machen , ihre Entfernung für gut , für nöthig halte , und ihm des Sohnes unbedingten Gehorsam gelobt , wenn sie selbst ihn begleite . Ihre Freunde dagegen hatten die Annen durch das Verhältniß zur Capacelli erschwerte Stellung in Haus und Gesellschaft auf den Zustand ihres Gemüths übertragen ; Niemand begriff , daß sie die ihr aufgedrungene Rolle der mishandelten unglücklichen Gattin so ruhig hinnahm , weil sie ihr Einsamkeit und ein leichteres Aufathmen gönnte . Erst als Kronberg einen Schritt thun wollte , der sie zu einer öffentlichen Erniedrigung gezwungen hätte , stieg der Gedanke einer Trennung in ihr auf . St. Luce schrieb oft . Er war Kronbergs Freund geblieben und bis zu Otto ' s Ankunft , die Annen abermals zum Schreiben veranlaßte , das einzige Verbindungsglied zwischen den getrennten Gatten unter sich und Gotthard , der noch immer in Paris sich aufhielt . Kronberg hatte noch nicht geantwortet . Als Franzose hatte St. Luce den Vorfall mit der Capacelli leichter genommen , als Geierspergs und die Andern . Er warf Kronberg immer noch die Dummheit eines unnützen éclat vor . Allerdings war er jetzt auf einen momentanen gänzlichen Sieg der Spanierin gerüstet ; auch er hielt die Trennung Anna ' s von Roderich für eine vielleicht dauernde , an gerichtliche Scheidung zu denken , fiel ihm nicht ein . Wie es nur dahin gekommen ? übersann er auf einem langen , einsamen Spaziergange ; war doch eigentlich seit Anna ' s Krankheit nichts Bedeutendes geschehen ! Kronberg war ja so reich , es konnte Annen wahrhaftig einerlei sein , mit welcher hübschen Frau er einen Theil seines vielen Geldes durchbrachte ; eifersüchtig war sie ja nicht . Uebrigens wenn er nun Pferde , Spiel und andere Zerstreuungen geliebt hätte , wäre es besser gewesen ? - Eine deutsche Frau freilich kann sogar auf Jagdhunde eifersüchtig sein , man hat das erlebt , brummte er vor sich hin . C ' est à peu près égal ! - Wenn sie am Ende doch so eine Art kleinstädtischer Eifersüchtelei - quelque idée de petite ville - gehabt hätte ? - Nun saß sie ganz unnütz in Brandenburg , allein , ohne Zweifel gedrückt von der neuen Schwierigkeit , die ihre bürgerliche Geburt dort dem Fortkommen der Kinder in den Weg legte ! Fameuse bêtise allemande ! murmelte er immer ärgerlicher . Sein Verdruß hatte den alten Herrn bereits um halb Wien herumgetrieben , als eine rufende , athemlose , vom Laufen halb erstickte Stimme : Monsieur ! Monsieur de St. Luce ! ihn Halt machen hieß . Es war Duguet , der , in einer Art Gefühlsstrangulation heftig gesticulirend , auf ihn zustürzte , eine Neuigkeit der wichtigsten Art schien ihm fast die Besinnung zu rauben , doch hatte er äußerlich alle Flaggen des innern Jubels aufgesteckt , sein Hut saß fast verkehrt , sein rothes Schnupftuch flog in der Luft über die Büsche weg , wie sonst die Serviette über die Möbeln . Unglücklicherweise war er vor lauter Bewegung fast sprachlos . Endlich brachte er die Worte heraus : Der Herr Graf haben mit Madame Capacelli gebrochen , jeder Verbindung mit ihr entsagt , ihr das Haus geschenkt , brieflich von ihr Abschied genommen ; vier Billets , die sie ihm geschrieben , unerbrochen zurückgeschickt ; abgeschlagen , sie wiederzusehen . Baron Ruthberg ist gekommen , er hat ihn sehr freundlich empfangen , die Herrn sind in der besten Laune auseinandergegangen . Bist du betrunken oder im Traume , mon cher ? rief St. Luce , ergriff Duguet beim Kragen und schüttelte ihn aus Leibeskräften , als wollte er ihn wach rütteln . Das hölzerne Bein trug den