schier verzagen . « Ich sah sie nicht , die großen Süßigkeiten , Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl Mußt ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten . Hinabgedrückt von unerkannter Qual , Konnt nimmer ich den wahren Punkt erbeuten Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl , Von ewigen unfühlbar mächt ' gen Wogen In weite weite Ferne hingezogen . Eben erhalte ich Briefe von Arnim mit seinen Reiseplänen schon unter Segel ; er geht übers Meer ; unsre guten Wünsche , mögen sie ihm gute Engel der Begleitung sein ; lese selbst , die Briefe schicke hierher zurück . - Deine kleine Freundin Löwenstern wirst Du nun bald wiedersehen , sie ist gestern abgereist , ich hab sie aus meinem Fenster bei ihrer Freundin Fümelle einen zärtlichen mädchenhaften Abschied nehmen sehen ; wenn Du sie siehst , so empfiehl mich ihr als Deinen treuen Bruder , den ihre Freundschaft zu ihrer Gespielin sehr gerührt hat ; das Fräulein Fümelle wohnt mir gegenüber und wird , wie ich höre , auch bald nach Offenbach gehen , ich sehe oft mit Vergnügen , wie sie ihre kleine zierliche Figur von Fenster zu Fenster trägt und keine Ruhe in den Füßchen hat , und wie ihr Herr Papa sein Barbierbecken am Fenster stehen hat , und wie das Barbierbecken den Herrn Papa abwartet , bis er seinen Bart hineinschaben läßt von dem kunstreichen Messer eines Weimarer Barbierheros ! - Alles ist nämlich hier von einer Muse des Übermutes genährt , keiner geht über die Straße ohne persönliches Gefühl des Mitwirkens in die tolle Alltäglichkeit , selbst bis auf den Friseur , der einer der wichtigsten Kavaliere ist . Das ganze Windmühlenwerk der Künste ist fortwährend im Gang , die Hand des Tonkünstlers und der Fuß des Tänzers klappen ineinander , die Kunstreihe körperlich geistiger Fertigkeiten wird durch einen Aufwand geistiger Regierung aufs höchste gesteigert . Fragen , Suchen und Finden sind drei verschiedene Ichs , die überall sich beisammenfinden , sie bilden wie eine Ölschlagmühle eine Witzschlagmühle . Nun schlagen auch noch die Nachtigallen dazu . Zwischen den blühenden Büschen wandlen Deutschlands größte Geister , eingehüllt in den Nimbus ihres Namens ; - es ist für einen Anekdotenjäger das beste Revier ; wärst Du hier , wir würden die Zeit aufs beste genießen , und Du würdest auf dem Schmetterlingsflügel der Welt wie auf einem Teppich Dich tummeln , denn so möchte ich Weimar nennen statt deutsches Athen , mit welchem absurden Namen es sich prahlt . - Ich bleibe auf jeden Fall einige Zeit hier , wo Du mich gern wissen sollst , denn ich bin sehr gern und glücklich hier und streife meinen Mißmut ab wie eine alte Schlangenhaut . Das einzige ist , das Salbadern mit Herders Tod langweilt mich ; aber auch hierüber ist ein Scherz nicht unwillkommen : Herder ist von uns gegangen , Goethe sieht ihm traurig nach ; Wieland trocknet seine Wangen , Und Amaliens Herze brach . - Diese empfindsame Gesellschaft hab ich , wie sie im Vers beschrieben ist , mit schwarzer Kohle an die weiße Gartenwand vor Goethes Garten , der in den Park führt , abgemalt ; alles ist hingegangen , es zu betrachten . Der abgehende Herder und der weinende Wieland sind unwiderstehlich gelungen ! - Lebe wohl ! Schreibe mir , schreibe doch der Mereau ein paar Worte und liebe sie , wie ich es um Dich verdiene , daß Du die liebst , die mich versteht . - Von allem diesen haben wir unter uns gesprochen , und Du wirst mit andern nicht davon reden . Du kannst mir einen Gefallen tun , wenn Du mir sechs kleine Chemisettchen gestickt und mit Kragen von feiner Leinwand machen läßt ; ich wünsche sie aber sehr bald , deswegen laß sie recht artig , aber nicht zeitspielig machen . Ich konnte diesen kleinen Toilettenbetrug sonst