ihr inneres Auge den Erlebnissen der letzten Stunden zu . Alfred ' s unverhoffte Ankunft , Julian ' s Erkranken , der eben noch in Fülle der Gesundheit dagestanden , das Alles war so plötzlich und gewaltsam gewesen , daß es sie fast unmöglich dünkte . Sie kannte Alfred zu genau , um nicht zu wissen , daß er einen langen Kampf gekämpft hatte , ehe er gekommen war ; sie konnte an der Sehnsucht , die sie den ganzen Abend gehegt , ihn nur einen Augenblick zu sehen , das Verlangen ermessen , das ihn zu ihr geführt hatte . Wie mußte er gelitten haben , um so erschöpft zu werden , als sie ihn gesehen ? Und wenn auch er erkrankte ? Wenn das qualvolle Leben , das er an der Seite seiner Frau führte , ihn aufreiben sollte ? Wenn Alfred stürbe ? - Sie ertrug den Gedanken nicht , weil eine innere Stimme ihr zurief : Du bist es , die ihn in den Tod schickt - und sie sah ihn sterben . Schaudernd bebte sie zusammen und blickte in dem dunkeln Zimmer umher , sich zu überzeugen , daß nur ihre Phantasie ihr die entsetzlichen Bilder vorspiegele . Dabei fiel ihr Blick auf ein Päckchen , das sie vorher nicht bemerkt hatte . Sie glaubte , es könne irgend ein Medikament darin enthalten sein , das man aus Vorsorge hingelegt , und trat leise an den Tisch , es zu untersuchen . Es war an sie adressirt . Beim Oeffnen fielen ihr lose , beschriebene Blätter entgegen , Gedichte und Aufsätze von Alfred ' s Hand . Dabei lag ein Brief , dessen flüchtige , unregelmäßige Schriftzüge , abweichend von der schönen Regelmäßigkeit seiner Schrift , deutlich das Gepräge der Aufregung trugen , mit der sie auf das Papier geworfen waren . Das Schreiben lautete : » Mein Felix ist zur Ruhe gegangen , ich bin allein in meinem Zimmer . Was sage ich ! allein ? - Steht nicht Dein geliebtes Bild mit dem Zauber seiner stillen Weiblichkeit vor mir ? Ich breite meine Arme verlangend nach Dir aus , die Sehnsucht der letzten qualvollen Zeit , den Schmerz des heutigen Abends aufzulösen in dem einzigen Gedanken : Ich liebe Dich . Eine neue Offenbarung ward , nach dem lieblichen Glauben des Christenthums , leuchtend geboren in dieser Nacht . Ein Stern ging auf an dem dunkeln Himmel . Du bist der Stern , der in mein Leben geleuchtet , von Dir wende ich mein Auge nicht ab , Dir muß ich gläubig folgen , wie die Könige aus dem Morgenlande dem Stern im Osten . Ich habe gethan , was Du verlangst . Ich leide in Ketten , die mich erdrücken - bist Du frei , bist Du glücklich dadurch geworden ? Mitten aus der kalten Eisregion , in der ich lebe und in der mein Herzblut stockt , ließ das Andenken an Dich diese Blüthen entstehen , glühend , wie die heißen Tropfen , die der Schmerz aus meinem Herzen hervorpreßt . Du hast sie geschaffen , Du allein sollst sie sehen . Nimm sie hin ! « In tiefer Erregung kehrte sie an das Krankenbett zurück . Gewiß hatte Alfred ihr diese Blätter senden wollen , dann aber mußte der Wunsch , sie zu sehen , übermächtig geworden sein und er hatte sie ihr gebracht , er war selbst gekommen . Was sollte sie beginnen ? Alfred von den Pflichten abwendig machen , die er und Julian für bindend erklärt , das konnte und durfte sie nicht . Sie sah , daß er die Ruhe nicht gefunden hatte , die sie für ihn erhofft , sie ward auch ihr nicht zu Theil , so sehr sie danach strebte . Was erwartete Alfred ? Was konnte er begehren , da sie ihm jede Hoffnung genommen hatte , die Seine zu werden ? Aber scheidet das