Welt und der Seele , die mit mystisch seligem Schauer die Offenbarung der Liebe empfing . Das Halleluja das am Schluß die Hirten , die Magier und die Könige sangen - die Armuth die Weisheit und die Macht ! - und in das die Engel wie aus seliger ferner Höhe herab einstimmten , war ein Meisterwerk der Idee wie der Ausführung nach . Sedlaczech componirte den Text immer selbst , immer lateinisch und möglichst bibeltreu , und die feierliche majestätische Sprache , die man nie in einer Opernarie , nie in einer Chansonette , Romanze oder Bolero gehört , verstärkte den religiösen Eindruck außerordentlich indem sie die Ausdrucksweise beseitigte , welche profane Gedanken mit sich bringen . Diese Vigilie der Heiligen Nacht wurde unser Aller Lieblingsmusik . » Wo ist Ihnen diese Vision aufgegangen , Fidelis ? « fragte ich ihn eines Morgens als wir allein im Musikzimmer waren . » In Venedig , « sagte er . » In Venedig ? als wir zusammen dort waren ? « » Ja ! aber erst in Rom wurde sie mir klar genug um sich in Tönen fassen zu lassen . Bis dahin .... umrauschte mich ein melodischer Strom , dem keine Einzelheiten abzugewinnen waren . « » Es müßte von hohem Interesse sein zu erfahren wo und wie die Ideenkeime großer Kunstwerke oder großer Thaten sich einer Seele bemeistert haben . Es müßte uns wichtige psychologische Aufschlüsse geben . « » Und würde uns zu tausend Trugschlüssen veranlassen ! rief er lebhaft . Der Geist Gottes , der alles gute , edle und schöne Thun hervorruft , weht wo er will und meistens ohne irdische Spuren . Wir können ihn nicht locken , nicht bannen ; nur ihm folgen ! aber am wenigsten ihn zersetzen . « » O Fidelis ! rief ich mit einem jener Ausbrüche von Schmerz die mich zuweilen überwältigten - wenn ich Sie sehe und höre - fest , klar , eins mit sich selbst , nicht forschend , grübelnd , deutelnd , Ihre Kräfte verschwendend , sondern sie sammelnd zum bewußten Ziel - sehen Sie , Fidelis ! so komme ich mir vor wie jene unseligen Adepten der vergangenen Jahrhunderte , welche grade wie ich das unbekannte Gut suchten und darüber das bekannte verloren . Schätze von Gold und Diamanten warfen sie besinnungslos in den verlockenden Schmelztiegel ! - Freuden , Pflichten , Gesundheit , ja sogar Vernunft und Leben , opferten sie dem Wahn ihrer Goldmacherei ! In Rauch lösten sich die Herrlichkeiten auf , oder schrumpften über dem schmelzenden Feuer und durch die zersetzenden chemischen Versuche zu Materien ein , welche ihren Erwartungen durchaus nicht entsprachen . Aber das Alles störte nicht den Reiz der Alchymie , nicht die rastlosen , verzehrenden Anstrengungen um den Stein der Weisen zu entdecken , der die Schätze der Erde und das Geheimniß des Lebens verlieh . Ich bin ein solcher Adept - nur nicht für irdische Dinge ! die himmlischen Güter mögte ich unermeßlich und unendlich besitzen ! « » So wenden Sie sich mit Hingebung , aber nicht mit Fragen denselben zu . « » Der Rath ist gut - nur kann ich ihn nicht befolgen ! meine Seele ist auf die Frage gestellt . « » So entschließen Sie sich .... zu leiden . « » Geh unter , weil du nicht schwimmen kannst ! - o wie oft hab ' ich so zu mir gesprochen ! « - sagte ich und bittere Thränen traten mir in die Augen . » Ich sage nicht : Geh unter ! ich sage : Kämpfe ! « » Aber wofür denn ? aber weshalb denn ? rief ich in Verzweiflung . O Fidelis ! Sie haben so recht die starre