, wie er die Engverbundenen nur noch fester aneinander schloß , wie Jeder die Lücke auszufüllen strebte , die dadurch in den Herzen der Andern entstanden war , bedarf kaum einer Erwähnung . Nun stand Jenny allein an der Spitze ihres Hauses , auf sie war ihr Vater gewiesen . Dies Bewußtsein erhob sie in ihren eigenen Augen und tilgte jeden andern Wunsch aus ihrem Herzen , als den , für ihren Vater zu leben und sein Alter zu verschönen . Jene religiösen Zweifel , welche einst das Glück ihrer ersten Jugend untergraben hatten , waren längst und glücklich besiegt . Eigenes Nachdenken und der Beistand der Ihren hatten sie zu dem Standpunkt einer Gottesverehrung geführt , zu dem ihre ganze Erziehung sie hingeleitet hatte . Geistig frei und mit klarstem Bewußtsein , die zärtlichste Tochter , der Trost aller Leidenden und doch wieder die heitere , geistreiche Wirthin ihres gastfreien , väterlichen Hauses , so erschien Jenny , nachdem der Schmerz über den Tod ihrer Mutter sich gemildert hatte . So finden wir sie auch einige Wochen nach ihrer Vereinigung mit Clara in Baden wieder . Der Wunsch , sich zu sehen , war bei beiden Freundinnen gleich mächtig geworden , doch hatten Umstände mancher Art die Erfüllung desselben bis jetzt unmöglich gemacht und mit wahrer Freude trafen sie nach achtjähriger Trennung in Baden-Baden zusammen . Dort hatte man sich rendez-vous gegeben und wollte später gemeinschaftlich in die Heimath der Damen zurückkehren , um Clara ' s beide Kinder den Großeltern vorzustellen . Anfänglich sollte auch Erlau , der sich ganz in England angesiedelt und dort eine ehrenvolle Stellung erworben hatte , William nach Deutschland begleiten . Die unruhige , rasche Lebhaftigkeit des Jünglings war aber in dem Manne nicht erloschen und er hatte den Wunsch , sein Vaterland und seine Freunde zu sehen , aufgegeben , um sich einer englischen Gesandtschaft nach dem Orient anzuschließen , bei der sein Hang für das Ungewöhnliche volle Befriedigung zu finden hoffen durfte . Die beiden befreundeten Familien hatten nun , sobald sie in Baden angelangt waren , absichtlich ihre Wohnung außerhalb der eigentlichen Stadt genommen , um allein in dem Besitz des gemietheten Hauses und in der freien , ländlichen Natur zu sein . Man wollte sich selbst leben und Jenny war gar nicht damit zufrieden , als William ihr gleich nach ihrer Ankunft erzählte , wie er in einigen Tagen einen Freund , den Grafen Walter , erwarte , den er ihr als einen Genossen für die Zeit ihres Aufenthalts in Baden ankündigte . Graf Walter gehörte einer der ältesten Familien Deutschlands an . Wie die meisten Jünglinge seines Standes früh in das Militair getreten , war er mit seinem Regiment in die Vaterstadt Clara ' s gekommen und in ihrem elterlichen Hause fast mit allen Personen unserer Erzählung bekannt , mit Hughes befreundet geworden . Später hatte er den Dienst verlassen , bedeutende Reisen gemacht und war , um sich zur Uebernahme seiner Güter in landwirthschaftlicher Beziehung vorzubereiten , auch nach England gegangen , wo er aufs Neue mit William und Clara zusammen getroffen war . Auf ihre Bitten war er ihr Gast geworden , so lange er in England verweilte , und noch jetzt rechnete er die Zeit , welche er mit ihnen , theils in London , theils in ihrem Landhause verlebt hatte , zu den anmuthigsten Erinnerungen seines genußreichen Lebens . Nichts konnte ihm also willkommener sein , als die zufällige Begegnung mit jenen Freunden an den Ufern des Rheines ; und unabhängig , wie er es in