nicht leiden , aber ich will hier ein bißchen unter die Leute gehen und weiß ja noch nicht , ob sie verdienen , mich in meinem wahren Hemde zu sehen ; die Dinger müssen nur ein Herzfleckchen und bißchen Hals sein . Herz und Hals wage ich nur in der Liebe . Dein Clemens , bei Friedrich Meier Ich habe nicht Zeit , das Lied an Marianne abzuschreiben , schreibe Du es ab . Es stehet im Abendglanze Ein hochgeweihtes Haus , Da sehen mit schimmernden Augen Viel Knaben und Jungfraun heraus . Sie wechslen mit Weinen und Lachen , Sie wechslen mit Dunkel und Hell , Mit schimmernden Augen und Wangen Sie wechslen ihr Röcklein gar schnell ! - Dort hab ich mein Liebchen gesehen , Ein freundliches zierliches Kind ; Sie konnte wohl schweben und drehen Wie fallende Blüten im Wind . Und die in dem Hause dort wohnen , Sind heilig und wissen es nicht , Sie spielen mit Kränzen und Kronen Alltäglich ein neues Gedicht . Sie sind gleich den Göttern und handlen Alltäglich in andrer Gestalt , Mein Liebchen wird auch sich verwandlen , Das tut meinem Herzen Gewalt . O Liebchen , wo bist du geblieben ? Ich steh vor dem schimmernden Haus , Und will dich bescheiden nur lieben , O Liebchen , o sehe heraus ! Ich will dein pflegen und warten Im Herzen so treu als ich kann , Da seh ich sie sitzen im Garten Wohl bei einem reichen Mann . So kauf ich mir Harke und Spaten , Bind mir ein grün Schürzelein vor . Ich stell mich , als wär ich der Gärtner , Und klopf bei dem Reichen ans Tor . Tu auf , o Reicher , den Garten , Ich will dir so gern ohne Sold Die Blumen all pflegen und warten , Sie sind ja mein Silber und Gold . So sei mir , o Gärtner , willkommen , Zieh höher die Rosenwand mir . Verflecht sie zu Netzen und Schlingen , Ich habe ein Vögelchen hier . Zieh höher und dicht mir die Laube , Zieh mir ein gitternes Haus , Daß keiner das Vögelchen raube , Daß es nicht fliege heraus . Da klinget so herzlich und süße Im Garten ein inniges Lied , Die Bäume sie senden ihr Grüße , Die Blume lauschend ihr blüht . Da seh ich mein Liebchen so weinen , Sie sieht zu mir heimlich herauf . Die Sonne will nicht mehr scheinen , Die Blumen , sie gehen nicht auf . So hast du dann es verlassen , Das schimmernde Götterhaus , Deiner Locken Gold wird blassen , Deiner Augen Licht gehet aus . O Liebchen , o sei nicht so munter , Du hast vergeudet dein Los ; Dein Sternlein , es gehet ja unter Tief in des Meeres Schoß . Ans Meer will ich und stehen Still in dem Abendschein , Da muß in den Wellen ich sehen Versinken dein Sternelein . Im Niedersehen da rollen Die Tränen still hinab , Die sich vereinen wollen Mit deines Sternes Grab . Dies Lied hab ich ersonnen Wohl vor jenem Zauberhaus , Das glänzt in der Abendsonne , Wo du nicht mehr siehst heraus . Als Jugend um Liebe brennte In irrem Liebeswahn , Da wolltest du ihn nicht erkennen , Die hell mich blickte an . Lieber Clemens ! Dein Brief hat einen Eindruck auf mich gemacht , wie ungefähr das Licht wirken muß auf einen , der lange blind gewesen oder im Dunklen herumtappte . - Du gingst von hier und warst so unzusammenhängend , daß selbst die Trennung von Dir übersprungen war ; Du liefst , Du liefst , hätte ich nicht dem Buben vor der Haustür mein Schnupftuch in die Hand gedrückt und ihm gesagt , er solle Dir nachlaufen , denn Du habest es vergessen , so wußte ich nicht , wie ich Dich im letzten Augenblick noch an mich erinnern sollte . - Der Knabe kam zurück und sagte , Du habest es in den Busen gesteckt und aufgetragen , mich tausendmal zu grüßen ! - Tausendmal ! - Einmal wär genug gewesen ! - Wenn Du nur vorher Dich besonnen hättest , daß Deine Schwester Dir gegenüberstand und wartete , daß Du sie ans Herz drücken solltest . - Der Knabe sagte mir auch , der Postwagen war