Kälte der Glücklichen ! ein frommer Mensch sind Sie und ein großer Künstler .... doch kein Freund , denn Sie geben mich gleichgültig auf . « Ich verstummte weil er plötzlich vom Flügel aufsprang und in heftigster Bewegung etwas entgegnen wollte . Aber mit ungeheurer Selbstüberwindung faßte er sich , schwieg , setzte sich wieder und spielte den Trauermarsch aus Händels » Samson , « der für den todten Helden erklingt . Als er ihn durchgespielt sagte er : » Sie wissen wol daß ich Ihr Freund bin . « Ich kann ' s nicht beschreiben , nicht einmal andeuten welch einen erschütternden Eindruck er auf mich machte ! Er fürchtet in mir eine Dalila ; - dieser Gedanke erfüllte plötzlich meine ganze Seele ; - und er will sich gegen sie waffnen und wird gewaffnet bleiben . Ich hätte diesen Willen ehren sollen . Ich weiß auch daß alle Frauen Zeter ! über mich schreien werden , weil ich es nicht that ; daß sie sagen werden : Also doch Koketterie , trotz all der Kälte ! - Aber ich weiß ebenfalls daß sie Alle es ebenso gemacht haben würden wie ich , nur vielleicht aus andern Motiven . Ich dachte : mein Gott ! wenn der Mann dich liebte , so lange , so immer .... das wäre doch eine Versöhnung mit dem Unbestand des Lebens , eine Errettung aus dieser Leichengruft des ewigen Zweifels ! - Und dachte ich ferner : Wenn er dich liebt - was wirst du thun ? - so war nie die Antwort : Ihn wieder lieben ! - sondern immer : Ihm danken , o Gott ! danken , wie man für das Leben - wie das Geschöpf dem Schöpfer dankt . - - - Ach ! als ob die Liebe sich mit einem auch noch so glühenden Dank begnügen könnte ! als ob sie nicht verkümmern oder verzweifeln muß wenn sie nicht volle Erwiderung findet ! Seiner einfachen ernsten Antwort entgegnete ich an jenem Morgen nichts ; aber er kam mir vor stärker als Simson , den er wie seinen Schutzpatron anrief , und es regte sich in mir etwas von jener diabolischen Neugier der Eva , welche um jeden Preis Dasjenige wissen will , was eine höhere Macht vor ihr verbirgt . Indessen imponirte er mir viel zu sehr und es widerstrebte auch meiner Natur zu sehr in Koketterie ihm gegenüber zu verfallen . Ich zeigte ihm eben nur wie sehr ich an ihm hing , ihm vertraute , auf ihn rechnete , mein Leben mit ihm eingerichtet hatte ; und er nahm das hin mit dem größten Dank , mit dem tiefsten Ernst , wie Jemand der sich mit seinem Loos zu bescheiden sucht , nicht mehr verlangt noch erwartet - aber in seinem verschwiegenen Busen und hinter seinen stummen Lippen eine ganz andre Sehnsucht trägt . Wendete sie sich zu mir ? - Ich wußte es nicht ! - Oft flüsterte mir mein guter Genius zu : Laß ruhen was ruht ! wecke nicht das Schlummernde ! Du hast es jezt besser denn je ! halte dich still ! - Aber nein ! dagegen stand ein andrer Geist auf und sprach : Im Traum verrinnt dein Dasein und mit ihm das Glück , das du immer verlangt und nie gefunden nie genossen hast ! aus der elektrischen Berührung einer starken flammensprühenden und zugleich tiefgesammelten Seele kann dir eine Metamorphose erblühen : versäume das nicht ! - Ueber diesen Zwiespalt fiel ich in Unruh und Beklommenheit , und die wirkte dermaßen auf Sedlaczech , daß er in eine weit heftigere gerieth . Etwas fieberhaft Gespanntes und Aufgeregtes überfiel ihn ; endlich hieß es er sei krank und könne nicht sein Zimmer verlassen . Mezzoni sprach von Heimweh , von Abzehrung , von nordischem