jeder Beziehung war , ließ er sich bereitwillig finden , den Sommer mit ihnen in Baden zuzubringen . Jenny hatte er früher nur flüchtig gesehen , aber obgleich er sie nicht näher kannte , erinnerte er sich dunkel , von ihrer Liebe zu einem jungen Theologen sprechen gehört zu haben . Jetzt hatte er von Clara , auf sein Anfragen , nähere Auskunft über Jenny und die Lösung jenes Verhältnisses erhalten und war , durch Clara ' s und William ' s Erzählungen , gespannt auf die Bekanntschaft eines Mädchens geworden , an dem beide Gatten mit solcher Liebe hingen . Trotz der günstigen Vorurtheile aber fand er doch in Jenny bald noch mehr , als er erwartet hatte ; und sie sowohl als ihr Vater wußten es William sehr bald Dank , den Grafen für ihren kleinen Kreis gewonnen zu haben , da auch ihnen der Umgang des hochgebildeten Mannes große Freude gewährte . Nachdem Walter an jenem Morgen Jenny den verlangten Bericht abgelegt , bat er um die Erlaubniß , die Arbeit zu besehen , mit der sie sich beschäftigt hatte , als er ankam . Bereitwillig nahm sie ihr Skizzenbuch wieder vor und zeigte ihm eine Gruppe von Bäumen , die sie am Tage vorher in der Nähe des kleinen Wasserfalls entworfen hatte . Ich kann es nicht ausdrücken , sagte Jenny , wie ich diese schönen , großen Bäume liebe . Sie geben mir immer ein Bild unsers Lebens , das fest in der Erde gewurzelt , doch sehnsüchtig himmelan strebt ; und in dem Spiel der sonnenbeschienenen Blätter liegt außerdem für mich ein hoher Genuß . Die schönsten Träume meiner Kindheit , die rosigsten Märchen gaukeln an mir vorüber , und alle Wunder der Feenwelt scheinen mir möglich , wenn ich das flüsternde Kosen der Blätter höre . Das ist eine ächt deutsche Empfindung , bemerkte Walter , die ich vollkommen begreife und mit Ihnen theile . Ich bin so glücklich , in meinem Park die herrlichsten Eichen zu besitzen , und weiß meinen Voreltern Dank , die mir jene Bäume gepflanzt . Auch für mich sind sie eine Quelle immer neuen Genusses , wie die ganze Natur , die uns umgibt . Sie schreitet mit uns fort , sie lebt mit uns , sie hat Antwort für unsere Fragen , und es ist für mich das Zeichen eines wahren Dichters , wenn er die Sprache versteht , welche die Natur in seinen Tagen zu den Menschen spricht . Glauben Sie denn , fragte Jenny , daß die Einwirkung der Natur auf das Gemüth des Menschen nicht zu allen Zeiten dieselbe blieb ? In so fern gewiß , antwortete der Graf , als sie immer die höchsten , heiligsten Empfindungen seiner Seele anregt . Aber je nachdem diese Gefühle sich im Laufe der Zeiten ändern , wechselt auch der Eindruck , den sie auf uns macht . Der heitre Grieche sah in den schönsten Bäumen seines Waldes liebliche Dryaden , die ihn mit Liebe umfingen . Dem deutschen Mittelalter predigten sie den Ernst , der auch in den düstern Domen gelehrt wurde , sie sprachen ihm von dem Kreuz , das aus ihrem Holze gezimmert worden ... Und uns ? fragte Jenny lebhaft . Uns weisen sie hinauf in die Region der Klarheit , uns predigen sie Freiheit und Licht mit ihren himmelan strebenden Zweigen , sagte Walter mit schöner Erhebung , und eben deshalb hoffe ich , wir werden nun endlich auch eine Menge veralteter , stereotyp gewordener Bilder los werden , von denen viele mir geradezu verkehrt erscheinen und schädlich wirken . Verkehrt ? wiederholte Jenny , wie meinen Sie das ? und welche Bilder rechnen Sie dazu ? Walter sann einen Augenblick nach , dann sagte er : Um gleich eines der gewöhnlichsten zu nennen : Das Bild des Baumes und des