arme Menschenherz denn von seinen Wünschen , so lange ihm noch der Schatten einer Möglichkeit bleibt , sie zu erreichen ? Mit einemmale tauchte in diesem Augenblicke der Gedanke in ihr empor : Wie ! wenn ich eine unumstößliche Scheidewand zwischen uns stellte ? Theophil ' s großmüthige Bewerbung fiel ihr ein . Er kannte ihre Liebe für Alfred seit langer Zeit , er bot ihr dennoch seine Hand . Wenn sie sie annähme , wenn sie Theophil ' s Frau würde ? Wie dankbar wollte sie einem Manne sein , der sie und mit ihr Alfred von den Leiden erlösete , aus denen sie keinen andern Ausweg sah . Alfred mußte sich dann beruhigen , er mußte sie zu vergessen suchen , er konnte die Frau eines Andern nicht begehren , sagte sie sich . Aber liebte sie selbst nicht Carolinen ' s Gemahl , und hatte sie trotz aller Kämpfe aufgehört , ihn zu lieben ? - Hier von dem Krankenlager des einzigen Bruders , das sein Todtenbett werden konnte , schweifte ihre Seele noch zu Alfred hinüber . Sie konnte des Bruders Leiden für Augenblicke vergessen , sie wollte Theophil ' s Gattin werden und trug das Bild eines Andern unauslöschlich im Herzen . Theophil , den hingebenden , vertrauenden Freund wollte sie für Alfred opfern , sich selbst zu einer Ehe erniedrigen , die den Keim des Unglücks in sich schloß , weil sie auf Unwahrheit gegründet war . So weit hatte sie sich schon von der schlichten Pflichterfüllung entfernt , die ihr Ziel gewesen war seit frühester Jugend , und wo war das Ende dieser Leiden ? - Angstvoll prüfte sie ihre Handlungen , blickte in die verborgensten Falten ihrer Seele und der Gedanke , sie könne in redlichster Absicht falsche Wege gewandelt sein , fing an sie zu martern , als Julian sich unruhig umherwarf und eine Hilfsleistung von ihr verlangte . Der lethargische Schlummer , der ihn bis dahin gefesselt , machte einem heftigen Fieber Platz . In beängstigenden Phantasien ergriff er die Hände der Schwester , und regungslos , die Augen in tödtlicher Angst auf Julian ' s bleiches Gesicht geheftet , kniete sie an seinem Lager , bis die ersten trüben Strahlen des Wintermorgens in das Zimmer fielen und mit der Nacht die wilden Träume des Kranken zu fliehen schienen . XV In den Stürmen , welche Alfred ' s Leben bewegt , hatte er Sophien ' s weniger gedacht und sie fast gar nicht gesehen . Julian ' s Bitte , sie nicht zu verlassen , fiel wie ein Vorwurf in seine Seele und schon am frühen Morgen des ersten Feiertages schickte er sich an , sie aufzusuchen . Briefe und Journale , die ihm gebracht wurden und die er lesen mußte , hielten ihn davon ab . Der Verwalter sendete ihm den Abschluß der Jahresrechnung , der höchst günstig ausgefallen war , als Weihnachtsgabe . Alfred sah die Papiere nicht an , jede praktische Beschäftigung war ihm lästig geworden . Der Besitz großer Reichthümer hatte so wenig zu seinem Glücke beigetragen , daß es ihm gleichgültig schien , wenn zu den Summen , die er besaß , sich noch neue ansammelten . Klagen seiner Arbeiter , Bitten um Erlaß von Abgaben blickte er flüchtig durch , und suchte durch Befehle , die er an den Rand schrieb , den Beschwerden abzuhelfen , die Forderungen zu gewähren . Aber das Alles war ihm nicht mehr Lust und Bedürfniß wie früher ; er that es , um es abgethan zu haben . Er fühlte sich kalt dem Kummer der Armen gegenüber , er hatte nur Sinn für die eigenen Leiden . Anfragen seines Buchhändlers , Kritiken seiner letzten Arbeiten