Winter : mich überfiel Todesangst bei dem Gedanken er könne abreisen wollen . Ich schickte ihm den Arzt ; der empfahl ihm Ruhe , calmirende Mittel , Bewegung , Zerstreuung - im Grunde .... nichts ! denn es sei keine Gefahr vorhanden nicht einmal Krankheit . Mezzoni sprach aber immer vom nordischen Winter , der einen schwächlichen Menschen tödten könne . Ich versicherte ihn Sedlaczech sei durchaus nicht schwächlich . Er meinte man könne es werden . Das war richtig . Ich verbrachte einen qualvollen Tag . Am nächsten Morgen ließ ich Sedlaczech zu mir bitten , wenn ' s ihm möglich sei . Er kam ; aber er sah geisterhaft aus . Entschlossen fragte ich sogleich das was ich ahnte : » Ist ' s wahr , daß Sie nach Italien wollen ? « » Ich denke das wird am Besten für mich sein « - entgegnete er nach einer Pause in der er sich zu dieser Antwort Kraft gesammelt hatte . » Warten Sie bis zum Frühling , Fidelis , dann wollen wir Alle fort - nach der Schweiz , nach Italien .... wohin Sie wünschen , bat ich mit Thränen . » Mein Wunsch kann keine Richtschnur für Sie abgeben , theure Gräfin ! « sprach er sanft . » O doch ! doch ! lassen Sie mir die seltne Freude , daß ich Ihren Wunsch erfüllen darf ! ich habe wenig Menschen , Fidelis , ach ! ich mögte sagen keine - wenigstens keine Freunde , deren Wünsche mein Leben bestimmten . Gönnen Sie mir doch dies Glück . « » Mein Wunsch ist .... jezt und allein zu gehen ! « entgegnete er noch sanfter . » Und fühlen Sie nicht daß ich fürchterlich allein sein werde , wenn Sie gehen ? « » Nicht so wie ich . « » Daß mir ein belebendes und beseelendes Princip fehlen wird , welches die Nähe eines treuen und verständnißvollen Freundes , der Ihr Herz und Ihren Charakter hat , in mein hinfälliges Wesen bringt ? « » Nicht so wie mir . « Mir war als bräche er mit entschloßner Hand mein Herz entzwei . Ich wurde kalt und starr , mein Blut wie Eis , und so sagte ich : » Wolan , Meister , gehen Sie und .... beten Sie . « » Wenn ich kann , « sprach er tonlos . » O Sie können ! - beten können Sie .... aber nicht lieben , Fidelis ! « Er wich einige Schritte zurück , sah mich fest an und fragte mit einem furchtbaren Ernst : » Sie wissen also wirklich nicht daß ich Sie liebe ? « » Wer beten und glauben kann - der kann auch lieben ! - ich wußte es , Fidelis ! « rief ich und sank auf die Knie , überwältigt von ich weiß nicht welcher Macht , welcher Freude , welcher Angst , welchem innerlichen Jauchzen und Weinen , das mich mit heißem Dank in den Staub warf . » Heiliger Gott ! was nun ? « sagte er und preßte die gerungenen Hände gegen seine Stirn . » Nun bleiben Sie hier , Fidelis ! nun bleiben Sie bei mir , immer - o immer ! immer ! « sagte ich , stand auf , und ergriff sanft seine Hände , die ich auseinander löste indem ich hinzu setzte : » Nicht mehr in Qual dürfen sie gerungen sein , nur gefaltet in liebender Andacht , wie sich das für Sie geziemt . « » Und Sie verzeihen mir ? fragte er ganz , ganz leise . Sie kennen meine Gefühle und nennen sie nicht Thorheit .... nicht Vermessenheit .... nicht Wahnsinn ? - wie ich selbst so viel tausendmal sie genannt ! - Sie verbannen mich nicht von Ihrem Angesicht .... darf ich es glauben ? « » Warum wollten Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben zweifeln ? « sagte ich . » Weil dies eine Gewißheit sein würde , welche mich weit .... weit über alle Grenzen