Schlingkrautes für die Ehe . Sie glauben nicht , wie müde ich dieser starken Eichen bin , an die sich zärtlich der Epheu anschmiegt ; der Ulmen , an denen die Rebe sich vertrauend emporrankt . Leider ist es in vielen Ehen so wie in dieser Naturerscheinung . Es gibt Bäume und Männer genug , die in angebornem Naturtrieb hoch und kühn emporstreben und sich von einer kümmerlichen Pflanze umrankt finden , die weder sie zurückzuhalten noch sich aufzuschwingen und zu gedeihen vermag in einer Höhe , für die sie nicht geschaffen ist ! Aber schlimm genug , daß es so ist , und kein Dichter dürfte dies Bild brauchen , wenn er das Ideal schildern will , das von dieser innigsten Vereinigung in uns lebt . Das Gleichniß ist falsch ! schloß er und sah verwundert auf Jenny , die , während er gesprochen , den Stift aufgenommen hatte und mit dem größten Eifer zeichnete . Nach einigen Minuten reichte sie dem Grafen , der über ihre scheinbare Zerstreutheit ein wenig verletzt und schweigend neben ihr saß , ihre Zeichnung hin und fragte : Und so , Herr Graf ! befriedigt dieses Gleichniß Sie ? Sie hatte mit kunstgeübter Hand eine vortreffliche Skizze entworfen . Zwei kräftige , üppige Bäume standen dicht nebeneinander , frisch und fröhlich emporstrebend , mit eng verschlungenen Aesten . Darunter las man die Worte : » Aus gleicher Tiefe , frei und vereint zum Aether empor ! « Walter betrachtete das kleine Bild mit Freude ; sah dann mit einem Ausdruck hoher Bewunderung in Jenny ' s glühendes Gesicht und sagte : So vermag man nur das wiederzugeben , was tief empfunden in uns selbst lebt . Schenken Sie mir dies Blatt , als Zeichen , wie unsere Gesinnung in dieser Beziehung übereinstimmt . Ich bitte , lassen Sie es mir ! Nein ! antwortete Jenny , wenn Ihnen die kleine Zeichnung gefällt , wenn sie Ihnen richtig scheint , werden Sie es natürlich finden , daß ich sie meinen schönen Vorbildern zueigne ; daß ich sie Clara gebe , welche eben mit ihrem Manne und den Kindern über die Brücke kommt . Auch mein Vater ist mit ihnen ! Lassen Sie uns ihnen entgegengehen . Es war ein gar erfreulicher Anblick , die Familie zu sehen , als sie über die Wiese dahinschritt . William nun gegen das Ende der dreißiger Jahre , war ein Bild selbstbewußter , kräftiger Männlichkeit geworden . Er und die blühend schöne Mutter führten die kleine Lucy in ihrer Mitte , die seit einigen Tagen die ersten Versuche machte , auf den eigenen Füßchen fortzukommen , und mit aller Gewalt dem Bruder nachlaufen wollte , der fröhlich jubelnd voransprang . Man konnte kein anmuthigeres Bild ehelichen Glückes finden und Walter ' s Augen suchten Jenny , die plaudernd am Arme ihres Vaters hing und nur allein mit ihm beschäftigt war . Nachdem man sich niedergelassen und eine lange Zeit mit den lieblichen Kindern vertändelt hatte , sagte William zu Walter : Ich habe gewünscht , daß wir alle beisammen wären , ehe ich Ihnen einen Plan enthülle , den ich schon seit einigen Tagen in mir ausgebildet habe . Ich wollte Ihnen vorschlagen , jetzt , wie einst in England , unser Hausgenosse zu werden , um die flüchtige Zeit unsers Beisammenseins recht zu genießen . Sie finden Raum genug bei uns und sollen durchaus nicht genirt sein . Auch für Ihre Dienerschaft , Ihre Equipage ist hinreichend Platz , und wie sehr es mich erfreuen würde , Sie wieder einmal als meinen Gast zu sehen , bedarf keiner Versicherung . Der Vater vereinte seine Bitte mit William ' s , und ohne lange zu überlegen , nahm Walter den Vorschlag unbedingt und mit