legte er ungelesen von sich . Was war ihm das Urtheil der Menge ? Konnte es ihn beglücken ? Konnte Ruhm ihn vergessen machen , was er entbehrte ? Mit Erschrecken empfand er , wie er gleichgültig geworden sei gegen Alles , was ihm einst erfreulich und theuer gewesen , weil Ein Wunsch jedes andere Interesse überwog und ertödtete . Er kam sich abgestorben vor und legte misgestimmt die Papiere wieder fort , als ihm ein schwarzgesiegelter Brief in die Hände fiel , den er noch nicht eröffnet hatte . Die Handschrift war ihm fremd , er sah nach der Unterschrift und fand Ruhberg ' s Namen . Mit bedauernden Phrasen und schlechtverhehlter Freude kündete er Alfred den Tod des Domherrn Fernow an und meldete , daß er gleich nach Neujahr in die Stadt kommen werde , wo er die Ehre zu haben hoffe , Frau von Reichenbach , sein geschätztes Beichtkind zu begrüßen . Er bat Alfred , den kleinen Streit , der zwischen ihnen vorgefallen sei , zu vergessen , da der Domherr sterbend den Wunsch ausgesprochen habe , sie möchten sich zu christlicher Versöhnung geneigt finden lassen . Er schloß mit der Versicherung , wie er den innigsten Antheil an dem guten Einverständniß der Eheleute nehme , das er zu seiner großen Freude zum Theil als sein Werk betrachten dürfe . Die Heuchelei erfüllte Alfred mit Verachtung , und die Aussicht , den verhaßten Ruhberg bald in seiner Nähe zu wissen , war ihm eben so unangenehm , als der Tod des Domherrn schmerzlich . Er hatte einen treuen , zuverlässigen Freund in ihm verloren , einen liebenswürdigen Gutsnachbar , und seine Besitzungen einen geistlichen Hirten , der klar die Bedürfnisse der Zeit verstand und nach diesem Verständniß handelte . Er trug den Brief in Carolinen ' s Zimmer . Sie kam aus der Messe und hatte dort von andern Damen das plötzliche und gefährliche Erkranken des Präsidenten erfahren . Sie theilte es ihrem Manne mit , ohne zu ahnen , daß dieser bei dem Vorfalle gegenwärtig gewesen sei , und fragte ihn , ob er nicht hingehen werde , den kranken Freund zu besuchen . Alfred , von dem Vorschlag aus ihrem Munde überrascht , mochte seine Befremdung darüber nicht genug verbergen , so daß Caroline seine Hand ergriff und sagte : Glaubst Du denn , Alfred , ich hätte kein menschliches Gefühl ? Therese dauert mich sehr , sie wird Trost nöthig haben , gehe doch zu ihr . Er war von diesen Worten bewegt , er wußte sie ihr Dank und hätte sie umarmen mögen , wäre ihm nicht das Bewußtsein störend gewesen , er habe seiner Frau den gestrigen Besuch in Julian ' s Hause und die Widmung der Gedichte an Therese zu verschweigen . Er fühlte , wie die Nachsicht seiner Frau allein im Stande wäre , ihm das Opfer möglich zu machen , das er sich auferlegte . Er sagte ihr das offen , wie er es ihr bei ihrer ersten Zusammenkunft in Berlin gesagt , aber dies Vertrauen verstand sie nicht zu würdigen . Sei immer so gut , Caroline ! bat er , lehre mich , Dich wieder zu lieben , laß mich eine friedliche Heimath in meinem Hause finden , in der ich ausruhe von dem Kampf meiner Seele . Wir sind durch unsere Schuld in Verwirrungen mancher Art gerathen , stehe mir bei , uns daraus zu erlösen ; Du kannst es durch Güte und Sanftmuth . Mein Wille war redlich und gut und mein Kampf ist schwer . Sie versprach mit tausend Schwüren Alles , was er verlangte . Sie war nicht böse , aber ihre Seele hatte Schaden genommen in ihrer unglücklichen Ehe . Von jedem Aufschwung ihres