und Schranken des Daseins hinweg in die Seligkeit heben würde ! .... Weil es eine Himmelfahrt bei lebendigem Leibe wäre ! .... - O Sie sehen wol , Sibylle , daß man daran zweifeln muß , so lange man nicht rasend ist . « » Bleiben Sie immer bei mir , Fidelis ! entgegnete ich mit unbeschreiblicher Rührung . Ich kann ' s Ihnen nicht sagen wie glücklich Sie mich machen ! « Er sank vor mir nieder mit der nämlichen extatischen Geberde mit der ich einst im Dom zu Würzburg ihn auf den Knien gesehen , und dieselbe Ueberfülle der Empfindung stralte von seinem Antlitz aus . Und wie damals meine kindische Seele - so ward jezt die bewußte Seele gleichsam angedonnert von der Ueberlegenheit , welche die seine über sie hatte , blos darum .... weil er liebte . Klein und unwürdig erschien ich mir selbst , und mit unsäglicher Trauer sprach ich : » Fidelis ! ich bin Ihrer nicht werth . « Er hörte nicht auf mich ; er blieb in seiner Stellung , nahm meine Hände und sagte : » Ja , ich liebe Sie mit einer Liebe von der ich nicht weiß ob sie mir den Himmel ob die Hölle bringt .... aber ich liebe Sie ! - nicht jezt nicht früher , nicht seit dieser oder jener Zeit .... nein , immer ! eingeschreint in meiner Seele , wortlos , maßlos , grenzenlos , wie Sie es nie verstehen noch begreifen können , weil Sie nur den Maßstab der andern Männer haben , welche Sie zur Abwechselung liebten ! ich , ohne Wechsel , nur Sie ! nur Sie ! « Er sprach beinah flüsternd , wie man eben ein Geständniß macht , und doch mit einem solchen vibrirenden Nachdruck , daß mein Herz erbebte , und von diesem Beben aus ein leises Zittern durch meinen ganzen Körper rieselte . Wenn Geister unsichtbar an uns vorüberschweben , mag ein solcher Schauer die Folge ihrer unirdischen Nähe sein . Ich sagte : » Stehen Sie auf , Fidelis ! Sie sind außer sich .... und sprechen Sie nicht so heftig - ich bin nicht daran gewöhnt . « Er stand auf , sank in einen Lehnstuhl und entgegnete fast mitleidig : » Das glaube ich gern ! Arme Sibylle , so wenig sind Sie an die Sprache tiefer , das Leben durchglühender Empfindung gewöhnt , daß Sie vor deren Ausdruck erschrecken .... .... während mir kein andrer zu Gebot steht . Und so werden wir ewig wie auf zwei Planeten fern von einander bleiben , weil uns die unausfüllbare Kluft trennt , welche lieben von nicht lieben scheidet . Ich liebe Sie , ohne jene Zwischenspiele der Sinne , der Gedanken , der Phantasie , welche alle Menschen mehr oder weniger mit gutem Gewissen sich erlauben : daher ist meine Liebe von andrer Kraft , von andrer Sehnsucht , von andrem Schwung , und von einer Intensität , welche Vernichtung , Wiedergeburt und ewiges Leben in sich schließt . « Er hielt immer meine Hand ; ich kann nicht sagen daß er sie drückte , nein ! er hatte sie nur in der seinen begraben . Seine mächtige , ausgearbeitete , wunderschöne Hand , die ganz Nerv war , hielt mich wie an einem ehernen Anker . Er kam mir als der Herr meiner Seele vor . Wie der Magnet beim Nordlicht zittern soll , so zitterte ich .... denn zum ersten Mal in meinem Leben stand ich einer Leidenschaft gegenüber - der Leidenschaft eines Mannes , welcher unangetastet durch die Welt , die Jugend und den Frühling seines Lebens gewandelt war , und jezt , in dessen Sommer , mit all ' ihren Gewittern und Gluten , mit ihren langen Sonnentagen und ihren tropischen Sternennächten , mit ihrer unendlichen