sichtlichem Vergnügen an . Man machte Entwürfe , wie man sich einrichten wolle , um so viel als möglich mit einander zu sein und doch Jedem die nöthige Ruhe und Freiheit zu gönnen , ohne welche auf die Länge kein behagliches Dasein denkbar ist ; und man trennte sich erst , nachdem man übereingekommen war , Walter solle noch im Laufe des Tages sein Hotel verlassen , um sich gleich heute bei seinen Freunden einzurichten . Als er fortgegangen war , bemerkte Jenny : Mir hat die Art sehr gefallen , mit der Walter William ' s Erbieten annahm . Ein Anderer hätte vielleicht Einwendungen gemacht , das Bedenken geäußert , er könne beschwerlich sein , und zuletzt sich in Danksagungen erschöpft , wenn er die Einladung angenommen hätte . Von dem Allen that er nichts . Er dachte offenbar im ersten Augenblick nur daran , ob es ihm selbst zusagend sei ; dann , als er sich davon überzeugt hatte , sagte er , ohne weitere Umstände : Ich komme mit großer Freude , wenn Sie mich haben wollen ! und doch lag gerade in dieser Einfachheit für mich etwas besonders Angenehmes . Das ist es auch ! bestätigte der Vater . Es spricht sich darin ein festes Zutrauen zu dem Freunde und zu sich selbst aus ; die Ueberzeugung , er wisse , wie willkommen er seinen künftigen Wirthen sei , und die Versicherung , er sei ihnen gern verpflichtet . Ueberhaupt charakterisirt sich ein edles Gemüth , ein freier , durchgebildeter Sinn am meisten in der Art , mit welcher man Dienste empfängt und Gefälligkeiten annimmt . Sie auf eine schickliche Weise zu leisten , erlernt Mancher . Ach ! auch das ist nicht jedes Menschen Sache ! wandte William ein . Wie oft erdrückt man uns mit der Art , in der man sich uns dienstwillig und gefällig zeigt ! Eben weil man es nicht ist ! erwiderte der Vater . Weil man sich das für eine Tugend , für eine Pflichterfüllung , oder gar für ein Opfer auslegt , was dem wohlwollenden Sinne ganz einfach und natürlich erscheint . Wer bereit ist , Andern zu dienen und gefällig zu sein , wer empfunden hat , wie viel Freude darin liegt , der gönnt diesen Genuß auch den Uebrigen und nimmt Hülfsleistungen und Gefälligkeiten so gern und unbefangen an , als er sie erzeigt . Er weiß , daß Geben seliger sei als Nehmen , und daß die Befriedigung des Gewährenden gewiß ebenso groß ist , als die des Empfangens . Darum habe ich Vertrauen zu Personen , die mit guter Art anzunehmen verstehen , ohne den innerlichen Vorbehalt , durch einen Gegendienst bald möglichst quitt zu werden oder zu vergelten . Dies Vertrauen hat mich fast niemals betrogen und findet in Walter auf ' s Neue seine Bewährung . Damit aber auch er sich nicht getäuscht finde , lassen Sie uns selber danach sehen , daß Alles für ihn bereit sei , wenn er kommt . So sehr Jenny und Clara sich ihres Wiedersehens erfreuten , so lieb sie einander waren , so konnte es Beiden doch nicht verborgen bleiben , daß es ihnen eigentlich an jenen gemeinsamen Berührungspunkten fehle , welche die Basis der Freundschaft machen . Sie hatten im Ganzen nur wenig Monate zusammen verlebt , eine Reihe von Jahren war seitdem verflossen , und trotz eines fleißigen Briefwechsels waren sie einander in ihrer gegenwärtigen Entwicklung fremd , und wußten sich nicht recht ineinander zu finden . Wie Clara ' s ganze Erscheinung Glück und Zufriedenheit ausdrückte , wie jeder Zug die Wonne aussprach , welche sie als Gattin und Mutter empfand , so zeigte sich auch in ihrer geistigen Richtung eine gewisse Ruhe , ein abgeschlossenes Begnügen . Sie hatte die