bessern Gefühls sank sie in die Schwächen zurück , die ihr zur zweiten Natur geworden waren . Sie fühlte nicht , welche Ueberwindung es Alfred kosten mußte , vor ihr seiner Liebe und seines Kampfes zu gedenken ; sie begriff das ehrende Vertrauen nicht , das in seiner Bitte lag , ihm durch Güte und Nachsicht beizustehen . Es schien ihr , als müsse Alfred seine Liebe , die sie seit lange kannte , vor ihr verbergen ; und doch fehlte ihr die Schonung , dasjenige nicht errathen zu wollen , was er nach ihrer Meinung nicht gestehen durfte . Sie gehörte nicht zu den großen Frauenseelen , denen es möglich ist , in solchen Verwirrungen wie ein rettender Schutzgeist zu helfen und sie zu lösen . Ihr fehlte das einzige untrügiche Mittel dazu , die Selbstverleugnung und das rückhaltlose Hingeben an das Herz des Mannes . Hätte Caroline das vermocht , hätte sie den Muth und die Liebe besessen , Alfred Zeit zu gönnen , hätte sie sich zu seiner Vertrauten zu machen gesucht , so würde das Gefühl des gerechten Dankes , das sie ihm eingeflößt , zu einem neuen und dauernden Bande zwischen ihnen geworden sein . Aber diese Seelengröße war ihr nicht gegeben . Schon nach wenig Augenblicken bereute sie es , Alfred zu dem Besuche bei Therese aufgefordert zu haben , und sann auf Mittel , ihn dorthin zu begleiten , als ihm ein Diener ein Billet überbrachte . Es war von Therese und enthielt nur die Worte : » Julian hat ein Nervenfieber , sein Leben ist in Gefahr . Kommen Sie nicht zu mir , ich darf und will nichts denken , als ihn . Ich beschwöre Sie , kommen Sie nicht ! « Er las das Blatt und steckte es zu sich , ohne etwas zu sagen . Caroline hatte in der Adresse eine weibliche Handschrift zu erkennen geglaubt und begehrte in hellauflodernder Eifersucht zu wissen , was das Billet enthalte . Alfred wich Anfangs ihren Forderungen aus , endlich , da sie immer dringender ward , gab er ihr das Blättchen . So hast Du sie dennoch wiedergesehen ! rief sie aus . O ! ich Thörin , ich glaubte , Du würdest dazu meiner Erlaubniß bedürfen ! ich Thörin , die in blinder Gutmüthigkeit Dich bat ihr Trost zu bringen . Caroline ! sagte Alfred , ich habe Therese nur einmal gesprochen , ohne daß Du es weißt . Ich hatte mir ' s gelobt , sie nur in Deinem Beisein zu sehen ; aber der Unfriede des gestrigen Abends lastete zu schwer auf mir . Das Mistrauen hatte mich erbittert , mit dem Du Therese und mich auf ' s Neue beleidigtest ; mich erdrückte gestern Abend die Freud- und Lieblosigkeit in unserm Hause und fast ohne daß ich es wollte , fand ich mich in Theresen ' s Nähe nach langem einsamen Umhergehen wieder . Spare die Entschuldigung , meinte Caroline , außer sich vor Zorn , ich glaube Dir nicht mehr , und Du und sie Ihr verdient keinen Glauben . Alfred , einer der wahrhaftesten Menschen , empfand diesen Vorwurf schwer , ein neuer , lebhafter Streit entstand . Er endete mit solcher Erbitterung von beiden Theilen , daß sie sich im Laufe der nächsten Tage zu begegnen vermieden und sich auswichen , wenn sie zufällig irgendwie zusammentrafen . XVI Die Krankheit des Präsidenten hatte einen sehr gefährlichen Charakter angenommen . Als Alfred zu Sophien kam , war sie von derselben bereits unterrichtet und trat ihm mit der Frage entgegen , wie es Julian ergehe ? Er konnte ihr nicht verbergen , daß der Zustand sehr bedenklich sei , fügte aber hinzu , daß man dennoch bei seines Freundes kräftiger Natur das