Fülle und unermeßlichen Sehnsucht mir entgegen trat . Gott weiß welche Himmel sich mir öfneten ! Gott weiß welch ein Paradies sich vor mir erschloß ! Ich werde ihn lieben ! blitzte es wie mit Stralen und Flammen auf mich herab . » Ich liebe Sie ! « stammelten die Lippen fast tonlos , fast gedankenlos , als Echo eines innern Traumes hervor . Mit einer elektrischen Vehemenz umschlang mich Fidelis ; aber im nämlichen Augenblick ließ er den Arm wie gelähmt sinken und sagte , mir tief ins Auge sehend : » Das ist nicht wahr , Sibylle ! .... Eine immense Seele .... aber leer ! « » Sie wollen mich lieben ! rief ich , und zweifeln daß jener Strom der Empfindung , der Sie so reich macht , in meine Brust hinüber wallen könne ? - daß jene Gluten die in Ihnen flammen in mir ein homogenes Element finden können ? - Aber , Fidelis , wogt die Liebe denn so ins Blaue ohne Ziel hinein ? erfaßt und umschlingt sie nicht ihren Gegenstand mit dem tiefen unabweislichen Bewußtsein ihres Rechts und ihrer Macht , welches in jedem unräsonnirten primitiven Gefühl liegt ? - Ist meine Seele leer , so lieben Sie mich nicht .... sonst müßten Sie darin den Reflex einer Sonne finden . « - - Er sank zu meinen Füßen hin und fand keine Worte mehr . - - - Er blieb . - Das Leben bekam eine wunderbare Färbung . Ich stelle mir vor daß es den Opiumessern so erscheinen mag .... wie durch einen rosenfarbenen wehenden Schleier ! Fidelis hatte ganz Recht : mir fehlte der Maßstab für seine Empfindungsweise . Mir war dergleichen nie vorgekommen , nie in mir , nie außer mir . Diese Intensität der Leidenschaft , die ein ganzes Menschenleben absorbirte , ließ andre Kräfte , andre Gaben , andre Fähigkeiten .... eine andre Organisation voraussetzen . » Wie sind Sie so ganz anders als die Uebrigen ! « sagte ich zuweilen mit ungeheucheltem Erstaunen . » Ja , ich bin ' s ! sagte er einmal ; denn es leben sich Alle in Bruchstücken ihres Daseins zu Tode , von frühster Jugend an . Das that ich nicht . Von diesen Tropfen am Nectarbecher des Lebens fühlte ich mich nie angelockt . « » Erzählen Sie mir den Gang Ihrer innern Entwickelung , Fidelis ! ich kenne Sie so lange , aber immer verschlossen schweigend . « » Schweigend ? hab ' ich nicht mein Herz in Ihre Hände gelegt ? spricht meine Seele nicht zu Ihnen in Rhapsodien der Liebeslust und Klage ? gießt sie nicht ihre tiefsten , traurigsten , süßesten Mysterien in Gedanken und Tönen , in Wort und Musik , wenn auch nur dithyrambisch vor Ihnen aus ? - Was soll ich in der Vergangenheit wühlen ? und doch ist sie mir lieb und heilig - denn Sie waren da , ewig da ! als Kind - lieblicher denn alle Kinder , und dann urplötzlich dies Kind verwandelt in ein Weib , und mir entrückt in jene Ferne und jene Heiligkeit die es mit der Himmelskönigin theilt - den Regenbogen zu ihren Füßen , den Morgenstern zu ihren Häupten - meinen Sinnen und Gedanken wie meinen Augen entrückt ! und dennoch mit mir in heiliger Gemeinschaft , denn das reinste Band welches unsre Sinnenwelt mit einer übersinnlichen verknüpft - denn die reinsten Schwingen welche Gott uns gab um zuweilen aus der Region des Staubes in die des Aethers aufzufliegen - wurden mein Theil ! die Kunst nahm mich unter ihren Sternenmantel und ihre heiligen Gestirne verdeckten mir die Dunkelheit meiner Wege , und ihre Sphärenmusik verbarg mir die unendliche Oede meiner Tage - bis