General nicht mehr , er wankte . Zum Glück stand eine Bank in der Nähe . Duguet ließ sich respectuell schelten , schütteln , fragen , hatte jedoch für das Alles nur die eine Antwort : Mais c ' est vrai , ma foi , c ' est bien vrai ! Wie ein paar Inspirirte gingen der alte Herr und der alte Diener nach Hause . Die ganze Welt schien ihnen anders geworden . Nun muß sie ja wiederkommen ! Am nächsten Tage beklagte die ganze Crème der guten Gesellschaft in Wien diesen armen , guten , kleinen Narren ! die Capacelli , die wegen eines Theatercontracts so halbtodt , elend und krank nach Berlin gemußt . Paola war wirklich krank , sie liebte Roderich , weil er es ihr so entsetzlich schwer gemacht , ihre Zwecke bei ihm zu erreichen ; sie war ihm mitunter untreu , weil das einmal in ihrer Natur lag , weil ihr lange dauernde Treue ganz unmöglich war . Sie hatte bis zu diesem Augenblicke , der alle ihre Hoffnungen vernichtete , keineswegs aufgegeben , doch noch Gräfin Kronberg zu werden , und wirklich die Knaben mitzunehmen sich erboten , um sie zu gewinnen und ihr Ansehen in Berlin geltend zu machen ; - und nun ohne alle Ursache , ohne irgend eine denkbare Veranlassung trennte er sich von ihr , und obendrein im Moment ihrer unvermeidlichen Abreise . Es war zum Wahnsinnigwerden ! Sie sann sich das Haupt müde , den Grund seines veränderten Benehmens aufzufinden ; ihre Phantasie arbeitete sie in einen Fieberzustand hinein , in welchem sie wirklich endlich Wien verließ . Mag sein , daß Roderich ihrer überdrüßig geworden , mag sein , daß sie die Saiten bei dem nicht mehr jugendlich fühlenden Manne zu hoch gespannt ; wer konnte dem reifen Diplomaten so ganz genau ansehen , was ihn bewegte ? Er reichte seinem Freunde St. Luce die Hand und bat ihn , nicht davon zu sprechen . Seine Freigebigkeit gegen Paola kannte keine Grenzen ; er schickte noch eine Menge Geschenke in ihr Haus , die er ihr früher versprochen , es waren wirkliche Kostbarkeiten darunter . Ruthberg und der ganze kleine Männerkreis , der ihn umgab , war theils in starre Bewunderung dieser Großmuth versunken , theils wüthend . Wer kann mit einer solchen Verschwendung Schritt halten ? fragte Einer den Andern . Die Damen , deren Gunst diese jungen Herren sich rühmten machten ihre Bemerkungen ebenfalls ; Jedes sah die Sache mit andern Augen an , sie erregte ein für Kronberg günstiges Aufsehen . Einige fromme Seelen freuten sich seiner Rückkehr zum Rechten ; im diplomatischen Kreise sprach man diesen Abend bald da , bald dort leise . Kronberg sah es . Er erklärte sich gegen Niemanden ; war er vielleicht sich selbst nicht klar ? Duguet suchte den ganzen Tag hindurch in jedem kleinen Dienst eine an Anbetung grenzende Dankbarkeit , eine Art stummer Verehrung an den Tag zu legen ; nie war er respectvoller gegen seinen Herrn gewesen . Der Kerl bedient mich , als ob ich der Kaiser wäre ! sagte , immer noch lachend , Kronberg vor sich hin ; aber es that ihm doch wohl . Einmal fand ihn Duguet dem Bilde seines Sohnes gegenüber , er glaubte , die Worte zu vernehmen : Toller Bube ! er hatte Unrecht in der Manier , in der Sache wahrhaftig nicht so ganz ! Es wäre Kronberg selbst sehr schwer geworden , sich von dieser plötzlichen Umwandlung seines Innern , vielleicht auch blos seiner Handlungsweise Rechenschaft zu geben . Der Hauptgrund war wol : daß der Stachel der Eitelkeit ihn nicht mehr wund ritzte , mit ihm schwand seine scheinbare Leidenschaft zur Capacelli , die aus so vielen , so verschiedenen Elementen zusammengesetzt , so