Beste hoffen dürfe . Sie hörte ihm ungläubig zu , lächelte schmerzlich und sagte : Ich hoffe nichts , Julian wird sterben . Sehen Sie , mein Freund ! diesen Rosenstock brachte mir am Weihnachtsabend ein Knabe , als ich in tiefster Wehmuth der Vergangenheit dachte . Der Bote kannte den Geber nicht , aber mein Herz errieth ihn , meine innere Freude sagte mir , er käme von ihm . Die Blumen prangten in vollster Pracht . Glücklich , daß er meiner doch gedenke , daß ich nicht ausgetilgt sei aus seiner Seele , trug ich den Topf in mein Zimmer und drückte mein Gesicht in die Blüthen . Mir schien , als lehnte ich mich an sein Herz . Kaum aber war es geschehen , kaum war der Rosenstock eine kurze Zeit in meinem Besitze , als seine Blätter sich senkten ; er fing an zu welken und ich wußte , was mir bevorstand , als ich am nächsten Morgen von meinem Arzte hörte , Julian sei erkrankt . Vergebens stellte ihr Alfred vor , das Welken des Rosenstockes sei ein durchaus natürliches Ereigniß . Er ist in Treibhauswärme erwachsen , sagte er , dann hat ihn die kalte Nachtluft plötzlich berührt , ehe er in die warme Atmosphäre Ihres Zimmers gebracht wurde , das hat die Pflanze getödtet . Warum denn gleich das Schlimmste glauben ? Warum in diesem Zufall so trübe Vorbedeutung suchen ? Sie sind ein Dichter , wendete Sophie ein , und können an das blinde Walten des Zufalls glauben ? Haben Sie nie den wunderbaren Zusammenhang alles Erschaffenen empfunden ? Haben Sie nie gefühlt , wie die Weltseele das All durchdringt und harmonisch wirkt in uns und in der Pflanze , in den Sternen und in den Thieren ? Ich bin gewiß , alles Lebende empfindet mit uns , unsere Liebe klingt auch in den Geschöpfen wieder , denen kalte Philosophen die Empfindung absprechen . Ich halte fest an der Zuversicht , daß ein Theil von der Seele des Geliebten in allen Gaben lebte , die ich ihm verdanke und von denen ich mich nur mit blutendem Herzen trennen werde . Es wird mir ein erneuter Abschiedsschmerz sein und doch muß auch dieser durchlebt werden . Ihre frühere Lebhaftigkeit hatte einer stillen Trauer weichen müssen , ihre Bewegungen waren langsamer und ruhiger geworden , das Feuer ihres einst so brennenden Auges gedämpft und selbst ihre Kleidung , schwarz und von einfachster Form , trug dazu bei , sie gänzlich verändert scheinen zu lassen . Alfred hatte diese Verwandlung gleich bei seinem Eintreten bemerkt und fragte sie , ob sie denn immer noch bei ihrem frühern Vorsatze beharre . Er hielt ihr die Bedenken vor , die sich in ihm dagegen regten , er bat sie , noch ein Jahr zu warten , er stellte ihr die traurige Einsamkeit des Klosterlebens , die Reize der Welt in den lebhaftesten Farben vor , und ging so weit , sie nochmals auf eine mögliche Aussöhnung mit Julian zu verweisen , um sie nur von ihrem Vorhaben zurückzuhalten . Sie hörte ihm mit dankender Freundlichkeit zu . Die Erwähnung , daß Julian ihrer mitten in den Schmerzen seiner beginnenden Krankheit gedacht habe , füllte ihr Auge mit Thränen . Gott lohne es ihm , sagte sie , es sind die reinsten Freudenthränen , die ich weine ! Daß er meiner liebend gedenkt , das ist der schönste Segen , den ich aus der Welt in die Zukunft hinüberzunehmen verlangen konnte . Ein anderes Glück giebt es für mich nicht und ich habe nur noch einen Wunsch : ich muß ihn sehen , ehe er stirbt . Er wird nicht sterben und Sie werden ihn noch oft wiedersehen in Fülle der