allendlich mit einem Accord die Sonne mir aufging und mein Schöpfungstag anbrach . « » Und keine Erinnerung aus der Kindheit senkte ihren balsamischen Thau in dieses flammende , dürstende Herz , mein armer Fidelis ? « » O , rief er mit wildem Schmerz , wozu dies Zerwühlen der Vergangenheit , Sibylle ! « » Ich bin eifersüchtig , Fidelis . « » So wahr Gott über uns ist : in meiner Vergangenheit war nur das Weib das auch in meiner Gegenwart ist , und kein andres , Sibylle . « » Kein andres Weib und keine andre Liebe ? « Das Feuer in seinen Augen , die Farbe auf seinen Wangen , die Bewegung in seinen Zügen verschwand . Er legte die Arme auf die Lehne des Sophas und den Kopf auf die Arme indem er langsam die Worte der Apokalypse sprach : » Ich habe wider dich daß du verlässest deine erste Liebe . « Bei dieser Bewegung schob sein Aermel sich zurück und ich sah daß er einen Goldreif über dem linken Handgelenk trug . » Was für ein Amulet tragen Sie da ? « fragte ich und berührte mit dem Finger den Reif . Statt zu antworten reichte er mir die linke Hand ; ich betrachtete den Reif . Zwei Steine bildeten sein Schloß : ein Rubin , warm und glühend wie ein Tropfen Bluts , und ein wunderschöner Saphir , der wie ein Stern oder wie ein Auge beruhigend daneben lag . Ich weiß nicht was für eine melancholische Symbolik aus diesen schönen Steinen mich ansprach ! ich fragte traurig : » Also doch ein Abfall , Fidelis ? « Immer noch schweigend richtete er sich auf , zog aus dem Busen an einem schwarzen Bande ein goldnes Medaillon auf dem jene apokalyptischen Worte eingegraben waren , und drückte es auf nachdem ich sie gelesen hatte . Ein liebliches Miniaturbildchen kam zum Vorschein , ein süßes Köpfchen überflutet von blonden Locken und einem schwarzen Schleier , unter welchem zwei göttlich schöne dunkelblaue Augen , tief und stralend wie Saphire mit einem Ausdruck hervorblickten , der zittern machte - solch eine Glut und solche Schwärmerei schmolzen in ihrem Feuer zusammen . Ich fand eine unbestimmte Aehnlichkeit mit Fidelis , ungefähr wie eine Tochter ihrem Vater ähnlich sieht . » Ah Fidelis ! es ist also doch ein Weib in Ihrer Vergangenheit ! « rief ich mit Schmerz . » Eine Mutter ist kein Weib , « entgegnete er und legte die Hand beruhigend auf mein Haupt . Ich drückte sie dafür an meine Lippen und sagte : » Ich weiß es ja längst daß Du anders bist als wir übrigen Menschen , und dennoch erfüllt es mich immer wieder mit Andacht und Rührung ! - Aber erzähle mir von Deiner Mutter . « Fidelis verwahrte wieder das Bild im Busen , knöpfte sorgsam den Hemdärmel über dem Goldreif zu , damit kein profanes Auge seine Reliquien entweihe , und sagte : » Von meiner Mutter ! .... Ich kannte sie nicht ; ich wußte nichts von ihr ; ich wuchs auf in dem kleinen Städtchen Aussig in Böhmen bei meinem Pflegevater der für meinen Oheim galt und der Organist an der dortigen Kirche und ein tüchtiger Musiker war . Ich hatte eine wilde selige Kindheit . Ich verbrachte sie mit Musik und mit Wanderungen durch die romantischliebliche Gegend . Die Kunst und die Natur , und deren gemeinsame Mutter die Schönheit , theilten seit meinen frühsten Jahren den Cultus meiner Seele . Es war etwas in mir das Thränen in mein Auge trieb und mich auf die Knie warf , wenn ich ergreifende Musik hörte , einem Sonnenuntergang oder einem Gewitter zusah , oder einen Frühlingsmorgen auf