eifer gehörig anzuspornen und in allen Fällen seiner gewiß zu sein , was um so mehr wirkte , als Bordenbrücken einmal mit tiefster Indignation geäußert hatte , daß er der einzige