höchsten Schätze des Lebens erreicht und , obgleich sie für die Außenwelt nicht abgestorben war , interessirte sie dieselbe doch eigentlich nur in so weit , als sie William berührte und mit seinen Wünschen und Ansichten zusammenhing ; denn sie lebte eigentlich nur in ihrem Manne und in ihren Kindern . Jenny hingegen wollte , durch Eduard daran gewöhnt , Theil nehmen an allem Großen und Wichtigen . Mit weiblicher Schwärmerei hing sie an den Planen und Hoffnungen Eduard ' s , nicht um seinetwillen allein , sondern weil sie auch die ihren geworden waren . Geistige und künstlerische Beschäftigungen füllten die größte Zeit ihres Tages aus , und mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit strebte sie nach neuen Kenntnissen , nach höherer , vielseitiger Ausbildung der Anlagen , die sie ungenützt in sich fühlte . Mit schmerzlichem Lächeln sah Clara auf diese Richtung ihrer Freundin hin . Sie glaubte in sich die Erfahrung gemacht zu haben , daß bei Frauen die lebhafte Theilnahme an den Erscheinungen der Außenwelt ein Zeichen innerer Unbefriedigung sei , ein Ersatz , mit dem sie sich für ein Glück entschädigen , das ihnen nicht geworden ist . Jenny hingegen erschien Clara ' s Wesen als eine Entsagung , die sie bewunderte , ohne zu glauben , daß sie selbst im Stande wäre , sich zu solcher freiwilligen Selbstbeschränkung zu entschließen . Bei so verschiedenen Ansichten ward eine gegenseitige Schonung derselben zur Pflicht , und da die ersten Versuche sich zu verständigen , ohne Erfolg geblieben waren , vermied man es darauf zurückzukommen , und Jenny war nahe daran , ihr Beisammensein mit Clara etwas einförmig zu finden , als durch Walter ' s tägliche Anwesenheit eine erwünschte Abwechselung in ihr Leben kam . Er war schon nach wenig Tagen ihr steter Begleiter bei den Spaziergängen , zu denen die Umgegend Baden ' s so unwiderstehlich lockt . Vor ihm durfte sie sich sorglos in ihrer eigenthümlichen Denkweise gehen lassen , und Walter , der dadurch Jenny ' s hohen Werth täglich mehr erkennen und schätzen lernte , äußerte nach einiger Zeit gegen William und Clara , wie anziehend und bedeutend Jenny ihm erscheine . Und nicht auch schön ? fragte Clara . Sehr schön ! antwortete der Graf , und um so fesselnder , als man ihren Augen anzusehen glaubt , daß sie schon geweint , ihrem Munde , daß er schon vor Schmerz gezuckt hat . Solch feucht verklärten Augen gegenüber fühlt man den Beruf zu trösten , zu vergüten , und so heiter Jenny auch erscheint , ist mir doch immer , als hätte die Zukunft bei ihr noch Vieles gut zu machen , als müsse sie durch Glück für früheres Leid entschädigt und belohnt werden . Das klingt sehr warm , lieber Graf ! sagte William scherzend , und fast , als ob Sie nicht abgeneigt wären , die Entschädigung zu übernehmen . Hüten Sie sich vor den feucht verklärten Augen . Sie thun mir Unrecht , entgegnete Walter , wenn Sie meinen Worten irgend einen andern Sinn unterlegen . Daß ich unsere Freundin so lebhaft schätze , ohne sie zu lieben , das gerade macht mir ihren Umgang werth und erhöht den Reiz , den ihr scharf ausgeprägter Charakter , ihr selbständiges Wesen für mich haben . In dem Augenblick kam der kleine Richard herbei und rief : O kommt doch die Tante sehen , kommt doch Alle an das Fenster ! Man folgte ihm , wohin er zeigte , und erblickte Jenny , die eine junge blasse Frau der niedern Stände unterstützte , während sie das Kind derselben auf dem Arme trug . Walter flog die Treppe hinab , um ihr beizustehen ; denn es war