den grünen , nußbaumbeschatteten Abhängen der Ruine Schreckenstein verlebte . Denn immer trug die Schönheit , welcher Art sie sei , für mein Auge eine Glorie ; sie war mir heilig . Nie vergesse ich den Moment als ich zum ersten Mal das Kleinod und den Stolz von Aussig , das Altargemälde von Carlin Dolce sah ! Ein kleiner Madonnenkopf ists im dunkelblauen Schleier . Eine Thür schließt sich sorgsam über dem Gemälde , das in einem Schrein von weißem Alabaster wie in einem Wandschränkchen über dem Altar verborgen ist und nur bei großen Festen oder wenn Reisende und Fremde es begehren , zum Vorschein kommt . Eine fremde Gesellschaft ließ sich das Bild zeigen ; ich war aus Neugier ihr gefolgt . Als sich die Thür aufthat , sank ich auf die Knie , und murmelte andächtig mein Ave Maria ! Als ich fertig war bemerkte ich zu meinem Erstaunen daß ich allein kniete , und daß eine lange dürre blonde Dame aus der Gesellschaft mich streng und mißbilligend ansah . Ich stand auf und schlich erröthend bei Seite , hörte aber wie die Dame mit scharfer Stimme sagte : » Bemerktet Ihr den fanatischen Ausdruck des Knaben ? ist es nicht unerhört daß solcher heidnische Götzendienst in unsrer aufgeklärten Zeit und in unsrer Nähe noch existirt ! « » Es ist sündhaft Kinder für die Heiligenverehrung dermaßen zu fanatisiren , « bemerkte ein fetter Herr mit großer Salbung . Obwol ich nur die Worte , nicht den Sinn verstand , machten sie mir einen starken Eindruck . Später sind sie mir oft eingefallen . Götzendienst ist : wenn die Form statt der Idee angebetet wird , wenn die Formel mehr gilt als der Inhalt , wenn die verknöcherte Gestalt ohne Geist jene Huldigungen empfängt , welche ihm gebühren . Demnach trieb ich damals keinen Götzendienst . Meine Pflegemutter , eine sanfte zärtliche Seele , und mein Pflegevater ein rechtschaffner warmherziger Mann , waren beide wahrhaft fromm und erzogen mich in wahrer , inniger Andacht und Liebe zu unsrer heiligen Kirche . Was in ihnen milde erquickende Frömmigkeit war , wurde in mir , zufolge meiner wilden schwärmerischen Natur , flammender Glaube , inbrünstige Andacht . Dies religiöse Element entsprach vollkommen der Richtung und dem Bedürfniß meiner Seele , und die Pflegeeltern nährten es sorgsam in mir . Sie hatten keine Kinder und liebten mich zärtlich , verwöhnten mich weit über meinen Stand , hatten unbegreifliche Nachsicht mit mir . Ich sollte in die Schule gehen ; ich that es nicht , es langweilte mich so sehr - der pedantische Lehrer , die gedankenlose Bubenschaar , die kahlen Wände der Schulstube , diese gräßlichen braunen Bänke und Tische ! - Menschen und Dinge kamen mir so unerhört häßlich vor , und draußen die Sonne , die Berge , der Fluß , die Vögel , die Schmetterlinge - ach Alles ! so schön , so wunderschön ! - Lesen hatte ich früh bei der Pflegemutter gelernt , der Legenden wegen die ich zu lesen wünschte , weil sie nicht immer Zeit hatte sie mir zu erzählen . Auch rechnen lernte ich bei ihr um ihr behülflich zu sein bei den Wirthschaftsrechnungen , die der Vater nicht immer correct finden wollte . Bis zum schreiben bracht ' ich es endlich auch noch - hauptsächlich durch den Gedanken angefeuert , Noten copiren und den Text darunter setzen zu können . Weiter nichts ! freilich auch Clavier- Orgel- und Geigenspiel und den Generalbaß ; aber in der Schule galt das nichts , sondern ich für einen