Gesundheit ; hoffen Sie es doch mit mir ! bat Alfred . Schreckt Sie der Gedanke an seinen Tod , entgegnete Sophie , so nehmen Sie meine Bitte in anderm Sinne . Lassen Sie mich Julian noch ein Mal sehen , ehe ich sterbe für die Welt . Ist es Ihnen so lieber ? fragte sie mit dem anmuthigen Lächeln , das noch vor wenig Monaten die kunstliebende Residenzstadt bezauberte . Ich habe endlich vor einigen Tagen meinen Abschied vom Theater erhalten , ich bin nun frei und könnte die Stadt verlassen , hätte ich ihn noch ein Mal gesehen . Dazu sollen Sie mir verhelfen . Sie sollen mich in sein Zimmer führen , auf welche Art Sie es zu machen wissen ; das soll der Dienst sein , den ich von Ihnen fordere . Alfred berichtete ihr , daß er selbst das Haus des Freundes nicht besuche , daß Therese ihn aus ihrer Nähe verbannt habe , und unwillkürlich ergoß sich der Strom seiner Leiden in Sophien ' s theilnehmende Seele . Was er ihr aus Rücksicht für seine Gattin und für Therese verschwieg , ergänzte ihr feines Gefühl . Sie hatte das feinste Verständniß für die verborgensten Räthsel in einer fremden Brust . Sie wußte in einer Weise zuzuhören , die mehr erquickte und beruhigte , als die freundlichsten Trostesworte jedes Andern . Ihr Auge tauchte unter in die Seele des Leidenden und sein milder , warmer Schein trocknete die Thränen im tiefsten Grunde des Herzens , die nicht an das Licht hervorzubrechen wagten . Auch Alfred fühlte sich besänftigt und beruhigt in ihrer Nähe . Er sagte ihr , wie werth sie ihm sei , wie ungern er sie scheiden sähe . Niemand , der wie Sie die Macht zu trösten besitzt , sagte er , darf diese heilige Gabe selbstsüchtig unbenutzt lassen , Ihr Beruf ist es , die Leidenden zu erquicken - - Das will ich ich ja auch thun , rief sie mit großer Erhebung , das will ich thun , wenn Gott mir die Kraft dazu gibt ; das gerade ist ja mein Vorsatz . Ich habe nicht mehr daran gedacht , in müßigem Hinbrüten mein Leben zu verlieren , seit ich mich wieder emporgerafft habe aus der stumpfen Betäubung meines ersten Schmerzes . Mir lebte eine Tante in Paris , die ich in meiner Kindheit oft gesehen habe ; später trennten unsere verschiedenen Lebenswege uns gänzlich . Sie ist barmherzige Schwester . - Alfred schreckte auf , er ahnte , was Sophie ihm sagen würde . Sie bemerkte sein Erstaunen und meinte : Wie die Welt wunderlich urtheilt und selbst die Besten vor ganz natürlichen Dingen erschrecken ! Was ist es anders , wenn eine Mutter die kranken Kinder pflegt , wenn eine Frau gramvolle Nächte am Bette des Gatten durchwacht ? Ich habe Niemand auf der Welt als Julian , der mein nicht mehr begehrt ; ich stehe allein , ein Theil der leidenden Menschheit - sie kann meiner Dienste bedürfen und ihr will ich sie weihen . Ich bin ein Kind des Volkes , ich habe die Reichen und Glücklichen entzückt und erfreut , als ich selbst froh und glücklich war ; lassen Sie mich nun zu dem Volke , zu den Armen zurückkehren und die Unglücklichen und Leidenden erquicken . Das dünkt mich der schönste Beruf , seit ich empfunden habe , was das Leiden ist . Ich habe meiner Tante geschrieben , der Brief hat sie noch lebend und rüstig gefunden . Sie freut sich meiner Absicht , sie wirkt noch immer segensreich an den Krankenbetten des Hôtel Dieu und unter ihrer Leitung werde ich meine neue Laufbahn beginnen . Die sichere , freudige Klarheit , mit der sie sprach , beruhigte Alfred über sie . Er fühlte , daß nicht alle Naturen auf gleiche Weise zum Ziele , zum Frieden mit sich selbst gelangen können . Der Wirkungskreis , den Sophie jetzt erwählte , schien ihm ihrer würdiger , ihrem Gemüthe angemessener , als die klösterliche Einsamkeit , an die sie früher für ihre Zukunft gedacht hatte . Er sagte ihr das und sie bat : Lassen Sie mich denn , nun Sie meinen Vorsatz billigen , sobald als möglich scheiden . Lieber Freund ! nur einen Augenblick lang führen Sie mich in Julian ' s Zimmer , nur noch einmal muß ich vorher seine theuren Züge sehen . Ich darf ja kein anderes Bild von ihm behalten , als das in meinem Herzen ! Gönnen Sie mir das einzige Glück , das ich fordere ! Erfüllen Sie die erste Bitte , die ich an Sie richte . Sie haben mir ihre Freundschaft angeboten , auf diese richtet sich meine Hoffnung . Ich muß ihn sehen ! Ihre Bitten , ihre feste Erklärung , sie müsse und werde die Erfüllung dieses Wunsches erreichen , machten Alfred ungewiß , was er thun solle . Er kannte sie genug , zu glauben , sie werde nicht von ihrem Verlangen lassen , und er fürchtete , daß sie die Erreichung desselben in einer Weise bewirken dürfte , die für Julian oder Therese nachtheilig werden könnte . Deshalb versprach er ihr , er wolle versuchen , ihren Wunsch zu erfüllen , wenn sie ihm dagegen gelobe , keine Schritte ohne sein Vorwissen zu thun und geduldig zu warten , bis er es möglich machen könne , ihr zu willfahren . Ich bringe Ihnen Nachricht von Julian , sagte er , ich verheimliche Ihnen nichts , vertrauen Sie mir . Ich komme noch oft , Sie zu sehen , so lange Sie bei uns weilen . Lassen Sie mich Muth und Entschlossenheit in Ihrem Beispiel finden . Mein Herz ist auch wund und mein Geist ist sehr müde ; sein Sie auch künftig mir eine barmherzige Schwester , ein Engel des Trostes , wie Sie es mir heute gewesen sind . XVII Alfred hielt Wort . Fast täglich besuchte er Sophie , aber die Nachrichten , die er ihr zu bringen hatte , waren wenig erfreulich . Der Zustand des Präsidenten schwankte anfangs hin und her , dann verschlimmerte er sich bedeutend und die Aerzte verwiesen , nachdem der siebente Tag vorüber war , auf eine Krisis am vierzehnten oder einundzwanzigsten Tage . Beide , Alfred sowol als Sophie , empfanden , getrennt von dem Gegenstande ihrer Sorge eine große Unruhe , und das Dasein in seinem Hause trug nicht dazu bei , Alfred über die Sorge fortzuhelfen . Der Unfriede zwischen den Eheleuten wuchs immer mehr . Caroline ging Tage hindurch schmollend an ihrem Manne vorüber , bis sie plötzlich eine Anwandlung von Reue empfand und Versöhnung suchte . Aber Versöhnung setzt gänzliches Vergessen des geschehenen Unrechts voraus und dies Vergessen erfordert Liebe . Liebe vergibt und vergißt , weil sie zu lieben verlangt . Sie freut sich , wenn es ihr gelingt , die Fehler des Geliebten verschleiern , sich über seine Mängel täuschen zu können ; sie will nicht Rechte fordern , nicht gerecht sein , sie will gewähren , Nachsicht üben und , wenn es sein kann , bewundern und beglücken . Diese Liebe hatte der Ehe seit ihrem Beginnen gefehlt und sie allein macht es möglich , daß ein Bündniß zwischen Menschen , bei den Schwächen der menschlichen Natur , ein glückliches werde . Alfred zwang sich , gerecht gegen Caroline zu sein , das mußte zu ihrem Nachtheil ausfallen , denn ihre guten Eigenschaften wurden durch ihre Mängel überwogen . Caroline hingegen fühlte nicht , daß