wenig wirklich war . Anna ' s Kälte erregte in der Entfernung nicht mehr seine Eifersucht , er fühlte es nicht mehr so nothwendig , ihr und der Welt eine scheinbare Gleichgültigkeit zu zeigen . Der Spanierin Hochmuth hatte sie zu einer unpassenden Forderung , ihn selbst zu einem noch viel unstatthaftern Schritt verleitet , dessen er sich nun hinterdrein schämte . Anstatt Annens Briefe zu beantworten , beschloß er , selbst mit Courierpferden nach Brandenburg zu reisen und sie abzuholen . Daß sie irgend sich weigern könne , ihm zu folgen , fiel ihm nicht ein ; die Sache war ja nun abgethan ! Die Kinder konnten am Ende doch unmöglich bei ihr bleiben . Besser war es allerdings , Egon in Berlin zu lassen , und eben dort konnte Anna ihn am ruhigsten von sich entfernt im Hause ihres Schwagers wissen . Kronfeld hatte ein fast weibliches Talent , sich im Geist die Umstände so zurecht zu legen , wie sie seiner Neigung nach am günstigsten ihm erschienen . Während er zu einer kurzen Abwesenheit in seinem Cabinet die gehörigen Verfügungen traf , ließ sich durch einen der Laquaien ein junger Mann melden , der um die Gnade bat , ihm aufzuwarten . Der Graf , in seine Arbeiten vertieft , erwartete einen neuen Secretär ; ohne aufzusehen , nickte er gewährend . Gondi trat ein . Mit einem Schwall bombastischer Worte und aller Uebertreibung seiner Jugend und seines Metiers gestand er dem Grafen , daß er nicht wirklich Paola ' s Bruder sei , schwur ihm jedoch , dem Gefühl und Verhältniß nach seit Ewigkeiten nicht anders zu ihr gestanden zu haben , und hielt seinen eigenen Verdiensten eine lange Lobrede . Zu seiner Verwunderung hörte ihn der Graf schweigend , ohne sonderliche Zeichen des Erstaunens , ruhig an . Gondi sprach sich nun gegen Paola ' s Charakter aus , klagte sie der größten Unzuverlässigkeit und Unwahrheit an und erbot sich , dem Grafen alle Beweise seiner Aussagen in die Hände zu geben . Und was soll ich damit ? fragte Roderich . Von dieser mit tausend Ringeln Seele , Geist und Körper umwindenden Schlange sich lösen , sagte trotzig der Italiener , dem Zorn und Eifersucht das Gefühl erduldeter Mishandlung vergegenwärtigten bis zur Qual . Er ballte die Hände und biß vor Wuth in die eigenen Finger , dazwischen fuhr er mit seinen Ausrufungen und Schmähungen fort , bis ein fast convulsivisches Schluchzen ihn hemmte . Armer Narr ! murmelte Kronberg . Gott sei Dank , daß ich nicht verliebt bin , wie er ! Immer trotziger und heftiger sprach Gondi sich aus ; er war gekommen , weil er es ihr versprochen , freilich in ganz anderer Absicht ; aber das Gefühl , daß sie in der inneren Empörung über Kronbergs Härte nun in Berlin ohne ihn neue Verhältnisse schließen werde , hatte momentan die alte Leidenschaft in ihm erweckt , und anstatt dem Grafen in der übernommenen Rolle Gutes von ihr zu sagen und durch ihren Jammer auf dessen Herz zu wirken , riß ihn das innere Empfinden ihrer Nichtswürdigkeit und seiner trostlosen Schwäche in ganz entgegengesetzter Richtung fort . Und dennoch , klagte er , bin ich selbst an sie gefesselt , dennoch würde mich mein Weg mit ihr zusammenführen , ginge auch der eine nach Süden , der andere nach Norden . Das ist ' s ja , daß man ihre fluchwürdige Sirocconähe nicht los wird ! Wir wollen nicht behaupten , daß Kronberg immer so klar gesehen , wie in dieser halben Stunde , obschon er in einem Winkel seiner Seele nie an den Bruder geglaubt ; der junge Mann schien sich längst zurückgezogen zu haben und war ihm bei ihr nie in den Weg gekommen . Roderich