noch nicht fertig angespannt , Du seiest voran dem Tor zugegangen ! - Ach , Deine Ungeduld fortzukommen , sie war Dir eingeimpft durch jenen letzten Brief , den Du aus Weimar erhieltst ; das Fieber ergriff Dich gleich , Du stürmtest fort ! - Du hast mich immer geplagt , daß ich nie einen Versuch gemacht habe , Deine Bitte zu erfüllen , irgend etwas niederzuschreiben . Ich hab ein Märchen geschrieben , seit Du weg bist . Ein schwermütiger Jüngling , von Träumen aufgeregt , erwacht in der Nacht , die heiß und glühend die Welt umfängt wie gestern , wo es die ganze Nacht wetterleuchtete ; er stürzt hinaus ins Freie mit seinen getreuen Hunden und kommt in einsame fürchterliche Gegenden , wo schreckliche Wasserfluten von den Felsen niederstürzen und die Bäume auf den Höhen über ihm zusammenkrachen , wo es feucht ist und giftige Kräuter am Gestein sich hinaufranken und betäubend duften . Hier hört er auf einmal ein helles fröhliches Lied singen , mit lustiger Stimme , er geht dem Tone nach und entdeckt einen mutwilligen Knaben , der über einem schrecklichen Abgrund sich schaukelt , über den brausenden Wassern , die in stürmender Eile dahinrollen . Er sieht ' s , erschrickt , wird tief bewegt von der Lebenskeckheit , viele Empfindungen machen sein Herz ganz wild und glühend , er glaubt das Kind zu kennen , er will es warnen , er will es retten , doch nein , es ist ihm noch fremd , nun entspringt heiße Liebe zu dem heiteren Wesen in Todesgefahr , die Hunde klettern ihm nach , wie er sich versteigt , dem Kinde nachzukommen , sie suchen ihm Bahn , doch mit Angst , und möchten ihn abmahnen , er gelangt endlich hinauf , jetzt ist die Frage , was er mit dem Kinde anfängt . - Er stößt ihm einen Dolch in die Brust , ohne es zu wissen , sagt die Günderode . Ich bin aber nicht so grausam und will das nicht , ich sage nein , es begegnen ihm mit dem Knaben noch wunderbare Dinge , der sich ganz mit seinem Schicksal verknüpft , das führt ihn durch Glaub , Hoffnung und Lieb , und das Märchen endet auf eine eigne Art. - Wenn es so enden soll , sagt die Günderode wieder , dann ist der Clemens der Jüngling , seine neue Geliebte ist der Knabe und wir zwei sind die zwei getreuen Hunde , die zwar ihn warnen , aber nichts vermögen , hätt es aber nach meiner Art geendet , so warst Du , Bettine , der Knabe . - Ja , wir beiden treuen Hunde von Dir , lieber Clemens , ahnen ein schwer Gewitter über Deinem Haupt . - Wir möchten Dich wieder nach Hause persuadieren und Dich beschwören , den Block zu fliehen , wenn Du auch ein Weilchen die Ketten mit Dir noch herumschleppen mußt . - Ach Clemens , ich bin müde und bin wie krank , aber es wird schon besser werden , könnt ich nur zur Großmama nach Offenbach ; die Luft ist mir dort zugetan , sie brachte mir immer gute Botschaft von Dir , besonders im Frühling , da war die Luft ganz würzig von aller herzlichen Begeistrung der Bruderliebe . Die Günderode sagt auch zu mir , geh nach Offenbach , aber nun hat mir gestern der Gärtner meinen Orangenbaum geschickt und meinen Feigenbaum und den Granatbaum voll Knospen , wer wird sie pflegen , bis ich wiederkomme ? - Ich häng an diesen Bäumen , die nun schon zum zweitenmal mir blühen , ich bin ihr Spiegel , sie sehen sich in mir , sonst sagt ihnen keiner , daß sie schön sind , - so will ich hier bleiben . - Aber die Schwalbe dort , die alle Jahr am Dachfenster baut , und der zulieb ich nachts es offen ließ , und die hereinkam morgens , mich zu grüßen , wenn ich noch schlief , die wird nach mir suchen , und der Lavendel , der jetzt blüht , wer wird ihn abschneiden ? Es wird alles verkehrt gehen dort , ich will hin auf acht Tage nur . Ich hab mit Bäumen und Sträuchern zu reden , hören sie meine Rede zu ihnen nicht