sie sich zur höchsten Würde einer Frau erhebe durch Milde und Schonung ; sie fürchtete , sich zu erniedrigen durch Nachsicht , sie fürchtete , in ihren Rechten gekränkt zu werden . Die Eheleute , die nur Einen Willen , nur Einen gemeinsamen Wunsch haben sollten , den Wunsch , zusammen , durch einander glücklich zu werden , standen sich mit getrennten Wünschen , mit gesonderten Interessen gegenüber . Wo es dahin gekommen ist , wo Eheleute einmal empfunden haben , daß sie nicht Eins sind in unauflöslicher Verbindung , wo sie sich als zwei gesonderte Parteien zu denken angefangen haben , da ist das Glück des Hauses unwiederbringlich zerstört . Nur Liebe vermag den menschlichen Egoismus zu besiegen , ohne sie bricht er hervor und fordert gebieterisch Selbsterhaltung und Glück . Weder die Aufwallungen edlerer Gefühle in Caroline , noch Alfred ' s gute Vorsätze vermochten die oftmals wiederkehrenden Aussöhnungen dauernd zu machen . Nach kurzem Frieden begann der Streit um so heftiger , und besonders in Alfred , dem das Unschöne dieser Verhältnisse doppelt verletzend war , bildete sich eine dauernde Erbitterung aus , die sich bald von beiden Seiten zu rücksichtsloser Härte steigerte . Das Leben in seinem Hause wurde ihm so unerträglich , daß er jeden Anlaß wahrnahm , der ihn daraus entfernte . Er besuchte Theater und Gesellschaften , um dem Misbehagen zu entgehen , das ihn plagte , um sich selbst zu entfliehen . Von Natur häuslich und wissenschaftlichem Stillleben geneigt , stürzte er sich in einen Strudel von Vergnügungen , um nicht zu empfinden , wie unmöglich ihm jede Arbeit geworden sei , seit er die innere Ruhe dazu verloren hatte . Aber der Taumel der Zerstreuungen spannte ihn ab , ohne ihn einen Augenblick vergessen zu machen , was er zu vergessen wünschte . Stumpf und ermüdet kehrte er in die Heimath zurück , wo er Caroline fand , ebenfalls übersättigt von leeren Genüssen , verdrießlich und schmollend wie er . Der geringste Anlaß führte in diesen Stimmungen Mishelligkeiten herbei und Felix fing an , die Eltern zu vermeiden , wenn er sie allein beisammen fand . Oftmals ward er von Caroline gescholten , nur weil Alfred ihn gelobt hatte . Sie wußte , es thue Alfred wehe , den Knaben leiden zu sehen ; sie litt durch Alfred und in der Aufwallung der gekränkten Gattin vergaß sie die Mutter . Es war das unglückseligste Verhältniß von der Welt . Nur in Sophien ' s Nähe besänftigte sich die innere Zerstörtheit Alfred ' s , die fieberhafte Unruhe , die ihn umhertrieb , das Elend seiner Ehe zu fliehen , und Glück und Liebe zu suchen , die für ihn an Theresen ' s Seite erblühen mußten . Mit Sophie , der er sein Lieben vertraut , sprach er von seinen Wünschen , von seinen Vorsätzen , bei ihr fand er ein theilnehmendes Herz . Immer länger dehnten sich seine Besuche bei ihr aus und wenn sie ihn darauf aufmerksam machte , sagte er traurig : Lassen Sie mich hier ausruhen , Sophie ! bei Ihnen ist der heilige Tempel , in dessen Mauern die Eumeniden mir nicht zu folgen wagen . Nur so lange lassen Sie mich verweilen , bis ich die Ruhe gefunden habe , zu wollen , was ich muß . Eines Abends kehrte er von der Freundin zurück und kam in Carolinen ' s Zimmer , seinen Sohn zu sehen . Er fand den Kaplan Ruhberg bei ihr , und sie ging hinaus , bald nachdem ihr Gatte eingetreten war . Der Kaplan kam dem Hausherrn mit geflissentlicher Freundlichkeit entgegen und bot ihm die