hörte ihn fortwährend ruhig an bis zu Ende , dann sagte er ihm mit wohlwollender Freundlichkeit : er habe sein früheres Verhältniß zur Capacelli gekannt ; übrigens sei es unwürdig von einem Mann , sich an einer Frau zu rächen ; das weibliche Geschlecht sei übel genug gestellt in der Welt , dem männlichen gegenüber . Da aber sich zu rächen , wo man einst geliebt und Gunst gefunden , gälte in Deutschland für erbärmlich . Mit großer Güte erkundigte er sich nach Gondi ' s persönlicher Lage , stellte ihm die Gefahr des Hazardspiels in Oesterreich vor , und bot ihm an , ihm beizustehen , wenn er eine andere würdigere Lebensweise versuchen wolle . Endlich entließ er ihn mit einem Geschenk , bat ihn jedoch , nur im Fall , daß er sein bedürfe , ihn wieder aufzusuchen , da die Vergangenheit entschieden für immer abgethan bleiben müsse . Seit langer Zeit athmete Roderich fröhlich auf , ein heiteres Gefühl der Selbstzufriedenheit floß durch seine Lebenspulse und drang ihm tief an ' s Herz . Und nun zu Annen ! sagte er lächelnd . Er hatte St. Luce vorgeschlagen , ihn zu begleiten ; der junge Herzog von Reichstadt hatte sich wieder erholt , mit Freuden nahm der General das Anerbieten an . Duguet sang triumphirend seinen Marlborough und ließ unter seiner Aufsicht den Wagen packen . So standen also die Dinge in Wien ; unglücklicherweise hatte in Brandenburg , Berlin und Paris Niemand von dieser günstigen Umgestaltung der Verhältnisse die leiseste Ahnung . Gleich nach Anna ' s Abreise hatte der General an Gotthard geschrieben , der Brief kam an , als dieser eben seine Geschäfte in Paris beendet und zur Abreise bereit war . Gotthard zählte noch nicht Dreißig ; in diesen Jahren rollt das Blut noch rasch und glühend , einem Lavastrom gleich , in den Adern . Die Möglichkeit einer nicht entfernt durch ihn veranlaßten Scheidung ihrer Ehe , das Bewußtsein , Annen ein in jedem Bezug passendes Loos bereiten zu können , die Aussicht , ihr seine Hand zu bieten , mit der einzigen Frau , die er je geliebt , die er nie eine Stunde aufgehört zu lieben , vereint leben zu können , überwältigte ihn . Mit unwiderstehlicher Gewalt von der Macht des Augenblickes ergriffen , zauderte er keine Stunde , er flog nach Berlin . Sie war nicht mehr da ; auch Leontine abwesend , bei ihr . Er erfuhr dies zufällig und konnte sich nun nicht entschließen , Geierspergs aufzusuchen , er kannte Beide nicht . Wie ein Träumender ging er volle vierundzwanzig Stunden in Berlin umher . Er hielt es nicht länger aus ; er nahm Postpferde und eilte nach Brandenburg . Die kleine Stadt gewährte ihm nähere Details . Im Gasthof , wo er Erkundigungen einzog , erfuhr er , wo sie wohne ; auch Otto ' s Anwesenheit ward ihm mitgetheilt . Er freute sich derselben , dann aber beneidete er ihn unbeschreiblich , daß er ihm zuvorgekommen und die ersten traurigen Tage mit Annen durchlebt hatte . Mit einem Male hatte den sonst gefaßten , besonnenen Mann der Wirbel grenzenlos leidenschaftlicher Gefühle und Hoffnungen erfaßt , jede Secunde steigerte ihn ; als habe ihn die Wünschelruthe einer zauberischen Gewalt berührt und tausend Quellen seines Herzens wach geschlagen , strömte die Fluth unsäglichen , fast tödtenden Glücks durch sein ganzes Wesen . Er mußte sie sehen ! jetzt - gleich ! - - Auch Anna war seit einer halben Stunde überaus glücklich . Sie hielt einen Brief ihres Bruders aus Schlesien in der Hand , den sie wiederholt durchlas . Louis war nicht mehr beim Militär , eine ihm unerklärliche , ganz unbekannte Fürsprache hatte