mehr , so werden all sie meine Sprache wieder vergessen . - Oft am Fenster früh , wenn der kühle Wind von Osten her den Tag ankündigte , sah ich den Mond noch am Himmel mit dem Morgenstern sich unterhalten . Alles ist Mitteilung in der Natur , alles hat Flammenzungen , selbst der kalte Quell , in dem Du Dein Antlitz badest ! Denn : ist Kälte nicht auch Feuer ? - Ob der Schnee nicht die glühende Asche ist , die vom Himmel herabfällt , Du kannst ' s nicht wissen ! - Gleich drauf , als er die Asche abgelagert hat , entzündet sich die blühende Erde , die düftereiche , - alles wird Flamme , der Vogel , der im Busch hüpft , ist ein spielend Flämmchen , und so alles Leben ist Flamme des erschaffenden Geistes ! - Wer ist aber dieser ? - Ich bin , die es zu denken vermag und im Gedanken den Glauben verbirgt wie den Keim im Busen der Erde . Der Glaube ist die Kunst , die Macht und die Kraft des Schöpfungswerkes ! - Sie wird stille stehen , die Welterzeugung , die Schöpfung - wenn wir sagen , weiter gibt es nichts , als was wir durch die bedingende Grenze unsers Wissens erlauben , daß es sei . - Ja wohl auch - weiter gibt ' s nichts ! Ich erlaub aber alles , was ich zu denken vermag , daß es gleich sein darf . Wie soll ich das Schöpfungswort : Es werde , mir anders auslegen ? - Ich glaub daran , daß wir einander begreifen sollen , wir geschaffne Wesen - daß im Begreifen das Erschaffne liege , daß im Erschaffen die Unsterblichkeit ihren unendlichen Keim heraufträgt zum Licht ! - Licht ! - Licht ! - Was ist das ? - ist ' s das , was wir mit dem dunklen Blick unseres Auges auffangen ? - Was uns den Vorhang wegzieht , der Nacht und Flur und Wälder zeigt im Schmuck der Farben ? - Ja , das ist ' s , aber wo ist sein Ende ? - Es erleuchtet die Unendlichkeit in die Ewigkeit hinein . O , was ist in der Ewigkeit möglich ? - Die offne Pforte , aus der die Schöpfungskraft niederwallt , ein voller unversiegbarer Strom ! - Das Lichtelement , - der alles umfangende Schoß dessen , was der Geist begreift . - Dies Begreifen ist ein Lichtschöpfen ; das ist der Gedanke . Denken ist , einen Leib annehmen , das ist Wirklichwerden ! - Wer aber dies Wirklichwerden erzeugt , der ist eine erschaffende Kraft ! Diese Kraft ist die Unsterblichkeit im Menschen , wer sie übt , der kann nicht vergehen , was aber nicht in ihr liegt , das ist Asche , die niederfällt , wie der Schnee niederfällt von der Himmelsfeste . Diese Geistesasche liegt schützend über dem nachkommenden Weltenfrühling , er wird durchdringen mit seinen tausend und aber unzählbaren Flammengeschlechtern , die alle zur Unsterblichkeit sich aufschwingen , die alle Tatkraft werden der Erschaffung ! Ja , das ist die Werkstätte des Gottes , sie heißt Weltengeist , in ihr wirkt die Menschheit das Unendliche , nur um selbst unendlich zu sein ! - Und ich bedenke dies und frage mich , was für ein Werk in der Schöpfung soll ich doch vornehmen ? - Damit ich meine Unsterblichkeit feste und sie durch die Ewigkeit strahle , denn alles Tun ist nur Selbsterhaltung , und was ich nicht belebe mit meinem Geist , in dem bin ich gestorben , aber den Tod soll ich bezwingen , das ist die Aufgabe der Unsterblichkeit . Wie tief fühle ich ' s , daß es so ist und sein muß ! - Und ich getraue mir , in meinem Geiste diese Schöpfung fortzuführen in dem , was mir am nächsten liegt , was mich anspricht um Erlösung ! - Es sind die Blumen , die wollen von mir begriffen sein , allerdings um ihrer selbst willen ! - Sie sind verstanden in allen Winken , die sie uns geben , so sind sie in eine neue Sphäre geboren , und auch sie sind unsterblich durch den Begriff , der sie immer weiter erzeugt ! - so ist ' s gewiß , daß sie eine Sprache führen , die ganz mit unsern Empfindungen