Mittag , die Sonne brannte heiß und Jenny schien erschöpft von der ungewohnten Anstrengung . Führen Sie die Frau in ' s Haus , sagte Jenny , als Walter dazu kam , aber behutsam . Das Kind behalte ich . Der Graf erfüllte ihren Wunsch , und nachdem man für die arme Kranke gesorgt hatte , erzählte Jenny , wie sie dieselbe ohnmächtig am Wege gefunden , sie durch ihre Bemühungen in ' s Leben gerufen und mit unsäglicher Anstrengung bis hieher gebracht habe , da jetzt in der Mittagsstunde Niemand die Straße gekommen sei , den sie um Hülfe hätte bitten können . Nicht Ein Mensch war zu sehen , sagte sie . Ich blickte nach allen Seiten , ich rief so laut ich konnte und der unerträglichste Stutzer wäre mir ein hülfreicher Götterbote gewesen , wenn er in dem Augenblicke erschienen wäre . Es ist besser so ! meinte Clara . Du hast die arme Frau glücklich hieher gebracht und bist allen Bemerkungen entgangen , die man darüber leicht gemacht hätte . Zu diesen bot wohl eine so einfache Handlung keinen Anlaß , sagte Jenny unbefangen . Ich konnte doch unmöglich die Frau allein und hülflos liegen lassen , bis ich von hier oder aus der Stadt Beistand geholt hatte . Zudem hätte ich das schreiende Kind doch mit mir nehmen müssen und endlich weißt Du , liebes Clärchen , daß mir die Urtheile der Menge sehr gleichgültig sind , wenn ich Das , was ich thue , vor mir und meinem Vater verantworten kann . In Jenny ' s Worten , in ihrem ganzen Wesen lag in diesem Moment so viel Natürlichkeit und doch ein so edler Stolz , daß Walter sie mit Entzücken betrachtete , obgleich auch ihm der Gedanke unangenehm gewesen , man hätte Jenny bei jenem Samariterdienste beobachten und sie falsch beurtheilen können . Aber er selber machte sich diese Scheu zum Vorwurf . Wie wir doch nach allen Seiten hin auf Widersprüche in den Sitten unserer sogenannten civilisirten Welt stoßen ! sagte er zu dem Vater , der indeß dazu gekommen war . Wäre eine der Dienerinnen des Hauses der Unglücklichen begegnet , und hätte sich ihrer angenommen , so würden wir das schön und lobenswerth gefunden haben ; und nun tadeln wir die Gütige , daß sie nicht unbarmherziger zu sein vermochte , als ihrer Dienerinnen Eine , obgleich der Dienst , den sie leistete , größer war , denn er mußte ihr beschwerlicher scheinen . Sie billigen also die Handlung meiner Tochter unbedingt ? fragte der Vater . Walter stockte einen Augenblick und meinte dann : Wenigstens hätte ich selbst nicht anders zu handeln vermocht . Aber Sie würden wünschen , sagte der alte Herr , daß Jenny auf keine zweite Probe der Art gestellt würde , denn wir wollen einmal kein Mädchen von der gewohnten Sitte ihres Standes abweichen sehen . Dennoch ehre ich ein Gefühl , das in solchen Augenblicken rücksichtslos zu handeln vermag , ohne an das , was man davon sagen wird , zu denken ; und ich bin vielleicht selbst Schuld daran , wenn Jenny das Urtheil der Leute nicht eben sehr hoch anschlägt . In meinen Verhältnissen war es mir Pflicht , meine Kinder bis zu einem gewissen Grade gleichgültig gegen die öffentliche Meinung zu machen , die wir ein für allemal gegen uns hatten und deren Einfluß auf uns und auf Jeden doch viel größer ist , als wir es glauben wollen . Clara , die gleich Anfangs ihre Aeußerung bereut hatte und es nun doppelt that , da sie Herrn Meier zu einer Erklärung bewogen , welche er ebenso gern vermied , als Eduard sie suchte , Clara sagte : Versteht mich nur nicht falsch ! Ich tadle Jenny nicht . Nur vor der Verderbtheit Derjenigen war mir