ihm die Stelle eines Postmeisters mit einem kleinen Gehalt verschafft . Nachdem ihm durch seinen Hauptmann unter den Fuß gegeben worden , um seinen Abschied zu bitten , welchen er , da er die gehörige Anzahl Jahre gedient , » seiner geschwächten Gesundheit wegen « mit allen Ehren und Anerkennung guter praktischer Kenntnisse erhielt , hatte ihn der Antrag wie ein ihm vom Himmel zugefallenes Geschenk überrascht . Nun konnte er froh und ruhig mit seiner Familie leben , seine Kinder erziehen . Dem kleinen Amt war er völlig gewachsen . Er hatte ein Häuschen als Wohnung angewiesen bekommen , und Feld und ein Gärtchen . Er schwamm in Wonne , und rührend schön war die wirklich tief gefühlte Dankbarkeit , mit welcher er der Schwester abbat , daß er je an ihr gezweifelt , während sie so redlich für ihn gesorgt . Es mußte ja ihr und Kronbergs Werk sein , daß er nun plötzlich so glücklich geworden . Louis erschien durch seine Reue und den Jubel seines Herzens so hingebend liebenswerth , daß Annen jeder frühere Miston aus dem Gedächtnisse schwand . Auch seine Frau hatte mit einer hübschen klaren Handschrift einige Zeilen voller Dank und Herzensfreundlichkeit dem Brief zugefügt ; das Glück verleiht gut gearteten Menschen fast immer eine gewinnende Anmuth . Anna war glücklicher , als Beide . Konnte sie wol einen Augenblick daran zweifeln , daß es Gotthard sei , der dies Alles möglich gemacht , der es für sie gethan zu ihrem Trost ? Das Gefühl seiner Liebe überkam sie wie eine stille Seligkeit ; Thränen überthauten das Blatt , das sie noch in den Händen hielt . Unwillkürlich war ihr , als empfinde sie wieder die Wohlthat seiner Nähe , ihre Lippen flüsterten bewußtlos seinen Namen . Ja , das bist Du , mein Gotthard ! sagte sie leise und hob das noch umflorte Auge - großer Gott ! es traf das seine ! - Er lag zu ihren Füßen , faßte ihre Hände , drückte sie an seine Stirn , an seine Lippen . Besinnungslos sah sie ihn an , wiederholte aufschreiend seinen Namen und sank kraftlos , vom Augenblick überwältigt , mit dem Gesicht auf seine Schulter , an seine Brust . Wer zählte je in einer solchen Lage die Minuten ? Wie lange das Gefühl der namenlosen Wonne , dieses Anschauens des Geliebten , ohne Vor- noch Rückblick auf Vergangenheit oder Zukunft , gedauert , wußte Anna nicht . Jetzt saß er neben ihr auf dem Sopha ; wie von einem unerhörten seltsamen Traum befangen , lauschte sie seinen Worten . Lange verstand sie ihn nicht ; plötzlich ward ihr sein Irrthum - ach ! sein wahnsinniges Hoffen klar , wie ein Skorpion tödtete diese Stunde sich selbst , vernichtete das volle Leben , das sie genährt . - Was Gotthard wähnte , sagte , wünschte , paßte ja nirgends in die Wirklichkeit . Sie ihre Kinder verlassen ! sie von Egon sich trennen ! Nein , das war ja nicht zu denken , nicht zu thun , weit eher konnte sie sterben . Mit Löwenmuth fiel die arme Frau über , das hoffnungschlagende Herz des Geliebten her und entblätterte alle seine Blüthen . - Vergebens wiederholte er ihr , daß die Trennung von ihrem Gemahl bereits hinter ihr liege , daß es Raserei sei , einem bloßen Begriff ein ganzes Leben zu opfern . Sie schüttelte stumm und traurig den Kopf , aber seine Worte schmerzten sie , ohne sie irre zu leiten . Anna ! rief Gotthard endlich verzweifelnd , seit sechs Jahren habe ich eine freudenlose Existenz von Tag zu Tage hingeschleppt ; im Edelsten , Erfolgreichsten , das ich zu leisten versuchte , klang immer die Todtenstimme meines Herzens vernichtend durch ; ich fühle , daß mir der Boden