verwandt ist , sie reden also mit uns ! - Nun ? - Haben wir denn keine Antwort ? - Keine Mitteilung ihnen zu machen ? - Ach nein ! Eine Blume ist ja nur ein Fragzeichen der Natur ; - die ganze Natur ist Sprache , die Blume ist ein Wort , ein Ausdruck , ein Seufzer ihrer vollen Brust ! - Ja die Blume spricht auch für sich zu Dir , aber die ganze Natur bedarf ihrer , um sich selbst auszusprechen , und alles Sein ist ihre Sprache , so redet die Natur mit dem Geist ! Und diese liebende Unterhaltung ist die Nahrung des Geistes , daraus schöpft er seine Unsterblichkeit , daß er sie begreifen lernt und durch den Begriff sie eben forterzeugt . Also ein Erzeugender kann nicht sterben , denn in ihm würde die Unsterblichkeit untergehen ! - O lache mich nicht aus mit meinen Reden , es ist nichts , es ist Kopfweh , unendliche Müdigkeit ; schlafen verlangt ' s in mir ! An die Mereau soll ich schreiben ? - Was denn ? - Ich kenne sie nicht , sage mir , was sie ist , so will ich einen Stein in den Brunnen werfen , ob sie versteht , was der ankündigt . Am Morgen nach einer wohldurchschlafenen Nacht muß ich doch dem Brief von gestern noch einen menschlichen Schluß geben , Du könntest sonst glauben , ich habe mich verstiegen ( übergeschnappt ) . Clemens , was hab ich Dir vorgeplaudert ? - Ich will ' s nicht wieder lesen , sonst würde ich ' s vielleicht zerreißen , und einen zweiten schreiben kann ich nicht . Gestern war ein Kopfwehtag , heute bin ich wohl , aber matt und sehr aufgelegt zum Schlummer , und es ist mir doch so bequem , daß ich mir selber angehöre , und nichts will ich von allem behalten , was mir auf ewig sollte bleiben . Übertrage meine Liebe zu Dir auf die gute Sophie ! Ich werde dann kommen und naschen wie ein Kätzchen von dem , was ehmals mein war ! - Adieu doch ! ich bin schon ganz froh , daß ich nichts mehr zu hüten habe mit sauerem Schweiß . Lieber ein Bettelmann sein als ein Hüter von etwas , was einem doch nicht gehört ! Bettine Liebe Bettine ! Ich bin sehr betrübt , daß Du mir gar nicht schreibst , ich bin immer in Ängsten , Du mögest krank oder unwillig auf mich sein , auch Sophie ist betrübt darüber , denn sie liebt Dich gar sehr , ich habe mir alle Deine Briefe von Marburg schicken lassen und sie ihr vorgelesen , Du glaubst nicht , Liebe , wie sie das rührt , und täglich , wenn ich vertraulich mit ihr zusammensitze und uns recht wohl wird , spricht sie : » Ach , wenn doch Bettine bei uns wäre ! « Sie wird durch Deine Freundschaft recht glücklich werden , bis jetzt hat sie auf Erden noch keine Seele gehabt , die sie so recht lieben konnte , sie ist ihr ganzes Leben durch wohl grausamer getäuscht und mißhandelt worden als irgendein anderes gütiges und schuldloses Wesen , und allen hat sie vergeben , alles hat sie vergessen , ist nicht menschenfeindlich gesinnt , ist immer freundlich , mild und unendlich anmutig , ich habe eine ruhige , herzliche Empfindung für sie , die ich vorher nie gehabt , und auch sie liebt mich täglich mehr und inniger , und wir vertrauen unserm Geschick , das uns voneinander gerissen , um uns einander besser wieder zu geben . Liebe Bettine , ich habe Dich so unendlich lieb , so lieb , als ich Dich je liebte , ich fühle immer mehr , daß Du mein Herz genährt und erhalten hast . Du hast mich zu dem Menschen erzogen , den meine Geliebte achten und lieben muß , ohne Dich wäre ich verzweifelt am Leben und an dem Heil . Ich wollte , Du könntest mich verstehen , ich wollte , Du könntest recht deutlich fühlen , wie Dir nichts durch meine Liebe zu Sophien entzogen wird , nein , ich fühle tief im Herzen , wie ich mich durch sie in Deiner Liebe verherrlichen kann , ich werde , durch sie zur Ruhe gebracht , alle die Kräfte meines Geistes