bange , welche ihr irgend eine unlautere Absicht , ein Schaustellen dabei zur Last legen konnten . Wir Frauen sind so sehr gewöhnt , uns nur innerhalb unseres schützenden Hauses zu denken , daß wir erschrecken , wenn wir uns außerhalb desselben handelnd erblicken . Entschuldige Dich nicht und mich nicht , Clärchen ! sagte Jenny , die bis dahin schweigend einer Unterhaltung zugehört hatte , bei der sie so nahe betheiligt war . Du kennst meinen alten Wahlspruch : » Thue was Du sollst , komme was mag . « Kann ich dafür , wenn ich den Muth dazu von früher Jugend an fühlte ? Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell , um nach ihrem Schützling zu sehen , und ließ Walter in großer Bewegung zurück . Es war das erste Mal , daß er mit einer jüdischen Familie in nähere Berührung kam und Jenny ' s Geist und Schönheit , des Vaters maaßvolle Würde zogen ihn um so mehr an , als sie etwas ihm Fremdes und Eigenthümliches besaßen . Er hatte von jeher gewußt , daß Jenny eine Jüdin sei ; aber so fern hatte er diesen Verhältnissen gestanden , daß er fast nie daran gedacht , es könne ein edles Unglück darin liegen , Jude zu sein . Jetzt aus des Vaters schlichter Aeußerung tönte ihm , dem Glücklichen , der Schmerzensschrei eines ganzen Volkes entgegen und sein Mitleid mit demselben knüpfte , ihm unbewußt , ein neues Band , das ihn an Jenny fesselte . Er wenigstens wollte durch sein Verhältniß zu Jenny und ihrem Vater zeigen , daß er frei von den Vorurtheilen sei , durch die , wie er allmälig von Jenny erfuhr , auch sie und die Ihrigen so empfindlich gelitten hatten . Er machte sich es zu einer Ehre , überall ihr Begleiter zu sein , und erklärte frei und offen , wie er ihre und ihres Vaters Gesellschaft dem Umgang mit vielen seiner Standesgenossen vorziehe . Dabei ging Walter ' s Selbsttäuschung so weit , daß er jenes Gefühl , welches ihn zu handeln antrieb , nur für eine Gerechtigkeit , für eine Genugthuung des freien Glücklichen gegen den Unterdrückten hielt . Er glaubte nur seiner politischen Ueberzeugung , seiner Achtung vor den Menschenrechten zu folgen , die ritterliche Pflicht eines Edelmannes zu erfüllen , indem er durch sein Beispiel gegen ungerechte Vorurtheile kämpfte . Einem Onkel , der durch Bekannte von Walter ' s Verhältniß zur Meierschen Familie unterrichtet war und mit einiger Unruhe desselben gegen ihn erwähnte , schrieb er in dieser Zeit : » Sie haben mich gewöhnt , mein theurer Onkel ! die Besorgnisse und Vorwürfe zu verstehen , die Ihre schonende Liebe für mich zwischen die Linien schreibt , um mir jede unangenehme Empfindung zu ersparen . So lese ich hinter dem wohlwollenden Rath , in die Heimath zurückzukehren und nicht wieder so gar lange von meinen Besitzungen fern zu bleiben , die Besorgniß , ich könnte nicht allein in diese Heimath einziehen , sondern eine Gattin mit mir bringen , die Ihnen , dem ehemaligen Vormund , dem väterlichen Freunde , nicht willkommen wäre , so gern Sie mich übrigens verheirathet und unser altes Geschlecht fortgepflanzt wüßten . Fürchten Sie nichts ! Meine Freundschaft für den Kaufmann Meier und für seine Tochter ist allerdings eine lebhafte und , wie ich denke , dauernde ; indeß ist mir der Gedanke , dieses treffliche Mädchen zu heirathen , vollkommen fremd . Sie wissen , und ich glaube das fürchten Sie gerade , daß kein Vorurtheil mich abhalten könnte , ein bürgerliches Mädchen , das ich liebte , zur Gräfin Walter zu machen : doch ich liebe Jenny Meier nicht , so sehr ich mich ihrer Freundschaft , ihres Umganges erfreue . Es ist wahr , sie ist schön und liebenswürdig in hohem Grade , aber eine gewisse Jugendlichkeit , das weiblich Weiche fehlt ihr , das man an Mädchen ungern vermißt . Sie weiß mit Sicherheit , daß sie gefällt , es ist ihr lieb , ohne daß sie Anspruch darauf macht ; und sie würde , wie mich dünkt , nicht das Geringste dazu thun , die Meinung oder Gunst eines Mannes zu erwerben . Gefällt sie , ist ' s ihr recht , wenn nicht , so gilt ' s ihr gleich . Gestehen Sie , das ist eigentlich nicht die Art , welche wir an einem Mädchen lieben . Es liegt etwas Männliches darin , das interessant ist , das den Umgang sehr erleichtert , unser Vertrauen , unsere Freundschaft erweckt , aber Liebe erzeugt es nicht . Ich traf mit dieser Familie ganz zufällig durch die Vermittlung eines gemeinsamen Freundes zusammen und nahm mit Dank das Erbieten desselben an , seine und ihre Wohnung zu theilen . Dies veranlaßte vermuthlich jenes Gerücht meiner Verlobung mit einer Jüdin , das Sie erschreckt hat . Für diesmal , das sehen Sie , sind Sie der Sorge ledig , mich eine Heirath schließen zu sehen , die so stark gegen Ihre aristokratischen Ansichten verstoßen würde . Was die Zukunft bringt , dafür kann ich nicht einstehen . Doch ohne Scherz ! Sie wissen , wie ich darüber urtheile , und habe ich je den Beruf gefühlt , mit allen Waffen kämpfend gegen Vorurtheile aufzutreten , so war es nach manchen Mittheilungen , die mir Fräulein Meier über ihre Jugend und die Verhältnisse ihres Bruders machte , der auch Ihnen dem Namen nach bekannt sein muß . Jene Vorurtheile , das sind die Drachen unserer Tage , die zu vertilgen , Ritterpflicht wäre ; und so viel an mir ist , will ich beweisen , daß ich noch ein Ritter bin , wie jener St. Georg , der den Lindwurm tödtete . Es würde Sie selbst ergreifen , wenn Sie Jenny mit Stolz von dem Unglück sprechen hörten , das sie mit Tausenden theilt und für Alle empfindet ; denn obgleich sie lange zum Christenthum übergetreten , ist sie von Grund der Seele Jüdin geblieben . Sie gesteht das frei und es macht sie mir um so interessanter , wie denn ihr ganzes Wesen mir eine neue Erscheinung , ein Räthsel ist , das mich anmuthig beschäftigt . In ihr vereinen sich der Geist und der Muth eines Mannes mit einem Frauenherzen , und es überrascht mich oft , daß doch zuletzt , trotz aller männlichen Klarheit , irgend eine liebenswürdige weibliche Schwäche oder ein lebhaftes Gefühl den Sieg über all ihren Verstand erringen . Sie sehen aus der Weise , in der ich ruhig ihren Charakter zu zergliedern vermag , daß mein Herz ganz frei ist . Selbst der geübteste Anatom vermöchte das nicht , wenn das Klopfen des Herzens ihm die Hand unsicher macht , wie viel weniger ich . Also unbesorgt , mein väterlicher Freund ! Finden Sie mir in unsern Kreisen eine liebenswürdige Gattin und ich will mich nicht länger sträuben , mir Ketten anlegen zu lassen , die sehr beglückend sein können , wie ich hier an meinem Freunde und seiner schönen Frau bemerke . « Tage und Wochen schwanden auf die anmuthigste Weise dahin . Walter überließ sich immer mehr dem steigenden Interesse , das ihn an Jenny fesselte und ihm ihren Umgang zu einem Bedürfniß machte , auf das er nicht mehr wohl verzichten konnte , und auch ihr war Walter bereits seit lange ein werther Freund geworden . Da entzog die Ankunft einer Freundin , der Geheimräthin von Meining , Jenny auf einige Tage der Gesellschaft ihrer Hausgenossen . Frau von Meining , nur wenige Jahre älter als Jenny ,