unter den Füßen fehlt . Anna , lassen Sie mich meine Aufgabe vollenden ! Gewähren Sie mir Frieden ! Enden Sie diese rastlose Pein , dieses stachelnde Glückverlangen , dieses verzehrende über einer Unmöglichkeit Sinnen und Brüten , an welche zu glauben , der männlichen Natur eine schlimmere Vernichtung ist , als Krankheit oder Tod . Der Zwiespalt zerfrißt mit seinem Rost mein Herz , meine Sinne . Was zu thun Menschen möglich war , ist von beiden Seiten geschehen , und jetzt , da eine unbegreifliche Barmherzigkeit des Zufalls die Möglichkeit einer innern Vollständigkeit , einer geistigen Genesung uns gewährt , jetzt wollen Sie in kränkelndem Pflichtgefühl einer unwahren Ueberzeugung , einer gemachten Nothwendigkeit sich und mich opfern ? Bis in ' s Tiefste erschüttert , hörte sie ihn an , dann begann sie zu erzählen . Je länger sie sprach , desto trüber wurde Gotthard . Sie sprach über Egon , über dessen richtenden Blick , der schon jetzt mit schneidender Schärfe den Vater getroffen , über die beiden Briefe , die sie selbst von Brandenburg aus an Kronberg geschrieben . Im Reden ward sie muthiger . O , mein Freund ! sagte sie fest , wir können uns einander opfern , denn wir sind eins ; aber kann ich den Knaben beider Eltern berauben ? Hat meine Liebe zu Ihnen , Gotthard , des Vaters Herz ihm entfremdet , darf ich die Mutter auch von ihm trennen ? Verlangen Sie nicht , was wir Beide nicht ertrügen . Leben Sie wohl , Anna ! sagte Gotthard , bebend vor Schmerz , aber rasch entschlossen . Es war das letzte träumerische Aufflammen meiner Jugend , es war ein wundersüßer , schöner Traum , der , wie alle Morgenträume , in blasses Tagesgrau verweht ! O Anna , Anna ! nun darf ich dich niemals wieder sehen ! Er zog sie einen Augenblick an seine Brust , ihr war , als breche ihr Leben . O Gotthard ! hauchte sie leise , sein Sie nicht allzu hart gegen uns Beide ! Können wir denn wissen , was Gott über uns verhängt ? Lassen Sie uns treu sein und still halten ! Es lag eine so tiefe , demüthige Gottergebenheit in Anna ' s Worten , wie in ihrem ganzen Wesen , daß plötzlich Gotthards milde Natur , wie wach gerufen , aus dem Dunkel des eigenen Innern sich erhob . Still hielt er sie in seinen Armen , sah sie weich und innig an und strich ihre seidenen Locken zurück , die ihr in ' s Gesicht gefallen . Nun denn , mein Engel , lebe wohl ! Lebe tausendmal wohl ! Nicht auf immer . Aber weine nicht , o weine nicht , Anna ! Leise bog er sich nieder - Beide saßen noch auf dem Sopha - seine Lippen berührten kaum , sie streiften nur ihren goldnen Scheitel . Monsieur de St. Luce , Madame ! rief Auguste ' s Stimme . Die Thüre ward aufgerissen , Leontine , Viatti , Otto , St. Luce und - Kronberg standen vor den Unglückseligen . Ein dumpfer ächzender Laut , kein Schrei , kein Seufzer - ein schneidendes Wimmern durchdrang das Zimmer . Kronberg lehnte sich wie bewußtlos an die Thür , Viatti unterstützte ihn . Leontine war auf Anna zugesprungen , die in todtenähnlicher Ohnmacht am Boden lag ; St. Luce und Otto hatten sich hastig zwischen Gotthard und Kronberg gestellt . Wortlos , zitternd vor Grimm und wahnsinniger Verzweiflung starrten beide Männer einander an . Kronberg faßte sich zuerst , an Viatti ' s Arm verließ er das Zimmer . Leontine trat entschlossen auf St. Luce zu . Sind Sie Auguste ' s gewiß ? fragte sie , convulsivisch zitternd . Wie meines Lebens , Frau Marquise ! So ist nichts verloren , denn unschuldig ist sie , so wahr Gott lebt ! Aber jetzt schaffen Sie mir Sophie , lieber