und meines Herzens im Tüchtigen glücklicher entwickeln , ich werde ohne Sehnsucht , ohne Begierde die Augen auf mein Tagewerk wenden können und es zur Ehre meines Lebens vollenden , Du bleibst ewig meine Richterin , Du bleibst das Maß meiner Empfindung und mein vertrauter Gott auf Erden . Wie Du liebst , Bettine , solcher Liebe wird auf Erden nicht genug getan , und wen Du an Dein Herz schließest , der betet , Deine Arme aber überreichen ihn , sie reichen in den Himmel und holen den Segen herab für den Frommen , den Du liebst . - Liebes Kind , wir werden noch einstens sehr glücklich sein auf Erden , denke Dir , wenn Du die Gattin eines einfachen vortrefflichen Mannes wärst , der mich liebt , und ich und Sophie , wir alle viere leben in inniger Verbindung und teilen alles und ehren uns gegenseitig und lernen uns einander das Vortreffliche ab . Ich habe das feste Vorgefühl , daß es uns bald so werden wird , und ich bete darum zum Himmel , Du kannst meinem Himmel nur recht vertrauen , denn er liebt Dich , und gewährt er Dir meine Bitte nicht um meinetwillen , so ist es doch um eines gewissen lieben Kindes willen , um die geliebteste Bettine . Ich bin jetzt täglich bei dem vortrefflichen Bildhauer Tieck , der mich sehr lieb hat , es ist etwas Entzückendes , ihn arbeiten zu sehen , wie er Götter und Menschen mit einem kleinen hölzernen Spatel aus Ton herauszaubert . Ich wünschte Dich oft zu mir her , daß Du das auch sehen könntest . Ich hoffe Dir bald etwas von seiner Arbeit schenken zu können , um es auf Deinen Tisch zu stellen , er hat mir es versprochen . - Ich bitte Dich nochmals herzlich , mir ja gleich und viel zu schreiben , und wenn Du Sophien auch schreiben wolltest , so recht , wie es Dir ums Herz ist , ich glaube , es würde sie sehr freuen . - Ich bat Dich in einem Briefe um eine Puppe für der Mereau ihr Kind , ich bitte Dich nochmals herzlich darum , die Kleine plagt mich alle Tag , und hier kann man keine leidliche haben . Schreibe mir doch ja , so glücklich bin ich doch nicht auf Erden , daß einige Worte von Dir mich nicht unendlich glücklicher machen könnten , sei mir tausendmal geküßt ; grüße Gundel von Herzen . Dein Clemens , bei Doktor Fr . Mayer Liebe Seele ! Schon viele Tage war ich sehr betrübt , gar keinen Brief von Dir zu haben , ich war oft recht ängstlich , Du mögest mich nicht mehr recht lieben , und ich wäre doch so recht unglücklich ohne Dich . Heute wollte ich Dir nun mein Leid über Dich recht kläglich beschreiben , und da erhielt ich denn Deinen einzig lieben Brief , der mich wieder ein bißchen traurig macht , auf eine andere Weise . Daß Du Sophien nicht recht leiden magst oder vielmehr Dich gegen sie verschließt , betrübt mich , wie sehr ! - Deine Liebe ihr übertragen ? - o mein Kind , das ist auch wunderbar - wem auf Erden könnten wir unsre Liebe zueinander übertragen ? - Ich schwöre Dir , liebe Bettine , ich würde nie ein Weib nehmen können , bei dem ich Dich entbehren könnte . Ich werde glücklich sein mit ihr , wenn Du mit glücklich sein willst ; sie wird mit mir in meine Einsamkeit nach Marburg ziehen , - den Winter schon wird sie mein Weib sein , st - st - kein Wort davon geredet . - Wir wagen keine Freiheit , wir sind beide gut und vernünftig , unsre bürgerlichen Verhältnisse werden sich nicht verwickeln und uns strangulieren ! - Wir sind vergnügt und leicht . Das ganze Blatt hat sich überhaupt gewendet , sie liebt mich jetzt leidenschaftlich , wie ich sie sonst liebte , und ich bin ruhig . Ich werde nicht an ihr handeln , wie sie einst an mir , sie würde sterben , - sie ist sehr gut und resigniert auf alles um meinetwillen . Doch lerne sie kennen , und dann liebe sie , dann hasse sie , Du wirst überhaupt entscheiden über uns . Schreibe mir noch immer hierher , aber um Gottes und des Himmels willen schreibe mehr das Unmittelbare , was mich und Sophie angeht ; wenn Du es nicht tust , das kränkt mich unendlich . Nochmals aber bitte ich Dich , der Mereau selbst zu schreiben ! O Kind , Du willst mit Blumen und Kräutern Dich einlassen und glaubst schon sie zu verstehen . Warum willst Du den Kreis des Vertrauens nicht auch ihr aufschließen ? - Sie auch wirst Du erlösen aus einem bezauberten Kreis der peinlichsten Gefühle ! - Mich liebt sie mehr wie ihr eigenes Leben , und Du , die ich so liebe , Du stehst starr und stumm vor ihr , als gehöre sie nicht zu Deiner Welt . - Du stoßest sie aus ? - Was hat sie Dir getan ? Schreib es ihr , sie wird sich dann verteidigen , denn sie liebt Dich innig und liest immer in Deinen Briefen und lernt lieben daraus ! - Sonst kenne ich mehrere vortreffliche Familien , so was ich und Du vortrefflich achten , Leute , die mich leiden mögen ! - Und besonders lege ich mit meiner Gitarre und Deinen Kompositionen viel Ehre ein . Alle Abend sitze ich mit irgendeiner Gesellschaft bis spät in die Nacht und singe und spiele , daß mich alles lieb hat und hinterdrein doch wieder auf mich schimpft , das gehört sich aber so auf dem Weimarer Plundermarkt . Ich bleibe wohl noch ein paar Wochen hier , drum schreibe immer hierher ; sehr erfreuen könntest Du mich , wenn Du mir , was Hoffmann komponierte , wenn auch bloß mit Klavierbegleitung , abschreiben ließest , aber bald , und mir es schicktest . Vor einigen Tagen war ich in Lauchstädt , sechs Meilen von hier ; ein Badeort , wo während der Kurzeit die hiesigen Schauspieler spielen , dort sah ich das neue Stücke von Goethe , die » Eugenie « , es wurde schlecht gegeben , aber es ist , nu , es ist halt von Goethe . - Als ich in die Promenade dort trat , wer kam mir zuerst unter die Augen ? - Minna R-bach , das Mädchen von Altenburg , das ich einst liebte , Perigot , der Pariser ( läßt Dich grüßen ) , führte sie . Perigot begrüßte mich , sie erblaßte ; sie hat einen dummen reichen Mann geheiratet , sie ist sehr unglücklich . Bei Tisch saßen wir öfters nebeneinander , sie war sehr verlegen , ich redete kein Wort mit ihr ; am Abend vor ihrer Abreise machte ich durch Perigot die Bekanntschaft ihres miserablen Mannes , den ich bat , mich seiner Frau zu präsentieren , er tat es ; ich setzte mich neben sie und sagte ihr leise : » Nicht wahr , Minchen , ich hatte recht , es geht dir recht schlecht , wie ich dir gesagt habe . « - Da weinte sie beinah und mußte tanzen gehen ; ich aber entfernte mich und setzte mich allein in die Allee , wo ich recht vergnügt an Dich gedachte , wie doch die andern Weiber alle nichts gegen Dich sind ! - Du sollst bald eine große Freude haben ; ein Geschenk erhältst Du in einigen Wochen von mir , so köstlich , so lieb , so hast Du in Deinem Leben nichts gehabt , ich möchte es gar zu gern sagen , was es ist , aber ich denke durch mein Stillschweigen Dir einige Briefe abzujagen . Übermorgen wird es angefangen , nun Du wirst ein freudig Wunder daran erleben , aber höre , sei mir auch gut und halte auch mehr auf Sophien . Lebe wohl , für Puppe , Chemisettchen und Rock danke ich . Dein Clemens Ich schreibe Dir morgen einige Gedichte ab , die ich gemacht . Lieber Clemens ! Eins hab ich ganz vergessen Dir zu sagen , daß Marianne ihr Gedicht von mir empfangen hat ! Ich war so sehr betäubt , als ich Dir das letztemal schrieb , wie es immer geht , wenn ein tiefer Traum durch nichts sich abwälzen läßt , wenn alles , was das äußere Leben hinzubringt , von ihm ergriffen wird , um sich tiefer hineinzuträumen , wenn jedes zufällige Ereignis neue Traumverflechtungen bildet . - So war mir ' s , und so ist mir ' s noch hier