dummen und trägen Buben . Es liefen Klagen über mich ein ; doch die Eltern meinten das müsse Schuld der Lehrer sein , denn Alles was sie mich lehrten lerne ich mit Fleiß , Ausdauer und Geschick . Es machte sich endlich so , daß ich im Winter mit Leidenschaft die Musik trieb , so daß ich ganz mager und abgezehrt wurde , und im Sommer mich davon erholte , meine Kräfte übte und meine Nerven stählte , indem ich wiederum mit Leidenschaft in Berg und Thal , stromauf , stromab umherschweifte . Tagelang blieb ich fort ! nach Tetschen pilgerte ich , und nach Teplitz . Einmal durchwanderte ich die sächsische Schweiz ; auf Prebisch-Thor hatte ich ein furchtbares Gewitter ; - in Schandau gesellte ich mich zu böhmischen Musikanten und setzte die ganze Bande durch mein Geigenspiel in Erstaunen . Liebe Erinnerungen - das ! Geld hatte ich nicht viel auf meinen Wanderungen . Der Vater schenkte mir nie Geld : ich mußte es mir mit Notenschreiben verdienen ; aber die Mutter gab mir zuweilen ein blankes Fünfkreuzerstück . Damit zog ich ins Weite . Sie sorgten auch nie um mich ! sie hatten Vertrauen zu mir und ich rechtfertigte es . Ich kehrte heim an dem Tage , zu der Stunde , die ich ihnen vorher bestimmt hatte . Aber ich selbst ließ mir nichts vorschreiben ! es mußte Alles nach meinem Willen gehen , jedoch blieb ich meinem einmal gegebenen Wort mit einer unerschütterlichen Festigkeit treu . Die Freunde und Nachbarn sprachen zuweilen ihr Erstaunen gegen meine Pflegeltern über meine seltsame Art aus , und fragten was aus mir werden solle . Dann sagte die Mutter immer mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit : » Was Gott will ! « und der Vater meinte : » Ein tüchtiger Musiker . « Zu Letzterem war ich fest entschlossen . Musik ! Musik ! ich begriff nichts Anderes , und begriff auch sie wiederum in meiner Weise . Die Seele welche ich der Natur und dem Weltall lieh , sprach zu mir in Musik . Ich hörte Musik auf den Wellen der Elbe , im Rauschen der Bäume , im Summen der Insecten - Musik am hohen heißen Sommermittag wenn tiefe Stille und Schwüle über der Natur brütete - Musik an Winterabenden wenn der Sturm pfeifend und sausend wie ein ungestümer Eroberer daher tobte - Musik in lauen Frühlingsnächten wenn ein süßer wilder Schauer wie ein träumerisches Erwachen der Leidenschaft , wie ein ätherischer , entzündender Kuß , die Natur durchrieselte . Die Berge hatten eine Stimme für mich ; sie hieß Musik . Ja die Sterne wandelten für mich am Firmament im harmonischen Reigen einher , und ich hörte Musik wenn ich zu ihnen emporsah . Aber gleichsam nach Innen mußte ich lauschen um all jene Musik zu verstehen . Meine Seele mußte jene ungeheuern Harmonien in sich aufnehmen und verarbeiten , und sie mir dann in ihre Sprache übersetzt mittheilen . Mein Pflegevater rieth mir meine musikalischen Gedanken aufzuschreiben ; ich that es auch nach den Regeln der Composition , die ich fleißig bei ihm studirte . Doch das waren schwache , matte Exercitien , und fand sich einmal eine musikalische Idee dazwischen , so war sie nichts als eine Reminiscenz . Die kleine kindische Seele hörte nur die gewaltigen Schwingen des Genius der Musik um sich rauschen und klingen ; sie zeigte nur Verständniß , nur Befähigung . Die Schöpferkraft liegt nicht in der Sphäre der Kindheit . Unsinn ist es sie von ihr zu erwarten , Missethat - sie erzwingen zu wollen . Wer