General , dann verlassen Sie uns . Bereden Sie mit Otto , was gethan werden muß . Vor Allem , sagte der graue Invalide , ist die äußere Ehre , der Ruf der Unglückseligen vor einem unauslöschlichen Flecken zu wahren . Still legte er sie mit Leontinens Hülfe auf ' s Sopha . Otto stand wie versteinert ; etwas Furchtbares war geschehen . Er verstand diese Möglichkeit nicht ; eine Secunde lang war er an Annen irre geworden . Kronberg war mit Viatti sogleich in den noch unten haltenden Wagen eingestiegen und fortgefahren ; Niemand wußte wohin . Gotthard stand im Vorhause und starrte mit gekreuzten Armen düster vor sich hin , als suche sein Geist die Möglichkeit einer Ausgleichung des Geschehenen , an die er selbst nicht glaubte . So fand ihn Otto . In zwei Worten hatten sich Beide verständigt , St. Luce ' s Brief hatte ja ihn hergelockt , wie Duguets Schreiben früher Otto . Er wird mich fordern ! sagte kalt und ingrimmig Gotthard . Er wird mich hören ! erwiderte Otto . Unterdessen war St. Luce die Treppe herabgekommen ; als Offizier sah auch er einen blutigen Ausgang der Sache als unvermeidlich voraus . Alle Drei gingen in den Gasthof , den Gotthard und Otto bewohnten . Sie erwarteten dort Nachricht von Kronberg . Gotthard war trübe , aber gelassen . Keiner von ihnen sah Anna wieder . Otto ließ Auguste rufen , um ihn zu befragen . Sie hatte sich erholt ; in Leontinens sorgender Obhut wußten die Freunde die theure Frau geborgen . Persönlich ihr zu nahen , vermieden sie ohne alle Erklärung , um keinen Schein des Einverständnisses ihr aufzubürden . Mehre Stunden vergingen in dieser Spannung . Gotthard benutzte sie , um auf den Fall eines Duells im Voraus alles Nöthige zu ordnen ; er schrieb fortwährend , doch wie es beiden Freunden vorkam , nur in Staats- und geschäftlichen Angelegenheiten . Annen schrieb er nicht . Gegen Abend kam endlich die erwartete Ausforderung . Kronberg war mit dem Grafen Viatti in ein nicht allzuweit entlegenes Städtchen gefahren , von wo aus er den Kutscher mit dem Briefe zurückgesandt hatte . Die Ausforderung lautete auf den nächsten Morgen , als Ort der Zusammenkunft war ein Wäldchen zwischen Brandenburg und dem besagten Städtchen angegeben ; das Billet selbst war in sehr gemessenen Ausdrücken an Gotthard gerichtet . Ich wünsche , sagte dieser , daß es uns gelingen möchte , dem unvermeidlichen Duell eine scheinbare , dem wahren Anlaß fremde , Ursache zu geben , auf keinen Fall können wir auf eine gänzliche Verheimlichung desselben rechnen . Im Uebrigen stehe ich dem Herrn Grafen ganz unbedingt zu Befehl . Er antwortete in wenigen Zeilen . St. Luce und Gotthard beabsichtigten , in einer Stunde zu fahren ; Otto war im Augenblicke , da er des Grafen Aufenthaltsort vom Kutscher erfragt , vorausgeritten , er wollte ihnen zuvorkommen . Er ließ sich bei Kronberg melden und ward sogleich angenommen . Zu seinem Erstaunen fand er Roderich in einer ganz unerklärlichen , selbst durch das Vorgefallene in dieser Weise nicht zu motivirenden Stimmung ; seine Aufregung , die krampfhafte , fast fieberartige Rastlosigkeit , die ihm nicht einen Augenblick auf einer Stelle zu bleiben gestattete , das mit gänzlicher Erschöpfung wechselnde , hörbar heftige Schlagen seines Herzens , die fliegende Röthe seines Gesichts waren nicht natürlich ; er kam Otto krank vor , was er aber , zornig auffahrend , leugnete . Nach Otto ' s Ueberzeugung konnte der Graf in seinem Innern Anna ' s äußere sinnliche Treue unmöglich bezweifeln , über ihre Neigung zu Gotthard aber mußte er seit Jahren im Klaren sein . Hierauf gründete er seine Hoffnung , die Sache beizulegen , er und St. Luce betrachteten das Duell als durch Viatti ' s Anwesenheit herbeigeführt , den der Zufall zum unwillkürlichen Zeugen des ganzen Auftritts gemacht . Sehr anders erschien der Fall den Hauptinteressenten . Kronberg war fest entschlossen , Gotthard zum Krüppel zu schießen , oder ihm seine Kugel durch ' s Herz zu jagen . Gotthard hatte mit sich selbst abgeschlossen und war fertig mit Allem ; er hatte eben so fest sich vorgenommen , unter keiner Bedingung auf den Grafen zu feuern . Beiden war auf diese Weise , wie bisher , noch ferner fortzuleben , unmöglich geworden . Otto bat Kronberg , noch einmal ohne Zeugen ihn sprechen zu dürfen , ehe Gotthards Antwort durch den rückreitenden Diener anlange , die ohnehin durch seine Anwesenheit als gegeben zu betrachten sei . Kronberg versprach , ihn ruhig zu hören , blieb aber in einem unstäten Auf- und Niedergehen im Saale . Otto erzählte nun von Duguets Brief , von dem Eindrucke , den derselbe auf ihn gemacht , und von seiner augenblicklichen Abreise von Basel , um Annen beizustehen in dieser Trennung ihrer Ehe , die auch ihm einer gerichtlichen Scheidung gleich geschienen . Sie wissen , sagte er weich , daß Anna meine Schwester ist , nur glichen wir von jeher den Dioskuren , sie gehört den himmlischen an , ich der Mutter Erde . Und weiter malte er mit naturtreuen Farben ihr stilles Leben in Brandenburg aus , der Marquise Ankunft , Egons und Josephs Liebe zu Beiden und die sich an der freundlichen Gegenwart mildernde Stimmung Aller . Annens Unkenntniß jeder späteren Wendung in Gotthards Geschick trat in all ' diesen Einzelnheiten deutlich hervor ; in Otto ' s ganz einfacher Rede lag eine durchgreifend wirkende Wahrheit . Das ganz Unvermuthete der Ankunft Gotthards schien den Grafen stutzig zu machen ; er blickte Otto mit durchbohrender Gewalt in ' s Gesicht . Können Sie , schloß dieser fest und scharf , auf den Fall eines unglücklichen Ausganges dieses Zweikampfs eine mögliche Form des Lebens der beklagenswerthen Gräfin sich denken ? Welche Stellung bleibt der mit einem Mal durch diese Oeffentlichkeit Preisgegebenen vor der Welt ? - Uns Protestanten beut kein Kloster eine schirmende Zuflucht ; die harte , schwere , ihre Kräfte weit überwiegende Last wird erbarmungslos auf die zarten Schultern geladen und sie muß sie vor Aller Augen mit sich bis zum Grabe tragen . Und was gewinnen Sie selbst ? Wild auflachend , unterbrach ihn Roderich . Junger Freund , haben Sie nie Ihr Herz an einen Irrthum gehängt ? Was ich gewinne ? Im Fall meines Todes die Gewißheit , daß , die mich getäuscht , betrogen , verrathen hat , über meinem Sarge kein Asyl des Glückes sich erbaut ; im Gegenfall , daß ich nicht mehr dieselbe Luft mit dem Verhaßten athme ? - Erschreckt hielt er ein : er hatte den Abgrund seiner langen Seelenqual verrathen ! Erstarrt blickte ihn Otto an . Entsetzlich ! rief er aus . Ein kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn , auf jeden Fall war Anna ' s Ruhe verloren - und auf immer ! Wen auch der Schuß des Gegners treffe , jedenfalls traf er ihre ganze Erdenzukunft . Eben hielt der Wagen , die beiden Herren langten an . Gotthard sah ruhig aus . Er näherte sich höflich dem Grafen und bat ihn um eine Gunst . Kronberg verbeugte sich . In gewählten , sehr sorgfältig überlegten Worten erklärte Gotthard : er sei überzeugt , daß in Beider Brust der Wunsch , der Gräfin Ruf ihren Kindern makellos zu erhalten ,